Akbars Urenkelin Dschahânârâ: “First Lady”, Dichterin, Mystikerin

Susanne und ich haben in diesem Blog schon häufiger über die bedeutenden Frauen an Akbars Hof berichtet: von seiner Mutter Hamîda Bâno, seinen Ammen Jîjî Anga und Mâham Anga, seinen Ehefrauen Salîma und Jodha Bai bis hin zu seinen Töchtern haben wir hier schon berichtet. Dabei ist deutlich geworden, dass der Harem des Herrschers ein kompliziertes Beziehungsgeflecht war, in dem einige Frauen auch zu politischer Macht kamen.

In meinem heutingen Beitrag “überspringen” wir zwei Generationen und gehen zu Akbars Urenkelin Dschahânârâ Begum (st. 1681), die als Königin (Pâdschâh Begum) an der Seite ihres Vaters Schâh Dschahân (st. 1666) einen großen Einfluss auf das Mogulreich hatte – sowohl in politischer als auch in kultureller Hinsicht.

Dschahânârâs Familie und Kindheit

Akbars Sohn und Nachfolger Salîm / Dschahângîr (st. 1627) hatte mehrere Söhne, die hofften, sein Nachfolger zu werden. Nach einigen sehr unschönen Auseinandersetzungen konnte sich schließlich Khurram unter seinem Thronnamen Schâh Dschahân durchsetzen und den Thron besteigen.

Im Alter von 15 Jahren, im Jahr 1607, wurde Schâh Dschahân, der übrigens Akbars Lieblingsenkel war, mit der Frau verlobt, für die er später das Taj Mahal (Tadsch Mahal) erbauen ließ: Ardschumand Begum, genannt Mumtaz Mahal (st. 1631). Mit ihr hatte der Herrscher insgesamt 14 Kinder, von denen jedoch nur sieben ihre Kindheit überlebten. Dschahânâra Begum wurde im Jahr 1614 in Ajmer (Rajasthan) geboren – also in dem Ort, an den ihr Urgroßvater Akbar mindestens einma jährlich pilgerte.

Dschahânâra erhielt eine Ausbildung in Disziplinen wie Persisch, Dichtung, Qur’ân, Ethik (adab) und Medizin. Ihre Lehrerin war Satî un-Nisâ’, die Schwester des berühmten Talib Amoli (st. 1627). Die beiden waren aus Persien nach Indien gekommen, und Talib Amoli war einer der Hofdichter von Dschahângîr. Dschahânâra war auch als Hofdame ihrer Mutter Mumtâz Mahal bekannt.

Dschahânâra als “First Lady”

1631, als Dschahânâra 17 Jahre alt war, verstarb ihre Mutter Mumtâz Mahal bei der Geburt ihres 14. Kindes. Schâh Dschahân war über den Verlust seiner Lieblingsehefrau, von der er seit ihrer Eheschließung so gut wie nie getrennt war, untröstlich. Er vernachlässigte die Regierungsgeschäfte und erschien nur unregelmäßig zu seinen Audienzen. Er beschloß, den Bau eines Grabmals für Mumtâz Mahal in Auftrag zu geben, das alles bisher Dagewesene übertraf. Wahrscheinlich übernahm Dschahânara Begum auch Aufgaben bei der Planung des Grabmals uns dessen künslerischer Ausgestaltung.

Obwohl Schâh Dschahân noch drei weitere Ehefrauen hatte, wählte er Dschahânâra Begum als seine First Lady. Er verlieh ihr mehrere Titel, z.B. Padschâh Begum (Königin) oder Sâhibat uz-Zamânî (Herrin der Zeit). Darüber hinaus erhielt Dschahânâra Begum Gold und Schmuck von ihrem Vater, so dass sie zu einer der reichsten Persönlichkeiten am Hof zählte.

Dschahânâra Begum im Familienstreit

Eine der wichtigsten Aufgaben als Herrscherin war die Vermittlung im Steit zwischen den verschiedenen Fraktionen am Hof. Seit ihrer Kindheit Dschahânâra besonders vertraut mit Dârâ Schikoh (st. 1659), ihrem ältesten Bruder. Dârâ war zwar als Lieblingssohn seines Vaters und ältester überlebender Sohn für den Thron vorherbestimmt, jedoch interessierte er sich nur wenig für die militärischen Angelegenheiten des Hofes. Das änderte sich auch nicht, als er von seinem Vater das Kommando über 60.000 Soldaten erhielt. Dârâs Interesse galt vielmehr der Philosophie und der islamischen Mystik, die er selbst als vom Hinduismus beeinflusst sah. Dârâ verfasste selbst zahlreiche Werke, in denen er die Gemeinsamkeiten hinduistischer und islamischer Lehren beschrieb. Wie sein Urgroßvater Akbar traf sich Dâra nicht nur mit islamischen Mystikern (sûfîs), sondern auch mit Hindu-Gelehrten. Dschahânâra befürwortete dieses nicht nur, sondern war selbst eine Schülerin von islamischen Mystikern. Die schrieb Biographien ihrer Lehrer und auch, wie sie selbst als Schülerin in die mystischen Lehren eingeweiht worden war.

Obwohl ihr jüngerer Bruder Aurangzeb selbst auch Schüler der islamischen Mystiker war, lehnte er eine Vermischung von islamischen und hinduistischen Lehren ab. Er wurde nicht nur damit zum Gegner von Schâh Dschahân, Dschahânâra und Dârâ Schikoh. Er verfügte über ein ausgesprochenes Machtbewusstsein und wollte anstatt Dârâ Schikoh seinem Vater auf den Thron folgen. Aurangzeb war militärisch sehr geschickt, und sein Vater sah den Ehrgeiz seines Aurangzebs mit Mißtrauen.

Der Bruderkrieg ist nicht mehr aufzuhalten

1657 erkrankte Schâh Dschahân schwer, und Aurangzeb sah seine Zeit gekommen, seine Brüder militärisch auszuschalten. Schâh Dschahân bat Dschahânâra, in diesem Konflikt zu vermitteln. Dschahânâra unterbreitete Aurangzeb einen Vorschlag zur Zerteilung des Reiches, doch dieser lehnte ab. Was folgte, war ein Bruderkrieg, in dem Aurangzeb seine Brüder Dârâ Schikoh und Murâd Baksh hinrichten ließ. Ein dritter Bruder, Schâh Schujâ, wurde ins heutige Myanmar verbannt, wo er 1661 ebenfalls ermordet wurde.

Seinen Vater Schâh Dschahân ließ Aurangzeb in Agra mit Blick auf das Taj Mahal unter Hausarrest stellen. Dschahânâra begleitete ihren Vater ins Exil im eigenen Land und pflegte ihn aufopfernd.

Dschahânâra wird erneut “First Lady”

Als Schâh Dschahân 1666 starb, versöhnte sich Dschahânâra mit Aurangzeb. Dieser machte sie erneut zur “First Lady” des Mogulreiches, obwohl auch er mehrere Ehefrauen hatte. Zuvor war seine jüngere Schwester Roschanâra Begum die Herrscherin gewesen. Dschahânâra setzte ihre wohltätigen Aktivitäten fort. Zudem verfügte sie – genau wie vor ihr ihre Urgroßmutter Jodha Bai – über mehrere Handelsschiffe und hatte auch Geschäftsbeziehungen zu den Briten.

Dschahânâra blieb unverheiratet und starb 1681 mit 67 Jahren. Ihr Grab befindet sich im Nizamuddin Auliya Komplex in Delhi.

Im nächsten Beitrag werde ich von Dschahânâras Unfall und ihrer schwierigen Heilung berichten.

Das Beitragsbild zeigt ein Portrait von Dschahânârâs Bruder Dârâ Shikoh. Es ist Public Domain

Literatur: Afshan Bokhari: Gendered Landscapes‘: Jahan Ara Begum‘s (1614-1681) Patronage, Piety and Self-Representation in 17th C Mughal India‖. Dissertation, Universität Wien, 2009.

1 Kommentar

  1. Pingback: Dschahânâras Unfall und Heilung: der “öffentliche” Fallbericht von Akbars Urnkelin - Persophonie: Kultur-Geschichte

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.