„Vorsingen“: Ein Blick hinter die Uni-Kulissen

Woran denken Sie, wenn Sie den Begriff „Vorsingen“ hören? An DSDS? Oder an den Musikunterricht unserer Eltern- und Großelterngeneration, zu dem noch das Vorsingen von Melodien vor der Klasse gehörte? Dann sind Sie hier auf der falschen Spur.

Mit „Vorsingen“ ist im akademischen Betrieb nämlich etwas ganz anderes gemeint: Es ist die saloppe Bezeichnung für den Vorstellungstermin für eine Professur.

Auch auf Professuren muß man sich ganz normal bewerben. Dazu braucht man in der Regel einen Lebenslauf, die Zeugnisse über erworbene Abschlüsse, ein Verzeichnis der eigenen Publikationen und Lehrveranstaltungen und Belege über Fortbildungen, die von Interesse sein können.

Zusätzlich werden manchmal noch Lehrevaluationen gefordert, falls sie vorliegen, oder eine Darstellung des eigenen Werdegangs. Man kann auch eine Liste der eigenen Vorträge beilegen. Dabei beschränkt man sich meist auf die Vorträge, zu denen man eingeladen worden ist – also „Voträge auf Einladung“ oder auf englisch „Invited Lectures“.

Am meisten Arbeit macht dabei in der Regel das Anschreiben, in dem man möglichst knapp darlegen muß, warum man sich selbst für die geeignete Besetzung für die Stelle hält. Dabei muß man natürlich auf die Wünsche eingehen, die in der Ausschreibung genannt sind.

Kommt man aufgrund dieser schriftlichen Bewerbungsunterlagen in die nähere Wahl, so wird man aufgefordert, die fünf wichtigsten eigenen Publikationen einzureichen. Meistens wird dann noch einmal beraten, welche Bewerber zu einem Vorstellungstermin eingeladen werden sollen.

Wer in die engere Wahl kommt, erhält dann eine Einladung zu einem Vorstellungstermin in den nächsten Wochen oder Monaten. An diesem Vorstellungstermin findet dann das „Vorsingen“ statt.

Singvogel; Foto: Jason Thompson; Quelle: Wikimedia Commons; Lizenz

Singvogel; Foto: Jason Thompson; Quelle: Wikimedia Commons; unverändert; Lizenz Creative Commons Attribution 2.0 Generic

Üblicherweise werden sechs bis acht Personen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen eingeladen. Die Berufungskommission, die den Favoriten für die Besetzung der Professur auswählt, befaßt sich also an zwei Tagen mit je drei bis vier Bewerbern.

Alle diese Bewerber halten einen Vorstellungsvortrag mit anschließender Diskussion. Für diese Reihung von öffentlichen Vorstellungsorträgen hat sich die inoffizielle Bezeichnung „Vorsingen“ eingebürgert.

Das erste Verfahren, das ich selbst als Vertreterin der Studenten erlebt habe, liegt schon mehr als fünfzehn Jahre zurück. Damals folgte dem Vortrag und der Diskussion nur noch das Gespräch mit der Berufungskommission.

Die Kommission besteht übrigens aus mehreren Professoren der Fakultät, ein oder zwei Vertretern aus einer anderen Fakultät oder Universität sowie Vertretern des Mittelbaus und der Studenten.

Heutzutage bringt die Kommission aber meistens der Lehre viel mehr Interesse entgegen als früher. Auch die Position der Studenten ist stärker.

Deshalb gibt es häufig vor dem Kommissionsgespräch noch ein Gespräch mit Vertretern der Studenten. Außerdem wird gelegentlich eine Lehrprobe gefordert, die aber in aller Regel so kurz ausfällt, daß man nur ganz grundsätzliche Ansätze demonstrieren und die eigene Lehrpersönlichkeit zeigen kann.

Wo ein Bewerber auf einen „normalen“ Arbeitsplatz also lediglich ein Vorstellungsgespräch bestreiten und sich darauf vorbereiten muß, wird vom Bewerber auf eine Professur erheblich mehr erwartet.

Denn ein Vortrag – zumal einer, der mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen sollte – muß nicht nur paßgenau für den angegebenen Zeitrahmen konzipiert und ausgearbeitet werden. Man muß auch die Diskussion vorbereiten, indem man gedanklich mögliche Fragen vorwegnimmt. Zusätzlich muß ein solcher Vorstellungsvortrag aber auch für fachfremde Zuhörer verständlich sein.

Auch eine Lehrprobe muß man natürlich vorbereiten. Insbesondere muß man sich überlegen, was man tut, wenn etwas nicht klappt wie geplant. Schließlich simuliert man ja eine Unterrichtssituation mit Studenten, die man nicht kennt und die vielleicht ganz anders reagieren als gedacht.

Sowohl mit dem Vortrag als auch mit der Lehrprobe will man zeigen, wie man arbeitet und was man inhaltlich und methodisch zu bieten hat. Das muß man also bei der Themenwahl und Vorbereitung auch berücksichtigen.

Nicht zu vergessen das „Problem Medien“: Was mache ich, falls die Technik streikt und ich meine PowerPoint-Präsentationen nicht verwenden kann? Wie vermeide ich zeitraubendes Herumprobieren und unerfreuliche Lücken in der Präsentation, wenn es gar nicht klappt? Das alles will bedacht sein.

Schließlich steht noch die ganze Recherche und Vorbereitung an, die man auch sonst für ein Vorstellungsgespräch betreiben muß.

Ist das „Vorsingen“ dann vorüber, wird eine Liste mit drei Kandidaten erstellt. Nummer Eins ist die Person, für die sich die Kommission als beste Lösung entschieden hat. Nummer Zwei und Nummer Drei auf der Liste sind die am nächstbesten geeigneten Kandidaten.

Manchmal werden noch zwei Gutachten zu jeder der drei Personen eingeholt. Wenn dann der Fakultätsrat der Liste zugestimmt hat, bekommt Nummer Eins auf der Liste einen Ruf. Dann tritt sie mit der Universität in Verhandlungen ein. Wird eine Einigung erzielt, dann wird Nummer Eins berufen.

Sollte Nummer Eins den Ruf ablehnen oder sollten die Verhandlungen scheitern, so erhält in der Regel Nummer Zwei einen Ruf, und die Verhandlungen beginnen mit dieser Person von vorn usw.

Manchmal wird das Verfahren aber auch vorzeitig abgebrochen und die Stelle erneut ausgeschrieben. Das ist natürlich ärgerlich für Nummer Zwei und Drei auf der Liste, kommt aber vor.

Und warum erzähle ich Ihnen das alles?

Ganz einfach: Vorletzte Woche war ich selbst zum ersten Mal zu einem „Vorsingen“ eingeladen, deshalb hat mich das Thema in letzter Zeit sehr beschäftigt. Und ich habe festgestellt, daß viele Menschen – sogar an der Uni – gar keine genaue Vorstellung darüber haben, wie so ein Berufungsverfahren für eine Professur und ein „Vorsingen“ überhaupt ablaufen.

Bei meinem „Vorsingen“ waren ein Vortrag mit Diskussion und eine Lehrprobe gefordert. Außerdem gab es ein Gespräch mit Studentenvertretern und eines mit der Kommission.

Da das Verfahren noch läuft, erzähle ich Ihnen hier erstmal keine weiteren Details. Aber keine Sorge: Sobald es abgeschlossen ist, folgt noch eine kurze Schilderung meiner Erfahrung. 🙂
BeitragsbildFoto: Jason Thompson; Quelle: Wikimedia Commons; unverändert; Lizenz Creative Commons Attribution 2.0 Generic

„Holi Hai“ – Das „Festival der Farben“ am Hof der Moguln

Morgen (13.3.2017) wird in Indien wieder HOLI gefeiert! Aus diesem Grund re-blogge ich meinen Holi-Artikel aus dem letzten Jahr!  In diesem Sinne – Holi Hai!

Wegen der Festtagsdichte etwas verspätet, erfahren Sie nun endlich auch mehr über Holi bei den Moguln:

„Holi hai“ – „Es ist Holi!“ – schallte es am 23. März 2016 wieder durch die Straßen Indiens. Das „Festival der Farben“ zum Ende des Winters wird mit Feuern, Feuerwerk und Musik auf den Straßen gefeiert – vor allem aber damit, dass man sich gegenseitig mit gefärbtem Wasser und Farbpulver bespritzt beziehungsweise bewirft.

Holi ist eines der ältesten hinduistischen Feste, und es symbolisiert die ewige Liebe der Hindu-Gottheiten Radha und Krishna.

Auf den ersten Blick erscheint es deshalb erstaunlich, dass auch die Mogulherrscher das Holi-Festival ausgiebig feierten. Einer der Gründe war sicherlich, dass viele der Frauen des königlichen Harems (zanâne) Hindus waren. Sie praktizierten weiterhin ihre Bräuche, religiösen Zeremonien und Festivitäten.

Dieses schien auch für die Herrscher selbst kein Problem darzustellen. Unter dem Herrscher Schâh Dschahân (reg. 1627-1658) war das Holi-Festival weithin als Âb-pâschî („das Besprenkeln mit Wasser“) oder sogar als ‚Eyd-e golâbî („das pinkfarbene Festival“) bekannt.

Vor allem aber vom Herrscher Dschahângîr (reg. 1605-1627) ist überliefert, dass er Holi ausgiebig feierte.

Lucknow, Uttar Pradesh, India, um 1800, public domain, Quelle: Wikimedia Commons

Lucknow, Uttar Pradesh, India, um 1800, public domain, Quelle: Wikimedia Commons

Von einem unbekannten Maler aus Lucknow ist eine Miniatur erhalten, die allerdings erst lange nach Dschahângîrs Tod, wahrscheinlich um 1800, entstand. Dieses Bild zeigt Dschahângîr, der mit den Frauen des Harems offensichtlich sehr ausgelassen Holi feiert.

Dasselbe Motiv – „Dschahângîr, der mit den Frauen seines Harems Âb-pâschî feiert“, ist eines der bedeutendsten Gemälde des Malers Govardhan, der als Hofmaler schon unter Akbar und Schâh Dschahân tätig war.

Das Bild stammt etwa aus dem Jahr 1635. Es zeigt die Frauen des Harem, die den Herrscher zu seinem Bett geleiten. Das Bild befindet sich in der Chester Beatty Library in Dublin.

Doch auch in seinen Memoiren, dem Dschahângîr-nâme, beschrieb der Herrscher selbst die Feierlichkeiten von Holi:

… das sie (die Hindus, C.P.) für den letzten Tag des Jahres halten. Am Vorabend dieses Tages entzünden sie Feuer in allen Gassen und Straßen. Bei Tagesanbruch besprenkeln sie gegenseitig ihre Köpfe und Gesichter mit (Farb-)Pulver und erzeugen dabei einen gewaltigen Tumult. Danach waschen sie sich, legen ihre Kleidung an und gehen hinaus in die Gärten und Felder.

Da es bei den Hindus ein feststehender Brauch ist, ihre Toten zu verbrennen, ist das Entzünden von Feuern in der letzten Nacht des Jahres eine Metapher für das Verbrennen des alten Jahres – als ob es sich um einen toten Körper handelte.

In diesem Zusammenhang ist es auch zu verstehen, dass der Herrscher auf dem Bild von Govardhan mit einem Licht- oder Feuerpfeil in der Hand zu sehen ist. Dschahângîr als (weisem) Herrscher sind die „zyklischen Dimensionen der Zeit“ bekannt, die die kosmologische Basis dieser Rituale bilden – und in die er auch selber eingebunden ist.

Mughal_Persophonie.jpg

Das Bild zeigt eine Szene am Hofe, es handelt sich um das Foto einer Miniatur, die ich im März 2017 in Delhi gekauft habe (Schule von Bikaner)

Auch unter Dschahângîrs Nachfolger Aurangzêb ‚Âlamgîr (reg. 1658-1707) wurden zunächst hinduistische Feste wie Holi und das Lichterfest Diwali gefeiert.

Doch in den späteren Jahren seiner Regierung erließ der Herrscher einen Befehl, das „Singen obszöner Lieder während der Holi-Feiern zu unterlassen“, dann sollen die Feiern selbst verboten worden sein. Inwieweit sich diese Verbote überhaupt durchsetzen ließen, ist bisher nicht in den Quellen belegt.

Literatur

Conermann, Stephan: Das Mogulreich: Geschichte und Kultur des muslimischen Indien. München: Beck, 2006.

Moin, A. Afzar: The Millenial Sovereign: Sacred Kingship and Sainthood in Islam. New York: Columbia University Press, 2012, S. 200.

Thackston, Wheeler M. (transl.): The Jahangirnama: Memoirs of Jahangir, Emperor of India. New York: Oxford University Press, 1999, S. 146.

Dr. Claudia Preckel ist Islamwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum und zu erreichen unter: claudia.preckel@rub.de.

Ostern am Hof Dschahângîrs oder: Wie die Ostereier an den Hof der Moguln kamen (Gastbeitrag von Claudia Preckel)

Vasco da Gamas Ankunft in Calicut an der Malabar-Küste im Jahr 1498 war der Beginn der portugiesischen Kolonialisierung Südindiens. Damit ging auch die christliche Missionierung durch den noch relativ jungen Jesuitenorden einher.

Ausgehend von Goa, der Hauptstadt Portugiesisch-Indiens, weiteten die Jesuiten ab 1541 ihre Aktivitäten des Handels und der Missionierung in das Herrschaftsgebiet der (muslimischen) Mogulherrscher aus. Der Herrscher reagierte, indem er den Kontakt zu den Jesuiten suchte.

So hielten sich auf Einladung Akbars (reg. 1556-1605) nacheinander insgesamt drei Gruppen von Missionaren des Jesuitenordens am Mogulhof auf – und waren somit wohl die ersten Europäer, die direkten Zugang zum Herrscher erhielten.

Die Missionierung von Würdenträgern des Hofes oder gar Mitgliedern der Herrscherfamilie verlief jedoch schleppend oder funktionierte gar nicht.

Jesuiten an Akbars Hof, public domain, Quelle: Wikimedia commons

Jesuiten an Akbars Hof, public domain, Quelle: Wikimedia commons

Pater Jerome Xavier war schließlich derjenige, der Erfolge bei der Missionierung am Mogulhof aufweisen konnte. Pater Xavier kam im Mai 1595 in Begleitung von Pater Emmanuel Pinheiro und Bruder Bento de Góis noch zur Regierungszeit Akbars am Mogulhof in Lahore an.

Dort wurden den Jesuiten ein Palast und ein Lehrer zum Erlernen der persischen Sprache zur Verfügung gestellt. Der Herrscher zeigte besonderes Interesse am religiösen Austausch mit den Jesuiten, war aber nicht bereit, zum Katholizismus zu konvertieren.

Vor allem die christliche Lehre von der Göttlichkeit Jesu konnte ihn keinesfalls überzeugen, auch wenn er als Muslim Jesus als einen Propheten erachtete (meinen Gastbeitrag zu Jesus im Islam finden Sie hier).

Pater Jerome Xavier glaubte allerdings weiter an den Erfolg seiner Missionstätigkeiten. So verfasste er auf Portugiesisch eine Sammlung von Legenden und Episoden aus dem Leben Jesu, die als Mir’ât al-quds („Spiegel der Heiligkeit“) oder auch als Dastân-e masîh („Geschichte des Messias“) bekannt wurde. Unter der Patronage Akbars wurde sie ins Persische übersetzt.

Doch obwohl Akbar anscheinend biblische Schilderungen des Lebens Jesu schätzte, erreichte Pater Xavier weiterhin nicht, dass der Herrscher zum Katholizismus konvertierte.

1610 jedoch, unter Akbars Nachfolger Dschahângîr (reg. 1605-1627), schienen sich die Anstrengungen der Jesuiten auszuzahlen: ihnen wurde gestattet, drei Mogulprinzen zu taufen. Es handelte sich um Neffen Dschahângîrs, Söhne seines verstorbenen Bruders Daniyāl. Am 5. September 1610 wurde die Taufe in der Kirche von Agra in Anwesenheit aller Christen der Stadt begangen.

Die drei Prinzen trugen portugiesische Kleidung und erhielten von den Jesuiten jeweils ein großes goldenes Kreuz. Die Taufe soll so emotional gewesen sein, dass die Anwesenden zu Tränen gerührt waren und für einen Tag auch die Differenzen zwischen den christlichen Konfessionen – also zwischen Briten und Portugiesen – vergessen waren. Die Glocke der Kirche von Agra soll so heftig geläutet haben, dass sie zerbrach.

Mit ihrer Konversion erhielten die drei Prinzen christliche Namen: Tahmûras wurde nach dem spanischen König Don Felipe benannt, aus Bâyansangar wurde Don Carlos, und Hûschang erhielt den Namen Don Henrique nach dem letzten portugiesischen König.

König Phillip III. von Portugal sandte einen persönlichen Brief an Dschahângîr, in dem er ihm für die Konversion seiner Neffen dankte und diese zu seinen persönlichen Patenkindern erklärte.

In der Folgezeit erhielten die drei Prinzen auf Anweisung des Herrschers täglich religiöse Unterweisungen durch Pater Corti, dem die Prinzen immer mit Respekt begegneten.

Gegen den Widerstand der Frauen aus dem Königlichen Harem (zanâne) konnten die Jesuiten ihren Einfluss am Mogulhof weiter erhalten. Die drei Prinzen feierten sowohl die Weihnachtstage 1610 als auch Ostern 1611 in Agra ausgiebig.

So ist überliefert:

Nachdem die Ostermesse beendet war, küssten die Prinzen die Hände der Priester, aßen ihre Ostereier mit Genuss, schauten den Unterhaltungsdarbietungen zu, die von den Patern organisiert worden waren und kehrten dann in Begleitung einer großen Gruppe von Christen – unter ihnen auch Briten – auf dem Pferderücken (in den Palast) zurück.

Und ja, Sie haben richtig gelesen, es ist von mehreren Feierlichkeiten überliefert, dass die Jesuiten ein „Rahmenprogramm“ mit Gauklern, Seiltänzern und Akrobaten organisierten.

Anscheinend blieb 1611 aber das einzige Jahr, in dem Ostern am Mogulhof gefeiert wurde. 1613, mit Verschlechterung der Beziehungen zwischen Dschahângîr und den Portugiesen, gaben die drei Prinzen die Goldkreuze zurück, die sie zur Taufe erhalten hatten, und verkündeten, sie seien keine Christen mehr.

Auch der Herrscher selbst machte deutlich, dass er niemals zum Christentum konvertieren würde. Pater Jerome Xavier verließ daraufhin den Mogulhof und kehrte nach Goa zurück.

Dr. Claudia Preckel ist Islamwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum und erreichbar unter claudia.preckel@rub.de.

Neuigkeiten: Nourûz, Holi, Ostern – die Festtagsschwemme

Als Beitragsbild präsentiere ich Ihnen heute so zwischendurch noch unser diesjährigs „Haft-Sîn“. Wie immer ein bißchen spartanisch, aber ich bin ja froh, daß wir überhaupt sabze hatten. 🙂

Hier haben Sie es nochmal in voller Pracht:

Unser "Haft-Sîn" 2016

Unser „Haft-Sîn“ 2016

Außerdem ist heute schon wieder ein anderer Feiertag, allerdings ein indischer: Holi, das Farbenfest. Wie Sie sich denken können, ist auch das ein Frühlingsfest. Was es mit diesem Blog zu tun hat, erfahren Sie voraussichtlich im übernächsten Beitrag. Also seien Sie gespannt und schauen Sie wieder herein!

Und damit es bis dahin nicht langweilig wird, bekommen Sie am Wochenende pünktlich zu Ostern wieder einen Gastbeitrag meiner Kollegin Dr. Claudia Preckel zu lesen. Mehr wird aber noch nicht verraten. 😉 – Und DAS ist dann daraus geworden ..:)

Für diejenigen, die den Nourûz-Beitrag noch nicht gelesen haben, hier der Link: zum Nourûz-Beitrag 2016.

P.S.: Habe ich schon mal auf die gefärbten Eier hingewiesen, die nicht nur wir zu Ostern verstecken und essen, sondern die auch oft das „Haft-Sîn“ zu Nourûz dekorieren?

Alle Jahre wieder: Nourûz!

Nourûz, das Neujahrsfest zu Beginn des Sonnenjahres im März, ist ein Fest des gesamten iranischen Kulturraums und deshalb zum Beispiel auch unter den Kurden verbreitet (als Newroz). Obwohl das Fest zoroastrische Ursprünge hat, feierten es schon früher auch muslimische Herrscher wie die Ghaznaviden.

Wie zum Beweis dafür, daß ihr Reich und vor allem ihre Hofkultur eindeutig Teil der Persophonie waren, begingen auch die Moguln unter Akbar, Dschahângîr und Schâh Dschahân Nourûz als offizielles Fest. Erst Aurangzêb schaffte es wieder ab (der Spielverderber ;-)).

Dschahângîr beschreibt das erste Nourûz-Fest nach seiner Thronbesteigung in seinen Memoiren wie folgt:

Da dies das erste Fest nach der glückverheißenden Thronbesteigung war, befahl ich, die Wände der privaten und öffentlichen Audienzhalle mit wertvollen Stoffen zu bedecken, wie es zur Zeit meines erhabenen Vaters üblich war, und alles mit äußerster Schönheit und Ausschmückung vorzubereiten.

Vom ersten Tag von Nourûz bis zum neunzehnten Tag des Frühlingsanfangs, der der Kulminationstag ist, vergnügten sich die Menschen und feierten gehörig. Musikanten aus allen Gruppen hatten sich versammelt. Tanzende Zigeuner und indische Schönheiten, die mit einem Augenaufschlag Engeln das Herz rauben konnten, brachten die Festgesellschaft in Stimmung.

Ich ordnete an, daß jeder an Rauschmitteln einnehmen dürfe, was ihm beliebe, und es kein Verbot geben solle.
(Dschahângîr-Nâme, S. 29; Übers. Thackston, S. 46)

Danach beschreibt er, wie zur Zeit seines Vaters jeden Tag einer der großen Emire ein Gelage gegeben, kostbare Geschenke präsentiert und den Herrscher persönlich zum Fest gebeten hatte. Akbar sei zu diesen Festen erschienen, um die Gastgeber zu ehren.

Weder Dschahângîr noch sein Sohn Schâh Dschahân waren Kinder von Traurigkeit, wenn sie auch unterschiedliche Vorlieben hatten. Erst mit Aurangzêb zogen ganz andere Sitten ein. Doch davon erzähle ich Ihnen ein anderes Mal.

Für heute lasse ich es damit gut sein, die Wißbegierigen unter Ihnen auf meine Nourûz-Serie hinzuweisen, sofern Sie sie noch nicht kennen. Die erste Folge finden Sie unter diesem Link.

Dieses Jahr war ich zwar mal wieder ein bißchen zu spät dran mit den Vorbereitungen, aber ich habe es immerhin geschafft, ziemlich kurzfristig doch noch ein bißchen sabze für unser „Haft-Sîn“ heranzuziehen:

sabze2016

Ich gebe zu, es sieht nicht allzu beeindruckend aus, aber da ich es sehr spät ausgesät habe, war ich überrascht, daß es überhaupt schon grünt. Wenn das kein gutes Vorzeichen für das neue Jahr ist! 🙂

Und für alle, die selbst Nourûz feiern:

عید شما مبارک

Quelle und Literatur

Nûr ed-Dîn Mohammad Dschahângîr-e Gûrkânî: Dschahângîr-Nâme/Tûzok-e Dschahângîrî. Hrsg. v. Mohammad-e Hâschem. Tehrân: Enteschârât-e bonyâd-e farhang-e Îrân, 1359 sch./1980, S. 29f.

Wheeler M. Thackston (transl.): The Jahangirnama: Memoirs of Jahangir, Emperor of India. New York: Oxford University Press, 1999. S. 46f.

Stephan Conermann, Das Mogulreich: Geschichte und Kultur des muslimischen Indien. München: Beck, 2006. S. 109.

Schâh Dschahâns Taj Mahal (Tâdsch Mahall): Liebesbeweis oder Machtdemonstration?

Der Taj Mahal des Mogulherrschers Schâh Dschahân (1592-1666) ist ein weltberühmtes Bauwerk, um das sich eine romantische Geschichte rankt. Letzte Woche habe ich einen Beitrag zum Taj Mahal rebloggt und Ihnen für diese Woche einen kleinen eigenen Beitrag in Aussicht gestellt.

Leider hatte ich selbst noch keine Gelegenheit, dieses prachtvolle Mausoleum selbst zu besuchen. Aber gelesen habe ich natürlich viel darüber, und die Fotos sind auch ziemlich beeindruckend.

Schâh Dschahân, der „König der Welt“ (pers. schâh-e dschahân), ließ dieses Mausoleum für seine Frau Mumtâz Mahall errichten. Sie war die Nichte der Lieblingsfrau seines Vaters Dschahângîr (reg. 1605-1627) und Enkelin eines iranischen Emigranten. Schon mit 15 Jahren war Schâh Dschahân mit ihr verlobt worden. Da man aber einen astrologisch günstigen Zeitpunkt für die Hochzeit abwarten wollte, fand diese erst 5 Jahre später statt.

Dann hatten die beiden jedoch jede Menge Kinder zusammen. Bei der Geburt von Nummer 14 starb Mumtâz Mahall schließlich mit Ende dreißig. Das war im Jahr 1631.

Foto: Dhirad, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Foto: Dhirad, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Schâh Dschahân soll völlig niedergeschmettert gewesen sein und danach dreißig Jahre lang keine Frau mehr angerührt haben. Angeblich. Der Taj Mahal wäre dann ein Zeichen seiner ewigen Liebe.

Zumindest ist das die Geschichte, die Generationen von Touristen erzählt wurde. Von den Indern. Die sie wohl von den Briten hatten. Britische Romantiker wiederum hatten diese Geschichte nicht erfunden, sondern nur verbreitet. Zu finden ist sie schon bei den Chronisten aus Schâh Dschahâns Zeit.

Wie üblich ist diese Geschichte aber wieder einmal zu schön, um wahr zu sein. Schâh Dschahân scheint nämlich alles andere als eine zartfühlende Persönlichkeit mit einer Neigung zur romantischen Liebe gewesen zu sein.

Zeitzeugen sprechen von Shah Jahan als einer arroganten, egomanischen und rücksichtslosen Person, deren einziges Interesse die eigene Größe und Macht war. (Conermann, S. 93)

Auch mit seiner Enthaltsamkeit nach Mumtâz Mahalls Tod war es vermutlich nicht allzu weit her, denn es gibt genügend Berichte über Schâh Dschahâns sexuelle Ausschweifungen. (Wenn ich mal etwas mehr Zeit habe, suche ich Ihnen ein paar Passagen heraus. Aber dafür brauchen wir einen eigenen Artikel ;-))

Eher als eine Liebeserklärung an Mumtâz Mahall ist der Taj Mahall ein Symbol für Schâh Dschahâns eigene Größe und Macht. Inschriften machen deutlich, daß das Mausoleum als Allegorie auf das Paradies zu verstehen ist.

Die vier künstlichen Wasserläufe stehen für die vier Paradiesesflüsse und das Grab selbst für den Thron Gottes. Unter diesem liegen Mumtâz Mahall und Schâh Dschahân begraben.

Auch wenn der Taj Mahal nicht in erster Linie ein Liebesbeweis an seine Frau war, dürfte Schâh Dschahân Mumtâz Mahall sehr zugetan gewesen sein.

Immerhin war sie nicht seine einzige Frau, doch er ließ gleich nach ihrem Tod den Taj Mahal errichten, der freilich erst über zehn Jahre später fertig gestellt wurde. Und wenn ich mich recht erinnere, hatte er mit keiner seiner anderen Ehefrauen so viele Kinder wie mit ihr.

Vielleicht war es ihm ja ein Trost, daß er die letzten acht Jahre seines Lebens, nachdem ihn einer seiner Söhne gefangen genommen und abgesetzt hatte, mit Blick auf den Taj Mahal zubrachte.

Literatur

Stephan Conermann, Das Mogulreich: Geschichte und Kultur des muslimischen Indien. München: Beck, 2006. S. 92-94.

Beitragsbild

Foto: Dhirad, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Eine Liebeserklärung? – Wir besuchen das Taj Mahal

Da ich Sie nun schon in die Geschichte der indischen Timuriden, besser bekannt als Moguln, eingeführt habe: Hier mal wieder ein Reisebericht. Dieses Mal geht es um das berühmteste Gebäude Indiens.

Zu Schah Dschahân und der Geschichte des Taj Mahal komme ich vielleicht schon nächstes Wochenende. Gehört alles zur Persophonie, denn was war die Kultur-, Verwaltungs- und Hofsprache der Moguln? – Richtig: Persisch. 😉

Timuridische Empfindlichkeiten – Bruderkrieg: ja, den Bruder töten: nein

Wissen Sie, was ein „Mogul“ ist? Bestimmt. Das Wort kommt von einer Dynastie, die vom 16. bis ins 19. Jahrhundert in Indien herrschte.

Sie stammten einerseits von dem Eroberer Timur (Tamerlan, 1336-1405) ab, andererseits aber auch von Dschingis Khan (st. 1227). Deshalb bezeichneten die Europäer die Dynastie als „Moguln“ – das ist die persische Bezeichnung für „Mongole“ (moghol, moghûl).

Die Moguln selbst nannten sich anders, und da sie von Timur abstammen, nennt man sie auf persisch heute die „indischen Timuriden“. Dagegen sind die Europäer bis heute bei der Bezeichnung „Moguln“ geblieben.

Und weil die Moguln reich und mächtig waren und die Europäer mit ihrer Prachtentfaltung beeindruckten, nennen wir sehr reiche und mächtige Leute heute noch „Mogul“. Doch das kam später.

Erst einmal mußte diese Timuridenfamilie Indien nämlich erobern. Das war gar nicht so einfach. Nachdem der Gründer der späteren Moguldynastie, Zahîr ed-Dîn Mohammad Bâbor (1483-1530) sich militärisch in Nordindien durchgesetzt hatte, verlor sein ältester Sohn Homâyûn (1508-1556) die eroberten Gebiete erst einmal wieder und mußte sich Verstärkung bei dem Safaviden-Schâh Tahmâsp I. (1514-1576) holen.

Das hatte er nicht zuletzt seinen reizenden drei Halbbrüdern zu verdanken, die sich nicht mit ihm auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnten. Auch in der Folgezeit verhielten sie sich oftmals wenig brüderlich – oder eben doch.

Um das zu verstehen, muß man wissen, daß es bei den Timuriden alles andere als eindeutig war, wer nach dem Tod eines Herrschers sein Nachfolger werden würde. Selbst wenn der Vater sich dazu geäußert hatte, mußte das nicht bedeuten, daß die anderen Söhne sich dem fügen würden. Einem ältesten Sohn, der sich nicht durchzusetzen wußte, half seine Stellung in der Geschwisterreihe wenig.

Mit anderen Worten: Herrscher wurde, wer sich – meist militärisch – gegen andere Thronanwärter behauptete. Dagegen war das Primogeniturprinzip geradezu ein Quell paradiesischer Ordnung.

Dummerweise hatten Bâbors Söhne in Indien aber noch eine Menge anderer Feinde, und einer davon war ziemlich talentiert. Deshalb war es nicht die allerbeste Idee, sich zu zerstreiten, bevor die Herrschaft der eigenen Familie gesichert war.

Homâyûn. Akbarname, 1602-4, British Library. Public domain. Quelle: Wikimedia Commons

Homâyûn. Akbarname, 1602-4, British Library. Public domain. Quelle: Wikimedia Commons

Homâyûn mußte auf seiner Flucht ins safavidische Iran auch seinen damals einjährigen Erstgeborenen – den späteren Großmogul Akbar (1542-1605) – zurücklassen. Der fiel prompt seinem Onkel ʿAskarî (1516-1557) in die Hände, dem zweiten Halbbruder seines Vaters. Dieser übergab ihn an seinen älteren Bruder Kâmrân (1509-1557), der ihm interessanterweise kein Haar krümmte. Es gab also doch eine gewisse Familiensolidarität.

Die sollte sich auch in der Folgezeit zeigen – auf etwas ulkige Weise, wie ich finde.

Als Homâyûn aus Iran zurückkehrte und sich anschickte, Indien erneut zu erobern, mußte er zunächst einmal seinem Halbbruder Kâmrân die Stadt Kâbol abnehmen. Dort fand er auch seinen Sohn Akbar heil und gesund vor.

Doch Kâmrân, der am Anfang von Homâyûns Herrschaft noch den jüngsten Bruder Hendâl (1519-1551) nach einer Rebellion zur Raison gebracht hatte, ließ jetzt nicht locker. Immer wieder begehrte er gegen Homâyûn auf und verwickelte ihn in Kämpfe, immer wieder entkam er.

Zunächst nahm Kâmrân Homâyûn in dessen Abwesenheit Kâbol wieder ab. Erneut bekam er dadurch Akbar in die Hände. Dieses Mal hätte das ins Auge gehen können, denn Homâyûn belagerte Kâbol, und Kâmrân wurde nervös.

Erst ließ er „nur“ die Frauen und Kinder einiger Gefolgsleute Homâyûns foltern und töten. Doch dann kam er auf die Idee, den kleinen Akbar in die Schußlinie zu stellen. Dem Kind geschah zwar nichts, doch der Berichterstatter ist empört von dieser schändlichen Tat.

Auch dieses Mal verlor Kâmrân Kâbol und entkam. Doch es sollte, wie schon gesagt, jahrelang zu weiteren Gefechten zwischen den Brüdern kommen. Hendâl stand mittlerweile fest auf Homâyûns Seite und kämpfte auch im Jahr 1551 für seinen ältesten Bruder gegen Kâmrân.

Das sollte ihm zum Verhängnis werden. Bei einem Nachtangriff wurde er im Handgemenge von einem Afghanen aus Kâmrâns Streitkraft überwältigt und getötet. Der Mann wußte noch nicht einmal, mit wem er es zu tun hatte.

Als er seine Beute vor Kâmrân brachte, erkannte dieser den verzierten Köcher seines Bruders und … warf vor Schmerz und Trauer seinen Turban zu Boden. Hätten Sie das gedacht?

Nun waren die Befehlshaber zwar nicht unbedingt in der ersten Reihe des Gefechts und überlebten deshalb oft ihre eigenen Schlachten leichter als ihre Soldaten.

Trotzdem finde ich es verblüffend, daß ein Mann, der gegen seine Brüder Krieg führt, sie offenbar dennoch nicht töten möchte. So als wäre das alles ein großes Spiel unter Brüdern und blutiger Ernst nur für ihre Soldaten.

Raten Sie mal, was Homâyûn tat, als er Kâmrân schließlich nach Jahren des Bruderkriegs in seine Hände bekam! – Richtig: Er wollte diesen beständigen Stachel in seinem Fleisch trotz allem nicht töten.

Doch er ließ sich davon überzeugen, daß man Kâmrân Jahre der Rebellion nicht einfach ungestraft durchgehen lassen konnte. Widerwillig ließ er seinen Bruder deshalb blenden.

Der war so erleichtert darüber, daß Homâyûn ihn nicht zum Tode verurteilt hatte, daß er diese wohl sehr gründlich durchgeführte Prozedur ohne Protest über sich ergehen ließ.

Zu den früheren muslimischen Herrschern Nordindiens, den Dynastien des Delhi-Sultanats, bilden solche zarten brüderlichen Gefühle übrigens einen bemerkenswerten Kontrast. Unter den Tughluqs und anderen war es nämlich durchaus nicht unüblich, Vater und Bruder umzubringen. Doch das erzähle ich ihnen ein anderes Mal.

Quelle

Abu l-Fazl-e ʿAllâmî b. Mobârak: Akbar-nâme. Engl. Übers. H. Beveridge. 3 Bde. Calcutta 1897-1939. Abrufbar unter:
persian.packhum.org/persian/

Auf der Suche nach dem Original

Ein Kopist ist kein Kopierer. Das ist die grundlegende Erkenntnis eines jeden, der mit Handschriften arbeitet. Denn ein Kopist war ein Mensch, der vor den Zeiten des Buchdrucks, des Kopiergeräts und des Scanners oder gar der Buchdateien Bücher vervielfältigte.

Wer ein Buch besitzen wollte, mußte es entweder selbst abschreiben oder jemanden dafür bezahlen, daß er es abschrieb. Einen Kopisten eben. Daß dabei meist keine identischen Kopien herauskamen, kann sich jeder leicht denken, der je selbst einen Text abgeschrieben hat. Irgendein Fehler schleicht sich immer ein – besonders wenn man nicht versteht, was man abschreibt.

Ein Kopist ist eben kein Kopierer. Das klingt vielleicht banal. Aber es bedeutet, daß man in Handschriften überlieferte Bücher erst einmal edieren muß, um einen verläßlichen Text zu bekommen. Und „verläßlich“ soll heißen: einen Text, der möglichst nahe an das herankommt, was der Autor vor Jahrhunderten geschrieben hat. An das Original eben.

Auch das ist für Historiker nichts Neues. Allerdings macht es Forschung in Fächern, in denen viele wichtige Texte noch nicht kritisch ediert sind, ziemlich zeitaufwendig und nervenaufreibend.

Genau so eine Situation haben wir in den orientkundlichen Fächern häufig: Zentrale Texte sind entweder überhaupt nicht ediert oder nicht so, daß ein verläßlicher Text vorliegt.

Nun werden Sie vielleicht sagen: „Na ja, dann sind eben ein paar Wörter oder Sätze unsicher. Damit wird man doch leben können.“ Das kann zwar stimmen. Nur leider geht die Unsicherheit nicht selten viel weiter. Und das hat mit der Arbeitsweise orientalischer Kopisten zu tun.

Sie verstanden sich nämlich keineswegs als „Kopierer“ und ihre Aufgabe als möglichst exaktes Reproduzieren eines vorliegenden Textes. Vielmehr waren sie oftmals der Auffassung, sie müßten das vorliegende Werk noch „verbessern“.

Das konnte bedeuten, daß sie die Wortwahl und den Stil dem Geschmack ihrer Zeit anpaßten. Es konnte aber auch heißen, daß sie Passagen ergänzten, die ihrer Meinung nach fehlten, und andere wegließen, die ihnen überflüssig vorkamen.  Auch religiöse und sonstige Vorlieben konnten hier Einfluß nehmen.

Dabei versuchten die Kopisten durchaus, mehrere Handschriften eines Werkes zu kollationieren, also miteinander zu vergleichen, um eine verbesserte neue Version daraus zu erstellen. So konnte es vorkommen, daß Abschnitte sogar doppelt abgeschrieben wurden, weil sie in unterschiedlichen Handschriften unterschiedliche Überschriften hatten und auch sonst nicht identisch waren.

Wenn die Kopisten nun beim Kollationieren bereits „verbesserte“ Versionen des Werkes benutzten und dieser Prozeß über Jahrhunderte hinweg mehrfach wiederholt wurde, können Sie sich vorstellen, wie weit manche späteren Handschriften vom Original entfernt sind.

Manchmal ist es sogar fast unmöglich, das Original zu rekonstruieren, denn spätere Handschriften sind nun mal öfter erhalten. Das ist zwar längst nicht bei allen orientalischen Werken der Fall, aber ich habe in den letzten Jahren ein Erotikwerk untersucht, bei dem fast jede Handschrift neue Überraschungen bereithielt.

Allein die zehn Handschriften, mit denen ich mich beschäftigt habe, enthalten fünf sehr unterschiedliche Texte, behaupten zum Teil aber trotzdem, vom selben Autor zu stammen – davon, daß sie denselben Titel tragen, einmal ganz abgesehen.

Selbst die Handschriften, deren Texte ungefähr übereinstimmen, sind deswegen inhaltlich noch keineswegs identisch. Da kann man sich schon fragen, ob die Suche nach dem Original überhaupt sinnvoll ist.

In jedem Fall ist es schwierig, solche Texte als Zeugnisse der Entstehungszeit des Originals zu untersuchen. Andererseits ist es nicht immer möglich, die Handschriften in ihr Entstehungsumfeld einzuordnen.

Wenn zum Beispiel weder das Datum der Kopie noch der Ort oder der Name des Kopisten oder Auftraggebers in der Handschrift eingetragen ist, dann kann man nur noch aufgrund äußerer Merkmale wie Materialien und Schriftarten oder Stil von Illustrationen einen ungefähren Zeitrahmen und eine Entstehungsregion schätzen.

Von all diesen Schwierigkeiten ganz abgesehen: Es ist natürlich auch anstrengender und dauert länger, eine Handschrift zu lesen als einen edierten Text.

Das fängt schon damit an, daß die Anfänge von Kapiteln im Text nicht immer gut zu erkennen sind. Wenn dann das Inhaltsverzeichnis fehlt oder keine korrekten Seitenangaben macht, ist es bei einer langen Handschrift schon die Hälfte der Arbeit, überhaupt die Stelle zu finden, die man lesen will.

Außerdem zeigt es sich oft, daß die Handschriften mit der klarsten, am besten lesbaren Schrift eine besonders korrupte Textvariante anbieten. Das heißt, daß dann für das Verständnis wichtige Wörter so falsch geschrieben sind, daß man das richtige Wort nur schwer erraten kann. Oder daß ganze Sätze oder Passagen grammatikalisch verdreht sind und keinen Sinn ergeben.

Ein Handschriftenexperte in einer Bibliothek in Teheran meinte dazu, daß die Kopisten mit der schönsten Schrift nicht unbedingt die Gebildetsten waren. Sie konzentrierten sich also darauf, schön zu schreiben, achteten dafür aber weniger auf den Sinn des Geschriebenen oder verstanden ihn einfach nicht richtig.

So konnten sie natürlich auch Fehler in ihren Vorlagen nicht korrigieren. Wenn dann zwei Vorlagen mit Fehlern an unterschiedlichen Stellen im Satz kombiniert wurden, wird der Satz unverständlich.

Und was muß der Forscher dann machen? – Richtig: Er muß die schwer lesbaren Kritzelhandschriften vornehmen (sofern welche existieren) und schauen, was dort steht.

Daß eine Schrift, bei der schon das Versetzen von Punkten Wörter verändern kann, ganz besondere Herausforderungen bietet, muß ich nicht erst unterstreichen.

In der arabischen Schrift kann aus einem Mädchen ganz schnell ein Haus werden:

بنت

bint = arabisch für „Tochter“

بیت

bait = arabisch für „Haus“

Und da man die Punkte nicht immer alle setzte… Darüber gibt es sogar Witze, aber die sind schwer zu übersetzen. Ich gebe ihnen trotzdem ein Beispiel:

Ein Schüler las vor seinem Meister den Satz „Der Hakîm Behzîn sagte“ als „Er sagte: Was soll ich Besseres tun als dies?“ Darauf der Meister: „Du tust besser daran, das Buch zuzuschlagen, nach Hause zu gehen und uns keine weitere Mühe zu bereiten.“

Und hier die beiden Sätze, die der Schüler verwechselt hat. Denken Sie sich die Punkte im letzten Wort einmal weg, dann werden Sie sehen, wie die Verwechslung möglich war:

قال بهزین حکیم

Es sagte Behzîn-e Hakîm

قال بهزین چکنم

Er sagte: Was soll ich Besseres tun als dies?

Das ist übrigens ein persischer Witz, kein arabischer. Auf persisch heißt „beh z-în“ tückischerweise „besser als dies“. 😉 Aber fragen Sie mich nicht nach der Quelle! Ich bin fast sicher, es ist ‚Obeyd-e Zâkânî, und wahrscheinlich hat der Lehrer auch einen bekannten Namen, aber ich habe den Witz dieses Mal aus dem Kopf nacherzählt und nicht nachgeschlagen. 🙂

Mehr als Wellness – Das Hammam (Gastbeitrag von Claudia Preckel)

Im Rahmen des globalen Wellnesstrends wurden auch in Deutschland unzählige Spas, Thermen, Saunen und Bäder eröffnet. Auch einige sogenannte ḥammām oder „Türkische Bäder“ wie in Düsseldorf oder Hamburg finden unter deutschen Gästen ihre Anhänger.

Das ḥammām geht jedoch über eine bloße Funktion als „Wohlfühloase“ hinaus. Es erfüllte in der graeco-islamischen Medizintradition auch immer einen Zweck als Ort medizinischer Behandlung.

So gilt der Besuch des ḥammām als ideale Behandlungsmethode bei Übergewicht, um „Abfallstoffe“ des Körpers durch die Haut aus dem Körper zu entfernen und den Stoffwechsel anzukurbeln. Die medizinische Literatur beschreibt ebenso eine positive Auswirkung des ḥammām auf die Seele (Arab. nafs).

Seinen Ursprung hat das „Türkische“ Bad allerdings im antiken Griechenland bzw. in Rom. Eine Abfolge von vier Räumen symbolisiert in unterschiedlichen Kombinationen von Wärme/Kälte und Feuchtigkeit/Trockenheit die Körpersäfte (Blut, Phlegma/Schleim, gelbe und schwarze Galle) sowie die vier Jahreszeiten. Aufwändige Heiz- und Leitungssysteme beweisen den technologischen Stand der damaligen Technik.

Hammams in Indien

Vom antiken Griechenland und dem Römischen Reich verbreitete sich die Technologie des ḥammām über die arabischen Länder in die gesamte Islamische Welt. Mit der Eroberung die Moguln kam das ḥammām flächendeckend auch nach Südasien.

© Mohsin Dehlvi

© Mohsin Dehlvi

Dem islamischen Glauben, in dem das Baden in stehenden Gewässern verpönt ist, kommt das ḥammām mit fließendem Wasser und ohne Bassin mit stehendem Wasser entgegen.

Der erste Mogulherrscher Babur soll der Ansicht gewesen sein, dass Bäder das einzige Mittel gegen die in Indien unerträgliche Hitze, die starken Winde und den Staub seien. So ist es nicht verwunderlich, dass die von den Mogulherrschern angelegten Gärten häufig auch größere Badanlagen enthielten.

Archäologische Relikte in den Städten Delhi, Agra und Fatehpur Sikri, die alle als Regierungssitz bzw. Hauptstädte des Mogulreiches dienten, beweisen die Rolle des ḥammām als Ort der medizinischen Behandlung und auch als sozialer Treffpunkt. So soll es in Agra zur Regierungszeit Akbars alleine mehr als 800 ḥammāms gegeben haben.

Das zeigt deutlich, dass ḥammāms sowohl für die Herrscher und ihren Hofstaat (einschließlich des Harems des Herrschers) als auch für die Bevölkerung gebaut wurden.

Hammams in Kaschmir

In Kaschmir im äußersten Norden des heutigen Indiens lassen sich ebenfalls Spuren von privaten, zumeist „königlichen“ Bädern finden. Andere sind meist nicht erhalten oder auch nicht dokumentiert.

Ein sehr bekanntes ḥammām wird dem berühmten Badshāh Zayn ul-‚Ābidīn (st. 1470) zugeschrieben, der als achter Sultan Kaschmir über 50 Jahre lang regierte. Er ließ für einen der prominentesten Sufis an seinem Hof, Sayyid Muḥammad Madanī einen großen Mausoleumskomplex errichten, der neben einem „Sufi-Konvent“ (khanqāh) auch ein ḥammām enthielt.

Ein weiteres ḥammām wurde vom Moghulherrscher Jahāngīr (st. 1627) in den berühmten Shalimar-Gärten Srinagars am Ufer des Dal Lakes erbaut. Der Legende nach ließ er diesen Garten zu Ehren seiner Lieblingsfrau Noor Jahān errichten.

Das ḥammām, das als „königliches Bad“ nur vom Herrscher und seiner Frau genutzt wurde, wurde aufwändig vom Department of Floriculture der Regierung Kaschmirs und dem INTACH (Indian National Trust for Art Culture and Heritage) restauriert und steht als Sehenswürdigkeit im Shalimar-Garten auch Touristen zur Besichtigung frei.

Das ist bei einem dritten ḥammām in Srinagar schon etwas schwieriger, wie die Autorin selbst erfahren musste. Dieses ḥammām befindet sich auf dem Gelände eines der bedeutendsten Sufi-Schreine Srinagars, dem Schrein zu Ehren des Sayyid ‘Alī Ḥamdānī (st. 1384) am Ufer des Flusses Jhelum. Der Schrein ist bekannt als Khānqāh-i Mu‘alla oder Khānqāh-i Moulā.

© Mohsin Dehlvi

Khānqāh-i Mu‘alla, © Mohsin Dehlvi

Geht man rechts am Schrein vorbei auf das Ufer des Jhelums zu, erreicht man das wuzū’khānah, das Gebäude für die rituelle Waschung vor dem Gebet. Wie viele wuzū’khānahs ist auch dieses mit Warm- und Kaltwasser ausgestattet, was sehr wichtig ist, denn im Winter können die Temperaturen in Srinagar auf -20°C zurückgehen.

© Mohsin Dehlvi

Wuzū’khānah, © Mohsin Dehlvi

Innerhalb des wuzū’khānahs führt eine Treppe in den zweiten Stock des Gebäudes hinauf. Die Tür zum ḥammām muss von einem Angestellten, dem ḥammāmī, aufgeschlossen werden. Er ist dafür verantwortlich, dass die Warmwasserbereitung auch im Winter funktioniert.

In der Mitte der Etage gibt es erneut einen Bereich für die rituelle Waschung. Dieser Bereich ist mit einer Kuppel versehen, durch die Tageslicht in das Gebäude fällt. Sechs kleinere Räume sind die eigentlichen Abteile des ḥammāms.

Gründungs-Steinplatte, © Mohsin Dehlvi

Steinplatte, © Mohsin Dehlvi

Eine Steinplatte verrät, dass das Gebäude in seiner jetzt bestehenden Form 1950 von der Verwaltung des Khānqah-i Mu’alla erbaut bzw. saniert wurde. Es handelt sich jedoch wohl um eines der ältesten ḥammāms Srinagars überhaupt und das einzige, das noch in Betrieb ist. Wahrscheinlich wurde es bereits vor der Mogulherrschaft in Kaschmir erbaut. In jedem Fall ist es einen Besuch wert!

Links

Hammam in Düsseldorf:

http://www.hamam-duesseldorf.com/

Hammam in Hamburg

http://www.hamam-hamburg.de/

Literatur

Ibn Sīnā: al-Qānūn fi-ṭ-ṭibb (Arabisch), Online: http://ddc.aub.edu.lb/projects/saab/avicenna/.

Alkazi, Feisal: Srinagar: an architectural legacy. New Delhi: Roli Books, 2014.

Thackston, Wheeler M: The Baburnama: memoirs of Babur, prince and emperor. New York, Modern Library 2002.

Bildnachweis

© by Mohsin Dehlvi

Dr. Claudia Preckel arbeitete bis 2016 als Islamwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum. Erreichbar ist sie unter: Claudia@preckel.org