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Nicht immer sind die Muslime die Bösen oder Warum wir im Glashaus sitzen

Kennen Sie die Fernsehserie „American Gods“? Ich habe mich kürzlich entschlossen, mir die auf Amazon Prime verfügbare erste Staffel anzusehen. Insgesamt ist es eine etwas bizarre Produktion, die aber durchaus ihren Charme hat. Zumindest wenn man Urban Fantasy und nordische sowie orientalische Mythologie mag.

Doch was hat das mit der Persophonie zu tun? Ich sag’s Ihnen: Es gibt einen winzigen Moment in der letzten Folge der ersten Staffel, der die Verbindung herstellt. Hier wird angedeutet, daß die Islamische Revolution in Iran im Jahr 1979 so etwas wie den Höhepunkt oder sogar den wesentlichen historischen Moment der Unterdrückung der Macht der Weiblichkeit darstellt.

Das ist etwas verkürzt, da in der Serie dem Genre gemäß mit Bildern, Klängen und damit verbundenen Assoziationen gearbeitet wird. Jedenfalls wird die Islamische Revolution zu dem Zeitpunkt stilisiert, an dem die Göttin, die weibliche Sexualität und deren Macht über Männer versinnbildlicht, im Orient endgültig entmachtet wird und nach Amerika fliehen muß. (Immerhin hat sie dort auch Probleme. 😉 )

So etwas nervt natürlich die Historikerin in mir gewaltig. Ich will gar nicht bis in die Anfänge des Christentums zurückgehen, als Augustinus (st. 430 u.Z.) Elemente seines manichäischen Gedankengutes in die noch relativ junge Religion eingeführt hat – der Sexualfreundlichkeit und Wertschätzung der Weiblichkeit im Christentum nicht eben zuträglich.

Lassen wir auch mal beiseite, daß aus deutscher Sicht manches in den USA ähnlich prüde anmutet, wie dem durchschnittlichen Europäer traditionelle muslimische Gesellschaften erscheinen.

Ich will noch nicht einmal darauf abstellen, daß die Sexualität im Islam sehr viel positiver bewertet wird als im Christentum. Oder darauf, daß es heutzutage gerade in Iran besonders viele gut ausgebildete berufstätige Frauen gibt oder daß Frauen sich dort auch mit Blick auf die Ehe mittlerweile erfolgreich aller rechtlichen Möglichkeiten der Selbstbestimmung bedienen.

Vielmehr möchte ich Sie auf eine These hinweisen, die unter Islamwissenschaftlern immer wieder vorgebracht worden ist und die zuletzt Thomas Bauer in einem hochinteressanten Buch erneut aufgegriffen hat: Daß nämlich gerade das, was uns in islamisch geprägten Gesellschaften so „rückständig“ und traditionell anmutet eine ziemlich moderne Entwicklung ist – und zwar eine, die in wesentlichen Aspekten aus Europa importiert wurde.

Der Export viktiorianischer Prüderie in islamische geprägte Gesellschaften zur Kolonialzeit ist da nur ein Element von vielen. Auch die Tendenz zur Radikalität auch und gerade in religiösen Fragen wäre demnach letztlich durch die Auseinandersetzung mit den Europäern entstanden oder zumindest begünstigt worden.

Hinter dieser Auffassung die von Thomas Bauer ausführlich erläuterte und dokumentierte Eigenart der Ambiguitätstoleranz in wichtigen Bereichen islamisch geprägter Kulturen bis in die Frühe Neuzeit hinein. Mit dem Begriff der Ambiguitätstoleranz überträgt er ein psychologisches Konzept in die Kulturwissenschaft.

Die Ambiguitätstoleranz islamisch geprägter Kulturen zeigt sich nach Bauer darin, daß Uneindeutigkeit nicht nur ausgehalten, sondern wertgeschätzt wird. Man lebt also nicht nur damit, sondern stellt Mehrdeutigkeit sogar gezielt her.

Er demonstriert das gerade am religiösen Bereich eindrucksvoll: Bei der traditionellen Koranauslegung suchten die Gelehrten nicht nach der einen richtigen Deutung, sondern nach so vielen unterschiedlichen Ausdeutungen wie möglich. Es ging also gar nicht darum, eine einzige gültige Deutung zu finden.

Auch im religiösen Recht gab es immer schon unterschiedliche Auffassungen, die durchaus gleichberechtigt nebeneinanderstehen konnten, ohne daß sich jemand daran störte – vorausgesetzt, sie waren nach den Regeln der „Kunst“ erschlossen worden. Nicht ohne Grund können allein im sunnitischen Islam vier große Rechtsschulen nebeneinander bestehen, ohne sich gegenseitig die Existenzberechtigung abzusprechen.

Eigenes Bild von Thomas Bauers Buch

Besonders wichtig ist aber auch die praktische Haltung, die sich daraus nach Bauer ergibt und die jahrhundertelang in islamische geprägten Gesellschaften vorherrschten: Nicht alles, was nach Auffassung des religiösen Rechtes nicht erlaubt war, mußte zwangsläufig auch verfolgt werden. Mit anderen Worten: Aus Verboten folgte nicht automatisch ihre praktische Durchsetzung.

Auf diese Weise läßt es sich natürlich auch mit relativ restriktiven Normen recht friedlich und pluralistisch leben, solange niemand darauf besteht, daß über Fehlverhalten gesprochen und jedem Verdacht nachgegangen wird.

All das habe sich aber geändert, als die ambiguitätsintoleranten Europäer immer mehr muslimische Gebiete eroberten. Für Europäer gab es entweder Richtig oder Falsch, und Gesetze waren durchzusetzen.

Wollte man sich geistig mit den Europäern auseinandersetzen, mußte man auch ihre Logik verwenden. Also begannen die Muslime ebenfalls damit, Ambiguität auszumerzen. Das Ergebnis ist die heute als „rückständig“ wahrgenommene Radikalität speziell im Bereich von Religion, Moral und Recht.

Gerade das, was Europäer an der Haltung „traditioneller“ Muslime also besonders problematisch finden, wäre demnach letzten Endes ein Export europäischer Denk- und Verhaltensweisen, mit denen wir die Menschen in den islamisch geprägten Ländern in der Kolonialzeit selbst beglückt haben. Womöglich sollten wir aus unserem Glashaus heraus also nicht so eifrig mit Steinen werfen.

Diese Auffassung ist allerdings nicht unbestritten. Es ist auf indigene Entwicklungen verwiesen worden, die nicht im Zusammenhang mit der Kolonialsituation standen. Die Europäer dürften also zumindest nicht an allem schuld sein. 😉

Ich persönlich habe mich außerdem gefragt, ob es sich bei der beschriebenen Ambiguitätsintoleranz um ein generell europäisch-christliches Phänomen im Gegensatz zur orientalisch-islamischen Haltung handelt oder nicht eher um ein neuzeitlich-protestantisches Phänomen im Gegensatz zu einer mittelalterlichen Herangehensweise (die dadurch unversehens an Charme gewänne). Doch um das zu entscheiden, kenne ich mich in der europäischen Geistesgeschichte nicht gut genug aus.

Dennoch ist vieles an Bauers Erklärungsmodell bedenkenswert. Gerade wenn man sich wie ich mit typisch mehrdeutigen Gegenständen wie humoristischer Literatur beschäftigt, macht es vieles verständlich, was anderenfalls nicht leicht nachvollziehbar ist. Auch die unterstellten Auswirkungen europäischer Herrschaft über Muslime auf deren Denk- und Verhaltensweisen sollten sicherlich in Detailstudien überprüft werden.

Bauers Modell ist aber nicht nur eine hilfreiche Anregung für weitere Forschungen. Es zeigt auch, daß Europäer (und Amerikaner) und Muslime gerade mit Blick auf die Eigenarten, bei denen wir es am wenigsten erwarten würden, am meisten gemeinsam haben: die zugrunde liegende Denkweise.

Literatur

Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität : eine andere Geschichte des Islams. Berlin: Verlag der Weltreligionen, 2011.

Bildnachweis

Beitragsbild: Mann wirft Stein
Quelle: Wikimedia Commons
Gemeinfrei

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