Keine Geschwisterliebe – Razia Sultan (st. 1236) und ihr Bruder Mu’izz ud-Dîn

Dass die Beziehungen zwischen Geschwistern kulturübergreifend in vielen Familien schwierig sein können, hatte ich ja bereits in meinem Beitrag über die Streitigkeiten am indischen Mogulhof zwischen Kronprinz Salîm (dem späteren Herrscher Dschahângîr, st. 1627) und seinem Bruder Dânyâl (st. 1605).

Auch bereits dreihundert Jahre vorher, unter der Herrschaft des Sultanats von Delhi kam es zu heftigen Auseinandersetzungen um die Nachfolge Sultan Iltutmishs (st. 1236). Iltutmish, einst selbst ein Militärsklave, hatte den Thron (masnad) von seinem Schwiegervater Qutb ud-Dîn Aibek geerbt und die Herrschaft der Sklavendynastie gefestigt.

Die türkische Elite

Iltutmishs Herrschaft wurde durch die sogenannten Chihalgani ( Turkân-e Chihâlgânî, “die Gruppe der 40”) entscheidend gefestigt. Die Chihalgani war ein Rat aus 40 Verwaltungs- und  Militärsklaven, die die wichtigsten Ämter im Staat übernahmen. Ohne ihre Zustimmung konnte – wie wir noch sehen werden – niemand Herrscher werden oder sich lange an der Macht halten.

Doch zurück zu Iltutmish und seinen Nachfolgern. Die Quellen berichten davon, dass Iltutmish nicht viel von seinen drei Söhnen Nasîr ud-Dîn, Rukn ud-Dîn und Mu’izz ud-Dîn hielt und der Ansicht war, dass seine Tochter Razia Sultan über größere Fähigkeiten verfügte als seine Söhne. Als Nasîr ud-Dîn überraschend noch vor seinem Vater vertarb, war es Iltutmishs Plan, Razia Sultan zu seiner Nachfolgerin zu bestimmen. Als Iltutmish 1236 starb, wurde jedoch nicht Razia, sondern Rukn ud-Dîn Sultan. Rukn ud-Dîn, Sohn Iltutmishs und der Kurtisane Shâh Turkân, hatte zu diesem Zeitpunkt die Unterstützung der Chihalgani und konnte Herrscher werden.

Herrschaft und Ermordung Razia Sultans

Sowohl Razia als auch Mu’izz ud-Dîn gaben ihre Herrschaftsansprüche auf den Thron Delhis nicht auf. Das Schicksal der Thronanwärter lag jedoch auch in den Händen der Chihalgani. Rukn ud-Dîn verlor bereits sechs Monate, nachdem er zum Sultan geworden war, die Zustimmung der türkischen Elite. Grund dafür waren offensichtlich sein unberechenbares Verhalten sowie seine Verschwendungssucht. Die Chihalgani beschlossen also die Ermordung Shâh Turkâns und Rukn ud-Dîns und Razias Thronbesteigung im Jahr 1236. In dieser Frage der Herrschaft von Frauen  waren die türkischen Notabeln uneins – einige befürworteten eine Herrscherin, andere nicht. Diese schlugen sich zum Teil auf die Seite abtrünniger Provinzherrscher, gegen die Razia erfolgreich einen Krieg führte.

Andere Mitglieder der Chihalgani rebellierten nicht offen gegen Razia, sondern unterstützten heimlich Mu’izz ud-Dîn.

Als der Statthalter von Lahore 1240 gegen Razia rebellierte, zog Razia mit ihrem Ehemann Malik Altunia, dem Herrscher von Bathinda, gegen ihn. Doch Mu’izz ud-Dîn unterstützte den Statthalter von Lahore und schickte Malik Tigin mit seinen Truppen gegen Razia und Altunia. Diese wurden geschlagen und auf der Flucht nach Delhi von Malik Tigins Truppen ermordet.

Mu’izz ud-Dîn bestiegt 1240 nach dem Tod seiner Geschwister den Thron von Delhi. Er wurde unter seinem Thronnamen Mu’izz ud-Dîn Bahrâm Schâh bekannt. Obwohl er Sultan war, wissen wir leider sehr wenig über ihn. Schon alleine über seine Mutter ist nichts bekannt.

Ein schwacher Herrscher

Das Bild von Mu’izz ud-Dîn, das in der TV-Serie Razia Sultan von ihm gezeichnet wird, ist wenig schmeichelhaft:  er wird als völlig verweichlichtes Muttersöhnchen dargestellt – die Ursachen dafür seien, so die Serienmacher,  in der späten Schwangerschaft der Mutter sowie in deren Alkoholkonsum während dieser Zeit zu sehen. Zu derartigen Behauptungen gibt es keine Belege in den wenigen vorhandenen Quellen. Die Person hinter dem Sultan Mu’izz ud-Dîn bleibt blass.

Während die Quellen über Mu’izz ud-Dîns Bruder Rukn ud-Dîn sehr ausführlich berichten und dessen Verschwendungssucht und Geltungsdrang anprangern, finden sich über Mu’izz ud-Dîn solche Informationen nicht. In der vielleicht bedeutendsten Quelle über die Zeit des Delhi Sultanats – dem Reisebericht (“Rihla“) des marrokaninischen Gelehrten Ibn Battûta (st. 1377) – erscheint Mu’izz ud-Dîn gar nicht erst.

Auch in der wichtigen Quelle Tabaqât-e Akbarî von Nizâm ud-Dîn Ahmad (st. 1621) bleiben die Informationen über ihn nur schemenhaft (engl. Übersetzung B. De, Calcutta 1927, Bd. 1, 78 ff.).

Auffällig sind seine engen Beziehungen zu den Chihalgan, den türkischen Notabeln. Mu’izz ud-Dîns Schwester war mit Malik Ikhtiyâr ud-Dîn verheiratet, der wohl in Wahrheit die Regierungsgeschäfte für Mu’izz führte.

Ein Vorfall verdeutlicht jedoch auch die Befindlichkeiten Mu’izz ud-Dîns. Sein Schwager Malik Ikhtiyâr ud-Dîn soll an den Toren seines Palastes regelmäßig einen großen Kriegselefanten angebunden (und somit der Öffentlichkeit gezeigt) haben. Dieses sei jedoch dem Sultan vorbehalten gewesen.

Mu’izz ud-Dîn ud-Dîn fühlte sich dadurch in seiner Ehre als Sultan gekränkt und ließ Malik Ikhtiyâr ud-Dîn von den anderen Chihalgan ermorden.

Er selber erlitt jedoch dasselbe Schicksal. Im Dezember 1241 überfiel der mongolische Herrscher Ögedei Khân (st. 1241), ein Sohn Dschingis Khâns, die Stadt Lahore (heute Pakistan), die Stadt Lahore. Lahore gehörte zu diesem Zeitpunkt ebenfalls zum Delhi Sultanate. Bevor die mongolischen Truppen wieder abzogen, zerstörten sie die Stadt und ermordeten unzählige Bewohner.

Mu’izz ud-Dîn war zu schwach, um Lahore zu schützen und zu verteidigen. Die Turkân-e Chihalgan ließen Mu’izz ud-Dîn daraufhin 1242 ermorden. Sein Nachfolger wurde sein Neffe, Alâ ud-Dîn Mas’ud, der Sohn von Rukn ud-Dîn. Dieser herrschte immerhin vier Jahre.

Insgesamt wird hier wieder deutlich, dass es nicht selbstverständlich war, dass ein Herrscher sich aus eigener Kraft an der Macht halten konnte – und dass es auch am Hof des Delhi Sultanats viele unterschiedliche Interessengruppen gab.

Beitragsbild:

Das Beitragsbild zeigt eine sehr seltene von Mu’izz ud-Dîn herausgegebene Münze. Es unterliegt der Wikimedia Common License.

Mohammed Tariq [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons.

Literatur:

Siehe die Hinweise im Beitrag

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