Schadscharat ad-Durr: Die “Razia Sultân” Ägyptens!?

In meinem heutigen Beitrag beschäftige ich mich einmal nicht schwerpunktmäßig mit Indien, sondern mit Ägypten. Dort regierte, etwa zur selben Zeit wie Razia Sultan im Sultanat von Delhi (reg. 1236-1240), eine Frau in Ägypten: Schadscharat ad-Durr (manchmal auch Schdschar ad-Durr, Shajar ad-Durr), Arabisch für “Perlenbaum”.

Schadscharat ad-Durrs Herkunft

Über Schadscharat ad-Durrs Herkunft ist so gut wie nichts, wir kennen weder ihr Geburtsdatum noch ihren Geburtsort. Einige meinen, dass sie griechischer, türkischer, zentralasiatischer oder armenischer Abstammung war. In allen Quellen wird sie als sowohl besonders attraktiv als auch als sehr intelligent und ehrgeizig beschrieben. Letzteres werden wir dann vor allem in Bezug auf den Umgang mit ihren beiden Ehemännern sehen.

Es ist wahrscheinlich, dass Schadscharat ad-Durr als Geschenk an ihren ersten Ehemann, Sâlih al-Ayyûb (st. 1249), übergeben wurden. Sâlih al-Ayyûb war der sechste Sultan dieser kurdisch-stämmigen Dynastie, die vom berühmten Saladin (st. 1193) begründet wurde.

Schadscharat ad-Durr bekam einen Sohn, Khalîl, von Sâlih und war danach als Umm Khalîl, Mutter von Khalîl, bekannt. Sâlih entließ Schadcharat ad-Durr aus der Sklaverei und heiratete sie. Khalîl konnte die Nachfolge seines Vaters niemals antreten, denn er starb bereits im Kindesalter.

Sâlih hatte wie sein berümter Vorgänger Saladin militätirisch im wahrsten Sinne des Wortes an mehreren Fronten zu kämpfen. Schon innerhalb seiner eigenen Dynastie hatte Sâlih etliche Feinde – und er misstraute seinem eigenen Sohn (von einer Kurtisane) Tûrân Schâh. Damit dieser sich nicht in die ägyptische Politik einmischte, hatte Sâlih Tûrân Schâh als Gouverneur in das Gebiet der heutigen Türkei geschickt.

Schadscharat ad-Durr und der sechste Kreuzzug

Sâlih Ayyûb hatte bereits negative Erfahrungen mit den Soldaten des fünften Kreuzzuges gemacht – er war einige Zeit Gefangener der französischen Soldaten gewesen. 1249 ereichte der sechste Kreuzzug unter der Führung des französischen Königs Ludwig IX. die ägyptische Küste. Der Plan war, zunächst die Küstenstädte zu erobern und über Kairo ins Heilige Land zu gelangen, alle christlichen Gefangenen zu befreien und die muslimische Herrschaft zu schwächen oder zu beenden.

Die Kreuzfahrer konnten eine kurze Schlacht in der Hafenstadt Damiette gewinnen, und planten nun, weiter ins Land vorzurücken. Ludwig IX. wusste in dieser Situation nicht, dass sein Gegner Sâlih während des Marsches gegen die feindlichen Truppen plötzlich verstorben war (in einigen europäischen Quellen ist davon die Rede, dass er vergiftet wurde).

Schadscharat ad-Durr – die “heimliche” Herrscherin

Sâlih hatte während seiner Abwesenheit Schadscharat ad-Durr zur Bevollmächtigen gemacht. In den Quellen ist davon die Rede, dass Sâlih für Schadscharat ad-Durr einige leere Dokumente mit seiner Unterschrift zurückgelassen hatte – und Schadscharat ad-Durr scheute sich nicht, diese Dekrete im Namen ihres Mannes zu nutzen. Sie wollte auf jeden Fall verhindern, dass die ägyptischen Truppen durch den Tod ihres Herrschers demoralisiert würden.

Obwohl ihr verstorbener Ehemann seinem Sohn Tûrân Schâh misstraute, sorgte Schadscharat ad-Durr dafür, dass ihr Stiefsohn zum Sultan ernannt wurde. Eventuell erhoffte sie sich, dass sie ihn leichter manipulieren konnte als einen anderen Herrscher.

Schadscharat ad-Durr und die Mamluken

Eine wichtige Rolle bei der weiteren Entwicklung spielten ab diesem Zeitpunkt die Mamluken, die zumeist turk-stämmigen Militärsklaven. Sie waren seit ihrer Kindheit für den Militärdienst ausgebildet worden und galten als besonders aktiv im Kampf.

Sâlih Ayyûb hatte mehrere Garnisonen mit Mamluken aufgebaut, die ihm treu ergeben waren. Die Mamluken unterstützten Schadscharat ad-Durr bei der Durchsetzung von Tûrân Schâhs Ansprüchen – was sich eventuell unter anderem mit Schadscharat ad-Durrs turk-stämmigen Herkunft erklären lässt.

Tûrân Schâh schaffte es, nach Kairo zu kommen, die Herrschaft über Ägypten anzutreten und sich mit seiner Armee den Kreuzfahrern entgegen zu stellen. Es gelang ihnen, die Armee zu besiegen und sogar Ludwig IX. gefangen zu nehmen. Hinter den Kulissen verhandelte auch Schadscharat ad-Durr mit den Franzosen über die Freilassung des Königs und anderer christlicher Gefangener.

Schadscharat ad-Durr behielt auch in dieser Zeit die Kontrolle über die Staatsfinanzen, die ihr ihr verstorbener Mann Sâlih Ayyûb anvertraut hatte. Tûrân Schâh versuchte beständig Schadscharat ad-Durr zu überreden, ihm die Finanzgewalt zu übertragen, doch sie weigerte sich beharrlich. Innerhalb weniger Monate hatte sich Tûrân Schâh mit Schadscharat ad-Durr und den Mamluken völlig überworfen, so dass die Mamluken ihn schließlich 1250 ermordeten: die Mörder überraschten den ahnungslosen Sultan beim Essen und verletzten ihn schwer. Er konnte in einen Holzturm am Ufer des Nils flüchten – doch die Mamluken setzten diesen in Brand. Um sich zu retten, sprang Tûrân Schâh in den Nil, doch die Mamluken zogen ihn aus dem Wasser und enthaupteten ihn.

Die Ermordung Tûrân Schâhs 1250 durch die Mamluken. Französische Miniatur, Guillaume de Saint-Pathus: Vie et Miracles de Saint Louis, um 1330–1350. Das Bild unterliegt der Public Domain Lizenz.

Schadscharat ad-Durr als unabhängige Herrscherin

Nach dem grausamen ihres Stiefsohns Tûrân Schâhs, an dem Schadscharat ad-Durr nach Ansicht einiger Zeitgenossen nicht unschuldig war, waren sich die Mamluken einig, Schadscharat ad-Durr zur Herrscherin zu ernennen.

Schadscharat ad-Durr konnte sich während ihrer Herrschaft Anerkennnung verschaffen – so wurde ihr Name – erstmalig und einmalig für eine Frau in Ägypten – während der Freitagspredigt (khutba) in der Moschee genannt. Sie verteilte auch Ehrengewänder an die Eliten des ägyptischen Sultanats. Ein besonderer Beweis für ihre Wichtigkeit sind jedoch die Münzen, die mit ihrem Namen versehen waren.

Dinar mit dem Namen Schadscharat ad-Durrs – Das Bild unterliegt der Public Domain Lizenz

Sowohl Schadscharat ad-Durr als auch Razia Sultan waren in der Lage, Münzen in ihrem Namen prägen zu lassen – was als absoluter Herrschaftsbeweis gilt. Obwohl beide Frauen im könglichen Harem lebten, schafften sie es, als Herrscherinnen an die Spitze eines Sultanats zu gelangen. Interessanterweise waren beide Herrscherinnen auf die Unterstützung der Mamluken angewiesen, die sich in der Mitte des 13. Jahrhunderts als die neuen Herrscher erwiesen – sowohl in Indien als auch in Ägypten.

Leider hatten sowohl Razia Sultan als auch Schadscharat ad-Durr auch sehr mächtige (männliche) Gegner. Während Razia Sultan vier Jahre über das Sultanat von Delhi herrschte, konnte Schadscharat ad-Durr nur 80 Tage über Ägypten herrschen.

Warum Schadscharat ad-Durr bereits nach 80 Tagen zurück treten musste und wie sie dennoch ihren Einfluss auf die ägyptische Politik wahrte, berichte ich in meinem nächsten Blogbeitrag.

Literatur

Mernissi, Fatima: The Forgotten Queens of Islam. Cambridge 1993.

Nicholson, Helen: The Crusades. London 2004.

Schregle, Götz: Die Sultanin von Ägypten. Šaǧarat ad-Durr in der arabischen Geschichtsschreibung und Literatur. Wiesbaden 1961.

Das Beitragsbild zeigt eine Darstellung Schadscharat ad-Durrs aus einem arabischen Buch, Autor unbekannt – es unterliegt der Public Domain Licence 2.0

+++ Hier gibt es einen Überblick über unsere Beiträge zum Sultanat von Delhi ++++

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