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Vom persischen Flüchtling zur Mogulkaiserin: die Karriere der Nûr Dschahân

Nachdem ich kürzlich über die erste (unglückliche) Ehe Dschahângîrs mit Mân Bai gebloggt hatte, soll es heute um die zwanzigste Ehe des Mogulherrschers mit Nûr Dschahân (st. 1645) gehen.

Deren Karriere kann nur als erstaunlich betrachtet werden, denn sie umfasste nicht nur politische Entscheidungen, sondern auch die Finanzverwaltung des Hofes, architektonische Großprojekte und künstlerische Fähigkeiten.

Dabei sah es zunächst nicht so aus, als ob das Schicksal gut mit Nûr Dschahân meinte. Die Eltern von Mehr un-Nisâ‘, wie Nûr Dschahân eigentlich hieß, waren persische Adelige. Ab 1501 hatten die Safawiden in Persien die Herrschaft übernommen und den schiitischen Islam zur Staatsreligion erhoben. Die Folge davon war, dass zahlreiche Mitglieder der herrschenden Eliten das Land verließen und in Indien am Mogulhof Zuflucht suchten. So auch Mehr un-Nisâ’s Vater Mîrzâ Ghiyâs (Ghiyâth) Beg und ihre Mutter ‚Asmat Begum.

Flucht nach Indien

Ihre Flucht nach Indien verlief sehr abenteuerlich. ‚Asmat Begum Mutter war hochschwanger mit ihrer Tochter, drei weitere Kinder waren mit dabei. Die Familie hatte sich einer Karawane von Kaufleuten angeschlossen, von der sie sich Schutz und Sicherheit erhoffte. Die Karawane wurde allerdings überfallen – und das gesamte Vermögen der Familie bis auf zwei Reittiere gestohlen. Nur mit Hilfe des Karawanenführers konnte die Familie die Reise fortsetzen. 1577 kam Mehr un-Nisâ‘ in einem sarâ’î bzw. einer Karawansarai nahe Kandahar (heute Afghanistan) zur Welt. Die Familie setzte die Reise anschließend vor.

Es ist wahrscheinlich, dass der Karawanenführer derjenige war, der Ghiyâs Beg und seine Familie am Mogulhof Akbars, vorstellte. Ghiyâs Beg erlangte schnell einen großen Einfluss bei Hof und erhielt den Beinamen I’timâd ad-Daula (Stütze des Reiches).

Die erste Ehe

Aufgrund seines Einflusses konnte Ghiyâs Beg seine Tochter Mehr un-Nisâ‘ verheiraten – und zwar mit einem Mann, der ebenfalls ein persischer Flüchtling war: ‚Alî Qûlî, der später den Beinamen Sher Afghân erhielt. Die 17-jährige Mehr un-Nisâ‘ – so erzählt es die Legende – soll nicht glücklich in der Ehe mit dem wahrscheinlich wesentlich älteren Sher Afghan gewesen sein. Der von Akbar angeordneten Eheschließung konnte sich jedoch wohl keiner der Beteiligten entziehen. Mehr un-Nisâ‘ brachte 1605 ihr einziges Kind, eine Tochter namens Ladlî Begum, zur Welt. Auch diese wird später im Hofleben noch von Bedeutung sein.

Interessant – vor allem im Hinblick auf die spätere Ehe mit Dschahângîr – ist jedoch folgendes: Mehr un-Nisâ’s Ehemann und auch Teile ihrer Familie haben noch zu Akbars Lebzeiten die Rebellion von Akbars Enkel Khushraw gegen seinen Vater Dschahângîr unterstützt: Khushraw wollte direkt seinem Großvater Akbar auf den Mogulthron folgen und seinen Vater in der Herrschaftsabfolge übergehen.

Dschahângîr fand nach Akbars Tod die Beteiligung Sher Afghâns an der Rebellion Khushraws gegen ihn heraus: und Sher Afghan wurde 1607 unter ungeklärten Umständen getötet.

Mehr un-Nisâ’s Bruder Âsaf Khân war jedoch ein enger Freund Dschahângîrs und konnte weitere Probleme für die Familie verhindern. Zudem war Âsaf Khâns Tochter Ardschumand Begum (die später den Beinamen Mumtâz Mahal erhielt) seit 1607 mit Dschahângîrs Sohn Khurram (dem späteren Herrscher Schâh Dschahân) verheiratet.

Die zweite Ehe mit Dschahângîr

Aufgrund dieser zahlreichen familiären Verflechtungen erscheint es mir persönlich als extrem zweifelhaft, dass sich Dschahângîr und Mehr un-Nisâ‘ wirklich erst am Nourûz-Fest 1611 erstmals sah.

Geheiratet wurde noch im selben Monat. Die Ehe, die für die Braut die 2., für den Bräutigam die 20. war, blieb kinderlos.

Innerhalb kürzester Zeit gelang es Mehr un-Nisâ‘, die nun den Beinamen Nûr Dschahân (Licht der Welt) erhielt, ihre Familie an weitere einflussreiche Positionen zu bringen und große Einkünfte zu erzielen.

Dschahângîr war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank: seine Opium- und Alkoholsucht ließen ihn nur noch selten die Regierungsgeschäfte lenken. Dokumente waren zum Teil nur dann gültig, wenn sie auch das Siegel Nûr Dschahâns trugen. Es ist wahrscheinlich, dass Nûr Dschahân, ihr Bruder und Khurram die Regierung des Reiches innehatten.

Für mich eine besonders spannende Geschichte ist, wie Nur Dschahân ihren Mann so manipulierte, dass er Treffen mit dem britischen Gesandten Sir Thomas Roe absagte bzw. den Briten keine Zusagen machte. Roe konnte die wahre Verantwortliche Nûr Dschahân nur schemenhaft hinter den Vorhängen der purdah erahnen, während er den Schmuck der Frauen wahrnahm. Nûr Dschahân war für den Briten ein Zeichen des dekadenten, sexuell ausschweifenden Orients mit seiner Korruption und den Palastintrigen. Auf der anderen Seite schrieb er, dass Nûr Dschahân als besonders schön und charmant galt.

Nûr Dschahân überlebte Dschahângîr um 18 Jahre, Jahre, in denen sie als Bauherrin, Designerin und (gescheiterte) Politikerin tätig war. Doch darum soll es in einem zweiten Blogbeitrag gehen.

Literatur Der Beitrag basiert vor allem auf

Nandini Battacharchya: Reading the splendid body. Newark u.a. 1998.

Beitragsbild: Nur Jahan, das Bild ist Public Domain

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

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