Das größte Grabmal Indiens: Akbars Mausoleum in Sikandra

Kürzlich habe ich einen Beitrag über den Tod des Mogulherrschers Akbar (st. 1605) verfasst, heute soll es n dieser Stelle um Akbars Grabstätte in Sikandra, nicht weit von seiner Hauptstadt Agra, liegen. Sikandra existierte bereits unter der muslimischen Dynastie des Delhi Sultanats.

Etwa 1,5 km von Akbars Grab befindet sich das Grabmal von Maryam uz-Zamânî, (Jodha), der hinduistischen Ehefrau Akbars. Interessanterweise berichten britische Quellen der Kolonialzeit, dass Akbars nicht-muslimische Ehefrau Christin gewesen sei (Edmund W. Smith: Akbar’s Tomb. Allahabad, 1909, S. 1). Obwohl es schon um 1900 Zweifel an der christlichen Religionszugehörigkeit Maryams/Jodhas gab, wurde das Gebäude 1857 an die Church Missionary Society zur weiteren Verwaltung gegeben. Diese schloss die eigentliche Grabkammer – es steht zu vermuten, dass die Church Missionary Society (hinduistische und/oder muslimische Pilgerfahrten zu der Grabstätte verhindern wollte.

Im übrigen verwaltete die Church Missionary Society auch das Gebäude Kânch Mahall (“Glaspalast”), das nicht weit entfernt von Akbars Grabbau ist. Man vermutet, dass es als Grabmal für eine von Dschahângîrs neunzehn (!! ) Ehefrauen gedacht war.

Nicht Seite an Seite?

An dieser Stelle wird häufig diskutiert, warum denn die Ehefrauen nicht zusammen mit ihren Ehemännern bestattet wurden. Hamîda Bâno ist beispielsweise zusammen mit Akbars Vater Humâyûn (st. 1556) bestattet, aber das ist die Ausnahme. Keine der Hauptfrauen Akbars wurde mit ihm zusammen bestattet: Maryam uz-Zamânis Grabstätte wurde bereits erwähnt, Salîma Sultân Begum (st. 1613) wurde in einem Garten in Agra bestattet, so wie sie es selbst angeordnet hatte. Ruqaiya Begum (st. 1626) wurde zusammen mit ihrem Vater Hindal Mîrzâ (st. 1556) in Kabul beerdigt.

Doch nun zurück zu Akbars Grabstätte. Bei den mongolischen und tatarischen Herrschern, auf deren Linie Akbar sich zurückführte, war es üblich, dass man bereits zu Lebzeiten mit dem Bau seiner Grabstätte begann. Akbars Vater Humâyûn hatte diese Tradition (vielleicht aufgrund seines Exils) erst spät halten können, somit ließ seine Witwe Hamîda Begum sechs Jahre nach dem Tod ihres Mannes das heute noch in dieser Form existierende Grabmal errichten. Dieses Grabmal zählt meiner Ansicht nach zu den interessantesten Sehenswürdigkeiten Delhis.

Bruch mit architektonischen Traditionen

Akbar begann ebenfalls zu Lebzeiten mit der Konstruktion der Grabanlage, die die flächenmäßig größte Grabanlage Indiens ist. Und auch ansonsten ist sie sehr ungewöhnlich, da sie mit den Traditionen des Grabbaus Indiens bricht.

Akbar selbst veranlasste diesen Bau, ob er jedoch auch den ungewöhnlichen Baustil allein befahl, ist nicht mehr zu klären.

Das Grabmal befindet sich in einer großen Parkanlage, die nach dem persischen Prinzip des châr bagh (vierteiliger Garten) gestaltet ist. Der châgh bâgh symbolisiert mit seinen Wasserspielen, Grünanlagen und den dort lebenden Tieren die koranische Beschreibung des Paradieses. Auch in der heutigen Grabanlage leben noch viele Tiere – wie z.B. Pfauen, Affen und die obligatorischen Streifenhörnchen, die sich überall in Parks und Grünanlagen finden. In einer Torinschrift heißt es “Dies sind die Gärten des Paradieses – tritt ein und lebe ewig”.

Durch das Torhaus, das in seiner bestehenden Form von Akbar geplant wurde, kommt man zum eigentlichen Grabbau. Das Torhaus ist durch seine vier Minarette (châr minâr), wie man sie auch aus Hyderabad kennt, sehr interessant und für die Zeit architektonisch ungewöhnlich.

Noch ungewöhnlicher ist der Grabbau selbst: er besteht aus fünf Stockwerken und ist nach oben offen – normalerweise haben Gräber eine Kuppel. Architekten und Kunsthistoriker sind sich einig, dass sich hier buddhistische und hinduistische Einflüsse wieder finden lassen.

Im obersten Stockwerk steht ein großer Sarkophag, der mit einer marmornen, reich geschmückten Schreibschatulle verziert ist. Die Schreibschatulle ist ein Symbol dafür, dass es sich bei dem Toten um einen einflussreichen Mann handelte.

Die Grabkammer

Der Sarkophag ist ein so genannter Kenotaph, er enthält keine sterblichen Überreste und dient der Erinnerung. Das eigentliche Grab befindet sich unter dem Grabmal in der Erde. Neben Akbars Kenoph befinden sich zwei kleinere Kenotaphen, denn mit Akbar zusammen sind zwei seiner drei Töchter Shakar un-Nisâ und Ârâm Bâno bestattet.

Ich hoffe, dass es klar wurde, dass Akbars Grab in einigen Aspekten sehr ungewöhnlich ist. Es spiegelt Akbars ebenfalls ungewöhnliche (Religions-)Politik wider. Akbar begann mit der Realisierung des Grabmales vor seinem Tod im Jahr 1605, aber es dauerte acht Jahre, bis sein Sohn und Nachfolger Dschahângîr (st. 1627) die Arbeiten vollendete. Auf wen nun die außergewöhnliche Architektur zurückgeht – Akbar, Dschahângîr oder den unbekannten Architekten – lässt sich nicht endgültig ermitteln und wird vielleicht nie abschließend geklärt werden.

Literatur: Siehe das im Beitrag erwähnte Werk von Smith

Beitragsbild: Das Beitragsbild unterliegt der Wikimedia Commons licence 2.0

Hier geht es zu unseren Beiträgen zur Geschichte der Moguln

Tod und Trauer im Islam, Teil 1 und Teil 2

 

Iltutmishs Sinn für Gerechtigkeit

In einem älteren Beitrag über den Herrscher Iltutmish (st. 1236), der über 25 Jahre das Delhi Sultanat regierte, hatte ich bereits von seinen Fähigkeiten als Herrscher und seinem Sinn für Gerechtigkeit berichtet. Letztere Eigenschaft hatte ihn wohl auch darin bestärkt haben, seine Tochter Razia Sultan zu seiner Nachfolgerin zu machen, nicht einen seiner Söhne.

Dass Razias Bruder Rukn ud-Dîn zunächst die Macht ergriff und als Marionette seiner Mutter Shâh Turkân auf dem Thron saß, ist eine andere Geschichte.

Zurück zu Iltutmish. In den Quellen gibt es eine Legende über seinen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn: so soll er ein Edikt erlassen haben, dass an jedem Freitag, der für Muslime der mit dem Sonntag der Christen vergleichbare (Feier-)Tag der Woche ist, Recht gesprochen würde. Jeder seiner Untertanen, der sein Anliefen vortragen wollte, konnte freitags vor am Herrscher erscheinen.

Als Zeichen dafür, dass ihm (dem Untertan) Unrecht angetan wurde, sollte dieser bunt gefärbte Kleidung tragen.

Hintergrund ist, dass (männliche) Inder zumeist weiße Kleidung trugen, nämlich eine weiße Pyjama Kurta. Wenn Iltutmish auf seinem Pferd an der wöchentlichen Versammlungen seiner Untertanen zum Freitagsgebet vorbei ritt, konnte er diejenigen in gefärbten Kleidern einfach in der Menge ausmachen.
Das Anziehen von farbiger Kleidung bedeutete auch symbolisch, dass die Hindus das islamische Recht anerkannten bzw. sich der Rechtsprechung unterwarfen.
Eine interessante Frage ist, ob diese Regelung der Vorsprache vor dem Herrscher auch für Frauen galt, denn in Indien tragen lediglich Männer weiße Pyjama Kurtas – für Frauen ist weiße Kleidung eher ungewöhnlich. Weiße Saris werden von fast ausschließlich von Witwen getragen, da weiß in Asien als Farbe der Trauer gilt.

Iltutmishs Maßnahme, die für etliche Untertanen mit Sicherheit eine Verbesserung ihrer persönlichen Situation war, trug somit auch zur Verbreitung des islamischen Rechts in Indien bei. Sie ist somit nicht zu unterschätzen.

Für Razia Sultan war ihr Vater ihr wichtigstes Vorbild. Als Rukn ud-Dîn Razias jüngsten Bruder töten ließ, trat Razia in gefärbten Kleidern vor die Menge. Die Elite der türkischen Generäle war ebenso anwesend.
Razia beklagte öffentlich, dass ihr Bruder seinen eigenen Bruder getötet habe, und dass er wahrscheinlich plante, sie zu töten.

Die türkischen Adeligen berieten sich nach dieser Rede Razias – und entschieden, nun Iltutmishs Befehl (farmân) zu befolgen, und Razia Sultan zur Herrscherin zu machen. Rukn ud-Dîn und seine Mutter Shâh Turkân wurden hingerichtet. Somit trat Razia 1236 die Nachfolge ihres Vaters an und setzte dessen Ideen von gerechter Herrschaft weiter um.

Literatur:

Rafiq Zakaria: Razia: Queen of India. s.l., 1966.

Das Beitragsbild unterliegt der Wikimedia Commons License und zeigt ein indisches Mädchen in Pyjama Kurta.

Das Ende von mehr als 50 Jahren Herrschaft: Akbars Tod

Der Mogulkaiser Akbar (geb. 1542) galt als der bedeutendste Herrscher des Mogulreiches. Nicht ohne Grund war Dschalâl ud-Dîn Muhammad bereits zu seinen Lebzeiten als “der Große” bekannt.

Die Länge seiner Herrschaft machte sicherlich einen Teil seines Ruhmes aus: 1556 trat Dschalâl ud-Dîn als Teenager die Nachfolge seines Vaters Humâyûn an. Knapp 50 Jahre lang bestimmte Akbar die Geschicke des Mogulreiches.

Versuchter Giftmord?

Diese lange Regierungszeit ist auch insofern erstaunlich, als dass Intrigen, Rebellion und Mordanschläge im Mogulreich nicht unbekannt waren.

1591 gab es Gerüchte, dass Prinz Salîm / der spätere Herrscher  Dschahângîr versucht habe, seinen Vater zu vergiften. Akbar erkrankte an einer Durchfall und Fieber. Akbars berühmter Wesir und Geschichtsschreiber Abû l-Fazl, Autor des Akbarnâmas, unterstützte indes die These, dass der junge Prinz Salîm nicht auf einen natürlichen Tod seines Vaters warten wollte.

Diese Vorwürfe waren einer der Hauptgründe für das Zerwürfnis zwischen Salîm und Abû l- Fazl. Salîm ließ seinen Widersacher 1602 auf dessen Reise vom Dekkan-Plateau nach Delhi ermorden.

Akbar erfreute sich jedoch bald wieder einer stabilen Gesundheit – wahrscheinlich handelte es sich bei dem Vorfall von 1591 um eine einfache Lebensmittelvergiftung. Die Enttäuschung Akbars über die mögliche Tat seines Sohnes blieb jedoch groß und verstärkte sich, als Salîm 1600 offen gegen in rebellierte.

Wer soll der Nachfolger werden?

Spätestens von diesem Zeitpunkt an überlegte Akbar, seinen Sohn Salîm bei der Thronfolge zu übergehen und stattdessen seinen Enkel Khusrau Mîrzâ (geb. 1587) auf dem Thron zu installieren. Scheinbar belastete Akbar diese Nachfolgefrage schwer.

In den letzten Septembertagen 1605 arrangierte Akbar einen Elefantenkampf: Salîms preisgekrönter Elefantenbulle Giranbar trat gegen Khusraus Bullen Abrup an – und Khusraus Bulle verlor.

Akbar suchte scheinbar ein Vorzeichen in diesem Kampf, trug sich aber dennoch schwer, eine Entscheidung öffentlich zu verkünden. Stattdessen erkrankte er erneut an schweren Durchfällen und Fieber.

In Salîms Memoiren, dem Jahângîrnâma, erfahren wir im Vorwort (S. 17, :

Am Montag, dem 20. Jumada I 1014 (23. September 1605) geriet das Temperament Seiner Majestät aus dem Gleichgewicht und es entwickelte sich ein hohes Fieber, das in starken Durchfällen endete.

Interessant ist hier, dass die Erklärung für Akbars Erkrankung aus der graeco-islamischen Medizin (Unani Medizin) stammt, die Gesundheit als das Gleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Phlegma definiert. Auch die Behandlung wurde von einem Hakîm, einem Praktizierenden der Unani Medizin, übernommen. Es wird schließlich gesagt, dass eine Heilung nicht möglich war, da Akbars Zeit gekommen war, und somit jegliche Behandlung zwecklos.

Schließlich starb Akbar am 16. Oktober 1605. Tage zuvor hatten die portugiesischen Jesuiten ihm einen offiziellen Besuch abgestattet und realisiert, dass dem Herrscher nicht mehr viel Zeit blieb. Die Legende, dass Dschahângîr von seinem Vater kurz vor dessen Tod einen Turban als Symbol der Machtübernahme erhielt, kann auch nicht bestätigt werden.

Dschahângîr berichtete, dass seine Söhne Khurram und Khusrau kurz vor Akbars Tod beide versuchten, die Macht zu erlangen. Er bezeichnete sie beide als unwürdig – was natürlich seiner eigenen Sichtweise entspricht. Der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Akbar und Salîm setzte sich  zwischen Salîm und seinen Söhnen fort.

Letzten Endes kann auch nicht geklärt werden, ob Salîm (oder Khurau) nicht doch für den Tod Akbars verantwortlich war. Dieses Rätsel kann wohl nicht mehr gelöst werden.

Literatur:

Collier, Dirk: The Great Mughals and Their India. (Kindle Edition)

Das Beitragsbild, ein Portrait Akbars, ist gemeinfrei.

Jodha Bais Schiffe: Maryam uz-Zamânîs Handelsaktivitäten

In der Serie Jodha Akbar werden Jodhas (auch bekannt als Maryam uz-Zamânî) Aktivitäten im internationalen Gewürzhandel des Moghulreiches thematisiert. Akbar vertraute seiner Frau so sehr, dass er ihr in politischer und sogar in militärischer Hinsicht vertraute. So hatte Akbar Jodha die Befehlsgewalt über 12.000 Kavelleriesoldaten erteilt. Diese Anzahl von Soldaten war größer als andere Mitglieder der Hofelite befehligten.

Jodha Bais/ Maryam uz-Zamânîs Einfluss

Zudem besaß Jodha ein königliches Siegel, mit dem sie auch ohne Zustimmung Akbars einen Befehl bzw. Erlass (Perisch: nishân) unterzeichnen konnte. Mehrere dieser Erlasse sind noch heute erhalten.

Doch vor allem wurde Jodha/ Maryam uz-Zamânî dafür bekannt, dass sie den Gewürzhandel des Mogulhofes mit verschiedenen Reichen (z.B. mit dem Osmanischen Reich) bestimmte. Jodha Bai verfügte über mehrere Schiffe, mit denen sowohl Waren als auch Passagiere befördert wurden. Die meisten der Schiffe liefen die jemenitische Hafenstadt Muchâ an, die bis zum 17. Jahrhundert DAS Zentrum des Kaffeehandels in Arabien war. Von dem Namen der Stadt leitet sich im übrigen das Wort Mokka ab, obwohl der Kaffee dort nicht produziert wurde, sondern von dort in die weite Welt verschifft wurden.

Doch Mocha war nicht nur ein Zentrum des Kaffeehandels, sondern auch ein wichtiger Anlaufhafen für Pilger, die in Mekka die rituelle Pilgerfahrt des Islam (hajj) durchführen wollten. An Bord von Jodhas Schiffen befanden sich zumeist auch zahlreiche Menschen aus Indien, die die hajj oder die kleine Pilgerfahrt (‘umra) außerhalb des Pilgermonats Dhu-al-hijja.

Ein Vorfall mit den Portugiesen

Unter der Herrschaft von Akbars und Jodhas Sohn Dschahângîr (reg. 1605-1627) erregte der erfolgreiche Handel seiner Mutter die Aufmerksamkeit (und den Neid) englischer Geschäftsleute, die ebenfalls in Indien und den arabischen Ländern handelten.

Der britische Geschäftsmann und Gesandte William Finch (st. 1613) handelte selbst mit Jodha Bai und erhoffte sich den Erfolg einer Handelsmission Jodhas, bei der Indigo gehandelt werden sollte. So schrieb er (Übersetzung aus dem Englischen CP):

Die Mutter des Mogulkaisers sowie andere, die nach ihren Anweisungen und unter ihrer Ägide Handel betrieben, verfügten zu dieser Zeit über ein Schiff , das ihr (i.e. Jodha Bai, C.P) gehörte, und das für eine Handelsmission nach Mocha beladen war.

1613, also acht Jahre nach Akbars Tod, geriet das Mogulreich in Konflikt mit den Portugiesen, als portugiesische Piraten ein Handelsschiff Jodhas beschlagnahmten. Auf dem Schiff befanden sich wertvolle Güter und viele Passagiere, die nach Mekka pilgern wollten.

Das Ganze passierte, obwohl das Schiff auch portugiesische Papiere besaß, die eine sichere Fahrt garantierte. Bis 1615 machten die Portugiesen keine Anstalten, das Schiff und die Waren zurück zu geben. Dschahângîr reagierte mit Gegenmaßnahmen: Er ließ die Kirche in Agra schließen und strich den Jesuiten die Privilegien, die sie genossen hatten.Daraufhin wurde endlich eine Vereinbarung geschlossen.

Der britische Diplomat Sir Thomas Roe (st. 1644) berichtete darüber (Übersetzung aus dem Englischen von CP:)

Am 7. Juni 1615 wurde unter der Vermittlung des Jesuiten Javier, von Mukarrab Khan und Gonzalo Pinto da Fonseca ein vorläufiger Friedensvertrag geschlossen, welcher laut Vereinbarung dem Mogulherrscher und dem Vizekönig zur Ratifizierung innerhalb von fünfzig Tagen vorgelegt werden sollte. Unter anderem wurde vereinbart, dass die Engländer aus Surat vertrieben werden sollten … Die portugiesische Währung (?), die konfisziert worden war, wurde zurückgegeben, nachdem 70.000 Xerafine als Kompensation für die Handelswaren, die von den Portugiesen beschlagnahmt worden waren, abgezogen worden war. Die Portugiesen mussten ein Schiff an die Königinmutter als Ersatz für das verbrannte geben.

Das Beispiel Jodha Bais zeigt, wie einflussreich einige Frauen am Mogulhof werden konnten. Sie verfügten über eigene finanzielle Mittel, die sie unabhängig vom männlichen Einfluss einsetzten.

Insgesamt sollte die Rolle von (muslimischen) Frauen im Wirtschaftsleben sollte in jedem Falle weiterhin erforscht werden.

Literatur:

Mukherjee, Soma: Royal Mughal Ladies and their Contributions. Delhi 2001.

Das Beitragsbild ist Public Domain:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_princess_practices_calligraphy.jpg.

Redaktionelles

Da uns die Wirren der DSGVO uns gezwungen haben, die Persophonie für einige Wochen offline nehmen zu müssen, haben wir die Zwangspause dazu genutzt, hier die Strukturen zu überarbeiten und einiges zu straffen.

Zudem haben wir die Persophonie auf einen eigenen Server gezogen, was die Seite beschleunigen sollte, und uns mehr Möglichkeiten gibt, verschiedene Sachen umzusetzen.

Neben den Kategorien finden Sie auch eine Seite “Specials”, auf der wir besondere Artikelreihen zusammenfassen.

Einige andere Veränderungen werden wir im laufenden Betrieb im Hintergrund vornehmen, wie zum Beispiel eine Optimierung der Größe der Bilder. Gerade für die Leser mit Smartphone ein schönes Feature.

Insgesamt freuen wir uns wieder Online zu seien, und einer Menge neuer Artikel posten zu können. Aber am meisten freuen wir uns, dass Sie uns auch weiterhin lesen.

“I love you” – britische Gesandte am Mogulhof

In der Serie Jodha Akbar gibt es einige Szenen, in denen britische Reisende am Mogulhof gezeigt werden. Akbar (st. 1605) soll von den Briten sogar die englischen Worte “I love you” erlernt haben, um Jodha seine Liebe zu erklären. Auch Jodha hat – laut Machern der Serie Englisch gelernt.

Auf diesem Blog habe ich schon mehrfach etwas über die Einflüsse der portugiesischen Missionare an Akbars Hof geschrieben. Diese hatten das klare Ziel, Prinzen oder sogar den Herrscher selbst zum Christentum zu konvertieren und somit die portugiesische Macht in Asien auszudehnen.

Die englische Königin Elisabeth I. (st. 1603) versuchte die spanisch-portugisische Vormachtstellung einzudämmen und England als beherrschende See- und Handelsmacht zu etablieren.

Vor allem die Händler und Kaufleute (also eben nicht christliche Missionare) sollten den Britieen den Weg nach Indien (und auch nach China) ebnen. So stattete Elisabeth I. den Händler (?) Ralph Fitch (st. 1611)  mit jeweils einem Brief für den Mogulherrscher und den chinesischen Kaiser aus. Fitch machte sich 1583 mit  den Kaufleuten John Newberry und John Eldred, dem Juwelier namens William Leedes und dem Maler James Story auf die Reise in den “Orient”. Seine Mitreisenden wurden von der Handelsgesellschaft Levant Company finanziert. Newberry war der eigentliche Chef dieser Mission.

Über Aleppo und Bagdad gelangte die Gruppe schließlich nach Indien – wo sie jedoch von den Potrugiesen gefangen genommen wurden und an den Vizekönig von Goa als Gefangene geschickt wurden. Dank des Einsatzes eines Jesuiten, der ursprünglich aus England stammte, erlangten alle ihre Freiheit wieder. Fitch reiste mit Newberry und Leedes weiter nach Agra, wo das Rote Fort kurz vor seiner Vollendung stand. Kurz darauf reisten sie bereits weiter nach Fatehpur Sikri, wahrscheinlich, da sich Akbar dort aufhielt.

Fitch und seine Mitreisenden waren beeindruckt von Agra und Fetehpur Sikri, was sie als erheblich größer und bevolkerungsreicher als Londen beschrieben.

Ganz besonders besonders beeindruckt war Fitch jedoch von der Größe des gesamten kaiserlichen Haushaltes. So berichtete er von

1000 Elefanten, 30000 Pferde, 1400 zahme Rehe, 800 Konkurbinen

und unzählige Tiger, Büffel und andere Wildtiere.

Interessant ist natürlich, dass die 800 Konkurbinen in einer Reihe mit den Tieren des Hofes genannt werden.

Über seinen eigenen Empfang am Hofe berichtet Fitch interessanterweise nichts. Es erscheint also fraglich, ob er überhaupt von Akbar empfangen wurde… Somit wissen wir auch nicht, ob der Brief, den Königin Elisabeths geschrieben hatte, Akbar überhaupt jemals erreichte.

Was wir allerdings wissen, ist, dass der Juwelier William Leedes laut Aussagen Fitchs in die Dienste Akbars eintrat und mit einer großen Summe Geldes, einem Pferd, und einem Haus von Akbar großzügig versorgt wurde.

Newberry hingegen, der über Lahore die Heimreise nach England antreten wollte, wurde im Punjab ermordet.

Fitch jedoch kehrte 1597 wohlbehalten nach England zurück. Seine Erfahrungen als Händler und Reisender stellte er der britischen Regierung zur Verfügung. Sie flossen beispielsweise in die Gründung der East India Company ein.

Die Episode von Akbar, der von britischen Gesandten Englisch lernte, bleibt eine nette Bollywood Anekdote. Aber vielleicht finden sich ja eines Tages doch noch Quellen, die das belegen? Wer weiß…

Das Beitragsbild zeigt das Porträt des Mogulherrschers Akbar von Manohar. Es unterliegt der Wikimedia Commons Licence.

 

 

 

 

 

Betty Mahmoody – Nicht ohne meine Tochter

Heute noch einmal ein rebloggter Beitrag, bevor ich Ihnen dann hoffentlich neue eigene Inhalte vorzustellen habe.

Ich dachte, wie machen es dieses Mal ausnahmsweise etwas politischer und kontroverser und schauen uns eine Rezension zu Betty Mahmoodys unsäglichem Buch “Nicht ohne meine Tochter” an. Es gäbe dazu natürlich vieles zu sagen.

Ich möchte mich hier aber auf die Anmerkung beschränken, daß dieses Machwerk (das Buch, nicht die Rezension) schon durch innere Widersprüche zeigt, in welchem Geiste und zu welchem Zwecke es verfaßt worden ist.

Beispiel: An einer Stelle wird erwähnt, daß aufgrund der täglichen Morgendusche bei den Verwandten des Ehemannes in Iran der Eindruck entsteht, daß das Paar in der Nacht Verkehr hatte (weil das für Muslime nämlich das Erfordernis einer rituellen Ganzkörperwaschung nach sich zieht). An anderer Stelle heißt es dann (ich glaube, im Zusammenhang mit dem Nourûz-Fest): “Einmal im Jahr nimmt jeder Iraner ein Bad.”

Aber es gibt auch Kollegen, die sich ausführlicher mit dem Buch befaßt und es unter verschiedenen Aspekten analysiert haben mit dem Ergebnis, daß es eine sehr gezielt (und tendenziös) mit allerhand rhetorischen Mitteln gestaltete Geschichte ist – dadurch natürlich gut zu lesen, aber dummerweise ist nicht mehr erkennbar, was sich denn nun tatsächlich wie zugetragen hat. Schade eigentlich, daß sich dieser “Erfahrungsbericht” selbst so diskreditiert.

Auch das Selbstbild der Amerikanerin als Angehörige einer “friedliebenden Nation”, die nicht verstehen kann, wieso die Iraner so versessen sind, Krieg zu führen (!), hat vor dem Hintergrund heutiger Erfahrungen fast schon komischen Charakter.

Nicht zu vergessen, daß die “Autorin” (sie hat das meines Wissens nicht selbst geschrieben) sich zu Beginn des Buches auffällig hartnäckig weigert, zur Kenntnis zu nehmen, daß sie mit einem Mann aus einer anderen Kultur verheiratet ist. (Wer auch nur die geringste Erfahrung mit interkulturellen Beziehungen hat, schlägt schon an diesen Stellen die Hände über dem Kopf zusammen und weiß, daß das selbst unter besten Umständen auf Dauer wohl nicht gutgehen wird.) Das berechtigt den Ehemann natürlich nicht, seine Frau gegen ihren Willen in seiner Heimat festzuhalten. Aber wer weiß schon, was damals wirklich vorgefallen und wie die ganze Geschichte abgelaufen ist?

Kurz gesagt: Ich finde diese Rezension insgesamt noch zu positiv und unkritisch, aber für jemanden, der möglicherweise nie in Iran war und vielleicht keine tieferen Einblicke in die Kultur hat und auch keine literaturwissenschaftliche Analyse durchführen konnte, ist sie beachtlich ausgewogen.

Lassen Sie mich wissen, was Sie davon halten und ob Sie mehr zu diesem zugegebenermaßen schon etwas abgestandenen und womöglich nicht mehr relevanten Thema lesen möchten.

Jagat Gosain: war sie die “wahre Jodha Bai”?

Jedes Mal, wenn die (Liebes-)Geschichte der hinduistischen Rajputen-Prinzessin und dem muslimischen Mogulherrscher Akbar (st. 1605) wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt, gibt es Streitigkeiten um die wirkliche Existenz von Jodha Bai. So ist das bereits beim Film Jodhaa Akbar von A. Gowariker (2008) und so passiert es wieder bei der Fernsehserie Jodha Akbar von Ekta Kapoor (2013-15).

Kurz zusammengefasst ging es darum, dass die Rajputen von den Moguln, den muslimischen Eroberern besiegt wurden – und diesen Sieg ihrer Gegner damit besiegelt haben, indem sie ihre Töchter mit den Moguln verheiratet haben. Dadurch sei die rajputische Kultur geschwächt und dem Islam untergeordnet worden – auch dadurch, dass die Kinder aus diesen Verbindungen als Muslime aufwuchsen. In dieser Auseinandersetzung über die indische Geschichte wurde von rajputischer Seite behauptet, dass Akbar niemals eine Ehefrau namens Jodha Bai hatte.

Es zutreffend, dass erst britische Quellen des 19. Jahrhunderts von einer Ehefrau Akbars namens Jodha Bai sprachen. In den zeitgenössischen Quellen ist eine hinduistische Ehefrau Akbars namens Hina Kunwarî überliefert, die als Maryam uz-Zamânî bekannt war.

Jagat Gosain – Jodha Bai

Doch eine andere Frau kannte man ebenfalls als Jodha Bai (Jodhâ Bâ’î) – und ihr Name ist in der Tat in den zeitgenössischen Quellen erwähnt: es handelt sich um Jahângîrs (Dschahângîrs) Ehefrau Jagat Gosain (Dschagat Gosain). Jagat Gosain wurde 1573 in Jodhpur geboren. Ihr Vater war der als “Motâ Râja” (Fetter König) berühmte Herrscher Udai Singh von Marwar (st. 1895). Marwar wurde später als Jodhpur bekannt, wodurch eine Verbindung zum Namen Jodha Bai gegeben ist.

Wie viele Rajputen musste sich Jagat Gosains Vater militärisch dem Mogulreich geschlagen geben. Er vereinbarte, dass seine Tochter zu einem späteren Zeitpunkt Akbars Sohn Salîm, den späteren Herrscher Jahângîr (reg. 1605-27), heiratete.

Eine politische Heirat

Dieses geschah im Jahr 1586, als Jagat Gosain 13 Jahre, Salîm 16 Jahre alt war. Jagat Gosains Vater hatte die Herrschaft über sein Reich bereits 1583 zurück erhalten.

Salîm war zu diesem Zeitpunkt bereits mit seiner Cousine Mân Bai verheiratet. Diese war, wie in einem anderen Beitrag auf diesem Blog bereits geschrieben, als launisch und sogar depressiv bekannt. Jagat Gosain jedoch war als sehr schön, gewitzt und klug bekannt. In den ersten Jahren ihrer Ehe widmete Salîm Jagat Gosain zunächst sehr viel Aufmerksamkeit. Dann schien er jedoch das Interesse an ihr zu verlieren – zumindest zeitweise. Den Titel der ersten Hauptfrau Jahângîrs erhielt Sâliha Bâno Begum (st. 1620), die er 1608 geheiratet hatte.

Jagat Gosain brachte drei Kinder zur Welt, zwei Töchter und einen Sohn. Ihre erste Tochter, Begum Sultân, starb 1591 im Alter von nur einem Jahr. Die zweite Tochter starb 1597 – wahrscheinlich wurde sie nur wenige Tage alt.

Khurram – der abwesende Sohn

Von besonderer Bedeutung war jedoch der einzige Sohn des Paares, Khurram (Persisch: Freude), der spätere Herrscher Shâh Jahân (reg. 1628-1658). Schon während der Schwangerschaft war der Legende nach Akbars Hauptfrau Ruqaiya Begum im Schlaf geweissagt worden, dass das ungeborene Kind einmal eine große Persönlichkeit werden würde. Aus diesem Grund übergab Akbar seinen Enkel sechs Tage nach der Geburt an Ruqaiya Begum zur weiteren Erziehung. Jagat Gosain wurde ein königliches Geschenk von kostbaren Juwelen als “Abfindung” gezahlt.

Khurram kehrte erst mit vierzehn Jahren in Jahângîrs Haushalt (= harem) und somit zu seiner Mutter zurück. Die Beziehung zu Ruqaiya Begum blieb indes eine besondere.

Wie Jagat Gosains Beziehung zu ihrem Gatten und ihrem Sohn wirklich war, lässt sich nicht wirklich anhand der Quellen klären. Legendär ist allerdings die Rivalität zwischen ihr und der zwanzigsten Ehefrau Jahângîrs, Nûr Jahân Begum (st. 1645). Sie war wohl die einzige Frau, die Jagat Gosain wirklich gefährlich werden konnte. Einer Legende nach war Jahângîr mit Nûr Jahân und Jagat Gosain auf einer Jagd, als die Gruppe plötzlich auf einen Löwen. Ohne zu zögern griff Jagat Gosain nach einer Waffe und erschoss den Löwen. Jahângîr lobte ihren Mut und ihre Tapferkeit. Es gibt noch andere Legenden, die die Rivalität Nûr Jahâns und Jagat Gosains schildern.

Jagat Gosain starb 1619 in Agra mit knapp 46 Jahren. Ihr Grab wurde 1832 von den Briten gesprengt, um die Steine als Baumaterial zu verwenden.

Jagat Gosain wurde nicht nur als Jodha Bai, sondern auch als Bilqîs Makânî bekannt, wobei der Name Bilqîs auf die Königin von Saba anspielt. Sie war eindeutig eine Jodha Bai, ob sie die einzige war, müssen weitere Forschungen zeigen.

Beitragsbild: Das Beitragsbild zeigt ein Porträt von Jagat Gosain, Maler und Entstehungsjahr unbekannt. Das Bild ist unter der Public Domain Lizenz.

 

Fr-So, 20.-22.4.2018 – Urmia-Marivan-Paveh-Kermanshah (Kordestan)

Heute habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie.

Die schlechte Nachricht ist:
Da ich mal wieder für eine Semester eine Professur vertrete (dieses Mal in Tübingen), bin ich seit Semesterbeginn noch knapper mit der Zeit als sonst immer. 😉

Die gute Nachricht hat zwei Teile:
1) Ich experimentiere wie üblich mit Unterrichtsformaten und behandle in einem Seminar “Problemfelder der Islamwissenschaft” – oder besser: Ich lasse die Studenten ihren Interessen entsprechend einige dieser Problemfelder bearbeiten. Das wird sehr spannend werden. Deshalb werde ich Ihnen über einige unserer Diskussionen berichten. Vielleicht können wir sie ja hier fortführen.

2) Heute möchte ich Ihnen einen Blog mit faszinierenden Berichten und eindrucksvollen Bildern von einer Motorradreise nach Iran vorstellen. Ich hoffe, Sie haben Freude an dem Beitrag, den ich ausgesucht habe.

Nur damit keine Mißverständnisse entstehen: Selbstverständlich wird in Iran auch auf nicht-kurdischen Hochzeiten getanzt. Allerdings nicht unbedingt die unter Kurden üblichen Kreistänze, die den Vorteil haben, daß man leicht mitmachen kann.

Ach ja, und schauen Sie sich das Bild vom Badezimmer in einem der Hotels an! Das ist tatsächlich eine gängige Lösung für Leute, die aus welchen Gründen immer (manche Menschen sind z.B. im höheren Alter nicht mehr so beweglich) nicht mit den nach wie vor verbreiteten Plumpsklos zurechtkommen.

Viel Vergnügen beim Lesen und bis bald! 🙂

Männlich, weiblich, drittes Geschlecht? Hijras am Mogulhof

In der Bollywood-Serie Jodha Akbar sind sie sehr präsent: Hoshiyar Khan (Ashok Devaliya) und Resham Khan (Manoj Singh), die beiden “Eunuchen” in Akbars Harem. In der Serie werden sie als extrem loyal gegenüber ihren Herrinnen (Ruqaiya Begum und Mâham Anga) dargestellt: sie teilen deren Geheimnisse und greifen auch bei Palastintrigen in das Geschehen am Hofe ein.

Hijra oder Khwaja saras?

Diese Darstellung kommt wohl auch der Realität des Mogulhofes sehr nahe. Das Wort Eunuchen habe ich oben erst einmal in Anführungszeichen gesetzt, weil es eben nicht immer zutreffend ist. Der Urdu-Ausdruck lautet hijra – das Wort stammt aus dem Arabischen und hat die Bedeutungen “auswandern”, “mit jemandem/etwas brechen”   “verstoßen”. Hijra wurde bei der Übersetzung historischer Texte fast immer mit Eunuch übersetzt, gelegentlich auch mit Hermaphrodit. Der Begriff hijra kennzeichnet heutzutage in indischen Medien oder wissenschaftlichen Texten sowohl Eunuchen als auch Transsexuelle und Intersexuelle. Ein anderer Begriff ist koti, wörtlich “unmännlich” oder – eher negativ – “weibisch”.

Die Gemeinschaft der hijras zieht es vor, als khwaja sara bezeichnet zu werden. Der Begriff  kenntzeichnete den obersten Eunuch am Mogulhof und war mehr als ein Titel als eine Bezeichnung. Ich verwende hier in diesem Blogbeitrag beide Bezeichnungen – ohne jedoch eine Wertung vorzunehmen.

Hijras sind zumeist mit vorwiegend männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, kleiden sich aber weiblich (mit Sari oder salwar qameez). Einige von ihnen unterziehen sich bereits in ihrer Kindheit oder Jugend einer Vollkastration – das heißt: einer kompletten Entfernung der männlichen Genitalien. Diese Operation ist als nirwan bekannt.

Auf die Organisation der hijras in ihren Gemeinschaften soll hier nicht eingegangen werden. Interessant aus islamwissenschaftlicher Perspektive ist, dass die meisten khwaja saras sich als Muslime betrachten. Sie halten sich an die fünf Säulen des Islam, beispielsweise führen sie auch die Pilgerfahrt nach Mekka (hajj) durch. In Delhi (Mehrauli) gibt es einen Sufi-Schrein (Hijron ka Khanqah), an dem Miyan Saheb von den hijras verehrt wird. Unbestreitbar ist, dass die khwaja saras auch hinduistische Rituale praktizieren.

Im Mogulharem

Am Mogulhof hatten die khwaja saras unter anderem die Aufgabe, im Harem die weiblichen Verwandten, Sklavinnen und Dienerinnen des Mogulherrschers zu beaufsichtigen. Sie eigneten sich besonders gut, weil es keinem Mann außer dem Kaiser gestattet war, den Harem zu betreten.

Doch wie wurde man khwaja sara am Mogulhof? Das Schicksal eines khwaja saras am Hof Schâh Dschahâns gibt uns Auskunft darüber: I’tibâr Khân wurde als Junge geboren, von seinen Eltern an eine hijra Gemeinschaft verkauft und dort der Operation nirwan unterzogen. Er erlangte großen Einfluss als Vertrauter von Shâh Dschahâns Sohn Aurangzeb (st. 1707 ). Als Schâh Dschahân seinen Vater entmachten und einkerkern ließ, bewachte I’tibâr Khân den ehemaligen Herrscher und gab regelmäßige Berichte an Aurangzeb. Im übrigen litt I’tibâr Khân jedoch darunter, zum hijra gemacht worden zu sein – er ließ seine Eltern, die ihn einst in die Sklaverei verkauften, auspeitschen, als sie ihren Sohn in Agra besuchten.

Schâh Dschahân hatte den berühmten Khwaja sara Firoz Khân als obersten Haremswächter beschäftigt, doch es gab auch khwaja saras, die einen Rang in der Verwaltung oder im Militär bekleideten.

Europäer, die den Mogulhof besuchten, waren gegenüber khwaja saras eher negativ eingestellt. Der berühmte Reisende Niccolo Manucci (st. 1717),  der sich am Hof Schâh Dschahâns und Aurangzebs aufhielt, beichnete khwaja saras als “eine Art von Tier” . Sie seien gierig nach Gold und feiner Kleidung und zudem äußerst arrogant.

Die negative Haltung der Europäer gegenüber khwaja saras setzte sich in der Kolonialzeit fort, als sie von den Briten als Kriminelle eingestuft.

Den Status, den die khwaja saras unter den Moguln genossen, erlangten sie zu ihrem eigenen Bedauern bislang nicht wieder. Ihre Gemeinschaft zeigt die kulturelle, religiöse Vielfalt Indiens, die sich auch auf Konzepte von Körper und Sexualität bezog.

Beitragsbild: “Hijra and Companions in Eastern Bengal (ca. 1865)” – Das Bild unterliegt der Wikimedia Commons License.

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