Dschahânâras Unfall und Heilung: der “öffentliche” Fallbericht von Akbars Urnkelin

In meinem letzten Beitrag habe ich beschrieben, wie die Urenkelin des Mogulherrschers Akbar (st. 1605) Dschahânâra Begum (st. 1681) nach dem Tod ihrer Mutter zur “First Lady” an der Seite ihres Vaters Schâh Dschahân wurde. Auch die Errichtung des Taj Mahal, das Schâh Dschahân für Mumtâz Mahal errichten ließ, wurde von ihr beeinflusst. Im Streit um die Thronfolge, der schon zu Schâh Dschahâns Lebzeiten ausbrach, versuchte Dschahânâra zu vermitteln und hatte auch darüber hinaus großen politischen und künstlerischen Einfluss.

Der Unfall Dschahânâras

Kurz nach Dschahânâras 30. Geburtstag, am 11. April 1644, wurde am Hof das Persische Neujahrsfest Nourûz gefeiert. Der ganze Palast war zu diesen Anlass festlich geschmückt und erleuchtet. Durch unglückliche Umstände fingen die Gewänder von Dschahânâra Feuer. Rasch breitete sich der Brand aus, beim Versuch, Dschahânâra zu helfen, wurden zwei Dienerinnen getötet.

Die Begum selbst trug schwere Brandverletzungen an ihrem Rücken, ihren Händen, aber auch an ihrer vorderen Körperseite davon. Große Teile ihrer Haut waren völlig verbrannt, es war zunächst unklar, ob Dschahânâra überhaupt überleben würde.

Die Suche nach Heilung Dschahânâras

Sofort nach dem Unfall begannen die hakîms, die Praktizierenden der Unani Medicine, (tibb-i yûnânî) mit der Behandlung Dschahânâras. Die Therapien nahmen insgesamt 20 Monate in Anspruch, und zwischendurch gab es – wie zu sehen sein wird – auch einige Rückschläge.

Schâh Dschahân war untröstlich, dass seine Tochter derartig leiden musste. Umgehend nach dem Unfall ließ er in seinem ganzen Reich nach Heilmitteln für schwere Verbrennungen suchen. Dabei zog er nicht nur Experten der Unani Medicine zu Rate, sondern auch Praktizierende des Ayurveda.

Normalerweise erfolgte eine Behandlung von Frauen durch hakîms unter Beachtung der Regeln der “Abschirmung” (Urdu: pardah/purda): Die Patientin befindet sich hinter einem Vorhang, zur Diagnose kann der hakîm die Hand der Patientin halten und den Puls fühlen. Zur weiteren Diagnose wird häufig eine Urinprobe abgegeben. In Dschahânâras Fall wurde mit dem purda-System gebrochen. Zahlreiche Mediziner untersuchten die Patientin persönlich, wechselten Verbände und trugen Heilmittel auf.

Schâh Dschahâns Besorgnis

Schâh Dschahâns Besorgnis um seine Tochter ging jedoch noch weiter. Er zeigte ähnliche Anzeichen von Trauer wie beim Tod seiner Frau Mumtâz Mahal 13 Jahre zuvor: er vernachlässigte seine Regierungsgeschäfte und zog keine Prunkgewänder mehr an.

Zudem forderte Schâh Dschahân alle muslimischen Mystiker auf, für die Genesung Dschahânâras zu beten. Er ließ mehrere Tage lang Almosen an die Bevölkerung verteilen. Außerdem passierte etwas Ungewöhnliches: in einem Erlass nahm Schâh Dschahân eine vorher getroffene Entscheidung zurück und forderte seine Untertanen auf, ebenfalls für Dschahânâra zu beten. Zudem ließ er einige Gefangene frei. Auch diesen Erlass verknüfte er mit der Aufforderung, Gebete für seine Tochter zu sprechen. Weiterhin wurden täglich Almosen an Bedürftige verteilt. Mit diesen Aktionen wollte der Herrscher – seiner Ansicht nach – begangenes Unrecht wiedergutmachen und Dschahânâra davor bewahren, für seine (eventuellen) Sünden bestraft zu werden.

Dschahânâras teilweise Genesung

Nachrichten über Dschahânâras Gesundheitszustand wurden jedoch nicht nur in Indien verbreitet. Schâh Dschahân ließ Almosen nicht nur an seine Untertanen verteilen, sondern sogar in Mekka. Gleichzeitig, also nach der teilweisen Genesung Dschahânâras nach 8 Monaten, ließ er 50.000 Rupien in Medina verteilen. Dschahânâra sandte zusammen mit den Münzen und anderen Gütern eine Kerze, die sie selbst gestaltet und mit Juwelen verziert hatte. Diese sollte am Grab des Propheten Muhammad aufgestellt werden, um die Verbundenheit der Moguln mit den Heiligen Stätten des Islam zu betonen.

Nachdem es bereits eine 8-tägige Feier vier Monate nach dem Unfall gegeben hatte, wurde die teilweise Genesung Dschahânâras nach 8 Monaten und 8 Tagen ausgiebig gefeiert. Dschahânâra konnte erstmals nach ihrem Unfall wieder persönlich anwesend sein. Es wurden nicht nur kostbare Gewänder, Schmuck und an die Mitglieder des Hofstaates verteilt, sondern Dschahânâra wurde gegen Gold aufgewogen – und das Gold wurde an die Bedürftigen verteilt. Dieser Brauch war für gewöhnlich nur dem Herrscher selbst vorbehalten – er wurde an seinem Geburtstag aufgewogen.

Auch diese Zeremonie zeigte letztendlich, wie wichtig Dschahânâra für den Mogulhof hatte. Sie genoß eine Handlungsfreiheit, wie sie ansonsten nur die Männer des Hofes hatten. Der Fallbericht über Dschahânâras Unfall und ihre Verletzungen verbreitete sich in Indien und der Islamischen Welt. Dieses stand im Gegensatz zur sonstigen Abgeschiedenheit des Harem und dem System der purda.

Sogar in mehreren Gedichten wurde Dschahânâras Unfall und ihre Heilung thematisiert (Zitiert nach A. Bokhari: Gendered Landscapes, S. 104, Übersetzung aus dem Englischen von C.P.). Hier das Beispiel eines Gedichten von Abû Tâlib Kalîm:

Das Feiern Deiner Gesundheit ist besser als der Frühling für die Welt, Dein Wohlergehen ist das Ornament des Gartens der Erde. Aus jeder Ecke der Welt mögen die Hände der Menschen beim Gebet wie ein Schutz dienen – wie Wimpern. In den Grenzen der Kerze waren die Flammen ruhelos – und in ihrer Ruhelosigkeit griffen sie auf Dein Gewand über. Der Funken und die Flamme erhielten Ehre und Würde durch das Berühren Deines noblen Gewandes. Die Kerze schämte sich, und die Motte verließ sie voller Abschau für das Verbrechen, Dich zu verbrennen. Du bist das Meer voller Gnade, und Deine Blasen sind die Perlen, die durch das Feuer wertvoll wurden.

Erst nach 20 Monaten erlangte Dschahânâra ihre Gesundheit vollständig wieder – ihr Körper blieb allerdings bis zu ihrem Tod von Narben gezeichnet.

Das Beitragsbild zeigt ein Portrait Dschahânârâs aus dem Jahr 1635. Es ist Public Domain.

Literatur: Afshan Bokhari: Gendered Landscapes‘: Jahan Ara Begum‘s (1614-1681) Patronage, Piety and Self-Representation in 17th C Mughal India‖. Dissertation, Universität Wien, 2009.

Akbars Urenkelin Dschahânârâ: “First Lady”, Dichterin, Mystikerin

Susanne und ich haben in diesem Blog schon häufiger über die bedeutenden Frauen an Akbars Hof berichtet: von seiner Mutter Hamîda Bâno, seinen Ammen Jîjî Anga und Mâham Anga, seinen Ehefrauen Salîma und Jodha Bai bis hin zu seinen Töchtern haben wir hier schon berichtet. Dabei ist deutlich geworden, dass der Harem des Herrschers ein kompliziertes Beziehungsgeflecht war, in dem einige Frauen auch zu politischer Macht kamen.

In meinem heutingen Beitrag “überspringen” wir zwei Generationen und gehen zu Akbars Urenkelin Dschahânârâ Begum (st. 1681), die als Königin (Pâdschâh Begum) an der Seite ihres Vaters Schâh Dschahân (st. 1666) einen großen Einfluss auf das Mogulreich hatte – sowohl in politischer als auch in kultureller Hinsicht.

Dschahânârâs Familie und Kindheit

Akbars Sohn und Nachfolger Salîm / Dschahângîr (st. 1627) hatte mehrere Söhne, die hofften, sein Nachfolger zu werden. Nach einigen sehr unschönen Auseinandersetzungen konnte sich schließlich Khurram unter seinem Thronnamen Schâh Dschahân durchsetzen und den Thron besteigen.

Im Alter von 15 Jahren, im Jahr 1607, wurde Schâh Dschahân, der übrigens Akbars Lieblingsenkel war, mit der Frau verlobt, für die er später das Taj Mahal (Tadsch Mahal) erbauen ließ: Ardschumand Begum, genannt Mumtaz Mahal (st. 1631). Mit ihr hatte der Herrscher insgesamt 14 Kinder, von denen jedoch nur sieben ihre Kindheit überlebten. Dschahânâra Begum wurde im Jahr 1614 in Ajmer (Rajasthan) geboren – also in dem Ort, an den ihr Urgroßvater Akbar mindestens einma jährlich pilgerte.

Dschahânâra erhielt eine Ausbildung in Disziplinen wie Persisch, Dichtung, Qur’ân, Ethik (adab) und Medizin. Ihre Lehrerin war Satî un-Nisâ’, die Schwester des berühmten Talib Amoli (st. 1627). Die beiden waren aus Persien nach Indien gekommen, und Talib Amoli war einer der Hofdichter von Dschahângîr. Dschahânâra war auch als Hofdame ihrer Mutter Mumtâz Mahal bekannt.

Dschahânâra als “First Lady”

1631, als Dschahânâra 17 Jahre alt war, verstarb ihre Mutter Mumtâz Mahal bei der Geburt ihres 14. Kindes. Schâh Dschahân war über den Verlust seiner Lieblingsehefrau, von der er seit ihrer Eheschließung so gut wie nie getrennt war, untröstlich. Er vernachlässigte die Regierungsgeschäfte und erschien nur unregelmäßig zu seinen Audienzen. Er beschloß, den Bau eines Grabmals für Mumtâz Mahal in Auftrag zu geben, das alles bisher Dagewesene übertraf. Wahrscheinlich übernahm Dschahânara Begum auch Aufgaben bei der Planung des Grabmals uns dessen künslerischer Ausgestaltung.

Obwohl Schâh Dschahân noch drei weitere Ehefrauen hatte, wählte er Dschahânâra Begum als seine First Lady. Er verlieh ihr mehrere Titel, z.B. Padschâh Begum (Königin) oder Sâhibat uz-Zamânî (Herrin der Zeit). Darüber hinaus erhielt Dschahânâra Begum Gold und Schmuck von ihrem Vater, so dass sie zu einer der reichsten Persönlichkeiten am Hof zählte.

Dschahânâra Begum im Familienstreit

Eine der wichtigsten Aufgaben als Herrscherin war die Vermittlung im Steit zwischen den verschiedenen Fraktionen am Hof. Seit ihrer Kindheit Dschahânâra besonders vertraut mit Dârâ Schikoh (st. 1659), ihrem ältesten Bruder. Dârâ war zwar als Lieblingssohn seines Vaters und ältester überlebender Sohn für den Thron vorherbestimmt, jedoch interessierte er sich nur wenig für die militärischen Angelegenheiten des Hofes. Das änderte sich auch nicht, als er von seinem Vater das Kommando über 60.000 Soldaten erhielt. Dârâs Interesse galt vielmehr der Philosophie und der islamischen Mystik, die er selbst als vom Hinduismus beeinflusst sah. Dârâ verfasste selbst zahlreiche Werke, in denen er die Gemeinsamkeiten hinduistischer und islamischer Lehren beschrieb. Wie sein Urgroßvater Akbar traf sich Dâra nicht nur mit islamischen Mystikern (sûfîs), sondern auch mit Hindu-Gelehrten. Dschahânâra befürwortete dieses nicht nur, sondern war selbst eine Schülerin von islamischen Mystikern. Die schrieb Biographien ihrer Lehrer und auch, wie sie selbst als Schülerin in die mystischen Lehren eingeweiht worden war.

Obwohl ihr jüngerer Bruder Aurangzeb selbst auch Schüler der islamischen Mystiker war, lehnte er eine Vermischung von islamischen und hinduistischen Lehren ab. Er wurde nicht nur damit zum Gegner von Schâh Dschahân, Dschahânâra und Dârâ Schikoh. Er verfügte über ein ausgesprochenes Machtbewusstsein und wollte anstatt Dârâ Schikoh seinem Vater auf den Thron folgen. Aurangzeb war militärisch sehr geschickt, und sein Vater sah den Ehrgeiz seines Aurangzebs mit Mißtrauen.

Der Bruderkrieg ist nicht mehr aufzuhalten

1657 erkrankte Schâh Dschahân schwer, und Aurangzeb sah seine Zeit gekommen, seine Brüder militärisch auszuschalten. Schâh Dschahân bat Dschahânâra, in diesem Konflikt zu vermitteln. Dschahânâra unterbreitete Aurangzeb einen Vorschlag zur Zerteilung des Reiches, doch dieser lehnte ab. Was folgte, war ein Bruderkrieg, in dem Aurangzeb seine Brüder Dârâ Schikoh und Murâd Baksh hinrichten ließ. Ein dritter Bruder, Schâh Schujâ, wurde ins heutige Myanmar verbannt, wo er 1661 ebenfalls ermordet wurde.

Seinen Vater Schâh Dschahân ließ Aurangzeb in Agra mit Blick auf das Taj Mahal unter Hausarrest stellen. Dschahânâra begleitete ihren Vater ins Exil im eigenen Land und pflegte ihn aufopfernd.

Dschahânâra wird erneut “First Lady”

Als Schâh Dschahân 1666 starb, versöhnte sich Dschahânâra mit Aurangzeb. Dieser machte sie erneut zur “First Lady” des Mogulreiches, obwohl auch er mehrere Ehefrauen hatte. Zuvor war seine jüngere Schwester Roschanâra Begum die Herrscherin gewesen. Dschahânâra setzte ihre wohltätigen Aktivitäten fort. Zudem verfügte sie – genau wie vor ihr ihre Urgroßmutter Jodha Bai – über mehrere Handelsschiffe und hatte auch Geschäftsbeziehungen zu den Briten.

Dschahânâra blieb unverheiratet und starb 1681 mit 67 Jahren. Ihr Grab befindet sich im Nizamuddin Auliya Komplex in Delhi.

Im nächsten Beitrag werde ich von Dschahânâras Unfall und ihrer schwierigen Heilung berichten.

Das Beitragsbild zeigt ein Portrait von Dschahânârâs Bruder Dârâ Shikoh. Es ist Public Domain

Literatur: Afshan Bokhari: Gendered Landscapes‘: Jahan Ara Begum‘s (1614-1681) Patronage, Piety and Self-Representation in 17th C Mughal India‖. Dissertation, Universität Wien, 2009.

Der Pfauenthron der Moguln

Heute möchte ich hier nur einen kleinen Schnipsel aus einem berühmten Reisebericht posten, der sich mit dem nicht weniger berühmten Pfauenthron der Moguln beschäftigt. Der Reisebericht stammt von Jean-Baptiste Tavernier, einem französischen Juwelenhändler und Reisendem. Er bereiste zwischen 1630 und 1668 sechs mal Persien und Indien. Während seiner Reisen erwarb er zahlreiche wertvolle Edelsteine, die er später in Europa verkaufte und großen Reichtum erlangte. Somit ist es nicht verwunderlich, dass Tavernier vom Pfauenthron am Mogulhof in Delhi besonders fasziniert war.

Der Mogulherrscher Schâh Dschahân (st. 1666) wollte sich von seimem Vater Dschahângîr (st. 1627) abgrenzen, der einen Thron aus schwarzem Basalt hatte. Schâh Dschahân gab also den prachtvollen Thron in Auftrag, der mit Blattgold verziert und mit über 26.700 Edelsteinen geschmückt war. Der Pfauenthron wurde in einer prächtigen Zeremonie am siebten Jahrestag von Schâh Dschahâns Thronbesteigung eingeweiht (22.3.1635). Den Namen Pfauenthron hatte er zunächst noch nicht, erst spätere Historiker nannten ihn wegen der Pfauenstatuen Takht-e tâvûs.

Taverniers Beschreibung des Pfauenthrons

Tavernier kam auf Einladung Schâh Dschahâns persönlich an den Hof in Delhi. Er sollte die Edelsteine des Herrschers beurteilen und wollte ihm selbstverständlich auch Edelsteine verkaufen. Das Rote Fort in Delhi, wo sich der Pfauenthron befand, hatte sieben Throne, der Pfauenthron stand jedoch im Diwân-e khâss, dem speziellen Audienzraum, er ..

(…) erinnert in Bezug auf Form und Größe einem Feldbett. Das bedeutet, es ist etwa 1,80 m lang und 1,20 m breit. (…) Er hat einen Baldachin auf drei Seiten, die Seite, die zum Hof zeigt, ist offen. Sowohl die Füße des Throns als auch die Stangen, die mehr als auch das Gestänge, das mehr als 45 Zentimeter lang ist, sind mit goldenen Intarsien und mit zahllosen Diamanten, Rubinen, und Smaragden verziert. In der Mitte einer jeden Stange befindet sich ein großer Balasrubin, glatt geschliffen. Sie werden von vier Smaragden umgeben, die ein quadratisches Kreuz bilden. (…) Es befinden sich drei große Kissen auf dem Thron, von denen das, das sich am Rücken des Herrschers befindet, richtig aufgepolstert ist, während die Kissen an seiner Seite flach sind. Außerdem gibt es ein Schwert, einen Schild, einen Bogen und einen Köcher mti Pfeilen, die am Thron angebracht sind, und wie alles anderean diesem und an allen sechs anderen Thronen sind mit Steinen verziert. Ich hab die großen Balasrubine auf dem großen Thron gezählt, und ich bin auf 108 gekommen, alle glatt geschliffen. Der leichteste von ihnen hatte 100 Karat (20 Gramm).Viele der Steine haben aber offensichtlich mindestens 200 Karat (40 Gramm). Was die angeht, so gibt es viele von sehr schöner Farbe, aber es gibt auch einige fehlerhafte. Der schwerste von ihnen mag etwa 60 Karat (12 Gramm) wiegen, der leichteste 30 Karat (6 Gramm). Ich habe 116 von ihnen gezählt, also gibt es mehr Smaragde als Rubine.

 

Der prachtvolle Thron ist nach der gängigen Geschichtsschreibung bei der Eroberung Delhis 1739 durch den persischen Herrscher Nâdir Schâh (st. 1747) als Kriegsbeute nach Persien verbracht. Er gilt seitdem als verschollen, und es ranken sich etlichen Legenden um den Verbleib. Der Mogulherrscher installierte eine Nachbildung anstelle des Pfauenthrons, die in den Wirren der Rebellion von 1857 und der Zerstörung des Roten Forts durch die Briten ebenfalls verloren ging.

Literatur:

Baptiste, Jean-Baptiste: Les six voyages de Jean Baptiste Tavernier, écuyer baron d’Aubonne, qu’il a fait en Turquie, en Perse, et aux Indes, pendant l’espace de quarante ans, & par toutes les routes que l’on peut tenir: accompagnez d’observations particulieres sur la qualité, la religion, le gouvernement, les coutumes & le commerce de chaque païs; avec les figures, le poids, & la valeur de monnoyes qui y ont court, Gervais Clouzier, Paris, 1676, Englische Version von Valentine Ball unter dem Titel Travels in India, London 1899. Das Kapitel über den Pfauenthron findet sich in Teil 2, Kapitel 8.

Das Beitragsbild  zeigt Schâh Dschahân auf dem Pfauenthron. Es ist Public Domain.


Unsere Beiträge zum Sultanat von Delhi

Susanne Kurz und ich haben ja in den vergangenen Jahren sehr viel zur Geschichte der Mogulzeit (1526-1858) gearbeitet, bei mir ist seit einiger Zeit das Sultanat von Delhi hinzu gekommen. Auslöser dafür waren die Bollywood-Serie Razia Sultan – Die Herrscherin von Delhi (2015) sowie der sehr umstrittene Film Padmavaat (2018). Sie basieren beide auf historischen Ereignissen. In unseren Beiträgen schreiben wir einiges zu den genannten historischen Figuren – sofern uns dazu überhaupt Informationen vorliegen. Wir versuchen Ereignisse in den historischen Kontext zu stellen und stellen gelegentlich einmal fest, dass die Darstellungen nicht oder nur zum Teil mit den Quellen in Einklang stehen. Aber das ist ja natürlich auch das Spannende an Bollywood!

Die Sklavendynastie (1206-1290):

Qutb ud-Dîn Aibek

War Qutb ud-Dîns Eroberung ein jihâd?

Sultan Iltutmish

Iltutmishs erfolgreiche Herrschaft

Iltutmishs Sinn für Gerechtigkeit

Rukn ud-Dîn

Rukn ud-Dîn: der “Böse Prinz”?

Rukn ud-Dîns Mutter Shâh Turkân: was wissen wir über sie?

Razia Sultân

Die TV-Serie Razia Sultan – die Herrscherin von Delhi

Razia und ihre Kleidung als Herrscherin

Razia Sultân und Malik Altunia

Razia und ihre “Affäre” mit Yaqût

Mu’izz ud-Dîn

Razias Bruder Mu’izz und seine Rolle bei Razias Ermordung

Religion, Alltagsleben und Kultur & Vermischtes im Delhi Sultanat

Kriegselefanten im Sultanat von Delhi

Die “Kopfsteuer” im Sultanat von Delhi

Weibliche Herrschaft bei den Kara Kitai – Vorbild für Razia?

Schadscharat ad-Durr – eine ägyptische Razia Sultan?

Beitragsbild:

Das Beitragsbild zeigt den Qutb Minar Komplex in Delhi

Shivang dubey [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Akbar, seine Amme und das Geheimnis seiner Wundertaten

Bis zu den Tagen der Weihnachtssprecials vergeht ja noch ein bisschen Zeit, doch im heutigen Beitrag geht es ebenfalls um Wundertaten – und zwar um die Wunder, die der Mogulherrscher Akbar (st. 1605) bereits als Kind vollbracht haben soll.

Die Beschreibung dieser Wundertaten Akbars sind von Akbars Freund und Chronisten Abû l-Fazl (st. 1602) aufgezeichnet worden. Seine Chronik, das Akbar-nâma (“Geschichte Akbars), schilderte die Familiengeschichte der Timuriden sowie die Ereignisse seit Akbars Geburt sowie die wichtigsten Ereignisse seiner Herrschaft. Dazu muss man selbstverständlich erwähnen, dass Abû l-Fazl nicht nur der Chronist, sondern auch ein Vertrauter und Freund Akbars war.

So berichtete Abû l-Fazl davon, dass bereits die Schwangerschaft seiner Mutter Hamîda dadurch geprägt war, dass diese während der ganzen Zeit von einem Licht geprägt wurde. Doch auch schon bald nach seiner Geburt habe sich gezeigt, dass Akbar ein besonderes Kind war und in Zukunft ein besonderer Herrscher sein würde.

Akbar und Jîjî Anga

Bereits kurz nach seiner Geburt im Oktober 1552 wurde Akbar von seinen Eltern getrennt, da sich die politische Situation in Delhi zu Ungunsten der Moguln geändert hatte. Humâyûn ging ins Exil nach Afghanistan und später an den Hof des Schâhs von Persien. In dieser Zeit wurde Akbar von einigen Ammen gestillt und betreut, von denen einige in den Quellen namenlich erwähnt sind. Neben Fakhr un-Nisâ’ Anga (oder Anaga) sind Dâyâ Bhavâl und vor allem natürlich Jîjî Anga und Mâham Anga. Letztere war neben ihrer Rolle als Akbars Amme darüber hinaus bekannt für ihren politischen Einfluss, der sie zur Premierministerin machte. Sie hatte bereits unter Akbars Vater eine wichtige Rolle gespielt, und einige Quellen berichten, dass ihr Sohn Adham Khân auch ein Sohn Humâyûns war. Jîjî Anga (st. 1599) gehörte ebenfalls zum engeren Kreis der Elite rund um Humâyûn. Ihr Ehemann war Atga Khân, der schon ein bedeutender General Humâyûns gewesen und Akbars Ziehvater geworden war.

Akbar als Messias

Da Atga Khân das Vertrauen von Akbars Eltern hatte, wurde seine Frau Jîjî Anga (st. 1599) eine von Akbars Ammen. Sie war von besonderer Bedeutung für Akbars Leben – denn laut Abû l-Fazls Beschreibung teilte er mit ihr das Geheimnis seiner Wunderkraft – und dieses geschah schon, als er ein Baby von acht Monaten war. So erfahren wir aus dem Akbar-nâma, dass es zwischen den Ammen Akbars eine große Konkurrenz herrschte und es Eifersüchteleien gab. Jîjî Anga war laut Akbar-nâma (engl. Übersetzung A. Beveridge, Vol. 1, 344) tief davon getroffen, dass Mahâm Anga sich bei Humâyûn beschwert hatte: so soll Jîjî Anga angeblich Beschwörungen gemacht haben, dass der kleine Akbar nur Milch von ihr (i.e. Jîjî Anga) nehmen solle und die Milch der anderen Ammen nicht trinkt.

Während des Stillens von Akbar sei Jîjî wegen dieser Anschuldigungen sehr deprimiert gewesen, als plötzlich Akbar “wie der Messias” (mssîhâwâr) den Mund geöffnet”, zu ihr gesprochen und sie getröstet habe. Jîjî Anga habe sich in der Tat sofort besser gefühlt, auch sie habe ein Licht gespürt, das ihr Herz erfüllt habe. Sie habe aber Akbar versprechen müssen, dass sie dieses Geheimnis bewahre, was sie auch getan habe.

Diese Geschichte ist aus mehreren Gründen bemerkenswert.

Ich habe ja an in unserem Blog schon mehrfach über Jesus in der islamischen Tradition und Akbars Faszination für das Christentum geschrieben. Jesus (Îsâ b. Maryam) ist ein bedeutender Prophet im Islam. Im Unterschied zum Christentum konnte Jesus bereits als Baby sprechen, wie Sure 5, Vers 110 zeigt (Übersetzung Rudi Paret):

(Damals) als Allah sagte: “”Jesus, Sohn der Maria! Gedenke meiner Gnade, die ich dir und deiner Mutter erwiesen habe, (damals) als ich dich mit dem heiligen Geist stärkte, so daß du (schon als Kind) in der Wiege (mahd) zu den Leuten sprachst, und (auch später) als Erwachsener …

Ganz eindeutig wird im Akbar-nâma Akbar auf dieselbe Stufe gestellt wie der wichtige Prophet Jesus. Im selben Kapitel des Akbar-nâma wird Akbar mit einer anderen biblischen Gestalt und Propheten des Islam verglichen, nämlich mit Moses (Mûsâ).

Miniatur – Darstellung von Moses mit seinem Hirtenstab, Indien, 15. Jh. Das Werk ist Public Domain.

Akbars Wunder spielt auf folgende, in Bibel und Koran erwähnte Wunder an (2.Buch Mose).

Doch Mose protestierte erneut: “Aber sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören. Sie werden einwenden: `Der Herr ist dir nicht erschienen!´” Da fragte der Herr ihn: “Was hast du da in der Hand?” “Einen Hirtenstab”, antwortete Mose. “Wirf ihn auf den Boden”, befahl ihm der Herr. Mose gehorchte und der Stab verwandelte sich in eine Schlange. Mose lief vor ihr davon. Da befahl ihm der Herr: “Pack sie beim Schwanz.” Mose packte die Schlange und sie wurde in seiner Hand wieder zum Hirtenstab. (…)

Weiter sprach der Herr zu ihm: “Leg deine Hand in deinen Gewandbausch!” Er legte seine Hand hinein. Als er sie herauszog, war seine Hand von Aussatz weiß wie Schnee. Darauf sagte der Herr: “Leg deine Hand noch einmal in deinen Gewandbausch!” Er legte seine Hand noch einmal hinein. Als er sie wieder herauszog, sah sie wieder aus wie der übrige Leib.

Im Koran (u.a.Sure 27, 7-12) sind die beiden genannten Wunder neben anderen erwähnt, die Mûsa durch Gott verübte. Laut Akbar-nâma verübte Akbar ein ähnliches Wunder. Diesmal war nicht Jîjî Anga die Zeugin des Wunders, sondern ihr älterer Sohn Yûsuf Muhammad Khân:

Eines Tages war er (i.e. Akbar) von Delhi aufgebrochen, um in Phalam zu jagen – und plötzlich erschien eine riesige, furchteinflößende Schlange am Wegesrand. So eine Schlange erfüllt selbst die Herzen der Wagemutigen (mit Furcht). Doch seine Majestät zeigte bei dieser Gelegenheit das Wunder von Moses, und ohne Zögern (…) streckte er seine weiße Hand aus, näherte sich der Schlange, (…) ergriff den Schwanz der Schlange und besiegte sie. Yusuf Muhammad Khan, der Bruder von Mirza Aziz Koka, wurde Zeuge dieses Zeichens der Macht und erzählte es mir in seiner Verwunderung. Bei dieser Gelegenheit habe ich meinem lieben Sohn von dem versiegelten und versteckten Geheimnis erzählt.

Akbar-nâma, Vol. 1, S. 385.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet Akbars Amme und ihre Familie als Zeugen der Wundertaten Akbars benannt werden – die Familie genoss unter Akbars Herrschaft großes Vertrauen – und Akbars Milchbruder Mirzâ ‘Azîz Koka (st. 1624) war einer der engsten Berater Akbars.

Ironischerweise war es ja Mâham Angas Sohn Adham Khân, der Mirzâ ‘Azîzs Vater Atga Khân ermordete. Während also das Vertrauen zu Adham Khân und seiner Mutter zertört war, blieben Jîjî Anga und ihre Familie Zeit ihres Lebens eng mit Akbars Hof verbunden.

Als Jîjî Anga 1599 (?) starb, rasierte sich Akbar die Haare und den Schnurbart als Zeichen der Trauer. Er trug mit einigen anderen Mitgliedern des (männlichen) Hofstaats den Leichnam der Verstorbenen bis zum Grab.

Akbars von Jîjî Anga bezeugte, prophetengleiche Wunder blieben ein wichtiger Pfeiler seiner Herrschaft. Die politische Bedeutung von Ammen und Milchbrüdern war in den folgenden Generationen indes schon nicht mehr so bedeutsam wie unter Akbar.

Literatur:

Abû l-Fazl: The Akbarnama of Abu’l Fazl / translated from the Persion by H. Beveridge. Vol. 1. Calcutta 1907.

Abû l-Fazl: The Akbarnama of Abu’l Fazl / translated from the Persion by H. Beveridge. Vol. 3. Calcutta 1939.

Das Beitragsbild zeigt Mâham Anga (vorne links). Es handelt sich um eine Darstellung von Adham Khâns Hochzeit, ca. 1590. Das Bild ist Public Domain. Von Jîjî Anga liegt uns keine Miniatur vor.

Schadscharat ad-Durr: Die “Razia Sultân” Ägyptens!?

In meinem heutigen Beitrag beschäftige ich mich einmal nicht schwerpunktmäßig mit Indien, sondern mit Ägypten. Dort regierte, etwa zur selben Zeit wie Razia Sultan im Sultanat von Delhi (reg. 1236-1240), eine Frau in Ägypten: Schadscharat ad-Durr (manchmal auch Schdschar ad-Durr, Shajar ad-Durr), Arabisch für “Perlenbaum”.

Schadscharat ad-Durrs Herkunft

Über Schadscharat ad-Durrs Herkunft ist so gut wie nichts, wir kennen weder ihr Geburtsdatum noch ihren Geburtsort. Einige meinen, dass sie griechischer, türkischer, zentralasiatischer oder armenischer Abstammung war. In allen Quellen wird sie als sowohl besonders attraktiv als auch als sehr intelligent und ehrgeizig beschrieben. Letzteres werden wir dann vor allem in Bezug auf den Umgang mit ihren beiden Ehemännern sehen.

Es ist wahrscheinlich, dass Schadscharat ad-Durr als Geschenk an ihren ersten Ehemann, Sâlih al-Ayyûb (st. 1249), übergeben wurden. Sâlih al-Ayyûb war der sechste Sultan dieser kurdisch-stämmigen Dynastie, die vom berühmten Saladin (st. 1193) begründet wurde.

Schadscharat ad-Durr bekam einen Sohn, Khalîl, von Sâlih und war danach als Umm Khalîl, Mutter von Khalîl, bekannt. Sâlih entließ Schadcharat ad-Durr aus der Sklaverei und heiratete sie. Khalîl konnte die Nachfolge seines Vaters niemals antreten, denn er starb bereits im Kindesalter.

Sâlih hatte wie sein berümter Vorgänger Saladin militätirisch im wahrsten Sinne des Wortes an mehreren Fronten zu kämpfen. Schon innerhalb seiner eigenen Dynastie hatte Sâlih etliche Feinde – und er misstraute seinem eigenen Sohn (von einer Kurtisane) Tûrân Schâh. Damit dieser sich nicht in die ägyptische Politik einmischte, hatte Sâlih Tûrân Schâh als Gouverneur in das Gebiet der heutigen Türkei geschickt.

Schadscharat ad-Durr und der sechste Kreuzzug

Sâlih Ayyûb hatte bereits negative Erfahrungen mit den Soldaten des fünften Kreuzzuges gemacht – er war einige Zeit Gefangener der französischen Soldaten gewesen. 1249 ereichte der sechste Kreuzzug unter der Führung des französischen Königs Ludwig IX. die ägyptische Küste. Der Plan war, zunächst die Küstenstädte zu erobern und über Kairo ins Heilige Land zu gelangen, alle christlichen Gefangenen zu befreien und die muslimische Herrschaft zu schwächen oder zu beenden.

Die Kreuzfahrer konnten eine kurze Schlacht in der Hafenstadt Damiette gewinnen, und planten nun, weiter ins Land vorzurücken. Ludwig IX. wusste in dieser Situation nicht, dass sein Gegner Sâlih während des Marsches gegen die feindlichen Truppen plötzlich verstorben war (in einigen europäischen Quellen ist davon die Rede, dass er vergiftet wurde).

Schadscharat ad-Durr – die “heimliche” Herrscherin

Sâlih hatte während seiner Abwesenheit Schadscharat ad-Durr zur Bevollmächtigen gemacht. In den Quellen ist davon die Rede, dass Sâlih für Schadscharat ad-Durr einige leere Dokumente mit seiner Unterschrift zurückgelassen hatte – und Schadscharat ad-Durr scheute sich nicht, diese Dekrete im Namen ihres Mannes zu nutzen. Sie wollte auf jeden Fall verhindern, dass die ägyptischen Truppen durch den Tod ihres Herrschers demoralisiert würden.

Obwohl ihr verstorbener Ehemann seinem Sohn Tûrân Schâh misstraute, sorgte Schadscharat ad-Durr dafür, dass ihr Stiefsohn zum Sultan ernannt wurde. Eventuell erhoffte sie sich, dass sie ihn leichter manipulieren konnte als einen anderen Herrscher.

Schadscharat ad-Durr und die Mamluken

Eine wichtige Rolle bei der weiteren Entwicklung spielten ab diesem Zeitpunkt die Mamluken, die zumeist turk-stämmigen Militärsklaven. Sie waren seit ihrer Kindheit für den Militärdienst ausgebildet worden und galten als besonders aktiv im Kampf.

Sâlih Ayyûb hatte mehrere Garnisonen mit Mamluken aufgebaut, die ihm treu ergeben waren. Die Mamluken unterstützten Schadscharat ad-Durr bei der Durchsetzung von Tûrân Schâhs Ansprüchen – was sich eventuell unter anderem mit Schadscharat ad-Durrs turk-stämmigen Herkunft erklären lässt.

Tûrân Schâh schaffte es, nach Kairo zu kommen, die Herrschaft über Ägypten anzutreten und sich mit seiner Armee den Kreuzfahrern entgegen zu stellen. Es gelang ihnen, die Armee zu besiegen und sogar Ludwig IX. gefangen zu nehmen. Hinter den Kulissen verhandelte auch Schadscharat ad-Durr mit den Franzosen über die Freilassung des Königs und anderer christlicher Gefangener.

Schadscharat ad-Durr behielt auch in dieser Zeit die Kontrolle über die Staatsfinanzen, die ihr ihr verstorbener Mann Sâlih Ayyûb anvertraut hatte. Tûrân Schâh versuchte beständig Schadscharat ad-Durr zu überreden, ihm die Finanzgewalt zu übertragen, doch sie weigerte sich beharrlich. Innerhalb weniger Monate hatte sich Tûrân Schâh mit Schadscharat ad-Durr und den Mamluken völlig überworfen, so dass die Mamluken ihn schließlich 1250 ermordeten: die Mörder überraschten den ahnungslosen Sultan beim Essen und verletzten ihn schwer. Er konnte in einen Holzturm am Ufer des Nils flüchten – doch die Mamluken setzten diesen in Brand. Um sich zu retten, sprang Tûrân Schâh in den Nil, doch die Mamluken zogen ihn aus dem Wasser und enthaupteten ihn.

Die Ermordung Tûrân Schâhs 1250 durch die Mamluken. Französische Miniatur, Guillaume de Saint-Pathus: Vie et Miracles de Saint Louis, um 1330–1350. Das Bild unterliegt der Public Domain Lizenz.

Schadscharat ad-Durr als unabhängige Herrscherin

Nach dem grausamen ihres Stiefsohns Tûrân Schâhs, an dem Schadscharat ad-Durr nach Ansicht einiger Zeitgenossen nicht unschuldig war, waren sich die Mamluken einig, Schadscharat ad-Durr zur Herrscherin zu ernennen.

Schadscharat ad-Durr konnte sich während ihrer Herrschaft Anerkennnung verschaffen – so wurde ihr Name – erstmalig und einmalig für eine Frau in Ägypten – während der Freitagspredigt (khutba) in der Moschee genannt. Sie verteilte auch Ehrengewänder an die Eliten des ägyptischen Sultanats. Ein besonderer Beweis für ihre Wichtigkeit sind jedoch die Münzen, die mit ihrem Namen versehen waren.

Dinar mit dem Namen Schadscharat ad-Durrs – Das Bild unterliegt der Public Domain Lizenz

Sowohl Schadscharat ad-Durr als auch Razia Sultan waren in der Lage, Münzen in ihrem Namen prägen zu lassen – was als absoluter Herrschaftsbeweis gilt. Obwohl beide Frauen im könglichen Harem lebten, schafften sie es, als Herrscherinnen an die Spitze eines Sultanats zu gelangen. Interessanterweise waren beide Herrscherinnen auf die Unterstützung der Mamluken angewiesen, die sich in der Mitte des 13. Jahrhunderts als die neuen Herrscher erwiesen – sowohl in Indien als auch in Ägypten.

Leider hatten sowohl Razia Sultan als auch Schadscharat ad-Durr auch sehr mächtige (männliche) Gegner. Während Razia Sultan vier Jahre über das Sultanat von Delhi herrschte, konnte Schadscharat ad-Durr nur 80 Tage über Ägypten herrschen.

Warum Schadscharat ad-Durr bereits nach 80 Tagen zurück treten musste und wie sie dennoch ihren Einfluss auf die ägyptische Politik wahrte, berichte ich in meinem nächsten Blogbeitrag.

Literatur

Mernissi, Fatima: The Forgotten Queens of Islam. Cambridge 1993.

Nicholson, Helen: The Crusades. London 2004.

Schregle, Götz: Die Sultanin von Ägypten. Šaǧarat ad-Durr in der arabischen Geschichtsschreibung und Literatur. Wiesbaden 1961.

Das Beitragsbild zeigt eine Darstellung Schadscharat ad-Durrs aus einem arabischen Buch, Autor unbekannt – es unterliegt der Public Domain Licence 2.0

+++ Hier gibt es einen Überblick über unsere Beiträge zum Sultanat von Delhi ++++

Familienkrieg über Generationen hinweg: Akbar und Mirzâ Hakîm

In den ersten Teilen der Miniserie über die familiären Streitigkeiten des Mogulherrschers Akbar (st. 1605) bin ich auf Akbars Stiefmutter Mâh Chûchak, seinen Bruder Mirzâ Hakîm und Mirzâ Hakîm als Symbol des Widerstandes gegen Akbar in Kabul eingegangen.

Mirza Hakîms Söhne unter Hausarrest

Nach seiner erfolgreichen Strafaktion gegen Mirza Hakîm in Kabul im Jahr 1582 hatte Akbar seinem Bruder zwar verziehen, die Regierung Kabuls aber in die Hände ihrer Schwester Bakht un-Nisâ’ Begums gelegt. Mirzâ Hakîm gab sich scheinbar vermehrt dem Alkoholgenuss hin, so dass er 1585 an einer Alkoholvergiftung starb.

Um zu vermeiden, dass sich in Kabul erneut Widerstand gegen seine Herrschaft regte, griff Akbar sofort durch und ließ die beiden Söhne Mirzâ Hakîms namens Kaikobâd und Afrasiyâb in Lahore unter Hausarrest stellen.

Mirzâ Hakîms und Akbars Schwester Bakht un-Nisâ’ war in zweiter Ehe mit dem Premierminister Khwâja Hasan verheiratet, der immer schon ein Gegner Akbars gewesen war. Khwâja Hasan war nach Akbars Strafexpedition 1582 zusammen mit dem älteren Sohn Mirzâ Badî’ uz-Zamân entwedet geflohen oder von Akbar aus Kabul verbannt worden. Beide starben später im Exil im heutigen Usbekistan und versöhnten sich auch nicht mit Akbar.

Leben an Akbars Hof

Bakht un-Nisâ’ sah ihrerseits auch keine Zukunft mehr in Kabul und ging mit ihrem jüngeren Sohn Mirzâ Walî ins Exil nach Agra. Akbar hieß sie an seinem Hof Willkommen und ermöglichte ihr ein gutes Leben in seinem Harem.

Nach einiger Zeit unter Hausarrest ließ Akbar dann auch seine beiden Neffen Kaikobâd und Afrasiyâb ebenfalls von Lahore an den Hof von Agra bringen. Er beendete auch die finanziellen Zuwendungen (Apanage), die der Familie in Kabul, die sein Vater Humâyûn für seine Kinder in Kabul festgelegt hatte.

Akbar hatte bereits vorher seinen drei Söhnen Salîm, Murâd und Dânyâl die monatlichen Zahlungen gestrichen – stattdessen führte er ein kompliziertes (und teilweise nicht mehr nachvollziehbares) System von Zuwendungen und Landbesitz eingeführt, bei dem sich jeder Sohn ständig beweisen und auch militärische Aufgaben übernehmen mussten.

Akbars Neffen hielten sich scheinbar an die Auflagen, die ihr Onkel ihnen gemacht hatte – zumindest fielen sie nicht weiter negativ durch weitere Aufstände oder Planungen von Aufständen auf. Wir haben aber auch keine Anhaltspunkte dafür, dass sie irgend eine Form von Einfluss hatten.

Die Situation unter Dschahângîr

Als Akbar im Jahr 1605 starb, übernahm sein einzig überlebender Sohn Salîm unter dem Herrscherenamen Dschahângîr die Regentschaft. Seine beiden Brüder Murâd und Dânyâl waren ja bereits zuvor aufgrund ihres Alkohol- und Drogenkonsums verstorben – und zumindest im Fall von Dânyâl ist es nicht sicher, dass Dschahângîr nicht in den Tod seines Halbbruders verwickelt war (doch das ist eine andere Geschichte).

Dschahângir war sich bewusst, dass einige Mitglieder seines Hofstaates lieber den einen oder den anderen seiner Brüder auf dem Mogulthron gesehen hätten. Er konnte sich zudem nicht sicher sein, dass seine Cousins aus Kabul nicht doch noch versuchen würden, die Macht an sich zu reißen.

Schikanen und Demütigungen

Aus diesem Grund schickanierte und demütigte Dschahângîr seine beiden Cousins Kaikobâd und Afrsaiyâb: Beim Besuch des persischen Schâhs sollte Afrasiyâb auf Anordnung seines Cousins als Hofdiener zur Verfügung stehen. Als er sich weigerte, ließ Dschahângîr ihn eine Zeit lang inhaftieren (Faruqui, S. 34).

Sir Thomas Roe, der britische Gesandte an den Mogulhof, berichtete, (zitiert nach Faruqui, S. 34) dass Kaikobad und Afrasiyâb finanziell so knapp gehalten wurden, dass sie sich von den Briten Federn, Sporen und Bilder als Geschenke wünschten.

Ungleichbehandlung

Während die Kinder Mirzâ Hakîms von Dschahângîr nicht wirklich freundlich behandelt wurden, können wir einen Unterschied beim Umgang mit Bakht un-Nisâ’s Sohn Mirzâ Walî erkennen. In seiner Autobiographie schrieb Dschahângîr, dass er den Tod seiner Tante im Jahr 1608 aufgrund von “Auszehrung” und eines Fiebers, sehr bedauere. Gleichzeitig verlieh er Mirzâ Walî ein mansab, einen militärischen Rang mit Bezahlung. Diesen erhöhte er im Laufe seiner Herrschaft regelmäßig.

1619 verheirate Dschahângîr Mirzâ Walî mit seiner Nichte Bulâqî Begum, der Tochter von Dânyâl. Das Arrangement zeigte, dass Mirzâ Walî nach Dschahângîr immerhin eine Verbindung im engeren Kreis der zugestanden wurde, ohne ihn jedoch mit Dschahângîrs eigenen Töchtern zu verheiraten.

Letzten Endes ist deutlich, dass Dschahângîrs Herrschaft von einem tiefen Mißtrauen gegenüber seiner Familie hegte – was nicht verwunderlich ist, wenn man die Konflikte mit seinen Söhnen betrachtet – diese werden hier auf der #Persophonie bestimmt noch genauer betrachtet werden.

Dschahângîr fasste das selbst zusammen: (zitiert nach Faruqui, S. 34)

Wenn ich eine solche Behandlung durch meine eigenen leiblichen Söhne erfahre – was ist dann schon von Neffen und Cousins zu erwarten?

Die Angehörigen von Akbars und Mirzâ Hakîms Familie werden in den späteren Quellen kaum noch erwähnt, sie haben wohl kaum Einfluss in Hofkreisen.

Akbar hatte sich also gegen seine Familie in Kabul durchgesetzt und sich als “indischer” Herrscher etabliert. Die perso-indischen Einflüsse am Hof wurden am Hof immer stärker. Kabul wurde 1738 von Nâdir Schâh, dem persischen Schâh, erobert – später eroberte er auch Delhi und schwächte das Mogulreich nachhaltig.

Literatur:

Munis D. Faruqui: The Princes of the Mughal Empire, 1504-1715. Cambridge et al., 2012.

Beitragsbild: Das Beitragsbild zeigt ein Portrait Akbars von ca. 1850. Es ist bereits eindeutig vom europäischen Stil inspiriert. Das Bild ist Public Domain.

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Mirzâ Hakîm: Symbol des Widerstandes gegen Akbar

In den letzten beiden Beiträgen habe ich bereits beschrieben, wie der Konflikt zwischen dem Mogulherrscher Akbar (st. 1605) und seiner Stiefmutter Mâh Chûchak sowie seinem Bruder Mirzâ Hakîm in Kabul langsam eskalierte.

Mirzâ Hakîm herrschte nach dem Tod seiner Mutter Mâh Chûchak unterstützt von seinem Schwiegervater, dem Regenten von Badakshân. Seinen Anspruch, auch den Rest des Mogulreiches zu beherrschen, gab Mirzâ Hakîm nicht auf.

Widerstand gegen Akbar

Mirzâ Hakîm inszenierte sich in Kabul als der wahre Erbe seines Urgroßvaters Bâbur und seiner mongolischen Vorfahren Dschingis Khân und Timur. Mirzâ Hakîm behauptete, dass Akbar sein zentralasiatisches Erbe vernachlässige und in Indien immer mehr Hindus und schiitische Perser in wichtige Positionen des Reiches brächte. Deshalb war Mirzâ Hakîm in Kabul ein wichtiger Anlaufpunkt für alle Kritiker Akbars – wie zum Beispiel auch Akbars Schwager Scharîf ud-Dîn, der sich zeitweise mit Abû Ma’âli zusammentat. 1566 unterstützte ein weiterer wichtiger Klan, die Mirzâs, die ursprünglich mit Bâbur nach Indien gekommen waren, ebenfalls Mirzâ Hakîm – auch sie behaupteten, dass Akbar die Interessen der Zentralasiaten nicht mehr berücksichtigete – seit dem Tod seiner wichtigsten Ratgeber Bairam Khân (1561) und Atga Khân, die beide aus Zentralasien stammten, hatte Akbar wichtige Positionen an Hindus gegeben und schien damit Akbars Gegnern Recht zu geben.

1566 – Mirzâ Hakîm marschiert im Punjab ein

1566 meinte Mirzâ Hakîm genügend Unterstützer gegen Akbar gefunden zu haben – und marschierte mit seinen Truppen im Punjab ein, wo er große Teile der Provinz erobern konnte. Akbar jedoch bewies mit seinen Truppen eine größere militätrische Stärke und konnte Mirzâ Hakîm aus dem Punjab vertreiben. Die ebenfalls rebellierenden Mirzâs ermöglichten, dass Mirzâ Hakim nach Kabul flüchten konnte.

1569 gab es einen entscheidenden Wendepunkt in Akbars Leben: sein Sohn Salîm/Dschahângîr wurde geboren. Mirzâ Hakîm war plötzlich ein Konkurrent um die Herrschaft – und Akbar überlegte tatsächlich, erstmals, seinen Bruder umbringen zu lassen (Faruqui: The Princes, 240). Letzten Endes hatte er aber doch Skrupel und ließ Mirzâ Hakîm zunächst weiter gewähre.

Dieses änderte sich 1581, als Mirza Hakîm erneut gegen Akar rebellierte.

1581-82: Erneute Rebellion und Niederlage Mirzâs

1581 versuchte Mirzâ Hakîm erneut, Akbar zu entmachten. Er schaffte es wieder, einige Unterstützer in der Provinz Bengalen zu gewinnen und erneut mit seinen Truppen in Indien einzufallen – und er scheiterte erneut an Akbar beziehungsweise an Mân Singh und musste sich nach Kabul zurückziehen.

Wegen dieses Angriffes im Jahr 1581 startete Akbar ein Jahr später eine militärische Strafaktion gegen Mîrza Hakîm und führte seine Truppen nach Kabul – genauer gesagt: Akbar ließ seinen Sohn Murâd, der zu diesem Zeitpunkt erst zwölf Jahre alt war, als befehlshabender Militärführer gegen seinen Onkel antreten.

Murâd war in der Tat in der Lage, mit Hilfe seiner Ratgeber und seines Vaters Mirzâ Hakîm zu besiegen und ihn festzusetzen. Mirzâ Hakîms Söhne und sein Premierminister (und Schwager) flohen aus Kabul.

Wie so oft in der Geschichte war es eine Frau, die in diesem Konflikt vermittelte: Akbars und Mirzâ Hakîms Schwester Bakht-un-Nisâ’ Begum (st. 1608) erreichte, dass Akbar seinem Bruder verzieh – die Regierung über Kabul erhielt jedoch Bakht un-Nisâ’ Begum. Sie unterzeichnete nun alle offiziellen Erlasse. Kabul gehörte nun offiziell zum Mogulreich.

Sowohl in Kabul als auch in Delhi verfügten Frauen über politische Macht, die sie auch einsetzten. Akbar konnte nach dem Sieg über Mirzâ Hakîm seine Version eines multi-religiösen Staates verwirklichen, in dem viele Volksgruppen und Religionen friedlich nebeneinander existieren. Seine Gegner um Mirzâ Hakîm konnten sich mit ihren Ideen eines zentralasiatisch geprägten Staats mit sunnitisch-islamischer Vorherrschaft nicht durchsetzen.

Mirzâ Hakîm starb 1585 an den Folgen einer Alkoholvergiftung.

Der vierte und letzte Teil dieser Miniserie dreht sich um Mirzâ Hakîms Kinder und ihr weiteres Schicksal in Indien!

Literatur:

Munis D. Faruqui: The Princes of the Mughal Empire, 1504-1715. Cambridge et al., 2012.

Beitragsbild: Das Beitragsbild zeigt ein Portrait Akbars von Govardhan, etwa 1630. Es unterliegt der Public Domain Lizenz.

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Bruderkrieg und Bruderliebe: Akbar und Mirzâ Hakîm

Akbar_Persophonie

Im ersten Teil meiner Miniserie über die Familie des Mogulherrschers Akbar (st. 1605) in Kabul ging es um Akbars “Stiefmutter” Mâh Chûchak Begum (st. 1564), die Akbars Vater Humâyûn (st. 1556) im Jahr 1549 geheiratet hatte. Während Humâyûn jedoch seine ersten beiden Frauen Bega Begum und Hamîda Bâno Begum mit in die neue Hauptstadt seines Reiches, Delhi, nahm, blieben Mâh Chûchak Begum und die gemeinsamen fünf (oder sechs?) Kinder in Kabul zurück.

Der älteste Sohn Mâh Chûchaks, Mirzâ Hakîm (st. 1585) wurde 1554 im Alter von einem Jahren noch von seinem Vater zum Herrscher über Kabul gemacht – während sein Bruder Akbar als Nachfolger des gesamten Mogulreiches bestimmt wurde. Mirzâ Hakîm war also kein unabhängiger Herrscher über Kabul, sondern unterstand in letzter Konsequenz seinem Bruder Akbar. Humâyûn setzte für Mirzâ Hakîm und die übrige Familie regelmäßige Zahlungen, also eine Apanage, fest.

Mâh Chûchak und ihre Pläne für Hakîm Mirzâ

Akbar war nur vierzehn Jahre alt, als er zum Mogulherrscher wurde, Mirzâ Hakîm war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt. Akbar bestätigte Humâyûns Verfügungen für seine Familie in Kabul. Als Aufsicht (und somit als Regent) in Kabul bestimmte der Hof in Delhi Mumîn Khân, der dieses Amt zunächst auch einige gut, doch dann verließ Mumîn Khân Kabul, um Karriere am Hof Akbars zu machen.

Mumîn Khân platzierte seinen Sohn Ghanî Khân am Hof Mâh Chuchaks und Mirzâ Hakîms, um Akbars Interessen in Kabul zu wahren. Ghanî Khân erwies sich jedoch als unfähig, und so konnte Mâh Chûchak drei eigene Berater am Hof installieren, die Kabul als ihre Marionetten regierten. Da zwei der Berater Mâh Chûchaks Erwartungen nicht erfüllten, ließ sie die beiden ermorden – den dritten ersetzte sie durch einen gewissen Haidar Qâsim Kohbur. Gulbadan Begum, Akbars Tante, notierte im Humâyûn-nama (S. 62), dass Mâh Chûchak schockierenderweise Haidar Qâsim sogar geheiratet habe.

Mirzâ Hakîms Berater Ghanî Khân versuchte verzweifelt, Akbar von Kabul aus zu unterstützen, konnte jedoch keine Verbündeten für den Kampf gegen Mâh Chûchak gewinnen. Er floh nach Indien an Akbars Hof – Akbar schickte daraufhin seine Truppen unter der Führung Munîm Khâns in Richtung Kabul. Es kam zu einer großen Schlacht zwischen Akbars und Mâh Chûchaks Truppen bei Dschalalabad. Mâh Chûchak gewann diese Schlacht – Akbars Truppen mussten sich aus Afghanistan zurückziehen.

Abû Ma’alî: eine Bedrohung für Akbar und Mirzâ Hakîm

Zu diesem Zeitpunkt erschien noch ein weiterer Spieler auf der politischen Bühne, der einen entscheidenden Einfluss auf das Geschehen haben sollte: Abû Ma’âlî. Ich werde jetzt nicht auf seine “Karriere” bis zu diesem Zeitpunkt eingehen – es sei nur soviel gesagt: Abû Ma’âli entstammte einer berühmten Familie von Prophetennachfahren (sayyids) aus der persischen Stadt Täbriz. Er war zuvor bereits mit den Mogulherrschern in Konflikt geraten und war in Lahore festgesetzt worden.

Abû Ma’alî war nun aus dem Gefängnis in Lahore und wandte sich an Akbars Gegnerin Mâh Chûchak in Kabul. Diese nahm Abû Ma’âlî nicht nur bereitwillig auf, sondern verheirate ihn auch mit Mirzâ Hakîms Schwester Bakht un-Nisâ’ Begum.

Nach kurzer Zeit riss Abû Ma’alî die Herrschaft an sich und ermordete persönlich Mâh Chûchak und ihren Ehemann Haider Qâsim im Jahr 1564. Mirzâ Hakîm, zu diesem Zeitpunkt knapp elf Jahre alt, konnte nach Badachschan flüchten, das von Sulaimân Mirzâ beherrscht wurde. Sulaimân Khân fürchtete, dass auch sein Reich in Gefahr war, zog gegen Abû Ma’âlî in den Krieg und besiegte ihn. Abû Ma’âlî wurde gefangen genommen und an Mirzâ Hakîm übergeben – dieser ließ ihn umgehend hinrichten. 1566 heiratete Mirzâ Hakîm die Tochter des Herrschers von Badachschan.

Kabul war zumindest kurzzeitig für das Mogulreich gesichert, doch Mirzâ Hakîm war weit davon entfernt, seine Ansprüche auf das gesamte Mogulreich aufzugeben. Wie er weiterhin Akbars Nerven auf die Probe stellte und schließlich verlor, ist in einer Fortsetzung zu lesen…..

Literatur:

Munis D. Faruqui: The Princes of the Mughal Empire, 1504-1715. Cambridge et al., 2012.

Gulbadan Begum: The History of Humâyûn (Humâyûn-Nâma) / transl. Annette S. Beveridge. London 1902.

Beitragsbild: Das Beitragsbild zeigt ein Portrait Akbars aus dem 17. Jahrhundert. Es unterliegt der Public Domain Lizenz.

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Akbars “böse Stiefmutter”: Mâh Chûchak und die Herrschaft über Kabul

Heute möchte ich eine kleine Serie über den Teil der Famile des Mogulherrschers Akbar (st. 1605) beginnen, der über Kabul (heute in Afghanistan) herrschte. Beginnen möchte ich mit Akbars “Stiefmutter” Mâh Chûchak Begum (st. 1564) – dabei schreibe ich Stiefmutter in Anführungszeichen, denn das islamische Recht kennt das Prinzip der Stieffamilie nicht.

Warum Kabul?

Um zu verstehen, warum ein Teil der Familie Akbars noch in Kabul lebte, und warum die Geschehnisse dort Akbars erste Jahre als Herrscher empfindlich störten, muss man sich die Rolle der Stadt für die Moguln anschauen. Im 14. Jahrhundert fiel das bedeutende Handeszentrum unter die Herrschaft des Mongolenherrschers Timurs (st. 1405). Timurs Nachfahre (und Akbars Großvater Bâbur) startete seine Eroberungszüge nach Indien von Kabul aus, was auch die strategische Bedeutung der Stadt zeigt. Bâbur liebte diese Stadt sehr, er verbrachte mehr als zwanzig Jahre seines Lebens dort – und ein großes Mausoleum erinnert an ihn, während er selbst in Agra begraben ist. Da die Moguln einen großen Wert auf ihre Abstammung von Timur (und von Dschingis Khan) legen, hatten Kabul neben der oben erwähnten strategischen auch eine symbolische Bedeutung. Kabul blieb bis 1739 Bestandteil des Mogulreiches — bis Nader Shâh  (st. 1747) in einer Schlacht den Mogulherrscher besiegte und die Stadt Delhi plünderte.

Humâyûn, Kabul und seine Ehefrauen

Akbars Vater Humâyûn (1508-1556) war trotz einiger militärischer Mißerfolge von Bâbur als Thronerbe über den indischen Teil des Mogulreichs eingesetzt, sein Bruder Kamrân sollte über Afghanistan (mit der Hauptstadt Kabul) herrschen. Doch es kam ja bekanntlich alles anders: im Mai 1540 verlor Humâyûn eine wichtige Schlacht gegen Sher Shâh Surî (st. 1545) und musste anschließend ein lange im Exil, u.a. in Persien, leben.

An Humâyuns Seite war auch während seines Exils seine erste Ehefrau Bega Begum (st. 1582).  Bega Begum war Humâyûns Cousine, die ca. 1511 im persischen Chorasan geboren wurde. Die beiden heirateten 1530. Das Paar hatte zwei Kinder: einen Sohn und eine Tochter, der Sohn al-Amân verstarb jedoch schon in seiner Kindheit.

Das war auch der Grund, warum Akbar 1556 dann auch den Thron des Mogulreiches besteigen konnte: er war der Sohn Humâyuns mit seiner zweiten Ehefrau Hamîda Bâno Begum, die er 1541 heiratete. Dass ihre Ehe zunächst keine Liebesheirat war, habe ich ja schon in einem Beitrag  beschrieben. Fakt ist aber, dass sowohl Bega Begum als auch Hamîda Bâno Begum Humâyûn ständig begleiteten und bis zu seinem Tod 1556 in Delhi mit ihm zusammen lebten. Das galt jedoch nicht für Humâyûns dritte Ehefrau: Mâh Chûchak Begum (der Name bedeutet wörtlich “Mondblume”).

Mâh Chûchak Begum

Über Mâh Chûchaks Herkunft und Kindheit sagen die Quellen sehr wenig –  das könnte natürlich daran liegen, dass die Quellen hauptsächlich von Unterstützern Akbars geschrieben wurden. Doch einige – wenig schmeichelhafte Aussagen finden wir in der Biographie Humâyûns, die von Akbars Lieblingstante Gulbadân Begum (st. 1603) verfasst wurde (Gulbadan Begum: The History of Humâyûn, 62, Übersetzung aus dem Englischen von CP):

Sehr verstörende Nachrichten, die unter den älteren  Damen der Familie für Diskussionen sorgten, betraf das Verhalten von Mah-chuchak Begam in Kabul. Sie war die letzte Frau, die Humayun mit Ehevertrag heiratete. Das geschah 1546, nachdem Hamida aus Kandahar nach Kabul gekommen war. Sie (Mâh Chûchak, CP) war keine Frau von hoher Geburt, und man kann den Eindruck gewinnen, dass nur wenige adelige Frauen, die spät geheiratet hatten, von hoher Geburt waren. So hatte sie wahrscheinlich ihren Titel Begam (entspricht Fürstin, CP), nur deshalb bekommen, weil sie einen Sohn geboren hatte.

Gulbadâns Spitze gegen Frauen im königlichen Harem, die nicht von hoher Geburt waren und erst spät heiraten, soll an dieser Stelle einmal nicht kommentiert werden. Gulbadan verrät uns aber auch, dass Hamîda Bâno Begum sich wohl schwer damit tat, Mâh Chûchak als Ehefrau Humâyûns anzuerkennen (Humâyûn-Nâma, S. 40), es aber sowieso nicht verhindern konnte.

Mâh Chûchaks Kinder

Aus den Quellen erfahren wir zudem, dass Mâh Chûchak insgesamt fünf (oder wie einige Quellen sagten: sechs?) von Humâyûn hatte – also mehr als jede andere seiner Ehefrauen. Von besonderer Bedeutung für den weiteren Verlauf der Geschichte waren Mirzâ Muhammad Hakîm (st. 1585) und seine Schwester Bakht un-Nisâ’ Begum (st. 1608) – doch diesen Ereignissen widme ich noch weitere Beiträge..

1554 machte Humâyûn Mirzâ Hakîm jedenfalls zum Gouverneur von Kabul – dabei war sein Sohn gerade erst drei Jahre alt.

Zwei Jahre später, 1556, bestätigte der erst vierzehnjährige Akbar dieses Arrangement.

Doch Mâh Chûchak wollte mehr für ihren Sohn erreichen..

Fortsetzung folgt….

 

Literatur

Gulbadan Begum: The History of Humâyûn (Humâyûn-Nâma) / transl. Annette S. Beveridge. London 1902.

Beitragsbild:

Das Beitragsbild ist ein Portrait von Humâyûn aus dem späten 19. Jahrhundert. Es unterliegt der Public Domain Lizenz.

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