Fârsî, Darî, Persisch – oder was?

Vor einiger Zeit habe ich in meinem Beitrag zur “Weltsprache Persisch” schon ein paar Dinge zur historischen und aktuellen Verbreitung des Persischen und den nationalen Varianten gesagt. Immerhin ist der persische Sprach- und Kulturraum in seiner historischen Entwicklung – die “Persophonie” eben – Hauptthema dieses Blogs.

Angesichts der Ausführungen meiner ehemaligen Kollegin Kira Schmidt Stiedenroth in ihrem Beitrag über die Sprachen der Flüchtlinge erscheint mir aber ein weiterer kurzer Ausflug in die Wirren der aktuellen Sprachvarianten und ihrer Herkunft hilfreich.

Mittlerweile haben sich ja anstelle des deutschen “Persisch” die Bezeichnungen nationaler Varianten wie “Fârsî” und “Darî” eingebürgert und sind dadurch auch in der allgemeinen deutschen Bevölkerung bekannter geworden. Was sich aber jeweils hinter diesen Bezeichnungen verbirgt, ist weniger bekannt.

Heute will ich zunächst einmal nur ein paar Schneisen in das Gewirr schlagen, ohne gleich die ganze, recht komplizierte Geschichte der Begriffe “Fârsî” und “Darî” in der neupersischen Literatur nachzuvollziehen- zumal sie alles andere als geklärt ist.  Jedenfalls kommen aber beide Begriffe schon in der frühen neupersischen Literatur unter anderem als Bezeichnungen des Neupersischen vor.

Zunächst wieder ein bißchen Geschichte

Das Neupersische ist die Sprachstufe des Persischen, die sich nach der arabischen Eroberung im Zuge der langsamen Islamisierung Irans unter Benutzung des arabischen Alphabets zur Literatursprache entwickelt hat und bis heute gesprochen wird. Man unterscheidet dann wiederum eine klassische und moderne Variante. Was heute gesprochen wird, ist also modernes Neupersisch.

Wie und warum sich das Neupersische zur Literatursprache entwickelt hat, nachdem auch das Arabische bereits von den Gebildeten als Literatur- und Wissenschaftssprache übernommen worden war, ist nicht restlos geklärt. Über die fragliche Zeit etwas herauszufinden, aus der wir keine erhaltenen Schriftzeugnisse kennen, ist naturgemäß gar nicht so einfach.

Wissen sollte man vor allem, daß es das Persische auch schon in einer mittleren und alten Sprachstufe und verschiedenen Varianten gegeben hat, bevor sich das Neupersische wahrscheinlich ab dem7./ 8. Jahrhundert herausgebildet hat. Die frühesten Textzeugnisse stammen erst aus dem 9. Jahrhundert.

Der Übergang zum Neupersischen vollzog sich möglicherweise auf Grundlage einer bereits vor der arabischen Eroberung im ganzen Reich verbreiteten gesprochenen Sprache mit der Bezeichnung “Darî”, deren Verhältnis zum geschriebenen Mittelpersisch, dem Pahlavî, ebenfalls nicht leicht zu bestimmen ist, die aber wohl Elemente verschiedener Lokalsprachen und -dialekte aufgenommen hatte.

Bei der Herausbildung des Neupersischen fand auch der Wechsel zum arabischen Alphabet statt, das immerhin das bestgeeignete ist, das bisher für das Persische verwendet wurde. Im Laufe der Zeit wurde es allerdings um einige Buchstaben ergänzt, die im Arabichen fehlen (z.B. das “gâf” für den Laut “g”).

Dieses neue Persisch wird in unterschiedlichen frühen Texten aus verschiedenen Zeiten und Regionen mal als “Darî”, mal als “Fârsî”, manchmal auch als beides (“fârsî-ye darî”) bezeichnet. “Darî” könnte sich auf den (Fürsten-)Hof beziehen, da es dem Wort “dar” (Tür, Tor, Schwelle, Fürstenhof) nahesteht, das übrigens auch im modernen Wort “darbâr” (Fürstenhof) vorkommt. “Fârsî” dagegen verweist auf die südwestliche iranische Provinz “Fârs”, also auf die Persis.

Endgültige Erkenntnisse haben wir über Verwendung und Bedeutung dieser Bezeichnungen noch nicht. Sicher ist aber, daß sich das Persische zunächst im Osten des iranischen Herrschaftsbereichs zur Literatursprache entwickelte und sich erst danach in Westiran verbreitete. Soviel zur Geschichte.

“Fârsî” und “Darî” heute

Heute nennen die Afghanen ihr afghanisches Persisch “Darî”, während die Iraner ihre Variante des Persischen als “Fârsî” bezeichnen. Mit “Fârsî” ist demnach das in Iran gesprochene Persisch gemeint, mit “Darî” die heute in Afghanistan verbreitete Variante.

Beides ist Persisch, aber dennoch gibt es Unterschiede, die es rechtfertigen, unterschiedliche Bezeichnungen zu verwenden. Meine Kollegin Kira Schmidt Stiedenroth hat schon darauf hingewiesen, daß es zwischen iranischen Dolmetschern und afghanischen Flüchtlingen durchaus zu Verständigungsschwierigkeiten kommen kann – aber nicht muß.

Das hat mehrere Gründe: Zunächst einmal sind nicht alle Afghanen Persisch-Muttersprachler. Manche sprechen von Haus aus nicht Darî, sondern Paschtu. Das ist eine andere Sprache, die in Afghanistan aber sehr verbreitet ist. Ob ein Afghane also überhaupt Darî beherrscht, hängt davon ab, aus welchem Teil Afghanistans er kommt, ob er Paschtune ist und welche Schulbildung er genossen hat.

Doch selbst Afghanen, die Darî sprechen, können sich nicht immer gut mit Iranern verständigen. Das liegt daran, daß Persisch ähnlich wie Deutsch immer schon eine polyzentrische (oder plurizentrische) Sprache mit verschiedenen Standardvarietäten war.

Was sind polyzentrische Sprachen mit mehreren Standardvarietäten?

Am Beispiel des Deutschen erklärt: Es gibt nicht nur das in Deutschland verbreitete Deutsch, sondern auch noch die österreichische und die schweizerische Variante. Je nachdem, wo man in Deutschland aufgewachsen ist, kann man das österreichische und das Schweizer Deutsch besser, schlechter oder gar nicht verstehen. Das hängt davon ab, wie ähnlich oder unähnlich der Dialekt, in dessen Umfeld man aufgewachsen ist, der jeweiligen Variante ist.

Früher gab es wohl eine Art imperiale Haltung, die das Deutschland-Deutsche gegenüber den anderen Varianten privilegierte, weil es die größte Sprechergemeinschaft aufweist. Dementsprechend wurden österreichische und schweizerische Varianten in Sprachgebrauch und Grammatik manchmal als “falsch” empfunden und auch so eingestuft.

Mittlerweile geht man in der Sprachforschung meines Wissens aber davon aus, daß es sich um gleichberechtigte Varianten des Deutschen handelt, die unterschiedliche Standards für “richtiges Deutsch” aufweisen, weil sie sich um unterschiedliche geographische Zentren herum entwickelt haben.

Wenn man also bei dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch statt “Mir war kalt” die ans Französische erinnernde Wendung “Ich hatte kalt” liest, dann ist das nicht falsch, sondern richtig im Rahmen der schweizerischen Standardvarietät des Deutschen. Nehme ich jedenfalls an.

In diesem Fall wäre also das Schweizerdeutsche die Standardvarietät, weil es mit Blick auf die sprachlichen Regeln für richtigen oder falschen Sprachgebrauch – die Standards also – vom in Deutschland verbreiteten Deutsch abweicht, also eine Varietät bildet. Dasselbe gilt dann entsprechend für das Österreicherische.

Persisch als polyzentrische Sprache

Im Persischen ist das ganz ähnlich. Schon früh gab es zum Beispiel die indische Variante des Persischen, die sich in mancherlei Hinsicht vom östlichen und westlichen Persisch unterscheidet. Heute dagegen sind die Hauptvarianten eben “Fârsî” und “Darî”.

Dabei hat das heutige “Darî” der Afghanen einige Ähnlichkeiten mit dem Schweizerdeutschen: Im Darî sind viele Eigenarten und auch Vokabeln des älteren (klassischen) Neupersisch enthalten, die Aussprache orientiert sich ebenfalls zum Teil an historischen Gepflogenheiten, und die Sprechergemeinschaft ist kleiner als die iranische.

Zusätzlich haben sich auch vom iranischen Standard abweichende Redewendungen herausgebildet, und manche Wörter haben eine etwas andere Bedeutung.

Dagegen dominiert das iranische “Fârsî” die internationale Wahrnehmung des Persischen, da es über eine größere Sprechergemeinschaft verfügt und in dem Land mit der größten politischen Bedeutung in der heutigen “Persophonie” gesprochen wird.

Dabei ist das iranische Persisch ähnlich wie das Deutschland-Deutsche “moderner”, hat also in den letzten Jahrhunderten stärkere Veränderungen erfahren als das afghanische “Darî”.

Dadurch kann es für einen Afghanen und einen Iraner schwer sein, sich miteinander zu verständigen, ähnlich wie das einem Deutschen und einem Schweizer auch passieren könnte.

Wovon hängt die Verständigung noch ab?

Einiges hängt davon ab, wie gebildet beide sind. Das iranische “Fârsî” verfügt über eine gewisse kulturelle Dominanz gegenüber dem afghanischen “Darî”, schon weil es eine viel umfangreichere Literaturproduktion in “Fârsî” gibt. Ein gebildeter Afghane, der schon viel auf “Fârsî” gelesen hat, kann sich also leichter mit einem Iraner verständigen als ein ungebildeter.

Umgekehrt kann ein Iraner, der nur das heutige iranische “Fârsî” beherrscht, einen Afghanen ohne “Fârsî”-Vorbildung nicht so leicht verstehen wie ein Iraner, der sich gründlich mit der klassischen neupersischen Literatur beschäftigt hat – also mit den Formen des Neupersischen, die seit dem 9. Jahrhundert in Schriftform vorliegen.

Dort gibt es nämlich manche Wörter und Wendungen, die im “Darî” heute noch vorhanden sind. Historische literarische Bildung ist hier also wieder mal ein klarer Vorteil für einen Sprach- und Kulturmittler.

Aber auch die Herkunftsregion und Lebensgeschichte eines afghanischen Flüchtlings spielen eine Rolle. Wer aus der Nähe der iranischen Grenze stammt, beherrscht eher “Fârsî” als ein Afghane aus dem Osten des Landes.

Das ist ganz ähnlich wie im Deutschen auch: Ich als Schwäbin kann mich viel leichter ins Schweizerdeutsche einhören als meine Kollegin Claudia Preckel, die in Köln und im Münsterland aufgewachsen ist, dafür aber viel besser Holländisch versteht als ich.

Natürlich sprechen auch Afghanen, die sich längere Zeit in Iran aufgehalten haben oder sogar dort aufgewachsen sind, in der Regel ebenfalls astreines “Fârsî”. Nach allem, was ich höre, trifft das gar nicht so selten zu.

Fazit

Zusammengefaßt heißt das:

  1. Persisch ist nicht immer gleich Persisch, so wie Deutsch nicht immer gleich Deutsch ist.
  2. Persisch und Deutsch haben einige Gemeinsamkeiten.
  3. Historische literarische Bildung kann bei der Verständigung innerhalb der “Persophonie” helfen – und damit sind auch historisch ausgebildete Orientkundler klar im Vorteil, auch wenn das auf den ersten Blick nicht auffällt (übrigens nicht nur mit Blick auf die Sprache).

Ich hoffe, dieser Beitrag hilft ein wenig dabei, die “Sprach-Verwirrung” zu klären.

Persisch ist zur Zeit im übrigen noch aus einem anderen Grund eine nützliche Sprache: Es kommen nicht nur viele Afghanen und Iraner zu uns, sondern auch irakische Kurden. Und die meisten von denen sprechen auch ganz gut Persisch.

Sie sehen: Die “Persophonie” liegt gerade voll im Trend. 😉

Bildnachweis

Beitragsbild: Verbreitung persischer Muttersprachler heute
Quelle: Wikimedia Commons
Lizenz: Creative Commons 3.0
Urheber: ArnoldPlaton
unverändert übernommen

Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, können Sie diesen Blog unterstützen durch: Liken, Bewerten, Teilen oder durch eine PayPal- oder Flattr-Spende. Facebook- und Twitter-Buttons kann ich leider aus rechtlichen Gründen nicht einbinden. Sie können mir aber auf Facebook und Twitter folgen: Facebook: https://www.facebook.com/persophoniekulturgeschichtewordpresscom-694581900616159/ und Twitter: @PersophonieKuGe (s. auch die neue Twitter-Timeline im linken Menü).


Donate Button with Credit Cards

6 Kommentare

  1. Das war sehr interessant – auch ich habe da einiges gelernt.. ich muss ja gestehen, dass es mich gelegentlich im Zug (kommt häufiger vor) verwirrt, und ich nicht weiß, ob ich jetzt fârsî oder darî höre – da fehlt mir wirklich die Praxis. In Aachen habe ich allerdings von einer Studentin im Bus ein mir sehr elegantes erscheinendes fârsî gehört – und war stolz darauf, dass ich das in großer Lautstärke geführte Handygespräch verfolgen konnte 🙂

  2. Pingback: [Persophonie] Fârsî, Darî, Persisch – oder was? – #Iran

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.