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Aus der Geschichte Irans und Afghanistans: Die überaus untertänigen Einwohner Reys

In der letzten Folge dieser Serie haben wir Mas’ûd in Rey (arabisch: Rayy) verlassen, dem antiken Raga, das heute im Süden Teherans liegt. Dorthin war er von Sepâhân (alter Name für Esfahân) gereist, nachdem er vom Tode seines Vaters und der Thronbesteigung seines Bruders Mohammad gehört hatte.

Zunächst hatte die Thronbesteigung seines Bruders Mas’ûd verunsichert, denn sein Vater Mahmûd hatte diesen Sohn am Ende seines Lebens anstelle von Mas’ûd zum Thronfolger bestimmt. Damit wollte sich Mas’ûd, der ein erfolgreicher Eroberer war, nicht zufrieden geben. Auch andere Verwandte und Würdenträger des Reiches ermutigten Mas’ûd durch Briefe, den Thron für sich zu beanspruchen.

Wirklich zuversichtlich wurde Mas’ûd allerdings erst, als auch der Abbasidenkalif al-Qâdir seine Anfrage damit beantwortete, daß er Mas’ûd als den rechtmäßigen Herrscher der in Westiran eroberten Gebiete und Thronfolger seines Vaters anerkannte. Das nämlich legitimierte Mas’ûds Streben nach dem Thron und stärkte damit seinen Anspruch erheblich.

Der Gesandte des Kalifen war in Rey bei Mas’ûd eingetroffen, der nun wohlgemut plante, rasch in Richtung Chorâsân aufzubrechen. Vorher wollte er sich allerdings noch vergewissern, daß die Einwohner Reys sich nicht in seiner Abwesenheit gegen seinen Statthalter erheben würden. Daher ließ er sie für den nächsten Tag zur Audienz laden, um dann am übernächsten Tag aufbrechen zu können.

Die Stimmung der Einwohner von Rey

Am nächsten Tag kam eine große Schar von Würdenträgern aus der Stadt zum königlichen Zeltplatz: Richter und führende Religionsgelehrte, Rechtsgelehrte und ʿAliden (die Nachkommen des Propheten Mohammed durch seine Tochter Fâtima und seinen Vetter und Schwiegersohn ʿAlî, SK), mächtige Leute und viel einfaches Volk.

Amîr Mas’ûd hatte befohlen, gewaltigen Prunk zu entfalten und großen Aufwand zu treiben. Am Eingang des Zeltes hatten viele Militärsklaven Aufstellung genommen, und in der Ebene viele Berittene und Fußsoldaten, bis an die Zähne bewaffnet.

Zu Beginn der Audienz setzten sich Mas’ûds Würdenträger und die Großen des Heeres vor ihn hin, während die anderen stehenblieben. Dann führte man fünfzig bis sechzig der angesehensten Würdenträger von Rey herbei. Der Amîr gab ein Zeichen, sie alle weiter entfernt Platz nehmen zu lassen. Dann ergriff er das Wort. Damit fesselte er alle Anwesenden, denn seine Worte waren so wohlgesetzt und schön, als streute er Perlen aus und zerstieße Zucker.

Schließlich wandte er sich an die Würdenträger von Rey und fragte sie:

Wie war Unser Verhalten bis zu diesem Zeitpunkt? Schämt euch nicht, sagt die Wahrheit und fürchtet euch nicht!

Sie antworteten:

Das Leben des Herrschers möge lang sein! Seit wir von dem Unglück durch die Deylamiten (gemeint sind die letzten Bûyidenherrscher Reys)und ihrer Tyrannei freigekommen sind und der Name dieser großen Herrschaft sich über uns gesetzt hat, der für immer dauern möge, können wir ruhig schlafen. Tag und Nacht erheben wir die Hände zum Gebet, damit Gott – erhaben ist seine Erwähnung – den Schatten der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit des Herrschers nicht von uns entferne. Denn nun essen wir gut und schlafen wohl und sind unseres Lebens und Besitzes, unserer Frauen, Liegenschaften und Besitztümer sicher, wie wir es zur Zeit der Deylamiten nicht waren.

Darauf erklärte der Amîr, daß er im Begriff sei, nach Osten aufzubrechen, um sich den Thron des Ghaznavidenreiches zu sichern. Wenn er das erledigt habe, werde er einen seiner Söhne oder einen anderen Statthalter mit einem großen Heer schicken, um sich um den Westen zu kümmern. Doch vorerst lasse er nur einen Statthalter mit einer kleinen Truppe zurück, um die neuen Untertanen zu prüfen.

Wenn Wir Gehorsam erfahren, aufrichtig und unzweideutig, so werden wir dementsprechend Gerechtigkeit und Gnade walten lassen, wie sie vollkommener nicht sein könnten. Sollte das Gegenteil eintreten, so wird es euch von Uns demgemäß vergolten werden, und Wir werden vor Gott – er ist erhaben und mächtig – entschuldigt sein, denn ihr werdet das veranlaßt haben. Dem Gebiet von Sepâhân und den übrigen Reichsbewohnern wird es eine Warnung sein. Ihr müßt jetzt also eine unmißverständliche Antwort geben, nicht Täuschung und Wortgefechte. Sie muß vertrauenswürdig sein.

Darauf wirkten die Würdenträger von Rey, als habe sie große Verwirrung und Erstaunen erfaßt. Sie gaben dem Prediger der Stadt ein Zeichen, einem alten, gebildeten und weitgereisten Mann. Er erhob sich und sagte:

Das Leben des Königs des Islam möge lang sein! Diese Leute sind in dieser großartigen Versammlung und diesem gewaltigen Prunk unfähig zu einer Antwort und erstarren vor Ehrfurcht. Wenn die erhabene Ansicht es für richtig hält, möge der Herrscher einem der Vertrauensleute des Hofes befehlen, sich draußen hinzusetzen, damit diese Diener auch dorthin gehen und ihm antworten.

Der Amîr stimmte zu, und man brachte die Würdenträger von Rey zu dem großen Zelt, wo der Sekretär Tâher zu sitzen pflegte. Über ihn liefen für gewöhnlich alle Geschäfte ab. Tâher setzte sich hin, und die Würdenträger kamen zu ihm, nachdem sie sich über ihre Antwort abgesprochen hatten.

Tâher sagte:

Ihr habt die Worte des Herrschers gehört. Wie lautet die Antwort?

Sie entgegneten, sie hätten sich auf eine Antwort geeinigt und dem Prediger mitgeteilt, der sie dem Amîr geben solle. Tâher wandte sich also an den Prediger und fragte ihn nach der Antwort.

Dieser erklärte, diese Würdenträger würden sich auch von zwei Millionen Dirhem nicht von dem abbringen lassen, was sie einmal gesagt und vereinbart hätten. Sie hätten dreißig Jahre lang unter den Deylamiten gelitten, seit die Regierung von (dem Bûyiden) Fachr od-Doule und (dem Wesir) Sâheb Esmâ’îl-e ʿAbbâd einer Frau und einem unfähigen Jungen (d.h.: Fachr od-Doules Witwe und seinem minderjährigen Sohn Madschd od-Doule, SK) zugefallen sei.

Deshalb hätten sie Gott um Hilfe angefleht, bis er dem König des Islam Mahmûd eingegeben habe, sie von ihrem Joch zu befreien und einen gerechten, freundlichen und starken Herrscher einzusetzen (nämlich Mas’ûd, SK), als er selbst nach Hause zurückkehrte.

Auch während der Abwesenheit des Herrschers in Sepâhân habe nur ein Kammerherr mit zweihundert Reitern Rey für ihn gehalten, und doch habe niemand anzugreifen gewagt. Die jungen Männer der Stadt hätten sich in einem solchen Fall auch sicher dem Statthalter des Herrschers angeschlossen.

Wenn er also nach Erledigung seiner Angelegenheiten zurückkehre oder einen Befehlshaber schicke, so würden sich die Würdenträger und Einwohner Reys ebenso untertänig und gehorsam verhalten wie bisher.

Wenn der Amîr heute, da es ihm beliebt aufzubrechen, hier lediglich eine Peitsche aufhängen läßt, werden wir ihm gehorchen. Dies ist unsere Ansicht, die wir hiermit geäußert haben.

Tâher erwiderte:

Gott vergelte es euch mit Gutem! Ihr habt gut gesprochen und seid dem großen Anspruch des Hirten (d.h. des Amîrs, SK) auf Gehorsam gerecht geworden.

Er ging und berichtete dem Amîr die Antwort. Dieser war sehr erfreut und sagte:

Tâher, wenn das Glück kommt, dann passen auf einmal alle Dinge zueinander. Das ist eine sehr verständige Antwort, und diese Leute verdienen alle Wohltaten.

Daraufhin befahl er, dem Richter, dem Stadtoberhaupt, und dem Oberhaupt der ʿAliden goldene und dem Prediger sowie dem Anführer der Glaubenskämpfer vergoldete Ehrengewänder zu verleihen.

Als man sie damit ausgestattet hatte, wurden sie vor den Amîr geführt, und er behandelte sie wohlwollend und sprach gütig mit ihnen. Sie sprachen Segenswünsche aus und wurden dann entlassen und von den Zeremonienmeistern ehrenvoll in die Stadt begleitet. Dort jubelten die Einwohner und warfen mit Münzen.

Am Tag des Aufbruchs

Am Folgetag kamen die Würdenträger von Rey erneut zur Audienz und mit ihnen zehntausend Schaulustige aus der Stadt. Nach der Audienz ließ man sie im kleinen Zelt Platz nehmen, während der Amîr den Hasan-e Soleymân zum Statthalter ernannte. Er war einer der mächtigen Befehlshaber aus der Gebirgslandschaft von Herât.

Der Amîr übertrug ihm die Aufgabe, die neue Provinz zu verteidigen und für Ordnung zu sorgen. Außerdem solle er gut mit den Menschen umgehen und einen lobenswerten Lebenswandel führen, so daß die Würdenträger und Untertanen mit ihm zufrieden und ihm dankbar sein würden. Wenn dann ein Statthalter mit einem Heer und ein „Inhaber des Schreibrohrs“ (d.h.: ein Zivilbeamter, SK) ausgesandt würden, um ihn abzulösen, würde er seine Belohnung erhalten.

Hasan-e Soleymân hatte einen solchen Rang, daß er in der Versammlung sitzen durfte. Nun erhob er sich, küßte den Boden, stand wieder auf, bedankte sich für die Ehre und nahm die Aufgabe an.

Daraufhin wurde er zur Kleiderkammer geführt und bekam ein kostbares Ehrengewand mit einem besonderen Mantel aus byzantinischem Brokat und einem schweren Goldgürtel. So bekleidet, machte er noch einmal dem Herrscher seine Aufwartung und ging dann zum Zelt von Tâher.

Dorthin brachte man auch die Würdenträger von Rey und stellte ihnen den neuen Statthalter vor. Zusammen und mit einem großen Heeresaufgebot zogen sie in Rey ein. Man hatte die Stadt für diesen Anlaß geschmückt und ein Haus für den Statthalter vorbereitet. Dorthin führte man ihn nun unter Respektsbzeugungen.

Mas’ûds Aufbruch

Amîr Schehâb od-Doule Mas’ûd setzte sich am folgenden Tag, dem 17. Juli 1030, von der Stadt Rey aus mitsamt seinem stattlichen Heer in Bewegung. Nach zwei Farsangen (das sind ca. 12 km, SK) machte er Rast. Wieder kamen viele Schaulustige und machten ihre Aufwartung.

Am nächsten Tag saß er auf, schickte Hasan-e Soleymân, der ihn begleitet hatte, zurück und ritt ungestüm weiter. Als er Dâmghân erreichte, kam ihm dort der Châdsche Bû Sahl-e Zûzanî entgegen, der aus Ghaznîn geflohen war, wie es bereits beschrieben wurde (d.h.: in den nicht erhaltenen früheren Bänden von Beyhaqîs Geschichtswerk, SK).

Er war mit leichtem Gepäck und geringem Gefolge gekommen, bekam jetzt aber von den Würdenträgern des Amîr Ausstattung im Überfluß zur Verfügung gestellt. Der Amîr hielt mit ihm ein vertrauliches Gespräch, das sich vom Nachmittagsgebet bis Mitternacht hinzog.

Was es mit Bû Sahl auf sich hat, erfahren Sie in der nächsten Folge…

P.S.

Ich hatte überlegt, diesen Abschnitt der Geschichte viel stärker zu raffen, denn es passiert ja eigentlich nicht viel. Aber ich hatte den Eindruck, es wäre schade, Ihnen vorzuenthalten, wie deutlich schon hier Mas’ûds Neigung zu Inszenierungen ist. 😉

Quelle

Beyhaqī, Ḫvāǧe Abū l-Fażl Moḥammad b. Ḥoseyn: Tārīḫ-e Beyhaqī. Hrsg. v. ʿAlī Akbar Fayyāż. Mašhad 1350 š/1971. S. 20-27.

Abu’ l-Fażl Beyhaqi: The History of Beyhaqi: The History of Sultan Mas’ud of Ghazna, 1030-1041. 3 vols. Transl. with a historical, geographical, linguistic and cultural commentary and notes by C.E. Bosworth. Fully revised and with further commentary by Mohsen Ashtiany (= ILEX Foundation Series; 6). Cambridge, MA/London: Harvard University Press, 2011. Bd. 1. S. 101-106.

Beitragsbild

E-Book-Cover: Linda Woods
Shutterstock.com: aopsan
Malek-Bibliothek Teheran: Hs. Nr. 3865, Tārīḫ-e Beyhaqī, S. 117-118.

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