Aus der Geschichte Irans und Afghanistans: Mas’ûd entscheidet sich zum Kampf um den Thron

Heute geht es weiter mit der Nacherzählung von Beyhaqîs “Geschichte des Mas’ûd von Ghazna”. Die letzten beiden Beiträge über den Beginn von Mas’ûds Herrschaftszeit finden Sie hier und hier.

Mas’ûd zieht nach Rey und erhält schlechte Nachrichten

Nachdem er die Angelegenheiten seiner jüngsten Eroberung Esfahân mit dem dortigen Herrscher geregelt hatte, brach Mas’ûd am 30. Juni 1030 nach Rey (heute ein Stadtteil von Teheran, SK) auf. Dort hatten die Bewohner die Stadt für seine Ankunft festlich geschmückt. Doch Mas’ûd kampierte lieber am Stadtrand in seinen Zelten.

Dafür schickte er seine Vertrauensleute in die Stadt, damit sie ihm berichten konnten, wieviel Mühe sich die Leute von Rey gegeben hatten. Die Bevölkerung kam derweil aus der Stadt, um Mas’ûd ihren Respekt zu bekunden.

Hier in Rey trafen Briefe von Mas’ûds Vertrauensleuten ein. Sie berichteten ihm, daß sein Bruder, Amîr Mohammad, in Ghaznîn (Ghazna, heute: Ghaznî) eingetroffen sei und man ihm die Staatsgeschäfte übertragen habe. Das ganze Heer sei ihm ergeben, getreulich dem Spruch: “Die Weltbewohner dienen dem Dinar und dem Dirhem.”

Diese Nachricht machte Amîr Mas’ûd sehr besorgt, und er ließ sogleich Briefe mit Beileidsbekundungen und Glückwünschen und Botschaften bezüglich der Aufteilung des Reiches an seinen Bruder schreiben, wie es bereits im Abschnitt über die Herrschaftszeit des Amîr Mohammad beschrieben wurde. (Der letztgenannte Abschnitt von Beyhaqîs Werk ist nicht erhalten, SK.) Als seinen Gesandten schickte er einen Nachfahren des Propheten und erfahrenen Mann mit diesen Briefen nach Ghaznîn.

Der Kalif al-Qâdir äußert sich zu Mas’ûds Thronfolge

Nachdem Amîr Mas’ûd diesen Gesandten losgeschickt hatte, traf ein Brief des Befehlshabers der Gläubigen ein, des Kalifen al-Qâdir bi-llâh (reg. 991-1031). Es war die Antwort auf den Brief, den man von Sepâhân (d.i. Esfahân, SK) aus an den Befehlshaber der Gläubigen geschickt hatte.

In jenem Brief an den Befehlshaber der Gläubigen hatte Amîr Mas’ûd die Nachricht vom Hinscheiden des Sultans Mahmûd und seine Absicht mitgeteilt, nach Chorâsân zu reisen. Außerdem hatte er Banner, Einsetzungsurkunde und die üblichen Titel als Bestätigung dafür erbeten, daß er der Thronfolger Mas’ûds sei.

Nun sandte ihm der Befehlshaber der Gläubigen in seinem Antwortbrief Beileidsbekundungen und Glückwünsche, wie es der Brauch war, und gab ihm die Weisung:

Was er an Regionen erobert hat wie Rey; Dschebâl und Sepâhân ist ihm sicher. Nun muß er sich eilends nach Chorâsân begeben, damit in diesem großen Gebiet kein Schaden entstehe. Banner, Einsetzungsurkunde und kostbare Geschenke folgen wie gewünscht mit einem Gesandten.

Amîr Mas’ûd war erleichtert über diesen Brief und faßte wieder Mut (denn der Kalif war für die Legitimation der Herrscher zuständig, SK). Er ließ den Brief öffentlich vorlesen, Trompeten blasen und Trommeln schlagen.

Außerdem ließ er Abschriften anfertigen und in alle Himmelsrichtungen schicken: nach Sepâhân, Dschebâl, in die Gebiete südlich des Kaspischen Meeres und in die großen Städte Chorâsâns. Alle sollten Gewißheit darüber bekommen, daß er der Stellvertreter des Befehlshabers der Gläubigen und der Thronfolger seines Vaters war.

Mas’ûds endgültiger Entschluß

Zu dieser Zeit trafen auch Eilboten aus Ghaznîn ein mit Briefen von Amîr Yûsuf, dem jüngsten Bruder des Sultans Mahmûd, vom Großkammerherrn ‘Alî, von Amîr Mohammads Wesir Bû Sahl-e Hamdavî, vom Oberhaupt der Stadt Ghaznîn und vom Festungskommandanten Bû ‘Alî.

Alle bekundeten sie ihre Untertänigkeit gegenüber Amîr Mas’ûd und ließen ihn wissen:

Amîr Mohammad wurde nur zur Beruhigung der Lage nach Ghaznîn gerufen, um einem Aufruhr vorzubeugen. Aber er ist dieser Aufgabe nicht gewachsen und nur mit Vergnügungen beschäftigt. Der Herr, der wahre Thronfolger seines Vaters, möge guten Mutes sein und sich beeilen, um den Thron des Reiches so bald wie möglich zu besteigen. Sobald sein großer Name in Chorâsân erschallt, werden ihm alle ihre Dienste anbieten.

Schreiben der Mutter Amîr Mas’ûds und seiner Tante Horre-ye Chottalî bestätigten diese Worte und versicherten, daß man ihnen vertrauen könne, da sie der Wahrheit entsprächen.

Auch diese Briefe ermutigten den Amîr enorm. Er hielt eine Versammlung mit den führenden Persönlichkeiten seines Gefolges ab und erläuterte ihnen seine Auffassung: Die neu eroberten Gebiete hier im Westen seien nicht so wichtig wie das Kernland. Er sagte:

Das Herz an Nebensächliches zu hängen und die Hauptsache zu vernachlässigen wäre aber unsinnig. Daher halten Wir es für ratsam, eilends nach Nischapur und Herât zu reiten und uns der Hauptsache zuzuwenden. Wenn diese, wie man Uns geschrieben hat, ohne Krieg ins Lot kommt und Wir den Thron bestiegen haben, kann man sich immer noch um diese Gebiete hier kümmern.

Die Versammelten stimmten ihm zu:

Die beste Ansicht ist die des Herrschers. Je schneller er von hier aufbricht desto besser.

Nach weiterer Beratung bestimmte Amîr Mas’ûd den Hasan-e Soleymân zum Statthalter, den er mit fünfhundert Berittenen zurücklassen wollte. Wenn die Bevölkerung von Rey die Treue halte, so meinten seine Ratgeber, müsse man dennoch der Form halber einen Statthalter einsetzen. Sollten sie jedoch die Treue brechen, würden auch viele Männer nicht ausreichen.

Um die Stimmung der Einwohner Reys zu erkunden, befahl Amîr Mas’ûd, für den nächsten Tag die Notabeln von Rey zu ihm zu rufen. Am übernächsten Tag wollte er in jedem Fall aufbrechen.

Fortsetzung folgt…

Quelle

Beyhaqī, Ḫvāǧe Abū l-Fażl Moḥammad b. Ḥoseyn: Tārīḫ-e Beyhaqī. Hrsg. v. ʿAlī Akbar Fayyāż. Mašhad 1350 š/1971. S. 17-20.

Abu’ l-Fażl Beyhaqi: The History of Beyhaqi: The History of Sultan Mas’ud of Ghazna, 1030-1041. 3 vols. Transl. with a historical, geographical, linguistic and cultural commentary and notes by C.E. Bosworth. Fully revised and with further commentary by Mohsen Ashtiany (= ILEX Foundation Series; 6). Cambridge, MA/London: Harvard University Press, 2011. Bd. 1. S. 98-101.

Bildnachweis

E-Book-Cover: Linda Woods
Shutterstock.com: aopsan
Malek-Bibliothek Teheran: Hs. Nr. 3865, Tārīḫ-e Beyhaqī, S. 117-118.

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