“Ein Fluss von Milch zwischen uns”: Akbar und sein Milchbruder Mirzâ Azîz Koka

Susanne und ich haben ja auf diesem Blog schon häufig über die Rolle von Akbars Ammen und die seiner Milchbrüder gebloggt. In der islamischen Theologie ist die Milchbruderschaft fast der Blutsverwandtschaft gleichgestellt. So heißt es in Sure 4, Vers 23, dass es Männern verboten ist, ihre Ammen oder Milchschwestern zu heiraten.

Frauen ist es gestattet, ihre traditionelle islamische Verschleierung (hidschâb) vor ihren Milchbrüdern weg zu lassen, denn diese sind ihren Brüdern und anderen Männern die sie nicht heiraten kann, gleich gestellt.

Akbar und seine Milchbrüder

Der Mogulherrscher Akbar wurde 1542 in unruhigen politischen Zeiten geboren. Während seine Mutter Hamîda Begum und Humâyûn im persischen Exil lebten, wurde Akbar von den Beratern seines Vaters und seinen Ammen versorgt. Mahâm Anga und Jîjî Anga waren Akbars bedeutendste Ammen, die über mehr (Mahân Anga) oder weniger (Jîjî Anga) öffentlichen Einfluss verfügten. Dschahângîr schrieb später in seinen Memoiren, dass zwischen Kind und Amme durch das Stillen eine besondere Vertrautheit herrschte, diei sich auch auf die Milchbrüder übertrug. Akbar verlieh seinen Milchbrüdern auch Macht und Einfluss an seinem Hof. Sie genossen durch die Milchbruderschaft einen Vertrauensvorschuss des Herrschers.

Mahâm Anga schaffte es, ihren Sohn Adham Khân (st. 1562) als Berater und Feldherren am Hof zu platzieren, wo er bald zum engsten Führungskreis der Verwaltung gehörte. Auch Jîjî Angas Sohn Mirzâ ‘Azîz Koka war seit frühester Jugend als Berater in der Verwaltung des Mogulhofes tätig.

Zudem war er als Soldat bzw. Feldherr aktiv, er selbst beschrieb sich auch häufig als Soldat.

Der Tod von Atga Khân, Mirzâ ‘Azîzs Vater

1562 passierte etwas Einschneidendes im Leben unserer drei Protagonisten: Adham Khân ermordete Mirzâ ‘Azîzs Vater Atga Khân. Dafür tötete Akbar Adham Khân, indem er ihn von einer Veranda des Roten Forts in Agra warf. Da Adham Khân den ersten Sturz überlebte, warf Akbar ihn erneut herunter. Susanne hat das hier ja eindrücklich beschrieben.

Mirzâ ‘Azîz ließ für seinen Vater Atga Khân ein Grabmal in Delhi in der Nähe von Nizâm ud-Dîn Auliyâs Grabanlage errichten. Diese Anlage ist als Chausath Khamba bekannt (64 Säulen). Dort wurde Mirzâ ‘Azîz auch selbst bestattet.

Doch zurück zur Ermordung Atga Khâns. Der Verrat von Adham Khân traf Akbar scheinbar schwer. Dennoch vertraute er seinem Milchbruder ‘Azîz Koka weiterhin und betraute Mirzâ ‘Azîz Koka weiterhin mit Verwaltungsaufgaben. Schließlich verlieh er ihm den Ehrentitel Khân ‘Azam – “der große Khân”.

1573 wurde Mirzâ ‘Azîz Koka Gouverneur Akbars in Gujarat, anschließend führte er immer wieder mehr oder weniger erfogreiche Militäraktionen durch.

Konflikte und die Pilgerfahrt Mirzâ ‘Azîz Kokas

Doch auch zwischen Mirzâ Azîz und Akbar gab es mehr oder weniger offene Konflikte. Ein Punkt war die von Akbar begründete Lehre des Dîn-e Illâhî (“die göttliche Religion”), die Elemente von Islam, Hinduismus und Christentum enthielt. Akbar, so lautete der Vorwurf von ‘Azîz Koka, ließ sich wie ein Gott verehren. Susanne hat HIER ja einiges zur Dîn-e Illâhî geschrieben, was noch einmal nachgelesen werden kann.

Als der Konflikt zwischen Mirzâ ‘Azîz und Akbar weiter zu eskalieren drohte, brach Mirzâ ‘Azîz nach Mekka zur Pilgerfahrt (hajj) auf. Dort spendete er sehr große Summen für den Erhalt islamischer Heiligtümer.

1592 kehrte Mirzâ ‘Azîz Koka an Akbars Hof zurück. Der Herrscher erklärte alle vorhergehenden Konflikte für beendet und gab Mirzâ ‘Azîz seine Positionen zurück.

Akbar sagte einmal den Satz über Mirzâ ‘Azîz den Satz, der auch dem Blogbeitrag den Titel gab: “

Es fließt ein Fluss von Milch zwischen uns, der nicht überquert werden kann”.

Familienbande

Mirzâ ‘Azîz Koka war jedoch nicht nur als Berater und Militärführer erfolgreich – er schaffte es auch, seinen hohen Rang für seine Familie einzusetzen. Seine Tochter Habîba Bâno Begum heiratete Akbars Sohn Prinz Murâd. Das Paar hatte zwei Söhne.

Eine andere namentlich nicht genannte Tochter Mirzâ ‘Azîzs heiratete Dschahângîrs ältesten Sohn Khusraû.

Somit schaffte Mirzâ ‘Azîz zu Akbars Lebzeiten – zumindest theoretisch – die Basis für einen weiteren Aufstieg seiner Familie durch enge Verbindungen zum Herrscherhaus.

Mirzâ ‘Azîz Karriere unter Dschahângîr

Unter Dschahangîrs Herrschaft kam es jedoch zum Zerwürfnis zwischen Mirzâ ‘Azîz und dem Hof. Mirzâ ‘Azîz verlor die meisten seiner Positionen sowie den Großteil seines Vermögens. Grund dafür war sein Schwiegersohn Khusraû – dieser hatte 1606 gegen seinen Vater Dschahângîr rebelliert, weil er selbst Akbars Nachfolge antreten wollte.

Auch im Streit zwischen Khusraû und seinen Brüdern stellte sich Mirzâ ‘Azîz ebenfalls auf die Seite seines Schwiegersohnes – was Dschahângîr verständlicherweise nicht für positiv befand.

Den Verrat und die Illoyalität mir gegenüber einmal beiseite. Doch was ist mit meinem Vater, der Dich und Deine Familie aus dem Staub der Straße gezogen und bezüglich Wohlstand und Rang so weit nach oben gebracht hat, dass Deinesgleichen Dich darum beneiden? Warum hast Du derartige Dinge geschrieben, die Dich in den Kreis der Undankbaren und Elenden stellen? Was kan bei einer solchen Bestimmung und angeborenen Neigung noch getan werden? Dein Charakter (eigentlich: dein Ton, C.P.) wurde mit dem Charakter der Iloyalität gemischt – was ist da noch zu erwarten?

Mirzâ ‘Azîz soll sich nicht zu den Vorwürfen geäußert haben – Dschahângîr entzog ihm aber dennoch seine Landgüter.

Über Mirzâ ‘Azîs weiteres Schicksal haben wir keine Informationen – er soll etwa 1624 im Alter von 81 oder 82 Jahren verstorben sein. Das Schicksal seines Schwiegersohnes Khusra’û Mirzâ verlief weitaus tragischer – doch darüber werden wir in einem anderen Blogpost berichten.

+++HIER +++gibt es einen Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

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