Razia Sultân (st.1240), Akbar (st. 1605) und die “Kopfsteuer” in Indien

In meinem heutigen Beitrag geht es um ein Thema, das in der islamischen Theologie durchaus umstritten war (und ist): die so genannte Kopfsteuer (Arabisch/Urdu: dschizya) für nicht-muslimische “Schutzbefohlene” (dhimmî) in von Muslimen eroberten Gebieten.

Was ist die dschizya und wer musste sie bezahlen?

Für viele muslimische Theologen beruhte die Einführung der dschizya auf dem Koranvers (Sure 9, Vers 29, Übersetzung von Rudi Paret):

Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten (oder: für verboten erklären), was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben – (kämpft gegen sie), bis sie kleinlaut aus der Hand (?) Tribut entrichten!

Obwohl die Übersetzung Rudi Parets als wissenschaftlich anerkannt gilt, ist wohl die folgende Übersetzung der letzten beiden Sätze richtiger: “bis sie die Gegenleistung für die erfahrene Wohltat entrichten, die sie erfahren haben, als sie machtlos waren”.

Als Legitimation für die Erhebung der dschizya wurde der (militärische) Schutz der Minderheiten gesehen, den die Muslime den “Schriftbesitzern” zukommen ließen – damit waren im Koran zunächst eigentlich Juden und Christen gemeint.

Je weiter sich der Islam jedoch in Richtung Südasien ausdehnte, desto häufiger wurde er mit anderen Religionen als Judentum und Christentum konfrontiert. Als wichtigste Beispiele gelten der Zoroatrismus und natürlich der Hinduismus.

Grundsätzlich muss nach islamischer Lehre jeder körperlich und geistig gesunde Mann steuerpflichtig, während Kinder, Frauen, arme Menschen und Mönche von der Steuer ausgenommen waren. Steuern waren entweder in bar oder in Form von Lebensmitteln, die islamisch erlaubt (halâl) zu entrichten.

Was hieß das für Indien?:

Wie oben erwähnt bezog sich die Theorie der dschizaya auf die Religionen des Judentums und des Christentums. Deshalb stellte sich auch rein theologisch nach den ersten muslmischen Eroberungen durch die Ghaznaviden die Frage, wie mit der Mehrheit der Bevölkerung Südasiens, also den Hindus, umzugehen sei. Waren sie denn überhaupt “Schriftbesitzer”?. Viele muslimische Theologen neigen dazu, dass Hindus zwar Ungläubige seien, aber ihnen doch der Schutz der dhimmîs zustehe – schließlich hätten die Hindus mit dem Mahâbhârata und dem Râmâyana zwei bedeutende religiöse Schriften.

Die Erhebung der dschizya verlief aber in Indien in der Realität nicht wirklich so eindeutig, wie man anhand der Theologie glauben konnte. In vielen Quellen wird deutlich, dass die Erhebung der Kopfsteuer für Juden, Christen, Parsis und auch Hindus nicht zu allen Zeiten erfolgte – und manchmal wird in den Quellen nicht zwischen der dschizya und der im islamischen Recht beschriebenen Landsteuer (Arab./Urdu kharaj) unterschieden wurde. Fakt ist, dass die dschizya mit den wechselhaften Beziehungen zwischen den muslimischen Herrschern und den Hindu-Untertanen entweder erhoben wurde – oder eben nicht (J. Malik: Islam in South Asia, 106).

Razia Sultan und die dschizya im Delhi Sultanat

Razia Sultans (st. 1240) Vater, Sultan Iltutmish (st. 1236), war für seinen großen Gerechtigkeitssinn bekannt – laut der Quellen war ihm die Rechtssicherheit aller Untertanen – Muslime, Christen, Hindus u.a. – besonders wichtig. Ob er selbst die dschizya erhob, ist unklar. Es spricht einiges dagegen, denn Iltutmish war während seiner Regierungszeit auf die Kooperation der Hindu-Eliten angewiesen. Gleiches galt für Razia Sultan selbst: sie hatte schon mit ihren Gegnern innerhalb der türkischen Eliten und unter den Landbesitzern in verschiedenen Provinzen zu kämpfen. Weitere Konflikte mit ihren hinduistischen Untertanen hätte ihre Herrschaft noch weiter in Gefahr gebracht. In seinem Buch über Razia Sultan schrieb Rafiq Zakaria (Razia, Queen of Delhi, 81 ff.), dass Razia die dschizya aktiv aussetzen wollte – und dieses nach einigen Quellen auch getan hat. Zakaria sagte aber auch zurecht, dass die türkischen Eliten gegen die Abschaffung der dschizya für Hindus war – denn zugegebenermaßen war die dschizya immer eine wichtige Einnahmequelle für die Herrscher – ihre Aussetzung hätte eine große Einbuße bedeutet. Auch aus diesem Grunde waren muslimische Herrscher nicht daran interessiert, dass alle Untertanen zum Islam konvertierten – denn dann würde ja die dschizya wegfallen.

Endgültig kann also wieder nicht geklärt werden, ob Razia Sultan die dschizya wirklich abschaffte oder zumindest für einige Gruppen einschränkte.

Für das Sultanat von Delhi ist noch erwiesen, dass Firûz Shâh Tughluq (st. 1388) zur Förderung der Wirtschaft zum einen die so genannte Almosensteuer (zakât) für Muslime ein – und belegte die sogar die Brahmanen (Hindu-Gelehrte und Priester) mit der dschizya. Diese Gruppe war zuvor immer von der “Kopfsteuer” ausgeschlossen. Auf Anraten einiger islamischer Gelehrter belegte er Hindus mit der Kopfsteuer, garantierte ihnen gleichzeittig Schutz und Sicherheit und organisierte eine spezielle Form des Kredits zur Steigerung von Handel und Kommerz, den hundi/hundee (J. Malik, S. 109).

Die dschizya unter Akbar

Der Mogulherrscher Akbar (reg. 1556-1605) war dafür bekannt, dass er eine sehr tolerante Religionspolitik bet rieb. Wichtig war auch seine Heiratspolitik, besonders im Konflikt mit den Rajputen, den Stämmen der Kriegerkaste, vorwiegend aus dem heutigen Rajathan – Jodha Begum, die Mutter von Akbars Sohn und Nachfolger Salîm / Dschahângîr war selbst eine Rajputenprinzessin.

Mit den zahlreichen Rajputenprinzessinnen kamen auch deren männliche Verwandte an den Hof und hatten bedeutende Positionen inne. Aus diesem Grund hielt Akbar es für angebracht, die dschizya im 1564 abzuschaffen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Akbar die Mehrheit der Rajputen für sich gewinnen können. Nur elf Jahre später (1575) führte Akbar die dschizya wieder ein – denn die alten, zentralasiatischen Eliten (z.B. auch Akbars Milchbruder Adham Khân) waren gegen den zunehmenden Einfluss der Hindus.

Es ist auf jeden Fall wichtig zu betonen, dass Akbar selbst die dschizya wieder wieder einführte – und nicht erst sein unpopulärer Urenkel Auranzeb ‘Âlamgîr (st. 1707). Es ist zwar richtig, dass Aurangzeb den Hindus die Kopfsteuer 1679 erneut auferlegte – doch in der Zwischenzeit wurde sie augenscheinlich nicht so strikt erhoben.

Es ist schwierig, anhand der vorliegenden Quellen die Erhebung der dschizya nachzuvollziehen – und die Herrschaft Aurangzebs, der heute als religiöser Fanatiker gilt, ist sowieso ein spannendes Thema, über das hier in Zukunft noch gebloggt wird.

Literatur:

Malik, Jamal: Islam in South Asia: a short history. Leiden et al., 2008.

Zakaria, Rafiq: Razia: Queen of India. Bombay, 1966.

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Das Betragsbild zeigt die unter Akbar verbreiteiteten Silberrupien. Das Bild ist Public Domain.

Dilsankar, Jangia und Hawai: Kriegs-Elefanten des Mogulherrschers Akbar (st. 1605)

In meinem vorherigen Beitrag habe ich einige Informationen zum Einsatz von Kriegselefanten im Sultanat von Delhi zusammengetragen. Dabei ging es auch um den hohen Stellenwert, den Elefanten in der Schlacht und bei Zeremonien am Hof genossen.

In der Schlacht trugen Elefanten eigene Rüstungen, die sie gegen die Pfeile der Gegner relativ unempfindlich machten. Unter den Mogulherrschern ab dem 16. Jahrhundert veränderte sich die Kriegesführung, wie später zu sehen sein wird. Doch zunächst waren es die Moguln, bei denen Kriegselefanten im Verlauf der Herrschaftszeit an Bedeutung gewannen. Akbars Großvater Bâbur (st. 1530) und sein Vater Humâyûn (st. 1556) besaßen zwar Hunderte (bzw. wahrscheinlich sogar Tausende) von Elefanten, doch es war erst Akbar, der sich besonders mit Elefanten beschäftigte und sie auch selbst auf dem Schlachtfeld einsetzte – ganz zu schweigen davon, dass einer seiner liebsten Zeitvertreibe Elefantenkämpfe waren. Bâbur und Humâyûn, die beide nicht in Indien geboren worden waren, schrieben in ihren Memoiren zwar ausführlich zum Thema Elefanten, doch erst der in Indien geborene Akbar war persönlich in der Lage, Elefanten zu reiten.

In Akbars Biographie Akbar-nâma (“Berichte über Akbar”) berichtete sein Sekretär Abû l-Fazl (st. 1602) über viele Gelegenheiten, bei denen der Herrscher Elefanten ritt, die im “berauschten” Zustand (Urdu: mast) und daher unberechenbar waren. Wie ich im letzten Beitrag schon erwähnte, wurde dieser Zustand der mast häufig durch Alkohol oder bestimmte Pflanzen erreicht.

Dem Herrscher standen über hundert “spezielle, persönliche” (Urdu: khâss) Elefanten zur Verfügung, die in einem besonderen Teil des Elefantenhauses (fîl-khâna) untergebracht waren und über eine große eigene Dienerschaft verfügten.

Aus dem Akbar-nâma erfahren wir von Abû l-Fazl folgendes (Akbar-nâma, Vol 2, 239):

Der erste Elefant, den Seine Majestät der Shâhinshâh (i.e. König er Könige, CP) ritt, hieß Dilsankâr. Der erste mast Elefant, den seine seine Majästät der König der Könige ritt, war Damûdar, den seine Majestät von Bairâm Khân geschenkt bekommen hatte. Der erste mast Elefant, den seine Majestät bestieg und in die Schlacht gegen einen anderen mast-Elefanten führte, hieß Jhalpa. Das war während der Belagerung von Mankot. Nachdem der Kampf zwischen den beiden Monstern eine Zeit getobt hatte, endete er, wie ein Schachspiel in einem Unentschieden, und die beiden wurden getrennt. Zu dieser Zeit war seine Majestät vierzehn Jahre alt. Danach erreichte die Fähigkeit seiner Majestät, mast-Elefanten zu reiten, ungekannte Höhen … Ohne Übertreibung ritt er mehr als hundert Mal mast-Elefanten, die ihre mahouts getötet hatten und als (Menschen-)Mörder bekannt waren und die in der Lage waren, eine Stadt zu zerstören oder eine Armee zu stören. Seine Majestät war in der Lage, diese Elefanten zu besteigen und in die Schlacht zu führen.

Auch wenn davon einiges übertrieben war, erfahren wir doch, dass Akbar die Elefanten bewusst in der Schlacht einsetzte, obwohl seine Vorfahren den Einsatz von Reitern bevorzugt hatten. Es gibt auch Berichte, dass die Elefanten an ihren Rüsseln schwertartige Metallteile trugen, die gegen die gegnerische Armee eingesetzt wurden.

Doch Elefanten waren nicht unverwundbar, wie uns das Schicksal von Akbars Elefanten Jangia zeigt:

Der Elefant Jangia zeigte großartige Taten. Einmal rannte ein Rajput auf ihn zu, griff ihn mit dem Schwert an und schlug seinen Rüssel ab. Obwohl sein Rüssel nun verletzt war und das Leben für ihn nun schwerer war als zuvor, tötete er dreißig Männer bevor und fünfzehn Männer nachdem er verwundet wurde.

Doch nicht nur Schwerter waren eine Gefahr für die Elefanten – Akbar führte unter anderem Schusswaffen auf dem Schlachtfeld ein: und gegen diese waren Elefanten trotz ihrer Rüstungen nicht geschützt.

Dennoch wurden auch schwer verwundete und vielleicht sogar verkrüppelte Elefanten gepflegt und blieben bis zu ihrem Tod im fîl-khâna.

Ich persönlich finde es sehr interessant, dass im Akbar-nâma die einzelnen Elefanten mit Namen genannt und ihre persönlichen Charaktereigenschaften hervorgehoben wurden. Dadurch hatten die Elefanten in Akbars Memoiren denselben Stellenwert wie seine Befehlshaber oder seine Gegner.

Beschließen möchte ich diesen Beitrag mit einem Zitat über Akars Lieblingselefanten Hawai, den Abû l-Fazl besonders erwähnt (Akbar-nâma, Vol 2, 233 ff.)

Der Elefant Hawai war ein mächtiges Tier und unter den speziellen Elefanten sehr geschätzt. Er war der Welt gewachsen in Bezug auf Farbe, Leidenschaft, Wildheit und Bosheit war er der Welt gewachsen. Sogar erfahrene mahouts, die zuvor andere ähnliche Elefanten geritten hatten, hatten Schwierigkeiten mit ihm. Eines Tages, inmitten von Hawais “Berauschtheit”, bestieg Akbar ihn und führte ihn in den Kampf gegen Ran Bagha, der ihm in seinen Qualitäten ungefähr gleichkam … Seine Majestät, mit dem Herz eines Löwen, führte seine furchteinflößende Verfolgung weiter durch, bis Hawai durch die Kraft eines verborgenen Arms und durch den göttlichen Willen den Sieg errang.

Wie erwähnt erreichte die Haltung von Elefanten am Herrscherhof und der Einsatz von Kriegselefanten unter Akbar seinen Höhepunkt – um anschließend stark zurückzugehen. Doch davon soll in einem weiteren Beitrag die Rede sein.

Literatur:

Abû l-Fazl Ibn Mubârak: The Akbarnama of Abu’l Fazl / transl. by Henry Beveridge. Vol. 1-3. Calcutta, 1907 -.

Gommans, Jos J. L.: Mughal Warfare: Indian Frontiers and Highroads to Empire, 1500-1700 (Kindle Edition)

Das Beitragsbild zeigt einen Elefanten bei einer Zeremonie am Mogulhof, wahrscheinlich bei einer Prozession anlässlich des ‘Id. Es befindet sich im Victoria und Albert Museum und ist Public Domain.

Victoria and Albert Museum [Public domain].

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Kriegs-Elefanten im Sultanat von Delhi (12.-16. Jahrhundert)

Auf diesem Blog habe ich ja bereits über “tierische” Themen wie Hunde im Islam oder Hunde am Mogulhof geschrieben. Heute soll es um Elefanten gehen, genauer gesagt um Kriegselefanten – und das ist ein interessantes Thema, dem man sich allerdings nicht unter heutigen Tierschutzaspekten nähern sollte.

Als Islamwissenschaftlerin schaue ich mir natürlich vor allem die Quellen der islamischen Dynastien Indiens an – aber man muss sagen, dass der Einsatz von Elefanten im Krieg ist für Indien schon seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. belegt ist. So entwickelte sich im Lauf der Jahrhunderte auch eine spezielle veterinärmedizische Literatur in Sanskrit, die die Zucht, Pflege und medizinische Behandlung von Elefanten enthielt. Diese literarischen Traditionen wurden von den muslimischen Dynastien, die in Indien herrschten aufgenommen und weiterentwickelt.

Bedeutung von Kriegs-Elefanten

Schon die turkstämmigen Ghaznaviden, die Teile Nordindiens ab ca. 1001 n. eroberten, waren interessiert am Einsatz von Elefanten im Krieg. Doch sowohl Ghaznaviden als auch die Herrscher der “Sklavendynastie” des Sultanats von Delhi setzten bevorzugt Pferde im Kampf ein – stammten sie selbst doch von den (teils) nomadischen Reitervölkern Zentralasiens ab. Doch langsam setzte sich bei den Herrschern des Delhi Sultanats die Meinung durch, dass “ein Elefant wertvoller ist als 500 Reiter” (Roy, S. 177). Diese Aussage wird Sultan Ghiyâs ud-Dîn Balban (st. 1287) zugeschrieben. Abû l-Fazl (st. 1602), der Biograph und Sekretärs des Mogulherrschers Akbar (st. 1605) übernahm dieses Zitat in der Biographie Akbars, dem Akbar-nâma.

Elefanten als Statussymbole

Die Herrscher des Sultanats von Delhi sollen bis zu 3000 Elefanten in ihren Ställen (pîl-khâna oder fîl-khâna) gehalten haben. Dabei war es nicht einfach, an geeignete Elefanten zu kommen, denn diese stammten aus den feucht-warmen Dschungel-Gebieten im Osten oder Süden Indiens bzw. dem heutigen Sri Lanka. Elefanten vertrugen das kältere Klima im Norden Indiens nicht sehr gut. Auch sonst waren Haltung und Training von Elefanten sowohl kostspielig als aufwändig. Elefanten verbringen etwa 18 Stunden am Tag, um die notwendigen 200 kg Futter und 100 Liter Wasser aufzunehmen.

Trotz dieser enormen Aufwendungen hielten die Sultane der Sklavendynastie an der kostspieligen Elefantenhaltung fest. Dieses zeigt sich vor allem darin, dass Elefanten eine wichtige zeremonielle Rolle am Hof hatten. Ihre reine Existenz war ein Beweis für Reichtum und Status des Herrschers. Razia Sultan, die einzige Herrscherin des Delhi Sultanats, zeigte sich häufig in der Öffentlichkeit auf einem Elefanten. Auch an Schlachten soll die auf dem Elefantenrücken aktiv gekämpft haben. Dieses zeigte ihren männlichen Konkurrenten (ihren Brüdern) ihre eigene Überlegenheit. So wurden Elefanten zum Staytussymbol und zum wichtigen Teil der Kriegsstrategie.

Elefanten: Training zum Krieger

Doch was hieß das genau? Die Sultane von Delhi setzten Elefanten vor allem dafür ein, Breschen in die gegnerischen Armeen zu schlagen. Auch als “Rammböcke” bei der Eroberung von Festungen wurden sie eingesetzt. Eine große Horde alles niedertrampelnder Kriegselefanten sorgte auch schon für einen psychologischen Vorteil.

Um überhaupt in Kriegshandlungen teilnehmen zu können, bedurften die Elefanten eines langwierigen Trainings, das viele Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte in Anspruch nahm. Viele Elefanten begannen erst mit etwa zwanzig Jahren (also nach der Pubertät) mit dem Training. Gut ausgebildete Kriegs-Elefanten waren zumeist zwischen vierzig und achtzig Jahre alt. Sie waren an laute Geräusche und Menschenmengen gewohnt.

Das Training wurde von einem Elefantenführer (mahout) durchgeführt, doch für die weitere Betreuung der Elefanten waren zahlreiche weitere Bedienstete in den Elefantenställen verantwortlich.

“Berauschte” Kriegselefanten (mast)

Abschließend muss erwähnt werden, dass die Elefanten nicht freiwillig an Kampf teilnahmen. Vielmehr wurden sie z.B. durch Futter- oder Schlafentzug in eine aggressive Stimmung versetzt. Manchmal wurden sie auch durch Alkohol oder durch die Gabe bestimmter Pflanzen in diesen aggressiven Zustand versetzt. Diese Stimmung wird in den persischen Quellen als mast bezeichnet. Dieses Wort ist gleichzeitig der Begriff für die Zeit im Jahr, in der sich der Testesteronspiegel der Elefantenbullen um bis das sechzigfache ansteigt und der Bulle besonders aggressiv auf männliche Artgenossen reagiert. Er sondert in dieser Zeit an den Schädeldrüsen ein besonderes Sekret ab. Dass bei Kriegselefanten auch der Begriff mast verwendet wird, deutet darauf hin, dass dieser Zustand vor dem Kampf künstlich herbeigeführt wurde.

Der oben bereits erwähnte Abû l-Fazl schrieb im Akbar-nâma, dass Akbar in der Lage war, Elefanten im Zustand des mast zu reiten und in den Kampf zu führen. Dabei nahm Akbar auch einige interessante Veränderungen der Militärstrategien im Vergleich zum Sultanat von Delhi vor. Da das Material darüber sehr umfangreich ist, werde ich einen zweiten Teil zu diesem Thema verfassen. Er wird sich auch mit der Frage beschäftigen, warum Elefanten seit dem späten 16./frühen 17. Jahrhundert immer weniger auf dem Schlachtfeld zu finden waren.

Das Beitragsbild zeigt den königlichen Elefanten Madukar. Das Bild wurde vom berühmten Maler Hashim (st. 1654) gemalt. Es ist Public Domain.

Literatur:

Gommans, Jos J.L.: Mughal Warfare: Indian Frontiers and Highroads to Empire, 1500-1700. London et al., 2002 (EBook)

Roy, Kaushik; Peter Lorge: Chinese and Indian Warfare: From the Classical Age to 1870: London et al., 2015.

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Zwischen Loyalität und Rebellion: Akbars Sohn Murâd (st. 1599)

Susanne Kurz und ich haben schon häufiger die Töchter und Söhne des Mogulkaisers Akbar (st. 1605) bzw. deren Verhältnis zueinander gebloggt. Heute möchte ich noch einmal auf Schâh Murâd eingehen, den zweiten der drei überlebenden Söhne Akbars.

Im heutigen Beitrag soll es zunächst um die Kindheit und Jugend Murâds gehen – auf sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater Akbar komme ich später einmal in einem zu sprechen.

Murâds Geburt

Wie immer erfahren wir einiges aus Akbars Familie von seinem ältesten Sohn und Nachfolger, Dschahângîr (st. 1627). Er berichtete in seinen Memoiren Tuzuk-i Jahângîrî, dass Murâd im Juni 1570 , nur wenige Monate nach ihm selbst und kurze Zeit nach einer Tochter, geboren wurde. Da Murâd nicht in der Hauptstadt Fatehpur Sikri, sondern in den Bergen zur Welt kam, erhielt er den Beinamen “der aus den Bergen”, Urdu: pahârî.

Anlässlich seiner Geburt verfassten Dichter Verse zu Ehren Murâds, Horoskope wurden nach griechischer und nach indischer Tradition erstellt. Dennoch ist zwischen den Zeilen aller Quellen zu lesen, dass Murâds Geburt nicht mit demselben Pomp gefeiert wurde wie die Salîms / Dschahângîrs. Einer der Gründe ist wahrscheinlich die Tatsache, dass Salîm der Sohn einer rechtmäßigen Ehefrau Akbars, Murâd hingegen der einer Dienerin.

Murâd wuchs wie alle Kinder Akbars im kaiserlichen Harem auf. Da er ja wie gesagt das Kind einer Dienerin war, wurde er, um ihm die Erziehung eines möglichen Thronfolgers zu geben, von Akbars Cousine und Hauptfrau Salîma Sultân Begum (st. 1613) erzogen. Einige Quellen berichten auch, dass Salîma die Mutter Murâds war, aber das ist nicht wahrscheinlich.

Murâds Ausbildung

Akbar ließ alle seine Söhne von bedeutenden Mitgliedern seines Hofstaates unterrichten: Murâd bekam Akbars Sekretär Abû l-Fazl (st. 1602) unterrichtete ihn. Außerdem wurde er von den Jesuitenpatern Antonio de Monserrat und Francisco Aquaviva in den Grundlagen des Christentums unterwiesen. Ein weiterer, allerdings indirekter Einfluss war der des 3. Dalai Lama Sonam Gyatsu (st. 1588), der sowohl mit Akbar als auch mit den Jesuiten im Austausch stand.

Bereits mit sieben Jahren erhielt Murâd sein erstes Militärkommando: 7000 Männer standen nun unter seinem Befehl. Als er 14 wurde , kamen weitere 2000 Männer dazu. Mit 23 musste Murâd auf Befehl die Truppen im Dekkan kommandieren – doch dieser Aufgabe war er aufgrund seines Alkoholkonsums nicht gewachsen. Er ließ sich aber auch von Akbar seinen Alkoholkonsum nicht verbieten.

Ebenso wie seine Brüder Salîm und Danyâl konsumierte Murâd zu viel Alkohol und Opium – diese Sucht verursachte seinen frühen Tod mit 28 Jahren. Susanne hat ja bereits in einem Beitrag gezeigt, dass Salîm / Dschahângîr in seiner Autobiographie die Folgen der Alkohol und Opium bei seinen Brüdern kritisierte, aber dieselben Substanzen selbst weiter konsumierte.

Fakt ist jedenfalls, dass beide Brüder Salîms bei Akbars Tod nicht mehr am Leben waren, Salîms Nachfolge also unangefochten war. Eigentlich hätte Salîm also die Konkurrenz seiner Brüder nicht mehr fürchten müssen und hätte sich positiv über sie äußern können – dass er es nicht tat, zeigt auch, wie tief der Bruderkonflikt gesessen haben muss.

Murâds Aussehen

Bei der Beschreibung Murâds wird deutlich, dass Salîm der Ansicht war, Murâd entspreche nicht dem gängigen Schönheitsideal seiner Zeit: seine Hautfarbe sei sehr (=zu) dunkel, Murâd leicht übergewichtig. Zudem sei er der Sohn einer Dienerin. Doch lassen wir zum Abschluss Dschahângir sprechen (Jahangirnama, S. 37, Übersetzung aus dem Englischen C.P):

Sein Teint war dunkel, und er war groß mit einer Veranlagung zum Übergewicht. In seinem Verhalten war Ernsthaftigkeit offenkundig, und Tapferkeit und Mannhaftigkeit bestimmten sein Verhalten.

‘Dass gerade diese Eigenschaften, Tapferkeit und Mannhaftigkeit, nicht mit den militärischen Misserfolgen Murâds übereinstimmten, wird wohl auch den zeitgenössischen Lesern klar gewesen sein. Davon soll dann in einem weiteren Beitrag die Rede sein.

Faruqui, Munis D.: The Princes of the Mughal Empire. Cambridge: CUP, 2012.

Nûr ud-Dîn Salîm Dschahângîr: Tuzuk-i Dschahângîrî / transl. Wheeler M. Thackston: The Jahangirnama. New York et al., 1999.

Das Beitragsbild zeigt die Brüder Murâd und Danyâl beim Picknick. Der Maler ist unbekannt, ca. 1900. – Purchase–Smithsonian Unrestricted Trust Funds, Smithsonian Collections Acquisition Program, and Dr. Arthur M. Sackler S1986.427. Das Bild unterliegt der Public Domain Licence.

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Akbars Leberfleck – wie sah der Mogulherrscher (st. 1605) “wirklich” aus?

Eigentlich sollte man ja als jemand, der über Mogulgeschichte arbeitet, glücklich über die vielen Miniaturen sein, die vom Mogulherrscher Akbar (st. 1605) existieren. Sie geben uns Auskunft über das Bild, das Akbar von sich selbst vermittelte: über den “Herrscher mit Heiligenschein” hatte ich ja schon einmal gebloggt und gezeigt, dass Akbar sich selbst als umgeben und inspiriert vom göttlichen Licht sah.

Dieses ist natürlich nicht wirklich aussagekräftig über das “wirkliche” Aussehen und Auftreten des Herrschers – falls man dieses überhaupt jemals rekonstruieren kann.

Ich lasse deshalb heute zwei sehr gegensätzliche Quellen sprechen: zum einen die Mitglieder die Mitglieder der Jesuiten-Mission, die 1580 den Hof Akbars aufsuchte und zum anderen Salîm / Dschahângîr (st. 1627), Akbars Sohn.

Ich hatte ja schon häufiger etwas zu den Jesuitenmissionen geschrieben, die an Akbars Hof kamen, in der Hoffnung, der Herrscher könnte vom Islam zum Christentum konvertieren. Die portugiesischen Pater wollten darüber hinaus Handelsbeziehungen zwischen Indien und Portugal etablieren. Es kam den Jesuiten also auch darauf an, Akbar möglichst genau zu beobachten, etwas über seine Stärken und Schwächen herauszufinden. Folgendes finden wir zu Akbars Auftreten (zitiert nach Du Jarric, S. 21, Überstzung aus dem Englischen CP)

Zu diesem Zeitpunkt war er etwa 40 Jahre als, von mittlerer Statur und breit gebaut. Er trug einen Turban auf dem Kopf, und der Stoff seiner Kleidung war mit Goldfäden durchzogen. Seine Oberbekleidung reichte ihm bis zu den Knie, die Unterkleidung bis zu den Fersen. Seine Strümpfe waren wie unsere, aber die Schuhe waren nach einem besonderen Muster gemacht, das er selbst entworfen hatte. Auf seiner Stirn hatte er mehrere Reihen Perlen oder kostbare Steine. Er mochte portugiesische Kleidung sehr, und manchmal zog er Kleidung aus schwarzem Samt nach portugiesischer Mode an – doch das tat er nur bei privaten, nicht bei offiziellen Anlässen.

Wir erfahren hier also einiges über Akbars Aussehen und sein Auftreten. Doch noch informativer ist die Beschreibung Akbars durch seinen Sohn und Nachfolger Salîm /Dschahângîr, der seinen Vater positiv (fast liebevoll) porträtiert. Das ist ja insofern verwunderlich, als dass Salîm als Kronprinz heftig gegen seinen Vater rebelliert hatte. Doch lassen wir Salîm zu Wort kommen (Jahangirnama, S. 36, Übersetzung aus dem Englischen: CP).

Er war von mittlerer Größe, hatte einen weizenfarbenen Teint und schwarze Augen und Augenbrauen. Sein Gesichtsausdruck war strahlend, sein Körperbau entsprach dem eines Löwen, mit breiter Brust und langen Armen und Beinen.

… und dann wird es interessant…

An seinem linken Nasenloch hatte er einen sehr schönen fleischigen Leberfleck, etwa von der Größe einer halben Kichererbse. Unter den Experten der Physiognomie gilt ein solcher Leberfleck als Glückszeichen. Seine erhabene Stimme war sehr laut, und er hatte einen besonders nette Art zu sprechen. In seinem Verhalten und seinem Benehmen gab es nichts Vergleichbares zwischen ihm und den Menschen dieser Welt – eine göttliche Aura umgab ihn.

Die Darstellung Akbars stimmt also überein: dass er nämlich mittelgroß und von kräftiger Statur war. Seine Eigenschaften werden übereinstimmend mit dem damaligen Männlichkeitsideal dargestellt – und die Beschreibung der “göttlichen Aura” findet sich auch in der zeitgenössischen Malerei wieder.

Lediglich der der glücksbringende Leberfleck ließ sich (bisher) auf den Miniaturen nicht entdecken…

Literatur:

Du Jarric, Pierre: Akbar and the Jesuits / trans. by C.H.Payne. New York et. al.: Harper, 1926.

Nûr ud-Dîn Salîm Dschahângîr: Tuzuk-i Dschahângîrî / transl. Wheeler M. Thackston: The Jahangirnama. New York et al., 1999.

Das Beitragsbild zeigt ein Portrait Akbars vom Maler Govardhan, ca. 1630

Metropolitan Museum of Art [Public domain]

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Vorbild für Razia Sultan? Die Qara-Khitai und weibliche Herrschaft im 12. Jahrhundert

Bis heute gilt in Indien die Herrschaft von Razia Sultan (st. 1240 ) als ungewöhnlich, war sie doch die erste Herrscherin über das Sultanat von Delhi – damit war sie eine der ersten muslimischen Herrscherinnen überhaupt.

Schaut man jedoch genauer auf die Herkunft der Eliten des Delhi Sultanats, ist die Krönung einer Herrscherin im Indien des 13. Jahrhunderts vielleicht doch nicht so verwunderlich.

Nomadische Herkunft

Razia Sultan stammte aus der so genannten Sklavendynastie (Mamlukendynastie) des indisches Delhi Sultanats – und somit ist es sehr schwierig, Informationen zur genauen Herkunft ihrer Vorfahren zu machen. Zur genauen Herkunft ihres Großvaters Qutb ud-Dîn Aibek (st. 1210 ) oder ihres Vaters Iltutmish (st. 1236) können wir quasi gar nichts sagen – außer, dass sie wahrscheinlich kaukasischer Herkunft waren oder turk-stämmig waren.

Wir wissen aber auch, dass ein Teil der herrschenden Elite des Delhi Sultanats eine Abstammung von den Qara-Khitai (Kara Kitai) beanspruchte. Qara-Khitai bedeutet “Schwarze Khitai” – es handelte sich um Nachfahren der Khitan, also nomadisch lebender Volksstämme, die ab dem 6.Jahrhundert ein Reich zunächst von Kirgisien aus bis in das heutige Nordostchina und die nördlichen Provinzen Koreas in der heutigen Mandschurei errichten konnten. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts wurde dieses Liao-Reich von den Jurchen übernommen, die ebenfalls aus der Mandschurei stammten. Die Khitan flüchteten in Richtung Westen und kamen dabei zum Teil durch Südsibirien. Erst unter dem Großkhân Yelü Dashi (st. 1143) gründeten die Qara-Khitai ein neues Reich, das unter “Westliches Liao-Reich” bekannt wurde. Das Gebiet umfasste etwa das heutige Xinjang der muslimischen Uiguren (Uigurisches Autonomes Gebiet Xinjang) in China.

Regentinnen

Xiao Tabuyan

Nach Yelü Dashis Tod wurde seine Witwe (und Cousine) Xiao Tabuyan Regentin. Von 1143-1150 führte sie für den noch minderjährigen Sohn Yelü Dahis, Yelü Yelie, die Regierungsgeschäfte. Dieses war zu der Zeit nicht einfach, denn das Reich der Qara-Khitai waren militärisch ständig bedroht. 1143/44 führte der mächtige Seldschuken-Fürst Ahmad Sandschar (st. 1157) Feldzüge in den von Qara-Katai beherrschten Gebieten und unterwarf sogar die mächtigen Khwarazm-Shâhs, die nun den Qara-Khitai und den Seldschuken tributpflichtig waren.

Dennoch behauptete sich Xiao Tabuyan als Herrscherin, wie die folgende Anekdote zeigt: ein Gesandter der Jurchen wurde zu Xiao Tabuyan geschickt, um den Gebietsanspruch der Jurchen gegenüber der Regentin zu erklären. Xiao Tabuyan befand sich jedoch auf der Jagd und weigerte sich, vom Rücken des Pferdes zu steigen. Als der Gesandte die Herrschaftsansprüche der Jurchen mehrfach wiederholte, ließ Xiao Tabuyan ihn hinrichten.

Yelü Pusuwan

Xiao Tabuyan trat zurück, als Yelü Yelie 1150 die Regierung übernehmen konnte. Doch dieser blieb bis zu seinem Tod 1163 ein eher schwacher Herrscher. Sein Sohn Yelü Zhilogu war noch zu jung, um die Herrschaft zu übernehmen, deshalb übernahm seine Schwester Yelü Pusuwan ab 1164 die Herrschaft. Sie war erheblich aktiver als ihr Bruder und ließ 1168 von ihren Truppen Balkh (heute Afghanistan) erobern. Sie mischte sich auch aktiv in die Nachfolgestreitigkeiten unter den Khwarazm-Shâhs ein, als Il-Arslan 1172 starb: so ließ sie dessen Sohn Tekish (st. 1200) auf dem Thron installieren.

Ihre Regentschaft wurde durch einen handfesten Skandal am Hof beendet: so berichten chinesische Chroniken, dass Yelü Pusuwan ihren Ehemann Xiao Duolubo auf militärische Expeditionen schickte, damit ihre Affäre mit dessen Bruder Xiao Pughuzi unentdeckt blieb. Schließlich ließ Yelü Pusuwan ihren Mann ermorden – doch ihr Schwiegervater entdeckte die Affäre zwischen Xiao Pughuzi und Yelü Pusuwan und tötete beide. Yelü Yelies Sohn Yelü Zhilugu (st. 1213) wurde der letzte Gur-Khân. Das Reich der Qara-Khitai wurde von Dschingis Khân (st. 1227) erobert.

Der Einfluss der Frauen der Eliten der Qara-Khitai ist in der Tat bemerkenswert, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser sich bis zur Zeit Razia Sultans und bis nach Indien fortsetzte. Interessant ist aber auch, dass tatsächliche oder angebliche Affären weibliche Herrschaft (und das Leben der Betroffenen) sehr schnell beenden konnten – wie es auch bei Razia und ihrer angeblichen Affäre mit Yâqût der Fall gewesen ist.

Beitragsbild:

Das Bild zeigt die Kitan im 10. Jh. : English: Hu Gui中文: 胡瓌 [Public domain]

Literatur:

Baumer, Christoph: The History of Central Asia: The Age of Islam and the Mongols. London: I.B. Tauris 2016.

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Ostern in Lahore: Akbars (st. 1605) Religionspolitik (Osterspecial 2019)

Im Weihnachtsspecial 2018 hatte ich die Kirche im indischen Agra beschrieben, die der muslimische Mogulherrscher Akbar (regierte 1556-1605 ) errichten ließ.

Angeregt durch einen religiösen Diskurs mit den portugiesischen Jesuiten-Mönchen an seinem Hof, beschäftigte Akbar mit dem Christentum und gestattete den Christen Agras schließlich, eine eigene Kirche zu erbauen.

Das zweite Zentrum der jesuitischen Mission war die Stadt Lahore, die im heutigen Pakistan liegt. Lahore war von 1585-1598 Hauptstadt des Mogulreiches, da Akbar sich erhoffte, von dort aus die militärischen Auseinandersetzungen im Nordwesten seines Reiches besser unter Kontrolle zu bringen. Nachdem ihm dieses gelungen war, richtete Akbar seinen Hof wieder in Agra ein. Lahore blieb dennoch ein wichtiges weiteres Zentrum des Mogulreiches. Aus diesem Grund war es auch wichtig für die Jesuiten, ihre Missionsaktivitäten in Lahore beizubehalten. Sie hofften immer noch, dass wichtige Mitglieder des Hofes oder sogar der Herrscher selbst zum Christentum konvertieren würden. Diese Hoffnung mussten die die Jesuiten jedoch aufgeben – zumindest unter Akbars Herrschaft.

Akbars erster Dialog mit den Jesuiten

So war die erste Mission der Jesuiten 1583 gescheitert – die Jesuiten um Pater Rodolfo Acquaviva kehrten zurück zur Basis der jesuitischen Mission in Goa, wo Acquaviva während hinduistischer Aufstände getötet wurde. Akbar war schockiert von Acquavivas Tod, denn er hatte sich mit ihm häufig über die Lehren des Christentums unterhalten. Akbar war besonders an den Feiertagen von Ostern und Weihnachten interessiert, wie wir in einem Bericht lesen können (Du Jarric: Akbar and the Jesuits, S. 22)

Pater Aquaviva (sic!) kam ein anderes Mal an den Hof (i.e. Fatehpur Sikri, CP), um dem Kaiser mit einem Geschenk Bonne Pasques oder Frohe Ostern zu wünschen, da es der Abend der Wiederauferstehung unseres Erlösers war. Seine Majestät war sehr erfreut darüber. Er erwies dem Pater eine große Ehre, indem die Unterhaltung mit ihm bis spät in die Nacht führte. Er stellt ihm viele Fragen: über das Wunder der Auferstehung unseres Erlösers und die Regeln, die Christen bei den Gebeten zu Gott befolgen. Diese und andere Fragen wurden beantwortet und Akbar entließ den Pater mit großer Freundlichkeit.

Die zweite Jesuitenmission und die Kirche in Lahore

Nach Pater Acquavivas Tod dauerte es sieben Jahre, bis Akbar wieder Kontakte zu den Jesuiten aufnahm. Ein gewisser Pater Leo Grimon suchte den Hof Akbars in Lahore im Jahr 1590 auf. Grimon stammte aus Griechenland, eine Tatsache, die Akbar besonders interessierte. So vereinbarte er mit Grimon die Übersetzung verschiedener griechischer Werke – ob diese Vorhaben durchgeführt werden, ist allerdings unbekannt.

Akbar ließ Grimon eine Einladung an seinen Hof überbringen. Während einige Jesuiten daraufhin nach Agra reisten, blieben mehrere Mönche in Lahore. Drei von ihnen (Pater Edward Leitao, Pater Christopher de Vega and Bruder Stephen Ribero) sollen laut einiger portugiesischer Quellen eine kleine Kirche aus Holz errichtet haben. Dabei halfen ihnen armenische Christen und wahrscheinlich auch Einwohner Lahores. Akbar hingegen war von der Errichtung der kleinen Kirche nicht angetan. Er erteilte zwar kein Verbot der Kirche, erlaubte aber nicht, dass das Kreuz auf dem Dach sichtbar aufgestellt wurde. So wurde das Kreuz schließlich in dem kleinen Raum der Holzkirche untergebracht.

Die große Kirche von Lahore und die Osterfeierlichkeiten

1595 gestattete Akbar dann schließlich den Bau einer Kirche in Lahore. Diese wurde 1597 offiziell eingeweiht. Akbar unterstützte den Bau finanziell und stiftete auch einige religiöse Bilder, die er von seinen Hofmalern anfertigen lassen hatte.

Ostern wurde in dieser Kirche immer Szenen aus dem Leben Jesu gespielt, zudem gab es auch Darstellungen bzw. Vorträge zur Überlegenheit der christlichen Religion. An den Feiertagen suchten Tausende von Menschen aller Religionen die Kirche auf. Auch die Konversionen zum Christentum nahmen an diesen Tagen immer zu. Akbar selbst besuchte die Kirche in Lahore einige Male – auch die Mitglieder seiner Familie und Angehörige seines Hofes kamen oft vorbei.

Akbar schuf sowohl in Agra als auch in Lahore ein Klima der religiösen Toleranz und Offenheit. Obwohl es auch von Anhängern aller anderen Religionen Proteste gegen den Besuch einer christlichen Kirche gab, besuchten auch Muslime und Hindus die Kirche in Lahore. So gab es einen Austausch und Dialog der Religionen, der bis heute seinesgeichen sucht.

Das Beitragsbild zeigt die Geburt Jesu auf dem Bild eines Malers des Mogulhofes im 18. Jahrhundert.

Literatur: Du Jarric, Pierre: Akbar and the Jesuits / translated by C.H.Payne. London 1926 (1st ed.)

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Akbars Lieblingstante: Gulbadan Bâno (st. 1603)

Am Hof des Mogulkaisers Akbar (regierte 1556-1605) spielten die Frauen seiner Familie eine große Rolle. Sie hatten zum Teil einen erheblichen Einfluss auf den Herrscher und waren auch an politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen beteiligt. Dieses betraf sowohl Akbars Ehefrauen (Jodha Bai/Maryam uz-Zamânî (st. 1623) und Salîma (st. 1613 )) als auch seine Mutter Hamîda Bâno (st. 1604). In diesem Beitrag soll es um Akbars Lieblingstante Gulbadan Begum gehen (wörtlich “der Körper einer Rose”).

Gulbadan Begums Zeit in Kabul

Gulbadan Begum war eine der jüngeren Töchter des ersten Mogulherrschers Indiens, Bâbur (st. 1530) und seiner Frau Dildâr. Zur Zeit ihrer Geburt 1523 in Kabul beherrschte Bâbur erst weite Teile des heutigen Afghanistans – erst ab 1525 begannen die Eroberungen in Nordindien. Ab dieser Zeit wurde Gulbadan Begum von Mahâm Begum, der Mutter ihres Bruders Humâyûns (st. 1556), erzogen. 1526 eroberte Bâbur nach der erfolgreichen Schlacht von Panipat Delhi und später Agra und begründete somit das Mogulreich. An seinen gesamten weiblichen Hofstaat ließ er über einen Vertrauten Geschenke verteilen und befahl den Frauen, von Kabul nach Agra umzusiedeln. Ein Grund dafür schien gewesen zu sein, dass die Frauen des Harems sich  immer wieder in politische Angelegenheiten eingemischt hatten – der Herrscher erhoffte sich, die Frauen in Agra besser unter Kontrolle haben zu können. So kam Gulbadan Begum zum ersten Mal nach Agra, das sie 1540 wieder verlassen musste, als ihr Bruder Humâyûn das indische Gebiet wieder verlor und mehr als 15 Jahre im Exil in Lahore, Kabul und Persien lebte.

Gulbadan Begum kehrte nach Kabul zurück, zu dieser Zeit wohl schon verwitwet. Sie war in Indien mit 17 Jahren mit Khizr Khwâja Khân verheiratet worden. Mit ihm hatte sie wahrscheinlich mehrere Kinder, die jedoch wohl alle sehr jung starben – leider erfahren wir aus den Quellen nicht mehr darüber.

Gulbadan Begum kommt nach Agra

1556 änderte sich Gulbadan Begums noch einmal entscheidend, denn ihr Neffe Akbar wurde nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Humâyûn mit nur 14 Jahren Herrscher des Mogulreiches.

1557 traf Gulbadan zusammen mit Akbars Mutter Hamîda Begum in Agra ein. Die beiden Frauen zählten nun mit Akbars Ratgebern Bairam Khân  (st. 1561) und Atga Khân (st. 1562) zu den wichtigsten Personen am Hof.

Gulbadan war dafür bekannt, dass sie ein gewisses erzählerisches Talent hatte und gut Geschichten erzählen konnte. Aus diesem Grund war sie die Person, die Akbar beauftragte, eine Geschichte der Ereignisse rund um Bâbur und Humâyûn zu verfassen.

Gulbadan Begums “Familiengeschichte”

Dieser Aufgabe kam Gulbadan Begum gerne nach, und sie verfasste das Werk, das unter dem Titel Humâyûn-nâma (“Nachrichten über Humâyûn”) bekannt wurde. Darin thematisierte sie nicht nur die positiven Seiten ihres Vaters und ihres Bruders, sondern beschrieb auch in Details dessen Konflikt mit dem weiteren Bruder Kâmrân Mîrzâ (st. 1557). Aus dem Werk können wir auch entnehmen, dass sie sich besonders gut mit ihrem Bruder Hindal Mîrzâ, dem Vater von Akbars Cousine und Ehefrau Ruqaiya Begum verstand.

Die Rolle der Frauen im Harem bei der Vermittlung in familiären Streitigkeiten und bei der Ehestiftung wird von Gulbadan hervorgehoben. Das Werk ist auf Persisch verfasst – und die einzige erhaltene Biographie dieser Zeit, die von einer Frau geschrieben wurde. Es endet aber vier Jahre vor dem Tod Humâyûns.

Über das weitere Leben Gulbadans wissen wir nicht sehr viel, denn darüber berichtet sie ja nichts mehr.

Gulbadan Begums Pilgerfahrt nach Mekka

1575 brach Gulbadan Begum  zusammen mit Hamîda Bâno und Salîma Sultân zu einer Pilgerfahrt nach Mekka auf. Doch Gulbadan Begum verbrachte insgesamt vier Jahre in Mekka und zusätzlich zwei Jahre in Aden (Jemen), bevor sie nach sieben Jahren wieder an Akbars Hof ankam. Dort wurde sie von Akbar mit besonderen Ehren empfangen.

Um ihre Pilgerfahrt soll es noch ein einem separaten Blogbeitrag gehen.

Gulbadan Begum starb 1603. Sie wurde von Akbar besonders betrauert. Ihr Werk ist bis heute ein interessantes Gegengewicht zu allen von Männern geschriebenen Quellen dieser Zeit.

Literatur

Gulbadan Begum: Humayun-nama :The history of Humayun. (tr. by Annette S. Beveridge) Royal Asiatic Society, 1902.

Purnaqcheband, Nader: “Perspektiven aus Harem und Heerlager in der frühen Mogulzeit”, in: Susanne Kurz, Claudia Preckel, Stefan Reichmuth (eds.): Muslim Bodies. Münster 2016, 213-238.

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Berühmte Frauen an den islamischen Höfen Indiens – Internationaler Frauentag 2019

Frauen im Sultanat von Delhi

Razia Sultan und die TV-Serie

Razia Sultan und ihre Kleidung

Frauen am Mogulhof

Akbars Mutter Hamîda Bâno

Mahâm Anga – Akbars Amme und Ministerin

Akbars Ehefrau Jodha Bai

Akbars Ehefrau (und Cousine) Ruqaiya Begum

Akbars Ehefrau (und Cousine) Salîma Begum

Akbars Töchter

Dschahângîrs Ehefrau Mân Bai

Dschahângîr Ehefrau Jagat Gosain

Dschahângîrs Ehefrau Nûr Dschahân, Teil 1

Dschahângîrs Ehefrau Nûr Dschahân, Teil 2

Dschahângîr und Anarkali

Mumtâz Mahall und das Tâdsch Mahall

Die Begums von Bhopal

Sultân Dschahân Begum, Teil 1

Sultân Dschahân Begum, Teil 2

Beitragsbild

Das Beitragsbild zeigt die Mogulprinzessin Nadîra Bâno Begum – Atrribution Balchand [Public domain]


Eine verhängnisvolle Affäre? Razia Sultan und Yaqut

Heute soll endlich eine der wichtigsten Figuren am indischen Hof von Sultan Iltutmish (reg. 1211-1236) beleuchtet werden: Yaqut (Dschamâl ud-Dîn Yâqût etwa 1200 bis 1240). Iltutmish, selber ehemaliger Militärsklave mit türkischen Wurzeln, konnte die Herrschaft des Delhi Sultanats festigen und die Herrschaft der Sklavendynastie etablieren. Nicht seine beiden Söhne Mu’izz ud-Dîn  (st. 1242) und Rukn ud-Dîn (st. 1236), sondern seine Tochter Razia Sultan (st. 1240) sollte nach Iltutmishs Willen seine Nachfolge antreten.  Doch nach seinem Tod wurde zunächst Rukn ud-Dîn Sultan – mit dem bekannten “Erfolg” – er wurde von der türkischen Elite ermordet und Razia wurde auf dem Thron installiert.

Yaqut und seine Identität als Afrikaner

Razia war als fähige und gerechte Herrscherin bekannt. Zunächst hatte sie auch die Unterstützung der türkischen Elite (Turkan-e chihalgan), die dann jedoch ihren Bruder Mu’izz ud-Dîn unterstützte. Dieses war zum Teil daran begründet, dass Razia ihren Militärsklaven Yaqut zu ihrem Ratgeber und Vertrauten machte. Yaqut war kein Mitglied der türkischen Elite, sondern ein abessinischer Militärsklave. Das Königreich Abessinien war auf dem Gebiet der heutigen Staaten Äthiopien und Eritrea. Aus diesem ostafrikanischen Gebiet kamen viele so genannte Siddis, Shiddis oder auch Habshis freiwillig oder unfreiwillig als Händler, Sklaven oder Söldner nach Asien, vor allem auf den Dekkan oder nach Gujarat. Dort und am Mogulhof konnten Siddis einen großen Einfluss erlangen. Die Siddis, Nachkommen der Bantus pflegen bis heute ihre afrikanische Identität in Südasien.

Über Yaquts genaue Herkunft ist nichts bekannt, wir wissen auch nicht, wann genau er nach Indien kam. Einige Quellen berichten, dass er bereits zu Lebzeiten Iltutmishs am Hof in Delhi lebte und dort als Stallmeister tätig war. Andere Quellen sagen, dass Yaqut erst von Razia zum Obersten Stallmeister gemacht wurde. In jedem Fall wurde Yaqut erst von Razia zum obersten Befehlshaber (amîr al-‘umarâ) gemacht wurde.

Dieser Schritt ging vielen Mitgliedern der türkischen Elite zu weit, waren doch die beiden Ämter als Stallmeister und Befehlshaber eigentlich den Türken vorbehalten gewesen. Es ist wahrscheinlich, dass aufgrund des Vertrauensverhältnisses zwischen Razia und Yaqut die Gerüchte gestreut wurden, dass die beiden eine Affäre miteinander hätten. Gibt es für eine solche Affäre Beweise in den historischen Quellen?

Die historischen Quellen

Der berühmte marokkanische Reisende Ibn Battûta (geb. 1304) besuchte knapp 100 Jahre nach Razia Sultans Tod das Sultanat von Delhi und berichtet über Razias Herrschaft.  So schrieb er, “dass Razia angeklagt wurde, Verbindungen zu Yaqut zu haben” (Rehla, S. 34, übersetzt aus dem Englischen von CP) – Beweise wurden auch nicht gebracht.

Auch meine bevorzugte Quelle zum Delhi Sultanat, das Tabaqât-e Akbarî von Nizâm ud-Dîn Ahmad  wusste zu berichten (Tabaqât, S. 76, Übersetzung aus dem Englischen von CP) :

Er (i.e. Yaqut) erreichte eine solche Stufe der Intimität mit der Königin, dass wenn sie auf ein Reittier aufstieg, seine Hände unter ihre Arme legte und sie auf dem Reittier platzierte

Diese historische Quelle entstand allerdings über 300 Jahre nach Razias Tod und kann somit nicht als authentisch gelten.

Fakt ist aber, dass sowohl Yaqut als auch Razia, ihr Mann Malik Altunia (und später auch Mu’izz ud-Dîn) von der türkischen Elite getötet wurde.

Razia und Yaqut in der populären Kultur

Die angebliche Affäre zwischen Razia und Yaqut inspirierte auch Literaten und Schreiber von Bollywood. 1835 schrieb H. Caunter in seinem Buch Romance of History: India, dass Razia für Yaqut schwärmte, er aber in eine ihrer Hofdamen verliebt war.

Yaqut wird als attraktiver Mann dargestellt, dem Razia nicht widerstehen konnte (Romance of History, S. 195):

Er war ein außerordentlich attraktiver Mann, mit einer Gestalt von Herkules,  gegossen in eine anmutige Gestalt. Er war groß und kräftig, breit gebaut, aber kompakt geformt, und da er von der Taille aufwärts und von den Knien abwärts nackt war, konnte man jede  Muskelbewegung sehen, die mit einer Symmetrie erfolgte, welche nahe an der männlichen Perfektion war. Sein ruhiger aber intensiver Blick gab ein Zeugnis ab von seiner Willensstärke.

Caunter beschrieb ebenso die Version, dass die türkischen Notabeln Razia und Yaqut töteten, weil sie sich übergangen fühlten. Razia wird als Frau dargestellt, die der körperlichen Anziehungskraft Yaquts nicht widerstehen kann und äußerst eifersüchtig auf Yaquts Beziehung zu ihrer Hofdame reagiert. Einer politischen Eheschließung mit Malik Altunia stimmt sie letztendlich zu.

Eine gegenseitige Liebe (und heimliche angedeutete Affäre) zwischen Razia und Yaqut zeigt der berühmte Film Razia Sultana von Kamal Amrohi aus dem Jahr 1983. Doch der Film wird auch interessant durch die erotische Szene zwischen Razia und ihrer Vertrauten Khakun (gespielt von Hema Malini und Parveen Babi), die den Zuschauer mit einigen Interpretationsmöglichkeiten zurücklässt.

Zee.one gibt in der Serie Razia Sultan: die Herrscherin von Delhi eine dritte Version: hier verliebt sich der durchtriebene Yaqut in Razia, die ihrer Liebe zu Malik Altunia treu bleibt. Yaquts Identität als Siddi wird in der Serie nicht thematisiert – hier kommt er aus Belutschistan.

Die Figur des Yaqut bleibt eine schillernde – sie schwankt je nach Auslegung zwischen dem “edlen Schwarzen”, dem selbst die Herrscherin nicht widerstehen kann und dem verschlagenen Sklaven, der Razia liebt – und dessen Identität als Inder afrikanischer Herkunft von Bollywood verschwiegen wird.

Interessant ist die Beschreibung Yaquts als “muslimischer Körper” und die Frage der Kontrolle der (weiblichen) Sexualität, die nach heutigen Vorstellungen der indischen Filmindustrie funktioniert und auch auf historische Stoffe projiziert wird.

Literatur

Hobar Caunter: Romance in History.  Vol. 1 : India. London1836.

Ibn Battuta: The Rehla of Ibn Battuta: (India, Maledive Islands and Ceylon). Transl. By Mahdi Husain. Baroda 1976.

Nizam ud-Din Ahmad: The Tabaqat-i-Akbari. Vol. 1. Trans. By B. De. Calcutta 1927.

Beitragsbild: Leider haben wir ja aus dem Lebenszeit Razias keine bildlichen Darstellungen der jeweiligen Personen. Ich habe deshalb das Bild des berühmten ehemaligen Militärsklaven Malik Ambar (st. 1627),  der ebenso wie Yâqût ein Siddi war. Er regierte faktisch den Staat von Ahmadnagar auf dem Dekkan und sagte sich von der Herrschaft der Moguln (vor allem von Akbar) los.

Malik al-Ambar: Victoria and Albert Museum [Public domain]

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