Dschahânâras Unfall und Heilung: der “öffentliche” Fallbericht von Akbars Urnkelin

In meinem letzten Beitrag habe ich beschrieben, wie die Urenkelin des Mogulherrschers Akbar (st. 1605) Dschahânâra Begum (st. 1681) nach dem Tod ihrer Mutter zur “First Lady” an der Seite ihres Vaters Schâh Dschahân wurde. Auch die Errichtung des Taj Mahal, das Schâh Dschahân für Mumtâz Mahal errichten ließ, wurde von ihr beeinflusst. Im Streit um die Thronfolge, der schon zu Schâh Dschahâns Lebzeiten ausbrach, versuchte Dschahânâra zu vermitteln und hatte auch darüber hinaus großen politischen und künstlerischen Einfluss.

Der Unfall Dschahânâras

Kurz nach Dschahânâras 30. Geburtstag, am 11. April 1644, wurde am Hof das Persische Neujahrsfest Nourûz gefeiert. Der ganze Palast war zu diesen Anlass festlich geschmückt und erleuchtet. Durch unglückliche Umstände fingen die Gewänder von Dschahânâra Feuer. Rasch breitete sich der Brand aus, beim Versuch, Dschahânâra zu helfen, wurden zwei Dienerinnen getötet.

Die Begum selbst trug schwere Brandverletzungen an ihrem Rücken, ihren Händen, aber auch an ihrer vorderen Körperseite davon. Große Teile ihrer Haut waren völlig verbrannt, es war zunächst unklar, ob Dschahânâra überhaupt überleben würde.

Die Suche nach Heilung Dschahânâras

Sofort nach dem Unfall begannen die hakîms, die Praktizierenden der Unani Medicine, (tibb-i yûnânî) mit der Behandlung Dschahânâras. Die Therapien nahmen insgesamt 20 Monate in Anspruch, und zwischendurch gab es – wie zu sehen sein wird – auch einige Rückschläge.

Schâh Dschahân war untröstlich, dass seine Tochter derartig leiden musste. Umgehend nach dem Unfall ließ er in seinem ganzen Reich nach Heilmitteln für schwere Verbrennungen suchen. Dabei zog er nicht nur Experten der Unani Medicine zu Rate, sondern auch Praktizierende des Ayurveda.

Normalerweise erfolgte eine Behandlung von Frauen durch hakîms unter Beachtung der Regeln der “Abschirmung” (Urdu: pardah/purda): Die Patientin befindet sich hinter einem Vorhang, zur Diagnose kann der hakîm die Hand der Patientin halten und den Puls fühlen. Zur weiteren Diagnose wird häufig eine Urinprobe abgegeben. In Dschahânâras Fall wurde mit dem purda-System gebrochen. Zahlreiche Mediziner untersuchten die Patientin persönlich, wechselten Verbände und trugen Heilmittel auf.

Schâh Dschahâns Besorgnis

Schâh Dschahâns Besorgnis um seine Tochter ging jedoch noch weiter. Er zeigte ähnliche Anzeichen von Trauer wie beim Tod seiner Frau Mumtâz Mahal 13 Jahre zuvor: er vernachlässigte seine Regierungsgeschäfte und zog keine Prunkgewänder mehr an.

Zudem forderte Schâh Dschahân alle muslimischen Mystiker auf, für die Genesung Dschahânâras zu beten. Er ließ mehrere Tage lang Almosen an die Bevölkerung verteilen. Außerdem passierte etwas Ungewöhnliches: in einem Erlass nahm Schâh Dschahân eine vorher getroffene Entscheidung zurück und forderte seine Untertanen auf, ebenfalls für Dschahânâra zu beten. Zudem ließ er einige Gefangene frei. Auch diesen Erlass verknüfte er mit der Aufforderung, Gebete für seine Tochter zu sprechen. Weiterhin wurden täglich Almosen an Bedürftige verteilt. Mit diesen Aktionen wollte der Herrscher – seiner Ansicht nach – begangenes Unrecht wiedergutmachen und Dschahânâra davor bewahren, für seine (eventuellen) Sünden bestraft zu werden.

Dschahânâras teilweise Genesung

Nachrichten über Dschahânâras Gesundheitszustand wurden jedoch nicht nur in Indien verbreitet. Schâh Dschahân ließ Almosen nicht nur an seine Untertanen verteilen, sondern sogar in Mekka. Gleichzeitig, also nach der teilweisen Genesung Dschahânâras nach 8 Monaten, ließ er 50.000 Rupien in Medina verteilen. Dschahânâra sandte zusammen mit den Münzen und anderen Gütern eine Kerze, die sie selbst gestaltet und mit Juwelen verziert hatte. Diese sollte am Grab des Propheten Muhammad aufgestellt werden, um die Verbundenheit der Moguln mit den Heiligen Stätten des Islam zu betonen.

Nachdem es bereits eine 8-tägige Feier vier Monate nach dem Unfall gegeben hatte, wurde die teilweise Genesung Dschahânâras nach 8 Monaten und 8 Tagen ausgiebig gefeiert. Dschahânâra konnte erstmals nach ihrem Unfall wieder persönlich anwesend sein. Es wurden nicht nur kostbare Gewänder, Schmuck und an die Mitglieder des Hofstaates verteilt, sondern Dschahânâra wurde gegen Gold aufgewogen – und das Gold wurde an die Bedürftigen verteilt. Dieser Brauch war für gewöhnlich nur dem Herrscher selbst vorbehalten – er wurde an seinem Geburtstag aufgewogen.

Auch diese Zeremonie zeigte letztendlich, wie wichtig Dschahânâra für den Mogulhof hatte. Sie genoß eine Handlungsfreiheit, wie sie ansonsten nur die Männer des Hofes hatten. Der Fallbericht über Dschahânâras Unfall und ihre Verletzungen verbreitete sich in Indien und der Islamischen Welt. Dieses stand im Gegensatz zur sonstigen Abgeschiedenheit des Harem und dem System der purda.

Sogar in mehreren Gedichten wurde Dschahânâras Unfall und ihre Heilung thematisiert (Zitiert nach A. Bokhari: Gendered Landscapes, S. 104, Übersetzung aus dem Englischen von C.P.). Hier das Beispiel eines Gedichten von Abû Tâlib Kalîm:

Das Feiern Deiner Gesundheit ist besser als der Frühling für die Welt, Dein Wohlergehen ist das Ornament des Gartens der Erde. Aus jeder Ecke der Welt mögen die Hände der Menschen beim Gebet wie ein Schutz dienen – wie Wimpern. In den Grenzen der Kerze waren die Flammen ruhelos – und in ihrer Ruhelosigkeit griffen sie auf Dein Gewand über. Der Funken und die Flamme erhielten Ehre und Würde durch das Berühren Deines noblen Gewandes. Die Kerze schämte sich, und die Motte verließ sie voller Abschau für das Verbrechen, Dich zu verbrennen. Du bist das Meer voller Gnade, und Deine Blasen sind die Perlen, die durch das Feuer wertvoll wurden.

Erst nach 20 Monaten erlangte Dschahânâra ihre Gesundheit vollständig wieder – ihr Körper blieb allerdings bis zu ihrem Tod von Narben gezeichnet.

Das Beitragsbild zeigt ein Portrait Dschahânârâs aus dem Jahr 1635. Es ist Public Domain.

Literatur: Afshan Bokhari: Gendered Landscapes‘: Jahan Ara Begum‘s (1614-1681) Patronage, Piety and Self-Representation in 17th C Mughal India‖. Dissertation, Universität Wien, 2009.

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