Und wieder naht Nourûz

Auch dieses Jahr haben wir schon einige Tage vor dem iranischen Neujahrsfest auch hier in Deutschland frühlingshaftes Wetter – zumindest wo ich lebe.

Nourûz, das iranische Neujahrsfest, wird zum Frühlingsbeginn gefeiert, also rund um den 21. März. Dieses Jahr liegt der Jahreswechsel – tahvîl-e sâl – auf dem 20. März, also nächsten Dienstag.

Für diejenigen, die es genau verfolgen möchten, gibt es wie jedes Jahr einen Countdown und darunter eine Liste mit den Uhrzeiten des Jahreswechsels in verschiedenen Städten rund um die Welt:

http://www.7seen.com/

Vor Nourûz findet traditionellerweise ein großer Frühjahrsputz statt. Außerdem setzt man die Samen für das sabze an – das sind Getreide- oder Linsensprossen, deren gedeihen als Omen für die Ernte des kommenden Jahres gedeutet wird. Dieses “Grünzeug” – das ungefähr bedeutet sabze – wird zusammen mit 6 weiteren Gegenständen, deren Bezeichnungen mit “sîn” (scharfem s) anfangen, auf dem Haft-Sîn drapiert.

Und so kann das aussehen, wenn man es richtig macht:

Haft-Sîn zu Nourûz

Um das Goldfischglas entspinnt sich übrigens auch die Geschichte in dem iranischen Film “Der weiße Ballon” des Regisseurs Jafar Panahi von 1995, der damals in Cannes den Preis als bestes Debüt gewonnen hat.

Zu Nourûz bekommen die Kinder traditionell Geschenke, früher vor allem neue Kleider und frisch geprägte Münzen. Die folgenden zwei Wochen bringt man mit Besuchen und Gegenbesuchen in der Verwandtschaft zu. Dabei werden die älteren Familienmitglieder zuerst besucht und statten dann einen Gegenbesuch ab.

Man gratuliert übrigens auch telefonisch in der Reihenfolge des Alters: Die Jüngeren rufen die Älteren an, nicht umgekehrt. Schulen, Universitäten und Behörden in Iran haben Nourûz-Ferien, und viele Menschen verreisen auch.

Man kann Nourûz von der Bedeutung her also durchaus mit Weihnachten vergleichen. Und man sollte ebenso wenig rund um Nourûz wichtige Erledigungen in Iran planen wie “zwischen den Jahren” in Deutschland.

Ein anderer Brauch ist der, daß Menschen, die sich zerstritten haben, sich zu Nourûz wieder versöhnen. Das funktioniert nach dem Prinzip “Schwamm drüber, machen wir einen Neuanfang!”

Natürlich gibt es jede Menge weiterer Bräuche und auch historische Forschungen zu diesem ursprünglich zoroastrischen Frühlingsfest, das sich auch in islamischer Zeit im iranischen Kulturraum (also in der “Persophonie”) erhalten hat. Wenn Sie daran Interesse haben, schauen Sie sich doch unsere Nourûz-Beiträge der letzten Jahre an!

Hier geht’s lang:
Nourûz Teil 1
Nourûz Teil 2
Nourûz Teil 3
Nourûz Teil 4
Nourûz 2015 mit ʿOmar Khayyams Nourûz-nâme
Nourûz 2016 mit Dschahângîrs Memoiren
Nourûz 2017: Feierstimmung
Nourûz 2017: Bei den Moguln

Wir wünschen allen, die feiern, ein schönes Nourûzfest:

عید شما مبارک

Bildnachweis

Beitragsbild: Haft-Sîn in Holland
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: PersianDutchNetwork
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

Haft-Sîn-Bild im Beitrag
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: Babak Habibi
gemeinfrei

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Akbars Lieblingstante: Gulbaban Bâno (st. 1603)

Am Hof des Mogulkaisers Akbar (regierte 1556-1605) spielten die Frauen seiner Familie eine große Rolle. Sie hatten zum Teil einen erheblichen Einfluss auf den Herrscher und waren auch an politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen beteiligt. Dieses betraf sowohl Akbars Ehefrauen (Jodha Bai/Maryam uz-Zamânî (st. 1623) und Salîma (st. 1613 )) als auch seine Mutter Hamîda Bâno (st. 1604). In diesem Beitrag soll es um Akbars Lieblingstante Gulbadan Begum gehen (wörtlich “der Körper einer Rose”).

Gulbadan Begums Zeit in Kabul

Gulbadan Begum war eine der jüngeren Töchter des ersten Mogulherrschers Indiens, Bâbur (st. 1530) und seiner Frau Dildâr. Zur Zeit ihrer Geburt 1523 in Kabul beherrschte Bâbur erst weite Teile des heutigen Afghanistans – erst ab 1525 begannen die Eroberungen in Nordindien. Ab dieser Zeit wurde Gulbadan Begum von Mahâm Begum, der Mutter ihres Bruders Humâyûns (st. 1556), erzogen. 1526 eroberte Bâbur nach der erfolgreichen Schlacht von Panipat Delhi und später Agra und begründete somit das Mogulreich. An seinen gesamten weiblichen Hofstaat ließ er über einen Vertrauten Geschenke verteilen und befahl den Frauen, von Kabul nach Agra umzusiedeln. Ein Grund dafür schien gewesen zu sein, dass die Frauen des Harems sich  immer wieder in politische Angelegenheiten eingemischt hatten – der Herrscher erhoffte sich, die Frauen in Agra besser unter Kontrolle haben zu können. So kam Gulbadan Begum zum ersten Mal nach Agra, das sie 1540 wieder verlassen musste, als ihr Bruder Humâyûn das indische Gebiet wieder verlor und mehr als 15 Jahre im Exil in Lahore, Kabul und Persien lebte.

Gulbadan Begum kehrte nach Kabul zurück, zu dieser Zeit wohl schon verwitwet. Sie war in Indien mit 17 Jahren mit Khizr Khwâja Khân verheiratet worden. Mit ihm hatte sie wahrscheinlich mehrere Kinder, die jedoch wohl alle sehr jung starben – leider erfahren wir aus den Quellen nicht mehr darüber.

Gulbadan Begum kommt nach Agra

1556 änderte sich Gulbadan Begums noch einmal entscheidend, denn ihr Neffe Akbar wurde nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Humâyûn mit nur 14 Jahren Herrscher des Mogulreiches.

1557 traf Gulbadan zusammen mit Akbars Mutter Hamîda Begum in Agra ein. Die beiden Frauen zählten nun mit Akbars Ratgebern Bairam Khân  (st. 1561) und Atga Khân (st. 1562) zu den wichtigsten Personen am Hof.

Gulbadan war dafür bekannt, dass sie ein gewisses erzählerisches Talent hatte und gut Geschichten erzählen konnte. Aus diesem Grund war sie die Person, die Akbar beauftragte, eine Geschichte der Ereignisse rund um Bâbur und Humâyûn zu verfassen.

Gulbadan Begums “Familiengeschichte”

Dieser Aufgabe kam Gulbadan Begum gerne nach, und sie verfasste das Werk, das unter dem Titel Humâyûn-nâma (“Nachrichten über Humâyûn”) bekannt wurde. Darin thematisierte sie nicht nur die positiven Seiten ihres Vaters und ihres Bruders, sondern beschrieb auch in Details dessen Konflikt mit dem weiteren Bruder Kâmrân Mîrzâ (st. 1557). Aus dem Werk können wir auch entnehmen, dass sie sich besonders gut mit ihrem Bruder Hindal Mîrzâ, dem Vater von Akbars Cousine und Ehefrau Ruqaiya Begum verstand.

Die Rolle der Frauen im Harem bei der Vermittlung in familiären Streitigkeiten und bei der Ehestiftung wird von Gulbadan hervorgehoben. Das Werk ist auf Persisch verfasst – und die einzige erhaltene Biographie dieser Zeit, die von einer Frau geschrieben wurde. Es endet aber vier Jahre vor dem Tod Humâyûns.

Über das weitere Leben Gulbadans wissen wir nicht sehr viel, denn darüber berichtet sie ja nichts mehr.

Gulbadan Begums Pilgerfahrt nach Mekka

1575 brach Gulbadan Begum  zusammen mit Hamîda Bâno und Salîma Sultân zu einer Pilgerfahrt nach Mekka auf. Doch Gulbadan Begum verbrachte insgesamt vier Jahre in Mekka und zusätzlich zwei Jahre in Aden (Jemen), bevor sie nach sieben Jahren wieder an Akbars Hof ankam. Dort wurde sie von Akbar mit besonderen Ehren empfangen.

Um ihre Pilgerfahrt soll es noch ein einem separaten Blogbeitrag gehen.

Gulbadan Begum starb 1603. Sie wurde von Akbar besonders betrauert. Ihr Werk ist bis heute ein interessantes Gegengewicht zu allen von Männern geschriebenen Quellen dieser Zeit.

Literatur

Gulbadan Begum: Humayun-nama :The history of Humayun. (tr. by Annette S. Beveridge) Royal Asiatic Society, 1902.

Purnaqcheband, Nader: “Perspektiven aus Harem und Heerlager in der frühen Mogulzeit”, in: Susanne Kurz, Claudia Preckel, Stefan Reichmuth (eds.): Muslim Bodies. Münster 2016, 213-238.


Berühmte Frauen an den islamischen Höfen Indiens – Internationaler Frauentag 2019

Frauen im Sultanat von Delhi

Razia Sultan und die TV-Serie

Razia Sultan und ihre Kleidung

Frauen am Mogulhof

Akbars Mutter Hamîda Bâno

Mahâm Anga – Akbars Amme und Ministerin

Akbars Ehefrau Jodha Bai

Akbars Ehefrau (und Cousine) Ruqaiya Begum

Akbars Ehefrau (und Cousine) Salîma Begum

Akbars Töchter

Dschahângîrs Ehefrau Mân Bai

Dschahângîr Ehefrau Jagat Gosain

Dschahângîrs Ehefrau Nûr Dschahân, Teil 1

Dschahângîrs Ehefrau Nûr Dschahân, Teil 2

Dschahângîr und Anarkali

Mumtâz Mahall und das Tâdsch Mahall

Die Begums von Bhopal

Sultân Dschahân Begum, Teil 1

Sultân Dschahân Begum, Teil 2

Beitragsbild

Das Beitragsbild zeigt die Mogulprinzessin Nadîra Bâno Begum – Atrribution Balchand [Public domain]


Eine verhängnisvolle Affäre? Razia Sultan und Yaqut

Heute soll endlich eine der wichtigsten Figuren am indischen Hof von Sultan Iltutmish (reg. 1211-1236) beleuchtet werden: Yaqut (Dschamâl ud-Dîn Yâqût etwa 1200 bis 1240). Iltutmish, selber ehemaliger Militärsklave mit türkischen Wurzeln, konnte die Herrschaft des Delhi Sultanats festigen und die Herrschaft der Sklavendynastie etablieren. Nicht seine beiden Söhne Mu’izz ud-Dîn  (st. 1242) und Rukn ud-Dîn (st. 1236), sondern seine Tochter Razia Sultan (st. 1240) sollte nach Iltutmishs Willen seine Nachfolge antreten.  Doch nach seinem Tod wurde zunächst Rukn ud-Dîn Sultan – mit dem bekannten “Erfolg” – er wurde von der türkischen Elite ermordet und Razia wurde auf dem Thron installiert.

Yaqut und seine Identität als Afrikaner

Razia war als fähige und gerechte Herrscherin bekannt. Zunächst hatte sie auch die Unterstützung der türkischen Elite (Turkan-e chihalgan), die dann jedoch ihren Bruder Mu’izz ud-Dîn unterstützte. Dieses war zum Teil daran begründet, dass Razia ihren Militärsklaven Yaqut zu ihrem Ratgeber und Vertrauten machte. Yaqut war kein Mitglied der türkischen Elite, sondern ein abessinischer Militärsklave. Das Königreich Abessinien war auf dem Gebiet der heutigen Staaten Äthiopien und Eritrea. Aus diesem ostafrikanischen Gebiet kamen viele so genannte Siddis, Shiddis oder auch Habshis freiwillig oder unfreiwillig als Händler, Sklaven oder Söldner nach Asien, vor allem auf den Dekkan oder nach Gujarat. Dort und am Mogulhof konnten Siddis einen großen Einfluss erlangen. Die Siddis, Nachkommen der Bantus pflegen bis heute ihre afrikanische Identität in Südasien.

Über Yaquts genaue Herkunft ist nichts bekannt, wir wissen auch nicht, wann genau er nach Indien kam. Einige Quellen berichten, dass er bereits zu Lebzeiten Iltutmishs am Hof in Delhi lebte und dort als Stallmeister tätig war. Andere Quellen sagen, dass Yaqut erst von Razia zum Obersten Stallmeister gemacht wurde. In jedem Fall wurde Yaqut erst von Razia zum obersten Befehlshaber (amîr al-‘umarâ) gemacht wurde.

Dieser Schritt ging vielen Mitgliedern der türkischen Elite zu weit, waren doch die beiden Ämter als Stallmeister und Befehlshaber eigentlich den Türken vorbehalten gewesen. Es ist wahrscheinlich, dass aufgrund des Vertrauensverhältnisses zwischen Razia und Yaqut die Gerüchte gestreut wurden, dass die beiden eine Affäre miteinander hätten. Gibt es für eine solche Affäre Beweise in den historischen Quellen?

Die historischen Quellen

Der berühmte marokkanische Reisende Ibn Battûta (geb. 1304) besuchte knapp 100 Jahre nach Razia Sultans Tod das Sultanat von Delhi und berichtet über Razias Herrschaft.  So schrieb er, “dass Razia angeklagt wurde, Verbindungen zu Yaqut zu haben” (Rehla, S. 34, übersetzt aus dem Englischen von CP) – Beweise wurden auch nicht gebracht.

Auch meine bevorzugte Quelle zum Delhi Sultanat, das Tabaqât-e Akbarî von Nizâm ud-Dîn Ahmad  wusste zu berichten (Tabaqât, S. 76, Übersetzung aus dem Englischen von CP) :

Er (i.e. Yaqut) erreichte eine solche Stufe der Intimität mit der Königin, dass wenn sie auf ein Reittier aufstieg, seine Hände unter ihre Arme legte und sie auf dem Reittier platzierte

Diese historische Quelle entstand allerdings über 300 Jahre nach Razias Tod und kann somit nicht als authentisch gelten.

Fakt ist aber, dass sowohl Yaqut als auch Razia, ihr Mann Malik Altunia (und später auch Mu’izz ud-Dîn) von der türkischen Elite getötet wurde.

Razia und Yaqut in der populären Kultur

Die angebliche Affäre zwischen Razia und Yaqut inspirierte auch Literaten und Schreiber von Bollywood. 1835 schrieb H. Caunter in seinem Buch Romance of History: India, dass Razia für Yaqut schwärmte, er aber in eine ihrer Hofdamen verliebt war.

Yaqut wird als attraktiver Mann dargestellt, dem Razia nicht widerstehen konnte (Romance of History, S. 195):

Er war ein außerordentlich attraktiver Mann, mit einer Gestalt von Herkules,  gegossen in eine anmutige Gestalt. Er war groß und kräftig, breit gebaut, aber kompakt geformt, und da er von der Taille aufwärts und von den Knien abwärts nackt war, konnte man jede  Muskelbewegung sehen, die mit einer Symmetrie erfolgte, welche nahe an der männlichen Perfektion war. Sein ruhiger aber intensiver Blick gab ein Zeugnis ab von seiner Willensstärke.

Caunter beschrieb ebenso die Version, dass die türkischen Notabeln Razia und Yaqut töteten, weil sie sich übergangen fühlten. Razia wird als Frau dargestellt, die der körperlichen Anziehungskraft Yaquts nicht widerstehen kann und äußerst eifersüchtig auf Yaquts Beziehung zu ihrer Hofdame reagiert. Einer politischen Eheschließung mit Malik Altunia stimmt sie letztendlich zu.

Eine gegenseitige Liebe (und heimliche angedeutete Affäre) zwischen Razia und Yaqut zeigt der berühmte Film Razia Sultana von Kamal Amrohi aus dem Jahr 1983. Doch der Film wird auch interessant durch die erotische Szene zwischen Razia und ihrer Vertrauten Khakun (gespielt von Hema Malini und Parveen Babi), die den Zuschauer mit einigen Interpretationsmöglichkeiten zurücklässt.

Zee.one gibt in der Serie Razia Sultan: die Herrscherin von Delhi eine dritte Version: hier verliebt sich der durchtriebene Yaqut in Razia, die ihrer Liebe zu Malik Altunia treu bleibt. Yaquts Identität als Siddi wird in der Serie nicht thematisiert – hier kommt er aus Belutschistan.

Die Figur des Yaqut bleibt eine schillernde – sie schwankt je nach Auslegung zwischen dem “edlen Schwarzen”, dem selbst die Herrscherin nicht widerstehen kann und dem verschlagenen Sklaven, der Razia liebt – und dessen Identität als Inder afrikanischer Herkunft von Bollywood verschwiegen wird.

Interessant ist die Beschreibung Yaquts als “muslimischer Körper” und die Frage der Kontrolle der (weiblichen) Sexualität, die nach heutigen Vorstellungen der indischen Filmindustrie funktioniert und auch auf historische Stoffe projiziert wird.

Literatur

Hobar Caunter: Romance in History.  Vol. 1 : India. London1836.

Ibn Battuta: The Rehla of Ibn Battuta: (India, Maledive Islands and Ceylon). Transl. By Mahdi Husain. Baroda 1976.

Nizam ud-Din Ahmad: The Tabaqat-i-Akbari. Vol. 1. Trans. By B. De. Calcutta 1927.

Beitragsbild: Leider haben wir ja aus dem Lebenszeit Razias keine bildlichen Darstellungen der jeweiligen Personen. Ich habe deshalb das Bild des berühmten ehemaligen Militärsklaven Malik Ambar (st. 1627),  der ebenso wie Yâqût ein Siddi war. Er regierte faktisch den Staat von Ahmadnagar auf dem Dekkan und sagte sich von der Herrschaft der Moguln (vor allem von Akbar) los.

Malik al-Ambar: Victoria and Albert Museum [Public domain]

Die Frau hinter Dschahângîr – die “Mogulkaiserin” Nûr Dschahân

Bekanntermaßen bin ich immer wieder besonders begeistert vom indischen Mogulherrscher Dschahângîr (regierte 1605-1627) und seinen Memoiren, in denen er wie einem Tagebuch von den Ereignissen am Mogulhof berichtet. Besonders interessant sind seine Schilderungen der Tiere und Pflanzen Indiens. Doch es klingen auch persönliche Töne an, so zum Beispiel über seine unglückliche erste Ehe mit seiner Cousine Mân Bai. – seine Affäre mit der Kurtisane Anarkali (falls es sie denn je gegeben hat), wurde jedoch nicht erwähnt.

Erst mit seiner 20. und letzten Ehefrau Mehr un-Nisâ (genannt Nûr Dschahân) schien er auch sein privates Glück gefunden zu haben. In einem älteren Beitrag habe ich von Nûr Dschahâns Aufstieg vom persischen Flüchtling zur einflussreichen indischen Mogulkaiserin an der Seite des Herrschers Dschahângîrs berichtet.

Heute  beleuchte ich nochmals die Figur der Nûr Dschahân und zeige, wie diese ihren Aufstieg zur wichtigsten Person am Mogulhof vollzog.

Unterstützung in Hofkreisen

Als Dschahângîr 1611 Nûr Dschahân zu seiner zwanzigsten Ehefrau (!) machte, war die Braut am Hof des Mogulkaisers keine Unbekannte. Ihr Vater Ghiyâs ud-Dîn (st. 1622) war bereits unter Dschahângîrs Vater Akbar (reg. 1556 bis 1605) im Staatsdienst gewesen. Auch Nûr Dschahâns erster Ehemann Shêr Afghân (ermordet 1607) war am Hof tätig gewesen. Kurz nachdem Nûr Dschahân verwitwet war, wurde sie zur Hofdame von Akbars Witwe Ruqaiya Begum  (st. 1626) ernannt. Nun siedelten Nûr Dschahân und ihre Tochter Ladlî Begum endgültig nach Agra in den königlichen Harem über.

Zwei Frauen traten dabei als besondere Förderinnen Nûr Dschahâns auf: Dschahângîrs leibliche Mutter Jodha Bai / Maryam uz-Zamânî und Ruqaiya Begum selbst, in deren engstem Umfeld Nûr Dschahân nun lebte. Ruqaiya Begum hatte ja Dschahângîr großgezogen und stets eine enge Beziehung zu ihm gehabt.

Ruqaiya Begum dürfte eine entscheidende Bedeutung für die Begegnung ihres Ziehsohnes und ihrer Hofdame gehabt haben, die zur Heirat im Jahr 1611 führte.

Danach gab es mehrere Bereiche, in denen sich in der Folgezeit Nûr Dschahâns Einfluss widerspiegelte:

  • Nûr Dschahâns Anordnungen und Edikte in ihrem Namen
  • Münzen mit ihrem Namen

Zunächst einmal ist es interessant, dass Dschahângîr seiner Ehefrau den offiziellen Namen Nûr Dschahân – Licht der Welt – verlieh. Dieses entspricht der Bedeutung der Lichtsymbolik, die er selbst für sich als so wichtig erachtete. Sein eigener Beiname war Nûr ud-Dîn – Licht der Religion. So wie sein Vater Akbar war Dschahângîr davon überzeugt, dass der Herrscher göttliches Licht aufnimmt und ausstrahlt. In der Mogulkunst zeigte sich das in der Kunst: so wurden die Mogulherrscher von Akbars Herrschaftszeit an oft mit einem Heiligenschein dargestellt. Es gibt im übrigen auch mehrere Bilder, auf denen Nûr Dschahân genau wie Dschahângîr mit einem Heiligenschein zu sehen ist.

Doch Nûr Dschahân hatte am Hof andere Freiheiten, die ansonsten nur den Männern des Hofes vorbehalten war. Akbar hatte Wert darauf gelegt, dass die Frauen seines Hofes die strengen Richtlinien des Harems einhielten. Nûr Dschahân jedoch trat auch öffentlich in Erscheinung. Zudem sind, wie erwähnt, ihre Spuren in verschiedenen Dokumenten und auf Münzen zu finden.

Die Erlasse Nûr Dschahâns

Ich hatte bereits in einem Beitrag über Dschahângîrs leibliche Mutter Jodha geschrieben, dass diese Verfügungen erlassen durfte, die vor allem mit dem Handel zu tun hatten. Auch Akbars Mutter Hamîda Bano Begum war bekannt für einige Erlasse. Diese Erlasse von einer Königinmutter waren nach der zentralasiatischen Tradition als hukm bekannt. Erlasse von einer Schwester oder Ehefrau eines Herrschers waren als nishân bekannt. Sie befassten sich mit weniger bedeutenden Angelegenheiten als die Verfügungen des Herrschers, die man farmân nennt. Nûr Dschahâns Erlasse jedoch waren viel weitreichender als die der anderen Frauen bei Hofe – in ihnen erfolgten militärische Ernennungen, Festsetzungen von Landbesitz und Besteuerungen (Lal: Empress, S. 141). Nûr Dschahân hatten also Inhalte wie ein farmân und waren unterzeichnet mit Nûr Dschahân Pâdshâh Begum – und Pâdshâh bedeutet “Großkönig”. Einige von Nûr Dschahâns Erlassen sind übrigens noch bis heute erhalten und befinden sich in verschiedenen Museen dieser Welt.

Die Münzen

Ebenso erhalten sind einige Münzen, die neben dem Namen Dschahângîrs auch den Nûr Dschahâns enthielt – ebenso mit dem Titel Pâdshâh Begum. Der Text auf einer Münze lautet (Lal: Empress, S. 143).

Durch die Order von Shâh Dschahângîr

Wurde dem Gold hundert Ehren hinzugefügt

Durch die Hinzufügung des ihres Namens auf ihm

Nûr Dschahân Pâdschâh Begum

Diese Erwähnung des Namens ist sehr ungewöhnlich und zeigt die Macht der Nûr Dschahâns.

Es gab noch weitere Beispiele zu Nûr Dschahâns außergewöhnlicher Stellung bei Hof, so zu Beispiel ihre (halb-)öffentlichen Auftritte bei Paraden des (männlichen) Hofstaates, die Erwähnung ihres Namens beim Freitagsgebet (zusätzlich zu dem des Herrschers) oder ihre Fähigkeiten bei der Tigerjagd.

Nûr Dschahân war wahrscheinlich eher die Frau “neben” Dschahângîr, nicht “hinter” ihm, auch wenn die Ihr Beispiel zeigt, dass Frauen des Harems zu großer Macht und Einfluss gelangen konnten – selbst wenn es sich “nur” um Einzelfälle handelte.

Literatur:

Ruby Lal: Empress. The Astonishing Reign of Nur Jahan. New York et al., 2018 (Kindle Edition)

Das Beitragsbild zeigt eine idealisierte Darstellung Nûr Jahâns.  LACMA [1] [Public domain]

+++HIER +++gibt es einen Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

 

Keine Geschwisterliebe – Razia Sultan (st. 1236) und ihr Bruder Mu’izz ud-Dîn

Dass die Beziehungen zwischen Geschwistern kulturübergreifend in vielen Familien schwierig sein können, hatte ich ja bereits in meinem Beitrag über die Streitigkeiten am indischen Mogulhof zwischen Kronprinz Salîm (dem späteren Herrscher Dschahângîr, st. 1627) und seinem Bruder Dânyâl (st. 1605).

Auch bereits dreihundert Jahre vorher, unter der Herrschaft des Sultanats von Delhi kam es zu heftigen Auseinandersetzungen um die Nachfolge Sultan Iltutmishs (st. 1236). Iltutmish, einst selbst ein Militärsklave, hatte den Thron (masnad) von seinem Schwiegervater Qutb ud-Dîn Aibek geerbt und die Herrschaft der Sklavendynastie gefestigt.

Die türkische Elite

Iltutmishs Herrschaft wurde durch die sogenannten Chihalgani ( Turkân-e Chihâlgânî, “die Gruppe der 40”) entscheidend gefestigt. Die Chihalgani war ein Rat aus 40 Verwaltungs- und  Militärsklaven, die die wichtigsten Ämter im Staat übernahmen. Ohne ihre Zustimmung konnte – wie wir noch sehen werden – niemand Herrscher werden oder sich lange an der Macht halten.

Doch zurück zu Iltutmish und seinen Nachfolgern. Die Quellen berichten davon, dass Iltutmish nicht viel von seinen drei Söhnen Nasîr ud-Dîn, Rukn ud-Dîn und Mu’izz ud-Dîn hielt und der Ansicht war, dass seine Tochter Razia Sultan über größere Fähigkeiten verfügte als seine Söhne. Als Nasîr ud-Dîn überraschend noch vor seinem Vater vertarb, war es Iltutmishs Plan, Razia Sultan zu seiner Nachfolgerin zu bestimmen. Als Iltutmish 1236 starb, wurde jedoch nicht Razia, sondern Rukn ud-Dîn Sultan. Rukn ud-Dîn, Sohn Iltutmishs und der Kurtisane Shâh Turkân, hatte zu diesem Zeitpunkt die Unterstützung der Chihalgani und konnte Herrscher werden.

Herrschaft und Ermordung Razia Sultans

Sowohl Razia als auch Mu’izz ud-Dîn gaben ihre Herrschaftsansprüche auf den Thron Delhis nicht auf. Das Schicksal der Thronanwärter lag jedoch auch in den Händen der Chihalgani. Rukn ud-Dîn verlor bereits sechs Monate, nachdem er zum Sultan geworden war, die Zustimmung der türkischen Elite. Grund dafür waren offensichtlich sein unberechenbares Verhalten sowie seine Verschwendungssucht. Die Chihalgani beschlossen also die Ermordung Shâh Turkâns und Rukn ud-Dîns und Razias Thronbesteigung im Jahr 1236. In dieser Frage der Herrschaft von Frauen  waren die türkischen Notabeln uneins – einige befürworteten eine Herrscherin, andere nicht. Diese schlugen sich zum Teil auf die Seite abtrünniger Provinzherrscher, gegen die Razia erfolgreich einen Krieg führte.

Andere Mitglieder der Chihalgani rebellierten nicht offen gegen Razia, sondern unterstützten heimlich Mu’izz ud-Dîn.

Als der Statthalter von Lahore 1240 gegen Razia rebellierte, zog Razia mit ihrem Ehemann Malik Altunia, dem Herrscher von Bathinda, gegen ihn. Doch Mu’izz ud-Dîn unterstützte den Statthalter von Lahore und schickte Malik Tigin mit seinen Truppen gegen Razia und Altunia. Diese wurden geschlagen und auf der Flucht nach Delhi von Malik Tigins Truppen ermordet.

Mu’izz ud-Dîn bestiegt 1240 nach dem Tod seiner Geschwister den Thron von Delhi. Er wurde unter seinem Thronnamen Mu’izz ud-Dîn Bahrâm Schâh bekannt. Obwohl er Sultan war, wissen wir leider sehr wenig über ihn. Schon alleine über seine Mutter ist nichts bekannt.

Ein schwacher Herrscher

Das Bild von Mu’izz ud-Dîn, das in der TV-Serie Razia Sultan von ihm gezeichnet wird, ist wenig schmeichelhaft:  er wird als völlig verweichlichtes Muttersöhnchen dargestellt – die Ursachen dafür seien, so die Serienmacher,  in der späten Schwangerschaft der Mutter sowie in deren Alkoholkonsum während dieser Zeit zu sehen. Zu derartigen Behauptungen gibt es keine Belege in den wenigen vorhandenen Quellen. Die Person hinter dem Sultan Mu’izz ud-Dîn bleibt blass.

Während die Quellen über Mu’izz ud-Dîns Bruder Rukn ud-Dîn sehr ausführlich berichten und dessen Verschwendungssucht und Geltungsdrang anprangern, finden sich über Mu’izz ud-Dîn solche Informationen nicht. In der vielleicht bedeutendsten Quelle über die Zeit des Delhi Sultanats – dem Reisebericht (“Rihla“) des marrokaninischen Gelehrten Ibn Battûta (st. 1377) – erscheint Mu’izz ud-Dîn gar nicht erst.

Auch in der wichtigen Quelle Tabaqât-e Akbarî von Nizâm ud-Dîn Ahmad (st. 1621) bleiben die Informationen über ihn nur schemenhaft (engl. Übersetzung B. De, Calcutta 1927, Bd. 1, 78 ff.).

Auffällig sind seine engen Beziehungen zu den Chihalgan, den türkischen Notabeln. Mu’izz ud-Dîns Schwester war mit Malik Ikhtiyâr ud-Dîn verheiratet, der wohl in Wahrheit die Regierungsgeschäfte für Mu’izz führte.

Ein Vorfall verdeutlicht jedoch auch die Befindlichkeiten Mu’izz ud-Dîns. Sein Schwager Malik Ikhtiyâr ud-Dîn soll an den Toren seines Palastes regelmäßig einen großen Kriegselefanten angebunden (und somit der Öffentlichkeit gezeigt) haben. Dieses sei jedoch dem Sultan vorbehalten gewesen.

Mu’izz ud-Dîn ud-Dîn fühlte sich dadurch in seiner Ehre als Sultan gekränkt und ließ Malik Ikhtiyâr ud-Dîn von den anderen Chihalgan ermorden.

Er selber erlitt jedoch dasselbe Schicksal. Im Dezember 1241 überfiel der mongolische Herrscher Ögedei Khân (st. 1241), ein Sohn Dschingis Khâns, die Stadt Lahore (heute Pakistan), die Stadt Lahore. Lahore gehörte zu diesem Zeitpunkt ebenfalls zum Delhi Sultanate. Bevor die mongolischen Truppen wieder abzogen, zerstörten sie die Stadt und ermordeten unzählige Bewohner.

Mu’izz ud-Dîn war zu schwach, um Lahore zu schützen und zu verteidigen. Die Turkân-e Chihalgan ließen Mu’izz ud-Dîn daraufhin 1242 ermorden. Sein Nachfolger wurde sein Neffe, Alâ ud-Dîn Mas’ud, der Sohn von Rukn ud-Dîn. Dieser herrschte immerhin vier Jahre.

Insgesamt wird hier wieder deutlich, dass es nicht selbstverständlich war, dass ein Herrscher sich aus eigener Kraft an der Macht halten konnte – und dass es auch am Hof des Delhi Sultanats viele unterschiedliche Interessengruppen gab.

Beitragsbild:

Das Beitragsbild zeigt eine sehr seltene von Mu’izz ud-Dîn herausgegebene Münze. Es unterliegt der Wikimedia Common License.

Mohammed Tariq [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons.

Literatur:

Siehe die Hinweise im Beitrag

Akbars Kirche in Agra (Weihnachtsspecial 2018)

Agra, die Hauptstadt des Mogulkaisers Akbar (reg. 1556-1605) ist heutzutage vor allem bekannt für das Tâdsch Mahal, das von Akbars Enkel Schâh Jahân (reg. 1627-1656) als Grabmonument für seine Ehefrau Mumtâz Mahal (st. 1631) erbaut wurde. Weniger bekannt ist dass in Agra eine der ersten katholischen Kirchen Nordindiens entstand: diese Kirche ist als Akbars Kirche bekannt, im Englischen Akbar’s Church.

Akbars Interesse am Christentum

In diesem Blog war schon häufiger von Akbars Interesse für alle Religionen die Rede. Akbars Faszination für das Christentum schlug sich in der zeitgenössischen Malerei nieder, so dass auf Bildern der Herrscher mit einem Heiligenschein zu sehen war, umgeben von Engeln. Sogar eine Jesusbiographie wurde für den Herrscher geschrieben. Dies alles geschah, nachdem mehrere Jesuitenmissionen auf Einladung Akbars an den Mogulhof gekommen waren und sich mit Akbar über den katholischen Glauben ausgetauscht hatten.

Doch Akbar förderte nicht nur durch diese Maßnahmen das Christentum in seinem Reich. In seiner Hauptstadt Agra gestattete er christlichen armenischen Händlern sich niederzulassen, zu handeln und auch ihren Glauben auszuüben. Die Armenier gehörten mehrheitlich der Armenischen Apostolischen Kirche an, die zu den orientalisch-orthodoxen Kirchen gehört.

Eine der ältesten katholischen Kirchen Indiens

Ab 1580 gab es dann mehrere katholische Jesuitenmissionen von Goa an Akbars Hof in Agra bzw. Fatehpur Sikri. Schon die Mitglieder der ersten Jesuitenmission drängten Akbar, eine katholische Kirche zu erbauen und die Mission unter Muslimen zuzulassen. Akbar war mit der Errichtung einer katholischen Kirche einverstanden und wies den Jesuiten ein Grundstück in der Nähe des armenischen Viertels zu. Außerdem spendete er einen großen Betrag für den Bau der Kirche.

Mit dem Bau der Kirche wurde 1598 begonnen, fertig gestellt wurde sie 1599, nach anderen Angabe 1600. Doch Akbar finanzierte nicht nur den Bau der Kirche, sondern interessierte sich auch im Nachgang des Baus für die dort stattfindenden Aktivitäten.

Weihnachten in der Kirche

So gibt es Berichte, dass Akbar zu Weihnachten die Kirche aufsuchte (z.B. Grewal, 94 f.), vor allem, um sich dort die Krippe anzuschauen. Akbar war scheinbar fasziniert von der Darstellung des neugeborenen Jesus, der Hirten und der Tiere. Die Anfertigung der Krippe war von den Jesuiten in Italien beauftragt worden. Akbar kam nicht alleine in die Kirche, auch einige Frauen aus dem Harem sowie einige Prinzen besuchten das Gotteshaus. Die Frauen brachten Kerzen mit. Zum Empfang der Gruppe aus dem Palast läuteten die Kirchenglocken und die Priester erwarteten zur Begrüßung Gäste vor der Kirche.

Die Krippe in Akbar’s Church war nicht nur ein Anziehungspunkt für Akbar, sondern für die ganze Bevölkerung Agras. 1610, also schon zur Regierungszeit von Akbars Sohn Prinz Salîm / Kaiser Dschahângîr, öffneten die Jesuiten nach den Weihnachtsfeiertagen die Krippe für die Öffentlichkeit. Innerhalb der nächsten vierzig Tage sollen mehr als 14.000 Besucher – sowohl Hindus als auch Muslime in die Kirche gekommen sein, um sich die Krippe anzuschauen (Maclagan, 331).

Unter Akbars Herrschaft waren sowohl die jesuitische Mission als auch die Errichtung des Kirchengebäudes ein Erfolg. Im letzten Jahr von Akbars Herrschaft (1604) konvertierten vierzig Muslime zum Christentum und empfingen in Akbar’s Church das Sakrament der Taufe. Zwei Jahre später zählte die christliche Gemeinde in Agra siebzig Mitglieder.

Es spricht für Akbars Religionspolitik, dass er die Missionierung verschiedener Religionen duldete. Nicht umsonst ist die Kirche in Agra auch heute noch unter Akbar’s Church bekannt.

Akbars Kirche erlebte im Laufe der Zeit Zerstörung und Wiederaufbau – doch davon soll in einem anderen Blogbeitrag die Rede sein.

Literatur (Auswahl)

R.Grewal: In the Shadow of the Taj: a Portrait of Agra. New Delhi: Penguin,2007.

E. Maclagan: The Jesuits and the Great Mogul. London: Burns et. al., 1932.

Das Beitragsbild “Akbar’s Church” steht unter der Creative Commons License 3.0Peter Potrowl [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], from Wikimedia Commons

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Die muslimische Herrschaft in Indien: führte Qutb ud-Dîn Aibek (st. 1210) einen dschihâd?

Bisher hatte ich mich in meinen Beiträgen über das Delhi Sultanate auf Razia Sultan (st. 1236) bzw. ihren Vater Iltutmish (st. 1236) konzentriert. In dem heutigen Blogpost möchte ich einen weiteren Schritt zurück gehen, und auf die Regierungszeit von Qutb ud-Dîn Aibek (1150-1210) schauen. Ohne Zweifel war er es, der eine muslimische Herrschaft in größeren Gebieten Indiens (damit meine ich die heutigen Nationalstaaten Indien und Pakistan) etablieren konnte.

Islamische Herrschaft

Ohne Zweifel hatte die Dynastie der Ghaznaviden bereits den Grundstein für die muslimische Herrschaft in Gebieten des Punjab gelegt, doch erst die Eroberung der nördlichen Gangesebene brachte die Möglichkeit der dauerhaften Herrschaft. Qutb ud-Dîn setzte die lokalen Herrscher (Könige, rânas) nach seinem Sieg nicht ab, sondern beließ sie als Herrscher in den jeweiligen Gebieten. Sie mussten ihm Tribut zahlen und auch Truppen stellen. Schon bei den Ghaznaviden gab es hinduistische Soldaten im Heer, doch nun erfolgte die Zusammenstellung der Truppen noch häufiger und organisierter. Qutb ud-Dîn hatte nun “râ’îs (Anführer) und rânas (Könige) in jeder Himmelsrichtung”, die wie Hasan Nizâmî (lebte im 12. und 13. Jh) schrieb, “an den Hof des erhabenen Aybegs kamen, und dort den Boden berührten” – gemeint ist, dass sie seine Überlegenheit anerkannten und den unreinen Boden zu seinen Füßen berührten.

Ein Krieg gegen die Ungläubigen?

Es ist jedoch anzuzweifeln, dass alle Eroberungen Qutb ud-Dîns von langer Dauer und nachhaltig waren und schon zur dauerhaften Herrschaft führten. Ebenso zweifelhaft sind die Aussagen, dass die muslimischen Eroberungen dazu dienten, den Götzendienst der Hindus zu verhindern.

So berichtete Fakhr-i Mudabbir (st. 1236) (Übersetzung aus dem Englischen CP, zitiert nach Jackson, S. 20)

Städte der Ungläubigen wurden Städte des Islam. Anstelle von Bildern verehren sie nun den Höchsten. Tempel der Götzen wurden zu Moscheen, Schulen (madrashâ) und Klöstern (khânqâhhâ). Jedes Jahr werden mehrere Tausend Männer und Frauen zum Islam gebracht.

Anhand der (bisher) vorliegenden Zahlen wurden jedoch nicht so viele Tempel zerstört bzw. umgewandelt wie uns die obige Quelle glauben macht. Zudem scheint es so zu sein, dass das Verhalten der Eroberer davon abhing, ob sich eine Stadt bzw. ihre Führung kooperativ verhielt – wenn ja, wurden Tempel und andere Institutionen zumeist verschont.

Insgesamt schienen die Herrscher der Sklavendynastie weniger von religiösen Motiven als von Machtinteressen geleitet gewesen zu sein. Und natürlich war die Aussicht auf eine reiche Beute ein weiteres gewichtige Interesse. Die Hofschreiber hingegen stellten die Kämpfe der Herrscher der Skalvendynastie als Heiligen Krieg dar und legitimierten so die Eroberungen mit islamischer Rhetorik. Der Kampf der Herrscher der Sklavendynastie wurde nun zu einem religiösen Krieg gegen die Hindu-Mehrheit erklärt.

Das islamische Element spielte unter der Herrschaft Qutb ud-Dîns Aibeks noch nicht die Rolle wie zu späteren Zeiten des Sultanats von Delhi und der Mogulherrscher. Für die Schreiber der Chroniken war es jedoch sehr wichtig, ihre Auftraggeber als ideale islamische Herrscher mit Autorität darzustellen. Inwieweit diese Sichtweise der Realität entsprachen, muss in weiteren Forschungen geklärt werden

Literatur:

Jackson, Peter: The Delhi Sultanate: A Political and Military History. Cambridge, CUP (Kindle Edition)

Beitragsbild:
Das Bild zeigt das Mausoleum von Qutb ud-Dîn Aibek im Anarkali-Bazar in Lahore (Pakistan). Es unterliegt der Creative Commons License.
Ibnazhar [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons

 

Diwali: Das Festival der Lichter am Mogulhof

Heute, am 7. November 2018, wird in den hinduistisch geprägten Gesellschaften Südasiens aber auch in der Diaspora das Lichterfest Diwali statt. Dieses Fest wird von dem hinduistischen Kalender bestimmt und beginnt am 15. Tag des Monats Katika, der durch den Stand von Sonne und Mond festgesetzt wird. In Nordindien gilt dieser Tag auch als Beginn des neuen Jahres.

Bedeutung

Diwali erinnert der Überlieferung nach an die Rückkehr der Gottheiten Rama, Sita und Lakshman nach einem langen Exil in ihre Heimatstadt Ayodhya. Die dortige Bevölkerung zündete Kerzen und Lampen an, um den Gottheiten den Weg zu erleuchten. Wie viele Festlichkeiten symbolisiert Diwali so den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit und des Guten über das Böse.

Am Mogulhof

Der indische Mogulherrscher Akbar (reg. 1556-1605) war dafür bekannt, dass er an seinem Hof Feste und Feierlichkeiten vieler Religionen seines Reiches feierte. Sein Chronist Abû l-Fazl notierte:

Er wollte die Religionen verstehen, um besser zu herrschen. Und Feierlichkeiten waren ein fröhlicher Weg dieses zu tun.

Wir hatten auf diesem Blog schon darüber berichtet, dass das persische Neujahrsfest Nourûz und das Frühlingsfest Holi intensiv gefeiert wurden. Während diese Feste ja im Frühling gefeiert wurden, markiert Diwali das Ende des Monsoons und der Erntezeit. Traditionell begannen die Moguln nach Diwali auch die Feldzüge, da ja die Männer des Dorfes nun nicht mehr für die Feldarbeit benötigt wurden.

Dass Akbar und sein Sohn Salîm / Dschahângîr damit begannen, Diwali am Hof von Agra zu feiern, lag vor allem an ihren Hindu-Ehefrauen: sowohl Akbars Ehefrau Jodha / Maryam uz-Zamâni (die Mutter Salîms) als auch Salîms Ehefrauen Mân Bai und Jagat Gosain waren ja Hindus geblieben und praktizierten ihren Glauben weiter.

In seinen Memoiren (The Jahangirnama, ed. / transl. W.M. Thackston, Oxford 1999, 147) berichtet Dschahângir interessanterweise davon, dass Diwali eine Feierlichkeit der Kaste der Vaishyas, der Händler und Hirten, sei. Diese würden den Tag mit Spielen und Feierlichkeiten verbringen. Zudem glaubten sie, dass ein Bankkonto (Engl. account, hier vielleicht eher Geschäft), das an diesem Tag begonnen wurde, besonders erfolgreich sei.

Vor dem Hintergrund dessen, dass Dschahângîr bereits in seiner Kindheit die Diwali-Feierlichkeiten in Agra mitbekommen hatte, verwundert die Äußerung. Es könnte aber auch daran liegen, dass die Moguln häufig nicht die Bezeichnung Diwali verwendeten, sondern den Begriff Jashn-e chighangân, Lampenfest.

Lampen und Lichter

Ebenfalls erstaunlich ist die Aussage Blakes, dass der Mogulherrscher Shâh Dschahân, also Akbars Urenkel (st. 1666), das Fest nicht beging (Blake: Time in Early Modern Islam, 89).

Dabei war es gerade Shâh Dschahân, der die Diwali-Feierlichkeiten in Delhi besonders  pompös beging. Nachdem er seine Hauptstadt von Agra nach Delhi verlegt und das Rote Fort zum Symbol seiner Macht wurde, feierte er Diwali mit großer Pracht. Er  war der erste, der die so genannten Himmelslampen (âkâsh chighân) aufstellte. Diese wurden auf einer fast 40 Meter hohen Konstruktion aufgestellt und strahlten so hell, dass sie nicht nur das Rote Fort, sondern auch im  Chandni Chowk zu sehen waren.

Spätere Mogulherrscher ließen auch prachtvolle Feuerwerke abbrennen, um Diwali gebührend zu feiern.

Unislamischer Brauch?

Es soll nicht verschwiegen werden, dass es von muslimischer Seite nicht nur positiv betrachtet wurde, dass Diwali mit großem Pomp gefeiert wurde.

Der bedeutende islamische Reformer Sayyid Ahmad Sirhindî (st. 1624) kritisierte die Diwali-Feierlichkeiten unter Muslimen – und erteilte einen Seitenhieb auf muslimische Frauen und ihre angebliche Anfälligkeit für unislamische Neuerungen (bida’) (Blake: Time in Early Modern Islam, 89).

Während Diwali feiern die ignoranten Muslime, vor allem die Frauen, die Zeremonien. Sie feiern es wie ihr eigenes ‘id (gemeint ist: wie ein muslimisches Fest, CP) und schicken Geschenke an ihre Töchter und Schwestern. Sie färben ihre Töpfe, füllen sie mit rotem Reis und versenden sie als Geschenk. Sie verleihen dieser Festlichkeit viel Bedeutung und Gewicht.

1665 führte die Kritik von muslimischer Seite dazu, dass Akbars Urenkel Aurangzeb (st. 1705) die Diwali-Feierlichkeiten am Mogulhof abschaffte. Ihm waren vor allem Alkoholkonsum und Würfel- und Kartenspiel ein Dorn im Auge.

Das änderte aber nichts daran, dass die späteren Mogulherrscher die Diwali-Feierlichkeiten wieder einführten. Bis die Briten 1857 die endgültige Herrschaft übernahmen, wurde Diwali im Red Fort gefeiert.

Literatur:

Blake, Stephen P. Time in Early Modern Islam. Calendar, Ceremony, and Chronology in the Safavid, Mughal, and Ottoman Empires. Cambridge: CUP 2013.

Beitragsbild:

By Karanchheda13495 [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

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Hinweis: Unsere Beiträge zur Geschichte der Moguln

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Die neun Juwelen am Hofe Akbars, Teil 3: Abû l-Fazl (st. 1602)

In zwei älteren Beiträgen hatte ich schon  einiges zu den “Neun Juwelen”, den wichtigsten Gelehrten am Hof des Mogulkaisers Akbar (st. 1605), geschrieben und ‘Abd ur-Rahîm Khân-e Khânân (st. 1627)  sowie den Musiker Tânsen (st. 1586) vorgestellt.

Heute soll es um den Mann gehen, der die wohl bedeutendste Quelle zum Hofleben  Akbars, das Akbar-nâma,  geschaffen hat: Abû l-Fazl b. Mubârak, genannt Abû l-Fazl ‘Allâmî (st. 1602).

Abû l-Fazl  entstammte einer prominenten Familie: sein Vater Shaikh Mubârak (st. 1593), war ein bedeutender Gelehrter, der ursprünglich aus Rajasthan stammte, und  sich in Akars Hauptstadt Agra niederließ. Shaikh Mubârak stand jedoch nicht in Kontakt zum Hof der Moguln. Abû l-Fazls Bruder Abû l-Faiz “Faizî” war der bedeutendste Dichter am Hof Akbars und zählte selbst zu den neuen Juwelen Akbars. Über ihn werde ich noch einen eigenen Beitrag verfassen.

Beide Brüder erhielten von ihrem Vater Shaikh Mubârak  bis im Alter von etwa 15 Jahren eine gründliche Ausbildung in religiösen Disziplinen, arabischer Grammatik, Mystik, Medizin und (griechischer) Philosophy. Schon früh interessierte er sich auch für den Hinduismus. Mit etwa zwanzig Jahren führte Abû l-Fazl das Leben eines asketischen Gelehrten – nach heutigen Maßstäben würde man anhand der Quellen sagen, dass Abû l-Fazl unter Depressionen litt und sich von der Außenwelt zurück zog. Anders als sein Bruder hielt er sich auch von Hofkreisen fern. Erst durch Einwirken eines Freundes nahm Abû l-Fazl seine Studien wieder auf.

Zudem geriet zur selben Zeit sein Vater Shaikh Mubârak  in Konflikt mit einigen Gelehrten, die den Islam in Fragen der Mystik (Sufismus) strikter auslegten als er. Shaikh Mubarak verließ Agra und lebte einige Zeit in Delhi, kehrte später aber nach Agra zurück.

Das Leben am Hof Akbars

Etwa 1574 kam Abû l- Fazl erstmals an den Hof Akbars, wo er sofort Eindruck auf dne Mogulherrscher machte. Dieser hatte bereits zehn Jahre zuvor angefangen, einen theologischen Austausch zwischen den Religionen am Hof anzufangen. Dazu gab es wöchentliche Diskussionen in dem neu geschaffenen ‘ibâdat-khâna. Doch Akbar musste feststellen, dass die Mehrheit der Gelehrten und persisch-sprachigen muslimischen Eliten seines Hofes nicht bereit waren, sich mit den Lehren des Hinduismus oder Christentums auseinander zu setzen. Aus diesem Grund begründete Akbar ein maktabkhâna (Schreibbüro / Bibliothek), in dem Werke des Hinduismus wie z.B. das Ramayana oder das Mahabarata aus dem Sanskrit ins Persische übersetzt. Diese von Akbar geschaffene Tradition wurde unter Salîm / Dschahângîr fortgesetzt. Abû l-Fazl übersetzte sogar die Bibel ins Persische, so dass die Lehren des Christentums auch an Akbars Hof bekannt wurden.

Freund und Sekretär Akbars

25 Jahre lang war Abû l-Fazl Akbars Sekretär und auch sein persönlicher Freund. Durch Abû l-Fazl konnte Akbar seine Projekte durchführen und sich selbst als perfekter Herrscher inszenieren.

Susanne Kurz hat in ihrem Beitrag “Gott ist groß – Gott ist Akbar” genau darauf hingewiesen. Ohne Abû -Fazls Wirken wäre dieses nicht möglich gewesen. Besonders ein Dekret (Persisch: farmân) aus dem Jahr 1579 war besonders  wichtig: hierdrin wurde festgelegt, dass Akbar auch in religiösen Angelegenheiten die letztendliche Entscheidung hatte, ohne auf die Rechtsgelehrten (‘ulamâ’) angewiesen zu sein.

Intrigen am Hof

Abû l-Fazls Freundschaft zu Akbar und sein persönlicher und religiöser Einfluss am Hof blieben nicht ohne Neider. Abû l-Fazl brachte nicht nur konservative Gelehrte gegen sich auf, sondern auch Prinz Salîm / Dschahângîr. Dieser war fest davon überzeugt, dass es Abû l-Fazl war, der seine, Salîms, Machtbetrebungen verhinderte. 1599 entschied Akbar, Abû l-Fazl zum General im Dekkan zu machen, auch, um in Agra aus der Schusslinie zu nahmen. Abû l-Fazl erwies sich als fähiger General, obwohl er ja eigentlich ein Gelehrter war. 1602 rief Akbar ihn zurück nach Agra, da der Konflikt mit Salîm weiter eskalierte.

Salîm, und das ist anhand der Quellen erwiesen, ließ Abû l-Fazl durch Vir Singh Deo, den Rajputen-General, ermorden. Sein abgetrennter Kopf wurde nach Agra geschickt und dem sichtlich geschockten Akbar präsentiert.

Für Akbar bedeutete der Tod Abû l-Fazls nicht nur der Verlust eines Freundes. Auch seine Religionspolitik wurde dadurch nachhaltig geschwächt.

Die Ermordung Abû l-Fazls hinderte Salîm später als Herrscher Dschahângîr nicht daran, dessen Sohn Shaikh Afzal Khân (st. 1613) zum Gouverneur von Bihar zu machen.

Abû l-Fazls Werk lebt bis heute als wichtigste Quelle über Akbar weiter.

Das Beitragsbild zeigt, wie Abûl-Fazl Akbar das Akbar-nâma an Akbar überreicht. Das Bild ist Public Domain.

Literatur:

Conermann, Stephan: Das Mogulreich. Geschichte und Kultur des muslimischen Indien. München 2006.

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Unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

Der “böse Prinz” der Sklavendynastie? Rukn ud-Dîn Firoz Shâh

In der zee.one Serie Razia Sultan – die Herrscherin von Delhi gibt es vor allem zwei Gegenspieler Razias (st. 1240): erstens die Kurtisane (und spätere Ehefrau) ihres Vaters Iltutmish (st. 1236) Shâh Turkân (st. 1236) und zweitens der aus dieser Verbindung hervorgegangene Sohn Rukn du-Dîn Firoz Shâh (st. 1236).

Die Serie schildert die wenig geschwisterliche Beziehung Razias und Rukn ud-Dîns, die später (historisch korrekt) in der Auseinandersetzung um den Thron des Delhi Sultanats endete.

Wir wissen leider wenig über die Biographie unseres “bösen Prinzen” Rukn ud-Dîn, nicht einmal sein genaues Geburtsdatum ist bekannt. Auch über seine Jugend wissen wir sehr wenig. Die Rukn ud-Dîn betreffenden Quellen sind auch nicht gerade freundlich in der Beurteilung Rukn ud-Dîns. Historischerweise korrekt berichtet der marokkanische Reisende Ibn Battûta (st. 1377), dass Rukn ud-Dîn für die Ermordung seines und Razias jüngeren Bruders Qutb ud-Dîn verantwortlich war. Aus diesem Grund habe Razia bei der Versammlung nach dem Freitagsgebet den Tod des jüngeren Bruders beklagt – daraufhin hätten die vierzig einflussreichsten Generäle und Gelehrten Rukn ud-Dîn entmachtet (und später hinrichten lassen) sowie Razia zur Herrscherin erklärt (The Rehla of Ibn Battuta, S. 34).

Dieses ja doch schon negative Bild wird von einer weiteren – diesmal indischen – Quelle noch übertroffen, nämlich von dem Werk Tabaqât-e Akbarî von Nizâm ud-Dîn Ahmad (st. 1621). Diese Quelle, die knapp 400 Jahre nach Razias Tod entstand, ist in der Beurteilung Rukn ud-Dîns negativ geprägt und hatte wohl auch den größten Einfluss auf die Drehbuchschreiber  der Serie Razia Sultan. Zunächst erfahren wir (Englische Übersetzung, Teil 1, S. 72), dass Iltutmish seinen Sohn Rukn ud-Dîn zunächst zum Gouverneur von Bada’ûn machte.

Bei Iltutmishs Tod wurde Rukn ud-Dîns dann zum Nachfolger Iltutmishs bestimmt. Zunächst wurde die Ernennung Rukn ud-Dîns auch von den türkischen Hofeliten positiv begleitet. Der Hofsekretär Taj ud-Dîn Rezâ schrieb anlässlich der Thronbesteigung Rukn ud-Dîns eine lange Ode, für die er mit vielen Geschenken geehrt wurde.

So hieß es dort (S. 72, Übersetzung aus dem Englischen CP)

Möge das ewige Königreich unter gutem Vorzeichen stehen

Für den König, besonders in seiner Jugend

Die Unfehlbarkeit des Reiches (yaqîn-e daulat) Rukn ud-Dîn

Doch die Zufriedenheit mit dem Herrscher hielt nicht lange an (s. 72/73, Übersetzung aus dem Englischen CP):

Als er (i.e. Rukn ud-Dîn) auf dem Thron saß, hinderte ihn sein Streben nach Vergnügen und Amüsement am Regieren. Er öffnete die Tore der Schatzkammern und gab die Schätze weg….  die meisten Geschenke gingen an Tänzerinnen und Menschen der niederen Sorte, an Idioten und Narren.

Nizâm ud-Dîn Ahmad schilderte zudem, dass die eigentliche Macht im Staate in den Händen von Rukn ud-Dîns Mutter Shâh Turkân lag. Rukn ud-Dîn war wohl nicht mehr als eine Marionette seiner Mutter. Während Rukn ud-Dîn sich Alkohol und Vergnügungen widmete, formierte sich unter der türkischen Hofelite der Widerstand. Da das Reich des Delhi Sultanats noch nicht stabil war, mussten die Notabeln befürchten, bei einer militärischen Niederlage ihre Positionen zu verlieren.

Aus diesem Grund wurde Rukn ud-Dîn schließlich gestürzt und durch Razia Sultân ersetzt, die sich als fähige Regentin und Militärführerin erwies.

Zusammenfassend muss man sagen, dass Rukn ud-Dîn übereinstimmend von den Quellen als schwacher Herrscher charakterisiert, der auch durch seine Grausamkeit, vor allem aber durch seine Vergnügungssucht auffiel. Die ausführlichste Quellen entstand allerdings 400 Jahre nach seinem Tod und wurde aus dem der Perspektive des Mogulreichs verfasst. Ob es noch andere, vielleicht gegensätzliche Quellen gibt, lässt sich derzeit nicht sagen und muss zukünftigen Forschungen zur Klärung überlassen werden.

Literatur: Siehe Beitrag

Beitragsbild: Manuskript aus dem Salar Jung Museum in Hyderabad,

 

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