Redaktionelles

Da uns die Wirren der DSGVO uns gezwungen haben, die Persophonie für einige Wochen offline nehmen zu müssen, haben wir die Zwangspause dazu genutzt, hier die Strukturen zu überarbeiten und einiges zu straffen.

Zudem haben wir die Persophonie auf einen eigenen Server gezogen, was die Seite beschleunigen sollte, und uns mehr Möglichkeiten gibt, verschiedene Sachen umzusetzen.

Neben den Kategorien finden Sie auch eine Seite „Specials“, auf der wir besondere Artikelreihen zusammenfassen.

Einige andere Veränderungen werden wir im laufenden Betrieb im Hintergrund vornehmen, wie zum Beispiel eine Optimierung der Größe der Bilder. Gerade für die Leser mit Smartphone ein schönes Feature.

Insgesamt freuen wir uns wieder Online zu seien, und einer Menge neuer Artikel posten zu können. Aber am meisten freuen wir uns, dass Sie uns auch weiterhin lesen.

Unsere Beiträge zur Geschichte der Moguln: ein Überblick

In den letzten Jahren haben Susanne Kurz und ich einige Seminare an den Universitäten von Bochum und Tübingen (das gilt für Susanne Kurz) zur Geschichte der Moguln unterrichtet. Deshalb sind auf unserem Blog schon so einige Beiträge über die Moguln zusammen gekommen. Hier ist ein Überblick:

Zu den ersten Mogulherrschern:

Thronfolgeregelungen (nicht nur Moguln)

Timuriden und der Bruderkrieg – Humâyûn

Humâyûn und Hamîda Bâno Begum

Zu Akbar:

Mogulgeschichte – TV-Ereignis – Jodha Akbar

Mâham Anga

Adham Khans Todessturz

Bairam Khân

Atga Khân

Salîma Sultân Begum

Ruqaiya Begums Grab in Kabul

Gott ist groß oder Gott ist Akbar?

Akbars Nachkommen

Akbar und seine Beziehung zu islamischen Mystikern

Die neun Juwelen I: ‘Abd ur-Rahîm Khân-e Khânân

Die neun Juwelen: Tansen

Zu Salîm – Jahângîr / Dschahângîr

Alkoholismus – Ambiguitätstoleranz

Die Anarkali-Legende

Salîm und sein Bruder Dâniyâl

Säufer und Ästhet

Pflanzen in den Memoiren Jahângîrs

Salîm und die Ehe mit seiner Cousine Mân Bai

Salîm und seine 20. Ehefrau Nûr Dschahân

Kurtisanen am Mogulhof

Zu Khurram (Shâh Jahân / Schâh Dschahân)

4 Dinge, in denen Schâh Dschahân erster war

Das Taj Mahal

Zu Festen und Feierlichkeiten am Mogulhof

Holi am Mogulhof

Ostern am Mogulhof

Nourûz 2016

„Das wichtigste aller Feste“ – Nourûz 2017

Der Meena Bazar

Zu Kulturellem und Religiösem am Mogulhof

Hammam (nicht nur Moguln)

Hunde am Mogulhof

Tulpen aus Kaschmir

Jesus-Bilder am Mogulhof

Unser Beitragsbild zeigt Akbar nach einem Bild des berühmten Malers Manohar, der  bis ca. 1624 als Maler aktiv war. Es unterliegt der Wikimedia Commons License.

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Iltutmishs Sinn für Gerechtigkeit

In einem älteren Beitrag über den Herrscher Iltutmish (st. 1236), der über 25 Jahre das Delhi Sultanat regierte, hatte ich bereits von seinen Fähigkeiten als Herrscher und seinem Sinn für Gerechtigkeit berichtet. Letztere Eigenschaft hatte ihn wohl auch darin bestärkt haben, seine Tochter Razia Sultan zu seiner Nachfolgerin zu machen, nicht einen seiner Söhne.

Dass Razias Bruder Rukn ud-Dîn zunächst die Macht ergriff und als Marionette seiner Mutter Shâh Turkân auf dem Thron saß, ist eine andere Geschichte.

Zurück zu Iltutmish. In den Quellen gibt es eine Legende über seinen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn: so soll er ein Edikt erlassen haben, dass an jedem Freitag, der für Muslime der mit dem Sonntag der Christen vergleichbare (Feier-)Tag der Woche ist, Recht gesprochen würde. Jeder seiner Untertanen, der sein Anliefen vortragen wollte, konnte freitags vor am Herrscher erscheinen.

Als Zeichen dafür, dass ihm (dem Untertan) Unrecht angetan wurde, sollte dieser bunt gefärbte Kleidung tragen.

Hintergrund ist, dass (männliche) Inder zumeist weiße Kleidung trugen, nämlich eine weiße Pyjama Kurta. Wenn Iltutmish auf seinem Pferd an der wöchentlichen Versammlungen seiner Untertanen zum Freitagsgebet vorbei ritt, konnte er diejenigen in gefärbten Kleidern einfach in der Menge ausmachen.
Das Anziehen von farbiger Kleidung bedeutete auch symbolisch, dass die Hindus das islamische Recht anerkannten bzw. sich der Rechtsprechung unterwarfen.
Eine interessante Frage ist, ob diese Regelung der Vorsprache vor dem Herrscher auch für Frauen galt, denn in Indien tragen lediglich Männer weiße Pyjama Kurtas – für Frauen ist weiße Kleidung eher ungewöhnlich. Weiße Saris werden von fast ausschließlich von Witwen getragen, da weiß in Asien als Farbe der Trauer gilt.

Iltutmishs Maßnahme, die für etliche Untertanen mit Sicherheit eine Verbesserung ihrer persönlichen Situation war, trug somit auch zur Verbreitung des islamischen Rechts in Indien bei. Sie ist somit nicht zu unterschätzen.

Für Razia Sultan war ihr Vater ihr wichtigstes Vorbild. Als Rukn ud-Dîn Razias jüngsten Bruder töten ließ, trat Razia in gefärbten Kleidern vor die Menge. Die Elite der türkischen Generäle war ebenso anwesend.
Razia beklagte öffentlich, dass ihr Bruder seinen eigenen Bruder getötet habe, und dass er wahrscheinlich plante, sie zu töten.

Die türkischen Adeligen berieten sich nach dieser Rede Razias – und entschieden, nun Iltutmishs Befehl (farmân) zu befolgen, und Razia Sultan zur Herrscherin zu machen. Rukn ud-Dîn und seine Mutter Shâh Turkân wurden hingerichtet. Somit trat Razia 1236 die Nachfolge ihres Vaters an und setzte dessen Ideen von gerechter Herrschaft weiter um.

Literatur:

Rafiq Zakaria: Razia: Queen of India. s.l., 1966.

Das Beitragsbild unterliegt der Wikimedia Commons License und zeigt ein indisches Mädchen in Pyjama Kurta.

Das Ende von mehr als 50 Jahren Herrschaft: Akbars Tod

Der Mogulkaiser Akbar (geb. 1542) galt als der bedeutendste Herrscher des Mogulreiches. Nicht ohne Grund war Dschalâl ud-Dîn Muhammad bereits zu seinen Lebzeiten als „der Große“ bekannt.

Die Länge seiner Herrschaft machte sicherlich einen Teil seines Ruhmes aus: 1556 trat Dschalâl ud-Dîn als Teenager die Nachfolge seines Vaters Humâyûn an. Knapp 50 Jahre lang bestimmte Akbar die Geschicke des Mogulreiches.

Versuchter Giftmord?

Diese lange Regierungszeit ist auch insofern erstaunlich, als dass Intrigen, Rebellion und Mordanschläge im Mogulreich nicht unbekannt waren.

1591 gab es Gerüchte, dass Prinz Salîm / der spätere Herrscher  Dschahângîr versucht habe, seinen Vater zu vergiften. Akbar erkrankte an einer Durchfall und Fieber. Akbars berühmter Wesir und Geschichtsschreiber Abû l-Fazl, Autor des Akbarnâmas, unterstützte indes die These, dass der junge Prinz Salîm nicht auf einen natürlichen Tod seines Vaters warten wollte.

Diese Vorwürfe waren einer der Hauptgründe für das Zerwürfnis zwischen Salîm und Abû l- Fazl. Salîm ließ seinen Widersacher 1602 auf dessen Reise vom Dekkan-Plateau nach Delhi ermorden.

Akbar erfreute sich jedoch bald wieder einer stabilen Gesundheit – wahrscheinlich handelte es sich bei dem Vorfall von 1591 um eine einfache Lebensmittelvergiftung. Die Enttäuschung Akbars über die mögliche Tat seines Sohnes blieb jedoch groß und verstärkte sich, als Salîm 1600 offen gegen in rebellierte.

Wer soll der Nachfolger werden?

Spätestens von diesem Zeitpunkt an überlegte Akbar, seinen Sohn Salîm bei der Thronfolge zu übergehen und stattdessen seinen Enkel Khusrau Mîrzâ (geb. 1587) auf dem Thron zu installieren. Scheinbar belastete Akbar diese Nachfolgefrage schwer.

In den letzten Septembertagen 1605 arrangierte Akbar einen Elefantenkampf: Salîms preisgekrönter Elefantenbulle Giranbar trat gegen Khusraus Bullen Abrup an – und Khusraus Bulle verlor.

Akbar suchte scheinbar ein Vorzeichen in diesem Kampf, trug sich aber dennoch schwer, eine Entscheidung öffentlich zu verkünden. Stattdessen erkrankte er erneut an schweren Durchfällen und Fieber.

In Salîms Memoiren, dem Jahângîrnâma, erfahren wir im Vorwort (S. 17, :

Am Montag, dem 20. Jumada I 1014 (23. September 1605) geriet das Temperament Seiner Majestät aus dem Gleichgewicht und es entwickelte sich ein hohes Fieber, das in starken Durchfällen endete.

Interessant ist hier, dass die Erklärung für Akbars Erkrankung aus der graeco-islamischen Medizin (Unani Medizin) stammt, die Gesundheit als das Gleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Phlegma definiert. Auch die Behandlung wurde von einem Hakîm, einem Praktizierenden der Unani Medizin, übernommen. Es wird schließlich gesagt, dass eine Heilung nicht möglich war, da Akbars Zeit gekommen war, und somit jegliche Behandlung zwecklos.

Schließlich starb Akbar am 16. Oktober 1605. Tage zuvor hatten die portugiesischen Jesuiten ihm einen offiziellen Besuch abgestattet und realisiert, dass dem Herrscher nicht mehr viel Zeit blieb. Die Legende, dass Dschahângîr von seinem Vater kurz vor dessen Tod einen Turban als Symbol der Machtübernahme erhielt, kann auch nicht bestätigt werden.

Dschahângîr berichtete, dass seine Söhne Khurram und Khusrau kurz vor Akbars Tod beide versuchten, die Macht zu erlangen. Er bezeichnete sie beide als unwürdig – was natürlich seiner eigenen Sichtweise entspricht. Der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Akbar und Salîm setzte sich  zwischen Salîm und seinen Söhnen fort.

Letzten Endes kann auch nicht geklärt werden, ob Salîm (oder Khurau) nicht doch für den Tod Akbars verantwortlich war. Dieses Rätsel kann wohl nicht mehr gelöst werden.

Literatur:

Collier, Dirk: The Great Mughals and Their India. (Kindle Edition)

Das Beitragsbild, ein Portrait Akbars, ist gemeinfrei.

Jodha Bais Schiffe: Maryam uz-Zamânîs Handelsaktivitäten

In der Serie Jodha Akbar werden Jodhas (auch bekannt als Maryam uz-Zamânî) Aktivitäten im internationalen Gewürzhandel des Moghulreiches thematisiert. Akbar vertraute seiner Frau so sehr, dass er ihr in politischer und sogar in militärischer Hinsicht vertraute. So hatte Akbar Jodha die Befehlsgewalt über 12.000 Kavelleriesoldaten erteilt. Diese Anzahl von Soldaten war größer als andere Mitglieder der Hofelite befehligten.

Jodha Bais/ Maryam uz-Zamânîs Einfluss

Zudem besaß Jodha ein königliches Siegel, mit dem sie auch ohne Zustimmung Akbars einen Befehl bzw. Erlass (Perisch: farmân) unterzeichnen konnte. Mehrere dieser Erlasse sind noch heute erhalten.

Doch vor allem wurde Jodha/ Maryam uz-Zamânî dafür bekannt, dass sie den Gewürzhandel des Mogulhofes mit verschiedenen Reichen (z.B. mit dem Osmanischen Reich) bestimmte. Jodha Bai verfügte über mehrere Schiffe, mit denen sowohl Waren als auch Passagiere befördert wurden. Die meisten der Schiffe liefen die jemenitische Hafenstadt Muchâ an, die bis zum 17. Jahrhundert DAS Zentrum des Kaffeehandels in Arabien war. Von dem Namen der Stadt leitet sich im übrigen das Wort Mokka ab, obwohl der Kaffee dort nicht produziert wurde, sondern von dort in die weite Welt verschifft wurden.

Doch Mocha war nicht nur ein Zentrum des Kaffeehandels, sondern auch ein wichtiger Anlaufhafen für Pilger, die in Mekka die rituelle Pilgerfahrt des Islam (hajj) durchführen wollten. An Bord von Jodhas Schiffen befanden sich zumeist auch zahlreiche Menschen aus Indien, die die hajj oder die kleine Pilgerfahrt (‚umra) außerhalb des Pilgermonats Dhu-al-hijja.

Ein Vorfall mit den Portugiesen

Unter der Herrschaft von Akbars und Jodhas Sohn Dschahângîr (reg. 1605-1627) erregte der erfolgreiche Handel seiner Mutter die Aufmerksamkeit (und den Neid) englischer Geschäftsleute, die ebenfalls in Indien und den arabischen Ländern handelten.

Der britische Geschäftsmann und Gesandte William Finch (st. 1613) handelte selbst mit Jodha Bai und erhoffte sich den Erfolg einer Handelsmission Jodhas, bei der Indigo gehandelt werden sollte. So schrieb er (Übersetzung aus dem Englischen CP):

Die Mutter des Mogulkaisers sowie andere, die nach ihren Anweisungen und unter ihrer Ägide Handel betrieben, verfügten zu dieser Zeit über ein Schiff , das ihr (i.e. Jodha Bai, C.P) gehörte, und das für eine Handelsmission nach Mocha beladen war.

1613, also acht Jahre nach Akbars Tod, geriet das Mogulreich in Konflikt mit den Portugiesen, als portugiesische Piraten ein Handelsschiff Jodhas beschlagnahmten. Auf dem Schiff befanden sich wertvolle Güter und viele Passagiere, die nach Mekka pilgern wollten.

Das Ganze passierte, obwohl das Schiff auch portugiesische Papiere besaß, die eine sichere Fahrt garantierte. Bis 1615 machten die Portugiesen keine Anstalten, das Schiff und die Waren zurück zu geben. Dschahângîr reagierte mit Gegenmaßnahmen: Er ließ die Kirche in Agra schließen und strich den Jesuiten die Privilegien, die sie genossen hatten.Daraufhin wurde endlich eine Vereinbarung geschlossen.

Der britische Diplomat Sir Thomas Roe (st. 1644) berichtete darüber (Übersetzung aus dem Englischen von CP:)

Am 7. Juni 1615 wurde unter der Vermittlung des Jesuiten Javier, von Mukarrab Khan und Gonzalo Pinto da Fonseca ein vorläufiger Friedensvertrag geschlossen, welcher laut Vereinbarung dem Mogulherrscher und dem Vizekönig zur Ratifizierung innerhalb von fünfzig Tagen vorgelegt werden sollte. Unter anderem wurde vereinbart, dass die Engländer aus Surat vertrieben werden sollten … Die portugiesische Währung (?), die konfisziert worden war, wurde zurückgegeben, nachdem 70.000 Xerafine als Kompensation für die Handelswaren, die von den Portugiesen beschlagnahmt worden waren, abgezogen worden war. Die Portugiesen mussten ein Schiff an die Königinmutter als Ersatz für das verbrannte geben.

Das Beispiel Jodha Bais zeigt, wie einflussreich einige Frauen am Mogulhof werden konnten. Sie verfügten über eigene finanzielle Mittel, die sie unabhängig vom männlichen Einfluss einsetzten.

Insgesamt sollte die Rolle von (muslimischen) Frauen im Wirtschaftsleben sollte in jedem Falle weiterhin erforscht werden.

Literatur:

Mukherjee, Soma: Royal Mughal Ladies and their Contributions. Delhi 2001.

Das Beitragsbild ist Public Domain:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_princess_practices_calligraphy.jpg.

 

„I love you“ – britische Gesandte am Mogulhof

In der Serie Jodha Akbar gibt es einige Szenen, in denen britische Reisende am Mogulhof gezeigt werden. Akbar (st. 1605) soll von den Briten sogar die englischen Worte „I love you“ erlernt haben, um Jodha seine Liebe zu erklären. Auch Jodha hat – laut Machern der Serie Englisch gelernt.

Auf diesem Blog habe ich schon mehrfach etwas über die Einflüsse der portugiesischen Missionare an Akbars Hof geschrieben. Diese hatten das klare Ziel, Prinzen oder sogar den Herrscher selbst zum Christentum zu konvertieren und somit die portugiesische Macht in Asien auszudehnen.

Die englische Königin Elisabeth I. (st. 1603) versuchte die spanisch-portugisische Vormachtstellung einzudämmen und England als beherrschende See- und Handelsmacht zu etablieren.

Vor allem die Händler und Kaufleute (also eben nicht christliche Missionare) sollten den Britieen den Weg nach Indien (und auch nach China) ebnen. So stattete Elisabeth I. den Händler (?) Ralph Fitch (st. 1611)  mit jeweils einem Brief für den Mogulherrscher und den chinesischen Kaiser aus. Fitch machte sich 1583 mit  den Kaufleuten John Newberry und John Eldred, dem Juwelier namens William Leedes und dem Maler James Story auf die Reise in den „Orient“. Seine Mitreisenden wurden von der Handelsgesellschaft Levant Company finanziert. Newberry war der eigentliche Chef dieser Mission.

Über Aleppo und Bagdad gelangte die Gruppe schließlich nach Indien – wo sie jedoch von den Potrugiesen gefangen genommen wurden und an den Vizekönig von Goa als Gefangene geschickt wurden. Dank des Einsatzes eines Jesuiten, der ursprünglich aus England stammte, erlangten alle ihre Freiheit wieder. Fitch reiste mit Newberry und Leedes weiter nach Agra, wo das Rote Fort kurz vor seiner Vollendung stand. Kurz darauf reisten sie bereits weiter nach Fatehpur Sikri, wahrscheinlich, da sich Akbar dort aufhielt.

Fitch und seine Mitreisenden waren beeindruckt von Agra und Fetehpur Sikri, was sie als erheblich größer und bevolkerungsreicher als Londen beschrieben.

Ganz besonders besonders beeindruckt war Fitch jedoch von der Größe des gesamten kaiserlichen Haushaltes. So berichtete er von

1000 Elefanten, 30000 Pferde, 1400 zahme Rehe, 800 Konkurbinen

und unzählige Tiger, Büffel und andere Wildtiere.

Interessant ist natürlich, dass die 800 Konkurbinen in einer Reihe mit den Tieren des Hofes genannt werden.

Über seinen eigenen Empfang am Hofe berichtet Fitch interessanterweise nichts. Es erscheint also fraglich, ob er überhaupt von Akbar empfangen wurde… Somit wissen wir auch nicht, ob der Brief, den Königin Elisabeths geschrieben hatte, Akbar überhaupt jemals erreichte.

Was wir allerdings wissen, ist, dass der Juwelier William Leedes laut Aussagen Fitchs in die Dienste Akbars eintrat und mit einer großen Summe Geldes, einem Pferd, und einem Haus von Akbar großzügig versorgt wurde.

Newberry hingegen, der über Lahore die Heimreise nach England antreten wollte, wurde im Punjab ermordet.

Fitch jedoch kehrte 1597 wohlbehalten nach England zurück. Seine Erfahrungen als Händler und Reisender stellte er der britischen Regierung zur Verfügung. Sie flossen beispielsweise in die Gründung der East India Company ein.

Die Episode von Akbar, der von britischen Gesandten Englisch lernte, bleibt eine nette Bollywood Anekdote. Aber vielleicht finden sich ja eines Tages doch noch Quellen, die das belegen? Wer weiß…

Das Beitragsbild zeigt das Porträt des Mogulherrschers Akbar von Manohar. Es unterliegt der Wikimedia Commons Licence.

 

 

 

 

 

Betty Mahmoody – Nicht ohne meine Tochter

Heute noch einmal ein rebloggter Beitrag, bevor ich Ihnen dann hoffentlich neue eigene Inhalte vorzustellen habe.

Ich dachte, wie machen es dieses Mal ausnahmsweise etwas politischer und kontroverser und schauen uns eine Rezension zu Betty Mahmoodys unsäglichem Buch „Nicht ohne meine Tochter“ an. Es gäbe dazu natürlich vieles zu sagen.

Ich möchte mich hier aber auf die Anmerkung beschränken, daß dieses Machwerk (das Buch, nicht die Rezension) schon durch innere Widersprüche zeigt, in welchem Geiste und zu welchem Zwecke es verfaßt worden ist.

Beispiel: An einer Stelle wird erwähnt, daß aufgrund der täglichen Morgendusche bei den Verwandten des Ehemannes in Iran der Eindruck entsteht, daß das Paar in der Nacht Verkehr hatte (weil das für Muslime nämlich das Erfordernis einer rituellen Ganzkörperwaschung nach sich zieht). An anderer Stelle heißt es dann (ich glaube, im Zusammenhang mit dem Nourûz-Fest): „Einmal im Jahr nimmt jeder Iraner ein Bad.“

Aber es gibt auch Kollegen, die sich ausführlicher mit dem Buch befaßt und es unter verschiedenen Aspekten analysiert haben mit dem Ergebnis, daß es eine sehr gezielt (und tendenziös) mit allerhand rhetorischen Mitteln gestaltete Geschichte ist – dadurch natürlich gut zu lesen, aber dummerweise ist nicht mehr erkennbar, was sich denn nun tatsächlich wie zugetragen hat. Schade eigentlich, daß sich dieser „Erfahrungsbericht“ selbst so diskreditiert.

Auch das Selbstbild der Amerikanerin als Angehörige einer „friedliebenden Nation“, die nicht verstehen kann, wieso die Iraner so versessen sind, Krieg zu führen (!), hat vor dem Hintergrund heutiger Erfahrungen fast schon komischen Charakter.

Nicht zu vergessen, daß die „Autorin“ (sie hat das meines Wissens nicht selbst geschrieben) sich zu Beginn des Buches auffällig hartnäckig weigert, zur Kenntnis zu nehmen, daß sie mit einem Mann aus einer anderen Kultur verheiratet ist. (Wer auch nur die geringste Erfahrung mit interkulturellen Beziehungen hat, schlägt schon an diesen Stellen die Hände über dem Kopf zusammen und weiß, daß das selbst unter besten Umständen auf Dauer wohl nicht gutgehen wird.) Das berechtigt den Ehemann natürlich nicht, seine Frau gegen ihren Willen in seiner Heimat festzuhalten. Aber wer weiß schon, was damals wirklich vorgefallen und wie die ganze Geschichte abgelaufen ist?

Kurz gesagt: Ich finde diese Rezension insgesamt noch zu positiv und unkritisch, aber für jemanden, der möglicherweise nie in Iran war und vielleicht keine tieferen Einblicke in die Kultur hat und auch keine literaturwissenschaftliche Analyse durchführen konnte, ist sie beachtlich ausgewogen.

Lassen Sie mich wissen, was Sie davon halten und ob Sie mehr zu diesem zugegebenermaßen schon etwas abgestandenen und womöglich nicht mehr relevanten Thema lesen möchten.

Jagat Gosain: war sie die „wahre Jodha Bai“?

Jedes Mal, wenn die (Liebes-)Geschichte der hinduistischen Rajputen-Prinzessin und dem muslimischen Mogulherrscher Akbar (st. 1605) wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt, gibt es Streitigkeiten um die wirkliche Existenz von Jodha Bai. So ist das bereits beim Film Jodhaa Akbar von A. Gowariker (2008) und so passiert es wieder bei der Fernsehserie Jodha Akbar von Ekta Kapoor (2013-15).

Kurz zusammengefasst ging es darum, dass die Rajputen von den Moguln, den muslimischen Eroberern besiegt wurden – und diesen Sieg ihrer Gegner damit besiegelt haben, indem sie ihre Töchter mit den Moguln verheiratet haben. Dadurch sei die rajputische Kultur geschwächt und dem Islam untergeordnet worden – auch dadurch, dass die Kinder aus diesen Verbindungen als Muslime aufwuchsen. In dieser Auseinandersetzung über die indische Geschichte wurde von rajputischer Seite behauptet, dass Akbar niemals eine Ehefrau namens Jodha Bai hatte.

Es zutreffend, dass erst britische Quellen des 19. Jahrhunderts von einer Ehefrau Akbars namens Jodha Bai sprachen. In den zeitgenössischen Quellen ist eine hinduistische Ehefrau Akbars namens Hina Kunwarî überliefert, die als Maryam uz-Zamânî bekannt war.

Jagat Gosain – Jodha Bai

Doch eine andere Frau kannte man ebenfalls als Jodha Bai (Jodhâ Bâ’î) – und ihr Name ist in der Tat in den zeitgenössischen Quellen erwähnt: es handelt sich um Jahângîrs (Dschahângîrs) Ehefrau Jagat Gosain (Dschagat Gosain). Jagat Gosain wurde 1573 in Jodhpur geboren. Ihr Vater war der als „Motâ Râja“ (Fetter König) berühmte Herrscher Udai Singh von Marwar (st. 1895). Marwar wurde später als Jodhpur bekannt, wodurch eine Verbindung zum Namen Jodha Bai gegeben ist.

Wie viele Rajputen musste sich Jagat Gosains Vater militärisch dem Mogulreich geschlagen geben. Er vereinbarte, dass seine Tochter zu einem späteren Zeitpunkt Akbars Sohn Salîm, den späteren Herrscher Jahângîr (reg. 1605-27), heiratete.

Eine politische Heirat

Dieses geschah im Jahr 1586, als Jagat Gosain 13 Jahre, Salîm 16 Jahre alt war. Jagat Gosains Vater hatte die Herrschaft über sein Reich bereits 1583 zurück erhalten.

Salîm war zu diesem Zeitpunkt bereits mit seiner Cousine Mân Bai verheiratet. Diese war, wie in einem anderen Beitrag auf diesem Blog bereits geschrieben, als launisch und sogar depressiv bekannt. Jagat Gosain jedoch war als sehr schön, gewitzt und klug bekannt. In den ersten Jahren ihrer Ehe widmete Salîm Jagat Gosain zunächst sehr viel Aufmerksamkeit. Dann schien er jedoch das Interesse an ihr zu verlieren – zumindest zeitweise. Den Titel der ersten Hauptfrau Jahângîrs erhielt Sâliha Bâno Begum (st. 1620), die er 1608 geheiratet hatte.

Jagat Gosain brachte drei Kinder zur Welt, zwei Töchter und einen Sohn. Ihre erste Tochter, Begum Sultân, starb 1591 im Alter von nur einem Jahr. Die zweite Tochter starb 1597 – wahrscheinlich wurde sie nur wenige Tage alt.

Khurram – der abwesende Sohn

Von besonderer Bedeutung war jedoch der einzige Sohn des Paares, Khurram (Persisch: Freude), der spätere Herrscher Shâh Jahân (reg. 1628-1658). Schon während der Schwangerschaft war der Legende nach Akbars Hauptfrau Ruqaiya Begum im Schlaf geweissagt worden, dass das ungeborene Kind einmal eine große Persönlichkeit werden würde. Aus diesem Grund übergab Akbar seinen Enkel sechs Tage nach der Geburt an Ruqaiya Begum zur weiteren Erziehung. Jagat Gosain wurde ein königliches Geschenk von kostbaren Juwelen als „Abfindung“ gezahlt.

Khurram kehrte erst mit vierzehn Jahren in Jahângîrs Haushalt (= harem) und somit zu seiner Mutter zurück. Die Beziehung zu Ruqaiya Begum blieb indes eine besondere.

Wie Jagat Gosains Beziehung zu ihrem Gatten und ihrem Sohn wirklich war, lässt sich nicht wirklich anhand der Quellen klären. Legendär ist allerdings die Rivalität zwischen ihr und der zwanzigsten Ehefrau Jahângîrs, Nûr Jahân Begum (st. 1645). Sie war wohl die einzige Frau, die Jagat Gosain wirklich gefährlich werden konnte. Einer Legende nach war Jahângîr mit Nûr Jahân und Jagat Gosain auf einer Jagd, als die Gruppe plötzlich auf einen Löwen. Ohne zu zögern griff Jagat Gosain nach einer Waffe und erschoss den Löwen. Jahângîr lobte ihren Mut und ihre Tapferkeit. Es gibt noch andere Legenden, die die Rivalität Nûr Jahâns und Jagat Gosains schildern.

Jagat Gosain starb 1619 in Agra mit knapp 46 Jahren. Ihr Grab wurde 1832 von den Briten gesprengt, um die Steine als Baumaterial zu verwenden.

Jagat Gosain wurde nicht nur als Jodha Bai, sondern auch als Bilqîs Makânî bekannt, wobei der Name Bilqîs auf die Königin von Saba anspielt. Sie war eindeutig eine Jodha Bai, ob sie die einzige war, müssen weitere Forschungen zeigen.

Beitragsbild: Das Beitragsbild zeigt ein Porträt von Jagat Gosain, Maler und Entstehungsjahr unbekannt. Das Bild ist unter der Public Domain Lizenz.

 

Fr-So, 20.-22.4.2018 – Urmia-Marivan-Paveh-Kermanshah (Kordestan)

Heute habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie.

Die schlechte Nachricht ist:
Da ich mal wieder für eine Semester eine Professur vertrete (dieses Mal in Tübingen), bin ich seit Semesterbeginn noch knapper mit der Zeit als sonst immer. 😉

Die gute Nachricht hat zwei Teile:
1) Ich experimentiere wie üblich mit Unterrichtsformaten und behandle in einem Seminar „Problemfelder der Islamwissenschaft“ – oder besser: Ich lasse die Studenten ihren Interessen entsprechend einige dieser Problemfelder bearbeiten. Das wird sehr spannend werden. Deshalb werde ich Ihnen über einige unserer Diskussionen berichten. Vielleicht können wir sie ja hier fortführen.

2) Heute möchte ich Ihnen einen Blog mit faszinierenden Berichten und eindrucksvollen Bildern von einer Motorradreise nach Iran vorstellen. Ich hoffe, Sie haben Freude an dem Beitrag, den ich ausgesucht habe.

Nur damit keine Mißverständnisse entstehen: Selbstverständlich wird in Iran auch auf nicht-kurdischen Hochzeiten getanzt. Allerdings nicht unbedingt die unter Kurden üblichen Kreistänze, die den Vorteil haben, daß man leicht mitmachen kann.

Ach ja, und schauen Sie sich das Bild vom Badezimmer in einem der Hotels an! Das ist tatsächlich eine gängige Lösung für Leute, die aus welchen Gründen immer (manche Menschen sind z.B. im höheren Alter nicht mehr so beweglich) nicht mit den nach wie vor verbreiteten Plumpsklos zurechtkommen.

Viel Vergnügen beim Lesen und bis bald! 🙂

Männlich, weiblich, drittes Geschlecht? Hijras am Mogulhof

In der Bollywood-Serie Jodha Akbar sind sie sehr präsent: Hoshiyar Khan (Ashok Devaliya) und Resham Khan (Manoj Singh), die beiden „Eunuchen“ in Akbars Harem. In der Serie werden sie als extrem loyal gegenüber ihren Herrinnen (Ruqaiya Begum und Mâham Anga) dargestellt: sie teilen deren Geheimnisse und greifen auch bei Palastintrigen in das Geschehen am Hofe ein.

Hijra oder Khwaja saras?

Diese Darstellung kommt wohl auch der Realität des Mogulhofes sehr nahe. Das Wort Eunuchen habe ich oben erst einmal in Anführungszeichen gesetzt, weil es eben nicht immer zutreffend ist. Der Urdu-Ausdruck lautet hijra – das Wort stammt aus dem Arabischen und hat die Bedeutungen „auswandern“, „mit jemandem/etwas brechen“   „verstoßen“. Hijra wurde bei der Übersetzung historischer Texte fast immer mit Eunuch übersetzt, gelegentlich auch mit Hermaphrodit. Der Begriff hijra kennzeichnet heutzutage in indischen Medien oder wissenschaftlichen Texten sowohl Eunuchen als auch Transsexuelle und Intersexuelle. Ein anderer Begriff ist koti, wörtlich „unmännlich“ oder – eher negativ – „weibisch“.

Die Gemeinschaft der hijras zieht es vor, als khwaja sara bezeichnet zu werden. Der Begriff  kenntzeichnete den obersten Eunuch am Mogulhof und war mehr als ein Titel als eine Bezeichnung. Ich verwende hier in diesem Blogbeitrag beide Bezeichnungen – ohne jedoch eine Wertung vorzunehmen.

Hijras sind zumeist mit vorwiegend männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, kleiden sich aber weiblich (mit Sari oder salwar qameez). Einige von ihnen unterziehen sich bereits in ihrer Kindheit oder Jugend einer Vollkastration – das heißt: einer kompletten Entfernung der männlichen Genitalien. Diese Operation ist als nirwan bekannt.

Auf die Organisation der hijras in ihren Gemeinschaften soll hier nicht eingegangen werden. Interessant aus islamwissenschaftlicher Perspektive ist, dass die meisten khwaja saras sich als Muslime betrachten. Sie halten sich an die fünf Säulen des Islam, beispielsweise führen sie auch die Pilgerfahrt nach Mekka (hajj) durch. In Delhi (Mehrauli) gibt es einen Sufi-Schrein (Hijron ka Khanqah), an dem Miyan Saheb von den hijras verehrt wird. Unbestreitbar ist, dass die khwaja saras auch hinduistische Rituale praktizieren.

Im Mogulharem

Am Mogulhof hatten die khwaja saras unter anderem die Aufgabe, im Harem die weiblichen Verwandten, Sklavinnen und Dienerinnen des Mogulherrschers zu beaufsichtigen. Sie eigneten sich besonders gut, weil es keinem Mann außer dem Kaiser gestattet war, den Harem zu betreten.

Doch wie wurde man khwaja sara am Mogulhof? Das Schicksal eines khwaja saras am Hof Schâh Dschahâns gibt uns Auskunft darüber: I’tibâr Khân wurde als Junge geboren, von seinen Eltern an eine hijra Gemeinschaft verkauft und dort der Operation nirwan unterzogen. Er erlangte großen Einfluss als Vertrauter von Shâh Dschahâns Sohn Aurangzeb (st. 1707 ). Als Schâh Dschahân seinen Vater entmachten und einkerkern ließ, bewachte I’tibâr Khân den ehemaligen Herrscher und gab regelmäßige Berichte an Aurangzeb. Im übrigen litt I’tibâr Khân jedoch darunter, zum hijra gemacht worden zu sein – er ließ seine Eltern, die ihn einst in die Sklaverei verkauften, auspeitschen, als sie ihren Sohn in Agra besuchten.

Schâh Dschahân hatte den berühmten Khwaja sara Firoz Khân als obersten Haremswächter beschäftigt, doch es gab auch khwaja saras, die einen Rang in der Verwaltung oder im Militär bekleideten.

Europäer, die den Mogulhof besuchten, waren gegenüber khwaja saras eher negativ eingestellt. Der berühmte Reisende Niccolo Manucci (st. 1717),  der sich am Hof Schâh Dschahâns und Aurangzebs aufhielt, beichnete khwaja saras als „eine Art von Tier“ . Sie seien gierig nach Gold und feiner Kleidung und zudem äußerst arrogant.

Die negative Haltung der Europäer gegenüber khwaja saras setzte sich in der Kolonialzeit fort, als sie von den Briten als Kriminelle eingestuft.

Den Status, den die khwaja saras unter den Moguln genossen, erlangten sie zu ihrem eigenen Bedauern bislang nicht wieder. Ihre Gemeinschaft zeigt die kulturelle, religiöse Vielfalt Indiens, die sich auch auf Konzepte von Körper und Sexualität bezog.

Beitragsbild: „Hijra and Companions in Eastern Bengal (ca. 1865)“ – Das Bild unterliegt der Wikimedia Commons License.

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Nicht immer sind die Muslime die Bösen oder Warum wir im Glashaus sitzen

Kennen Sie die Fernsehserie „American Gods“? Ich habe mich kürzlich entschlossen, mir die auf Amazon Prime verfügbare erste Staffel anzusehen. Insgesamt ist es eine etwas bizarre Produktion, die aber durchaus ihren Charme hat. Zumindest wenn man Urban Fantasy und nordische sowie orientalische Mythologie mag.

Doch was hat das mit der Persophonie zu tun? Ich sag’s Ihnen: Es gibt einen winzigen Moment in der letzten Folge der ersten Staffel, der die Verbindung herstellt. Hier wird angedeutet, daß die Islamische Revolution in Iran im Jahr 1979 so etwas wie den Höhepunkt oder sogar den wesentlichen historischen Moment der Unterdrückung der Macht der Weiblichkeit darstellt.

Das ist etwas verkürzt, da in der Serie dem Genre gemäß mit Bildern, Klängen und damit verbundenen Assoziationen gearbeitet wird. Jedenfalls wird die Islamische Revolution zu dem Zeitpunkt stilisiert, an dem die Göttin, die weibliche Sexualität und deren Macht über Männer versinnbildlicht, im Orient endgültig entmachtet wird und nach Amerika fliehen muß. (Immerhin hat sie dort auch Probleme. 😉 )

So etwas nervt natürlich die Historikerin in mir gewaltig. Ich will gar nicht bis in die Anfänge des Christentums zurückgehen, als Augustinus (st. 430 u.Z.) Elemente seines manichäischen Gedankengutes in die noch relativ junge Religion eingeführt hat – der Sexualfreundlichkeit und Wertschätzung der Weiblichkeit im Christentum nicht eben zuträglich.

Lassen wir auch mal beiseite, daß aus deutscher Sicht manches in den USA ähnlich prüde anmutet, wie dem durchschnittlichen Europäer traditionelle muslimische Gesellschaften erscheinen.

Ich will noch nicht einmal darauf abstellen, daß die Sexualität im Islam sehr viel positiver bewertet wird als im Christentum. Oder darauf, daß es heutzutage gerade in Iran besonders viele gut ausgebildete berufstätige Frauen gibt oder daß Frauen sich dort auch mit Blick auf die Ehe mittlerweile erfolgreich aller rechtlichen Möglichkeiten der Selbstbestimmung bedienen.

Vielmehr möchte ich Sie auf eine These hinweisen, die unter Islamwissenschaftlern immer wieder vorgebracht worden ist und die zuletzt Thomas Bauer in einem hochinteressanten Buch erneut aufgegriffen hat: Daß nämlich gerade das, was uns in islamisch geprägten Gesellschaften so „rückständig“ und traditionell anmutet eine ziemlich moderne Entwicklung ist – und zwar eine, die in wesentlichen Aspekten aus Europa importiert wurde.

Der Export viktiorianischer Prüderie in islamische geprägte Gesellschaften zur Kolonialzeit ist da nur ein Element von vielen. Auch die Tendenz zur Radikalität auch und gerade in religiösen Fragen wäre demnach letztlich durch die Auseinandersetzung mit den Europäern entstanden oder zumindest begünstigt worden.

Hinter dieser Auffassung die von Thomas Bauer ausführlich erläuterte und dokumentierte Eigenart der Ambiguitätstoleranz in wichtigen Bereichen islamisch geprägter Kulturen bis in die Frühe Neuzeit hinein. Mit dem Begriff der Ambiguitätstoleranz überträgt er ein psychologisches Konzept in die Kulturwissenschaft.

Die Ambiguitätstoleranz islamisch geprägter Kulturen zeigt sich nach Bauer darin, daß Uneindeutigkeit nicht nur ausgehalten, sondern wertgeschätzt wird. Man lebt also nicht nur damit, sondern stellt Mehrdeutigkeit sogar gezielt her.

Er demonstriert das gerade am religiösen Bereich eindrucksvoll: Bei der traditionellen Koranauslegung suchten die Gelehrten nicht nach der einen richtigen Deutung, sondern nach so vielen unterschiedlichen Ausdeutungen wie möglich. Es ging also gar nicht darum, eine einzige gültige Deutung zu finden.

Auch im religiösen Recht gab es immer schon unterschiedliche Auffassungen, die durchaus gleichberechtigt nebeneinanderstehen konnten, ohne daß sich jemand daran störte – vorausgesetzt, sie waren nach den Regeln der „Kunst“ erschlossen worden. Nicht ohne Grund können allein im sunnitischen Islam vier große Rechtsschulen nebeneinander bestehen, ohne sich gegenseitig die Existenzberechtigung abzusprechen.

Eigenes Bild von Thomas Bauers Buch

Besonders wichtig ist aber auch die praktische Haltung, die sich daraus nach Bauer ergibt und die jahrhundertelang in islamische geprägten Gesellschaften vorherrschten: Nicht alles, was nach Auffassung des religiösen Rechtes nicht erlaubt war, mußte zwangsläufig auch verfolgt werden. Mit anderen Worten: Aus Verboten folgte nicht automatisch ihre praktische Durchsetzung.

Auf diese Weise läßt es sich natürlich auch mit relativ restriktiven Normen recht friedlich und pluralistisch leben, solange niemand darauf besteht, daß über Fehlverhalten gesprochen und jedem Verdacht nachgegangen wird.

All das habe sich aber geändert, als die ambiguitätsintoleranten Europäer immer mehr muslimische Gebiete eroberten. Für Europäer gab es entweder Richtig oder Falsch, und Gesetze waren durchzusetzen.

Wollte man sich geistig mit den Europäern auseinandersetzen, mußte man auch ihre Logik verwenden. Also begannen die Muslime ebenfalls damit, Ambiguität auszumerzen. Das Ergebnis ist die heute als „rückständig“ wahrgenommene Radikalität speziell im Bereich von Religion, Moral und Recht.

Gerade das, was Europäer an der Haltung „traditioneller“ Muslime also besonders problematisch finden, wäre demnach letzten Endes ein Export europäischer Denk- und Verhaltensweisen, mit denen wir die Menschen in den islamisch geprägten Ländern in der Kolonialzeit selbst beglückt haben. Womöglich sollten wir aus unserem Glashaus heraus also nicht so eifrig mit Steinen werfen.

Diese Auffassung ist allerdings nicht unbestritten. Es ist auf indigene Entwicklungen verwiesen worden, die nicht im Zusammenhang mit der Kolonialsituation standen. Die Europäer dürften also zumindest nicht an allem schuld sein. 😉

Ich persönlich habe mich außerdem gefragt, ob es sich bei der beschriebenen Ambiguitätsintoleranz um ein generell europäisch-christliches Phänomen im Gegensatz zur orientalisch-islamischen Haltung handelt oder nicht eher um ein neuzeitlich-protestantisches Phänomen im Gegensatz zu einer mittelalterlichen Herangehensweise (die dadurch unversehens an Charme gewänne). Doch um das zu entscheiden, kenne ich mich in der europäischen Geistesgeschichte nicht gut genug aus.

Dennoch ist vieles an Bauers Erklärungsmodell bedenkenswert. Gerade wenn man sich wie ich mit typisch mehrdeutigen Gegenständen wie humoristischer Literatur beschäftigt, macht es vieles verständlich, was anderenfalls nicht leicht nachvollziehbar ist. Auch die unterstellten Auswirkungen europäischer Herrschaft über Muslime auf deren Denk- und Verhaltensweisen sollten sicherlich in Detailstudien überprüft werden.

Bauers Modell ist aber nicht nur eine hilfreiche Anregung für weitere Forschungen. Es zeigt auch, daß Europäer (und Amerikaner) und Muslime gerade mit Blick auf die Eigenarten, bei denen wir es am wenigsten erwarten würden, am meisten gemeinsam haben: die zugrunde liegende Denkweise.

Literatur

Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität : eine andere Geschichte des Islams. Berlin: Verlag der Weltreligionen, 2011.

Bildnachweis

Beitragsbild: Mann wirft Stein
Quelle: Wikimedia Commons
Gemeinfrei

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