Kurtisanen am Mogulhof – mehr als nur Prostituierte?!

Prostitution gilt als das „älteste Gewerbe“ der Welt – doch unabhängig vom Geschäft mit dem Sex gab es weltweit eine Gesellschaftsschicht der Prostituierten, die über eine hohe soziale Anerkennung verfügte. Als Beispiel seien die griechischen Hetären oder die japanischen Geishas zu nennen. Aber auch in Indien gibt es bereits mehrere Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung Berichte über königliche Kurtisanen, die sich ebenso wie diejenigen aus anderen Kulturen durch einen hohen Bildungsstand auszeichneten.

Mit der Eroberung Südasiens durch muslimische Herrscher etablierte sich auch eine „Kurtisanen-Kultur“ an den Höfen. Diese Frauen waren, obwohl häufig (zunächst) Sklavinnen, nicht ohne politischen Einfluss. Ein Beispiel war die (ehemalige) Sklavin und Kurtisane des berühmten Herrschers des Dehli Sultanants Iltutmish, Shah Turkan.Sie erreichte einen großen politischen Einfluss, nicht zuletzt auch, weil sie Mutter eines Sohnes und damit möglichen Thronfolgers wurde. Diese Konstruktion des islamischen Rechts wurde umm walad („Kindsmutter“) genannt. Sie besagte, dass die Frau nach dem Tod ihres Besitzers ebenso wie das Kind frei war.

Bewohnerinnen des Harem

Sklavinnen und Kurtisanen lebten im Harem der Herrscher. Im Falle einer Schwangerschaft wurden die Kinder nicht von ihren Müttern erzogen, sondern z.B. am Hofe Akbars von einer „rechtmäßigen“ Ehefrau, mit der der Kaiser einen Ehevertrag nach islamischem Recht (nikâh) eingegangen war. So wurden Murâd und Danyâl, die wohl beide Söhne von Kurtisanen waren, von Königin Salîma bzw. Maryam uz-Zamânî erzogen. Einige der Kurtisanen wurden ebenfalls bereits im Harem geboren und von den anderen Kurtisanen erzogen. Andere wuchsen in Bordellen auf und kamen später an den Hof. Entführungen und Sklavenhandel waren weitere Arten, auf die Frauen zu Kurtisanen wurden.

Bewahrerinnen der Kultur

Wichtig war, dass diese Frauen weit mehr als einfache Prostituierte waren. Sie hatten eine gründliche Ausbildung in Poesie, Gesang, Malerei und Tanz genossen. Somit waren sie bezüglich der Bildung den meisten „ehrbaren“ Frauen und vielen Männern überlegen. Im 19. Jahrhundert, also unter den letzten Mogulherrschern, war es üblich, dass die jungen Männer der islamischen Höfe ebenfalls zu Kurtisanen gingen, um die „hohe Kultur“ (tahzîb) und die Poesie zu erlernen. Einige Forscher(innen), die sich mit der Kultur der Kurtisanen auseinandersetzen, sind der Ansicht, dass die „ehrbaren“ Frauen (also die Ehefrauen) die Bewahrerinnen der genealogischen Linie waren, die Kurtisanen jedoch die Bewahrerinnen der (indo-muslimischen) Kultur. Fakt ist, dass die Kurtisanen Tanz (z.B. kathak) oder Poesie (wie die Kunst des ghazals) beherrschten. Bei Begegnungen mit Kurtisanen ging es eben nicht nur um Sex.

Das Ende der Kurtisanenkultur

Mit dem Beginn der britischen Kolonialherrschaft ab Mitte des 18. Jahrhunderts änderte sich die Situation. Vor allem ab 1857/58 haben die Briten mit ihren viktorianischen Moralvorstellungen dafür gesorgt, dass die Kurtisanen-Kultur beendet wurde. Kurtisanen und Sklavinnen mussten die Paläste verlassen und wurden zu gewöhnlichen Prostituierten. Die Briten zogen häufig das Vermögen der Kurtisanen ein – oder unterwarfen die Kurtisanen dem britischen Steuersystem. Diese Steuerlisten sind teilweise erhalten und geben ein Zeugnis davon ab, wie vermögend berühmte Kurtisanen waren. Später mussten Tänzerinnen, Prostituierte und Kurtisanen sich registrieren und sich regelmäßig untersuchen lassen. Die Briten begründeten diesen Schritt damit, dass britische Militärangehörige vor der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten geschützt werden müssten. Dass die Briten selbst sich diesen Untersuchungen nicht unterziehen mussten, soll hier nicht weiter kommentiert werden.

Neuere Forschungen zum Harem

Insgesamt liegen uns zu wenige Originalquellen vor, in denen das Leben der Kurtisanen geschildert werden – und die vorhandenen Quellen wurden von Männern geschrieben. Dazu kommen die Quellen, die von europäischen Männern, in denen von der Erotik und Exotik des Harems die Rede ist – oder auf der Leinwand zu sehen ist.

Von der Handlungsfreiheit („agency“) der Kurtisanen ist erst in neuen Forschungsarbeiten, z.B. von Roby Lal, die Rede. Diese Forschungen müssen unbedingt weiter geführt werden. Ich denke, ich werde sicherlich noch mehrere Blogbeiträge zu machen, um auch solche Berichte vorzustellen.

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

3 Kommentare

  1. Die Quellenlage ist ja leider häufig ein Problem bei den Teilen der Geschichte, die sich nicht um mächtige Männer drehen… Umso spannender finde ich es, wenn sich dann eben doch jemand mit gerade diesen Aspekten beschäftigt. Ich würde mich sehr freuen, in diesem Blog mehr darüber zu lesen!

  2. Pingback: Unsere Beiträge zur Geschichte der Moguln: ein Überblick | Persophonie: Kultur-Geschichte

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