Betty Mahmoody – Nicht ohne meine Tochter

Heute noch einmal ein rebloggter Beitrag, bevor ich Ihnen dann hoffentlich neue eigene Inhalte vorzustellen habe.

Ich dachte, wie machen es dieses Mal ausnahmsweise etwas politischer und kontroverser und schauen uns eine Rezension zu Betty Mahmoodys unsäglichem Buch „Nicht ohne meine Tochter“ an. Es gäbe dazu natürlich vieles zu sagen.

Ich möchte mich hier aber auf die Anmerkung beschränken, daß dieses Machwerk (das Buch, nicht die Rezension) schon durch innere Widersprüche zeigt, in welchem Geiste und zu welchem Zwecke es verfaßt worden ist.

Beispiel: An einer Stelle wird erwähnt, daß aufgrund der täglichen Morgendusche bei den Verwandten des Ehemannes in Iran der Eindruck entsteht, daß das Paar in der Nacht Verkehr hatte (weil das für Muslime nämlich das Erfordernis einer rituellen Ganzkörperwaschung nach sich zieht). An anderer Stelle heißt es dann (ich glaube, im Zusammenhang mit dem Nourûz-Fest): „Einmal im Jahr nimmt jeder Iraner ein Bad.“

Aber es gibt auch Kollegen, die sich ausführlicher mit dem Buch befaßt und es unter verschiedenen Aspekten analysiert haben mit dem Ergebnis, daß es eine sehr gezielt (und tendenziös) mit allerhand rhetorischen Mitteln gestaltete Geschichte ist – dadurch natürlich gut zu lesen, aber dummerweise ist nicht mehr erkennbar, was sich denn nun tatsächlich wie zugetragen hat. Schade eigentlich, daß sich dieser „Erfahrungsbericht“ selbst so diskreditiert.

Auch das Selbstbild der Amerikanerin als Angehörige einer „friedliebenden Nation“, die nicht verstehen kann, wieso die Iraner so versessen sind, Krieg zu führen (!), hat vor dem Hintergrund heutiger Erfahrungen fast schon komischen Charakter.

Nicht zu vergessen, daß die „Autorin“ (sie hat das meines Wissens nicht selbst geschrieben) sich zu Beginn des Buches auffällig hartnäckig weigert, zur Kenntnis zu nehmen, daß sie mit einem Mann aus einer anderen Kultur verheiratet ist. (Wer auch nur die geringste Erfahrung mit interkulturellen Beziehungen hat, schlägt schon an diesen Stellen die Hände über dem Kopf zusammen und weiß, daß das selbst unter besten Umständen auf Dauer wohl nicht gutgehen wird.) Das berechtigt den Ehemann natürlich nicht, seine Frau gegen ihren Willen in seiner Heimat festzuhalten. Aber wer weiß schon, was damals wirklich vorgefallen und wie die ganze Geschichte abgelaufen ist?

Kurz gesagt: Ich finde diese Rezension insgesamt noch zu positiv und unkritisch, aber für jemanden, der möglicherweise nie in Iran war und vielleicht keine tieferen Einblicke in die Kultur hat und auch keine literaturwissenschaftliche Analyse durchführen konnte, ist sie beachtlich ausgewogen.

Lassen Sie mich wissen, was Sie davon halten und ob Sie mehr zu diesem zugegebenermaßen schon etwas abgestandenen und womöglich nicht mehr relevanten Thema lesen möchten.

Jagat Gosain: war sie die „wahre Jodha Bai“?

Jedes Mal, wenn die (Liebes-)Geschichte der hinduistischen Rajputen-Prinzessin und dem muslimischen Mogulherrscher Akbar (st. 1605) wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt, gibt es Streitigkeiten um die wirkliche Existenz von Jodha Bai. So ist das bereits beim Film Jodhaa Akbar von A. Gowariker (2008) und so passiert es wieder bei der Fernsehserie Jodha Akbar von Ekta Kapoor (2013-15).

Kurz zusammengefasst ging es darum, dass die Rajputen von den Moguln, den muslimischen Eroberern besiegt wurden – und diesen Sieg ihrer Gegner damit besiegelt haben, indem sie ihre Töchter mit den Moguln verheiratet haben. Dadurch sei die rajputische Kultur geschwächt und dem Islam untergeordnet worden – auch dadurch, dass die Kinder aus diesen Verbindungen als Muslime aufwuchsen. In dieser Auseinandersetzung über die indische Geschichte wurde von rajputischer Seite behauptet, dass Akbar niemals eine Ehefrau namens Jodha Bai hatte.

Es zutreffend, dass erst britische Quellen des 19. Jahrhunderts von einer Ehefrau Akbars namens Jodha Bai sprachen. In den zeitgenössischen Quellen ist eine hinduistische Ehefrau Akbars namens Hina Kunwarî überliefert, die als Maryam uz-Zamânî bekannt war.

Jagat Gosain – Jodha Bai

Doch eine andere Frau kannte man ebenfalls als Jodha Bai (Jodhâ Bâ’î) – und ihr Name ist in der Tat in den zeitgenössischen Quellen erwähnt: es handelt sich um Jahângîrs (Dschahângîrs) Ehefrau Jagat Gosain (Dschagat Gosain). Jagat Gosain wurde 1573 in Jodhpur geboren. Ihr Vater war der als „Motâ Râja“ (Fetter König) berühmte Herrscher Udai Singh von Marwar (st. 1895). Marwar wurde später als Jodhpur bekannt, wodurch eine Verbindung zum Namen Jodha Bai gegeben ist.

Wie viele Rajputen musste sich Jagat Gosains Vater militärisch dem Mogulreich geschlagen geben. Er vereinbarte, dass seine Tochter zu einem späteren Zeitpunkt Akbars Sohn Salîm, den späteren Herrscher Jahângîr (reg. 1605-27), heiratete.

Eine politische Heirat

Dieses geschah im Jahr 1586, als Jagat Gosain 13 Jahre, Salîm 16 Jahre alt war. Jagat Gosains Vater hatte die Herrschaft über sein Reich bereits 1583 zurück erhalten.

Salîm war zu diesem Zeitpunkt bereits mit seiner Cousine Mân Bai verheiratet. Diese war, wie in einem anderen Beitrag auf diesem Blog bereits geschrieben, als launisch und sogar depressiv bekannt. Jagat Gosain jedoch war als sehr schön, gewitzt und klug bekannt. In den ersten Jahren ihrer Ehe widmete Salîm Jagat Gosain zunächst sehr viel Aufmerksamkeit. Dann schien er jedoch das Interesse an ihr zu verlieren – zumindest zeitweise. Den Titel der ersten Hauptfrau Jahângîrs erhielt Sâliha Bâno Begum (st. 1620), die er 1608 geheiratet hatte.

Jagat Gosain brachte drei Kinder zur Welt, zwei Töchter und einen Sohn. Ihre erste Tochter, Begum Sultân, starb 1591 im Alter von nur einem Jahr. Die zweite Tochter starb 1597 – wahrscheinlich wurde sie nur wenige Tage alt.

Khurram – der abwesende Sohn

Von besonderer Bedeutung war jedoch der einzige Sohn des Paares, Khurram (Persisch: Freude), der spätere Herrscher Shâh Jahân (reg. 1628-1658). Schon während der Schwangerschaft war der Legende nach Akbars Hauptfrau Ruqaiya Begum im Schlaf geweissagt worden, dass das ungeborene Kind einmal eine große Persönlichkeit werden würde. Aus diesem Grund übergab Akbar seinen Enkel sechs Tage nach der Geburt an Ruqaiya Begum zur weiteren Erziehung. Jagat Gosain wurde ein königliches Geschenk von kostbaren Juwelen als „Abfindung“ gezahlt.

Khurram kehrte erst mit vierzehn Jahren in Jahângîrs Haushalt (= harem) und somit zu seiner Mutter zurück. Die Beziehung zu Ruqaiya Begum blieb indes eine besondere.

Wie Jagat Gosains Beziehung zu ihrem Gatten und ihrem Sohn wirklich war, lässt sich nicht wirklich anhand der Quellen klären. Legendär ist allerdings die Rivalität zwischen ihr und der zwanzigsten Ehefrau Jahângîrs, Nûr Jahân Begum (st. 1645). Sie war wohl die einzige Frau, die Jagat Gosain wirklich gefährlich werden konnte. Einer Legende nach war Jahângîr mit Nûr Jahân und Jagat Gosain auf einer Jagd, als die Gruppe plötzlich auf einen Löwen. Ohne zu zögern griff Jagat Gosain nach einer Waffe und erschoss den Löwen. Jahângîr lobte ihren Mut und ihre Tapferkeit. Es gibt noch andere Legenden, die die Rivalität Nûr Jahâns und Jagat Gosains schildern.

Jagat Gosain starb 1619 in Agra mit knapp 46 Jahren. Ihr Grab wurde 1832 von den Briten gesprengt, um die Steine als Baumaterial zu verwenden.

Jagat Gosain wurde nicht nur als Jodha Bai, sondern auch als Bilqîs Makânî bekannt, wobei der Name Bilqîs auf die Königin von Saba anspielt. Sie war eindeutig eine Jodha Bai, ob sie die einzige war, müssen weitere Forschungen zeigen.

Beitragsbild: Das Beitragsbild zeigt ein Porträt von Jagat Gosain, Maler und Entstehungsjahr unbekannt. Das Bild ist unter der Public Domain Lizenz.

 

Fr-So, 20.-22.4.2018 – Urmia-Marivan-Paveh-Kermanshah (Kordestan)

Heute habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie.

Die schlechte Nachricht ist:
Da ich mal wieder für eine Semester eine Professur vertrete (dieses Mal in Tübingen), bin ich seit Semesterbeginn noch knapper mit der Zeit als sonst immer. 😉

Die gute Nachricht hat zwei Teile:
1) Ich experimentiere wie üblich mit Unterrichtsformaten und behandle in einem Seminar „Problemfelder der Islamwissenschaft“ – oder besser: Ich lasse die Studenten ihren Interessen entsprechend einige dieser Problemfelder bearbeiten. Das wird sehr spannend werden. Deshalb werde ich Ihnen über einige unserer Diskussionen berichten. Vielleicht können wir sie ja hier fortführen.

2) Heute möchte ich Ihnen einen Blog mit faszinierenden Berichten und eindrucksvollen Bildern von einer Motorradreise nach Iran vorstellen. Ich hoffe, Sie haben Freude an dem Beitrag, den ich ausgesucht habe.

Nur damit keine Mißverständnisse entstehen: Selbstverständlich wird in Iran auch auf nicht-kurdischen Hochzeiten getanzt. Allerdings nicht unbedingt die unter Kurden üblichen Kreistänze, die den Vorteil haben, daß man leicht mitmachen kann.

Ach ja, und schauen Sie sich das Bild vom Badezimmer in einem der Hotels an! Das ist tatsächlich eine gängige Lösung für Leute, die aus welchen Gründen immer (manche Menschen sind z.B. im höheren Alter nicht mehr so beweglich) nicht mit den nach wie vor verbreiteten Plumpsklos zurechtkommen.

Viel Vergnügen beim Lesen und bis bald! 🙂

Männlich, weiblich, drittes Geschlecht? Hijras am Mogulhof

In der Bollywood-Serie Jodha Akbar sind sie sehr präsent: Hoshiyar Khan (Ashok Devaliya) und Resham Khan (Manoj Singh), die beiden „Eunuchen“ in Akbars Harem. In der Serie werden sie als extrem loyal gegenüber ihren Herrinnen (Ruqaiya Begum und Mâham Anga) dargestellt: sie teilen deren Geheimnisse und greifen auch bei Palastintrigen in das Geschehen am Hofe ein.

Hijra oder Khwaja saras?

Diese Darstellung kommt wohl auch der Realität des Mogulhofes sehr nahe. Das Wort Eunuchen habe ich oben erst einmal in Anführungszeichen gesetzt, weil es eben nicht immer zutreffend ist. Der Urdu-Ausdruck lautet hijra – das Wort stammt aus dem Arabischen und hat die Bedeutungen „auswandern“, „mit jemandem/etwas brechen“   „verstoßen“. Hijra wurde bei der Übersetzung historischer Texte fast immer mit Eunuch übersetzt, gelegentlich auch mit Hermaphrodit. Der Begriff hijra kennzeichnet heutzutage in indischen Medien oder wissenschaftlichen Texten sowohl Eunuchen als auch Transsexuelle und Intersexuelle. Ein anderer Begriff ist koti, wörtlich „unmännlich“ oder – eher negativ – „weibisch“.

Die Gemeinschaft der hijras zieht es vor, als khwaja sara bezeichnet zu werden. Der Begriff  kenntzeichnete den obersten Eunuch am Mogulhof und war mehr als ein Titel als eine Bezeichnung. Ich verwende hier in diesem Blogbeitrag beide Bezeichnungen – ohne jedoch eine Wertung vorzunehmen.

Hijras sind zumeist mit vorwiegend männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, kleiden sich aber weiblich (mit Sari oder salwar qameez). Einige von ihnen unterziehen sich bereits in ihrer Kindheit oder Jugend einer Vollkastration – das heißt: einer kompletten Entfernung der männlichen Genitalien. Diese Operation ist als nirwan bekannt.

Auf die Organisation der hijras in ihren Gemeinschaften soll hier nicht eingegangen werden. Interessant aus islamwissenschaftlicher Perspektive ist, dass die meisten khwaja saras sich als Muslime betrachten. Sie halten sich an die fünf Säulen des Islam, beispielsweise führen sie auch die Pilgerfahrt nach Mekka (hajj) durch. In Delhi (Mehrauli) gibt es einen Sufi-Schrein (Hijron ka Khanqah), an dem Miyan Saheb von den hijras verehrt wird. Unbestreitbar ist, dass die khwaja saras auch hinduistische Rituale praktizieren.

Im Mogulharem

Am Mogulhof hatten die khwaja saras unter anderem die Aufgabe, im Harem die weiblichen Verwandten, Sklavinnen und Dienerinnen des Mogulherrschers zu beaufsichtigen. Sie eigneten sich besonders gut, weil es keinem Mann außer dem Kaiser gestattet war, den Harem zu betreten.

Doch wie wurde man khwaja sara am Mogulhof? Das Schicksal eines khwaja saras am Hof Schâh Dschahâns gibt uns Auskunft darüber: I’tibâr Khân wurde als Junge geboren, von seinen Eltern an eine hijra Gemeinschaft verkauft und dort der Operation nirwan unterzogen. Er erlangte großen Einfluss als Vertrauter von Shâh Dschahâns Sohn Aurangzeb (st. 1707 ). Als Schâh Dschahân seinen Vater entmachten und einkerkern ließ, bewachte I’tibâr Khân den ehemaligen Herrscher und gab regelmäßige Berichte an Aurangzeb. Im übrigen litt I’tibâr Khân jedoch darunter, zum hijra gemacht worden zu sein – er ließ seine Eltern, die ihn einst in die Sklaverei verkauften, auspeitschen, als sie ihren Sohn in Agra besuchten.

Schâh Dschahân hatte den berühmten Khwaja sara Firoz Khân als obersten Haremswächter beschäftigt, doch es gab auch khwaja saras, die einen Rang in der Verwaltung oder im Militär bekleideten.

Europäer, die den Mogulhof besuchten, waren gegenüber khwaja saras eher negativ eingestellt. Der berühmte Reisende Niccolo Manucci (st. 1717),  der sich am Hof Schâh Dschahâns und Aurangzebs aufhielt, beichnete khwaja saras als „eine Art von Tier“ . Sie seien gierig nach Gold und feiner Kleidung und zudem äußerst arrogant.

Die negative Haltung der Europäer gegenüber khwaja saras setzte sich in der Kolonialzeit fort, als sie von den Briten als Kriminelle eingestuft.

Den Status, den die khwaja saras unter den Moguln genossen, erlangten sie zu ihrem eigenen Bedauern bislang nicht wieder. Ihre Gemeinschaft zeigt die kulturelle, religiöse Vielfalt Indiens, die sich auch auf Konzepte von Körper und Sexualität bezog.

Beitragsbild: „Hijra and Companions in Eastern Bengal (ca. 1865)“ – Das Bild unterliegt der Wikimedia Commons License.

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Nicht immer sind die Muslime die Bösen oder Warum wir im Glashaus sitzen

Kennen Sie die Fernsehserie „American Gods“? Ich habe mich kürzlich entschlossen, mir die auf Amazon Prime verfügbare erste Staffel anzusehen. Insgesamt ist es eine etwas bizarre Produktion, die aber durchaus ihren Charme hat. Zumindest wenn man Urban Fantasy und nordische sowie orientalische Mythologie mag.

Doch was hat das mit der Persophonie zu tun? Ich sag’s Ihnen: Es gibt einen winzigen Moment in der letzten Folge der ersten Staffel, der die Verbindung herstellt. Hier wird angedeutet, daß die Islamische Revolution in Iran im Jahr 1979 so etwas wie den Höhepunkt oder sogar den wesentlichen historischen Moment der Unterdrückung der Macht der Weiblichkeit darstellt.

Das ist etwas verkürzt, da in der Serie dem Genre gemäß mit Bildern, Klängen und damit verbundenen Assoziationen gearbeitet wird. Jedenfalls wird die Islamische Revolution zu dem Zeitpunkt stilisiert, an dem die Göttin, die weibliche Sexualität und deren Macht über Männer versinnbildlicht, im Orient endgültig entmachtet wird und nach Amerika fliehen muß. (Immerhin hat sie dort auch Probleme. 😉 )

So etwas nervt natürlich die Historikerin in mir gewaltig. Ich will gar nicht bis in die Anfänge des Christentums zurückgehen, als Augustinus (st. 430 u.Z.) Elemente seines manichäischen Gedankengutes in die noch relativ junge Religion eingeführt hat – der Sexualfreundlichkeit und Wertschätzung der Weiblichkeit im Christentum nicht eben zuträglich.

Lassen wir auch mal beiseite, daß aus deutscher Sicht manches in den USA ähnlich prüde anmutet, wie dem durchschnittlichen Europäer traditionelle muslimische Gesellschaften erscheinen.

Ich will noch nicht einmal darauf abstellen, daß die Sexualität im Islam sehr viel positiver bewertet wird als im Christentum. Oder darauf, daß es heutzutage gerade in Iran besonders viele gut ausgebildete berufstätige Frauen gibt oder daß Frauen sich dort auch mit Blick auf die Ehe mittlerweile erfolgreich aller rechtlichen Möglichkeiten der Selbstbestimmung bedienen.

Vielmehr möchte ich Sie auf eine These hinweisen, die unter Islamwissenschaftlern immer wieder vorgebracht worden ist und die zuletzt Thomas Bauer in einem hochinteressanten Buch erneut aufgegriffen hat: Daß nämlich gerade das, was uns in islamisch geprägten Gesellschaften so „rückständig“ und traditionell anmutet eine ziemlich moderne Entwicklung ist – und zwar eine, die in wesentlichen Aspekten aus Europa importiert wurde.

Der Export viktiorianischer Prüderie in islamische geprägte Gesellschaften zur Kolonialzeit ist da nur ein Element von vielen. Auch die Tendenz zur Radikalität auch und gerade in religiösen Fragen wäre demnach letztlich durch die Auseinandersetzung mit den Europäern entstanden oder zumindest begünstigt worden.

Hinter dieser Auffassung die von Thomas Bauer ausführlich erläuterte und dokumentierte Eigenart der Ambiguitätstoleranz in wichtigen Bereichen islamisch geprägter Kulturen bis in die Frühe Neuzeit hinein. Mit dem Begriff der Ambiguitätstoleranz überträgt er ein psychologisches Konzept in die Kulturwissenschaft.

Die Ambiguitätstoleranz islamisch geprägter Kulturen zeigt sich nach Bauer darin, daß Uneindeutigkeit nicht nur ausgehalten, sondern wertgeschätzt wird. Man lebt also nicht nur damit, sondern stellt Mehrdeutigkeit sogar gezielt her.

Er demonstriert das gerade am religiösen Bereich eindrucksvoll: Bei der traditionellen Koranauslegung suchten die Gelehrten nicht nach der einen richtigen Deutung, sondern nach so vielen unterschiedlichen Ausdeutungen wie möglich. Es ging also gar nicht darum, eine einzige gültige Deutung zu finden.

Auch im religiösen Recht gab es immer schon unterschiedliche Auffassungen, die durchaus gleichberechtigt nebeneinanderstehen konnten, ohne daß sich jemand daran störte – vorausgesetzt, sie waren nach den Regeln der „Kunst“ erschlossen worden. Nicht ohne Grund können allein im sunnitischen Islam vier große Rechtsschulen nebeneinander bestehen, ohne sich gegenseitig die Existenzberechtigung abzusprechen.

Eigenes Bild von Thomas Bauers Buch

Besonders wichtig ist aber auch die praktische Haltung, die sich daraus nach Bauer ergibt und die jahrhundertelang in islamische geprägten Gesellschaften vorherrschten: Nicht alles, was nach Auffassung des religiösen Rechtes nicht erlaubt war, mußte zwangsläufig auch verfolgt werden. Mit anderen Worten: Aus Verboten folgte nicht automatisch ihre praktische Durchsetzung.

Auf diese Weise läßt es sich natürlich auch mit relativ restriktiven Normen recht friedlich und pluralistisch leben, solange niemand darauf besteht, daß über Fehlverhalten gesprochen und jedem Verdacht nachgegangen wird.

All das habe sich aber geändert, als die ambiguitätsintoleranten Europäer immer mehr muslimische Gebiete eroberten. Für Europäer gab es entweder Richtig oder Falsch, und Gesetze waren durchzusetzen.

Wollte man sich geistig mit den Europäern auseinandersetzen, mußte man auch ihre Logik verwenden. Also begannen die Muslime ebenfalls damit, Ambiguität auszumerzen. Das Ergebnis ist die heute als „rückständig“ wahrgenommene Radikalität speziell im Bereich von Religion, Moral und Recht.

Gerade das, was Europäer an der Haltung „traditioneller“ Muslime also besonders problematisch finden, wäre demnach letzten Endes ein Export europäischer Denk- und Verhaltensweisen, mit denen wir die Menschen in den islamisch geprägten Ländern in der Kolonialzeit selbst beglückt haben. Womöglich sollten wir aus unserem Glashaus heraus also nicht so eifrig mit Steinen werfen.

Diese Auffassung ist allerdings nicht unbestritten. Es ist auf indigene Entwicklungen verwiesen worden, die nicht im Zusammenhang mit der Kolonialsituation standen. Die Europäer dürften also zumindest nicht an allem schuld sein. 😉

Ich persönlich habe mich außerdem gefragt, ob es sich bei der beschriebenen Ambiguitätsintoleranz um ein generell europäisch-christliches Phänomen im Gegensatz zur orientalisch-islamischen Haltung handelt oder nicht eher um ein neuzeitlich-protestantisches Phänomen im Gegensatz zu einer mittelalterlichen Herangehensweise (die dadurch unversehens an Charme gewänne). Doch um das zu entscheiden, kenne ich mich in der europäischen Geistesgeschichte nicht gut genug aus.

Dennoch ist vieles an Bauers Erklärungsmodell bedenkenswert. Gerade wenn man sich wie ich mit typisch mehrdeutigen Gegenständen wie humoristischer Literatur beschäftigt, macht es vieles verständlich, was anderenfalls nicht leicht nachvollziehbar ist. Auch die unterstellten Auswirkungen europäischer Herrschaft über Muslime auf deren Denk- und Verhaltensweisen sollten sicherlich in Detailstudien überprüft werden.

Bauers Modell ist aber nicht nur eine hilfreiche Anregung für weitere Forschungen. Es zeigt auch, daß Europäer (und Amerikaner) und Muslime gerade mit Blick auf die Eigenarten, bei denen wir es am wenigsten erwarten würden, am meisten gemeinsam haben: die zugrunde liegende Denkweise.

Literatur

Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität : eine andere Geschichte des Islams. Berlin: Verlag der Weltreligionen, 2011.

Bildnachweis

Beitragsbild: Mann wirft Stein
Quelle: Wikimedia Commons
Gemeinfrei

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Akbars Töchter: unverheiratet per Erlass?

Nachdem wir ja schon einige Beiträge zu Dschahângîr und seinen Brüdern verfasst hatten, soll es heute um Akbars Töchter gehen.

Hintergrund sind auch einige Quellen (vornehmlich aus dem Internet, die ihrerseits ihre Quellen nicht angeben), die behaupten, dass Akbar ein Dekret (farmân) erlassen hätte, dass die Töchter bzw. Enkelinnen der jeweiligen Mogulherrscher zukünftig unverheiratet zu bleiben hätten.

Abgesehen davon, dass die Existenz dieses Dekrets fraglich erscheint, stimmt es auch nicht, dass Akbars Töchter unverheiratet blieben. Aber kommen wir zurück zu den Töchtern Akbars. Im Akbar-nâma wurden die Namen der Kinder Akbars nicht erwähnt. Die wichtigsten Informationen erfahren wir von Akbars Sohn Salîm / Dschahângîr in dessen eigenen Memoiren, dem Jahaâgiînâma. Dort berichtet er von der Geburt seiner Geschwister. Drei Schwestern werden dort erwähnt.

Zunächst nennt er Shâhzâda Sultân Khanum (1569-1603), die nur drei Monate nach ihm selbst zur Welt kam. Ihre Mutter war eine Konkubine namens Bîbî Salîma. Shâhzâda Khanums Erziehung wurde komplett von Akbars Mutter Hamîda Bâno Begum übernommen.

Im Alter von 25 Jahren heirate Shâhzâda Sultân Khanum Mîrzâ Muzaffar Hussain Safavî, einen Prinzen des Safavidenreiches. Auf diese Weise sorgte Akbar dafür, dass die Verbindung zum persischen Safavidenreich stark blieb. Im Alter von etwa 34 Jahren starb Shâhzâda Khanum an den Folgen der Ruhr.

Interessanterweise berichtete Dschahângîr in seinen Memoiren nichts über ihren Charakter, so dass ihr Bild recht blass blieb.

Dschahângîrs zweite Schwester, von der er in seinen Memoiren berichtet ist Shakr un-Nisâ Begum. Lassen wir also Dschahângîr sprechen: (Jahangirnama 39, Übersetzung aus dem Englischen C.P.)

Nach Danyals Geburt brachte Bibi Dawlatshad eine Tochter zur Welt, und diese wurde Shakarunnisa Begam genannt. Da sie im Schoß der Fürsorge meines Vaters aufwuchs, entwickelte sie sich sehr gut, gutmütig, und allen Menschen zugeneigt. Seit ihrer frühesten Kindheit war sie mir zugetan. So eine Zuneigung zwischen Bruder und Schwester existiert nur selten.

Shakr un-Nisâ‘ Begum heirate Mîrzâ Shâhrukh, einen entfernten Cousin und (ehemaligen) Herrscher von Badakhshan.

Die Ehen der beiden Schwestern Salîms wurden von Akbar nicht zufällig in dieser Form arrangiert. Beide Schwestern waren bekannt dafür, Salîm im Harem gegen Akbar zu unterstützen. Salîms Beziehung zu seinem Vater war ja schon sehr abgekühlt. Akbar entschloss sich also, zwei sehr starke Persönlichkeiten mit eigenen politischen Ambitionen als Schwiegersöhne auszuwählen. Diese waren nicht bereit, Salîms Herrschaftsansprüche (zumindest zu Akbars Lebzeiten) anzuerkennen. Salîm verlor mit den Eheschließungen seiner Schwestern gleichzeitig auch zwei wichtige Fürsprecherinnen im Harem.

Bliebe also noch Schwester Nummer drei: Ârâm Bâno Begum (geb. 1584, st. 1624 ). Zu ihr schrieb Dschahângîr (Jahangirnama, 39) :

Nach einer Weile brachte Bibi Dawlatshad eine weitere Tochter zur Welt, die Aram Banu Begam genannt wurde. Ihr Temperament war von heftigen Stimmungsschwankungen und Heftigkeit geprägt. Mein Vater (i.e. Akbar) liebte sie so sehr, dass er geflissentlich über ihre Unhöflichkeiten hinwegsah – und aus seiner Sicht der Dinge, da er sie so sehr liebte, schien sie ja gar nicht so schlimm zu sein. Er sagte häufig zu mir: ‚Baba, mit zuliebe, wenn ich eines Tages nicht mehr unter Euch bin, behandle Deine Schwester, die wie die Inder sagen, mein kleiner Liebling (ladla) ist, so wie ich es immer tue. Dulde ihre Eitelkeit und sieh über ihre Ruppigkeit und Frechheit hinweg.

Die Beschreibung macht deutlich, dass Ârâm Bâno wohl eher zu den Unterstützerinnen Akbars als zu denen Salîms gehörte. Ironischerweise war es ausgerechnet diese Schwester, die (wahrscheinlich) nicht verheiratet war und Zeit ihres Lebens am Hof ihres Bruders lebte. Auch sie starb an den Folgen der Ruhr. Sie wurde im Mausoleum ihres Vaters bestattet.

Man kann also nicht behaupten, dass Akbar angeordnet hatte, dass seine Töchter unverheiratet bleiben sollten. Fakt ist aber, dass die Verheiratung der Töchter nach bestimmten Strategien erfolgte, die sich nach der Politik, aber auch der Familie richteten Seit Akbars Zeiten war die Cousinenheirat besonders populär, doch das ist einen weiteren Blogbeitrag wert.

Literatur: THE JAHANGIRNAMA: Memoirs of Jahangir,  Emperor of India/
Translated, edited, and annotated by Wheeler M. Thackston. Oxford: OUP, 1999.

Bildbnachweis:

Royal Mughal Lady: See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Gestern war Sîzdah be-dar!

Gestern war nicht nur Ostermontag, sondern auch Sîzdah be-dar, der 13. Tag und das Ende des iranischen Neujahrsfestes.

Diesen Tag verbringt man im Freien bei einem Picknick, und bei dieser Gelegenheit wird das sabze, das „Grünzeug“ vom Nourûz-Tisch (dem Haft-Sîn) in ein fließendes Gewässer geworfen.

Man kann Weizen oder andere Getreidesorten, aber auch Linsen als sabze verwenden. Wir hatten dieses Jahr Linsen auf unserem „deutschen“ Haft-Sîn (und ein bißchen Ostergras für alle Fälle, sollten die Linsen nicht rechtzeitig aufgehen).

Da am Sîzdah be-dar alle nach draußen gehen, ist der Tag in Iran auch bei Einbrechern beliebt, die dann in aller Ruhe die verlassenen Häuser und Wohnungen ausräumen können. Aber viele Iraner haben abschließbare Eisengitter vor der Wohnungstür. Es ist also ein gutes Stück Arbeit, überhaupt erst hineinzukommen.

Mehr zu Sîzdah be-dar finden Sie hier:
Beitrag zu Sîzdah be-dar von letztem Jahr.

Und da wir langsam auch in unseren Breiten mehr draußen unternehmen können: Genießen Sie den Frühling!

Bildnachweis

Beitragsbild Linsen-Sabze und Bild unseres Haft-Sîn:
eigene Bilder (SK)

Eine persische Jesusbiographie für Akbar: „Spiegel der Heiligkeit“ (Osterspecial 2018)

Vor zwei Jahren habe ich im Osterspecial über die (einmaligen) Osterfeierlichkeiten am Mogulhof unter Dschahângîr (reg. 1605-1627) gebloggt. Diese Osterfeierlichkeiten folgten auf die Taufe von drei Neffen Dschahângîrs. Dieser hatte sich seit seiner Jugend für das Christentum und die gelehrten Gespräche mit den Jesuitenmönchen am Hof seines Vaters Akbar (reg. 1557-1605) interessiert.

Wie kein anderer Mogulherrscher vor oder nach ihm führte Akbar den Dialog mit allen Religionsgemeinschaften in seinem Reich. Eines der wie ich meine interessantesten (weil fassbarsten und nachhaltigsten) Produkte dieses Dialoges ist eine Geschichte des Lebens Jesu, die auf Persisch verfasst wurde. Das Buch trug den Titel Mir’ât al-quds („Spiegel der Heiligkeit“). Der Autor dieses einzigartigen Buches war der spanische Jesuitenpater Jerôme Xavier (st. 1617).

Zwei Dinge machen das Buch zu etwas ganz Besonderem. Erstens war der Autor der Großneffe von Francis Xavier (st. 1552), der als Leiter der Jesuitenmission länger am Hof Akbars und Dschahângîrs gelebt hatte. Zweitens – und das war noch wichtiger: Mir’ât al-quds wurde quasi auf Bestellung Akbars verfasst. Dass ein muslimischer Herrscher ein Buch über das Leben Jesu‘ bei einem katholischen Mönch in Auftrag gab, war wohl eine einmalige Sache. Schon 1578 hatte Akbar an die Jesuiten in Goa geschrieben und um Zusendung von religiösen Texten gebeten. Später wandte er sich 1582 mit demselben Anliegen an den portugiesischen König Philipp II. (st. 1598). So schrieb Akbar, dass er gehört habe, dass die Bibel, Psalmen und andere Texte ins Arabische und Persische übersetzt worden seien – und dass er darum bitte, dass Übersetzungen oder Originaltexte an ihn gesendet würden.

Wir wissen nichts darüber, ob der Monarch Akbars Bitte nachkam. Akbar beschäftigte sich aber weiterhin mit christlichen Lehren und erließ 1602 ein Dekret, dass Muslime unbehelligt zum Christentum konvertieren konnten. Im selben Jahr überreichte Jerôme Xavier dem Mogulkaiser Mir’ât al-quds.

Wie erfüllte Jerôme Xavier diese Aufgabe eine Biographie Jesu zu verfassen, und wie konnte er vermieden, dass sich religiöse und politische Dispute an Glaubensfragen entzündeten?

Jerôme Xavier griff in seiner Biographie der historischen Figur Jesu‘ auf die Texte des Neuen Testaments zurück, er nutzte aber auch viele apokryphe Texte, also Texte, die keinen Eingang in die Bibel gefunden hatten.

Die Wunder Jesu

Was Akbar an Jesus besonders interessierte, waren dessen besondere, übermenschliche Eigenschaften, seine Wohltaten und seine Wunder. Diese Darstellung von Jesus deckte sich mit den Biographien von islamischen „Heiligen“, den Sufis. Indische hinduistische Literatur (wie das Ramayana) wird ebenfalls von Wunderdarstellungen dominiert. Akbars Autobiographie stellt ebenfalls seine besonderen Taten, seine Fähigkeiten als Herrscher und seine Inspiration von Gott in den Mittelpunkt. Die Illustrationen stellen Akbar häufig mit Heiligenschein dar.

Akbar schien also die Biographie Jesu auch als Quelle seiner Autobiographie zu sehen. Xavier wusste natürlich, dass Akbar versuchte, sich selbst als auserwählter König darzustellen – Parallelen zu Jesus schienen dabei durchaus gewollt. Das hielt Xavier nicht davon ab, Jesus weiterhin als „König der Könige“ zu bezeichnen – was Akbar davon hielt, ist nicht überliefert.

Natürlich stellte Xavier den Kreuzigungstod Jesu und die Wiederauferstehung als grundlegende Lehren des Christentums dar. Die Unterschiede zur islamischen Theologie ließen sich in diesem Punkt auch nicht relativieren.

Maria / Maryam

Xavier stellte aber eine weitere wichtige christliche Lehre in den Mittelpunkt seines Werkes: das Dogma von der Jungfrauengeburt. Maria (Arab. Maryam) wird im Koran mehr als dreißig Mal erwähnt, sie ist die einzige Frau, die im Koran überhaupt genannt wird. Dort wird eine Jungfrauengeburt Jesu ebenfalls erwähnt.

Dass Akbar die Figur Maryams auch besonders schätzte, zeigte er dadurch, dass er seiner Mutter Hamîda Bâno den Titel Maryam al-Makânî (etwa: Maria des Ortes) verlieh – und seiner Hindu-Ehefrau Jodha den Titel Maryam az-Zamânî (Maria der Zeit).

Das Interesse des Herrschers für Jesus und Maria kann letzten Endes nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Jesuiten ein Ziel nicht erreichten: Akbar konvertierte nicht zum Christentum.

Beitragsbild: Jesuiten im Ibadat-khana (Ausschnitt) / See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Literatur: Mir’at al-quds: A Life of Christ for the Emperor Akbar. A Commentary on Father Jerome Xavier’s Tex t andthe Miniatures of Cleveland Museum of Art,
Acc. No. 2005.145 / by Pedro Moura Carvalho. Leiden: Brill 2012.

Ein Überblick über unsere Beiträge zur Geschichte der Moguln

(K)eine Liebe auf den ersten Blick: Akbars Eltern Hamîda Bâno und Humâyûn

Der Mogulherrscher Akbar war Zeit seines Lebens umgeben von starken Frauengestalten, die auch Einfluss auf seine politischen Entscheidungen hatte. Hier sind vor allem seine Ehefrauen Jodha (Maryam uz-Zamânî, st. 1623), Ruqaiya Sultân Begum (st. 1626) und Salîma Sultân Begum (st. 1613) zu nennen.
Doch auch in seiner Elterngeneration war er von starken Frauen umgeben, die auch außerhalb des Harems das Geschehen am Mogulhof und darüber hinaus entscheidend prägten. Zum einen waren das seine Amme Jîjî Anga, die Ehefrau von Akbars Ziehvater Atga Khân, seine Amme Mahâm Anga (st. 1562) sowie seine leibliche Mutter Hamîda Bâno Begum (st. 1604).

Hamîda Bâno wurde ca. 1527 geboren. Ihr Vater war ein einflussreicher schiitischer Gelehrter, der aus Persien an den Hof Bâburs gekommen war. Dort wurde ‚Alî Akbar Jâmi‘ Lehrer von Humâyûns Halbbruder Mîrzâ Hindal.

Humâyûn verlor nach dem Tod seines Vaters Bâburs jedoch die sicher geglaubten Ländereien, die von den Moguln erobert worden waren. Er lebte im Exil und zog mit seinen Truppen durch die Gebiete befreundeter und verbündeter Fürsten.

Ein erstes Treffen

In dieser Situation arrangierte Dildâr Begum, die Mutter Hindals und Gulbadan Begums, ein Festbankett in Hindals Militärlager. Dort traf Humâyûn zum ersten Mal auf Hamiîda Bâno, die zu diesem Zeitpunkt vierzehn Jahre alt war. Es gibt zwei Quellen, die uns von dieser ersten Begegnung berichten: zum einen die Berichte Jawhars, eines Dieners Humâyûns, zum anderen das Humâyûn-nâma, das von Gulbandan Begum verfasst wurde.

Jawhar berichtete, dass Humâyûn Hamîda erblickte und sich erkundigte, ob wer sie sei und ob sie schon einem anderen Mann versprochen sei. Dieses wurde verneint, und Humâyûn kündigte daraufhin an, dass er sie heiraten wollte. Daraufhin fragte Hindal erzürnt, ob Humâyûn gekommen sei, um ihm (i.e. Hindal) die Ehre zu erweisen, oder ob er nur auf Brautschau sei. Er, Hindal, betrachte Hamîda als seine Schwester und Tochter.

Zwischen Humâyûn und Hindal kam es zum Streit in dieser Angelegenheit – man warf sich gegenseitig ungebührliches Verhalten vor. Nur durch die Vermittlung Dildâr Begums sei weiterer Streit der Brüder verhindert worden. Humâyûn und Hamîda wurden umgehend miteinander verheiratet.

Gulbadan Begum, die eine enge Freundin Hamîdas war, schilderte Eheschließung ihres Bruders mit Hamîda ein wenig anders.
Laut Gulbadan Begum war es nicht nur Hindal, der gegen die Ehe Humâyûns und Hamîdas war – sondern vor allem Hamîda selbst. Diese habe sich mehr als vierzig Tage geweigert, in diese Ehe einzuwilligen. Erst dann sei sie bereit gewesen, den Mogulherrscher zu heiraten.

Weibliche Unterstützung

An der Schilderung dieser Episode werden einige Dinge deutlich:

  • Das Verhältnis von Humâyûn und Hindal war in einiger Hinsicht durch Konkurrenz geprägt. Es ist offensichtlich, dass Hindal (übrigens später Vater von Ruqaiya Sultan Begum) selbst Interesse an einer Ehe mit Hamîda hatte. Diese wollte wohl zunächst lieber Hindal als Humâyûn heiraten. Auch in dieser Version ist es Dildâr Begum, die dafür sorgt, dass die Ehe Humâyûns und Hamîdas schließlich zustande kommt.
  • Interessant ist die Rolle der beteiligten Frauen: selbst die vierzehnjährige Hamîda ist laut Gulbadan stark genug, eine Ehe mit dem Padîshâh abzulehnen – und es ist eine Frau, die diese für die weitere Geschichte des Mogulreiches so entscheidende Verbindung schließlich arrangieren kann.

In seinem Beitrag „Perspektiven aus Harem und Heerlager in der frühen Mogulzeit“ in unserem Sammelband Muslim Bodies (Münster 2016, S. 213-238) geht es Nader Purnaqsheband genau um diese Macht der Frauen des königlichen Harems der Mogulzeit. Diese Ergebnisse sind wichtige Erkenntnisse zur Geschichte der Frauen dieser Zeit, die selbstverständlich weiter vertieft und ausgedehnt werden sollten.

Bildnachweis:

See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

Und wieder naht Nourûz

Auch dieses Jahr haben wir schon einige Tage vor dem iranischen Neujahrsfest auch hier in Deutschland frühlingshaftes Wetter – zumindest wo ich lebe.

Nourûz, das iranische Neujahrsfest, wird zum Frühlingsbeginn gefeiert, also rund um den 21. März. Dieses Jahr liegt der Jahreswechsel – tahvîl-e sâl – auf dem 20. März, also nächsten Dienstag.

Für diejenigen, die es genau verfolgen möchten, gibt es wie jedes Jahr einen Countdown und darunter eine Liste mit den Uhrzeiten des Jahreswechsels in verschiedenen Städten rund um die Welt:

http://www.7seen.com/

Vor Nourûz findet traditionellerweise ein großer Frühjahrsputz statt. Außerdem setzt man die Samen für das sabze an – das sind Getreide- oder Linsensprossen, deren gedeihen als Omen für die Ernte des kommenden Jahres gedeutet wird. Dieses „Grünzeug“ – das ungefähr bedeutet sabze – wird zusammen mit 6 weiteren Gegenständen, deren Bezeichnungen mit „sîn“ (scharfem s) anfangen, auf dem Haft-Sîn drapiert.

Und so kann das aussehen, wenn man es richtig macht:

Haft-Sîn zu Nourûz

Um das Goldfischglas entspinnt sich übrigens auch die Geschichte in dem iranischen Film „Der weiße Ballon“ des Regisseurs Jafar Panahi von 1995, der damals in Cannes den Preis als bestes Debüt gewonnen hat.

Zu Nourûz bekommen die Kinder traditionell Geschenke, früher vor allem neue Kleider und frisch geprägte Münzen. Die folgenden zwei Wochen bringt man mit Besuchen und Gegenbesuchen in der Verwandtschaft zu. Dabei werden die älteren Familienmitglieder zuerst besucht und statten dann einen Gegenbesuch ab.

Man gratuliert übrigens auch telefonisch in der Reihenfolge des Alters: Die Jüngeren rufen die Älteren an, nicht umgekehrt. Schulen, Universitäten und Behörden in Iran haben Nourûz-Ferien, und viele Menschen verreisen auch.

Man kann Nourûz von der Bedeutung her also durchaus mit Weihnachten vergleichen. Und man sollte ebenso wenig rund um Nourûz wichtige Erledigungen in Iran planen wie „zwischen den Jahren“ in Deutschland.

Ein anderer Brauch ist der, daß Menschen, die sich zerstritten haben, sich zu Nourûz wieder versöhnen. Das funktioniert nach dem Prinzip „Schwamm drüber, machen wir einen Neuanfang!“

Natürlich gibt es jede Menge weiterer Bräuche und auch historische Forschungen zu diesem ursprünglich zoroastrischen Frühlingsfest, das sich auch in islamischer Zeit im iranischen Kulturraum (also in der „Persophonie“) erhalten hat. Wenn Sie daran Interesse haben, schauen Sie sich doch unsere Nourûz-Beiträge der letzten Jahre an!

Hier geht’s lang:
Nourûz Teil 1
Nourûz Teil 2
Nourûz Teil 3
Nourûz Teil 4
Nourûz 2015 mit ʿOmar Khayyams Nourûz-nâme
Nourûz 2016 mit Dschahângîrs Memoiren
Nourûz 2017: Feierstimmung
Nourûz 2017: Bei den Moguln

Wir wünschen allen, die feiern, ein schönes Nourûzfest:

عید شما مبارک

Bildnachweis

Beitragsbild: Haft-Sîn in Holland
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: PersianDutchNetwork
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

Haft-Sîn-Bild im Beitrag
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: Babak Habibi
gemeinfrei

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