Adham Khâns Todessturz oder: Auch ein „Milchbruder“ kann sich nicht alles erlauben

Akbar in seinem letzten Lebensjahr

Akbar in seinem letzten Lebensjahr

Nach dem kleinen „Inschallah“-Zwischenspiel der letzten Woche erfahren Sie heute endlich mehr über eine dramatische Episode aus dem Leben des Mogulherrschers Akbar (1542-1605, reg. ab 1556).

Mehr über seine Bedeutung und die von ihm eingeführte Religion finden Sie im vorletzten Blogbeitrag. Heute soll es nur um den Tod seines „Milchbruders“ Adham Khân gehen.

Zu Akbars Zeit war es nicht ungewöhnlich, daß Kinder aus hochgestellten Familien nicht von ihren Müttern gestillt wurden, sondern von Ammen. Diese „Milchmütter“ hatten natürlich eigene Kinder, die sie zur gleichen Zeit ebenfalls stillten (sofern sie am Leben blieben). Dadurch wurden solche leiblichen Kinder der Ammen zu „Milchgeschwistern“ der hochgestellten Säuglinge.

Ein „Milchbruder“ ist also kein leiblicher Bruder und folglich kein Blutsverwandter, wird aber im islamischen Recht in der Regel wie ein solcher behandelt.

In Akbars Fall kam der „Milchverwandtschaft“ möglicherweise eine besondere emotionale Bedeutung zu, weil er bereits als Einjähriger von seinen Eltern getrennt wurde und diese erst im Alter von fünf Jahren wiedersah. In der Zwischenzeit war er bei seinen Onkeln aufgewachsen und hauptsächlich von seinen beiden Ammen (= „Milchmüttern“) betreut worden.

Damit kommen wir schon zum Grundproblem der Geschichte: Akbar hatte nicht nur eine Amme, sondern zwei. Eine seiner Ammen, Mâham Anaga (oder nach indischer Aussprache: Mâham Anga), scheint sein besonderes Vertrauen genossen zu haben. Ihr jüngerer Sohn, Akbars „Milchbruder“, hieß Adham Khân.

Adham Khân erweist Akbar seine Reverenz (Akbar-nâme).

Adham Khân erweist Akbar seine Reverenz (Akbar-nâme).

Doch auch die andere Amme hatte einen Sohn und darüber hinaus einen Mann, dem Akbar einen wichtigen Posten in seiner Regierung anvertraute. Dieser „Milchvater“ hieß Schams ed-Dîn Mohammad Ataga (oder Atga/Atka) Khân.

Im Jahr 1561 machte Akbar ihn zu seinem vakîl. Das war das Amt, das andernorts als „Wesir“ oder „Großwesir“ bekannt ist. Ataga Khân war also nun das Oberhaupt der Verwaltung und die rechte Hand des Herrschers.

Doch das mißfiel Mâham Anaga und ihrem Sohn Adham Khân, die als Partei bei Hofe ihre eigenen Interessen verfolgten. Schließlich überschritt Adham Khân im Mai 1562 eine Grenze, überfiel Ataga Khân mit ein paar Kumpanen in der Audienzhalle in Agra und ermordete ihn dort im Hof.

Ataga Khâns Grabmal

Ataga Khâns Grabmal

Gleich darauf stürmte er weiter in die inneren Räume der Burg. Akbar war durch den Lärm aus dem Schlaf erwacht und hatte von dem Mord erfahren. Er trat seinem „Milchbruder“ entgegen und soll ihn mit einem Faustschlag niedergestreckt haben.

Dann ließ er Adham Khân von der Terrasse hinunterwerfen. Da er den Sturz aber überlebte, ließ Akbar ihn wieder heraufholen und erneut hinunterstoßen. Dieses Mal starb Adham Khân.

Akbar soll seiner Amme Mâham Anaga, Adhams Mutter, die Nachricht selbst überbracht haben. Angeblich gab sie Akbar recht, starb aber dennoch nur etwa vierzig Tage nach ihrem Sohn aus Kummer. Akbar ließ ein Grabmal errichten, in dem Mutter und Sohn bestattet wurden.

Adham Khâns Grabmal, in dem auch Mâham Anaga bestattet wurde

Adham Khâns Grabmal, in dem auch Mâham Anaga bestattet wurde

Natürlich gibt es zu dieser dramatischen Episode auch eine Szene in dem Bollywoodfilm über Akbars frühe Jahre, Jodhaa Akbar. Ich finde, das ist ein sehr schön gemachter, farbenprächtiger Film, den es sich auf Blu-ray anzusehen lohnt. Die fragliche Szene inklusive vorausgegangenem Mord finden Sie aber auch hier (mit Hindi-Ton):

Dort sehen Sie, wohlgemerkt, den ersten Sturz Adham Khâns. Da er sich bei diesem Sturz aber nur die Beine gebrochen haben soll, halte ich es für unwahrscheinlich, daß er tatsächlich so hinuntergefallen ist. Ich vermute eher, diese Szene ist der folgenden Darstellung des (wahrscheinlich zweiten) Sturzes nachempfunden:

Akbar läßt Adham Khân bestrafen (Akbar-nâme).

Akbar läßt Adham Khân bestrafen (Akbar-nâme).

Was meinen Sie?

Bildnachweis

Beitragsbild:
Quelle: Wikimedia Commons
Künstler: Manohar
gemeinfrei

Zeichnung Akbars in seinem letzten Lebensjahr:
Quelle: Wikimedia Commons
gemeinfrei

Adham Khân:
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Khem Karan
gemeinfrei

Ataga Khâns Grabmal:
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Varun Shiv Kapur
unverändert übernommen
Creative-commons-Lizenz 2.0

Adham Khâns Grabmal:
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Parth.rkt
unverändert übernommen
Creative-commons-Lizenz 3.0

Adham Khâns Bestrafung:
Quelle: Wikimedia Commons
Künstler: Shankar Miskin
gemeinfrei

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

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Inschallah oder: Interkulturelle Mißverständnisse

Diese Woche haben wir in meiner Lektüreübung zu Witzen und humoristischen Anekdoten folgenden Witz übersetzt:

Dschuhâ (sc. eine bekannte Witzfigur, SK) ging zum Markt, um einen Esel zu kaufen. Da begegnete ihm ein Mann und fragte ihn: „Wohin des Weges?“ Dschuhâ antwortete: „Zum Markt, um einen Esel zu kaufen.“ Der Mann sagte: „Sag: ‚So Gott will (in-schâ’a-llâh)‘!“ Darauf Dschuhâ: „Das ist unnötig: Esel gibt es auf dem Markt, und das Geld habe ich in meinem Ärmel.“

Als er den Markt betrat, überfielen ihn Gauner und stahlen ihm sein Geld. Auf dem Rückweg begegnete ihm der Mann wieder und fragte: „Woher des Weges?“ Darauf Dschuhâ: „Vom Markt, so Gott will. Mein Geld wurde gestohlen, so Gott will, und ich habe den Esel nicht gekauft, so Gott will. Jetzt kehre ich erfolglos und geschädigt nach Hause zurück, so Gott will!“ (ʿObeyd, S. 241, Nr. 10)

Die Pointe ist recht klar: Dschuhâs Mangel an Demut wird durch den Diebstahl umgehend bestraft, und das schreibt er sich so sehr hinter die Ohren, daß er es jetzt maßlos übertreibt.

Daran sieht man schon, wie das in-schâ’a-llâh gemeint ist: Es soll zum Ausdruck bringen, daß Menschen trotz aller Planung und Zuversicht eben nicht in der Hand haben, wie das Leben verläuft. Frei nach dem Witz:

Lehrer: „Wie lautet die Vergangenheit zu ‚Der Mensch denkt und Gott lenkt?'“ Fritzchen: „Der Mensch dachte, Gott lachte.“

Aber im Ernst: Gläubige Muslime sind selbstverständlich der Auffassung, daß Gott es ist, der alle Geschehnisse lenkt und letztlich über Erfolg oder Mißerfolg entscheidet. Und daß man das grundsätzlich auch sagen sollte.

Deshalb ist das Hinzufügen von in-schâ’a-llâh, wenn man über Pläne spricht, bei ihnen als Gewohnheit eingebürgert. Es ist häufig nur noch eine Formel, die automatisch verwendet wird, ohne daß sich der Sprecher viel dabei denkt.

Bei Angehörigen der westlichen Kulturen kommt das aber nicht immer so an. Kürzlich habe ich auf einer englischsprachigen Internetseite, auf der sich Leute, die eine Iranreise planen, mit erfahrenen Iranreisenden und Iranern austauschen können, von jemandem gelesen, daß er sich von dem ewigen in-schâ’a-llâh genervt fühlt.

Mir ging es am Anfang ähnlich, als ich meine ersten Erfahrungen vor allem mit älteren, religiös geprägten Menschen in Iran machte. Besonders dann, wenn ich über Pläne sprach und – ähnlich wie Dschuhâ in dem Witz – gesagt bekam: „Sag: en-schâ’a-llâh!“ (Das ist die persische Aussprache.)

Auf mich wirkte das wie ein Eimer kaltes Wasser über den Kopf. Als wollte man mich in meiner Begeisterung oder Zuversicht ausbremsen. Schließlich enthält ein „So Gott will“ am Ende eines Planes doch eine Einschränkung.

In unserer Kultur weiß man zwar ebenso gut wie in den verschiedenen islamischen Kulturen, daß Pläne schiefgehen können. Aber man rechnet nicht geradezu damit, solange es dafür keinen erkennbaren Grund gibt. Und man weist erst recht nicht jedes Mal ausdrücklich darauf hin.

Wer das tut, will damit etwas sagen. Zum Beispiel: „Planen kann man ja, aber ich glaube eigentlich nicht, daß das klappt.“ Oder: „Planen wir mal, aber ich lege mich noch nicht fest, ob ich das auch wirklich machen will.“ Oder anders ausgedrückt: „Schauen wir mal!“ Das bedeutet entweder „nein“ oder bestenfalls „vielleicht“, in jedem Fall aber: „Ich will jetzt nichts versprechen, weil ich im Moment nicht vorhabe, mich voll dafür einzusetzen, daß das Wirklichkeit wird.“

Mit anderen Worten: So etwas wie ein nachgeschobenes „So Gott will“ wirkt auf den Europäer (und anscheinend auch Amerikaner) eher wie ein Vorbehalt als wie eine fromme Floskel. Zumindest heutzutage und außerhalb pietistischer Gemeinschaften.

Nun weiß der erfahrene Orientkundler natürlich, daß das ein ganz und gar unangemessenes Verständnis ist. Auf der rationalen Ebene zumindest. Aber wer zu hundert Prozent kulturell deutsch sozialisiert ist wie ich spürt trotzdem jedes Mal wieder, wie sich die emotionale Reaktion regt.

Erst kürzlich hat sich das Thema dann in einem Gespräch beiläufig ergeben, und dabei habe ich eine Information erhalten, die mir bisher nicht klar war. Doch dazu komme ich gleich.

Diese mehrfache Begegnung mit diesem Problem in der letzten Zeit hat mich jedenfalls dazu angeregt, den Witz zum Anlaß einer Diskussion mit den Studenten der Übung zu nehmen.

Das war vor allem deshalb reizvoll, weil sie zum Teil türkischen, zum Teil iranischen Migrationshintergrund haben und zum Teil deutsch sozialisiert sind. Es gab also ein Potential für Eindrücke aus unterschiedlichen Perspektiven.

Das Ergebnis der Diskussion in dieser zugegebenermaßen kleinen und nicht repräsentativen Gruppe sah etwa so aus:

  1. Gläubige Muslime verwenden das in-schâ’a-llâh bewußt, um an Gottes Allmacht zu erinnern, sich in der Demut zu üben, die Dschuhâ im Witz vermissen läßt, und nicht Gefahr zu laufen, daß sie etwas Falsches über die Zukunft aussagen oder daß gar der Eindruck entsteht, sie würden meinen, über die Zukunft bereits Bescheid zu wissen.
  2. Unter Türken ist das in-schâ’a-llâh aber auch so stark als Floskel im allgemeinen Sprachgebrauch verbreitet, daß es nicht mehr derart mit Bedeutung aufgeladen ist und ohne viel Nachdenken gebraucht wird. Dann drückt es aber auch keinen Vorbehalt aus, sondern eher so etwas wie „ja, in Ordnung“ oder „hoffentlich“.
  3. Iraner verwenden es seltener als Türken und durchaus auch mal als elegante Ausrede, um sich nicht festnageln zu lassen, während Türken dafür andere Wendungen benutzen. Folglich können deutsch sozialisierte Iraner durchaus ähnlich allergisch auf das en-schâ’a-llâh reagieren wie Deutsche ohne Migrationshintergrund.
  4. Meine neueste Erkenntnis war, daß es sogar das genaue Gegenteil von dem bedeuten kann, was ich intuitiv verstehe. Es kann nämlich auch Zuversicht in das Gelingen des Plans ausdrücken und dann soviel heißen wie „Das wird schon klappen.“ Meine Information stammte von einem Iraner, doch dem stimmten auch die Studenten mit türkischem Migrationshintergrund zu.

Ich fand diese Diskussion erhellend und hatte den Eindruck, daß alle etwas daraus gelernt haben:

  • einige Studenten mit Migrationshintergrund, wie das in-schâ’a-llâh bei Deutschen ankommen kann, wenn sie die Wortbedeutung verstehen,
  • und alle (mich eingeschlossen), daß es auch in den verschiedenen islamisch geprägten Kulturen Unterschiede in Verwendung und Wahrnehmung des in-schâ’a-llâh gibt.

Deshalb habe ich Ihnen davon berichtet, denn ich nehme an, auch Sie wissen jetzt mehr als vorher – in-schâ’a-llâh. 😉

Quelle

Zâkânî, Nezâm od-Dîn ʿObeydollâh: Kolliyyât-e ʿObeyd-e Zâkânî šâmel-e qasâyed, ghazaliyât, qataʿât, robâʿiyyât, masnaviyyât. Hg., komm. u. mit einer Übers. der arab. Teile versehen v. Parvîz-e Atâbakî auf Grundlage der Version von ʿAbbâs-e Eqbâl und anderer Handschriften. 2. Aufl. Tehrân: Zavvâr, 1343 š./1964-5.

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Gott ist groß oder Gott ist Akbar? Ein Religionsstifter auf dem Thron

Kürzlich habe ich in meiner Vorlesung zum Mogulreich den wohl berühmtesten Vertreter dieser Dynastie behandelt: Dschalâl ed-Dîn Mohammad Akbar (1542-1605).

Für ihn hat man sich in der Forschung am meisten interessiert, denn er war nicht nur einer der bedeutendsten Mogulherrscher, sondern auch der originellste. Entsprechend viel Literatur gibt es über ihn.

Er war der erste unter den indischen Timuriden (bekannter als Moguln), der bereits in Indien geboren wurde und sich dort nicht nur dauerhaft die Herrschaft sichern, sondern das Reich auch erheblich ausweiten konnte.

Porträt Akbars von Manohar. Gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons.

Porträt Akbars von Manohar

Auch die Grundlagen für die effiziente Verwaltung des immer größer werdenden Reiches legte Akbar. Daneben ließ er eine Steuerschätzung durchführen, um genaue Vorstellungen über das tatsächlich zu erwartende Steueraufkommen zu erhalten.

Besonders bekannt ist er jedoch dafür, daß er in den 1570er und 80er Jahren zunächst anfing, regelmäßige Diskussionen mit muslimischen Religionsgelehrten und später auch mit Hindus und Christen durchzuführen. Dann führte er eine eigene Religion ein – den touhîd-e elâhî.

Das heißt soviel wie „göttliches Einheitsbekenntnis“. Bekannter ist diese Religion jedoch unter der Bezeichnung dîn-e elâhî („göttliche Religion“), die aber nicht von Akbar stammt.

Mit dieser Religion bezweckte er zweierlei:

Einerseits wollte er einen umfassenden Religionsfrieden in seinem Reich einführen. Die Nicht-Muslime waren in Indien klar in der Überzahl und sollten stärker in das expandierende Reich eingebunden werden. Akbar wollte nicht nur Herrscher der Muslime sein, sondern all seiner Untertanen. Immerhin war auch die Loyalität hinduistischer Lokalfürsten wichtig für die Stabilität seines Reiches.

Andererseits wollte er sich nichts mehr von den muslimischen Religionsgelehrten sagen lassen.

Ein muslimischer Herrscher war nämlich dem religiösen Recht ebenso unterworfen wie jeder andere Gläubige. Und das religiöse Recht legten die Religionsgelehrten aus. Folglich konnten sie selbst dem mächtigsten Herrscher in die Parade fahren, wenn er ihrer Ansicht nach gegen das religiöse Recht verstieß. Zumindest theoretisch.

Akbar ließ sich deshalb von seinem Vertrauten, Historiographen und Chefpropagandisten Abo l-Fazl-e ʿAllâmî (1551-1602) – wie üblich nicht zu verwechseln mit Abo l-Fazl-e Beyhaqî, dem Historiographen der Ghaznaviden aus dem 11. Jahrhundert – zu einem besonders erleuchteten „Gottesfreund“ stilisieren. Dadurch konnte er Anspruch darauf erheben, Gott besonders nahe zu stehen und tiefere Einsichten zu haben als selbst die Religionsgelehrten.

Im Jahr 1579 nötigte er dann die führenden muslimischen Religionsgelehrten dazu, ein Protokoll zu unterzeichnen, in dem sie ihn nicht nur als weltlichen, sondern auch als religiösen Führer anerkannten. Wer sich weigerte, dem wurden seine Pfründen – also sein Einkommen – entzogen. So sah die Praxis aus.

Karte des Mogulreichs unter Akbar. Von Jungpionier. Quelle: Wikimedia Commons. Unverändert übernommen nach Lizenz 3.0.

Karte des Mogulreichs unter Akbar. Von Jungpionier.

Schließlich erschufen Akbar und Abo l-Fazl nach und nach eine Religion mit islamisch-mystischen, hinduistischen und zoroastrischen Elementen, in die man wie in einen Sufi-Orden – also einen Orden islamischer Mystiker – initiiert wurde. Dabei übernahm der Herrscher die Rolle des Ordensleiters – scheych oder persisch pîr.

Trotz alledem wollte Akbar nicht vergöttlicht werden. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, für die Anhänger der neuen Religion folgenden Gruß einzuführen: allâhu akbar dschalla dschalâluhû. Das bedeutet: „Gott ist der Größte, seine Pracht ist unermeßlich“ und klingt zunächst ganz konventionell islamisch.

Wenn Sie sich allerdings einmal Akbars Namen und Titel anschauen, dann wird Ihnen klar, daß es sich dabei um ein raffiniertes Wortspiel handelt. Man kann es nämlich genauso gut verstehen als: „Gott ist Akbar, Dschalâls Pracht ist unermeßlich“. Dschalâl ed-Dîn Mohammad Akbar allâhu akbar dschalla dschalâluhû, Sie verstehen? 😉

Wer die arabische Schrift lesen kann, wird das auch recht gut auf dieser Münze erkennen können:

In Lahore geschlagene Silbermünze Akbars. Von: Drnsreedhar1959. Quelle: Creative Commons.

In Lahore geschlagene Silbermünze Akbars. Von: Drnsreedhar1959.

Eigentlich wollte ich Ihnen ja jetzt auch noch eine Episode aus Akbars Leben erzählen und Ihnen erklären, was mir dazu in der Bollywood-Verfilmung Jodhaa Akbar aufgefallen ist. Aber ich glaube, für heute haben Sie genug zu verdauen. Also verschiebe ich das bis zum nächsten Beitrag. 🙂

Literatur

Heike Franke: Akbar und Gahangir: Untersuchungen zur politischen und religiösen Legitimation in Text und Bild. Berlin: ebv, 2005.

Stephan Conermann: Das Mogulreich: Geschichte und Kultur des muslimischen Indien. München: Beck, 2006.

uvm.

Bildnachweis

Beitragsbild:
Zeichnung von Akbar in seinem Todesjahr. Gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons.

Porträt von Akbar:
Von Manohar. Gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons.

Karte:
Von Jungpionier. Quelle: Wikimedia Commons. Unverändert übernommen nach Lizenz 3.0.

Silberrupie:
Von Drnsreedhar1959. Quelle: Wikimedia Commons. Unverändert übernommen nach Lizenz 3.0.

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Ein Überblick über unsere Beiträge zur Mogulgeschichte

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Hat der Zahnschmerzen? – Eindrücke aus der persischen Musik

Mit der Frage: „Hat der Zahnschmerzen?“ soll einmal jemand ein typisches Element der klassischen/traditionellen persischen Musik kommentiert haben: âvâz. Mich erinnert âvâz an das Rezitativ oder den Sprechgesang in europäischen Opern. In diesem Fall wird er in hohen Tonlagen vorgetragen und schraubt sich immer weiter in die Höhe, bis er in einer Art Jodeln gipfelt.

Das ist für deutsche Ohren gewöhnungsbedürftig, zeugt aber von hoher Kunstfertigkeit. Besonders bekannt sind deshalb Sänger, die in der Lage sind, mit ihrer Stimme das gesamte Spektrum an Tonhöhen abzudecken. Ich habe mir sagen lassen, daß Mohammad-Reza Shajarian einer von ihnen ist und unter Kennern der klassischen persischen Musik deshalb zurecht internationalen Ruhm genießt.

Deshalb habe ich ihn als das bekannteste Gesicht der klassischen persischen Musik als Beitragsbild gewählt. Das soll selbstverständlich nicht heißen, daß es keine anderen hervorragenden und berühmten Sänger gäbe, die diese Art des Gesangs praktizieren. Darunter sind zum Beispiel Ali-Reza Eftekhari, Mohammad Motamedi und Ali-Reza Qorbani. Diese und andere Sänger finden Sie auch allesamt auf YouTube.

Ein Beispiel für Shajarians âvâz ist dieses Stück hier: Live-Konzert. Wenn Sie sich das anhören, wissen Sie, worum es geht. Das Wort âvâz bezeichnet natürlich noch ganz andere Dinge wie z.B. Gesang im allgemeinen. In der klassischen persischen Musik ist es auch ein Begriff für Unterkategorien der dastgâhs.

Das wiederum ist ein modales System, das die Stimmung des Stücks festlegt und innerhalb dessen die Improvisation eine große Rolle spielt. Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, finden Sie wie üblich in der Wikipedia eine grobe Orientierung für den Einstieg.

Ich habe nämlich keine Ahnung von Musiktheorie – egal aus welchem Teil der Welt die Musik stammt. Deshalb verstehe ich nicht einmal den Wikipedia-Artikel zum dastgâh. In diesem Beitrag dilettiere ich also. Aber ich höre gern persische Musik. Und deshalb möchte Ihnen einige meiner eigenen Eindrücke nahebringen. Vielleicht finden Sie ja auch Gefallen daran. Dabei stütze mich hauptsächlich auf das, was ich vom Hörensagen weiß.

Ähnlich wie unsere Kunstlieder ist auch der Text in der klassischen persischen Musik meist ein Gedicht. Und große persische Dichter gibt es ja wahrlich genug. Deshalb enthalten CDs auf der Innenseite des Covers meist eine Liste der Lieder, bei denen auch der Verfasser des Gedichtes angegeben wird – eben weil es sich oft um berühmte persische Dichter handelt.

Hier finden Sie ein weiteres Beispiel für Shajarians âvâz zu einem Gedicht von ʿAttâr: Rah-e meychâne.

Zugegebenermaßen, diese Art des Gesangs ist für Europäer nicht so ohne weiteres ein Genuß. Man muß sich schon darauf einlassen, um eine Wertschätzung dafür zu entwickeln. Natürlich ist es dabei von Vorteil, wenn man die Texte verstehen kann. Zum Nebenbeihören eignet sich diese Musik jedenfalls nicht.

Doch es gibt in der klassischen persischen Musik eine Form des Gesangs, die für Europäer deutlich melodischer klingt. Dabei handelt es sich eher um das, was wir unter einem Lied verstehen. Man nennt das tasnîf, und auch die Texte dieser Lieder sind oft Gedichte aus der klassischen persischen Poesie.

Ein sehr schönes Ghasel von Moulânâ Dschalâl ed-Dîn Rûmî hat Shajarian auf einer CD sogar als âvâz und als tasnîf gesungen. Eigentlich wollte ich Ihnen beides hier verlinken, damit Sie den Unterschied besser beurteilen können. Aber ich habe auf YouTube leider nur die tasnîf-Version gefunden. Hier ist sie: Bî hamegân be sar schavad.

Dieses wie andere Alben hat Shajarian übrigens zusammen mit seinem Sohn Homayoun aufgenommen, den er selbst ausgebildet hat und mit dem er sich beim Singen abwechselt. Sie sehen ihn, in vielen der Videos seines Vaters auf YouTube.

Homayoun Shajarian singt nicht nur ebenso meisterhaft wie sein Vater, sondern spielt auch Instrumente, vor allem Tombak. Das ist eine kleine Trommel. In diesem Video sehen Sie, wie er sie spielt und gleichzeitig tasnîf singt und sich mit seinem Vater abwechselt: Sâghiyâ.

Ich persönlich höre tasnîf sehr gern. Mit âvâz habe ich immer noch meine Schwierigkeiten. Aber vielleicht liegt das auch daran, daß ich nicht viel Zeit mit Musikhören als Hauptbeschäftigung verbringe.

Fürs Nebenbeihören ist natürlich die moderne persische Popmusik besser geeignet. Wem also auch tasnîf noch nicht schmissig genug ist, der kann sich ja einmal in die zahlreichen Popsänger einhören. Mir gefallen viele ältere und neuere Popsongs sehr gut.

Wenn ein Album mehrere Songs enthält, die mich richtig in Stimmung bringen, dann höre ich es immer eine Zeitlang in Dauerschleife. Nach einiger Zeit wechsle ich dann, aber ich komme immer wieder zu diesen Alben zurück. Unter den jüngeren fallen mir spontan Ehsan Khaje Amiri und Majid Akhshabi ein. Unter den älteren Vigen und Mohammad Nouri.

Von Akhshabi höre ich zur Zeit das Album „Parîzâd“, das mehrere Ohrwürmer enthält (jedenfalls nach meiner Auffassung). Meinen Lieblingssong habe ich auf YouTube nicht gefunden, aber hier ist das Lied, von dem das Album seinen Titel hat: Parîzâd.

Vigen hat eher langsame Melodien, aber nicht nur. Ein Lied von ihm, das mir ganz gut gefällt, ist dieses hier (auch wenn ich diese Begeisterung für Teheran nicht so ganz nachvollziehen kann, aber Schönheit liegt ja, wie man so schön sagt, im Auge des Betrachters 😉 ): Be yâd-e Tehrân.

Wer gern einmal den Kasatschok auf persisch hören möchte, wird bei Vigen übrigens auch bedient: Kasatschok. Gefällt mir auch, aber ich mag auch den Kasatschok.

Auch von Nouri sind die meine Lieblingslieder entweder nicht auf YouTube, oder man müßte länger danach suchen. Aber diese hier sind auch ganz schön (im Notfall ein bißchen vorspulen, die entfalten sich langsam bzw. haben Höhepunkte weiter hinten): Îrân und Dschân-e Maryam.

Achten Sie auf Nouris weiche Stimme. Ich finde, die steht irgendwie im Widerspruch zu seinem kantigen Gesicht. Er ist der einzige persische Sänger, den ich sofort an der Stimme erkenne. Leider ist er 2010 gestorben. Und ja, das ist ein bißchen schmalzig. Vielleicht auch sogar ziemlich. Ich mag sowas. 😉

Aber falls Sie weniger auf gefühlvoll und mehr auf Rhythmus stehen, ist vielleicht die bandarî-Musik aus der Region des Persischen Golfs etwas für Sie. Auf die läßt es sich sehr gut tanzen, und sie animiert auch regelrecht dazu. Hier nur ein Beispiel, Sie finden leicht noch mehr: Bandarî. Nur so zum Anhören ist mir die aber zu lärmig.

Das ist natürlich alles weder repräsentativ noch erschöpfend und schon gar nicht tiefschürfend. Aber ich hoffe, dieser Beitrag hat Sie dazu angeregt, ein paar neue Musik-Erfahrungen zu machen.

Schreiben Sie mir ruhig, wie Ihnen die Stücke gefallen und ob Sie noch andere Entdeckungen gemacht haben!

Beitragsbild

Mohammad-Reza Shajarian, von Masik Azarakhsh, unverändert übernommen von Wikimedia Commons, Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Generic.

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Wie Forschungsfragen entstehen – jedenfalls bei mir

Seit April arbeite ich ja wieder an der Universität – zumindest vorläufig. Ich vertrete nämlich in diesem Semester die vakante W3-Professur für Orientalistik an der Ruhr-Universität Bochum. In dieser Funktion halte ich auch eine Vorlesung über die Geschichte des Mogulreiches.

Ja, genau: Deshalb habe ich in den letzten Monaten immer wieder Beiträge zur Mogulgeschichte verfaßt. Und es werden auch noch einige folgen. Aber heute möchte ich auf meinen Beitrag aus dem Februar zurückkommen, in dem ich u.a. über der Bruderkrieg zwischen Homâyûn und Kâmrân berichtet habe.

Mir war bei meiner Quellenlektüre zur Vorbereitung der Vorlesung aufgefallen, daß die frühen Vertreter der später als Moguln bekannt gewordenen indischen Timuridendynastie eine merkwürdige Sensibilität im Umgang mit Familienmitgliedern an den Tag legten. Zumindest im Vergleich mit den vorhergehenden Herrschern des Delhi-Sultanats und dem Verhalten späterer Mogulherrscher.

So bekämpfte Kâmrân zwar seinen älteren Bruder Homâyûn mit großer Ausdauer. Als er jedoch dessen zu diesem Zeitpunkt einzigen Sohn Akbar in die Hand bekam, krümmte er ihm kein Haar.

Später soll er sich vom Tod seines jüngsten Bruders Hendâl betroffen gezeigt haben. Dabei befand sich dieser in Homâyûns Feldlager, als Kâmrân es angreifen ließ. Man hätte also annehmen können, daß er Hendâls Tod von vornherein billigend in Kauf genommen hatte.

Schließlich wollte auch Homâyûn seinen Bruder Kâmrân nicht töten, als er ihn endlich zu fassen bekam. Dabei hatte Kâmrân ihn über Jahre hinweg immer wieder angegriffen und ihm die Herrschaft streitig gemacht.

Das fand ich alles in allem doch bemerkenswert in einer Zeit und Umgebung, in der solche Empfindlichkeiten nicht eben die Norm gewesen zu sein scheinen. (Die Schilderung der Ereignisse finden Sie hier.)

Vorletzte Woche war ich dann in der Vorlesung bei der Schilderung dieser Ereignisse angelangt. Eigentlich wollte ich an diesem Punkt nicht ins Detail gehen, doch dann entschied ich mich spontan doch, den Studenten diese Auffälligkeit vorzutragen.

Einer stellte sofort eine entscheidende Frage: Aus welcher Quelle denn diese Schilderung der Ereignisse stamme? Die Antwort lautet: aus Abo l-Fazl-e ʿAllâmîs Akbar-nâme.

Das ist nun tatsächlich nicht als besonders neutral gestaltetes Geschichtswerk bekannt (falls es so etwas überhaupt gibt). Abo l-Fazl-e ʿAllâmî – nicht zu verwechseln mit dem rund 500 Jahre früher schreibenden Abo l-Fazl-e Beyhaqî! – verfolgte nämlich das Ziel, den Mogulherrscher Akbar als besonders begnadeten Menschen darzustellen.

Wie ein Bericht über Homâyûns und vor allem Kâmrâns brüderliche Gefühle dieser Agenda dienen sollte, ist allerdings nicht ohne weiteres einsichtig. Natürlich heißt das nicht, daß der Bericht nicht stilisiert und durch bestimmte Absichten des Verfassers gefärbt sein könnte.

Aber erstens ist das noch kein Grund anzunehmen, daß er komplett erfunden ist. Und zweitens steht zu vermuten, daß er nicht dazu gedacht war, bei den Lesern eine ähnliche Irritation hervorzurufen wie bei mir. Ich habe mir bei der Lektüre nämlich zwei Fragen gestellt:

  1. Hatten die Timuriden zu dieser Zeit mehr Hemmungen, enge Familienmitglieder zu töten, als andere Dynastien vor ihnen und ihre eigenen Nachkommen? Wenn ja, stand dahinter ungeachtet der unausweichlichen Nachfolgestreitigkeiten ein anderes Verständnis von familiärem Zusammenhalt? Wenn ja, woher kommt das?
  2. Wieso bekommt man den Eindruck, als hätten sich die zerstrittenen Brüder nie in letzter Konsequenz klargemacht, daß ihre Kämpfe schließlich mit dem Tod eines oder mehrerer Brüder enden konnten? Wie verträgt sich ihr Handeln – Krieg gegeneinander zu führen – mit ihrer offensichtlichen Abneigung dagegen, einander zu töten?

Diese Fragen zielen letztlich auf die damaligen Vorstellungen und vielleicht auch Empfindungen ab. Auf die Vorstellungen darüber, was so ein Bruderkrieg eigentlich bedeutete und wie persönlich man ihn nahm. Auf die Wahrnehmung der Überlebenschancen in solchen Kämpfen (inwieweit also ein Befehlshaber damit rechnete, in einer Schlacht zu sterben). Und auf anderes mehr.

Das ist es, was mich an Geschichte immer am meisten interessiert hat: die Menschen. Ihr Denken und Handeln und wie es zusammenpaßt. Ihre Vorstellungen, ihre Mentalität. Worin waren sie uns ähnlich? Und – noch faszinierender – worin unterschieden sie sich von uns?

Immer wenn ich beim Lesen auf eine Irritation stoße – auf etwas, das ich nicht selbstverständlich finde oder das sich von meinen eigenen spontanen Reaktionen unterscheidet -, dann werde ich neugierig.

Das ist die Art, wie bei mir Forschungsfragen entstehen, denen ich nachgehen möchte. Fragen wie: „Warum ist das eigentlich so?“ oder: „Ist das wirklich so?“ oder: „Warum wird das hier selbstverständlich so und nicht anders betrachtet?“

Deshalb erzähle ich Studenten von solchen Irritationen und schaue, welche Reaktionen zurückkommen. Vielleicht wirkt das naiv, denn natürlich können wir unseren Quellen nicht einfach alles glauben, wie es dasteht.

Im gegebenen Fall müßte man zunächst überprüfen, woher die Schilderung ursprünglich stammt und ob sie in Abo l-Fazl-e ʿAllâmîs Quelle(n) genauso aussieht. Ob es noch mehr ähnlich gelagerte Schilderungen in anderen Quellen gibt und ob dieselben Ereignisse anders erzählt werden. Inwiefern die Art der Darstellung den Zielen der Berichterstatter dient und dadurch geprägt ist. Was damit erreicht werden sollte: Zustimmung oder Mißbilligung, Sympathie oder Antipathie?

Aber ich möchte, daß die Studenten in Erwägung ziehen, zunächst einmal genauso naiv zu lesen und zu fragen. Manche Fragen lösen sich bei vertiefter Lektüre schnell in Luft auf, und man stellt fest, daß das eigene Erstaunen auf einem Mangel an Kenntnissen beruht hat. Aber nur so kann man mehr über die Themen lernen, die einen selbst wirklich interessieren: mit eigenem Erstaunen und eigenen Fragen.

Und wenn nach der Überprüfung Fragen offen bleiben, dann hat man Forschungsfragen gefunden, mit denen man sich gern beschäftigt.

Deshalb trete ich ein für den Mut zur Naivität, den Mut zum Staunen und zum Fragen. Denn wie heißt es so schön: Wer nicht fragt, bleibt dumm! 😉

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Aus der Geschichte Irans und Afghanistans: Die überaus untertänigen Einwohner Reys

In der letzten Folge dieser Serie haben wir Mas’ûd in Rey (arabisch: Rayy) verlassen, dem antiken Raga, das heute im Süden Teherans liegt. Dorthin war er von Sepâhân (alter Name für Esfahân) gereist, nachdem er vom Tode seines Vaters und der Thronbesteigung seines Bruders Mohammad gehört hatte.

Zunächst hatte die Thronbesteigung seines Bruders Mas’ûd verunsichert, denn sein Vater Mahmûd hatte diesen Sohn am Ende seines Lebens anstelle von Mas’ûd zum Thronfolger bestimmt. Damit wollte sich Mas’ûd, der ein erfolgreicher Eroberer war, nicht zufrieden geben. Auch andere Verwandte und Würdenträger des Reiches ermutigten Mas’ûd durch Briefe, den Thron für sich zu beanspruchen.

Wirklich zuversichtlich wurde Mas’ûd allerdings erst, als auch der Abbasidenkalif al-Qâdir seine Anfrage damit beantwortete, daß er Mas’ûd als den rechtmäßigen Herrscher der in Westiran eroberten Gebiete und Thronfolger seines Vaters anerkannte. Das nämlich legitimierte Mas’ûds Streben nach dem Thron und stärkte damit seinen Anspruch erheblich.

Der Gesandte des Kalifen war in Rey bei Mas’ûd eingetroffen, der nun wohlgemut plante, rasch in Richtung Chorâsân aufzubrechen. Vorher wollte er sich allerdings noch vergewissern, daß die Einwohner Reys sich nicht in seiner Abwesenheit gegen seinen Statthalter erheben würden. Daher ließ er sie für den nächsten Tag zur Audienz laden, um dann am übernächsten Tag aufbrechen zu können.

Die Stimmung der Einwohner von Rey

Am nächsten Tag kam eine große Schar von Würdenträgern aus der Stadt zum königlichen Zeltplatz: Richter und führende Religionsgelehrte, Rechtsgelehrte und ʿAliden (die Nachkommen des Propheten Mohammed durch seine Tochter Fâtima und seinen Vetter und Schwiegersohn ʿAlî, SK), mächtige Leute und viel einfaches Volk.

Amîr Mas’ûd hatte befohlen, gewaltigen Prunk zu entfalten und großen Aufwand zu treiben. Am Eingang des Zeltes hatten viele Militärsklaven Aufstellung genommen, und in der Ebene viele Berittene und Fußsoldaten, bis an die Zähne bewaffnet.

Zu Beginn der Audienz setzten sich Mas’ûds Würdenträger und die Großen des Heeres vor ihn hin, während die anderen stehenblieben. Dann führte man fünfzig bis sechzig der angesehensten Würdenträger von Rey herbei. Der Amîr gab ein Zeichen, sie alle weiter entfernt Platz nehmen zu lassen. Dann ergriff er das Wort. Damit fesselte er alle Anwesenden, denn seine Worte waren so wohlgesetzt und schön, als streute er Perlen aus und zerstieße Zucker.

Schließlich wandte er sich an die Würdenträger von Rey und fragte sie:

Wie war Unser Verhalten bis zu diesem Zeitpunkt? Schämt euch nicht, sagt die Wahrheit und fürchtet euch nicht!

Sie antworteten:

Das Leben des Herrschers möge lang sein! Seit wir von dem Unglück durch die Deylamiten (gemeint sind die letzten Bûyidenherrscher Reys)und ihrer Tyrannei freigekommen sind und der Name dieser großen Herrschaft sich über uns gesetzt hat, der für immer dauern möge, können wir ruhig schlafen. Tag und Nacht erheben wir die Hände zum Gebet, damit Gott – erhaben ist seine Erwähnung – den Schatten der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit des Herrschers nicht von uns entferne. Denn nun essen wir gut und schlafen wohl und sind unseres Lebens und Besitzes, unserer Frauen, Liegenschaften und Besitztümer sicher, wie wir es zur Zeit der Deylamiten nicht waren.

Darauf erklärte der Amîr, daß er im Begriff sei, nach Osten aufzubrechen, um sich den Thron des Ghaznavidenreiches zu sichern. Wenn er das erledigt habe, werde er einen seiner Söhne oder einen anderen Statthalter mit einem großen Heer schicken, um sich um den Westen zu kümmern. Doch vorerst lasse er nur einen Statthalter mit einer kleinen Truppe zurück, um die neuen Untertanen zu prüfen.

Wenn Wir Gehorsam erfahren, aufrichtig und unzweideutig, so werden wir dementsprechend Gerechtigkeit und Gnade walten lassen, wie sie vollkommener nicht sein könnten. Sollte das Gegenteil eintreten, so wird es euch von Uns demgemäß vergolten werden, und Wir werden vor Gott – er ist erhaben und mächtig – entschuldigt sein, denn ihr werdet das veranlaßt haben. Dem Gebiet von Sepâhân und den übrigen Reichsbewohnern wird es eine Warnung sein. Ihr müßt jetzt also eine unmißverständliche Antwort geben, nicht Täuschung und Wortgefechte. Sie muß vertrauenswürdig sein.

Darauf wirkten die Würdenträger von Rey, als habe sie große Verwirrung und Erstaunen erfaßt. Sie gaben dem Prediger der Stadt ein Zeichen, einem alten, gebildeten und weitgereisten Mann. Er erhob sich und sagte:

Das Leben des Königs des Islam möge lang sein! Diese Leute sind in dieser großartigen Versammlung und diesem gewaltigen Prunk unfähig zu einer Antwort und erstarren vor Ehrfurcht. Wenn die erhabene Ansicht es für richtig hält, möge der Herrscher einem der Vertrauensleute des Hofes befehlen, sich draußen hinzusetzen, damit diese Diener auch dorthin gehen und ihm antworten.

Der Amîr stimmte zu, und man brachte die Würdenträger von Rey zu dem großen Zelt, wo der Sekretär Tâher zu sitzen pflegte. Über ihn liefen für gewöhnlich alle Geschäfte ab. Tâher setzte sich hin, und die Würdenträger kamen zu ihm, nachdem sie sich über ihre Antwort abgesprochen hatten.

Tâher sagte:

Ihr habt die Worte des Herrschers gehört. Wie lautet die Antwort?

Sie entgegneten, sie hätten sich auf eine Antwort geeinigt und dem Prediger mitgeteilt, der sie dem Amîr geben solle. Tâher wandte sich also an den Prediger und fragte ihn nach der Antwort.

Dieser erklärte, diese Würdenträger würden sich auch von zwei Millionen Dirhem nicht von dem abbringen lassen, was sie einmal gesagt und vereinbart hätten. Sie hätten dreißig Jahre lang unter den Deylamiten gelitten, seit die Regierung von (dem Bûyiden) Fachr od-Doule und (dem Wesir) Sâheb Esmâ’îl-e ʿAbbâd einer Frau und einem unfähigen Jungen (d.h.: Fachr od-Doules Witwe und seinem minderjährigen Sohn Madschd od-Doule, SK) zugefallen sei.

Deshalb hätten sie Gott um Hilfe angefleht, bis er dem König des Islam Mahmûd eingegeben habe, sie von ihrem Joch zu befreien und einen gerechten, freundlichen und starken Herrscher einzusetzen (nämlich Mas’ûd, SK), als er selbst nach Hause zurückkehrte.

Auch während der Abwesenheit des Herrschers in Sepâhân habe nur ein Kammerherr mit zweihundert Reitern Rey für ihn gehalten, und doch habe niemand anzugreifen gewagt. Die jungen Männer der Stadt hätten sich in einem solchen Fall auch sicher dem Statthalter des Herrschers angeschlossen.

Wenn er also nach Erledigung seiner Angelegenheiten zurückkehre oder einen Befehlshaber schicke, so würden sich die Würdenträger und Einwohner Reys ebenso untertänig und gehorsam verhalten wie bisher.

Wenn der Amîr heute, da es ihm beliebt aufzubrechen, hier lediglich eine Peitsche aufhängen läßt, werden wir ihm gehorchen. Dies ist unsere Ansicht, die wir hiermit geäußert haben.

Tâher erwiderte:

Gott vergelte es euch mit Gutem! Ihr habt gut gesprochen und seid dem großen Anspruch des Hirten (d.h. des Amîrs, SK) auf Gehorsam gerecht geworden.

Er ging und berichtete dem Amîr die Antwort. Dieser war sehr erfreut und sagte:

Tâher, wenn das Glück kommt, dann passen auf einmal alle Dinge zueinander. Das ist eine sehr verständige Antwort, und diese Leute verdienen alle Wohltaten.

Daraufhin befahl er, dem Richter, dem Stadtoberhaupt, und dem Oberhaupt der ʿAliden goldene und dem Prediger sowie dem Anführer der Glaubenskämpfer vergoldete Ehrengewänder zu verleihen.

Als man sie damit ausgestattet hatte, wurden sie vor den Amîr geführt, und er behandelte sie wohlwollend und sprach gütig mit ihnen. Sie sprachen Segenswünsche aus und wurden dann entlassen und von den Zeremonienmeistern ehrenvoll in die Stadt begleitet. Dort jubelten die Einwohner und warfen mit Münzen.

Am Tag des Aufbruchs

Am Folgetag kamen die Würdenträger von Rey erneut zur Audienz und mit ihnen zehntausend Schaulustige aus der Stadt. Nach der Audienz ließ man sie im kleinen Zelt Platz nehmen, während der Amîr den Hasan-e Soleymân zum Statthalter ernannte. Er war einer der mächtigen Befehlshaber aus der Gebirgslandschaft von Herât.

Der Amîr übertrug ihm die Aufgabe, die neue Provinz zu verteidigen und für Ordnung zu sorgen. Außerdem solle er gut mit den Menschen umgehen und einen lobenswerten Lebenswandel führen, so daß die Würdenträger und Untertanen mit ihm zufrieden und ihm dankbar sein würden. Wenn dann ein Statthalter mit einem Heer und ein „Inhaber des Schreibrohrs“ (d.h.: ein Zivilbeamter, SK) ausgesandt würden, um ihn abzulösen, würde er seine Belohnung erhalten.

Hasan-e Soleymân hatte einen solchen Rang, daß er in der Versammlung sitzen durfte. Nun erhob er sich, küßte den Boden, stand wieder auf, bedankte sich für die Ehre und nahm die Aufgabe an.

Daraufhin wurde er zur Kleiderkammer geführt und bekam ein kostbares Ehrengewand mit einem besonderen Mantel aus byzantinischem Brokat und einem schweren Goldgürtel. So bekleidet, machte er noch einmal dem Herrscher seine Aufwartung und ging dann zum Zelt von Tâher.

Dorthin brachte man auch die Würdenträger von Rey und stellte ihnen den neuen Statthalter vor. Zusammen und mit einem großen Heeresaufgebot zogen sie in Rey ein. Man hatte die Stadt für diesen Anlaß geschmückt und ein Haus für den Statthalter vorbereitet. Dorthin führte man ihn nun unter Respektsbzeugungen.

Mas’ûds Aufbruch

Amîr Schehâb od-Doule Mas’ûd setzte sich am folgenden Tag, dem 17. Juli 1030, von der Stadt Rey aus mitsamt seinem stattlichen Heer in Bewegung. Nach zwei Farsangen (das sind ca. 12 km, SK) machte er Rast. Wieder kamen viele Schaulustige und machten ihre Aufwartung.

Am nächsten Tag saß er auf, schickte Hasan-e Soleymân, der ihn begleitet hatte, zurück und ritt ungestüm weiter. Als er Dâmghân erreichte, kam ihm dort der Châdsche Bû Sahl-e Zûzanî entgegen, der aus Ghaznîn geflohen war, wie es bereits beschrieben wurde (d.h.: in den nicht erhaltenen früheren Bänden von Beyhaqîs Geschichtswerk, SK).

Er war mit leichtem Gepäck und geringem Gefolge gekommen, bekam jetzt aber von den Würdenträgern des Amîr Ausstattung im Überfluß zur Verfügung gestellt. Der Amîr hielt mit ihm ein vertrauliches Gespräch, das sich vom Nachmittagsgebet bis Mitternacht hinzog.

Was es mit Bû Sahl auf sich hat, erfahren Sie in der nächsten Folge…

P.S.

Ich hatte überlegt, diesen Abschnitt der Geschichte viel stärker zu raffen, denn es passiert ja eigentlich nicht viel. Aber ich hatte den Eindruck, es wäre schade, Ihnen vorzuenthalten, wie deutlich schon hier Mas’ûds Neigung zu Inszenierungen ist. 😉

Quelle

Beyhaqī, Ḫvāǧe Abū l-Fażl Moḥammad b. Ḥoseyn: Tārīḫ-e Beyhaqī. Hrsg. v. ʿAlī Akbar Fayyāż. Mašhad 1350 š/1971. S. 20-27.

Abu’ l-Fażl Beyhaqi: The History of Beyhaqi: The History of Sultan Mas’ud of Ghazna, 1030-1041. 3 vols. Transl. with a historical, geographical, linguistic and cultural commentary and notes by C.E. Bosworth. Fully revised and with further commentary by Mohsen Ashtiany (= ILEX Foundation Series; 6). Cambridge, MA/London: Harvard University Press, 2011. Bd. 1. S. 101-106.

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Kränke nie einen Satiriker oder: ʿObeyd-e Zâkânîs Replik auf Salmâns Angriff

Letzten Mittwoch war ich in Exeter auf einem vergnüglichen Workshop über Obszönität und Magie. Dafür habe ich mich wieder einmal mit ʿObeyd-e Zâkânî befaßt. Ich habe nämlich eine Verbindung zwischen ihm und meinen indo-persischen Erotik-Traktaten gefunden, aber darüber berichte ich ein anderes Mal.

Heute möchte ich Ihnen eine Anekdote erzählen, die ich in diesem Zusammenhang wieder ausgegraben habe. Sie ist sehr bekannt, weil sie in der traditionellen biographischen Literatur über Dichter – den tazkeres – mehrfach überliefert ist. Historisch verbürgt ist ihr Inhalt allerdings nicht.

Dafür ist sie amüsant und wirft ein Schlaglicht auf ʿObeyds scharfe Zunge. Sie handelt nämlich davon, wie sich ʿObeyd bei seinem Dichterkollegen Salmân-e Sâvadschî (ca. 1300-1375) für ein Schmähgedicht revanchiert haben soll. Salmân war ein Lobdichter der Dschalâyiriden und lebte zur selben Zeit wie ʿObeyd. Sie waren wahrscheinlich sogar ungefähr gleich alt.

Bekanntermaßen gibt es zwischen zwei Menschen, die zur selben Zeit im selben Metier tätig sind, gelegentlich Eifersüchteleien. Etwas in dieser Art soll wohl Salmân geritten haben, als er angeblich ein kurzes Spottgedicht auf ʿObeyd dichtete.

Darin beschimpft er ʿObeyd als religionslosen (lies: amoralischen) Spötter und Höllenanwärter und macht sich über ʿObeyds Herkunft aus einem Dorf bei Qazvîn lustig. Zu dieser Zeit waren die Leute aus Qazvîn so etwas ähnliches wie unsere Ostfriesen.

Doch ʿObeyd ließ das nicht auf sich sitzen:

Man erzählt, daß Châdsche Salmân einmal auf einer Reise prunkvoll an einem Fluß kampierte. ʿObeyd-e Zâkânî stieß zu Fuß zu dieser Gesellschaft.

Salmân sagte: „Bruder, woher kommst du?“
ʿObeyd antwortete: „Aus Qazvîn.“
Salmân fragte: „Kennst du ein Gedicht von Salmân auswendig?“
ʿObeyd sagte: „Ich kenne ein, zwei Verse.“
Salmân sagte: „Rezitiere sie!“

ʿObeyd rezitierte diese beiden Verse:
Ich verkehr in Kaschemmen, verehre den Wein,
kehr verliebt und betrunken bei Magiern ein.

Wie der Weinkrug von Schulter zu Schulter ich geh
und von Hand hin zu Hand wie der Becher voll Wein.

Diese beiden Verse sagte er auf und meinte: „Châdsche Salmân ist ein großer und gebildeter Mann. Ich glaube nicht, daß man ihm dieses Gedicht zuschreiben kann. Eher vermute ich, daß dieses Gedicht von Châdsche Salmâns Frau stammt, denn ihr solche Worte zuzuschreiben ist angemessener.“

Das saß natürlich, und Salmân erkannte sofort, daß dieser Fremde ʿObeyd-e Zâkânî sein mußte. In einer Kultur, in der es schon unanständig war, die Ehefrau eines anderen auch nur direkt zu erwähnen, ist die Behauptung, sie habe solche Verse über ihr Lotterleben gemacht, mehr als nur eine Ohrfeige.

Die Anekdote nimmt aber trotzdem ein gutes Ende: ʿObeyd weist Salmân zurecht, daß es nicht in Ordnung sei, Spottgedichte über Menschen zu machen, die man gar nicht persönlich kennt, und Salmân freut sich, daß er so glimpflich davongekommen ist und beschenkt ʿObeyd reichlich.

Außerdem soll er sich von da an vor ʿObeyds scharfer Zunge in acht genommen und ihn nicht mehr beleidigt haben. Kurz: Die beiden wurden Freunde, wie es unter Dichtern wohl trotz dichterischen Schlagabtausches öfter vorgekommen ist.

P.S.

Um das Versmaß zu halten, mußte ich aus den „Magierschenken“ die „Magier“ machen. Es ist eine typische Metapher in der persischen Dichtung, die Weinschenken mit den Zoroastriern in Verbindung zu bringen. Diese sind nämlich mit den „Magiern“ (im Original: moghân) gemeint. Ich hoffe, meine Nachdichtung gibt einen ungefähren Eindruck vom Schwung des Originals und ist trotzdem verständlich.

Quellen und Literatur

Jan Rypka: Iranische Literaturgeschichte. Ergänzte und erweiterte deutsche Ausgabe hrsg. u. redigiert v. Heinrich F. J. Junker. Leipzig: VEB Leipziger Druckhaus, 1959. (Iranische Texte und Hilfsbücher, Bd. 4). S. 254.

Doulatschâh-e Samarqandî: Tazkerat osch-scho’arâ‘. Hrsg. v. Edward Browne. Tehrân: Asâtîr, 1382 sch./2003. [1901] S. 290.

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Goldpokal, fotografiert von Jonathan Cardy im Georgischen Nationalmuseum. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported. Wiedergabe unverändert.

Aus der Geschichte Irans und Afghanistans: Mas’ûd entscheidet sich zum Kampf um den Thron

Heute geht es weiter mit der Nacherzählung von Beyhaqîs „Geschichte des Mas’ûd von Ghazna“. Die letzten beiden Beiträge über den Beginn von Mas’ûds Herrschaftszeit finden Sie hier und hier.

Mas’ûd zieht nach Rey und erhält schlechte Nachrichten

Nachdem er die Angelegenheiten seiner jüngsten Eroberung Esfahân mit dem dortigen Herrscher geregelt hatte, brach Mas’ûd am 30. Juni 1030 nach Rey (heute ein Stadtteil von Teheran, SK) auf. Dort hatten die Bewohner die Stadt für seine Ankunft festlich geschmückt. Doch Mas’ûd kampierte lieber am Stadtrand in seinen Zelten.

Dafür schickte er seine Vertrauensleute in die Stadt, damit sie ihm berichten konnten, wieviel Mühe sich die Leute von Rey gegeben hatten. Die Bevölkerung kam derweil aus der Stadt, um Mas’ûd ihren Respekt zu bekunden.

Hier in Rey trafen Briefe von Mas’ûds Vertrauensleuten ein. Sie berichteten ihm, daß sein Bruder, Amîr Mohammad, in Ghaznîn (Ghazna, heute: Ghaznî) eingetroffen sei und man ihm die Staatsgeschäfte übertragen habe. Das ganze Heer sei ihm ergeben, getreulich dem Spruch: „Die Weltbewohner dienen dem Dinar und dem Dirhem.“

Diese Nachricht machte Amîr Mas’ûd sehr besorgt, und er ließ sogleich Briefe mit Beileidsbekundungen und Glückwünschen und Botschaften bezüglich der Aufteilung des Reiches an seinen Bruder schreiben, wie es bereits im Abschnitt über die Herrschaftszeit des Amîr Mohammad beschrieben wurde. (Der letztgenannte Abschnitt von Beyhaqîs Werk ist nicht erhalten, SK.) Als seinen Gesandten schickte er einen Nachfahren des Propheten und erfahrenen Mann mit diesen Briefen nach Ghaznîn.

Der Kalif al-Qâdir äußert sich zu Mas’ûds Thronfolge

Nachdem Amîr Mas’ûd diesen Gesandten losgeschickt hatte, traf ein Brief des Befehlshabers der Gläubigen ein, des Kalifen al-Qâdir bi-llâh (reg. 991-1031). Es war die Antwort auf den Brief, den man von Sepâhân (d.i. Esfahân, SK) aus an den Befehlshaber der Gläubigen geschickt hatte.

In jenem Brief an den Befehlshaber der Gläubigen hatte Amîr Mas’ûd die Nachricht vom Hinscheiden des Sultans Mahmûd und seine Absicht mitgeteilt, nach Chorâsân zu reisen. Außerdem hatte er Banner, Einsetzungsurkunde und die üblichen Titel als Bestätigung dafür erbeten, daß er der Thronfolger Mas’ûds sei.

Nun sandte ihm der Befehlshaber der Gläubigen in seinem Antwortbrief Beileidsbekundungen und Glückwünsche, wie es der Brauch war, und gab ihm die Weisung:

Was er an Regionen erobert hat wie Rey; Dschebâl und Sepâhân ist ihm sicher. Nun muß er sich eilends nach Chorâsân begeben, damit in diesem großen Gebiet kein Schaden entstehe. Banner, Einsetzungsurkunde und kostbare Geschenke folgen wie gewünscht mit einem Gesandten.

Amîr Mas’ûd war erleichtert über diesen Brief und faßte wieder Mut (denn der Kalif war für die Legitimation der Herrscher zuständig, SK). Er ließ den Brief öffentlich vorlesen, Trompeten blasen und Trommeln schlagen.

Außerdem ließ er Abschriften anfertigen und in alle Himmelsrichtungen schicken: nach Sepâhân, Dschebâl, in die Gebiete südlich des Kaspischen Meeres und in die großen Städte Chorâsâns. Alle sollten Gewißheit darüber bekommen, daß er der Stellvertreter des Befehlshabers der Gläubigen und der Thronfolger seines Vaters war.

Mas’ûds endgültiger Entschluß

Zu dieser Zeit trafen auch Eilboten aus Ghaznîn ein mit Briefen von Amîr Yûsuf, dem jüngsten Bruder des Sultans Mahmûd, vom Großkammerherrn ‚Alî, von Amîr Mohammads Wesir Bû Sahl-e Hamdavî, vom Oberhaupt der Stadt Ghaznîn und vom Festungskommandanten Bû ‚Alî.

Alle bekundeten sie ihre Untertänigkeit gegenüber Amîr Mas’ûd und ließen ihn wissen:

Amîr Mohammad wurde nur zur Beruhigung der Lage nach Ghaznîn gerufen, um einem Aufruhr vorzubeugen. Aber er ist dieser Aufgabe nicht gewachsen und nur mit Vergnügungen beschäftigt. Der Herr, der wahre Thronfolger seines Vaters, möge guten Mutes sein und sich beeilen, um den Thron des Reiches so bald wie möglich zu besteigen. Sobald sein großer Name in Chorâsân erschallt, werden ihm alle ihre Dienste anbieten.

Schreiben der Mutter Amîr Mas’ûds und seiner Tante Horre-ye Chottalî bestätigten diese Worte und versicherten, daß man ihnen vertrauen könne, da sie der Wahrheit entsprächen.

Auch diese Briefe ermutigten den Amîr enorm. Er hielt eine Versammlung mit den führenden Persönlichkeiten seines Gefolges ab und erläuterte ihnen seine Auffassung: Die neu eroberten Gebiete hier im Westen seien nicht so wichtig wie das Kernland. Er sagte:

Das Herz an Nebensächliches zu hängen und die Hauptsache zu vernachlässigen wäre aber unsinnig. Daher halten Wir es für ratsam, eilends nach Nischapur und Herât zu reiten und uns der Hauptsache zuzuwenden. Wenn diese, wie man Uns geschrieben hat, ohne Krieg ins Lot kommt und Wir den Thron bestiegen haben, kann man sich immer noch um diese Gebiete hier kümmern.

Die Versammelten stimmten ihm zu:

Die beste Ansicht ist die des Herrschers. Je schneller er von hier aufbricht desto besser.

Nach weiterer Beratung bestimmte Amîr Mas’ûd den Hasan-e Soleymân zum Statthalter, den er mit fünfhundert Berittenen zurücklassen wollte. Wenn die Bevölkerung von Rey die Treue halte, so meinten seine Ratgeber, müsse man dennoch der Form halber einen Statthalter einsetzen. Sollten sie jedoch die Treue brechen, würden auch viele Männer nicht ausreichen.

Um die Stimmung der Einwohner Reys zu erkunden, befahl Amîr Mas’ûd, für den nächsten Tag die Notabeln von Rey zu ihm zu rufen. Am übernächsten Tag wollte er in jedem Fall aufbrechen.

Fortsetzung folgt…

Quelle

Beyhaqī, Ḫvāǧe Abū l-Fażl Moḥammad b. Ḥoseyn: Tārīḫ-e Beyhaqī. Hrsg. v. ʿAlī Akbar Fayyāż. Mašhad 1350 š/1971. S. 17-20.

Abu’ l-Fażl Beyhaqi: The History of Beyhaqi: The History of Sultan Mas’ud of Ghazna, 1030-1041. 3 vols. Transl. with a historical, geographical, linguistic and cultural commentary and notes by C.E. Bosworth. Fully revised and with further commentary by Mohsen Ashtiany (= ILEX Foundation Series; 6). Cambridge, MA/London: Harvard University Press, 2011. Bd. 1. S. 98-101.

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Nicht nur aus Amsterdam: Tulpen aus Kaschmir

In den 1960er und 1970er Jahren besangen Roy Black & Die Fischerchöre, Rudi Carrell & Heintje sowie viele andere die berühmten „Tulpen aus Amsterdam“. Das Lied entstand 1953, nachdem der Texter K.G. Neumann die Tulpenpracht im berühmten Keukenhof im holländischen Lisse angeschaut hatte.

In (West-)Europa sind Tulpen seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr aus den Gärten der Aristokratie und des Bürgertums wegzudenken. Sie stammen jedoch nicht, wie uns auch das oben genannte Lied glauben macht, aus Holland, sondern verbreiteten sich aus der heutigen Türkei zu uns.

Der Botaniker und Diplomat Ogier Ghislain de Busbecq (st. 1592) berichtete in seinen Türkischen Briefen vom Hof Süleymans I von Tulpen, wobei ihm wohl ein sprachlicher Fehler unterlief: das türkische Wort tülband, „Turbanband“, bezeichnet nur die Form der Blume, nicht deren Name.

Im Türkischen, Persischen und Urdu sind Tulpen nämlich als lâle/lâla bekannt, und in altpersischen Schriften lässt sich diese Bezeichnung schon seit dem 9. Jahrhundert finden.

Mit freundlicher Genehmigung von Mohsin Dehlvi

Mit freundlicher Genehmigung von Mohsin Dehlvi

Bereits kurz nach ihrer Einführung in Holland im 16. Jahrhundert wurden diese Zierpflanzen so beliebt, dass sie die ‚Tulpenmanie‘ und damit die erste Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte und einen Börsencrash im Jahr 1637 auslösten.

Doch nicht nur in der Türkei beziehungsweise im Osmanischen Reich waren die Herrscher von Tulpen fasziniert, sondern auch weiter östlich in Zentralasien wurden Tulpen bewundert.

Bâbur, der erste Herrscher des indischen Mogulreiches (reg. 1526-1530), war im heutigen Usbekistan aufgewachsen. Nach ersten Eroberungen wurde Kabul die Hauptstadt seines Reiches, bevor er anschließend seine Eroberungen nach Indien ausdehnte.

Bâburs Hauptstadt war Kabul, und in seinen Memoiren Bâbur-nâma („Die Memoiren Bâburs“) notierte der Herrscher folgendes über die Ebenen rund um die Stadt:

Tulpen in verschiedenen Farben bedecken diese Gebirgsausläufer, ich habe sie einmal gezählt und bin auf 32 oder 33 verschiedene Sorten gekommen. Eine haben wir die ‚Nach Rosen Duftende‘ getauft, weil ihr Duft in der Tat ein wenig an rote Rosen erinnert […]. Eine andere Sorte ist die Hundertblättrige Tulpe.

Alle frühen Mogulherrscher zeigten ein großes Interesse an der Blumen- und Tierwelt ihrer Umgebung, vor allem in den von ihnen eroberten Gebieten Nordindiens. Häufig verdanken wir den Memoiren der Herrscher detailgetreue Beschreibungen der indischen Natur und Umwelt.

In den von ihnen gestifteten Gärten wuchsen u.a. viele Tulpen- und Rosenarten, Narzissen und Hyazinthen. Gärten, so die Vorstellung, spiegeln mit ihren Blüten und den Wasserwegen das Paradies wider.

Auch deshalb ließen die Mogulherrscher in allen wichtigen Städten ihres Reiches wie Agra, Lahore, Fatehpur Sikri und Delhi zahlreiche Gärten anlegen. Kaschmir war mit seiner natürlichen Vielfalt von Blumen und Kräutern ein besonderer Mittelpunkt der Gartenarchitektur der Moguln.

Bâburs Nachfahre Dschahângîr (reg. 1605-1627) war von der Blütenpracht der Tulpen Kaschmirs fasziniert, wie er überhaupt von der vielfältigen Pflanzenwelt Kaschmirs begeistert war. Während seiner Regierungszeit verbrachte er dort mindestens dreizehn Mal eine längere Zeit mit seinem ganzen Hofstaat.

In seinen Memoiren Dschahângîr-nâma schrieb er, dass Kaschmir ein „ganzjähriger Garten“ sei, der den Blick des Herrschers erfreue und für die armen Leute ein Rückzugsgebiet darstelle.

Wiesen und Wasserfälle seien so schön, dass sie kaum beschrieben werden könnten. Im bezaubernden Frühling seien Berge und Ebenen mit verschiedenen Sorten von Blüten bedeckt – und Torwege, Mauern, Hinterhöfe und Dächer seien durch Tulpen geradezu erleuchtet.

Mit freundlicher Genehmigung von Mohsin Dehlvi

Mit freundlicher Genehmigung von Mohsin Dehlvi

Die Methode, die Tulpen auf den Dächern anzupflanzen, fand Dschahângîr besonders bemerkenswert und betonte, dass dieses eine Besonderheit in Kaschmir sei. Als ebenso interessant befand er die Tatsache, dass es sich um schwarze Tulpen handelte, die er als „extrem wundervoll“ bezeichnete. Vor allem im Palastgarten und auf dem Dach der Freitagsmoschee seien sie zu finden.

Dschahângîrs Sohn Shâh Dschahân (reg. 1628-1657) beschrieb die Methode der Tulpenbepflanzung auf den Dächern Kaschmirs genauer:

In der Stadt (i.e. Baramulla, C.P) wurden an beiden Seiten des Flusses (i.e. der Jhelam, C.P.) stattliche Häuser und schöne Gärten gebaut. Alle Gebäude der Stadt, bis auf diejenigen des Herrschers, der Prinzen, Würdenträger und einiger reicher Bewohner, sind komplett aus Holz und Holzplanken gemacht.

Sie errichten ihre Häuser drei- oder viergeschossig und setzen noch befestigte (Holz-)Dächer drauf, die mit hölzernen Dachschindeln gedeckt sind. Darüber kommt noch Gras, und das ganze wird mit Erde bedeckt. Darin pflanzen sie die Zwiebeln der lala chugasu, einer der schönsten Arten der Tulpe, die in Kaschmir im Überfluss wächst und eine prachtvolle Blüte trägt.

Auf diese Weise sehen im Frühling alle Dächer grün und blühend aus, und weil die Tulpen in voller Blüte stehen, bietet sich ein malerisches Bild, und kein anderes Land kann sich mit diesem einzigartigen Spektakel brüsten.

Auch heutzutage spielen in Kaschmir Tulpen eine große Rolle. In Srinagar wurde 2012 am Ufer des Dal Lake der größte Tulpengarten Asiens eröffnet und für Touristen zugänglich gemacht. Auf 12 Hektar gibt es Tulpen in zahlreichen Sorten und Farben zu sehen – darunter auch die schwarzen Tulpen, die über 350 Jahre zuvor schon die Mogulherrscher so fasziniert hatten.

Zum Weiterlesen bzw. zum Erinnern

Rudi Carrell und Heintje: „Tulpen aus Amsterdam“ (1970).

Website des Keukenhofs: http://www.keukenhof.nl/de/

Artikel über die Eröffnung des Tulpengartens in Srinagar 2012:
http://archive.indianexpress.com/news/asias-largest-tulip-garden-now-open-to-visitors/930046

Literatur

Begley, W.E. (ed.): The Shah Jahan Nama of ‚Inayat Khan. Delhi: Oxford University Press, 1990, S. 125.

Beveridge, A.S (ed.): Bābur-Nāma. Delhi: Munshiram Manoharlal, 1979 (Reprint), S. 215.

Thackston, W.M. (transl., ed.): The Jahangirnama. Oxford et al.: Oxford University Press, 1999, S. 332.

Verbindliche Thronfolgeregelungen – nichts für Muslime?

Vor einigen Jahren habe ich einen historischen Roman von Rebecca Gablé gelesen. Darin folgt der zehnjährige Richard II. seinem Großvater als König von England nach.

Sein Vater, der älteste Sohn des Königs, war nämlich vor diesem gestorben, und der König hatte den ältesten Sohn seines ältesten Sohnes zum Thronfolger bestimmt.

Nun war diese Thronfolge nicht unumstritten und führte auch langfristig zu Unsicherheiten und desaströsen Kämpfen. Aber der Roman vermittelt den Eindruck, daß das Recht des ältesten Sohnes auf die Thronfolge überhaupt nicht in Frage stand und daß es zumindest manchen nur recht und billig erschien, daß es nach demselben Prinzip auf ein Kind übergehen konnte.

Dieses Prinzip ist das Prinzip der Primogenitur, also des Rechtes des erstgeborenen Kindes (meistens Sohnes) auf Erb- und Thronfolge.

Die Perspektive der Islamhistorikerin

Selbstverständlich war mir dieses Prinzip vertraut. Doch die Schilderung dieses Falles in Gablés Roman ließ mich fassungslos zurück. Edward III., der besagte Großvater, hatte nämlich noch mehrere quicklebendige erwachsene Söhne, darunter den mächtigen John of Gaunt, Duke of Lancaster.

Gerade dieser mächtige Herzog aber unterstützte seinen minderjährigen Neffen. Und der regierte nicht etwa nur kurze Zeit, sondern über 20 Jahre lang. Das irritierte mich wirklich.

Also dachte ich darüber nach, warum mich diese Geschichte so in Erstaunen versetzte. Der Grund war schnell gefunden: Ich hatte mich seit meiner Schulzeit, also seit mehr als fünfzehn Jahren, intensiv mit der Geschichte der islamischen Kulturen auseinandergesetzt. Und da verliefen solche Geschichten ganz anders.

Natürlich gab es auch dort immer wieder einmal Kindkönige. Doch deren Lebensdauer war meist sehr begrenzt. Und Fälle, in denen derart mächtige und reiche Onkel ihren minderjährigen Neffen auf den Thron geholfen und sie auch dauerhaft dort gehalten hätten, fallen mir so auf Anhieb überhaupt nicht ein.

Jemand wie John of Gaunt hätte zur selben Zeit in Iran oder Indien oder auch in den arabischen Ländern die Macht an sich gerissen und sich selbst zum König gemacht, da bin ich mir sicher.

Wenn blutjunge Könige dort unterstützt und an der Macht gehalten wurden, dann nicht von ihren eigenen älteren männlichen Verwandten, sondern von einem mächtigen Wesir oder General.

Solche Männer gehörten selbst nicht zur Dynastie und konnten keinen Thronanspruch geltend machen, aber sehr wohl für einen jungen König herrschen. Eine andere Interessenlage also.

Nun sind die Situationen nicht vergleichbar, und ich habe zu wenig Ahnung vom mittelalterlichen England, um die Unterschiede kompetent zu analysieren. Womöglich war John of Gaunt in einer ähnlichen Situation wie ein Wesir bei den Seldschuken oder Fatimiden, weil die Auffassung über Thronansprüche ganz anders war.

Immerhin hatte man sich in England auch im 14. Jahrhundert schon mit einem Parlament auseinanderzusetzen. Außerdem konnte ein europäischer König schlecht zwei Ehefrauen auf einmal haben. Das machte annähernd gleichaltrige Söhne unwahrscheinlich und das Primogeniturprinzip sinnvoll.

Anders muslimische Könige, denen durchaus im selben Jahr oder sogar Monat zwei legitime Söhne von unterschiedlichen Frauen geboren werden konnten. Das ist auch immer mal wieder vorgekommen, und in solchen Fällen hilft auch das Primogeniturprinzip nur bei sehr genauer Kalkulation weiter.

Was immer die Gründe für die sehr unterschiedliche Handhabung gewesen sein möge, eines ist jedenfalls sicher: In den islamischen Kulturen gab es in aller Regel keine dermaßen geordneten Verhältnisse, wenn es um die Nachfolge eines Herrschers ging.

Wie es bei den Muslimen funktionierte

Weder hielten sich Ghaznavidenherrscher wie Mas’ûd oder auch sein Vater Mahmûd selbst an die vom Vater ausdrücklich getroffenen Regelungen noch konnten die Seldschuken-Sultane sich auf einfache Nachfolgeprinzipien berufen. Hier versuchten sogar ältere Onkel aufgrund des Senioritätsprinzips, die Macht an sich zu reißen.

Das heißt, es wurde auch die Auffassung vertreten, daß der älteste Mann der Familie zu herrschen habe. Auch bei den Îlchânen konnte die Herrschaft nicht nur auf jeden Sohn übergehen, sondern auch auf den Brüder des verstorbenen Herrschers. Und die letzten Timuriden von Herât verloren über ihren Thronfolgestreitigkeiten die Herrschaft (allerdings wohl nicht nur deswegen).

Zu den indischen Timuriden, nämlich den Moguln, habe ich mich ja schon in verschiedenen Beiträgen geäußert. Aber da wird in nächster Zeit voraussichtlich noch einiges nachkommen. 😉

Zu den Ghaznaviden habe ich für mein E-Book einmal die Herrscherabfolge unter Angabe des Verwandtschaftsverhältnisses jedes Herrschers zu seinem Vorgänger zusammengestellt (das sind nicht ALLE Ghaznaviden):

Ghaznavidenherrscher

Ghaznavidenherrscher

Dabei fällt Ihnen vielleicht auf, daß „Sohn“ sogar eher selten ist. 🙂

Oder sind die Türken schuld?

Doch wenn Sie aufmerksam gelesen haben, dann ist Ihnen vielleicht schon ein naheliegender Einwand eingefallen: Bei all den Dynastien, die ich oben aufgezählt habe, handelt es sich um turko-mongolische Familien. Vielleicht liegt das Thronfolgechaos ja daran?

Wenn man sich die Frühzeit muslimischer Herrschaft nach dem Tode Muhammads anschaut, sieht man aber, daß es hier zunächst einmal gar keine dynastische Herrschaft gab. Der Kalif, also der „Nachfolger“ oder „Stellvertreter“ des Propheten, wurde nämlich gewählt.

Das ging natürlich nicht lange gut, denn Einigkeit ist nicht eben eine besondere Stärke menschlicher Gesellschaften. Im Ergebnis etablierte sich bald eine Dynastie: die Umayyaden.

Als Dynastie erkennt man sie vor allem daran, daß zunächst einmal tatsächlich Söhne ihren Vätern auf den Thron nachfolgten. Das blieb allerdings nicht die ganze Zeit über so. In späteren Jahren ging die Herrschaft nicht nur gelegentlich auf einen Bruder über, sondern auch in einen anderen Zweig der Familie.

Abgelöst wurden die Umayyaden im Jahr 750 von den Abbasiden. Das sind die aus 1001 Nacht bekannten Kalifen von Bagdad, zu denen auch Hârûn ar-Raschîd gehörte. Diese Dynastie startete gleich damit, daß der zweite Kalif al-Mansûr seinem Bruder auf den Thron folgte.

Auch die Erbfolgeregelung des berühmten Hârûn ar-Raschîd wurde nicht beachtet – allerdings sah diese Regelung auch schon vor, daß Hârûns Thronfolger al-Amîn zwei seiner Brüder als Thronfolger anerkennen sollte. Das gefiel ihm wohl nicht, denn er wollte seinen Sohn zum Nachfolger machen. Im Ergebnis verlor er Thron und Leben im Jahr 813 an seinen Bruder al-Ma’mûn. Diesem folgte 833 ein weiterer Bruder nach.

Bei Hârûns Nachfolgeregelung ging es übrigens nicht um Primogenitur (al-Ma’mûn war etwas älter als al-Amîn), sondern unter anderem um die Stellung der Mütter: al-Amîns Mutter war eine freie Araberin, al-Ma’mûns Mutter eine persische Sklavin.

Einzig bei den Fatimiden scheint es deutlich geordneter zugegangen zu sein. Doch das war eine schiitische Dynastie, bei der die Designation des Imams durch seinen Vorgänger (hier meist: Vater) mehr Gewicht hatte. Als hier gegen Ende des 11. Jahrhunderts ein jüngerer Sohn vorgezogen und sein älterer Bruder übergangen wurde, führte das dann auch gleich zu einem Schisma.

Letztlich trieb ein Mogul das Prinzip, daß derjenige Prätendent aus der Herrscherfamilie den Thron errang, der sich militärisch durchsetzen konnte, auf die Spitze: Aurangzêb (reg. 1658-1707) machte als erster Mogul auch vor seinem Vater nicht halt.

Als er Schâh Dschahân (reg. 1627-58) in dessen eigener Festung eingeschlossen und zur Kapitulation gezwungen hatte, setzte er ihn kurzerhand ab und sich selbst auf den Thron. Da er sich kurz darauf auch sämtlicher rivalisierender Brüder entledigt hatte, blieb es auch dabei.

Besonders anständig fanden seine Zeitgenossen das zwar nicht, aber auch hier galt: Herrscher ist, wer die Macht auf seiner Seite hat, nicht die Moral. 😉

Doch auf diese faszinierende und ziemlich gut dokumentierte Episode der Mogulgeschichte gehe ich ein anderes Mal näher ein.