Akbars Red Fort in Agra

Das Mogulreich hatte in seiner Geschichte vom 16. bis zum 19. Jahrhundert mehrere Hauptstädte: Agra (1526-1540; 1555-1571), Fatehpur Sikri (1571-1585), Lahore (1586-1598) und Shahjahanabad (Delhi, 1648-1857). Darüber hinaus beanspruchten auch von Kabul aus Mitglieder der Moguldynastie den Thron – doch das ist eine andere Geschichte.

Agra – die Salzstadt

Auch wenn es erst unter den Mogulherrschern zum Auf- und Ausbau Agras kam, gibt es Spuren der Befestigung des Ortes. Bereits die Lodi-Herrscher hatten Agra als Herrschaftssitz gewählt. Bâbur übernahm Agra als Hauptstadt von der Lodi-Dynastie. Seine Herrschaft blieb allerdings auf die linke Seite des Flusses Jamuna beschränkt. Vor seiner Rolle als Hauptstadt war Agra für übrigens als Handelsstadt berühmt. Schon der Name, Agra, der von Agur („Saline“) abgeleitet wurde, deutet auf den Salzgehalt und die geologische Struktur der Gegend hin. Persische und indische Händler trafen sich in Agra und machten die Stadt zu einer wichtigen Handelsmetropole.  Als Bâbur 1530 starb, wurde er zunächst in Agra im Râm Bâgh bestattet.

Agra wird zur Hauptstadt

Ihre eigentliche Größe als Hauptstadt erlangte Agra allerdings erst unter der Herrschaft Akbars. Nicht umsonst wird Agra häufig in der von Muslimen verfassten Literatur als Akbarabad bezeichnet.

Das Zentrum der Stadt und der eigentliche Herrschaftssitz ist das Agra Fort – auch genannt Red Fort. Es wurde über einen Zeitraum von acht Jahren erbaut (1568-73). Seinen Namen erhielt das Fort durch die roten Sandsteinplatten, die zur Verkleidung der Mauern benutzt wurden – diese stammten aus Rajastan.

Schaut man auf den Grundriss des Roten Forts, ist dieser halbmondförmig. Das Fort ist von einer extem dicken Mauer umgeben. Besonders berühmt sind die beiden Tore „Delhi Gate“ und „Lahori Gate“, wobei Akbar das erstgenannte Tor als öffentliches Tor benutzte.

Bilder des Agra Forts

Innrhalb des Forts gibt es einige besondere Gebäude und Paläste, die  ich hier näher vorstellen möchte. Zunächst einmal die Halle des

Diwân-e ‚âmm („Öffentliche Audienzhalle“)

Hier pflegte Akbar tätglich von etwa 12h an, Audienz zu halten. Während der Kaiser auf dem Thron saß, saßen die Würdenträger des Reiches gemäß ihrer Rangfolge an den Seiten der Halle. Die öffentlichen Audienzen dauerten mindestens 1-2 Stunden, häufig auch länger. Dem Herrscher wurden auch die Inspektionsberichte seiner Soldaten während der Audienzen vorgetragen, und es kam vor, dass Akbar den Sold herabsetzte bzw. Soldaten entließ. Zudem konnten alle Untertanen Beschwerden vortragen, und Akbar hielt Gerichte in vielen Angelegenheiten ab.

Diwân-e  khâs (Private Audienzhalle)

Im Fort gab es ebenso eine private Audienzhalle, die für die  Beratungen der engsten Ratgeber Akbars gebaut wurde. Hier traf sich Akbar täglich mit seinen Ministern. Bei diesen Audienzen wurden aber nicht nur Entscheidungen getroffen, sondern dem Herrscher wurden von Gesandten aus Indien oder sogar aus Europa kostbare Geschenke geschickt: Pferde, Hunde, Elefanten, Schwerter oder Gewürze wurden Akbar überreicht. Darüber gab es auch zahlreiche Berichte europäischer Gesandter, die die Pracht und den Reichtum des Mogulhofes erahnen lassen.

Das Königliche Bad (Hammâm-e Shâhî)

Von besonderer Bedeutung für das Leben am Hof war das königliche Bad, das hammâm. Diese große Badeanlage, die eine Abfolge von kalten und heißen Bädern beinhaltete, hatte nicht nur eine Bedeutung als Platz der Reinigung, sondern auch der medizinischen Behandlung. Leider liegen uns darüber keine weiteren Informationen vor. Wahrscheinlich ist, dass Akbar selbst dieses Bad benutzte. Das Hammâm-e Shâhî war besonders prächtig ausgestattet – z.B. mit prächtigen Spiegeln, in denen sich die Gärten des Forts widerspiegelten. Über die Bedeutung der Bäder im Mogulreich habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben (s.o.).

Der Palast von Jodha Bai

Als ein Teil des königlichen Harems war der Palast von Jodha Bai der größte Palast des Harems. Wie auch in der TV-Serie Jodha Akbar hatte Maryam uz-Zamânî, wie der Name der Rajputen-Prinzessin, die Akbar heiratete, ihren eigentlichen Palast. Die Verbindung von Mogul-Architektur und Dekor-Elementen der Hindu-Mythologie (Pfauen, Papageien) wird in diesem Palast besonders deutlich. Es könnte also wirklich sein, dass Jodha Bai weiterhin praktizierende Hindu blieb.

Insgesamt zeigt die Architektur des Agra Forts vor allem in den Details die Verbindung von Mogul- Kultur und indischer Hindu-Religion und Elementen. Dschahângîr und Shâh Dschahân fügten dem Fort weitere Symbole ihrer eigenen Herrschaft hinzu.

Nicht umsonst zählt das Fort heutzutage zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Das Beitragsbild zeigt das Delhi Gate. Es unterliegt der Wikimedia Commons Licence 2.0

Literatur:

Muhammad Ashraf Husain: A Historical Guide to the Agra Fort. Delhi 1937.

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

Persisch leicht gemacht

Angesichts der großen Zahl an afghanischen Flüchtlingen, die derzeit – oft nach einem mehr oder weniger langen Zwischenstop in Iran – zu uns gelangen, wären mehr Menschen mit Persischkenntnissen  hierzulande sicherlich hilfreich bei der „Erstversorgung“.

Doch wer lernt schon Persisch? Immerhin wird diese Sprache in arabischer Schrift geschrieben. Und eine neue Schrift zu lernen schreckt viele Menschen ab.  Zumindest habe ich das immer wieder gehört. Außerdem verwechseln viele es eben wegen der Schrift mit dem Arabischen – das ja als schwierige Sprache gilt.

Wenn Sie diesen Blog schon länger lesen, wissen Sie aber sicher: Das Persische ist nicht mit dem Arabischen verwandt. Wohl aber mit dem Deutschen. Im Klartext heißt das: Eigentlich sollte Ihnen das Persischlernen leichter fallen als einem Araber. Jedenfalls wenn Deutsch Ihre Muttersprache ist. Oder eine andere europäische Sprache.

Persisch gehört nämlich zur Familie der indo-europäischen Sprachen. Und das heißt: Die Grammatik ähnelt der deutschen, französischen, spanischen, englischen etc. und ist deshalb auch nicht schwerer zu lernen als die Grammatik dieser Sprachen. Nehmen wir ein Beispiel:

„Das ist ein Apfel“ sieht auf persisch so aus:

în       sîb     ast
das   Apfel   ist

Nicht so weit vom Deutschen entfernt, oder? Und wie Sie am Wort „ist“ schon sehen können, machen die Ähnlichkeiten auch vor dem Vokabular nicht halt. Viele persische Wörter lassen die Verwandtschaft mit den europäischen Sprachen erkennen.

Hier ein paar Beispiele:

deutsch:  Mutter – Bruder – ist

persisch:  mâdar – barâdar – ast


englisch: bad – no

persisch: bad – na


Latein: pater

persisch: pedar

Natürlich gibt es noch mehr Beispiele. Mir fallen nur im Augenblick nicht mehr ein. 😉 Andererseits will ich nicht verschweigen, daß sich auch eine große Menge arabischer Wörter im Persischen eingebürgert haben. Sie sind zugegebenermaßen etwas schwieriger zu merken.

Ein bißchen Arbeit ist mit dem Persischlernen also schon verbunden. Aber es ist längst nicht so schwierig wie viele denken. Und Arabisch muß man auch nicht können, um Persisch zu lernen (obwohl es beim Vokabellernen hilft 😉 ).

Was machen wir aber mit der Schrift? – Die ist eigentlich auch nicht so schwer zu lernen. Anders als manche anderen Schriften (etwa die des Chinesischen oder Hindi) handelt es sich nämlich um eine Buchstabenschrift. Das heißt, sie ist genauso aus Buchstaben zusammengesetzt wie unsere Lateinschrift. Mit ein paar kleinen Unterschieden, natürlich. Aber das Prinzip ist dasselbe.

Doch wenn die Schrift Sie abschreckt, wie wäre es dann damit: Fangen Sie doch erstmal an, die Sprache zu lernen, und befassen Sie sich mit der Schrift nebenbei so nach und nach! Nicht meine bevorzugte Methode, aber ich lerne ja auch gern neue Schriften. Wenn Sie anders sind, könnte das eine Lösung für Sie sein. Dieses Buch zeigt Ihnen, wie das geht (KEIN Affiliate-Link):

Bild stammt von einer älteren Ausgabe

Eigentlich ist meine Überschrift also nicht ganz richtig: Persisch muß gar nicht erst leicht gemacht werden. Das ist es nämlich schon! Jedenfalls für Menschen, die Lust darauf haben und Deutsch als Muttersprache. Oder Englisch. Oder Französisch. Oder Spanisch. Oder…

Wo man Persisch sonst noch gebrauchen kann, können Sie übrigens hier nachlesen: Weltsprache Persisch.

Die neun Juwelen am Hofe Akbars, Teil I: ‘Abdul Rahîm Khân Khân-e Khânân

Heute möchte ich eine kleine neue Serie zur Mogulgeschichte starten: es soll um die Navaratnas, die neun Juwelen am Hofe Akbars, gehen. Damit sind neun herausragende Gelehrte und Künstler gemeint, die besondere Kenntnisse und Fähigkeiten besaßen. Durch die Navratnas entstand am Hofe eine besondere Atmosphäre, die die Verwaltung effektiv machte und kulturelle und religiöse Reformen erst ermöglichte. In der indischen Geschichte gab es sowohl vor Akbar als auch nach Akbar jeweils einen Hof mit neun Juwelen: zum einen den des legendären Königs Vikramaditya (dessen Lebensdaten nicht  als gesichert gelten) und zum anderen den von Krishnachandra Roy (st. 1783)

Die neun Edelsteine

Folgende Gelehrte, Künstler und Verwaltungsexperten waren die neun Edelsteine am Hofe Akbars:

  • Faizî, bedeutender Poet
  • Abû l -Fazl, Berater und Autor des Akbarnâma
  • Todar Mal, Finanzminister
  • Mullâh Dô Piâza, Religiöser Berater, Vertreter des orthodoxen Islam
  • ‚Abd ul-Rahîm Khan-e Khânân, Poet, Autor, Verwaltungsberater
  • Raja Man Singh, General, Militärberater
  • Tansen, Musiker
  • Faqir Aziao Dîn, Mystiker, Berater
  •  Birbal, Premierminister

‚Abd ul-Rahîm

Seit seiner Kindheit lebte ‚Abd ul-Rahîm am Mogulhof, sein Vater war Akbars berühmter Ziehvater Bairam Khân (st. 1561). Seine Mutter war die Tochter eines Rajputenfürsten aus Mewat (heute: Harayana). Die Dynastie dieser Rajputen konvertierte erst unter Humâyûns Herrschaft zum Islam- und Humâyûn war es auch, der die Ehe zwischen Bairam Khân und Jamâl Khâns Tochter arrangierte, um seine eigene Herrschaft in der Region zu festigen. ‘Abd ul-Rahîm wurde 1556 in Lahore geboren. Später lebten er und seine Eltern aber in Agra am Mogulhof – ‘Abd ul-Rahîm wuchs im Harem auf. Als Bairam Khân 1561 in Ungnade fiel, verließen er und seine Familie Agra. Zwischenzeitlich hatte Bairam Khân ja Akbars Cousine Salîma Sultân Begum zur zweiten Frau genommen – auch diese schien mit Bairam Khân Agra in Richtung Mekka verlassen zu haben. Nach Bairam Khâns Ermordung berichten die Quellen, dass Salîma zusammen mit ‘Abd ul-Rahîm nach Agra zurück kehrten – von Bairam Khâns erster Frau ist nicht mehr die Rede.

Salîma heirate bekanntermaßen Akbar, wodurch ‚Abd ul-Rahim Akbars Stiefsohn wurde. Er wurde am Mogulhof erzogen, hatte aber bereits in frühester Kindheit sowohl Elemente der (hinduistischen) Rajputen-Kultur seiner Mutter als auch die turksprachige Kultur seines Vaters kennen gelernt. Er beherrschte sowohl Persisch als auch Sanskrit so gut, dass er in beiden Sprachen Verse schrieb. Berühmt wurde er auch durch die Übersetzung des Bâbur-nâmas, der Autobiographie von Akbars Großvater Babur, vom Chagatai-Türkischen ins Persische.

Der Dichter

Obwohl ‘Abd ul-Rahîm von Geburt aus Muslim war und auch als Muslim erzogen wurde, verehrte er die hinduistische Gottheit Krishna sehr. Dieses wird in seinen Zweizeilern (dohas) deutlich. Dabei interpretierte er häufig religiöse Symbole, die aus dem Volksglauben bekannt waren und sind. Aus diesem Grund kennt man bis heute viele dieser Zweizeiler.

Ein Zweizeiler (den ich aus dem Englischen übersetze), gefiel mir gut (Sumita Roy: Poet Saints of India, S. 57) :

Rahim beobachtet, dass der Kuckuck zu Beginn der Regenzeit leise wurde- Die Frösche lärmen jedoch herum, so dass der Dichter fürchtet, dass man die Worte der anderen nicht mehr vernimmt.

Neben seinen Aktivitäten als Dichter verfasste ‘Abd ul-Rahîm auch zwei Werke zur Astrologie. Überhaupt interessierte er sich für die Landschaften, Tiere und Pflanzen in Indien und schrieb häufig Gedichte über diese Themen. Seine umfangreiche Bibliothek, die er in Ahmedabad (Gujarat) errichtete, enthielt einige Schriften zu diesen Themen.

Neuer Herrscher – der Khân-e Khânân in Ungnade

An Akbars Hof hatte ‘Abd ul-Rahîm seinen Ehrentitel Khân-e Khânân („Fürst der Fürsten“) erhalten. Er war nicht nur Hofdichter, sondern auch als Verwaltungs- und Militärexperte gefragt. Als Akbar 1605 nach fast 60 Jahren Herrschaft starb, hatte ‚Abd ul-Rahîm zunächst unter Dschahângîr weiterhin eine hohe Stellung inne. Doch obwohl Dschahângîr den Khân-e Khanân seit seiner Jugend kannte, misstraute er ihm – und umgekehrt hielt ‘Abd ul-Rahîm wohl auch nicht viel von Akbars Nachfolger Prinz Salîm.

Die Situation endete jedoch in einer blutigen Tragödie: Dschahângîr ließ  die beiden Söhne ‘Abd ul-Rahîms hinrichten, um seine Machtstellung deutlich klarzumachen. Mutter der beiden Getöteten war übrigens Mah Bano, eine Tochter von Akbars zweitem Ziehvater Atga Khân. Die Quellen sagen uns leider nichts darüber, wie ‘Abd ul-Rahîm nach diesen Ereignissen weiterhin mit und für Dschahângîr arbeiten konnte.

Als es jedoch zwischen Dschahângîr und seinen Söhnen zum Machtkampf kam, wandte sich ‘Abd ul-Rahîm vom Herrscher ab: Als 1622 die persische Armee Kandahar eroberte, wurde Prinz Khurram (der spätere Schâh Dschahân) vom Khân-e Khânân unterstützt und beraten.

Dschahângîr schrieb darüber in seiner Autobiographie (Waqâ’î-ye Dschahângîrî, zitiert nach Edwardes / Garnett: The Mughal Rule in India, New Delhi 1995, S. 63):

Khan Khanân, der die außerordentliche Ehre hatte, mein Lehrer zu sein, wurde nun zu einem Rebell. Im seinem 70. Lebensjahr wurde sein Gesicht schwarz vor Undankbarkeit. Allerdings war er schon von Natur aus ein Verräter und Rebell. Sein Vater (Bairam Khan) hatte sich meinem Vater gegenüber in derselben schamlosen Weise verhalten. Er folgte nun dem Weg seines Vater und entehrte sich selbst im hohen Alter. (Übersetzung aus dem Englischen CP).

Khurram unterlag jedoch seinem Vater, ‘Abd ul-Rahîm fiel – wieder einmal – in Ungnade.

‘Abd ul-Rahîm konnte es nicht sehr gut ertragen, seinen Einfluss am Hof verloren zu haben – was ihn aber neben dem Verlust seiner beiden Söhne wirklich bedrückte, war der Verlust seiner finanziellen Mittel, mit denen er auch andere Menschen unterstützt hatte. So schrieb er (Roy: Poet Saints of India, S. 59):

Freunde, sucht nicht meine Gesellschaft. Dieser Rahim ist nicht der alte Rahim. Nun lebt er unglücklicherweise selbst vom Betteln.

Dschahângîr  konnte aber scheinbar erneut nicht lange auf ‘Abd ul-Rahim verzichten und  holte den Khân-e Khânân erneut an den Hof. Zermürbt von den Machtspielen am Hof starb der Khân-e Khânân 1627 mit 71 Jahren.

Er wurde im Mausoleum bestattet, dass er selbst in Delhi für seine Frau hatte errichten lassen. Dieses befindet sich nicht weit vom Grab des berühmten Heiligen Nizamuddin Auliya. 1999 habe ich dieses Grabmal einmal fotografiert, aber leider habe ich die Bilder nicht zur Hand. Da muss ich doch wohl wieder tätig werden….

Angaben zum Beitragsbild: Das Bild zeigt den Khân-e Khânân.- By Hashim (Freer and Sackler Gallery) [Public domain], via Wikimedia Commons.

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

Schon mal einen Ney-Spieler gehört? – Hier ist einer!

https://youtube.com/watch?v=A6bqkkaL1z4%3Fversion%3D3

Manche Musik ist wirklich alt. Sehr alt. Wie alt diese Musik ist, kann ich nicht sagen. Doch das Instrument, das hier gespielt wird ist in seiner Art sehr, sehr alt. Auf Wikipedia findet sich über den Künstler dieses: Hassan Kassai war ein Musiker und spielte klassische persische Musik. Er spielte die Ney, eine traditionelle Flöte […]

über Ostad Hasan Kassai — Tristan Dzikowski

„Tage der Freude“ – der Meena Bazar am Mogulhof

Am Mogulhof wurden Feste und Feierlichkeiten immer besonders prunkvoll gefeiert, so z.B. Holi, Diwali oder das Islamische Neujahr Nourûz. Die Feierlichkeiten wurden am Hof sowohl von Hindus als auch Muslimen, von Männern und Frauen begangen. Feste und Feierlichkeiten brachten und bringen im Idealfall die Menschen zusammen.

Am Mogulhof gab es eine Feierlichkeit, die speziell für die Frauen des Harem angelegt war: der Meena Bazar. Das Besondere daran war, dass die Frauen des Harems sowohl Waren kauften als auch verkauften. Außerdem waren Frauen von Händlern zu diesem Anlass zugelassen. Alle Frauen mussten an diesem Tag keine Verschleierung (purdah) tragen.

Als männliche Besucher kamen lediglich der Kaiser selbst, die Prinzen sowie einige besondere ranghohe Mitglieder des Hofes in Frage. Eine weitere Besonderheit war, dass die meisten Einnahmen für wohltätige Zwecke gespendet wurden.

Es ist nicht ganz klar, welcher Mogulherrscher den Meena Bazar eingeführt hat. Eine eindeutige Humâyûn-nâma von Humâyûns Schwester Gulbadan Begum (st. 1603)  lesen wir (S. 226), dass es häufiger zu bestimmten Anlässen Bazare nur für Frauen gab. Die Stände der Bazare waren besonders geschmückt und beleuchtet, die Stoffe und Dekorationen kamen zum Teil sogar aus Europa. Die Bazare waren auch schon unter Humâyûn als „glückliche Tage“ (khush rûz) bekannt – eine Bezeichnung, die es auch später noch gab.

Unter Akbars Herrschaft schrieb der Chronist Abu l-Fazl (st. 1602) in seiner Chronik ‘Ain-i Akbarî, dass diese Art von Bazar als „Akbars Bazar“ bekannt sei. Er führte weiter aus:

Am dritten Festtag jedes Monat veranstaltete Seine Majästät eine Versammlung, um etwas über die wundervollen Dinge auf dieser Welt herauszufinden. Die Kaufleute sind bestrebt, daran teilzunehmen und die Waren kommen aus aller Welt. Die Bewohner des Harems Seiner Majestät nehmen teil, und die Frauen der Kaufleute sind ebenso eingeladen. es wird eifrig gekauft  und verkauft. Seine Majestät nutzt diese Tage, um Dinge zum Kauf auszuwählen oder die Preise festzusetzen – auf diese Weise trägt das Ereignis zu seinem Wissen bei.

Während in dieser Quelle davon die Rede ist, dass der Bazar regelmäßig jeden Monat stattfand, schildern andere Quellen, dass der Meena Bazar hauptsächlich am Persischen Neujahrfest Nourûz stattfand.

Es ist auch davon die Rede, dass der Herrscher gelegentlich ein Motto bekannt gab, unter dem der ganze Meena Bazar stattfand. Dieser wurde somit zum Wettbewerb der Damen des Harems um die Aufmerksamkeit des Herrschers.

Überhaupt schien das ja auch einer der Zwecke des Meena Bazars zu sein: die Frauen des Harems konnten sich beim Herrscher in Erinnerung bringen – und die anwesenden Prinzen und Mitglieder der Hofelite schauten nach potentiellen Kandidatinnen für ihren Harem. Eine Diskussion über Rechte der Frauen spare ich mir an dieser Stelle….

Die Literatur schildert jedoch eine besondere Begegnung im Meena Bazar des Jahres 1607: dort begegnete der junge, erst 16-jährige Prinz Khurram (der spätere Herrscher Schâh Dschahân) Arjumand Begum (später: Mumtâz Mahal, st. 1631), der Tochter eines Ministers von Dschahângîr. Das Taj Mahal sollte zum Symbol der Liebesgeschichte der beiden werden, die im Meena Bazar angefangen hatte.

Interessant ist noch eine Sache: nicht nur die muslimischen Prinzessinnen nahmen am Meena Bazar teil, auch die Frauen der Rajputen. Daher beeinflusste sich z.B. der Modegeschmack der Frauen gegenseitig:. So trugen auch die Frauen der Rajputen Kleidung, wie sie bei den Frauen der Moguln üblich waren – dies lässt sich anhand der Malerei aus dieser Zeit belegen. Der Meena Bazar war also eine wichtige soziale Institution des Mogulhofes, die auch zeigte, dass die Frauen des Harem über eine eigene wirtschaftliche Macht verfügten. Weitere Forschungen zu diesem Thema sind allerdings notwendig.

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

Das Beitragsbild zeigt ein weibliches Mitglied der Elite am Mogulhof (17. Jh.). Es unterliegt der Wikimedia Commons License.

Unsere Beiträge zur Geschichte der Moguln: ein Überblick

In den letzten Jahren haben Susanne Kurz und ich einige Seminare an den Universitäten von Bochum und Tübingen (das gilt für Susanne Kurz) zur Geschichte der Moguln unterrichtet. Deshalb sind auf unserem Blog schon so einige Beiträge über die Moguln zusammen gekommen. Hier ist ein Überblick:

Zu den ersten Mogulherrschern:

Thronfolgeregelungen (nicht nur Moguln)

Timuriden und der Bruderkrieg – Humâyûn

Akbars Lieblingstante Gulbadân Begum

Humâyûn und Hamîda Bâno Begum

Humâyûns dritte Ehefrau Mâh Chûchak

Humâyûns Ehefrau / Akbars (Stief-)Mutter Bega Begum

Zu Akbar:

Akbar und sein Bruder Mirzâ Hakîm

Mirzâ Hakîm als Symbol des Widerstandes gegen Akbar

Wie sah Akbar „wirklich“ aus?

Mogulgeschichte – TV-Ereignis – Jodha Akbar

Akbars Amme und Premierministern Mâham Anga

Akbars Amme Jîjî Anga und Akbars Wunder

Akbars Milchbruder Mirzâ ‚Azîz Koka

Adham Khans Todessturz

Bairam Khân

Atga Khân

Salîma Sultân Begum

Ruqaiya Begums Grab in Kabul

Gott ist groß oder Gott ist Akbar?

Akbars Nachkommen

Akbars Sohn Murâd

Akbar und seine Beziehung zu islamischen Mystikern

Die neun Juwelen I: ‘Abd ur-Rahîm Khân-e Khânân

Die neun Juwelen II: Tansen

Die neun Juwelen III  Abû l-Fazl

Akbars Tod

Akbars Grabmal in Sikandra

Akbar und die „Kopfsteuer“

Akbars Kriegselefanten

Akbar als heilender Kaiser

Maryam uz-Zamânî – Akbars christliche Ehefrau? 

Akbar und der Skandal um Daulat Shâd

Zu Salîm – Jahângîr / Dschahângîr

Jahângîr und seine Schwestern 

Alkoholismus – Ambiguitätstoleranz

Die Anarkali-Legende

Salîm und sein Bruder Dâniyâl

Säufer und Ästhet

Pflanzen in den Memoiren Jahângîrs

Salîm und die Ehe mit seiner Cousine Mân Bai

Salîm und seine 20. Ehefrau Nûr Dschahân

Nûr Dschahân – die Frau hinter Salîm

Kurtisanen am Mogulhof

Akbar, Dschahângîr und der Umgang  mit der Familie aus Kabul

Dschahângîr, seine Frau Sâliha und die Astrologie

Die Pest in Agra und Dschahângîrs Memoiren

Nûr Jahân Begums Tochter Lâdlî Begum heiratet Jahângîrs Sohn

Zu Khurram (Shâh Jahân / Schâh Dschahân)

4 Dinge, in denen Schâh Dschahân erster war

Das Taj Mahal

Dschahânâra als „First Lady“ an der Seite ihres Vaters

Dschahânâras Unfall und der Bericht darüber in der islamischen Welt

Die „gefährlichen Liebschaften von Schâh Dschahâns Töchtern

Zu Festen und Feierlichkeiten am Mogulhof

Holi am Mogulhof

Ostern am Mogulhof

Ostern an Akbars Hof

Nourûz 2016

„Das wichtigste aller Feste“ – Nourûz 2017

Der Meena Bazar

Diwali: Das Festival der Lichter am Mogulhof

Zu Kulturellem und Religiösem am Mogulhof

Hammam (nicht nur Moguln)

Hunde am Mogulhof

Tulpen aus Kaschmir

Jesus-Bilder am Mogulhof

Ostern in Lahore

Geschenke am Mogulhof 

Der Diamant Koh-i-Noor in Indien

1597: Eine Weihnachtskrippe in Lahore

 

Unser Beitragsbild zeigt Akbar nach einem Bild des berühmten Malers Manohar, der  bis ca. 1624 als Maler aktiv war. Es unterliegt der Wikimedia Commons License.

„Skinheads“ und biedere Bürger – gegensätzliche Modelle des Sufilebens

Da Sie spätestens seit vorletzter Woche über Techniken und Gemeinschaften des Sufismus oder der islamischen Mystik informiert sind, können wir uns jetzt den Gegensätzen und Skandalen zuwenden.

Es gab nämlich nicht nur Bruderschaften, die sich in einem mittleren Spektrum aufhielten und sich vor allem in Detailfragen voneinander unterschieden, sondern auch krasse Gegensätze.

Die „Skinheads“ aus der Überschrift nannte man qalandar. Sie kennen den Begriff vielleicht aus den Geschichten aus 1001 Nacht, wo gelegentlich einmal „Kalender-Derwische“ auftreten – je nach Übersetzung in dieser oder einer anderen Schreibweise.

Die Qalandars waren keine Bruderschaft, sondern eine Bewegung, die sich im frühen 13. Jahrhundert von Iran aus nach Westen ausbreitete. Sie zogen ständig umher, bestritten ihren Lebensunterhalt durch Bettelei, rasierten Kopf-, Gesichts- und Körperhaare ab und brachten Eisenringe am Körper an. Sie waren also nicht nur „Skinheads“, sondern auch gepierct. 😉

Doch am problematischsten für breite Teile der Gesellschaft, aber auch für andere Sufis war, daß die Qalandars die religiösen Vorschriften bewußt mißachteten. Zum Beispiel unterließen sie das fünf Mal am Tag zu vollziehende Ritualgebet und hielten das Ramadan-Fasten nicht ein.

Diese Ablehnung der rituellen Pflichten wird von manchen als Fortsetzung einer früheren sufischen Denkschule betrachtet, die davon ausging, daß man der Eitelkeit jegliche Grundlage entziehen müsse, wenn man wirklich eine innere Nähe zu Gott gewinnen wolle.

Wie sollte das aber gelingen, wenn andere Menschen einem wegen der eigenen Frömmigkeit Respekt zollten? Der beste Ausweg war, sich eben nicht an die anerkannten Regeln zu halten, so daß man nicht respektiert oder gar bewundert, sondern getadelt und verachtet wurde.

Inwieweit die Qalandars tatsächlich Erben dieser Auffassung waren, ist jedoch umstritten. Denn für die ältere Bewegung war Selbsterniedrigung zentral, während die Qalandars eher als Freigeister beschrieben werden.

Am anderen Ende des Spektrums, der Qalandariyya-Bewegung völlig entgegengesetzt, stand die Bruderschaft der Naqschbandiyya (die es übrigens heute noch gibt). Sie entstand im 14. Jahrhundert im persophonen Zentralasien und fand später Verbreitung bis nach Indien und Kleinasien.

Ein prominenter Vertreter der Naqschbandiyya-Bruderschaft ist der persische Dichter Dschâmî (st. 1492), der während der größten kulturellen Blüte der Stadt in Herât lebte. Er war eng mit dem Timuridenhof verbunden, und die Naqschbandîs hatten auch grundsätzlich nichts gegen Nähe zu den Machthabern einzuwenden – was für Sufis und Religionsgelehrte keineswegs selbstverständlich war.

Einen Gegensatz zur Qalandariyya-Bewegung bildet die Naqschbandiyya aber vor allem deshalb, weil ihre Mitglieder streng auf die Einhaltung der religiösen Vorschriften achteten. Außerdem legten sie Wert darauf, einer Arbeit nachzugehen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen, statt ihn sich wie die Qalandars zusammenzubetteln.

Generell war es den Naqschbandîs wichtig, sich in die Gesellschaft einzubringen, während manche anderen Sufis und Asketen sich aus ihr zurückzogen oder sich – wie die Qalandars – sogar ihren Regeln und Konventionen entzogen und ihre Mitbürger brüskierten.

Zu dieser gesellschaftskonformen Ausrichtung der Naqschbandiyya paßte auch, daß sie das Gottesgedenken (dhikr) stumm ausführten und anstrebten, inmitten der Alltagsgeschäfte und in Gesellschaft anderer Menschen mit dem Bewußtsein bei Gott zu verweilen. Die Prinzipien, nach denen sich die Naqschbandîs richteten, erinnern denn auch sehr an das, was heute unter dem Schlagwort „Achtsamkeit“ zusammengefaßt wird.

Naqschbandîs standen also voll im Leben, verhielten sich ganz wie biedere Bürger, ja, ihre Scheiche mischten sogar immer wieder in der Politik mit oder übernahmen sogar selbst die Herrschaft über ihre Region. Gleichzeitig übten sie sich aber in ständigem Gottesgedenken, Achtsamkeit und Gedankenkontrolle.

So unterschiedlich konnte Sufismus aussehen. Und es gab noch eine ganze Reihe von Schattierungen dazwischen sowie Gegensätze in anderen Aspekten.

Bildnachweis

Beitragsbild: Tanzende Derwische an Rûmîs Mausoleum in Konya
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: User:Intension
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

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Von Scheichen und Adepten – Bruderschaften und Läuterungsmethoden

Hinrichtung des Hallâdsch (Handschriftenillustration um 1600)

In meinem letzten Beitrag zum Sufismus haben Sie erfahren, daß die Sufis versuchten, eine direkte Gotteserfahrung herbeizuführen. Im besten Fall sollte diese in eine Einheitserfahrung münden, bei der sich das Ich des Sufis völlig im Wesen Gottes auflöst.

Diese höchste Stufe des mystischen Erlebens erreichten freilich nicht viele Sufis. Wer es schaffte, konnte in üble Schwierigkeiten geraten. Denn dieses Erlebnis verführte zu drastischen Aussagen, wie sie zum Beispiel der Bagdader Mystiker al-Hallâdsch (st. 922) getätigt hat. Er äußerte seine mystische Verzückung in dem berühmten Ausspruch: „Anâ l-haqq – Ich bin die absolute Wahrheit (d.h.: Gott)“.

Das kam bei den streng monotheistischen Zeitgenossen nicht besonders gut an. Daß er tatsächlich als „Ketzer“ hingerichtet wurde hat aber wahrscheinlich noch ganz andere Gründe. Restlos geklärt ist die Sache nicht.

Der göttliche Funke und die Entstehung der Bruderschaften

Im großen und ganzen vertrug sich die Mystik aber ganz gut mit dem Hauptstrom des sunnitischen Islam. Ab dem Ende des 11. Jahrhunderts verbreitete sich der Sufismus denn auch stärker in der Bevölkerung. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts entwickelten sich außerdem neue Ideen.

Man nahm jetzt aus den gnostischen Strömungen den Gedanken auf, daß es einen göttlichen Funken im Menschen gebe, der durch die Läuterungstechniken der Sufis befreit und zu seinem Ursprung zurückgeführt werden müsse.  Yahyâ as-Suhrawardî (st. 1191) entwickelte die einflußreiche Lehre der Erleuchtung (ischrâq), die von Gott als dem absoluten Licht ausgeht. Erst die Erleuchtung durch dieses göttlichd Licht ermöglicht es dem Licht im Menschen, sich von der Materie zu befreien.

Um dieselbe Zeit beginnen die Sufis auch langsam, sich in Bruderschaften oder „Orden“ zusammenzuschließen. Sicher nachweisen lassen sich solche Bruderschaften ab dem 13. Jahrhundert, und im 14. Jahrhundert erreichten sie eine Blütezeit.

Was wir als „Bruderschaft“ oder „Orden“ wiedergeben heißt auf arabisch tarîqa und bedeutet soviel wie „Weg“ oder „Methode“. Man spricht auch vom „mystischen Pfad“, den die Adepten, also die Sufi-Schüler beschreiten. Diese Bezeichnung wurde auf die Bruderschaften übertragen, in denen sich Menschen versammelten, um diesen Pfad zu beschreiten.

Dabei bildeten sich feste Rituale der Einweihung, Läuterungs- und Meditationsübungen heraus. Sie sind eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale der verschiedenen Bruderschaften.

Gottesgedenken und Musikveranstaltungen

Das „Gedenken Gottes“ (zekr, arab.: dhikr) praktizierten zwar alle Bruderschaften als zentrale Meditationsübung. Doch die dabei verwendeten Anrufungen Gottes und Formeln unterschieden sich ebenso wie die Einstellung zum Hören von Musik und Dichtung und zum Tanz.

Manche Bruderschaften lehnten die letztgenannten Methoden ab, manche nutzten sie, um Trancezustände herbeizuführen. Dabei gab es auch Unterschiede, in welcher Form Musik und Tanz ala zulässig und zielführend betrachtet wurden.

Musik und Tanz zogen durchaus beißende Kritik und Spott von außerhalb der Bruderschaften auf sich. Bei unfreundlicher Betrachtung konnte man den Einsatz von Musik, Liebesdichtung und Tanz nämlich als Hingabe an sinnliche Genüsse auslegen. Zumal dann, wenn ein hübscher Jüngling anwesend war, dessen Schönheit man betrachtete, um sich in in die Wunder von  Gottes Schöpfung zu vertiefen oder sich die Schönheit Gottes symbolisch zu vergegenwärtigen.

Auch in der Frage, ob das Gottesgedenken laut oder leise, zu eigens festgesetzten Gelegenheiten oder beständig während der Alltagsgeschäfte durchgeführt werden sollte, unterschieden sich die Bruderschaften.

Dasselbe gilt für die Einstellung zum Broterwerb und Besitz und zur Einmischung in Politik und gesellschaftliche Angelegenheiten. Von Armut und sogar Bettelei bis zu ganz normalem Arbeitsleben, von völligem Rückzug bis hin zum Wirken an Herrscherhöfen und sogar zur Ausübung politischer Herrschaft durch die Scheiche gab es alle denkbaren Schattierungen.

Scheiche und Adepten

Gemeinsam war den Bruderschaften jedoch, daß sie von einem Oberhaupt geleitet wurden, das man auf arabisch Scheich, auf persisch Pîr nannte. Beides bedeutet „alter Herr“. Alter ist in diesem kulturellen Umfeld eine Eigenschaft, die Respekt hervorruft. Der Scheich weihte Schüler oder Adepten nach einem festgelegten Ritual in die Bruderschaft ein. Die arabische Bezeichnung für den Adepten ist murîd (persische Aussprache: morîd). Das heißt: jemand, der etwas anstrebt – nämlich das unmittelbare Gotteserleben.

Der Schrein des ʿAbd al-Qâdir Jîlânî (Gründervater der Qâdiriyya-Bruderschaft)

Im Rahmen der Einweihung schwor der Adept dem Scheich, dessen Anweisungen widerspruchslos zu folgen. Dafür begleitete der Scheich seine Fortschritte auf dem mystischen Pfad, indem er Erlebnisse wie Träume und Visionen deutete und dem Adepten Übungen auftrug und ihn dabei anleitete.

Auch die aktuelle Position des Adepten auf dem mystischen Pfad, seinen maqâm – zu deutsch: „Standplatz“ – hatte der Scheich einzuschätzen, um passende Übungen auswählen zu können. Neben diesen Positionen, die den Entwicklungsstand des Adepten markierten und die er über einen längeren Zeitraum hinweg innehatte, gab es auch noch kurzfristige Zustände (hâl), zum Beispiel solche der Verzückung in einer Trance.

Dazu konnte es auch unter dem Einfluß von Gedichtvorträgen, Musik und Tanz kommen. Sie fanden in gemeinschaftlichen Sitzungen in den Zentren der Bruderschaften statt. Diese dienten auch dazu, Fremden Unterkunft zu gewähren und Speisen an die Armen auszuteilen. Die arabische Bezeichnung für so ein Zentrum lautet zâwiya, auf persisch heißt es chân(a)qâh und auf türkisch tekye oder tekke.

Gründerväter, „Gottesfreunde“ und „Gnadengaben“

Bezeichnet wurden die Bruderschaften meist nach einem berühmten früheren Sufi, der als Gründervater gilt. Auf ihn führten sich die Bruderschaften über eine „spirituelle Kette“ (selsele, arab.: silsila) von Scheichen zurück. Oftmals wird die Kette dann vom Gründervater über eine Reihe von Zwischengliedern auf den Propheten Muhammad zurückgeführt.

Allerdings haben die Gründerväter meist nicht selbst die Bruderschaft ins Leben gerufen, sondern ihr Schülerkreis oder sogar erst die auf die unmittelbaren Schüler folgende Generation schlossen sich zu einer organisierten Bruderschaft zusammen und benannten sie nach dem Lehrer, auf dessen Lehren sie sich beriefen. Ein Beispiel dafür ist die Moulaviyya-/Mevlevî-Bruderschaft, die sich auf Rûmî als ihren Gründervater beruft.

Berühmte sufische Meister wir Rûmî sind es auch, die gemeinhin als „Gottesfreunde“ bezeichnet werden. Auf arabisch nennt man sie auliyâ‘ (im Singular: walî), also Menschen, die Gott besonders nahe sind. Deshalb werden sie auf deutsch auch manchmal als „Heilige“ bezeichnet. Das ist wie immer, wenn man Begriffe aus einer Religion in die einer anderen überträgt, nicht ganz richtig und nicht ganz falsch.

Tatsächlich wurden den „Gottesfreunden“ sogenannte „Wunder“ zugeschrieben. Für unser Wort Wunder gibt es allerdings mehrere arabische Bezeichnungen, je nachdem, wer das Wunder zu welchem Zweck wirkt. Die Wunder großer Sufi-Scheiche nennt man „Gnadengaben“ (karâmât). Damit ist auch schon gesagt, daß es sich nicht um eine Eigenleistung des Scheichs handelt, sondern um eine Gabe Gottes, mit der er dem „Gottesfreund“ eine besondere Gnade erweist.

Grundsätzlich steht dahinter die Vorstellung, daß Gott alles, was geschieht, direkt bewirkt. Er tut dies aber nicht willkürlich, sondern folgt gewissen „Gewohnheiten“, die das Weltgeschehen für die Menschen berechenbarer machen. So ist es zum Beispiel einer Gewohnheit Gottes zuzuschreiben, daß etwas, was ich in der Hand halte und dann loslasse, in der Regel nach unten fällt.

Das bedeutet aber nicht, daß Gott nicht in der Lage wäre, seine eigene Gewohnheit zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu durchbrechen. Dieses „Durchbrechen der Gewohnheit“ ist es, was wir als Wunder wahrnehmen.

Anders als die Beglaubigungswunder der Propheten sollten die „Gnadengaben“ der Sufis übrigens nicht publik gemacht, sondern vielmehr geheimgehalten werden. Trotzdem werden solche Wunder aber regelmäßig in den Biographien der „Gottesfreunde“ berichtet, da sie die besondere Gottesnähe des betreffenden Scheichs verdeutlichen.

Bildnachweis

Beitragsbild: Tanzende Derwische an Rûmîs Mausoleum in Konya
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: User:Intension
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

Hinrichtung des Hallâdsch:
Quelle: Wikimedia Commons
Gemeinfrei/Public domain

Schrein des ʿAbd al-Qâdir Jîlânî:
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: VrMUSLIM
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

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Atga Khân: Akbars zweiter Ziehvater (Jodha Akbar)

In einem meiner älteren Beiträge zur indischen TV-Serie Jodha Akbar hatte ich bereits über Bairam Khân geschrieben, der in dieser Serie als grausamer Militärführer dargestellt wird. Auch für Akbars Grausamkeit wird Bairam Khân verantwortlich gemacht.

Demgegenüber gibt es einen weiteren einflussreichen Ratgeber Akbars, der in der Serie als weiser und loyaler Mann dargestellt wird. Atga Khân, manchmals auch Ataga Khân oder Ataka Khân geschrieben. Ataga Khân bedeutet im Chagatai-Türkischen, der Sprache Bâburs und auch Humâyûns, „Ziehvater“ – doch dazu später.

Atga Khân entstammte einfachen Verhältnissen, er wurde in Ghazni im heutigen Afghanistan geboren. Sein eigentlicher Name war Schams ud-Dîn Muhammad, was „Sonne der Religion“ bedeutet.

Kabul war ja zu diesem Zeitpunkt der Herrschaftsmittelpunkt der Mogulendynastie. Die Eroberungen in Indien konnten von Bâburs Sohn Humâyûn nicht dauerhaft gehalten werden – die Sur-Dynastie konnte eine Zwischenherrschaft in Indien errichten. Gleichzeitig versuchte in und um Kabul, Humâyûns Halbbruder Kamrân Mîrzâ die Macht zu ergreifen – unruhige Zeiten für Humâyûn… Zu dieser Zeit war Atga Khân nur ein einfacher Soldat in Humâyûns Armee.

Atga Khân – der Lebensretter

Doch dann kam der Augenblick, der Atga Khâns Leben und seiner Karriere eine Wendung gab. Als Humâyûn sich nach der verlorenen Schlacht von Kannauj im Jahr 1540 zurückzog, hatte er einen Unfall mit seinem Reitelefanten: Während er den Ganges überquerte, wurde er von seinem Elefanten abgeworfen und wäre beinahe ertrunken. Nur das schnelle Eingreifen des einfachen Soldaten Atga Khâns bewahrte Humâyûn vor dem Tod. Humâyûn machte Atga Khân zu einem seiner persönlichen Wachen. Im Laufe der Zeit konnte Atga Khân immer mehr das Vertrauen des Herrschers gewinnen.

Aus diesem Grund ließ Humayûn, der mehrere Niederlagen gegen Sher Schâh Surî erlitt und ins Exil nach Persien ging, seinen Sohn Akbar in Umerkot (heute Pakistan) zurück. Akbar wurde von Bairam Khân in der Kriegskunst ausgebildet und von Atga Khân erzogen und beraten.

Der Einfluss der Ammen

An dieser Stelle ist jedoch auch der weibliche Einfluss nicht zu unterschätzen: Von Akbars Amme Mahâm Anga, die später unter Akbars Herrschaft Premierminister wurde, war schon die Rede. Akbar hatte jedoch insgesamt fünf Ammen, von denen eine andere Jîjî Anga war – Atga Khâns Frau. Somit wuchsen Akbar, Mahâm Angas Sohn Adham Khan und Atga Khâns Mîrzâ ‚Azîz „Kokah“  im Harem zusammen als (Milch-) Brüder auf. Akbars Ammen beobachteten misstrauisch, wem Akbar am Hof eine bedeutende Stellung einräumte. Mahâm Anga war der zunehmende Einfluss der Familie Atga Khâns ein Dorn im Auge: Akbar machte seinen Ziehvater Atga Khân zum Minister (wakîl) am Hofe, während Adham Khân weiter als Militärführer ohne beratende Funktion tätig war, bei bedeutenden Entscheidungen aber ohne Einfluss blieb.

Diese Spannungen zwischen den Familien Jîjî Angas und Mahâm Angas schaukelten sich weiterhin hoch, bis im Jahr 1562 Mahâm Angas Sohn Adham Khân in Akbars Audienzhalle (dîwân-e ‚âmm) stürmte und Atga Khân ermordete. Obwohl Adham Khân ja Akbars Milchbruder war, ließ Akbar Adham sofort hinrichten: indem er ihn zwei Mal von der höchsten Stelle des Forts in Agra werfen ließ. Mahâm Anga starb nur knapp sechs Wochen nach ihrem Sohn.

Mîrzâ ‚Azîz Kokah ließ für seinen ermordeten Vater ein großes Grabmal in der Nähe des berühmten Sufi-Schreins von Nizâm ud-Dîn Auliyâ‘ (st. 1325) errichten. Er selbst hielt wichtige Ämter unter Akbar und dessen Sohn Dschahângîr inne. Zudem verheiratete er zwei seiner Töchter Söhnen Akbars aus Beziehungen mit seinen Dienerinnen bzw. Tänzerinnen.

Mirza_Aziz_Koka

Auch Adham Khâns Kinder (von drei Ehefrauen) heirateten weiterhin im Umfeld des Harem, eine Tochter von ihm heiratete sogar Akbar selbst, einer seiner Söhne heirate eine von Akbars Töchtern.

Das Beispiel von Atga Khân zeigt deutlich die Auseinandersetzungen verschiedener Gruppen und Familien im Harem und bei Hofe. Verbindungen und Allianzen zwischen Familien wurden oft über Generationen geschlossen und hielten trotz Belastungen auch Streitigkeiten und sogar Mord stand……

Das Beitragsbild zeigt den ‘Abd ul-Rahîm Khân, den späteren Khân-e Khanân, der als Kind am Hof Akbars vorgestellt wird. Bei dieser Vorstellung wird er von Atga Khân unterstützt. Das Bild unterliegt der Wikimedia Commons Lizenz.

Das zweite Bild zeigt Atga Khâns Sohn Mîrzâ ‚Azîz Koka. Auch dieses Bild unterliegt der Wikomedia Commons Lizenz.

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

Wie war das nochmal mit der Liebe? – Inhalte der islamischen Mystik

In meinen letzten Beiträgen über Rûmî und verschiedene Gedichtformen der persischen Poesie war immer wieder von der islamischen Mystik die Rede – und von einer mystischen Liebe, die allegorisch in den Bildern profaner irdischer Liebe beschrieben wird. Aber worum geht es eigentlich in der islamischen Mystik und was hat sie mit Liebe zu tun?

Sie haben vielleicht schon gelegentlich den Begriff „Sûfismus“ gehört. Claudia Preckel hat in ihrem letzten Beitrag über den Mogulherrscher Akbar und die Mystik bereits erklärt, daß dieses Wort möglicherweise von „sûf“ kommt. Das heißt „Wolle“, bezeichnet also das Material, aus dem die härenen Gewänder der frühen islamischen Mystiker bestanden. Die Träger dieser Gewänder nennt man dementsprechend „Sûfîs“ – mittlerweile eingedeutscht zu: Sufis.

Härene Gewänder trugen die frühen Sufis, weil es ihnen nicht nur ging, einen direkten inneren Zugang zu Gott zu finden, der über die formale Befolgung religiöser Vorschriften hinausging. Sie waren der Auffassung, daß dazu eine innere Läuterung nötig sei. Sprich: Man mußte seine eigene „Triebseele“ bändigen, und das ließ sich am besten durch Armut und Askese (arab.: zuhd) erreichen.

Auf die freiwillige Armut der frühen Asketen verweisen auch arabische und persische Bezeichnungen für Mystiker: faqîr heißt „der Arme“ auf arabisch (und ja, Fakir ist dasselbe Wort). Die persische Bezeichnung dürfte Ihnen bekannter sein: „der Arme“ wird auf persisch nämlich darvîsch genannt – zu gut deutsch also: Derwisch.

Allerdings wurden am Anfang (im 7.-8. Jahrhundert) nicht alle gottsuchenden Asketen Sufis genannt (und man müßte sogar diskutieren, ob „Mystiker“ eine korrekte Bezeichnung für sie ist). Zunächst waren die Sufis eine eigene Gruppe. Erst im 9.-11. Jahrhundert gingen sie in der Gesamtbewegung auf, und diese wurde nun als Sufismus oder Sufik (arab.: tasawwuf) bezeichnet.

In dieser Zeit gewann die islamische Mystik ein einheitlicheres Gesicht. Lehrbücher entstanden, man entwarf eine Seelenkunde, und es wurden Läuterungstechniken entwickelt, auf die ich in einem gesonderten Beitrag eingehen werde. Geschrieben wurde bis ins 10. Jahrhundert vor allem auf arabisch, danach gewinnen auch persische Werke immer größere Bedeutung.

Sufisches Werk, Handschrift aus dem 17. Jahrhundert

Ziel der Mystiker war es, eine unmittelbare Gotteserfahrung zu erreichen. Diese wurde oft als Erleben starker Liebesgefühle und Aufgehen im göttlichen Wesen empfunden. Ähnliche Erfahrungen werden bis heute aus tiefer meditativer Versenkung berichtet.

Der gedankliche Hintergrund hierfür war eine spezielle Auslegung des muslimischen Einheitsbekenntnisses (tauhîd), das besagt, daß es nur einen Gott gibt. Sie bestand darin, Gott als den einzigen wahren Akteur zu begreifen, während das menschliche Ich nur als Scheingebilde betrachtet wurde, das in Gott „entwerden“ sollte – der arabische Fachbegriff für dieses „Entwerden“ ist fanâ‘.

Mit anderen Worten: Nach dieser Auffassung existiert nur Gott wirklich und alles andere scheint nur von ihm abgetrennt zu sein, ist aber in Wahrheit Teil von ihm, also mit ihm eins. Das individuelle Ich des Menschen und sein Gefühl des Abgetrenntseins von anderen Wesen und Gott sind daher bloße Täuschung, die durch die Erfahrung der Einheit mit Gott aufgehoben werden soll. Man nennt diese Erfahrung auch „Einheitserlebnis“.

Dieses Erlebnis bildet den Gipfel dessen, was ein Mystiker erreichen kann, und wird als hochgradig beglückend empfunden. Mystiker haben immer schon mit der Herausforderung gerungen, dieses einzigartige Erlebnis angemessen in Worte zu fassen. Häufig waren sie der Auffassung, daß dies gar nicht möglich sei.

Versucht haben sie es aber dennoch immer wieder. Daraus sind großartige literarische Werke entstanden, die sich rhetorischer Mittel wie Allegorien bedienen und alle Register der Dichtung ziehen, um das Erleben ästhetisch fühlbar zu machen.

Da ein wesentliches Element des „Einheitserlebnisses“ die Empfindung allumfassender, alles durchdringender bedingungsloser Liebe ist, die als Ziel und Zweck der gesamten Existenz erscheint, bot sich natürlich die Liebespoesie als Ausdrucksform an.

Soweit ich weiß, ist in keiner Sprache die mystische Liebesdichtung so ausgeprägt und reichhaltig wie im Persischen. Deshalb liest sich mystische Dichtung auf persisch häufig wie Liebeslyrik – zumindest auf den ersten Blick. Und Liebeslyrik hat oft einen mystischen Nebensinn.

Doch damit befassen wir uns in einem der folgenden Teile dieser Mini-Serie über die islamische Mystik.

Bildnachweis

Beitragsbild: Tanzende Derwische an Rûmîs Mausoleum in Konya
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: User:Intension
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

Handschriftenbild im Text:
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: Danieliness
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

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