Eine persische Jesusbiographie für Akbar: „Spiegel der Heiligkeit“ (Osterspecial 2018)

Vor zwei Jahren habe ich im Osterspecial über die (einmaligen) Osterfeierlichkeiten am Mogulhof unter Dschahângîr (reg. 1605-1627) gebloggt. Diese Osterfeierlichkeiten folgten auf die Taufe von drei Neffen Dschahângîrs. Dieser hatte sich seit seiner Jugend für das Christentum und die gelehrten Gespräche mit den Jesuitenmönchen am Hof seines Vaters Akbar (reg. 1557-1605) interessiert.

Wie kein anderer Mogulherrscher vor oder nach ihm führte Akbar den Dialog mit allen Religionsgemeinschaften in seinem Reich. Eines der wie ich meine interessantesten (weil fassbarsten und nachhaltigsten) Produkte dieses Dialoges ist eine Geschichte des Lebens Jesu, die auf Persisch verfasst wurde. Das Buch trug den Titel Mir’ât al-quds („Spiegel der Heiligkeit“). Der Autor dieses einzigartigen Buches war der spanische Jesuitenpater Jerôme Xavier (st. 1617).

Zwei Dinge machen das Buch zu etwas ganz Besonderem. Erstens war der Autor der Großneffe von Francis Xavier (st. 1552), der als Leiter der Jesuitenmission länger am Hof Akbars und Dschahângîrs gelebt hatte. Zweitens – und das war noch wichtiger: Mir’ât al-quds wurde quasi auf Bestellung Akbars verfasst. Dass ein muslimischer Herrscher ein Buch über das Leben Jesu‘ bei einem katholischen Mönch in Auftrag gab, war wohl eine einmalige Sache. Schon 1578 hatte Akbar an die Jesuiten in Goa geschrieben und um Zusendung von religiösen Texten gebeten. Später wandte er sich 1582 mit demselben Anliegen an den portugiesischen König Philipp II. (st. 1598). So schrieb Akbar, dass er gehört habe, dass die Bibel, Psalmen und andere Texte ins Arabische und Persische übersetzt worden seien – und dass er darum bitte, dass Übersetzungen oder Originaltexte an ihn gesendet würden.

Wir wissen nichts darüber, ob der Monarch Akbars Bitte nachkam. Akbar beschäftigte sich aber weiterhin mit christlichen Lehren und erließ 1602 ein Dekret, dass Muslime unbehelligt zum Christentum konvertieren konnten. Im selben Jahr überreichte Jerôme Xavier dem Mogulkaiser Mir’ât al-quds.

Wie erfüllte Jerôme Xavier diese Aufgabe eine Biographie Jesu zu verfassen, und wie konnte er vermieden, dass sich religiöse und politische Dispute an Glaubensfragen entzündeten?

Jerôme Xavier griff in seiner Biographie der historischen Figur Jesu‘ auf die Texte des Neuen Testaments zurück, er nutzte aber auch viele apokryphe Texte, also Texte, die keinen Eingang in die Bibel gefunden hatten.

Die Wunder Jesu

Was Akbar an Jesus besonders interessierte, waren dessen besondere, übermenschliche Eigenschaften, seine Wohltaten und seine Wunder. Diese Darstellung von Jesus deckte sich mit den Biographien von islamischen „Heiligen“, den Sufis. Indische hinduistische Literatur (wie das Ramayana) wird ebenfalls von Wunderdarstellungen dominiert. Akbars Autobiographie stellt ebenfalls seine besonderen Taten, seine Fähigkeiten als Herrscher und seine Inspiration von Gott in den Mittelpunkt. Die Illustrationen stellen Akbar häufig mit Heiligenschein dar.

Akbar schien also die Biographie Jesu auch als Quelle seiner Autobiographie zu sehen. Xavier wusste natürlich, dass Akbar versuchte, sich selbst als auserwählter König darzustellen – Parallelen zu Jesus schienen dabei durchaus gewollt. Das hielt Xavier nicht davon ab, Jesus weiterhin als „König der Könige“ zu bezeichnen – was Akbar davon hielt, ist nicht überliefert.

Natürlich stellte Xavier den Kreuzigungstod Jesu und die Wiederauferstehung als grundlegende Lehren des Christentums dar. Die Unterschiede zur islamischen Theologie ließen sich in diesem Punkt auch nicht relativieren.

Maria / Maryam

Xavier stellte aber eine weitere wichtige christliche Lehre in den Mittelpunkt seines Werkes: das Dogma von der Jungfrauengeburt. Maria (Arab. Maryam) wird im Koran mehr als dreißig Mal erwähnt, sie ist die einzige Frau, die im Koran überhaupt genannt wird. Dort wird eine Jungfrauengeburt Jesu ebenfalls erwähnt.

Dass Akbar die Figur Maryams auch besonders schätzte, zeigte er dadurch, dass er seiner Mutter Hamîda Bâno den Titel Maryam al-Makânî (etwa: Maria des Ortes) verlieh – und seiner Hindu-Ehefrau Jodha den Titel Maryam az-Zamânî (Maria der Zeit).

Das Interesse des Herrschers für Jesus und Maria kann letzten Endes nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Jesuiten ein Ziel nicht erreichten: Akbar konvertierte nicht zum Christentum.

Beitragsbild: Jesuiten im Ibadat-khana (Ausschnitt) / See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Literatur: Mir’at al-quds: A Life of Christ for the Emperor Akbar. A Commentary on Father Jerome Xavier’s Tex t andthe Miniatures of Cleveland Museum of Art,
Acc. No. 2005.145 / by Pedro Moura Carvalho. Leiden: Brill 2012.

Ein Überblick über unsere Beiträge zur Geschichte der Moguln

(K)eine Liebe auf den ersten Blick: Akbars Eltern Hamîda Bâno und Humâyûn

Der Mogulherrscher Akbar war Zeit seines Lebens umgeben von starken Frauengestalten, die auch Einfluss auf seine politischen Entscheidungen hatte. Hier sind vor allem seine Ehefrauen Jodha (Maryam uz-Zamânî, st. 1623), Ruqaiya Sultân Begum (st. 1626) und Salîma Sultân Begum (st. 1613) zu nennen.
Doch auch in seiner Elterngeneration war er von starken Frauen umgeben, die auch außerhalb des Harems das Geschehen am Mogulhof und darüber hinaus entscheidend prägten. Zum einen waren das seine Amme Jîjî Anga, die Ehefrau von Akbars Ziehvater Atga Khân, seine Amme Mahâm Anga (st. 1562) sowie seine leibliche Mutter Hamîda Bâno Begum (st. 1604).

Hamîda Bâno wurde ca. 1527 geboren. Ihr Vater war ein einflussreicher schiitischer Gelehrter, der aus Persien an den Hof Bâburs gekommen war. Dort wurde ‚Alî Akbar Jâmi‘ Lehrer von Humâyûns Halbbruder Mîrzâ Hindal.

Humâyûn verlor nach dem Tod seines Vaters Bâburs jedoch die sicher geglaubten Ländereien, die von den Moguln erobert worden waren. Er lebte im Exil und zog mit seinen Truppen durch die Gebiete befreundeter und verbündeter Fürsten.

Ein erstes Treffen

In dieser Situation arrangierte Dildâr Begum, die Mutter Hindals und Gulbadan Begums, ein Festbankett in Hindals Militärlager. Dort traf Humâyûn zum ersten Mal auf Hamiîda Bâno, die zu diesem Zeitpunkt vierzehn Jahre alt war. Es gibt zwei Quellen, die uns von dieser ersten Begegnung berichten: zum einen die Berichte Jawhars, eines Dieners Humâyûns, zum anderen das Humâyûn-nâma, das von Gulbandan Begum verfasst wurde.

Jawhar berichtete, dass Humâyûn Hamîda erblickte und sich erkundigte, ob wer sie sei und ob sie schon einem anderen Mann versprochen sei. Dieses wurde verneint, und Humâyûn kündigte daraufhin an, dass er sie heiraten wollte. Daraufhin fragte Hindal erzürnt, ob Humâyûn gekommen sei, um ihm (i.e. Hindal) die Ehre zu erweisen, oder ob er nur auf Brautschau sei. Er, Hindal, betrachte Hamîda als seine Schwester und Tochter.

Zwischen Humâyûn und Hindal kam es zum Streit in dieser Angelegenheit – man warf sich gegenseitig ungebührliches Verhalten vor. Nur durch die Vermittlung Dildâr Begums sei weiterer Streit der Brüder verhindert worden. Humâyûn und Hamîda wurden umgehend miteinander verheiratet.

Gulbadan Begum, die eine enge Freundin Hamîdas war, schilderte Eheschließung ihres Bruders mit Hamîda ein wenig anders.
Laut Gulbadan Begum war es nicht nur Hindal, der gegen die Ehe Humâyûns und Hamîdas war – sondern vor allem Hamîda selbst. Diese habe sich mehr als vierzig Tage geweigert, in diese Ehe einzuwilligen. Erst dann sei sie bereit gewesen, den Mogulherrscher zu heiraten.

Weibliche Unterstützung

An der Schilderung dieser Episode werden einige Dinge deutlich:

  • Das Verhältnis von Humâyûn und Hindal war in einiger Hinsicht durch Konkurrenz geprägt. Es ist offensichtlich, dass Hindal (übrigens später Vater von Ruqaiya Sultan Begum) selbst Interesse an einer Ehe mit Hamîda hatte. Diese wollte wohl zunächst lieber Hindal als Humâyûn heiraten. Auch in dieser Version ist es Dildâr Begum, die dafür sorgt, dass die Ehe Humâyûns und Hamîdas schließlich zustande kommt.
  • Interessant ist die Rolle der beteiligten Frauen: selbst die vierzehnjährige Hamîda ist laut Gulbadan stark genug, eine Ehe mit dem Padîshâh abzulehnen – und es ist eine Frau, die diese für die weitere Geschichte des Mogulreiches so entscheidende Verbindung schließlich arrangieren kann.

In seinem Beitrag „Perspektiven aus Harem und Heerlager in der frühen Mogulzeit“ in unserem Sammelband Muslim Bodies (Münster 2016, S. 213-238) geht es Nader Purnaqsheband genau um diese Macht der Frauen des königlichen Harems der Mogulzeit. Diese Ergebnisse sind wichtige Erkenntnisse zur Geschichte der Frauen dieser Zeit, die selbstverständlich weiter vertieft und ausgedehnt werden sollten.

Bildnachweis:

See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

Und wieder naht Nourûz

Auch dieses Jahr haben wir schon einige Tage vor dem iranischen Neujahrsfest auch hier in Deutschland frühlingshaftes Wetter – zumindest wo ich lebe.

Nourûz, das iranische Neujahrsfest, wird zum Frühlingsbeginn gefeiert, also rund um den 21. März. Dieses Jahr liegt der Jahreswechsel – tahvîl-e sâl – auf dem 20. März, also nächsten Dienstag.

Für diejenigen, die es genau verfolgen möchten, gibt es wie jedes Jahr einen Countdown und darunter eine Liste mit den Uhrzeiten des Jahreswechsels in verschiedenen Städten rund um die Welt:

http://www.7seen.com/

Vor Nourûz findet traditionellerweise ein großer Frühjahrsputz statt. Außerdem setzt man die Samen für das sabze an – das sind Getreide- oder Linsensprossen, deren gedeihen als Omen für die Ernte des kommenden Jahres gedeutet wird. Dieses „Grünzeug“ – das ungefähr bedeutet sabze – wird zusammen mit 6 weiteren Gegenständen, deren Bezeichnungen mit „sîn“ (scharfem s) anfangen, auf dem Haft-Sîn drapiert.

Und so kann das aussehen, wenn man es richtig macht:

Haft-Sîn zu Nourûz

Um das Goldfischglas entspinnt sich übrigens auch die Geschichte in dem iranischen Film „Der weiße Ballon“ des Regisseurs Jafar Panahi von 1995, der damals in Cannes den Preis als bestes Debüt gewonnen hat.

Zu Nourûz bekommen die Kinder traditionell Geschenke, früher vor allem neue Kleider und frisch geprägte Münzen. Die folgenden zwei Wochen bringt man mit Besuchen und Gegenbesuchen in der Verwandtschaft zu. Dabei werden die älteren Familienmitglieder zuerst besucht und statten dann einen Gegenbesuch ab.

Man gratuliert übrigens auch telefonisch in der Reihenfolge des Alters: Die Jüngeren rufen die Älteren an, nicht umgekehrt. Schulen, Universitäten und Behörden in Iran haben Nourûz-Ferien, und viele Menschen verreisen auch.

Man kann Nourûz von der Bedeutung her also durchaus mit Weihnachten vergleichen. Und man sollte ebenso wenig rund um Nourûz wichtige Erledigungen in Iran planen wie „zwischen den Jahren“ in Deutschland.

Ein anderer Brauch ist der, daß Menschen, die sich zerstritten haben, sich zu Nourûz wieder versöhnen. Das funktioniert nach dem Prinzip „Schwamm drüber, machen wir einen Neuanfang!“

Natürlich gibt es jede Menge weiterer Bräuche und auch historische Forschungen zu diesem ursprünglich zoroastrischen Frühlingsfest, das sich auch in islamischer Zeit im iranischen Kulturraum (also in der „Persophonie“) erhalten hat. Wenn Sie daran Interesse haben, schauen Sie sich doch unsere Nourûz-Beiträge der letzten Jahre an!

Hier geht’s lang:
Nourûz Teil 1
Nourûz Teil 2
Nourûz Teil 3
Nourûz Teil 4
Nourûz 2015 mit ʿOmar Khayyams Nourûz-nâme
Nourûz 2016 mit Dschahângîrs Memoiren
Nourûz 2017: Feierstimmung
Nourûz 2017: Bei den Moguln

Wir wünschen allen, die feiern, ein schönes Nourûzfest:

عید شما مبارک

Bildnachweis

Beitragsbild: Haft-Sîn in Holland
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: PersianDutchNetwork
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

Haft-Sîn-Bild im Beitrag
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: Babak Habibi
gemeinfrei

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Der Feind in ihrem Bett? Malik Altunia und Razia Sultan

Bereits mehrfach haben wir auf diesem Blog darauf hingewiesen, dass die Datenlage in Bezug auf die Geschichte der Moguln in mancher Hinsicht recht dünn ist – und das gilt noch mehr für die Zeit des Sultanats von Delhi.

So ist es nicht erstaunlich, dass wir auch nur sehr wenig über Malik Altunia (Malik Altûniyâ) wissen, lediglich sein Todesjahr 1240 ist ja bekannt, da er zusammen mit seiner Ehefrau Razia Sultan hingerichtet wurde.

Das war aber sozusagen schon alles. Malik Altunias Geburtsjahr ist leider genau so unbekannt wie seine Herkunft. Was wird wissen, ist dass er ein türkischer Militärsklave war, der schon früh an den Hof Iltutmishs kam. Einige Quellen berichten, dass Altunia und er „Jugendfreunde“ waren, einige Autoren schreiben sogar von „Jugendliebe“. In den Listen der Würdenträger Iltutmishs erscheint der Name Malik Altunia mit zwei Ämtern: zum einen als amîr-i sharbat (wörtlich: der Chef der alkoholischen Getränke), der für die Bewachung und Befüllung des Bechers des Herrschers zuständig war, sowie als Chef der Baldachinträger. Beide Positionen zeigten, dass Iltutmish Malik Altunia vertraute.

Nach Iltutmishs Tod bestieg Shah Turkans und Iltutmishs Sohn Rukn ud-Din Firuz den Thron – doch nach nur einem halben Jahr wurde Razia Sultan Herrscherin. Zu diesem Zeitpunkt war Malik Altunia wohl bereits Gouverneur von Bhatinda im Punjab.

Nun unterscheiden sich die Überlieferungen erneut. Der indische Chronist Nasîr ud-Dîn Ahmad, schrieb in Tabaqât-i Akbarî (also einer Quelle, die knapp 300 Jahre nach Razias Tod erschien), dass Malik Altunia gegen Razia rebellierte, da er wie die 40 türkischen Amîre (Fürsten) eine Herrscherin nicht akzeptieren wollte. Ebenso wie die Gouverneure von Hansi, Lahore und andere rebellierte Malik Altunia gegen Razia. Razia unterlag den vereinten Truppen ihrer Gegner und wurde zur Gefangenen von Malik Altunia.

Andere Quellen sagen, dass Malik Altunia bereits seit seiner Jugend Razia heiraten wollte. Als Razia den abessinischen Sklaven Ya’qût zu ihrem Vertrauten machte, sei Malik Altunia so eifersüchtig geworden, dass er sich der Rebellion gegen Razia anschloss. Während der Schlacht gegen Razia wurde Ya’qût getötet – Razia zur Gefangenen Malik Altunias.

Razia willigte in jedem Fall in eine Eheschließung mit Malik Altunia ein – von einer romantischen Liebesheirat kann wohl nicht die Rede gewesen sein, vielmehr handelte es sich um eine politische Allianz.

Inzwischen hatte Razias Bruder Mu’izz du-Din Bahrâm den Thron erobert – und das nun vereinte Paar Razia Sultan und Malik Altunia trat gemeinsam an, um die Herrschaft über Delhi zurück zu erobern.

Der Plan scheiterte allerdings – das Paar wurde gefangen genommen. Auch hier gibt es wieder unterschiedliche Versionen über den Tod Razias und Maliks: einige Historiker schreiben, dass Bahrâm persönlich die Hinrichtung des Paares anordnete, andere behaupten, dass sie auf ihrer Flucht von Hindus getötet wurden.

Ich werde noch einmal einen Blogbeitrag darüber machen, dass es drei verschiedene (angebliche) Grabstätten Razia Sultans gibt – aber es gibt kein einziges Grab, von dem man annimmt, dass es Malik Altunias Grabstätte sei.

Zusammengefasst gibt es viele Ungereimtheiten und Rätsel rund um die Geschichte von Malik Altunia und Razia Sultan. Hoffen wir also auch in diesem Bereich darauf, dass eines Tages noch neue Quellen erschlossen werden können. Bis dahin wird Bollywood weiterhin die Legende einer Dreiecksbeziehung Razia – Altunia – Ya’qût verbreiten.

Literatur:
Nair, Pratap: The Dobuble X-Factor. Mumbai 2017.

Das Beitragsbild zeigt den Qutb Minar Komplex in Delhi
By Kuldeepsingh Mahawar (Own work) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org

/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia

Aktenzeichen XY…ungelöst – Der Mord an Nezâm ol-Molk revisited (Teil 2)

Im ersten Teil dieses Beitrags haben wir uns mit den Tatverdächtigen für den Mord an Nezâm ol-Molk und ihren Motiven vertraut gemacht. In Frage kommen:

  • die Assassinen, deren Burgen zum Mordzeitpunkt von den Truppen des Sultans belagert wurden,
  • der Nachfolger des Nezâm Tâdsch ol-Molk, den der alte Wesir beim weiteren Aufstieg behinderte,
  • die Sultansgattin Terken Châtûn, die ihren Sohn als Thronfolger gegen den vom Nezâm unterstützten Favoriten des Sultans durchsetzen wollte
  • und schließlich der Sultan selbst, dessen Plänen gegen das Kalifat sich der Wesir widersetzte.

Wir haben auch zwei der Mord-Theorien unter die Lupe genommen und festgestellt, daß die Hinweise in unseren Quellen die Assassinen und Tâdsch ol-Molk am verdächtigsten erscheinen lassen.

Die Assassinen sind besonders verdächtig, weil einige unserer Quellen angeben, daß sie diesen Mord in ihren eigenen Aufzeichnungen für sich reklamiert hätten. Tâdsch ol-Molk wiederum war derjenige, der am meisten zu gewinnen hatte und von der Nizâmiyya-Truppe, also der persönlichen Wache des Nezâm für den Schuldigen gehalten wurde.

Da Tâdsch ol-Molk außerdem ein Günstling der Sultansgattin Terken Châtûn war, liegt es nahe, eine Verschwörung dieser beiden anzunehmen.

Ein Komplott von Tâdsch ol-Molk und Terken Châtûn – Theorie 3

Tâdsch ol-Molk ist einer der Hauptverdächtigen, und manche Quellen unterstellen ihm Kontakte zu den Assassinen oder sogar einen Treueschwur gegenüber Hasan-e Sabbâh. Das mag falsch sein, doch wenn es solche Kontakte gab, so hätten sie die beiden verdächtigsten Parteien miteinander verbunden.

Auch die Sultansgattin hatte ein Motiv, dem Nezâm den Tod zu wünschen. Außerdem hatte sie Tâdsch ol-Molk in ihre Dienste genommen, und es hätte ihren Einfluß noch erhöht, wenn ihr Günstling zum Wesir des Sultans aufgestiegen wäre. Daher könnte es durchaus sein, daß sie sich seine Ambitionen und seine potentiellen Kontakte zu den Assassinen zunutze machte und sich in einem Mordkomplott mit ihm verbündete.

Für Tâdsch ol-Molk wiederum wäre die mächtige Sultansgatting als Verbündete eine Absicherung gewesen, sollten seine Machenschaften aufgedeckt werden. Ihre eigene Beteiligung wäre Anlaß genug gewesen, ihn gegen etwaige rachsüchtige Verwandte und Anhänger des Nezâm in Schutz zu nehmen – und womöglich gegen das Mißfallen des Sultans.

Ob überhaupt mit echtem Mißfallen des Sultans zu rechnen war, ist jedoch fraglich, hatte er doch selbst ein Motiv, den Nezâm beseitigen zu lassen.

Grabmal des Nezâm ol-Molk in Esfahân

Theorie 4: Terken Châtûn und Tâdsch ol-Molk beauftragten den Mord mit Billigung des Sultans

Die Vermutung, der Sultan könne an der Ermordung des Nezâm beteiligt gewesen sein, beruht im wesentlichen auf Quellenberichten über wiederholte Auseinandersetzungen zwischen Sultan und Wesir. Diese und der Umstand, daß der Sultan Anschuldigungen gegen den Nezâm nur zu gern sein Ohr lieh, deuten darauf hin, daß Malek-Schâh der Macht des Wesirs langsam überdrüssig wurde.

Dennoch ist er derjenige, dem ein Mord am wenigsten notwendig erschienen sein dürfte. Und wenn er den Wesir zu diesem Zeitpunkt wirklich dringend beseitigen wollte, es aber zu riskant fand, ihn abzusetzen, so ist es zumindest wahrscheinlich, daß er nicht als treibende Kraft hinter einem Mord erkannt werden wollte.

Zudem hätten die Assassinen, sofern sie denn beteiligt waren, vermutlich ungern die Wünsche des Sultans erfüllt, der ihre Burgen belagerte. Malek-Schâh wäre daher erheblich verdächtiger, hätte er seine Truppen kurz vor der Tat von den Burgen der Assassinen abgezogen.

Natürlich ist nicht sicher, daß die Assassinen überhaupt etwas mit dem Mord zu tun hatten, wie wir bereits im ersten Teil dieser „Morduntersuchung“ besprochen haben.

Dennoch scheint es plausibler, davon auszugehen, daß Malek-Schâh allenfalls Kenntnis von den Mordplänen hatte und sie nur stillschweigend billigte.

Auf diese Weise hätte er nicht kompromittiert werden und die Unterstützung der Anhänger des Nezâm verlieren können. Und diese Anhänger befanden sich nicht nur an den Schaltstellen der Macht in der Verwaltung, sondern auch unter den Truppen des Sultans. Sie hatten also durchaus Gewicht.

Aber wer weiß: Vielleicht ist der Ursprung der Idee, daß der Sultan in irgendeiner Weise beteiligt war, auch nur auf Äußerungen seines Mißfallen über den Wesir zurückzuführen, die wie bei Heinrich II. von England und dem Erzbischof von Canterbury Thomas Becket vom nächsten Umfeld mißverstanden wurden?

Die nächste interessante Frage, die sich hier anschließt, ist übrigens: Wurde Malek-Schâh ermordet und wenn ja, von wem?

Fazit

Wie es in der Wissenschaft häufig und in Mordermittlungen hoffentlich nur gelegentlich vorkommt, ist das Ergebnis unserer Überlegungen jedenfalls einmal mehr: Nichts Genaues weiß man nicht.

Sie können sich also aussuchen, welche Theorie Ihnen am plausibelsten erscheint. Ich persönlich bin unentschieden zwischen Tâdsch ol-Molk als treibende Kraft mit oder ohne Hilfe der Assassinen und im Alleingang oder einem Bündnis mit Terken Châtûn mit oder ohne Billigung des Sultans.

Welche Theorie ist Ihr Favorit?

Literatur

Carole Hillenbrand: „1092: A murderous year“. In: Proceedings of the 14th Congress of the Union Européenne des Arabisants et Islamisants – Budapest, 29th August-3rd September 1988. Part 2. Ed. by Alexander Fodor. Budapest 1995. (The Arabist, Budapest Studies in Arabic, 15-16). 281-296.

Bildnachweis

Beitragsbild: Der Mord an Nezâm ol-Molk
Quelle: Wikimedia Commons
gemeinfrei

Grabmal des Nezâm:
eigenes Bild

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Kurtisanen am Mogulhof – mehr als nur Prostituierte?!

Prostitution gilt als das „älteste Gewerbe“ der Welt – doch unabhängig vom Geschäft mit dem Sex gab es weltweit eine Gesellschaftsschicht der Prostituierten, die über eine hohe soziale Anerkennung verfügte. Als Beispiel seien die griechischen Hetären oder die japanischen Geishas zu nennen. Aber auch in Indien gibt es bereits mehrere Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung Berichte über königliche Kurtisanen, die sich ebenso wie diejenigen aus anderen Kulturen durch einen hohen Bildungsstand auszeichneten.

Mit der Eroberung Südasiens durch muslimische Herrscher etablierte sich auch eine „Kurtisanen-Kultur“ an den Höfen. Diese Frauen waren, obwohl häufig (zunächst) Sklavinnen, nicht ohne politischen Einfluss. Ein Beispiel war die (ehemalige) Sklavin und Kurtisane des berühmten Herrschers des Dehli Sultanants Iltutmish, Shah Turkan.Sie erreichte einen großen politischen Einfluss, nicht zuletzt auch, weil sie Mutter eines Sohnes und damit möglichen Thronfolgers wurde. Diese Konstruktion des islamischen Rechts wurde umm walad („Kindsmutter“) genannt. Sie besagte, dass die Frau nach dem Tod ihres Besitzers ebenso wie das Kind frei war.

Bewohnerinnen des Harem

Sklavinnen und Kurtisanen lebten im Harem der Herrscher. Im Falle einer Schwangerschaft wurden die Kinder nicht von ihren Müttern erzogen, sondern z.B. am Hofe Akbars von einer „rechtmäßigen“ Ehefrau, mit der der Kaiser einen Ehevertrag nach islamischem Recht (nikâh) eingegangen war. So wurden Murâd und Danyâl, die wohl beide Söhne von Kurtisanen waren, von Königin Salîma bzw. Maryam uz-Zamânî erzogen. Einige der Kurtisanen wurden ebenfalls bereits im Harem geboren und von den anderen Kurtisanen erzogen. Andere wuchsen in Bordellen auf und kamen später an den Hof. Entführungen und Sklavenhandel waren weitere Arten, auf die Frauen zu Kurtisanen wurden.

Bewahrerinnen der Kultur

Wichtig war, dass diese Frauen weit mehr als einfache Prostituierte waren. Sie hatten eine gründliche Ausbildung in Poesie, Gesang, Malerei und Tanz genossen. Somit waren sie bezüglich der Bildung den meisten „ehrbaren“ Frauen und vielen Männern überlegen. Im 19. Jahrhundert, also unter den letzten Mogulherrschern, war es üblich, dass die jungen Männer der islamischen Höfe ebenfalls zu Kurtisanen gingen, um die „hohe Kultur“ (tahzîb) und die Poesie zu erlernen. Einige Forscher(innen), die sich mit der Kultur der Kurtisanen auseinandersetzen, sind der Ansicht, dass die „ehrbaren“ Frauen (also die Ehefrauen) die Bewahrerinnen der genealogischen Linie waren, die Kurtisanen jedoch die Bewahrerinnen der (indo-muslimischen) Kultur. Fakt ist, dass die Kurtisanen Tanz (z.B. kathak) oder Poesie (wie die Kunst des ghazals) beherrschten. Bei Begegnungen mit Kurtisanen ging es eben nicht nur um Sex.

Das Ende der Kurtisanenkultur

Mit dem Beginn der britischen Kolonialherrschaft ab Mitte des 18. Jahrhunderts änderte sich die Situation. Vor allem ab 1857/58 haben die Briten mit ihren viktorianischen Moralvorstellungen dafür gesorgt, dass die Kurtisanen-Kultur beendet wurde. Kurtisanen und Sklavinnen mussten die Paläste verlassen und wurden zu gewöhnlichen Prostituierten. Die Briten zogen häufig das Vermögen der Kurtisanen ein – oder unterwarfen die Kurtisanen dem britischen Steuersystem. Diese Steuerlisten sind teilweise erhalten und geben ein Zeugnis davon ab, wie vermögend berühmte Kurtisanen waren. Später mussten Tänzerinnen, Prostituierte und Kurtisanen sich registrieren und sich regelmäßig untersuchen lassen. Die Briten begründeten diesen Schritt damit, dass britische Militärangehörige vor der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten geschützt werden müssten. Dass die Briten selbst sich diesen Untersuchungen nicht unterziehen mussten, soll hier nicht weiter kommentiert werden.

Neuere Forschungen zum Harem

Insgesamt liegen uns zu wenige Originalquellen vor, in denen das Leben der Kurtisanen geschildert werden – und die vorhandenen Quellen wurden von Männern geschrieben. Dazu kommen die Quellen, die von europäischen Männern, in denen von der Erotik und Exotik des Harems die Rede ist – oder auf der Leinwand zu sehen ist.

Von der Handlungsfreiheit („agency“) der Kurtisanen ist erst in neuen Forschungsarbeiten, z.B. von Roby Lal, die Rede. Diese Forschungen müssen unbedingt weiter geführt werden. Ich denke, ich werde sicherlich noch mehrere Blogbeiträge zu machen, um auch solche Berichte vorzustellen.

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

Aktenzeichen XY…ungelöst – Der Mord an Nezâm ol-Molk revisited (Teil 1)

Wir haben uns zwar schon einmal mit den mysteriösen Umständen rund um Nezâm ol-Molks Ableben beschäftigt. Aber diese faszinierende und vor allem ungelöste Kriminalgeschichte zieht mich doch immer wieder in ihren Bann. Also präsentiere ich Ihnen heute eine weitere Diskussion über die möglichen Täter und ihre Motive.

Nezâm ol-Molk, soviel ist klar, wurde am 14. Oktober 1092 durch einen Dolchstich getötet. Er befand sich zusammen mit dem Sultan Malek-Schâh (st. 1092) auf der Reise nach Bagdad und war eben dabei, sich vom Fastenbrechen in seine Zelte zurückzuziehen. Da er kurz zuvor krank gewesen und noch nicht vollständig genesen war, wurde er getragen.

Der Täter konnte sich dem Nezâm nähern, weil er sich als Bittsteller gab. Er war in die Tracht der Leute von Deylam südlich des Kaspischen Meeres gekleidet. Nachdem er auf den Nezâm eingestochen hatte, versuchte er zu fliehen, stolperte aber über Zeltschnüre. Leider wurde er sofort niedergemacht.

Er konnte also nicht verhört werden. Und wir haben so gut wie keine zeitgenössischen Quellen zur Verfügung. Wenn wir also wissen wollen, wer hinter diesem Mord steckte, müssen wir abwägen, was uns die vorhandenen, sehr viel später verfaßten Quellen mitteilen.

Statue des Nezâm in Maschhad

Tatverdächtige, Motive und Verschwörungstheorien

Dort finden wir verschiedene Möglichkeiten. Die Hauptverdächtigen und ihre Motive sind die folgenden:

  1. Die Assassinen: Sie wollten den den mächtigen Wesir aus dem Weg schaffen, da er ihr erklärter Feind war und zum Zeitpunkt des Mordes militärische Aktionen gegen sie stattfanden.
  2. Tâdsch ol-Molk: Er war ein Rivale des Nezâm und Günstling der Sultansgatting Terken Châtûn und stand auch bei Malek-Schâh bereits in Gunst. Er wollte den Weg freimachen, um selbst Wesir zu werden, da der Sultan den Nezâm nicht absetzte.
  3. Die Sultansgatting Terken Châtûn (st. 1094) selbst: Sie wollte ihren vierjährigen Sohn Mahmûd zum Thronfolger erklären lassen, doch der Nezâm unterstützte Malek-Schâh in seiner Präferenz des ältesten Sohnes Berkyârûq (st. 1104) von einer anderen Gattin des Sultans.
  4. Malek-Schâh: Der Sultan wollte sich endlich von der Bevormundung des Wesirs befreien und bei seinen Plänen gegen den Kalifen freie Hand haben, denen sich der Nezâm widersetzte. Er wagte aber nicht, den Wesir abzusetzen, da dieser viele Anhänger im Heer, eine beachtliche eigene Truppe und seine Angehörigen und Freund auf wichtigen Posten überall im Reich plaziert hatte.

Es gibt folgende Theorien über die möglichen Verantwortlichen für den Mord:

  1. Die Assassinen haben den Nezâm aus eigenem Antrieb ermordet.
  2. Tâdsch ol-Molk oder Terken Châtûn oder Malek-Schâh haben a) die Assassinen oder b) einen anderen Mörder beauftragt.
  3. Tâdsch ol-Molk und Terken Châtûn haben sich miteinander verbündet und a) die Assassinen oder b) einen anderen Mörder beauftragt.
  4. Tâdsch ol-Molk und Terken Châtûn haben gemeinsam und unter stillschweigender Billigung Malek-Schâhs a) die Assassinen oder b) einen anderen Mörder beauftragt.

Die Assassinen – Argumente für und gegen Theorie 1

Zu dem Zeitpunkt, als der Nezâm ermordet wurde, belagerten seldschukische Truppen zwei Festungen der sogenannten Assassinen, unter anderem deren Hauptburg Alamût. Unter der Bezeichnung „Assassinen“ ist ein iranischer Ableger der Ismailiten bekannt, der im Jahr 1092 formal noch der Oberhoheit des fatimidischen Kalifen in Kairo unterstand, sich aber nach dessen Tod im Jahre 1094 im Zuge von Nachfolgestreitigkeiten unabhängig machte und sich seitdem „Nizârîs“ nennt.

Hasan-e Sabbâh, Gravierung 19. Jh.

Doch zurück zur Frage des Mordes am Nezâm: Diese Belagerungen wären durchaus ein Grund gewesen, den Wesir als treibende Kraft in der Regierung des Sultans zu beseitigen. Zudem bestand die berechtigte Hoffnung, daß der Wegfall des Wesirs für einige Unordnung im Reich sorgen und damit die Aufmerksamkeit des Sultans auf andere Probleme lenken würde.

Allerdings bestand die Gefahr, daß der Sultan seine militärischen Maßnahmen auch ohne den Wesir weiterführen würde, und es wäre demnach effektiver gewesen, den Sultan selbst zu töten. Insbesondere mit Blick auf die Streitigkeiten über den Thronfolger wäre diese Strategie vielversprechend gewesen, denn die Truppen des Sultans wären dann dringend für interne Streitigkeiten benötigt worden.

Die Tatsache, daß der Mörder als „Jüngling aus Dailam“ beschrieben wird, also aus der Gegend, in der sich auch der Assassinen-Hauptsitz Alamût befand und das Umland kontrollierte, ist aber nicht der einzige Hinweis auf die Assassinen.

Zwei spätere persische Geschichtsschreiber, die ganz klar die Asssassinen beschuldigen, hatten auch Zugang zu den Aufzeichnungen der Assassinen selbst, da Alamût von den Mongolen erobert worden war. Demnach haben die Assassinen selbst den Mord für sich beansprucht.

Nur ist nicht sicher, daß die Geschichtsschreiber ihre Quellen korrekt zitieren. Doch selbst wenn die Assassinen den Mord tatsächlich für sich in Anspruch nahmen, ist noch immer nicht klar, ob sie wirklich für ihn verantwortlich waren. Immerhin wäre es möglich, daß sie einfach nur den Ruhm beanspruchen wollten, einen so mächtigen Gegner zu Fall gebracht zu haben.

Wir wissen also nicht, ob auf die Quellen, die für die Assassinen als Mörder sprechen, Verlaß ist. Außerdem ist nicht klar, warum die Assassinen den Wesir und nicht den Sultan aufs Korn genommen haben sollten. Und schließlich gibt es in den Quellen Hinweise auf andere Verdächtige. Auch das läßt Zweifel aufkommen.

Doch die Hinweise auf Quellen aus Alamût lassen zumindest einen starken Verdacht gegen die Assassinen bestehen.

Tâdsch ol-Molk, Terken Châtûn oder Malek-Schâh als treibende Kraft – Argumente für und gegen Theorie 2

Sowohl Tâdsch ol-Molk als auch die Sultansgattin und der Sultan selbst hatten ein Motiv, den Nezâm zu töten, und jeder von ihnen hätte einen Mörder beauftragen können.

Da manche Quellen Tâdsch ol-Molk bezichtigen, ein Anhänger des Assassinenführers Hasan-e Sabbâh (st. 1124) gewesen zu sein, wäre es also durchaus möglich, daß er die Assassinen um Hilfe für das geplante Attentat ersuchte und diese auch erhielt. Der Tod des Wesirs wäre ja auch den Assassinen zupaß gekommen.

Ob die Assassinen allerdings direkt mit Leuten der Sultansgattin oder des Sultans verhandelt oder ihnen gar bei der Durchführung eines Anschlags auf den Wesir geholfen hätten, ist schon zweifelhafter. Immerhin war es der Sultan, der zum selben Zeitpunkt ihre Burgen belagern ließ. Er wäre für die Assassinen daher wohl eher als Ziel denn als Verbündeter in Frage gekommen.

Denkbar ist jedoch, daß einer der genannten Verdächtigen absichtlich einen Dailamiten als Mörder anheuerte, um den Verdacht auf die Assassinen zu lenken. Das hätte zumindest das Risiko verringert, Schwierigkeiten mit der beträchtlichen Zahl von Anhängern des Nezâm und insbesondere seiner Truppe zu bekommen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Assassinen zwar noch nicht als Mörder an hochgestellten Persönlichkeiten bekannt, doch den Anhängern einer von der Mehrheit abweichenden religiösen Überzeugung wird ja gemeinhin jede Schandtat zugetraut.

Von den dreien ist Tâdsch ol-Molk am verdächtigsten. Die Sklaventruppe des Nezâm soll sich nämlich nach dem Tod des Sultans nur deshalb auf die Seite seines ältesten Sohnes Berkyâruq geschlagen haben, weil Tâdsch ol-Molk auf der Gegenseite stand. Und als sie ihn schließlich zu fassen bekamen, brachten sie ihn gegen den Willen Berkyâruqs um – und nicht auf die appetitliche Art. All das taten sie, weil sie ihn für den Mord an ihrem Herrn verantwortlich machten.

Wenn wir also vermuten, daß die Nizâmiyya-Truppe womöglich mehr über die tatsächlichen Hintergründe des Mordes wußte als die Geschichtsschreiber späterer Zeiten oder gar wir, dann erhärtet dies doch den Verdacht gegen Tâdsch ol-Molk erheblich. Sein Motiv ist auch das stärkste, da er zu Lebzeiten des Nezâm kaum darauf hoffen konnte, zu Malek-Schâhs Wesir aufzusteigen.

Malek-Schâh dagegen konnte durchaus gegen den Willen seines mächtigen Wesirs agieren und tat dies auch gelegentlich. Es ist also fraglich, ob die Opposition des Nezâm gegen Malek-Schâhs Pläne für das abbasidische Kalifat von Bagdad in seinen Augen tatsächlich einen Mord nötig machte. Angesichts des hohen Alters des Wesirs hätte er ansonsten auch einfach abwarten können, bis die Natur das Problem für ihn gelöst hätte, statt unnötige Risiken mit dessen Gefolgsleuten einzugehen.

Miniatur des Malek-Schâh

Terken Châtûn ihrerseits hatte nicht wenig Einfluß auf den Sultan. Es war zwar ein Problem für sie, daß der Wesir und der Sultan sich in der Nachfolgefrage einig waren. Doch ob sie sich von der Beseitigung des Nezâm genug versprach, um einen Mord zu beauftragen, ist auch nicht klar. Zumindest stand der Nezâm ihr aber im Weg.

Doch angesichts der großen Anzahl an Tatverdächtigen mit unterschiedlich starken Motiven liegt es nahe, ein Komplott unter Beteiligung mehrerer Akteure zu vermuten. Damit befassen wir uns im nächsten Beitrag. Schauen Sie wieder herein! 😉

Literatur

Carole Hillenbrand: „1092: A murderous year“. In: Proceedings of the 14th Congress of the Union Européenne des Arabisants et Islamisants – Budapest, 29th August-3rd September 1988. Part 2. Ed. by Alexander Fodor. Budapest 1995. (The Arabist, Budapest Studies in Arabic, 15-16). 281-296.

Bildnachweis

Beitragsbild: Der Mord an Nezâm ol-Molk
Quelle: Wikimedia Commons
gemeinfrei

Statue des Nezâm:
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: Juybari
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

Abbildung des Hasan-e Sabbâh:
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: unbekannt
Lizenz: Creative Commons 4.0
unverändert übernommen

Miniaturbild des Malek-Schâh:
Quelle: Wikimedia Commons
gemeinfrei

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Sufi-Scheich gegen Religionsgelehrter – ʿObeyd-e Zâkânîs Anekdoten über Dargazînî und Îdschî

Stellen Sie sich vor: Sie sind kompetent auf Ihrem Arbeitsgebiet und erbringen ausgezeichnete Leistungen. In Ihrer unmittelbaren Umgebung bei der Arbeit weiß das auch jeder, aber in andere Abteilungen oder gar bis zum Chef der Firma hat es sich nicht herumgesprochen. Dafür gibt es einen Kollegen, der sein Arbeitsgebiet auch sehr gut beherrscht, aber viel mehr Kontakte hat und deshalb bei der halben Firma bekannt ist und kürzlich befördert wurde.

Wären Sie eifersüchtig auf diesen Kollegen? – Wenn ja, dann haben Sie den idealen Ausgangspunkt, um sich in den Religionsgelehrten Moulânâ ʿAzod od-Dîn-e Îdschî (st. 1355) hineinzuversetzen. Oder zumindest in die Version dieses Religionsgelehrten, die uns in ʿObeyd-e Zâkânîs (st. ca. 1371) humoristischen Anekdoten immer mal wieder begegnet.

In diesen Anekdoten begegnet der bekannte Gelehrte und Qâdî ʿAzod od-Dîn-e Îdschî nämlich immer wieder einem ebenso berühmten Sufi-Scheich: Scharaf od-Dîn-e Dargazînî (st. 1342). Und Îdschî verhält sich diesem Scheich gegenüber grundsätzlich sehr aggressiv, ohne direkt provoziert worden zu sein. Ein Beispiel für seine scharfzüngigen Attacken ist die folgende Anekdote:

Scheich Scharaf od-Dîn-e Dargazînî fragte Moulânâ ʿAzod od-Dîn: „Wo hat Gott der Erhabene die Scheiche im Koran erwähnt?“ Antwort: „Neben den Gelehrten (ʿolamâ) an der Stelle, wo er sagt: »Sind (etwa) diejenigen, die Bescheid wissen (yaʿlamûn), denen gleich(zusetzen), die nicht Bescheid wissen?«“ [Paret: Sure 39,9] (274)

Um diese Pointe zu verstehen, muß man wissen, daß das arabische Wort für „Religionsgelehrter“ – ʿâlim, im Plural: ʿulamâ‘ – von derselben Wortwurzel stammt wie das Wort „wissen“ (ʿalima, im Plural Präsenz: yaʿlamûn) und wörtlich auch nichts anderes als „Wissender“ bedeutet. „Diejenigen, die Bescheid wissen“ (yaʿlamûn) in dem Koranvers identifiziert Îdschî deshalb als die Gelehrten, um die Scheiche dann wenig charmant als diejenigen zu bezeichnen, „die nicht Bescheid wissen“.

Mit Blick auf Dargazînî ist das übrigens ziemlich unfair, denn dieser war nicht nur Sufi-Scheich, sondern auch schâfiʿitischer Rechtsgelehrter genau wie Îdschî selbst auch. Das dürfte seinen Groll auf Dargazînî aber auch nicht eben besänftigt haben. Daß seine Aggressivität in einem Gefühl der Eifersucht begründet gewesen sein könnte, darauf deutet die folgende Anekdote hin:

Scheich Scharaf od-Dîn-e Dargazînî und Moulânâ ʿAzod od-Dîn waren im Hause eines Großen. Als das Essen aufgetragen wurde, begannen die Leute aus dem Volk zu rumoren: „Wir wollen den Segen des Scheichs!“ Einer erkannte Moulânâ ʿAzod od-Dîn nicht und sagte: „Herr, gib mir ein Stück vom Halbgenossenen des Scheichs!“ Moulânâ sagte: „Das Halbgenossene des Scheichs fordere von einem anderen, denn ich habe, was der Scheich ganz genossen hat!“ (S. 295)

Îdschî wird hier also nicht erkannt, während der Mensch, der ihn anspricht, Dargazînî so verehrt, daß er eine Kontaktreliquie von ihm haben möchte – nämlich ein Stück angebissenes Essen. Îdschî mißversteht das absichtlich und verwendet ein Wortspiel um anzudeuten, daß Dargazînî ihm zu willen gewesen ist. Das, was der Scheich angeblich „ganz genossen“ – oder eben „in sich aufgenommen“ – hat, ist nämlich Îdschîs bestes Stück.

So eine Behauptung ist extrem rufschädigend. Man war zwar der Auffassung, es tue der Männlichkeit keinen Abbruch, wenn ein Mann einen anderen Mann penetrierte – immerhin war das eine „männliche“ Handlung, wie sie ja auch an Frauen durchgeführt wurde. Wenn aber ein erwachsener Mann sich penetrieren ließ, dann begab er sich damit gewissermaßen in die Lage einer Frau (oder eines „Nicht-Mannes“, doch dazu mehr ein anderes Mal). Und das war entwürdigend.

Îdschîs Bemerkung ist also mehr als spitz und deutet auf erheblich gekränkte Eitelkeit hin. Nicht nur, daß der Mann aus dem Volk ihn, den berühmten Gelehrten und Qâdî nicht kennt! Er will ihn auch noch zum Mittelsmann machen, um sich an der Verehrung Dargazînîs als eines Heiligen zu beteiligen, dessen bloße Berührung schon Segen spendet!

Ein klarer Fall von Eifersucht, wenn Sie mich fragen, aber doch irgendwie verständlich. Immerhin waren die Religionsgelehrten wichtige Bewahrer der Tradition, hochgebildet und verstanden sich als Autoritäten in religiösen Fragen.

Doch die Sufi-Scheiche gewannen gerade zu dieser Zeit Einfluß beim Volk, da man ihnen Wundertaten zuschrieb und sie wegen der damit einhergehenden Segenskraft auf bei den Mächtigen hoch angesehen waren und sich als Fürsprecher betätigten. Davon, daß die Sufis oft in ihren Niederlassungen auch eine Armenküche unterhielten und Speisen an Bedürftige ausgaben, gar nicht zu reden.

Und was sagen uns diese Anekdoten über den historischen Îdschî und sein Verhältnis zu dem eine Generation älteren Dargazînî? – So ganz eindeutig läßt sich das wie üblich nicht beantworten. Doch eines ist klar: Îdschî war zu dem Zeitpunkt, zu dem ʿObeyd seine Anekdotensammlung abfaßte, entweder noch am Leben oder erst kürzlich verstorben.

Wir müssen also davon ausgehen, daß Îdschî für die Leser/Hörer noch eine bekannte Größe war und daß ʿObeyd das berücksichtigt hat. Selbst wenn es sich also nicht um wahre Begebenheiten handelt – was nicht völlig auszuschließen ist -, so müssen die Anekdoten doch irgendwie zu Îdschî passen, um plausibel zu klingen. Vermutlich hatte er also tatsächlich eine scharfe Zunge und möglicherweise sogar eine Rivalität mit Dargazînî.

Möglich ist das jedenfalls, denn beide haben sich zeitweilig im Umfeld des letzten Îlchâns Abû Saʿîd (st. 1335) aufgehalten.

Quelle

Nezâm od-Dîn ʿObeydollâh-e Zâkânî: Kolliyyât-e ʿObeyd-e Zâkânî. Unter Heranziehung d. Ausg. v. ʿAbbâs-e Eqbâl hrsg. u. mit Übers. aus d. Arab. versehen v. Parvîz-e Atâbakî. 2. Aufl. Tehrân 1343 sch./1964-5. 274, 295.

Literatur

Susanne Kurz: „Eine biographische Hintertreppe? Das Nachleben bekannter Gelehrter in persischen humoristischen Anekdoten“. In: Differenz und Dynamik im Islam. Festschrift für Heinz Halm zum 70. Geburtstag. Herausgegeben von Hinrich Biesterfeldt und Verena Klemm/Difference and Dynamism in Islam. Festschrift for Heinz Halm on his 70th Birthday. Edited by Hinrich Biesterfeldt and Verena Klemm.  Würzburg: Ergon, 2012. 433-451.

Rudi Paret: Der Koran: Kommentar und Konkordanz. Mit einem
Nachtrag zur Taschenbuchausgabe. 5. Aufl. Stuttgart u. a.: Kohlhammer, 1993.

Bildnachweis

Beitragsbild: Gelehrte in einer Bibliothek in Bagdad aus einer Handschrift der Maqâmât des Harîrî aus dem 13. Jahrhundert
Quelle: Wikimedia Commons
Public domain

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Vom persischen Flüchtling zur Mogulkaiserin: die Karriere der Nûr Dschahân

Nachdem ich kürzlich über die erste (unglückliche) Ehe Dschahângîrs mit Mân Bai gebloggt hatte, soll es heute um die zwanzigste Ehe des Mogulherrschers mit Nûr Dschahân (st. 1645) gehen.

Deren Karriere kann nur als erstaunlich betrachtet werden, denn sie umfasste nicht nur politische Entscheidungen, sondern auch die Finanzverwaltung des Hofes, architektonische Großprojekte und künstlerische Fähigkeiten.

Dabei sah es zunächst nicht so aus, als ob das Schicksal gut mit Nûr Dschahân meinte. Die Eltern von Mehr un-Nisâ‘, wie Nûr Dschahân eigentlich hieß, waren persische Adelige. Ab 1501 hatten die Safawiden in Persien die Herrschaft übernommen und den schiitischen Islam zur Staatsreligion erhoben. Die Folge davon war, dass zahlreiche Mitglieder der herrschenden Eliten das Land verließen und in Indien am Mogulhof Zuflucht suchten. So auch Mehr un-Nisâ’s Vater Mîrzâ Ghiyâs (Ghiyâth) Beg und ihre Mutter ‚Asmat Begum.

Flucht nach Indien

Ihre Flucht nach Indien verlief sehr abenteuerlich. ‚Asmat Begum Mutter war hochschwanger mit ihrer Tochter, drei weitere Kinder waren mit dabei. Die Familie hatte sich einer Karawane von Kaufleuten angeschlossen, von der sie sich Schutz und Sicherheit erhoffte. Die Karawane wurde allerdings überfallen – und das gesamte Vermögen der Familie bis auf zwei Reittiere gestohlen. Nur mit Hilfe des Karawanenführers konnte die Familie die Reise fortsetzen. 1577 kam Mehr un-Nisâ‘ in einem sarâ’î bzw. einer Karawansarai nahe Kandahar (heute Afghanistan) zur Welt. Die Familie setzte die Reise anschließend vor.

Es ist wahrscheinlich, dass der Karawanenführer derjenige war, der Ghiyâs Beg und seine Familie am Mogulhof Akbars, vorstellte. Ghiyâs Beg erlangte schnell einen großen Einfluss bei Hof und erhielt den Beinamen I’timâd ad-Daula (Stütze des Reiches).

Die erste Ehe

Aufgrund seines Einflusses konnte Ghiyâs Beg seine Tochter Mehr un-Nisâ‘ verheiraten – und zwar mit einem Mann, der ebenfalls ein persischer Flüchtling war: ‚Alî Qûlî, der später den Beinamen Sher Afghân erhielt. Die 17-jährige Mehr un-Nisâ‘ – so erzählt es die Legende – soll nicht glücklich in der Ehe mit dem wahrscheinlich wesentlich älteren Sher Afghan gewesen sein. Der von Akbar angeordneten Eheschließung konnte sich jedoch wohl keiner der Beteiligten entziehen. Mehr un-Nisâ‘ brachte 1605 ihr einziges Kind, eine Tochter namens Ladlî Begum, zur Welt. Auch diese wird später im Hofleben noch von Bedeutung sein.

Interessant – vor allem im Hinblick auf die spätere Ehe mit Dschahângîr – ist jedoch folgendes: Mehr un-Nisâ’s Ehemann und auch Teile ihrer Familie haben noch zu Akbars Lebzeiten die Rebellion von Akbars Enkel Khushraw gegen seinen Vater Dschahângîr unterstützt: Khushraw wollte direkt seinem Großvater Akbar auf den Mogulthron folgen und seinen Vater in der Herrschaftsabfolge übergehen.

Dschahângîr fand nach Akbars Tod die Beteiligung Sher Afghâns an der Rebellion Khushraws gegen ihn heraus: und Sher Afghan wurde 1607 unter ungeklärten Umständen getötet.

Mehr un-Nisâ’s Bruder Âsaf Khân war jedoch ein enger Freund Dschahângîrs und konnte weitere Probleme für die Familie verhindern. Zudem war Âsaf Khâns Tochter Ardschumand Begum (die später den Beinamen Mumtâz Mahal erhielt) seit 1607 mit Dschahângîrs Sohn Khurram (dem späteren Herrscher Schâh Dschahân) verheiratet.

Die zweite Ehe mit Dschahângîr

Aufgrund dieser zahlreichen familiären Verflechtungen erscheint es mir persönlich als extrem zweifelhaft, dass sich Dschahângîr und Mehr un-Nisâ‘ wirklich erst am Nourûz-Fest 1611 erstmals sah.

Geheiratet wurde noch im selben Monat. Die Ehe, die für die Braut die 2., für den Bräutigam die 20. war, blieb kinderlos.

Innerhalb kürzester Zeit gelang es Mehr un-Nisâ‘, die nun den Beinamen Nûr Dschahân (Licht der Welt) erhielt, ihre Familie an weitere einflussreiche Positionen zu bringen und große Einkünfte zu erzielen.

Dschahângîr war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank: seine Opium- und Alkoholsucht ließen ihn nur noch selten die Regierungsgeschäfte lenken. Dokumente waren zum Teil nur dann gültig, wenn sie auch das Siegel Nûr Dschahâns trugen. Es ist wahrscheinlich, dass Nûr Dschahân, ihr Bruder und Khurram die Regierung des Reiches innehatten.

Für mich eine besonders spannende Geschichte ist, wie Nur Dschahân ihren Mann so manipulierte, dass er Treffen mit dem britischen Gesandten Sir Thomas Roe absagte bzw. den Briten keine Zusagen machte. Roe konnte die wahre Verantwortliche Nûr Dschahân nur schemenhaft hinter den Vorhängen der purdah erahnen, während er den Schmuck der Frauen wahrnahm. Nûr Dschahân war für den Briten ein Zeichen des dekadenten, sexuell ausschweifenden Orients mit seiner Korruption und den Palastintrigen. Auf der anderen Seite schrieb er, dass Nûr Dschahân als besonders schön und charmant galt.

Nûr Dschahân überlebte Dschahângîr um 18 Jahre, Jahre, in denen sie als Bauherrin, Designerin und (gescheiterte) Politikerin tätig war. Doch darum soll es in einem zweiten Blogbeitrag gehen.

Literatur Der Beitrag basiert vor allem auf

Nandini Battacharchya: Reading the splendid body. Newark u.a. 1998.

Beitragsbild: Nur Jahan, das Bild ist Public Domain

+++++++++++HINWEIS ++++++++++++++

Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

Was wissen wir über Shah Turkan (Razia Sultan)?

In einem Beitrag habe ich kürzlich einmal erklärt, warum es so schwierig ist, über die Mogulgeschichte zu bloggen.

Im Falle der Geschichte des Delhi Sultanats sieht es nicht besser aus. Nur wenige zeitgenössische Chroniken liegen vor, Quellen aus Literatur oder Malerei sind so gut wie nicht existent. Viele Informationen können wir jedoch aus den Münzen bzw. der Architektur ableiten. Dieses gilt jedoch nicht für Shah Turkan (Schâh Turkân), die wichtigste Gegenspielerin von Razia Sultan. Dabei ist es schon interessant, dass zwei muslimische Frauen und ihre jeweiligen Herrschaftsansprüche die Geschichte des Delhi Sultanats bestimmten.

Muslimische Frauenbilder

Sowohl die wenigen Quellen als auch Filme und Serien Bollywoods stellen einen kompletten Gegensatz der beiden Frauenfiguren dar: zum einen Razia als Frau mit Gerechtigkeitssinn, die eigensinnig den Palast verlässt und sich in Gefahren begibt, auf der anderen Seite Shah Turkan, die nur ihre eigene Interessen verfolgt und dabei den Sultan Iltutmish mit ihrer Erotik, Tanz und Poesie umgarnt. Razia ist eine Frau, die in männlicher Kleidung ohne Schleier die Vorstellungen einer „ehrbaren“ muslimischen Frau bricht, Shah Turkan ist als Kurtisane ebenfalls außerhalb der Gesellschaftsordnung.

Langfristig kann sich Razia durchsetzen, indem sie fast vier Jahre über das Delhi Sultanat herrschte.

Eine ehrgeizige Frau

Doch was wissen wir über Shah Turkan? Leider ziemlich wenig. So ist es zum Beispiel nicht belegt, wann und wo sie geboren wurde – lediglich ihr Todesjahr 1236 ist bekannt. Zunächst (in ihrer Kindheit) war sie wohl eine einfache Dienerin, die später die Gunst Iltutmishs erlangte und seine Geliebte wurde. Als Kurtisane verfügte sie über eine Ausbildung in Tanz, Musik und Poesie. Später brachte sie Rukn ud-Din Firuz zur Welt. Als Sohn Iltutmishs wurde er als Krieger ausgebildet – Iltutmish sorgte ebenfalls dafür, dass auch Rukn ud-Din die Fähigkeiten eines zukünftigen Herrschers erhielt. Leider interessierte sich der junge Mann nur wenig für die Verantwortlichkeiten des Regierens. Seine Mutter sorgte jedoch trotzdem dafür, dass Iltutmish Rukn ud-Dins Ansprüche nicht vergaß. Vor allem arbeitete sie kontinuierlich daran, ihren eigenen Status zu verbessern.

Terror im Harem?

Schließlich erreichte Shah Turkan ihr Ziel: Iltutmish heirate sie, d.h., er ging einen Ehevertrag nach islamischem Recht mit ihr ein. Anschließend beauftragte er Shah Turkan mit der Aufsicht über den königlichen Harem am Hofe Delhis.Shah Turkan nutzte ihre Position allerdings, um sich für die vergangenen Kränkungen durch die Angehörigen des Adels zu rächen. So ließ sie einige der Frauen des Harems hinrichten – und ließ auch einen der jüngeren Söhne Iltutmishs blenden und anschließend töten, damit er Rukn ud-Dins Ansprüche nicht gefährdete.Auch Razia war Shah Turkan ein Dorn im Auge: Iltutmish hatte ihr bereits mehrfach während seiner Abwesenheit die Herrschaft übergeben und sich positiv über ihre Fähigkeiten als Herrscherin geäußert.So ist es überliefert, dass sie plante, Razia zu töten, indem sie auf ihrer täglichen Reitstrecke einen Graben ausheben und mit Büschen bedecken ließ. Der Plan wurde jedoch aufgedeckt – Razia entkam diesem geplanten Reitunfall….

Eine kurze Herrschaft

Als Iltutmish 1236 starb, schien Shah Turkan am Ziel zu sein. Rukn ud-Din wurde Nachfolger seines Vaters. Er fiel jedoch durch Inkompetenz und Verschwendungssucht auf.

Razia konnte die Stimmung im Volk für sich nutzen: ein aufgebrachter Mob tötete Rukn ud-Din und Shah Turkan nach nur sechs Monaten an der Macht. Razia wurde zur Herrscherin ernannt.

Insgesamt sind die Quellen bezüglich Shah Turkan alle negativ – ob diese Überlieferungen alle so eindeutig sind wie es scheint, muss eine zukünftige Forschung zeigen.

Beitragssbild: G.K.L. Richter (st. 1884): Odalisque. Das Bild ist Public Domain

Literatur:

Eraly, Abraham: The Age of Wrath: a History of the Delhi Sultanate. Delhi: Penguin, 2015.

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