Akbar, seine Amme und das Geheimnis seiner Wundertaten

Bis zu den Tagen der Weihnachtssprecials vergeht ja noch ein bisschen Zeit, doch im heutigen Beitrag geht es ebenfalls um Wundertaten – und zwar um die Wunder, die der Mogulherrscher Akbar (st. 1605) bereits als Kind vollbracht haben soll.

Die Beschreibung dieser Wundertaten Akbars sind von Akbars Freund und Chronisten Abû l-Fazl (st. 1602) aufgezeichnet worden. Seine Chronik, das Akbar-nâma (“Geschichte Akbars), schilderte die Familiengeschichte der Timuriden sowie die Ereignisse seit Akbars Geburt sowie die wichtigsten Ereignisse seiner Herrschaft. Dazu muss man selbstverständlich erwähnen, dass Abû l-Fazl nicht nur der Chronist, sondern auch ein Vertrauter und Freund Akbars war.

So berichtete Abû l-Fazl davon, dass bereits die Schwangerschaft seiner Mutter Hamîda dadurch geprägt war, dass diese während der ganzen Zeit von einem Licht geprägt wurde. Doch auch schon bald nach seiner Geburt habe sich gezeigt, dass Akbar ein besonderes Kind war und in Zukunft ein besonderer Herrscher sein würde.

Akbar und Jîjî Anga

Bereits kurz nach seiner Geburt im Oktober 1552 wurde Akbar von seinen Eltern getrennt, da sich die politische Situation in Delhi zu Ungunsten der Moguln geändert hatte. Humâyûn ging ins Exil nach Afghanistan und später an den Hof des Schâhs von Persien. In dieser Zeit wurde Akbar von einigen Ammen gestillt und betreut, von denen einige in den Quellen namenlich erwähnt sind. Neben Fakhr un-Nisâ’ Anga (oder Anaga) sind Dâyâ Bhavâl und vor allem natürlich Jîjî Anga und Mâham Anga. Letztere war neben ihrer Rolle als Akbars Amme darüber hinaus bekannt für ihren politischen Einfluss, der sie zur Premierministerin machte. Sie hatte bereits unter Akbars Vater eine wichtige Rolle gespielt, und einige Quellen berichten, dass ihr Sohn Adham Khân auch ein Sohn Humâyûns war. Jîjî Anga (st. 1599) gehörte ebenfalls zum engeren Kreis der Elite rund um Humâyûn. Ihr Ehemann war Atga Khân, der schon ein bedeutender General Humâyûns gewesen und Akbars Ziehvater geworden war.

Akbar als Messias

Da Atga Khân das Vertrauen von Akbars Eltern hatte, wurde seine Frau Jîjî Anga (st. 1599) eine von Akbars Ammen. Sie war von besonderer Bedeutung für Akbars Leben – denn laut Abû l-Fazls Beschreibung teilte er mit ihr das Geheimnis seiner Wunderkraft – und dieses geschah schon, als er ein Baby von acht Monaten war. So erfahren wir aus dem Akbar-nâma, dass es zwischen den Ammen Akbars eine große Konkurrenz herrschte und es Eifersüchteleien gab. Jîjî Anga war laut Akbar-nâma (engl. Übersetzung A. Beveridge, Vol. 1, 344) tief davon getroffen, dass Mahâm Anga sich bei Humâyûn beschwert hatte: so soll Jîjî Anga angeblich Beschwörungen gemacht haben, dass der kleine Akbar nur Milch von ihr (i.e. Jîjî Anga) nehmen solle und die Milch der anderen Ammen nicht trinkt.

Während des Stillens von Akbar sei Jîjî wegen dieser Anschuldigungen sehr deprimiert gewesen, als plötzlich Akbar “wie der Messias” (mssîhâwâr) den Mund geöffnet”, zu ihr gesprochen und sie getröstet habe. Jîjî Anga habe sich in der Tat sofort besser gefühlt, auch sie habe ein Licht gespürt, das ihr Herz erfüllt habe. Sie habe aber Akbar versprechen müssen, dass sie dieses Geheimnis bewahre, was sie auch getan habe.

Diese Geschichte ist aus mehreren Gründen bemerkenswert.

Ich habe ja an in unserem Blog schon mehrfach über Jesus in der islamischen Tradition und Akbars Faszination für das Christentum geschrieben. Jesus (Îsâ b. Maryam) ist ein bedeutender Prophet im Islam. Im Unterschied zum Christentum konnte Jesus bereits als Baby sprechen, wie Sure 5, Vers 110 zeigt (Übersetzung Rudi Paret):

(Damals) als Allah sagte: “”Jesus, Sohn der Maria! Gedenke meiner Gnade, die ich dir und deiner Mutter erwiesen habe, (damals) als ich dich mit dem heiligen Geist stärkte, so daß du (schon als Kind) in der Wiege (mahd) zu den Leuten sprachst, und (auch später) als Erwachsener …

Ganz eindeutig wird im Akbar-nâma Akbar auf dieselbe Stufe gestellt wie der wichtige Prophet Jesus. Im selben Kapitel des Akbar-nâma wird Akbar mit einer anderen biblischen Gestalt und Propheten des Islam verglichen, nämlich mit Moses (Mûsâ).

Miniatur – Darstellung von Moses mit seinem Hirtenstab, Indien, 15. Jh. Das Werk ist Public Domain.

Akbars Wunder spielt auf folgende, in Bibel und Koran erwähnte Wunder an (2.Buch Mose).

Doch Mose protestierte erneut: “Aber sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören. Sie werden einwenden: `Der Herr ist dir nicht erschienen!´” Da fragte der Herr ihn: “Was hast du da in der Hand?” “Einen Hirtenstab”, antwortete Mose. “Wirf ihn auf den Boden”, befahl ihm der Herr. Mose gehorchte und der Stab verwandelte sich in eine Schlange. Mose lief vor ihr davon. Da befahl ihm der Herr: “Pack sie beim Schwanz.” Mose packte die Schlange und sie wurde in seiner Hand wieder zum Hirtenstab. (…)

Weiter sprach der Herr zu ihm: “Leg deine Hand in deinen Gewandbausch!” Er legte seine Hand hinein. Als er sie herauszog, war seine Hand von Aussatz weiß wie Schnee. Darauf sagte der Herr: “Leg deine Hand noch einmal in deinen Gewandbausch!” Er legte seine Hand noch einmal hinein. Als er sie wieder herauszog, sah sie wieder aus wie der übrige Leib.

Im Koran (u.a.Sure 27, 7-12) sind die beiden genannten Wunder neben anderen erwähnt, die Mûsa durch Gott verübte. Laut Akbar-nâma verübte Akbar ein ähnliches Wunder. Diesmal war nicht Jîjî Anga die Zeugin des Wunders, sondern ihr älterer Sohn Yûsuf Muhammad Khân:

Eines Tages war er (i.e. Akbar) von Delhi aufgebrochen, um in Phalam zu jagen – und plötzlich erschien eine riesige, furchteinflößende Schlange am Wegesrand. So eine Schlange erfüllt selbst die Herzen der Wagemutigen (mit Furcht). Doch seine Majestät zeigte bei dieser Gelegenheit das Wunder von Moses, und ohne Zögern (…) streckte er seine weiße Hand aus, näherte sich der Schlange, (…) ergriff den Schwanz der Schlange und besiegte sie. Yusuf Muhammad Khan, der Bruder von Mirza Aziz Koka, wurde Zeuge dieses Zeichens der Macht und erzählte es mir in seiner Verwunderung. Bei dieser Gelegenheit habe ich meinem lieben Sohn von dem versiegelten und versteckten Geheimnis erzählt.

Akbar-nâma, Vol. 1, S. 385.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet Akbars Amme und ihre Familie als Zeugen der Wundertaten Akbars benannt werden – die Familie genoss unter Akbars Herrschaft großes Vertrauen – und Akbars Milchbruder Mirzâ ‘Azîz Koka (st. 1624) war einer der engsten Berater Akbars.

Ironischerweise war es ja Mâham Angas Sohn Adham Khân, der Mirzâ ‘Azîzs Vater Atga Khân ermordete. Während also das Vertrauen zu Adham Khân und seiner Mutter zertört war, blieben Jîjî Anga und ihre Familie Zeit ihres Lebens eng mit Akbars Hof verbunden.

Als Jîjî Anga 1599 (?) starb, rasierte sich Akbar die Haare und den Schnurbart als Zeichen der Trauer. Er trug mit einigen anderen Mitgliedern des (männlichen) Hofstaats den Leichnam der Verstorbenen bis zum Grab.

Akbars von Jîjî Anga bezeugte, prophetengleiche Wunder blieben ein wichtiger Pfeiler seiner Herrschaft. Die politische Bedeutung von Ammen und Milchbrüdern war in den folgenden Generationen indes schon nicht mehr so bedeutsam wie unter Akbar.

Literatur:

Abû l-Fazl: The Akbarnama of Abu’l Fazl / translated from the Persion by H. Beveridge. Vol. 1. Calcutta 1907.

Abû l-Fazl: The Akbarnama of Abu’l Fazl / translated from the Persion by H. Beveridge. Vol. 3. Calcutta 1939.

Das Beitragsbild zeigt Mâham Anga (vorne links). Es handelt sich um eine Darstellung von Adham Khâns Hochzeit, ca. 1590. Das Bild ist Public Domain. Von Jîjî Anga liegt uns keine Miniatur vor.

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