Osterspecial: Wie steht der Islam zu Jesus? (Gastbeitrag von Claudia Preckel)


Jesus, auf Arabisch ‚Îsâ Ibn Maryam, wird im Koran häufig erwähnt und nimmt unter den Propheten des Islam wie auch Abraham oder Moses eine bedeutende Rolle ein. Jesus ist der vorletzte in der Reihe der Propheten vor Muhammad, der im islamischen Glauben der letzte der Propheten, das Siegel der Propheten, ist.

Über seine Rolle sagt Jesus selbst gemäß koranischer Überlieferung: „Ich bin der Diener Gottes. Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Propheten gemacht.“ (Sure 19:30). Auch über seine Wunder und vor allem über seine Heilungen wird im Koran berichtet.

Was ist der Unterschied zwischen islamischer und christlicher Sichtweise auf Jesus?

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Islam und Christentum ist jedoch, dass der Islam zum einen Jesus zwar als Propheten, nicht aber als Sohn Gottes anerkennt. Die Vorstellung von der Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist ist dem Islam fremd und wird als Polytheismus, als Vielgötterei, interpretiert.

Auch die Vorstellung, dass Jesus durch sein Leid am Kreuz die Sünden der Menschen hinwegnimmt, ist dem Islam – der keine Erbsünde kennt – völlig fremd: nach islamischer Vorstellung wird jeder Einzelne sich vor Gott seinen Sünden stellen müssen.

Wird die Kreuzigung Jesu im Koran erwähnt?

Ja, und dabei ist die 4. Sure des Koran von besonderer Bedeutung. Sie bestreitet nicht, dass es generell zu Lebzeiten Jesu Kreuzigungen gegeben habe, aber negiert, dass es Jesus war, der gekreuzigt wurde.

In Sure 4, Vers 157 geht es um die „ahl al-kitâb“, die Leute des Buches, in diesem Falle die Juden, die vielfach alle Verträge mit den Muslimen gebrochen und sie getäuscht hatten:

(…) und weil sie sagten: „Wir haben Christus Jesus, den Sohn der Maria und Gesandten Gottes, getötet.“ – Aber sie haben ihn in Wirklichkeit nicht getötet und sie haben ihn auch nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen ein anderer ähnlich (so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und ihn töteten). (…) Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet (d.h. sie können nicht mit Gewissheit sagen, dass sie ihn getötet haben).

Schwierig ist in diesem Koranvers die Interpretation des Arabischen „schubbiha lahum“, was eigentlich heißt: „er oder es wurde für sie ähnlich gemacht“. Der Ausdruck ist im Deutschen auch als „er (Gott) hat ihnen ähnlich gemacht“ oder als „sie verfielen einer Täuschung“ übersetzt worden, wobei ebenso wie in der islamischen Theologie keine Antwort auf die Frage gegeben werden kann, wer in dieser Sache wen getäuscht hat. Die oben genannte Übersetzung von Rudi Paret als „ihnen erschien ein anderer ähnlich“ nimmt die heute unter den Muslimen am weitesten verbreitete Theorie auf: nicht Jesus wurde gekreuzigt, sondern ein anderer Mann.

Darüber, wer für Jesus den Kreuzigungstod gestorben sein soll, gibt es zahlreiche Interpretationen: ein römischer Soldat, ein Mensch, der von Gott im Augenblick der Kreuzigung geschaffen wurde, oder Judas, der für seinen Verrat bestraft wurde. Nach anderen Interpretationen war es ein Freiwilliger unter seinen Jüngern, dessen Äußeres von Gott zu dem von Jesus verwandelt wurde. Man hielt diesen Jünger für Jesus und kreuzigte ihn. Diese als Substitutionstheorie bekannte Interpretation ist wie erwähnt die bekannteste.

Die Ahmadiyya-Bewegung aus Südasien wurde durch die Interpretation bekannt, dass Jesus die Kreuzigung überlebte und von seinen Jüngern vom Kreuz genommen und gepflegt wurde. Nach seiner Genesung sei er nach Indien gewandert und habe dort unter den Verlorenen Stämmen Israels gepredigt. Mit 120 Jahren sei er dort gestorben. Da die Ahmadiyya von vielen Muslimen als nicht-islamische Sekte betrachtet wird, hat sich diese Deutung nicht durchgesetzt.

Eine dritte Deutung – die sich ebenfalls nicht durchgesetzt hat – beinhaltet, dass Jesus lebendig aus der Mitte seiner Jünger in den Himmel gehoben wurde, während die Feinde Jesu glaubten, diesen getötet zu haben.

Die Himmelfahrt Jesu

In Sure 4, Vers 158 wird ausdrücklich überliefert, dass Jesus zu Gott in den Himmel erhoben wurde: „Nein, Gott hat ihn zu sich (in den Himmel) erhoben. Gott ist mächtig und weise. “

Nach der gängigsten theologischen Ansicht ist Jesus dabei lebendig (hayy) gewesen: so – nämlich lebendig – habe Muhammad ihn während seiner eigenen Himmelsreise (mi’râdsch) im zweiten Himmel gesehen.

Der erwartete Messias

Die Mehrheit der sunnitischen Theologen stimmt darin überein, dass Jesus als der erwartete Messias (al-massîh al-maw’ûd) während der erwarteten Endzeit vor dem Jüngsten Gericht auf die Erde zurückkehren wird und den Mahdi (den „Rechtgeleiteten“) bei seinem Kampf gegen den „Antichristen“ (dadschdschâl) unterstützen wird. Während dieser Zeit wird Jesus sich nach koranischer Vorstellung zum Islam bekennen und seiner Rolle als Prophet gerecht werden: Er wird kommen, das Kreuz zerbrechen, das Schwein töten und die Kopfsteuer abschaffen.

Auch wegen dieser erwarteten Rolle Jesu in der Endzeit ist es undenkbar für Muslime, dass Jesus einen Tod am Kreuz gestorben ist: ein Tod, den Gott nur für Verbrecher, nicht aber für seine Propheten vorgesehen hat.

Literatur

M. Ullmann: Das Motiv der Kreuzigung in der arabischen Poesie des Mittelalters.
Wiesbaden: Harrassowitz, 1995.

Zur Ahmadiyya:
M.A. Faruqi: The Crumbling of the Cross. Lahore, 1973.

Zur Auseinandersetzung zwischen Ahmadiyya und sunnitischen Gruppierungen im Indien des 19. Jh. :
C. Preckel: Islamische Bildungsnetzwerke und Gelehrtenkultur im Indien des 19. Jahrhunderts: Muhammad Siddīq Hasan Hān (st. 1890) und die Entstehung der Ahl-e hadīt-Bewegung in Bhopal. Bochum 2005.
Link: http://www-brs.ub.ruhr-uni-bochum.de/netahtml/HSS/Diss/PreckelClaudia/

Dr. Claudia Preckel arbeitet als Islamwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum in demselben DFG-Projekt wie die Blogbetreiberin. Erreichbar ist sie unter: Claudia.Preckel@rub.de.

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12 Kommentare zu „Osterspecial: Wie steht der Islam zu Jesus? (Gastbeitrag von Claudia Preckel)“

  1. In der (m.W. chronologisch letzten) Sure des Korans „Der Tisch“ (Sure 5) steht im Vers 17 ebenfalls etwas über Jesus:

    « Wahrlich, ungläubig sind diejenigen, die sagen: „Allah ist der Messias, der Sohn der Maria.“ »

    Vielleicht kann die Autorin des Gastbeitrags, Claudia Preckel, darüber aufklären, wie dieser Satz zu verstehen ist.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  2. Gerne doch, Eckhardt Kiwitt! Ich brauchte jedoch erst einmal die Osterferien 🙂 –
    Also, Rudi Paret übersetzt – Ungläubig sind diejenigen, die sagen, „Gott ist Christus, der Sohn der Maria“ – aber dieses kommt natürlich auf dasselbe heraus, nämlich:
    -Ablehnung der göttlichen Eigenschaften Jesu: Jesus ist und bleibt ein normaler Mensch ohne göttliche Eigenschaften
    -Ablehnung der christlichen Lehre von Jesus als Gottes Sohn – und damit wieder seiner göttlichen Eigenschaften
    – die Lehre von Jesus als Sohn der JUNGFRAU Maria wird NICHT angegriffen
    Insgesamt ist der Koranvers eine weitere Ablehnung der christlichen Lehre der Trinität und fügt sich in das oben Gesagte ein.
    Die Ablehnung von Jesus als Messias (massih) bezieht sich auf die christliche Heilslehre und schließt NICHT die Vorstellung von Jesus als (islamischem) Messias (al-massih al-maw’ud) in der islamischen Endzeitvorstellung mit ein – doch das ist ja eine andere – ebenfalls sehr spannende Diskussion!

    Beste Grüße,

    Claudia Prekel

  3. Danke Claudia Preckel ‚Gulabo‘ !

    Auch wenn Rudi Paret die Worte ein wenig anders übersetzt, so bleibt doch stehen, dass in diesem Vers Menschen als „Ungläubige“ bezeichnet werden („Ungläubig sind diejenigen, die sagen, …“).
    Das ist für mich der Punkt.

    By the way, ich habe damit nicht die Absicht, eine Religion zu verteidigen; ich wurde – wie jeder Mensch – als Atheist geboren und bin mangels Alternativen dabei geblieben (kann mich allenfalls mit den ersten sieben Worten des isl. Glaubensbekenntnisses in deutscher Übersetzung anfreunden: «Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt.»).

    Herzlichen Gruß
    Eckhardt Kiwitt, Freising

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