Akbar als kaiserlicher Heiler (Weihnachtsspecial 2019)

Die Hände des Königs sind Hände eines Heilers, und so soll der rechtmäßige König erkannt werden.

J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. III. Die Rückkehr des Königs. 10. Aufl. Stuttgart 1983, S. 153.

Wirklich, ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, eines Tages in der #Persophonie ein Zitat aus meinem Lieblingsbuch Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien anbringen zu können. Doch natürlich hat sich Tolkien diese Beschreibung für Aragorn, den späteren König von Gondor, nicht nur ausgedacht.

In Europa – vor allem in England und Frankreich – gibt es eine lange Tradition von heilenden Königen. Man sagte, dass Könige allein durch das Handauflegen Krankheiten wie Epilepsie, Unfruchtbarkeit oder “Skrofulose” (Hauttuberkulose) heilen könnten.

Dahinter steckte der Glaube, dass die Könige eine besondere Verbindung zu Gott hatte. Zudem sahen sich Könige in der Nachfolge von Jesus Christus. “Christus” ist Griechisch und bedeutet “der Gesalbte” – und die Könige des Mittelalters wurden in ihrer Krönungszeremonie ebenfalls gesalbt.

Wie wir sehen, lassen sich diese Erkenntnisse auch auf andere Kulturkreise übertragen, in diesem Fall auf den muslimischen Mogulherrscher Akbar (st. 1605).

Akbar, Medizin und Heilung

Akbar interessierte sich Zeit seines Lebens für Fragen der Medizin. Dieses zeigt sich darin, dass er viele hakîms, ausgebildete Ärzte der graeco-islamischen Medizin, in seine Verwaltungselite berief. Sowohl sein Vertrauter und Biograph Abû l-Fazl (st. 1602) als auch sein Hofdichter Faizî (st. 1595) waren in der graeco-islamischen Medizin ausgebildet. Dazu kamen zahlreiche hakîms, die aus Persien an Akbars Hof gekommen waren. Durch die Förderung am Hof wurde die graeco-islamische Medizin (Unani Medizin) zur vorherrschenden Medizin im Mogulreich.

Von Akbar wissen wir, dass er sich selbst von hakîms behandeln ließ und die Heilmittel der Unani Medizin anwendete. Doch darüber hinaus haben wir viele Berichte darüber, dass Akbar sich selbst als Heiler sah. Im dritten Teil seiner persischen Biographie, dem ‘Ain-i Akbarî vom oben genannten Abû -Fazl finden sich einige Beispiele dieser Glaubensheilungen. Sein Biograph Abû l-Fazl schrieb, dass Akbar sich sowohl mit Heilmitteln als auch mit spirituellen Heilungen auskannte.

Aber es ist unmöglich, einen vollständigen Bericht über die Art zu geben, mit der Seine Majästät Weisheit vermittelt, gefährliche Krankheiten heilt und Heilmittel bei den schwersten Leiden anwendet.

Abul Fazl: ‘Ain i Akbari. Vol. 1, S.166

Akbars Wunderheilungen

In meinem Beitrag über Akbars Amme Jîjî Anga hatte ich schon berichtet, dass Akbar schon als Baby und als kleiner Junge Wundertaten vollbracht haben soll. In den Berichten darüber wird deutlich, dass Akbar sich selbst mit Moses (Mûsâ) und Jesus (Îsâ b. Maryâm) verglich, die beide auch im Islam wichtige Propheten sind.

Akbar fühlte sich Zeit seines Lebens von Gott besonders erleuchtet – das ist auch im wörtlichen Sinne zu sehen. Auf dem Beitragsbild ist er auch mit einem Heiligenschein zu sehen, was auf den ersten Blick ja im islamischen Kontext ja ungewöhnlich zu sein scheint. Auch darüber hatte ich hier ja schon einmal etwas geschrieben.

Doch Akbars religiöse Lehren, die er in der “Göttlichen Religion” (Dîn-e Illâhî) zusammenfasste, stießen nicht nur auf Unterstützung. Einige islamische Gelehrte warfen ihm vor, die Einheit Gottes / Allâhs zu verletzen.

Die portugiesischen Jesuiten, die an Akbars Hof versuchten, wichtige Würdenträger zu konvertieren, störten sich scheinar ebenfalls daran, dass Akbar versuchte, sich wie ein Prophet und Heiler zu inszenieren. Sie schilderten, dass Akbar sich jeden Morgen wie ein Prophet und Heiler geradezu verehren ließ und spirituelle Heilungen vollog:

Er (i.e. Akbar) zeigte sich jeden Morgen an einem Fenster, vor dem unzählige Menschen erschienen und sich niederwarfen. Frauen brachten ihre kranken Kinder, um sie von ihm segnen zu lassen, wenn sie wieder gesund waren, brachten sie ihm Geschenke.

Hugh Murray: Historical Accounts, Vol. 2, S. 96

Akbar soll vielen Kranken alleine durch seine Segnungen Hoffnung gegeben und Krankheiten geheit haben:

Viele Menschen mit enttäuschten Hoffnungen, deren Krankheiten von ausgebildeten Ärzten als unbehandelbar erklärt wurden, wurden durch diese göttliche Art und Weise geheilt.

Abul Fazl: ‘Ain i Akbari, Vol. 1, S. 166.

Akbars Biograph gab uns noch ein schönes Beispiel für eine spirituelle Heilung Akbars::

Eine bemerkenswerte Geschichte war die folgende: Ein einfältiger Einsiedler schnitt sich selbst die Zunge ab und warf sie über die Schwelle des Palastes. Dabei dachte er: ‘Wenn der selige Gedanke, den ich gerade habe, von Gott in mein Herz gepflanzt wurde, wird meine Zunge wieder heilen, da die Aufrichtigkeit meines Glaubens zu einem guten Ende führen wird.’ Der Tag war noch nicht zu Ende, bevor sein Wunsch erfüllt war.

Abul Fazl: ‘Ain i Akbari, Vol 1., S. 165

Ob es Beweise gibt, dass diese Heilungen wirklich erfolgt sind? Konnte Akbar sowohl Krankheiten mit Heilmitteln oder auf spirituelle Weise heilen?

Nicht nur in der Weihnachtszeit glauben sowohl Christen als auch Muslime an die Fähigkeiten von spiritueller Heilern, Propheten und von Heiligen. Dieser Glauben findet sich – wie im Falle von Der Herr der Ringe – auch in der Literatur wieder.

In diesem Sinne wünsche ich allen von uns, die Weihnachten feiern, ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Das Beitragsbild zeigt ein Portrait Akbars, gemalt vom berühmten Maler Govardhan (lebte im 17. Jahrhundert) – Metropolitan Museum of Art [Public domain]

Weiterführende Literatur:

Abul Fazl Allami: ‘Ain i Akbari / transl. E. Blochmann. 2 Vols. Calcutta, 1878.

Murray, Hugh: Historical Account of Discoveries and Travels in Asia. Vol. II.. Edinburgh, 1820.

Stumpfe, Klaus-Dietrich: Glaubensheilungen in Geschichte und Gegenwart. Köln, 2007.

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“Ein Fluss von Milch zwischen uns”: Akbar und sein Milchbruder Mirzâ Azîz Koka

Susanne und ich haben ja auf diesem Blog schon häufig über die Rolle von Akbars Ammen und die seiner Milchbrüder gebloggt. In der islamischen Theologie ist die Milchbruderschaft fast der Blutsverwandtschaft gleichgestellt. So heißt es in Sure 4, Vers 23, dass es Männern verboten ist, ihre Ammen oder Milchschwestern zu heiraten.

Frauen ist es gestattet, ihre traditionelle islamische Verschleierung (hidschâb) vor ihren Milchbrüdern weg zu lassen, denn diese sind ihren Brüdern und anderen Männern die sie nicht heiraten kann, gleich gestellt.

Akbar und seine Milchbrüder

Der Mogulherrscher Akbar wurde 1542 in unruhigen politischen Zeiten geboren. Während seine Mutter Hamîda Begum und Humâyûn im persischen Exil lebten, wurde Akbar von den Beratern seines Vaters und seinen Ammen versorgt. Mahâm Anga und Jîjî Anga waren Akbars bedeutendste Ammen, die über mehr (Mahân Anga) oder weniger (Jîjî Anga) öffentlichen Einfluss verfügten. Dschahângîr schrieb später in seinen Memoiren, dass zwischen Kind und Amme durch das Stillen eine besondere Vertrautheit herrschte, diei sich auch auf die Milchbrüder übertrug. Akbar verlieh seinen Milchbrüdern auch Macht und Einfluss an seinem Hof. Sie genossen durch die Milchbruderschaft einen Vertrauensvorschuss des Herrschers.

Mahâm Anga schaffte es, ihren Sohn Adham Khân (st. 1562) als Berater und Feldherren am Hof zu platzieren, wo er bald zum engsten Führungskreis der Verwaltung gehörte. Auch Jîjî Angas Sohn Mirzâ ‘Azîz Koka war seit frühester Jugend als Berater in der Verwaltung des Mogulhofes tätig.

Zudem war er als Soldat bzw. Feldherr aktiv, er selbst beschrieb sich auch häufig als Soldat.

Der Tod von Atga Khân, Mirzâ ‘Azîzs Vater

1562 passierte etwas Einschneidendes im Leben unserer drei Protagonisten: Adham Khân ermordete Mirzâ ‘Azîzs Vater Atga Khân. Dafür tötete Akbar Adham Khân, indem er ihn von einer Veranda des Roten Forts in Agra warf. Da Adham Khân den ersten Sturz überlebte, warf Akbar ihn erneut herunter. Susanne hat das hier ja eindrücklich beschrieben.

Mirzâ ‘Azîz ließ für seinen Vater Atga Khân ein Grabmal in Delhi in der Nähe von Nizâm ud-Dîn Auliyâs Grabanlage errichten. Diese Anlage ist als Chausath Khamba bekannt (64 Säulen). Dort wurde Mirzâ ‘Azîz auch selbst bestattet.

Doch zurück zur Ermordung Atga Khâns. Der Verrat von Adham Khân traf Akbar scheinbar schwer. Dennoch vertraute er seinem Milchbruder ‘Azîz Koka weiterhin und betraute Mirzâ ‘Azîz Koka weiterhin mit Verwaltungsaufgaben. Schließlich verlieh er ihm den Ehrentitel Khân ‘Azam – “der große Khân”.

1573 wurde Mirzâ ‘Azîz Koka Gouverneur Akbars in Gujarat, anschließend führte er immer wieder mehr oder weniger erfogreiche Militäraktionen durch.

Konflikte und die Pilgerfahrt Mirzâ ‘Azîz Kokas

Doch auch zwischen Mirzâ Azîz und Akbar gab es mehr oder weniger offene Konflikte. Ein Punkt war die von Akbar begründete Lehre des Dîn-e Illâhî (“die göttliche Religion”), die Elemente von Islam, Hinduismus und Christentum enthielt. Akbar, so lautete der Vorwurf von ‘Azîz Koka, ließ sich wie ein Gott verehren. Susanne hat HIER ja einiges zur Dîn-e Illâhî geschrieben, was noch einmal nachgelesen werden kann.

Als der Konflikt zwischen Mirzâ ‘Azîz und Akbar weiter zu eskalieren drohte, brach Mirzâ ‘Azîz nach Mekka zur Pilgerfahrt (hajj) auf. Dort spendete er sehr große Summen für den Erhalt islamischer Heiligtümer.

1592 kehrte Mirzâ ‘Azîz Koka an Akbars Hof zurück. Der Herrscher erklärte alle vorhergehenden Konflikte für beendet und gab Mirzâ ‘Azîz seine Positionen zurück.

Akbar sagte einmal den Satz über Mirzâ ‘Azîz den Satz, der auch dem Blogbeitrag den Titel gab: “

Es fließt ein Fluss von Milch zwischen uns, der nicht überquert werden kann”.

Familienbande

Mirzâ ‘Azîz Koka war jedoch nicht nur als Berater und Militärführer erfolgreich – er schaffte es auch, seinen hohen Rang für seine Familie einzusetzen. Seine Tochter Habîba Bâno Begum heiratete Akbars Sohn Prinz Murâd. Das Paar hatte zwei Söhne.

Eine andere namentlich nicht genannte Tochter Mirzâ ‘Azîzs heiratete Dschahângîrs ältesten Sohn Khusraû.

Somit schaffte Mirzâ ‘Azîz zu Akbars Lebzeiten – zumindest theoretisch – die Basis für einen weiteren Aufstieg seiner Familie durch enge Verbindungen zum Herrscherhaus.

Mirzâ ‘Azîz Karriere unter Dschahângîr

Unter Dschahangîrs Herrschaft kam es jedoch zum Zerwürfnis zwischen Mirzâ ‘Azîz und dem Hof. Mirzâ ‘Azîz verlor die meisten seiner Positionen sowie den Großteil seines Vermögens. Grund dafür war sein Schwiegersohn Khusraû – dieser hatte 1606 gegen seinen Vater Dschahângîr rebelliert, weil er selbst Akbars Nachfolge antreten wollte.

Auch im Streit zwischen Khusraû und seinen Brüdern stellte sich Mirzâ ‘Azîz ebenfalls auf die Seite seines Schwiegersohnes – was Dschahângîr verständlicherweise nicht für positiv befand.

Den Verrat und die Illoyalität mir gegenüber einmal beiseite. Doch was ist mit meinem Vater, der Dich und Deine Familie aus dem Staub der Straße gezogen und bezüglich Wohlstand und Rang so weit nach oben gebracht hat, dass Deinesgleichen Dich darum beneiden? Warum hast Du derartige Dinge geschrieben, die Dich in den Kreis der Undankbaren und Elenden stellen? Was kan bei einer solchen Bestimmung und angeborenen Neigung noch getan werden? Dein Charakter (eigentlich: dein Ton, C.P.) wurde mit dem Charakter der Iloyalität gemischt – was ist da noch zu erwarten?

Mirzâ ‘Azîz soll sich nicht zu den Vorwürfen geäußert haben – Dschahângîr entzog ihm aber dennoch seine Landgüter.

Über Mirzâ ‘Azîs weiteres Schicksal haben wir keine Informationen – er soll etwa 1624 im Alter von 81 oder 82 Jahren verstorben sein. Das Schicksal seines Schwiegersohnes Khusra’û Mirzâ verlief weitaus tragischer – doch darüber werden wir in einem anderen Blogpost berichten.

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Buchtipp: Abenteuer Seidenstraße

In der Adventszeit ist es ja vielleicht einmal angezeigt, dass wir von der #Persophonie einmal einen Buchtipp abgeben. Man könnte auch sagen: einen Geschenktipp für all diejenigen, die kulturgeschichtlich oder an der #Persophonie interessiert sind..

Das Werk “Abenteuer Seidenstraße” von Alfred de Montesquiou verdient die Bezeichnung Buchtipp WIRKLICH. Im Sommer 2019 habe ich in der Stadtbücherei meiner Heimatstadt gearbeitet, und eine Leserin meinte völlig begeistert nach der Lektüre zu mir: “Das ist das beste Buch, das Sie derzeit hier in der Bücherei haben!”.

Auch mich hat das Buch auch wirklich begeistert, so dass ich es gerne hier empfehle.

Dezeit wird zumeist das von China initiierte Megaprojekt “Neue Seidenstraße” diskutiert, das Handelsnetzwerke zwischen Asien, Afrika und Europa aufbaut. Der französische Journalist Alfred de Montesquiou (geb. 1978) hat sich aber der ursprünglichen, “alten” Seidenstraße gewidmet und drehte eine 15-teilige TV-Serie, die in Deutschland auf dem Sender ARTE ausgestrahlt wurde. Nun liegt seit Februar 2019 das entsprechende Buch vor. De Montesquiou hat den Orient bereits für einige Reportagen bereist – so zum Beispiel für Reportagen über den Arabischen Frühling und vor allem über den Sturz Muammar al-Gaddafis in Libyen.

Doch zurück zur Seidenstraße. Man merkt Montesquiou seine Begeisterung für kulturgeschichtliche Themen an. Bereits im ersten Teil über Venedig gibt Montesquiou Einblicke in die Handwerkskünste der Herstellung von Mosaiken und von Damast. Beide Künste entstanden, wie Montesquiou zeigt, im ständigen Dialog mit dem Orient.

Von besonderem Interesse für die Leser der #Persophonie sind natürlich die Teile über Iran, in denen Montesquiou die kulturelle und religiöse Vielfalt des Landes vorstellt. Die Fida’i, also die Assassinen des Mittelalters, interessieren europäische Leser sehr – auch Susanne hat ja hier über das Thema schon gebloggt.

Vielen westlichen ist auch die große Anzahl christlicher Kirchen in Iran nicht bekannt. Montesquiou beleuchtet die Situation der armenischen Christen in Iran und (für die TV Dokumentation) Interviews mit Armeniern in Täbris.

Apropos Täbris: man merkt Montesquiou seine Faszination besonders bei der Darstellung des Bazars von Täbris an, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Auch heute wird dort klar, dass ein Bazar nicht nur ein Handelszentrum war, sondern auch im sozialen Leben einer städtischen Gemeinschaft eine große Rolle spielt. Und letztendlich sprechen auch die auf dem Bazar angebotenen Waren vom Austausch zwischen Ost und West.

De Montesquiou stellt im übrigen gleich zu Anfang seines Buches klar, dass sich die Seidenstraße “weder zeitlich noch geographisch genau verorten lässt” (S. 9). Auch der Name “Seidenstraße” sei beliebig, da auf der Handelsroute auch Gewürze und viele andere Güter gehandelt wurden.

Der Name Seidenstraße, der wohl auf viele von uns eine geradezu magische Wirkung ausübt, stammt im übrigen vom deutschen Geographen und Forschungsreisenden Friedrich von Richthofen (st. 1905), auf dessen Aufzeichnungen wichtige Informationen über China basieren.

Doch natürlich wird in Montesquious Buch auch der Mann zu Wort, auf dessen Spuren er wandelt: Marco Polo. Das Buch enthält zahreiche Zitate aus Marco Polos Reiseberichten.

Diese Zitate, Montesquious Anekdoten, das Karten- und Bildmaterial machen dieses Buch zu einem Leseerlebnis.

De Montesquiou, Alfred: Abenteuer Seidenstraße: 12.000 Kilometer von Venedig bis Xi’an. Eine Reise auf den Spuren von Marco Polo in den Orient, nach Zentralasien, den Iran, Usbekistan und China. München: Knesebeck, 2019. – Das Beitragsbild zeigt das Titelbild des Buches.

Das Bild im Beitrag zeigt den historischen Bazar von Täbris.

Nachweis: Navid Sadighi [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Dschahânâras Unfall und Heilung: der “öffentliche” Fallbericht von Akbars Urnkelin

In meinem letzten Beitrag habe ich beschrieben, wie die Urenkelin des Mogulherrschers Akbar (st. 1605) Dschahânâra Begum (st. 1681) nach dem Tod ihrer Mutter zur “First Lady” an der Seite ihres Vaters Schâh Dschahân wurde. Auch die Errichtung des Taj Mahal, das Schâh Dschahân für Mumtâz Mahal errichten ließ, wurde von ihr beeinflusst. Im Streit um die Thronfolge, der schon zu Schâh Dschahâns Lebzeiten ausbrach, versuchte Dschahânâra zu vermitteln und hatte auch darüber hinaus großen politischen und künstlerischen Einfluss.

Der Unfall Dschahânâras

Kurz nach Dschahânâras 30. Geburtstag, am 11. April 1644, wurde am Hof das Persische Neujahrsfest Nourûz gefeiert. Der ganze Palast war zu diesen Anlass festlich geschmückt und erleuchtet. Durch unglückliche Umstände fingen die Gewänder von Dschahânâra Feuer. Rasch breitete sich der Brand aus, beim Versuch, Dschahânâra zu helfen, wurden zwei Dienerinnen getötet.

Die Begum selbst trug schwere Brandverletzungen an ihrem Rücken, ihren Händen, aber auch an ihrer vorderen Körperseite davon. Große Teile ihrer Haut waren völlig verbrannt, es war zunächst unklar, ob Dschahânâra überhaupt überleben würde.

Die Suche nach Heilung Dschahânâras

Sofort nach dem Unfall begannen die hakîms, die Praktizierenden der Unani Medicine, (tibb-i yûnânî) mit der Behandlung Dschahânâras. Die Therapien nahmen insgesamt 20 Monate in Anspruch, und zwischendurch gab es – wie zu sehen sein wird – auch einige Rückschläge.

Schâh Dschahân war untröstlich, dass seine Tochter derartig leiden musste. Umgehend nach dem Unfall ließ er in seinem ganzen Reich nach Heilmitteln für schwere Verbrennungen suchen. Dabei zog er nicht nur Experten der Unani Medicine zu Rate, sondern auch Praktizierende des Ayurveda.

Normalerweise erfolgte eine Behandlung von Frauen durch hakîms unter Beachtung der Regeln der “Abschirmung” (Urdu: pardah/purda): Die Patientin befindet sich hinter einem Vorhang, zur Diagnose kann der hakîm die Hand der Patientin halten und den Puls fühlen. Zur weiteren Diagnose wird häufig eine Urinprobe abgegeben. In Dschahânâras Fall wurde mit dem purda-System gebrochen. Zahlreiche Mediziner untersuchten die Patientin persönlich, wechselten Verbände und trugen Heilmittel auf.

Schâh Dschahâns Besorgnis

Schâh Dschahâns Besorgnis um seine Tochter ging jedoch noch weiter. Er zeigte ähnliche Anzeichen von Trauer wie beim Tod seiner Frau Mumtâz Mahal 13 Jahre zuvor: er vernachlässigte seine Regierungsgeschäfte und zog keine Prunkgewänder mehr an.

Zudem forderte Schâh Dschahân alle muslimischen Mystiker auf, für die Genesung Dschahânâras zu beten. Er ließ mehrere Tage lang Almosen an die Bevölkerung verteilen. Außerdem passierte etwas Ungewöhnliches: in einem Erlass nahm Schâh Dschahân eine vorher getroffene Entscheidung zurück und forderte seine Untertanen auf, ebenfalls für Dschahânâra zu beten. Zudem ließ er einige Gefangene frei. Auch diesen Erlass verknüfte er mit der Aufforderung, Gebete für seine Tochter zu sprechen. Weiterhin wurden täglich Almosen an Bedürftige verteilt. Mit diesen Aktionen wollte der Herrscher – seiner Ansicht nach – begangenes Unrecht wiedergutmachen und Dschahânâra davor bewahren, für seine (eventuellen) Sünden bestraft zu werden.

Dschahânâras teilweise Genesung

Nachrichten über Dschahânâras Gesundheitszustand wurden jedoch nicht nur in Indien verbreitet. Schâh Dschahân ließ Almosen nicht nur an seine Untertanen verteilen, sondern sogar in Mekka. Gleichzeitig, also nach der teilweisen Genesung Dschahânâras nach 8 Monaten, ließ er 50.000 Rupien in Medina verteilen. Dschahânâra sandte zusammen mit den Münzen und anderen Gütern eine Kerze, die sie selbst gestaltet und mit Juwelen verziert hatte. Diese sollte am Grab des Propheten Muhammad aufgestellt werden, um die Verbundenheit der Moguln mit den Heiligen Stätten des Islam zu betonen.

Nachdem es bereits eine 8-tägige Feier vier Monate nach dem Unfall gegeben hatte, wurde die teilweise Genesung Dschahânâras nach 8 Monaten und 8 Tagen ausgiebig gefeiert. Dschahânâra konnte erstmals nach ihrem Unfall wieder persönlich anwesend sein. Es wurden nicht nur kostbare Gewänder, Schmuck und an die Mitglieder des Hofstaates verteilt, sondern Dschahânâra wurde gegen Gold aufgewogen – und das Gold wurde an die Bedürftigen verteilt. Dieser Brauch war für gewöhnlich nur dem Herrscher selbst vorbehalten – er wurde an seinem Geburtstag aufgewogen.

Auch diese Zeremonie zeigte letztendlich, wie wichtig Dschahânâra für den Mogulhof hatte. Sie genoß eine Handlungsfreiheit, wie sie ansonsten nur die Männer des Hofes hatten. Der Fallbericht über Dschahânâras Unfall und ihre Verletzungen verbreitete sich in Indien und der Islamischen Welt. Dieses stand im Gegensatz zur sonstigen Abgeschiedenheit des Harem und dem System der purda.

Sogar in mehreren Gedichten wurde Dschahânâras Unfall und ihre Heilung thematisiert (Zitiert nach A. Bokhari: Gendered Landscapes, S. 104, Übersetzung aus dem Englischen von C.P.). Hier das Beispiel eines Gedichten von Abû Tâlib Kalîm:

Das Feiern Deiner Gesundheit ist besser als der Frühling für die Welt, Dein Wohlergehen ist das Ornament des Gartens der Erde. Aus jeder Ecke der Welt mögen die Hände der Menschen beim Gebet wie ein Schutz dienen – wie Wimpern. In den Grenzen der Kerze waren die Flammen ruhelos – und in ihrer Ruhelosigkeit griffen sie auf Dein Gewand über. Der Funken und die Flamme erhielten Ehre und Würde durch das Berühren Deines noblen Gewandes. Die Kerze schämte sich, und die Motte verließ sie voller Abschau für das Verbrechen, Dich zu verbrennen. Du bist das Meer voller Gnade, und Deine Blasen sind die Perlen, die durch das Feuer wertvoll wurden.

Erst nach 20 Monaten erlangte Dschahânâra ihre Gesundheit vollständig wieder – ihr Körper blieb allerdings bis zu ihrem Tod von Narben gezeichnet.

Das Beitragsbild zeigt ein Portrait Dschahânârâs aus dem Jahr 1635. Es ist Public Domain.

Literatur: Afshan Bokhari: Gendered Landscapes‘: Jahan Ara Begum‘s (1614-1681) Patronage, Piety and Self-Representation in 17th C Mughal India‖. Dissertation, Universität Wien, 2009.

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Akbars Urenkelin Dschahânârâ: “First Lady”, Dichterin, Mystikerin

Susanne und ich haben in diesem Blog schon häufiger über die bedeutenden Frauen an Akbars Hof berichtet: von seiner Mutter Hamîda Bâno, seinen Ammen Jîjî Anga und Mâham Anga, seinen Ehefrauen Salîma und Jodha Bai bis hin zu seinen Töchtern haben wir hier schon berichtet. Dabei ist deutlich geworden, dass der Harem des Herrschers ein kompliziertes Beziehungsgeflecht war, in dem einige Frauen auch zu politischer Macht kamen.

In meinem heutingen Beitrag “überspringen” wir zwei Generationen und gehen zu Akbars Urenkelin Dschahânârâ Begum (st. 1681), die als Königin (Pâdschâh Begum) an der Seite ihres Vaters Schâh Dschahân (st. 1666) einen großen Einfluss auf das Mogulreich hatte – sowohl in politischer als auch in kultureller Hinsicht.

Dschahânârâs Familie und Kindheit

Akbars Sohn und Nachfolger Salîm / Dschahângîr (st. 1627) hatte mehrere Söhne, die hofften, sein Nachfolger zu werden. Nach einigen sehr unschönen Auseinandersetzungen konnte sich schließlich Khurram unter seinem Thronnamen Schâh Dschahân durchsetzen und den Thron besteigen.

Im Alter von 15 Jahren, im Jahr 1607, wurde Schâh Dschahân, der übrigens Akbars Lieblingsenkel war, mit der Frau verlobt, für die er später das Taj Mahal (Tadsch Mahal) erbauen ließ: Ardschumand Begum, genannt Mumtaz Mahal (st. 1631). Mit ihr hatte der Herrscher insgesamt 14 Kinder, von denen jedoch nur sieben ihre Kindheit überlebten. Dschahânâra Begum wurde im Jahr 1614 in Ajmer (Rajasthan) geboren – also in dem Ort, an den ihr Urgroßvater Akbar mindestens einma jährlich pilgerte.

Dschahânâra erhielt eine Ausbildung in Disziplinen wie Persisch, Dichtung, Qur’ân, Ethik (adab) und Medizin. Ihre Lehrerin war Satî un-Nisâ’, die Schwester des berühmten Talib Amoli (st. 1627). Die beiden waren aus Persien nach Indien gekommen, und Talib Amoli war einer der Hofdichter von Dschahângîr. Dschahânâra war auch als Hofdame ihrer Mutter Mumtâz Mahal bekannt.

Dschahânâra als “First Lady”

1631, als Dschahânâra 17 Jahre alt war, verstarb ihre Mutter Mumtâz Mahal bei der Geburt ihres 14. Kindes. Schâh Dschahân war über den Verlust seiner Lieblingsehefrau, von der er seit ihrer Eheschließung so gut wie nie getrennt war, untröstlich. Er vernachlässigte die Regierungsgeschäfte und erschien nur unregelmäßig zu seinen Audienzen. Er beschloß, den Bau eines Grabmals für Mumtâz Mahal in Auftrag zu geben, das alles bisher Dagewesene übertraf. Wahrscheinlich übernahm Dschahânara Begum auch Aufgaben bei der Planung des Grabmals uns dessen künslerischer Ausgestaltung.

Obwohl Schâh Dschahân noch drei weitere Ehefrauen hatte, wählte er Dschahânâra Begum als seine First Lady. Er verlieh ihr mehrere Titel, z.B. Padschâh Begum (Königin) oder Sâhibat uz-Zamânî (Herrin der Zeit). Darüber hinaus erhielt Dschahânâra Begum Gold und Schmuck von ihrem Vater, so dass sie zu einer der reichsten Persönlichkeiten am Hof zählte.

Dschahânâra Begum im Familienstreit

Eine der wichtigsten Aufgaben als Herrscherin war die Vermittlung im Steit zwischen den verschiedenen Fraktionen am Hof. Seit ihrer Kindheit Dschahânâra besonders vertraut mit Dârâ Schikoh (st. 1659), ihrem ältesten Bruder. Dârâ war zwar als Lieblingssohn seines Vaters und ältester überlebender Sohn für den Thron vorherbestimmt, jedoch interessierte er sich nur wenig für die militärischen Angelegenheiten des Hofes. Das änderte sich auch nicht, als er von seinem Vater das Kommando über 60.000 Soldaten erhielt. Dârâs Interesse galt vielmehr der Philosophie und der islamischen Mystik, die er selbst als vom Hinduismus beeinflusst sah. Dârâ verfasste selbst zahlreiche Werke, in denen er die Gemeinsamkeiten hinduistischer und islamischer Lehren beschrieb. Wie sein Urgroßvater Akbar traf sich Dâra nicht nur mit islamischen Mystikern (sûfîs), sondern auch mit Hindu-Gelehrten. Dschahânâra befürwortete dieses nicht nur, sondern war selbst eine Schülerin von islamischen Mystikern. Die schrieb Biographien ihrer Lehrer und auch, wie sie selbst als Schülerin in die mystischen Lehren eingeweiht worden war.

Obwohl ihr jüngerer Bruder Aurangzeb selbst auch Schüler der islamischen Mystiker war, lehnte er eine Vermischung von islamischen und hinduistischen Lehren ab. Er wurde nicht nur damit zum Gegner von Schâh Dschahân, Dschahânâra und Dârâ Schikoh. Er verfügte über ein ausgesprochenes Machtbewusstsein und wollte anstatt Dârâ Schikoh seinem Vater auf den Thron folgen. Aurangzeb war militärisch sehr geschickt, und sein Vater sah den Ehrgeiz seines Aurangzebs mit Mißtrauen.

Der Bruderkrieg ist nicht mehr aufzuhalten

1657 erkrankte Schâh Dschahân schwer, und Aurangzeb sah seine Zeit gekommen, seine Brüder militärisch auszuschalten. Schâh Dschahân bat Dschahânâra, in diesem Konflikt zu vermitteln. Dschahânâra unterbreitete Aurangzeb einen Vorschlag zur Zerteilung des Reiches, doch dieser lehnte ab. Was folgte, war ein Bruderkrieg, in dem Aurangzeb seine Brüder Dârâ Schikoh und Murâd Baksh hinrichten ließ. Ein dritter Bruder, Schâh Schujâ, wurde ins heutige Myanmar verbannt, wo er 1661 ebenfalls ermordet wurde.

Seinen Vater Schâh Dschahân ließ Aurangzeb in Agra mit Blick auf das Taj Mahal unter Hausarrest stellen. Dschahânâra begleitete ihren Vater ins Exil im eigenen Land und pflegte ihn aufopfernd.

Dschahânâra wird erneut “First Lady”

Als Schâh Dschahân 1666 starb, versöhnte sich Dschahânâra mit Aurangzeb. Dieser machte sie erneut zur “First Lady” des Mogulreiches, obwohl auch er mehrere Ehefrauen hatte. Zuvor war seine jüngere Schwester Roschanâra Begum die Herrscherin gewesen. Dschahânâra setzte ihre wohltätigen Aktivitäten fort. Zudem verfügte sie – genau wie vor ihr ihre Urgroßmutter Jodha Bai – über mehrere Handelsschiffe und hatte auch Geschäftsbeziehungen zu den Briten.

Dschahânâra blieb unverheiratet und starb 1681 mit 67 Jahren. Ihr Grab befindet sich im Nizamuddin Auliya Komplex in Delhi.

Im nächsten Beitrag werde ich von Dschahânâras Unfall und ihrer schwierigen Heilung berichten.

Das Beitragsbild zeigt ein Portrait von Dschahânârâs Bruder Dârâ Shikoh. Es ist Public Domain

Literatur: Afshan Bokhari: Gendered Landscapes‘: Jahan Ara Begum‘s (1614-1681) Patronage, Piety and Self-Representation in 17th C Mughal India‖. Dissertation, Universität Wien, 2009.

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Der Pfauenthron der Moguln

Heute möchte ich hier nur einen kleinen Schnipsel aus einem berühmten Reisebericht posten, der sich mit dem nicht weniger berühmten Pfauenthron der Moguln beschäftigt. Der Reisebericht stammt von Jean-Baptiste Tavernier, einem französischen Juwelenhändler und Reisendem. Er bereiste zwischen 1630 und 1668 sechs mal Persien und Indien. Während seiner Reisen erwarb er zahlreiche wertvolle Edelsteine, die er später in Europa verkaufte und großen Reichtum erlangte. Somit ist es nicht verwunderlich, dass Tavernier vom Pfauenthron am Mogulhof in Delhi besonders fasziniert war.

Der Mogulherrscher Schâh Dschahân (st. 1666) wollte sich von seimem Vater Dschahângîr (st. 1627) abgrenzen, der einen Thron aus schwarzem Basalt hatte. Schâh Dschahân gab also den prachtvollen Thron in Auftrag, der mit Blattgold verziert und mit über 26.700 Edelsteinen geschmückt war. Der Pfauenthron wurde in einer prächtigen Zeremonie am siebten Jahrestag von Schâh Dschahâns Thronbesteigung eingeweiht (22.3.1635). Den Namen Pfauenthron hatte er zunächst noch nicht, erst spätere Historiker nannten ihn wegen der Pfauenstatuen Takht-e tâvûs.

Taverniers Beschreibung des Pfauenthrons

Tavernier kam auf Einladung Schâh Dschahâns persönlich an den Hof in Delhi. Er sollte die Edelsteine des Herrschers beurteilen und wollte ihm selbstverständlich auch Edelsteine verkaufen. Das Rote Fort in Delhi, wo sich der Pfauenthron befand, hatte sieben Throne, der Pfauenthron stand jedoch im Diwân-e khâss, dem speziellen Audienzraum, er ..

(…) erinnert in Bezug auf Form und Größe einem Feldbett. Das bedeutet, es ist etwa 1,80 m lang und 1,20 m breit. (…) Er hat einen Baldachin auf drei Seiten, die Seite, die zum Hof zeigt, ist offen. Sowohl die Füße des Throns als auch die Stangen, die mehr als auch das Gestänge, das mehr als 45 Zentimeter lang ist, sind mit goldenen Intarsien und mit zahllosen Diamanten, Rubinen, und Smaragden verziert. In der Mitte einer jeden Stange befindet sich ein großer Balasrubin, glatt geschliffen. Sie werden von vier Smaragden umgeben, die ein quadratisches Kreuz bilden. (…) Es befinden sich drei große Kissen auf dem Thron, von denen das, das sich am Rücken des Herrschers befindet, richtig aufgepolstert ist, während die Kissen an seiner Seite flach sind. Außerdem gibt es ein Schwert, einen Schild, einen Bogen und einen Köcher mti Pfeilen, die am Thron angebracht sind, und wie alles anderean diesem und an allen sechs anderen Thronen sind mit Steinen verziert. Ich hab die großen Balasrubine auf dem großen Thron gezählt, und ich bin auf 108 gekommen, alle glatt geschliffen. Der leichteste von ihnen hatte 100 Karat (20 Gramm).Viele der Steine haben aber offensichtlich mindestens 200 Karat (40 Gramm). Was die angeht, so gibt es viele von sehr schöner Farbe, aber es gibt auch einige fehlerhafte. Der schwerste von ihnen mag etwa 60 Karat (12 Gramm) wiegen, der leichteste 30 Karat (6 Gramm). Ich habe 116 von ihnen gezählt, also gibt es mehr Smaragde als Rubine.

Der prachtvolle Thron ist nach der gängigen Geschichtsschreibung bei der Eroberung Delhis 1739 durch den persischen Herrscher Nâdir Schâh (st. 1747) als Kriegsbeute nach Persien verbracht. Er gilt seitdem als verschollen, und es ranken sich etlichen Legenden um den Verbleib. Der Mogulherrscher installierte eine Nachbildung anstelle des Pfauenthrons, die in den Wirren der Rebellion von 1857 und der Zerstörung des Roten Forts durch die Briten ebenfalls verloren ging.

Literatur:

Baptiste, Jean-Baptiste: Les six voyages de Jean Baptiste Tavernier, écuyer baron d’Aubonne, qu’il a fait en Turquie, en Perse, et aux Indes, pendant l’espace de quarante ans, & par toutes les routes que l’on peut tenir: accompagnez d’observations particulieres sur la qualité, la religion, le gouvernement, les coutumes & le commerce de chaque païs; avec les figures, le poids, & la valeur de monnoyes qui y ont court, Gervais Clouzier, Paris, 1676, Englische Version von Valentine Ball unter dem Titel Travels in India, London 1899. Das Kapitel über den Pfauenthron findet sich in Teil 2, Kapitel 8.

Das Beitragsbild  zeigt Schâh Dschahân auf dem Pfauenthron. Es ist Public Domain.

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Unsere Beiträge zum Sultanat von Delhi

Susanne Kurz und ich haben ja in den vergangenen Jahren sehr viel zur Geschichte der Mogulzeit (1526-1858) gearbeitet, bei mir ist seit einiger Zeit das Sultanat von Delhi hinzu gekommen. Auslöser dafür waren die Bollywood-Serie Razia Sultan – Die Herrscherin von Delhi (2015) sowie der sehr umstrittene Film Padmavaat (2018). Sie basieren beide auf historischen Ereignissen. In unseren Beiträgen schreiben wir einiges zu den genannten historischen Figuren – sofern uns dazu überhaupt Informationen vorliegen. Wir versuchen Ereignisse in den historischen Kontext zu stellen und stellen gelegentlich einmal fest, dass die Darstellungen nicht oder nur zum Teil mit den Quellen in Einklang stehen. Aber das ist ja natürlich auch das Spannende an Bollywood!

Die Sklavendynastie (1206-1290):

Qutb ud-Dîn Aibek

War Qutb ud-Dîns Eroberung ein jihâd?

Sultan Iltutmish

Iltutmishs erfolgreiche Herrschaft

Iltutmishs Sinn für Gerechtigkeit

Rukn ud-Dîn

Rukn ud-Dîn: der “Böse Prinz”?

Rukn ud-Dîns Mutter Shâh Turkân: was wissen wir über sie?

Razia Sultân

Die TV-Serie Razia Sultan – die Herrscherin von Delhi

Razia und ihre Kleidung als Herrscherin

Razia Sultân und Malik Altunia

Razia und ihre “Affäre” mit Yaqût

Mu’izz ud-Dîn

Razias Bruder Mu’izz und seine Rolle bei Razias Ermordung

Religion, Alltagsleben und Kultur & Vermischtes im Delhi Sultanat

Kriegselefanten im Sultanat von Delhi

Die “Kopfsteuer” im Sultanat von Delhi

Weibliche Herrschaft bei den Kara Kitai – Vorbild für Razia?

Schadscharat ad-Durr – eine ägyptische Razia Sultan?

Beitragsbild:

Das Beitragsbild zeigt den Qutb Minar Komplex in Delhi

Shivang dubey [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Akbar, seine Amme und das Geheimnis seiner Wundertaten

Bis zu den Tagen der Weihnachtssprecials vergeht ja noch ein bisschen Zeit, doch im heutigen Beitrag geht es ebenfalls um Wundertaten – und zwar um die Wunder, die der Mogulherrscher Akbar (st. 1605) bereits als Kind vollbracht haben soll.

Die Beschreibung dieser Wundertaten Akbars sind von Akbars Freund und Chronisten Abû l-Fazl (st. 1602) aufgezeichnet worden. Seine Chronik, das Akbar-nâma (“Geschichte Akbars), schilderte die Familiengeschichte der Timuriden sowie die Ereignisse seit Akbars Geburt sowie die wichtigsten Ereignisse seiner Herrschaft. Dazu muss man selbstverständlich erwähnen, dass Abû l-Fazl nicht nur der Chronist, sondern auch ein Vertrauter und Freund Akbars war.

So berichtete Abû l-Fazl davon, dass bereits die Schwangerschaft seiner Mutter Hamîda dadurch geprägt war, dass diese während der ganzen Zeit von einem Licht geprägt wurde. Doch auch schon bald nach seiner Geburt habe sich gezeigt, dass Akbar ein besonderes Kind war und in Zukunft ein besonderer Herrscher sein würde.

Akbar und Jîjî Anga

Bereits kurz nach seiner Geburt im Oktober 1552 wurde Akbar von seinen Eltern getrennt, da sich die politische Situation in Delhi zu Ungunsten der Moguln geändert hatte. Humâyûn ging ins Exil nach Afghanistan und später an den Hof des Schâhs von Persien. In dieser Zeit wurde Akbar von einigen Ammen gestillt und betreut, von denen einige in den Quellen namenlich erwähnt sind. Neben Fakhr un-Nisâ’ Anga (oder Anaga) sind Dâyâ Bhavâl und vor allem natürlich Jîjî Anga und Mâham Anga. Letztere war neben ihrer Rolle als Akbars Amme darüber hinaus bekannt für ihren politischen Einfluss, der sie zur Premierministerin machte. Sie hatte bereits unter Akbars Vater eine wichtige Rolle gespielt, und einige Quellen berichten, dass ihr Sohn Adham Khân auch ein Sohn Humâyûns war. Jîjî Anga (st. 1599) gehörte ebenfalls zum engeren Kreis der Elite rund um Humâyûn. Ihr Ehemann war Atga Khân, der schon ein bedeutender General Humâyûns gewesen und Akbars Ziehvater geworden war.

Akbar als Messias

Da Atga Khân das Vertrauen von Akbars Eltern hatte, wurde seine Frau Jîjî Anga (st. 1599) eine von Akbars Ammen. Sie war von besonderer Bedeutung für Akbars Leben – denn laut Abû l-Fazls Beschreibung teilte er mit ihr das Geheimnis seiner Wunderkraft – und dieses geschah schon, als er ein Baby von acht Monaten war. So erfahren wir aus dem Akbar-nâma, dass es zwischen den Ammen Akbars eine große Konkurrenz herrschte und es Eifersüchteleien gab. Jîjî Anga war laut Akbar-nâma (engl. Übersetzung A. Beveridge, Vol. 1, 344) tief davon getroffen, dass Mahâm Anga sich bei Humâyûn beschwert hatte: so soll Jîjî Anga angeblich Beschwörungen gemacht haben, dass der kleine Akbar nur Milch von ihr (i.e. Jîjî Anga) nehmen solle und die Milch der anderen Ammen nicht trinkt.

Während des Stillens von Akbar sei Jîjî wegen dieser Anschuldigungen sehr deprimiert gewesen, als plötzlich Akbar “wie der Messias” (mssîhâwâr) den Mund geöffnet”, zu ihr gesprochen und sie getröstet habe. Jîjî Anga habe sich in der Tat sofort besser gefühlt, auch sie habe ein Licht gespürt, das ihr Herz erfüllt habe. Sie habe aber Akbar versprechen müssen, dass sie dieses Geheimnis bewahre, was sie auch getan habe.

Diese Geschichte ist aus mehreren Gründen bemerkenswert.

Ich habe ja an in unserem Blog schon mehrfach über Jesus in der islamischen Tradition und Akbars Faszination für das Christentum geschrieben. Jesus (Îsâ b. Maryam) ist ein bedeutender Prophet im Islam. Im Unterschied zum Christentum konnte Jesus bereits als Baby sprechen, wie Sure 5, Vers 110 zeigt (Übersetzung Rudi Paret):

(Damals) als Allah sagte: “”Jesus, Sohn der Maria! Gedenke meiner Gnade, die ich dir und deiner Mutter erwiesen habe, (damals) als ich dich mit dem heiligen Geist stärkte, so daß du (schon als Kind) in der Wiege (mahd) zu den Leuten sprachst, und (auch später) als Erwachsener …

Ganz eindeutig wird im Akbar-nâma Akbar auf dieselbe Stufe gestellt wie der wichtige Prophet Jesus. Im selben Kapitel des Akbar-nâma wird Akbar mit einer anderen biblischen Gestalt und Propheten des Islam verglichen, nämlich mit Moses (Mûsâ).

Miniatur – Darstellung von Moses mit seinem Hirtenstab, Indien, 15. Jh. Das Werk ist Public Domain.

Akbars Wunder spielt auf folgende, in Bibel und Koran erwähnte Wunder an (2.Buch Mose).

Doch Mose protestierte erneut: “Aber sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören. Sie werden einwenden: `Der Herr ist dir nicht erschienen!´” Da fragte der Herr ihn: “Was hast du da in der Hand?” “Einen Hirtenstab”, antwortete Mose. “Wirf ihn auf den Boden”, befahl ihm der Herr. Mose gehorchte und der Stab verwandelte sich in eine Schlange. Mose lief vor ihr davon. Da befahl ihm der Herr: “Pack sie beim Schwanz.” Mose packte die Schlange und sie wurde in seiner Hand wieder zum Hirtenstab. (…)

Weiter sprach der Herr zu ihm: “Leg deine Hand in deinen Gewandbausch!” Er legte seine Hand hinein. Als er sie herauszog, war seine Hand von Aussatz weiß wie Schnee. Darauf sagte der Herr: “Leg deine Hand noch einmal in deinen Gewandbausch!” Er legte seine Hand noch einmal hinein. Als er sie wieder herauszog, sah sie wieder aus wie der übrige Leib.

Im Koran (u.a.Sure 27, 7-12) sind die beiden genannten Wunder neben anderen erwähnt, die Mûsa durch Gott verübte. Laut Akbar-nâma verübte Akbar ein ähnliches Wunder. Diesmal war nicht Jîjî Anga die Zeugin des Wunders, sondern ihr älterer Sohn Yûsuf Muhammad Khân:

Eines Tages war er (i.e. Akbar) von Delhi aufgebrochen, um in Phalam zu jagen – und plötzlich erschien eine riesige, furchteinflößende Schlange am Wegesrand. So eine Schlange erfüllt selbst die Herzen der Wagemutigen (mit Furcht). Doch seine Majestät zeigte bei dieser Gelegenheit das Wunder von Moses, und ohne Zögern (…) streckte er seine weiße Hand aus, näherte sich der Schlange, (…) ergriff den Schwanz der Schlange und besiegte sie. Yusuf Muhammad Khan, der Bruder von Mirza Aziz Koka, wurde Zeuge dieses Zeichens der Macht und erzählte es mir in seiner Verwunderung. Bei dieser Gelegenheit habe ich meinem lieben Sohn von dem versiegelten und versteckten Geheimnis erzählt.

Akbar-nâma, Vol. 1, S. 385.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet Akbars Amme und ihre Familie als Zeugen der Wundertaten Akbars benannt werden – die Familie genoss unter Akbars Herrschaft großes Vertrauen – und Akbars Milchbruder Mirzâ ‘Azîz Koka (st. 1624) war einer der engsten Berater Akbars.

Ironischerweise war es ja Mâham Angas Sohn Adham Khân, der Mirzâ ‘Azîzs Vater Atga Khân ermordete. Während also das Vertrauen zu Adham Khân und seiner Mutter zertört war, blieben Jîjî Anga und ihre Familie Zeit ihres Lebens eng mit Akbars Hof verbunden.

Als Jîjî Anga 1599 (?) starb, rasierte sich Akbar die Haare und den Schnurbart als Zeichen der Trauer. Er trug mit einigen anderen Mitgliedern des (männlichen) Hofstaats den Leichnam der Verstorbenen bis zum Grab.

Akbars von Jîjî Anga bezeugte, prophetengleiche Wunder blieben ein wichtiger Pfeiler seiner Herrschaft. Die politische Bedeutung von Ammen und Milchbrüdern war in den folgenden Generationen indes schon nicht mehr so bedeutsam wie unter Akbar.

Literatur:

Abû l-Fazl: The Akbarnama of Abu’l Fazl / translated from the Persion by H. Beveridge. Vol. 1. Calcutta 1907.

Abû l-Fazl: The Akbarnama of Abu’l Fazl / translated from the Persion by H. Beveridge. Vol. 3. Calcutta 1939.

Das Beitragsbild zeigt Mâham Anga (vorne links). Es handelt sich um eine Darstellung von Adham Khâns Hochzeit, ca. 1590. Das Bild ist Public Domain. Von Jîjî Anga liegt uns keine Miniatur vor.

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Schadscharat ad-Durr: Die “Razia Sultân” Ägyptens!?

In meinem heutigen Beitrag beschäftige ich mich einmal nicht schwerpunktmäßig mit Indien, sondern mit Ägypten. Dort regierte, etwa zur selben Zeit wie Razia Sultan im Sultanat von Delhi (reg. 1236-1240), eine Frau in Ägypten: Schadscharat ad-Durr (manchmal auch Schdschar ad-Durr, Shajar ad-Durr), Arabisch für “Perlenbaum”.

Schadscharat ad-Durrs Herkunft

Über Schadscharat ad-Durrs Herkunft ist so gut wie nichts, wir kennen weder ihr Geburtsdatum noch ihren Geburtsort. Einige meinen, dass sie griechischer, türkischer, zentralasiatischer oder armenischer Abstammung war. In allen Quellen wird sie als sowohl besonders attraktiv als auch als sehr intelligent und ehrgeizig beschrieben. Letzteres werden wir dann vor allem in Bezug auf den Umgang mit ihren beiden Ehemännern sehen.

Es ist wahrscheinlich, dass Schadscharat ad-Durr als Geschenk an ihren ersten Ehemann, Sâlih al-Ayyûb (st. 1249), übergeben wurden. Sâlih al-Ayyûb war der sechste Sultan dieser kurdisch-stämmigen Dynastie, die vom berühmten Saladin (st. 1193) begründet wurde.

Schadscharat ad-Durr bekam einen Sohn, Khalîl, von Sâlih und war danach als Umm Khalîl, Mutter von Khalîl, bekannt. Sâlih entließ Schadcharat ad-Durr aus der Sklaverei und heiratete sie. Khalîl konnte die Nachfolge seines Vaters niemals antreten, denn er starb bereits im Kindesalter.

Sâlih hatte wie sein berümter Vorgänger Saladin militätirisch im wahrsten Sinne des Wortes an mehreren Fronten zu kämpfen. Schon innerhalb seiner eigenen Dynastie hatte Sâlih etliche Feinde – und er misstraute seinem eigenen Sohn (von einer Kurtisane) Tûrân Schâh. Damit dieser sich nicht in die ägyptische Politik einmischte, hatte Sâlih Tûrân Schâh als Gouverneur in das Gebiet der heutigen Türkei geschickt.

Schadscharat ad-Durr und der sechste Kreuzzug

Sâlih Ayyûb hatte bereits negative Erfahrungen mit den Soldaten des fünften Kreuzzuges gemacht – er war einige Zeit Gefangener der französischen Soldaten gewesen. 1249 ereichte der sechste Kreuzzug unter der Führung des französischen Königs Ludwig IX. die ägyptische Küste. Der Plan war, zunächst die Küstenstädte zu erobern und über Kairo ins Heilige Land zu gelangen, alle christlichen Gefangenen zu befreien und die muslimische Herrschaft zu schwächen oder zu beenden.

Die Kreuzfahrer konnten eine kurze Schlacht in der Hafenstadt Damiette gewinnen, und planten nun, weiter ins Land vorzurücken. Ludwig IX. wusste in dieser Situation nicht, dass sein Gegner Sâlih während des Marsches gegen die feindlichen Truppen plötzlich verstorben war (in einigen europäischen Quellen ist davon die Rede, dass er vergiftet wurde).

Schadscharat ad-Durr – die “heimliche” Herrscherin

Sâlih hatte während seiner Abwesenheit Schadscharat ad-Durr zur Bevollmächtigen gemacht. In den Quellen ist davon die Rede, dass Sâlih für Schadscharat ad-Durr einige leere Dokumente mit seiner Unterschrift zurückgelassen hatte – und Schadscharat ad-Durr scheute sich nicht, diese Dekrete im Namen ihres Mannes zu nutzen. Sie wollte auf jeden Fall verhindern, dass die ägyptischen Truppen durch den Tod ihres Herrschers demoralisiert würden.

Obwohl ihr verstorbener Ehemann seinem Sohn Tûrân Schâh misstraute, sorgte Schadscharat ad-Durr dafür, dass ihr Stiefsohn zum Sultan ernannt wurde. Eventuell erhoffte sie sich, dass sie ihn leichter manipulieren konnte als einen anderen Herrscher.

Schadscharat ad-Durr und die Mamluken

Eine wichtige Rolle bei der weiteren Entwicklung spielten ab diesem Zeitpunkt die Mamluken, die zumeist turk-stämmigen Militärsklaven. Sie waren seit ihrer Kindheit für den Militärdienst ausgebildet worden und galten als besonders aktiv im Kampf.

Sâlih Ayyûb hatte mehrere Garnisonen mit Mamluken aufgebaut, die ihm treu ergeben waren. Die Mamluken unterstützten Schadscharat ad-Durr bei der Durchsetzung von Tûrân Schâhs Ansprüchen – was sich eventuell unter anderem mit Schadscharat ad-Durrs turk-stämmigen Herkunft erklären lässt.

Tûrân Schâh schaffte es, nach Kairo zu kommen, die Herrschaft über Ägypten anzutreten und sich mit seiner Armee den Kreuzfahrern entgegen zu stellen. Es gelang ihnen, die Armee zu besiegen und sogar Ludwig IX. gefangen zu nehmen. Hinter den Kulissen verhandelte auch Schadscharat ad-Durr mit den Franzosen über die Freilassung des Königs und anderer christlicher Gefangener.

Schadscharat ad-Durr behielt auch in dieser Zeit die Kontrolle über die Staatsfinanzen, die ihr ihr verstorbener Mann Sâlih Ayyûb anvertraut hatte. Tûrân Schâh versuchte beständig Schadscharat ad-Durr zu überreden, ihm die Finanzgewalt zu übertragen, doch sie weigerte sich beharrlich. Innerhalb weniger Monate hatte sich Tûrân Schâh mit Schadscharat ad-Durr und den Mamluken völlig überworfen, so dass die Mamluken ihn schließlich 1250 ermordeten: die Mörder überraschten den ahnungslosen Sultan beim Essen und verletzten ihn schwer. Er konnte in einen Holzturm am Ufer des Nils flüchten – doch die Mamluken setzten diesen in Brand. Um sich zu retten, sprang Tûrân Schâh in den Nil, doch die Mamluken zogen ihn aus dem Wasser und enthaupteten ihn.

Die Ermordung Tûrân Schâhs 1250 durch die Mamluken. Französische Miniatur, Guillaume de Saint-Pathus: Vie et Miracles de Saint Louis, um 1330–1350. Das Bild unterliegt der Public Domain Lizenz.

Schadscharat ad-Durr als unabhängige Herrscherin

Nach dem grausamen ihres Stiefsohns Tûrân Schâhs, an dem Schadscharat ad-Durr nach Ansicht einiger Zeitgenossen nicht unschuldig war, waren sich die Mamluken einig, Schadscharat ad-Durr zur Herrscherin zu ernennen.

Schadscharat ad-Durr konnte sich während ihrer Herrschaft Anerkennnung verschaffen – so wurde ihr Name – erstmalig und einmalig für eine Frau in Ägypten – während der Freitagspredigt (khutba) in der Moschee genannt. Sie verteilte auch Ehrengewänder an die Eliten des ägyptischen Sultanats. Ein besonderer Beweis für ihre Wichtigkeit sind jedoch die Münzen, die mit ihrem Namen versehen waren.

Dinar mit dem Namen Schadscharat ad-Durrs – Das Bild unterliegt der Public Domain Lizenz

Sowohl Schadscharat ad-Durr als auch Razia Sultan waren in der Lage, Münzen in ihrem Namen prägen zu lassen – was als absoluter Herrschaftsbeweis gilt. Obwohl beide Frauen im könglichen Harem lebten, schafften sie es, als Herrscherinnen an die Spitze eines Sultanats zu gelangen. Interessanterweise waren beide Herrscherinnen auf die Unterstützung der Mamluken angewiesen, die sich in der Mitte des 13. Jahrhunderts als die neuen Herrscher erwiesen – sowohl in Indien als auch in Ägypten.

Leider hatten sowohl Razia Sultan als auch Schadscharat ad-Durr auch sehr mächtige (männliche) Gegner. Während Razia Sultan vier Jahre über das Sultanat von Delhi herrschte, konnte Schadscharat ad-Durr nur 80 Tage über Ägypten herrschen.

Warum Schadscharat ad-Durr bereits nach 80 Tagen zurück treten musste und wie sie dennoch ihren Einfluss auf die ägyptische Politik wahrte, berichte ich in meinem nächsten Blogbeitrag.

Literatur

Mernissi, Fatima: The Forgotten Queens of Islam. Cambridge 1993.

Nicholson, Helen: The Crusades. London 2004.

Schregle, Götz: Die Sultanin von Ägypten. Šaǧarat ad-Durr in der arabischen Geschichtsschreibung und Literatur. Wiesbaden 1961.

Das Beitragsbild zeigt eine Darstellung Schadscharat ad-Durrs aus einem arabischen Buch, Autor unbekannt – es unterliegt der Public Domain Licence 2.0

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Familienkrieg über Generationen hinweg: Akbar und Mirzâ Hakîm

In den ersten Teilen der Miniserie über die familiären Streitigkeiten des Mogulherrschers Akbar (st. 1605) bin ich auf Akbars Stiefmutter Mâh Chûchak, seinen Bruder Mirzâ Hakîm und Mirzâ Hakîm als Symbol des Widerstandes gegen Akbar in Kabul eingegangen.

Mirzâ Hakîms Söhne unter Hausarrest

Nach seiner erfolgreichen Strafaktion gegen Mirza Hakîm in Kabul im Jahr 1582 hatte Akbar seinem Bruder zwar verziehen, die Regierung Kabuls aber in die Hände ihrer Schwester Bakht un-Nisâ’ Begums gelegt. Mirzâ Hakîm gab sich scheinbar vermehrt dem Alkoholgenuss hin, so dass er 1585 an einer Alkoholvergiftung starb.

Um zu vermeiden, dass sich in Kabul erneut Widerstand gegen seine Herrschaft regte, griff Akbar sofort durch und ließ die beiden Söhne Mirzâ Hakîms namens Kaikobâd und Afrasiyâb in Lahore unter Hausarrest stellen.

Mirzâ Hakîms und Akbars Schwester Bakht un-Nisâ’ war in zweiter Ehe mit dem Premierminister Khwâja Hasan verheiratet, der immer schon ein Gegner Akbars gewesen war. Khwâja Hasan war nach Akbars Strafexpedition 1582 zusammen mit dem älteren Sohn Mirzâ Badî’ uz-Zamân entwedet geflohen oder von Akbar aus Kabul verbannt worden. Beide starben später im Exil im heutigen Usbekistan und versöhnten sich auch nicht mit Akbar.

Leben an Akbars Hof

Bakht un-Nisâ’ sah ihrerseits auch keine Zukunft mehr in Kabul und ging mit ihrem jüngeren Sohn Mirzâ Walî ins Exil nach Agra. Akbar hieß sie an seinem Hof Willkommen und ermöglichte ihr ein gutes Leben in seinem Harem.

Nach einiger Zeit unter Hausarrest ließ Akbar dann auch seine beiden Neffen Kaikobâd und Afrasiyâb ebenfalls von Lahore an den Hof von Agra bringen. Er beendete auch die finanziellen Zuwendungen (Apanage), die der Familie in Kabul, die sein Vater Humâyûn für seine Kinder in Kabul festgelegt hatte.

Akbar hatte bereits vorher seinen drei Söhnen Salîm, Murâd und Dânyâl die monatlichen Zahlungen gestrichen – stattdessen führte er ein kompliziertes (und teilweise nicht mehr nachvollziehbares) System von Zuwendungen und Landbesitz eingeführt, bei dem sich jeder Sohn ständig beweisen und auch militärische Aufgaben übernehmen mussten.

Akbars Neffen hielten sich scheinbar an die Auflagen, die ihr Onkel ihnen gemacht hatte – zumindest fielen sie nicht weiter negativ durch weitere Aufstände oder Planungen von Aufständen auf. Wir haben aber auch keine Anhaltspunkte dafür, dass sie irgend eine Form von Einfluss hatten.

Die Situation unter Dschahângîr

Als Akbar im Jahr 1605 starb, übernahm sein einzig überlebender Sohn Salîm unter dem Herrscherenamen Dschahângîr die Regentschaft. Seine beiden Brüder Murâd und Dânyâl waren ja bereits zuvor aufgrund ihres Alkohol- und Drogenkonsums verstorben – und zumindest im Fall von Dânyâl ist es nicht sicher, dass Dschahângîr nicht in den Tod seines Halbbruders verwickelt war (doch das ist eine andere Geschichte).

Dschahângir war sich bewusst, dass einige Mitglieder seines Hofstaates lieber den einen oder den anderen seiner Brüder auf dem Mogulthron gesehen hätten. Er konnte sich zudem nicht sicher sein, dass seine Cousins aus Kabul nicht doch noch versuchen würden, die Macht an sich zu reißen.

Schikanen und Demütigungen

Aus diesem Grund schickanierte und demütigte Dschahângîr seine beiden Cousins Kaikobâd und Afrsaiyâb: Beim Besuch des persischen Schâhs sollte Afrasiyâb auf Anordnung seines Cousins als Hofdiener zur Verfügung stehen. Als er sich weigerte, ließ Dschahângîr ihn eine Zeit lang inhaftieren (Faruqui, S. 34).

Sir Thomas Roe, der britische Gesandte an den Mogulhof, berichtete, (zitiert nach Faruqui, S. 34) dass Kaikobad und Afrasiyâb finanziell so knapp gehalten wurden, dass sie sich von den Briten Federn, Sporen und Bilder als Geschenke wünschten.

Ungleichbehandlung

Während die Kinder Mirzâ Hakîms von Dschahângîr nicht wirklich freundlich behandelt wurden, können wir einen Unterschied beim Umgang mit Bakht un-Nisâ’s Sohn Mirzâ Walî erkennen. In seiner Autobiographie schrieb Dschahângîr, dass er den Tod seiner Tante im Jahr 1608 aufgrund von “Auszehrung” und eines Fiebers, sehr bedauere. Gleichzeitig verlieh er Mirzâ Walî ein mansab, einen militärischen Rang mit Bezahlung. Diesen erhöhte er im Laufe seiner Herrschaft regelmäßig.

1619 verheirate Dschahângîr Mirzâ Walî mit seiner Nichte Bulâqî Begum, der Tochter von Dânyâl. Das Arrangement zeigte, dass Mirzâ Walî nach Dschahângîr immerhin eine Verbindung im engeren Kreis der zugestanden wurde, ohne ihn jedoch mit Dschahângîrs eigenen Töchtern zu verheiraten.

Letzten Endes ist deutlich, dass Dschahângîrs Herrschaft von einem tiefen Mißtrauen gegenüber seiner Familie hegte – was nicht verwunderlich ist, wenn man die Konflikte mit seinen Söhnen betrachtet – diese werden hier auf der #Persophonie bestimmt noch genauer betrachtet werden.

Dschahângîr fasste das selbst zusammen: (zitiert nach Faruqui, S. 34)

Wenn ich eine solche Behandlung durch meine eigenen leiblichen Söhne erfahre – was ist dann schon von Neffen und Cousins zu erwarten?

Die Angehörigen von Akbars und Mirzâ Hakîms Familie werden in den späteren Quellen kaum noch erwähnt, sie haben wohl kaum Einfluss in Hofkreisen.

Akbar hatte sich also gegen seine Familie in Kabul durchgesetzt und sich als “indischer” Herrscher etabliert. Die perso-indischen Einflüsse am Hof wurden am Hof immer stärker. Kabul wurde 1738 von Nâdir Schâh, dem persischen Schâh, erobert – später eroberte er auch Delhi und schwächte das Mogulreich nachhaltig.

Literatur:

Munis D. Faruqui: The Princes of the Mughal Empire, 1504-1715. Cambridge et al., 2012.

Beitragsbild: Das Beitragsbild zeigt ein Portrait Akbars von ca. 1850. Es ist bereits eindeutig vom europäischen Stil inspiriert. Das Bild ist Public Domain.

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