Nouruz Teil 3: Das „Haft-Sîn“-Special zum Jahreswechsel

Miniserie zum iranischen Neujahrsfest

Teil 1: Erste Vorbereitungen
Teil 2: Die Geschichte in vorislamischer Zeit
Teil 4: Die Geschichte nach der muslimischen Eroberung

Als ich kürzlich A. Shapur Shahbazis Iranica-Artikel zum „Haft-Sîn“ überflogen habe, wurde mir klar, daß ich dieses Thema im ersten Teil meiner Nouruz-Miniserie zu oberflächlich behandelt habe. Um das zu korrigieren, schiebe ich rechtzeitig zum aktuellen Jahreswechsel diesen Sonderbeitrag nach.

Das „Haft-Sîn“ (persisch: Sofre-ye haft sîn) wird traditionell auf einem Speisetuch (sofre) in dem Raum präsentiert, in dem man auch Gäste empfängt. Früher hat man solche Speisetücher zum Essen auf dem Boden ausgebreitet. Heutzutage ist das – zumindest nach meiner Beobachtung – nur noch in den sehr traditionellen Haushalten und beim weniger begüterten Teil der Bevölkerung üblich. Normalerweise sitzen die Angehörigen der Mittelschicht jetzt zum Essen auf Stühlen rund um einen Tisch. Nur in großer Runde, wenn der vorhandene Tisch zu klein wird, weicht man auf den Boden aus. Entsprechend wird auch das „Haft-Sîn“ meist auf einem kleinen Tisch angeordnet und nicht mehr so häufig auf einem Speisetuch auf dem Boden.

Anscheinend sind nicht nur die zentralen Gegenstände des „Haft-Sîn“ eindeutiger festgelegt, als mir das bisher klar war, sondern es gibt auch eine feste Anordnung: Am Kopf des Tisches – das ist die am weitesten vom Eingang entfernte Stelle – wird ein Spiegel aufgestellt. Flankiert wird dieser von zwei Tafelleuchtern mit Kerzen darin, deren Anzahl sich traditionell nach der Zahl der Kinder im Haus richtet. Davor wird ein Buch plaziert: der Koran oder der Dîvân (= Gedichtsammlung) des Hâfez. Shahbazi erwähnt auch das Schâhnâme, das iranische „Königsbuch“, als Möglichkeit. Weiter werden ein Goldfischglas und Gefäße mit Milch, Rosenwasser, Honig und Zucker dazugestellt. Gefärbte Eier gehören auch zum „Haft-Sîn“ – eines, drei, fünf oder sieben. In der Mitte steht üblicherweise eine Vase mit Blumen, in der Regel Hyazinthen (sonbol) und Persische Weide (bîd-e meschk). Hinzu kommt sabze, also die zuvor angepflanzten Weizen-, Gerste- oder Linsensprossen, und sechs weitere Gegenstände, die mit dem Buchstaben „sîn“ (scharfes „s“) beginnen, außerdem ein Früchteteller, Brot, Joghurt, Käse, verschiedene Süßigkeiten und âdschîl.

Die sieben „sîn“-Gegenstände zählt Shahbazi ebenfalls auf: 1. Das schon erwähnte sabze; 2. sepand, also Samen der wilden Raute, die oft nach dem Jahreswechsel verbrannt werden, was Unheil abwehren soll; 3. sîb, also Äpfel; 4. sekke, neu geprägte Münzen; 5. sîr, Knoblauchzehen, deren Wurzeln man früher auch rot, blau und grün gefärbt hat; 6. serke, also Essig, und 7. eine Schüssel mit samanû, einer süßen Paste, deren recht aufwendige Zubereitung im Iranica-Artikel ebenfalls beschrieben wird. Offenbar darf bei der Zubereitung kein erwachsener Mann anwesend sein. Nur eine kleine Portion kommt auf den „Haft-Sîn“-Tisch, der Rest wird unter den Nachbarn verteilt. Dazu kommen oft weitere „sîn“-Gegenstände auf das „Haft-Sîn“ wie sendsched (Mehlbeeren), somâq (Essigbaumfruchtgewürz) und souhân, eine Süßigkeit, die nach meiner Ansicht sehr lecker, aber auch ganz furchtbar schmecken kann – je nachdem, welche Sorte man erwischt. Ich dachte jahrelang, daß ich souhân einfach nicht mag, bis ich vor wenigen Jahren einmal ganz köstliches hausgemachtes souhân probieren konnte. Aber so gutes souhân ist mir seitdem auch nicht mehr untergekommen. 🙁

Das fertige „Haft-Sîn“ kann dann so aussehen wie auf diesem Bild.

Zusätzlich gibt es noch eine Reihe optionaler Gegenstände, die man dem „Haft-Sîn“ hinzufügen kann. In jedem Fall enthält das „Haft-Sîn“ einige Elemente, die nicht mit „sîn“ beginnen, aber trotzdem als wesentlich betrachtet werden, und meistens auch mehr als sieben Gegenstände, die mit „sîn“ beginnen. Anscheinend wird das „Haft-Sîn“ aber nicht nur an Nouruz dekoriert, sondern in manchen Gegenden auch zu Hochzeiten und anderen festlichen Anlässen. Dagegen ist es, zum Beispiel, bei den Afghanen, Tadschiken, Kurden und Zoroastriern traditionell nicht üblich, zu Nouruz ein „Haft-Sîn“ vorzubereiten. Allerdings scheint es neuerdings vor allem bei den Zoroastriern, die in Städten leben, doch in Mode gekommen zu sein.

Anscheinend hat man sich viele Gedanken darüber gemacht, woher die „Haft-Sîn“-Tradition zu Nouruz kommt. Sie läßt sich nicht weit in die Geschichte zurückverfolgen, und deshalb sind verschiedene Varianten vorgeschlagen worden: ursprünglich habe man sieben Gegenstände mit dem Anfangsbuchstaben „schîn“ (deutsches „sch“) verwendet. Oder mit dem Buchstaben „mîm“ (deutsches „m“). Oder es seien eigentlich sieben Tabletts (haft sînî) gewesen. Am wahrscheinlichsten ist aber, daß dieser Brauch erst in jüngerer Zeit entstanden ist, möglicherweise erst im 20. Jahrhundert.

Die wesentlichen Bestandteile des „Haft-Sîn“, so Shahbazi, lassen sich durchaus als Spiegelungen der Lebensweise und des Glaubens der alten Iraner erklären – jedenfalls, wenn man sich nicht an den sieben „sîn“-Gegenständen festbeißt.

So seien die Eier ein Symbol für das Volk und wiesen auf den Schöpfer hin. Natürlich werden sie auch mit Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht. Die Milch repräsentiere das Vieh und Bahman, einen der Amescha Spenta, also der sechs unsterblichen guten Wesenheiten des Zoroastrismus, die Ahura Mazda beim Kampf gegen das Böse unterstützen. Die Kerzen stünden für das reinigende Feuer und für Ardibehescht/Ordibehescht – ebenfalls einen der Amescha Spenta -, die Münzen symbolisierten Wohlstand, wie es ja naheliegt, und außerdem Schahrivar, die Hyanzinthe sowie das Wasser und das sabze (und ggf. das sabzî als optionaler Bestandteil des „Haft-Sîn“) stünden sowohl für Chordâd als auch für (A)Mordâd. Die Persische Weide und die wilde Raute (sepand) schließlich repräsentierten Spandârmad/Esfand. Bei der wilden Raute sieht man das sogar noch am Namen: sepand oder esfand deutet erkennbar auf Spandârmad/Esfand hin. Der letztgenannten, als weiblich gedachten guten Wesenheit schreibt man auch Heilkräfte zu. Und auf diese weist möglicherweise der Knoblauch hin, den die Iraner wegen seiner Heilkräfte und der Wirksamkeit gegen den bösen Blick und dämonische Kräfte so hoch schätzten, daß sie einen ihrer Monate den „Knoblauchmonat“ nannten.

Nach Shahbazi ist samanû wesentlich für das „Haft-Sîn“ und gilt als starkes Aphrodisiakum. Er vermutet, daß es mit der Göttin Anâhita zu tun hat, der Göttin des Wassers, das seinerseits mit Fruchtbarkeit verbunden wird. Das sei wahrscheinlich, weil es nur von Frauen zubereitet werde, die während des Umrührens Wünsche nach einem guten Ehemann oder prächtigen Kindern äußern. Der Fisch im Glas letztlich steht für einen mythischen Fisch, der üble Kreaturen vertreibt.

Man kann also unschwer Shahbazis Auffassung erkennen, daß wenn schon nicht das recht junge „Haft-Sîn“, so doch viele der darauf angeordneten Gegenstände eine lange Geschichte und zoroastrische Bedeutungen haben. Wie gut diese Zusammenhänge tatsächlich abgesichert sind, läßt sich aus dem EIr-Artikel allein nicht erkennen. Man müßte dazu in die genannte Literatur schauen. Plausibel erscheinen sie mir aber schon.

Da ich mich erst recht spät mit diesem Artikel befaßt habe, fehlen auf unserem „Haft-Sîn“ jetzt so wesentliche Gegenstände wie samanû. Auch unsere Hyazinthe hat leider schon vor ein paar Wochen ihre Blüten verloren. Und wir hatten zunächst nicht einmal genug Gegenstände mit „sîn“ beisammen und wollten deshalb ein bißchen schummeln und das Tablett (sînî) mitzählen. 😉 Aber dann bin ich auf einer der Nouruz-Countdown-Websites auf die Idee gestoßen, eine Uhr (sâ’at) dazu zu legen. So sah es heute schließlich aus:

CAM00375

Wir hatten zwar auch keinen passenden Spiegel, aber dafür spiegelt der Glastisch ein bißchen. Ein recht spartanisches, oder eher: deutsches „Haft-Sîn“ eben. 🙂

Und da wir seit über einer Stunde im „neuen“ Jahr 1393 sind, wünsche ich allen, die feiern:

سال نو مبارک

Quelle

A. Shapur Shahbazi: „Haft Sin“, Encyclopaedia Iranica, online edition, 2002, Update 2012, abrufbar unter  www.iranicaonline.org/articles/haft-sin (zuletzt abgerufen am 20.03.2014)

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