Neue Partnerin der Persophonie – Claudia Preckel

Heute, liebe Blogleser, ist es endlich soweit: Die lange angekündigte Blog-Veränderung nimmt ihren Lauf! – Sicher ist Ihnen aufgefallen, daß meine Kollegin Dr. Claudia Preckel in letzter Zeit häufiger Gastbeiträge für den Blog verfaßt hat. Sie hat nämlich „Blut geleckt“ und möchte sich gern regelmäßiger als Bloggerin betätigen. Gesagt, getan.

Wir haben zwar beide mehrere Jahre eng zusammengearbeitet haben, aber trotz aller Gemeinsamkeiten haben wir auch sehr unterschiedliche Interessen und Arbeitsschwerpunkte. Deshalb kam uns die Idee, das bisherige Themenspektrum des Persophonie-Blogs ein wenig zu erweitern. Ich habe mir Claudia also kurzerhand als neue Partnerin mit „ins Boot“ geholt. In Zukunft bloggen wir hier also gemeinsam.

Claudia bringt so bunte Themen wie „Muslime in Deutschland“, „Interkulturelle Kompetenz“, „Bollywood“ und eine stärkere Ausrichtung auf die Gegenwart mit, während ich mich vor allem für Geschichte und Kultur des persischen Sprachraumes interessiere. Dort fühlen wir uns aber beide zuhause, denn Indien – Claudias besonderer regionaler Schwerpunkt – gehört(e) traditionell dazu. Doch jetzt übergebe ich das Wort direkt an sie. Claudia Preckel:

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preckel_persophonie„Jeder Jeck is anders“ – dieser Satz aus dem „Et kölsche Jrundjesetz“ (Das kölsche Grundgesetz) ist einer der Leitsätze meiner Arbeit und ist sicherlich ein wichtiger Teil von mir. Übersetzt bedeutet er:

Übe Toleranz und Nachsicht dem anderen gegenüber, im Wissen um die eigene Unvollkommenheit

Das erscheint mir als Motto für meine Tätigkeit als Interkulturelle Trainerin richtig. Ich wurde 1969 in Köln geboren und habe 14 Jahre im Rheinland gelebt – und somit Zeit gehabt, das kölsche Jrundgesetz zu verinnerlichen. Mit 14 bin ich dann nach Westfalen (Münsterland), in die Heimat meines Vaters, umgezogen – somit kann man darüber streiten, ob ich „Westfälin mit rheinischem Migrationshintergrund“ oder „Rheinländerin mit westfälischem Migrationshintergrund“ bin.

Seit 1984 bin ich – nach zugegebnermaßen heftigem Kulturschock – fest in Westfalen verwurzelt. Seit 1991 gibt es eine weitere Kultur, mit der ich mich nun beruflich (und somit natürlich auch privat) beschäftige: die arabisch-islamische Kultur. Nach meiner Ausbildung in als Assistentin an Bibliotheken in der Stadtbücherei Ahlen (Westfalen) begann ich ein Studium der Arabistik, Geschichte und Interkulturellen Didaktik an der Universität Göttingen.

1992 wechselte ich an die Ruhr-Universität Bochum, wo ich 1996 meinen Magister-Abschluss in Orientalistik, Islamwissenschaft und Pädagogik (mit den Schwerpunkten Internationale Pädaggogik und Erwachsenenbildung) machte.

Zu dieser Zeit hatte ich bereits eine weitere Spezialisierung vorgenommen: Auf den Islam in Südasien!

Preckel_Begum_Bhopal

Islam in Südasien

Nachdem ich bereits meine Magisterarbeit über Südasien geschrieben hatte, verfasste ich meine Dissertation in Islamwissenschaften  über die salafistische Bewegung der Ahl-e hadith im Indien des 19. Jh Zudem habe ich zahlreiche Aufsätze zum Thema Islam im indischen Kino (Bollywood) veröffentlicht – und vieles  mehr.

2008 führte die Arbeit zum Thema „Die Graeco-islamische Medizin in Indien“ Susanne Kurz und mich an der Ruhr-Universität Bochum zusammen. Dort haben wir bis 2015 sehr erfolgreich in dem Projekt zusammen gearbeitet – und das ist natürlich auch einer der Gründe, warum ich jetzt HIER bin! Susanne Kurz und ich haben an der Ruhr-Universität auch mehrfach Seminare zusammen unterrichtet – vor allem zur Islamischen Medizin in Indien und zum Mogulreich. Und nicht zu vergessen: unser toller Sammelband Muslim Bodies!

Muslim Bodies

Titelbild unseres neuen Sammelbandes: Muslim Bodies

Seit 2005 bin ich freiberuflich/nebenberuflich als Interkulturelle Trainerin tätig – seitdem habe ich zahlreiche Veranstaltungen, Workshops und Vorträge für Verbände, Firmen, Parteien, Kommunen……. gemacht. In den letzten Jahren habe ich mich auf den Bereich „Islam in der Bibiothek“ spezialisiert. Beispielsweise habe ich 2015 einen eintägigen Workshop Interkulturelle Kompetenz: Die Arabische Welt im Rahmen des 18. BIB-Kurses in Frankfurt geleitet – und erst kürzlich eine Veranstaltung beim ZBIW durchgeführt.

Deshalb wird in Zukunft hier bei der Persophonie auch die Frage nach Interkulturellem Miteinander häufiger im Mittelpunkt stehen. Als Islamwissenschaftlerin bringe ich auch mehr Themen aus diesem Bereich in den Blog.

Außerdem blogge ich weiterhin zu Themen wie:

Ich hoffe, der Blog macht Ihnen weiterhin Spaß!

Ihre Claudia Preckel

Kulturelle Leistungen in islamischer Zeit am Beispiel Iran

Vor einiger Zeit hatten wir hier eine Diskussion zum Thema „kulturelle Leistungen“. Wenn ich mich recht erinnere, ging es um die Frage, ob es so etwas in der islamisch geprägten Kultur nur in der (weit entfernten) Vergangenheit gab. Und ob es kulturelle Leistungen gibt, die sich vielleicht sogar der Religion Islam verdanken.

Ich habe mich längere Zeit nicht mehr um dieses Thema gekümmert, weil ich unentschieden war, von welcher Seite her ich es anpacken wollte.

Man kann dazu mehrere längere Beiträge aus unterschiedlichen Blickwinkeln schreiben, die eine mehr oder weniger interessante Lektüre abgeben würden. Heute habe ich entschieden, es erst einmal kurz zu machen und ein Element herauszupicken.

Nicht etwa, daß man sich daran durchweg gehalten hätte (Ambiguitätstoleranz –  Sie erinnern sich?). Aber zumindest in Moscheen und sonstiger religiöser Architektur, aber auch in religiösen Schriften findet man keine Bilder. Dafür wurde hier kalligraphisch gewirkt. Wie etwa in der Freitagsmoschee in Esfahân:

Reichhaltig ist die kalligraphische Darstellung der arabischen Schrift aber nicht nur aus religiösen Gründen. Vielmehr wurde sie im gesamten islamischen Kulturraum für die unterschiedlichsten Sprachen verwendet – vom Arabischen über das Persische bis hin zum Türkischen und Urdu. Dafür wurde das arabische Alphabet häufig etwas angepaßt.

Das gilt aber nicht nur für das Alphabet, sondern auch für dessen kalligraphische Darstellung. So gibt es zum Beispiel arabische, persische und osmanische kalligraphische Schriftstile. Noch recht jung und besonders charakteristisch für den persophonen Kulturraum (oder die Persophonie eben) in der jüngeren Zeit bis in die Gegenwart ist die Schekaste-Schrift.

Vierzeiler von 'Omar Khayyam in Schekaste-Schrift

Vierzeiler von Omar Khayyam in Schekaste-Schrift

Schekaste heißt übrigens „gebrochen“. Das kann man sich gut merken, wenn man weiß, daß in der Schekaste-Schrift zum Beispiel die Wölbung des Buchstaben „nûn“ (das arabische N) in die entgegengesetzte Richtung gebogen wird – so als hätte man ihm buchstäblich das Rückgrat gebrochen.

Falls Sie sich jetzt fragen, was das denn nun mit der heutigen Kultur zu tun hat und ob wir nicht schon wieder in die glorreiche Vergangenheit abgeschweift sind (die hierzulande durchaus noch bekannter werden dürfte): Aufgrund der großen Bedeutung der Kalligraphie in der islamisch geprägten Kultur, hat sich die Wertschätzung für sie bis heute erhalten.

Deshalb wird sie weiterhin auch gern als Hobby betrieben, aber eben auch als eigene Kunstform. Moderne Beispiele dafür aus unserer Zeit findet man hier:

Die persische Beschriftung lautet übrigens: Honar-e Îrân, das heißt „Kunst Irans“. Ich hoffe, Sie haben Freude daran. 🙂

Bildnachweis

Beitragsbild/Khayyam-Verse in Schekaste-Schrift:
Quelle: Wikimedia Commons
Zeichner: Baba66
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

Alkoholismus und Ambiguitätstoleranz: Dschahângîr über seine Brüder und den Alkohol

Dschahângîr war einer der wenigen Moguln, die sich bei der Thronbesteigung nicht mit rivalisierenden Brüdern herumschlagen mußten. Nicht weil er keine Brüder gehabt hätte. Doch die hatten sich zum Todeszeitpunkt ihres Vaters Akbar bereits selbst aus dem Weg geräumt. Wie das kam, berichtet Dschahângîr selbst in seinen Memoiren.

Sein Bruder Schâh Morâd wurde 1570 weniger als ein Jahr nach Dschahângîr geboren. Er war Dschahângîrs Halbbruder, hatte also eine andere Mutter. Akbar schickte ihn auf den Dekkan, wo er im Jahr 1599 durch seinen exzessiven Weinkonsum im Alter von nicht einmal dreißig Jahren starb.

Dieser Bruder war also beim Ableben Akbars im Jahr 1605 bereits tot. Dschahângîr meint, sein übertriebener Alkoholkonsum sei schlechter Gesellschaft zuzuschreiben. Doch das Muster des Alkoholkonsums von Dschahângîr selbst legt nahe, daß nicht allzu viel Einflußnahme von außen nötig gewesen sein dürfte.

Auch Dschahângîrs zweiter Bruder wurde nicht alt. Er hieß Dânyâl und war drei Jahre nach Dschahângîr im Jahr 1572 als Sohn einer der Konkubinen geboren worden, also ebenfalls ein Halbbruder. Nach dem Ableben seines älteren Bruders Morâd ernannte Akbar Dânyâl im Jahr 1601 zum Statthalter des Dekkan.

Laut Dschahângîr folgte er Morâds schlechtem Beispiel und starb 1604 ebenfalls an übermäßigem Weinkonsum. Und das ergab sich so:

Als Akbar von Dânyâls Trinkgewohnheiten hörte, wies er einen der hohen Adligen in Dânyâls Umfeld zurecht. Dieser verbot Dânyâl deshalb den Alkoholgenuß und ließ ihn sogar bewachen.

Als der Prinz daher nicht mehr an Alkohol herankam, befahl er einem der Musketiere, Wein in den Lauf seines Lieblingsgewehrs zu schütten und ihn auf diese Weise versteckt zu ihm zu bringen. Der Musketier füllte doppelt gebrannten Schnaps in den Lauf und brachte ihn zu Dânyâl. Offenbar bekam dem Prinzen die Mischung aus Schießpulver, gelöstem Rost und Schnaps aber nicht besonders. Jedenfalls meint Dschahângîr, Dânyâl sei daran gestorben.

Prinz Dânyâl

Prinz Dânyâl

In jedem Fall war damit im Jahr 1605, als Akbar starb, nur noch ein Sohn übrig, der die Thronfolge antreten konnte: Dschahângîr selbst, der damals noch Salîm hieß. Über Dschahângîrs Trink- oder eher Saufgewohnheiten habe ich hier schon einiges erzählt.

Umso interessanter ist der besserwisserische Ton seiner Kommentare über die „Unsitten“ seiner Brüder. Aber es wird noch faszinierender, wenn wir uns die berühmten „12 Dekrete“ Dschahângîrs anschauen.

Im fünften Dekret verbot er nämlich die Herstellung und den Verkauf von Wein, Alkoholika und anderen Rauschmitteln:

Des weiteren soll man keinen Wein und Alkoholika und was zu den Arten der Rauschmittel und verbotenen Dinge gehört herstellen oder verkaufen.

Dies obwohl ich mir selbst das Weintrinken zuschulden kommen lasse und es seit dem achtzehnten Lebensjahr bis jetzt, wo ich die Achtunddreißig erreicht habe, beständig getan habe. (Dschahângîr-nâme, S. 6)

Mit den „verbotenen Dingen“ ist hier all das gemeint, was das islamische religiöse Recht verbietet.

Interessant, nicht? Dschahângîr ist sich des Widerspruchs zwischen seinen eigenen Handlungen und seinem Dekret voll bewußt. Ihm ist auch klar, daß er religionsrechtlich Verbotenes seit Jahren im Exzess praktiziert. Aber das stört ihn gar nicht weiter, und er gibt es auch unumwunden zu.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber heutzutage würde ich irgendeinen Ausgleich dieses Widerspruchs erwarten – sei es eine Entschuldigung für das eigene Verhalten oder eine Erklärung darüber, warum das religiöse Recht in diesem Fall nicht relevant ist, oder zumindest eine Erläuterung, warum er dieses Dekret erläßt, wenn ihm die religionsrechtlichen Verbote eigentlich schnuppe sind. Doch nichts dergleichen.

Nun dienten diese Dekrete zweifellos auch propagandistischen Zwecken und müssen daher nicht zwangsläufig mit Dschahângîrs wirklichen Ansichten oder mit seiner Lebensführung übereinstimmen. Trotzdem zeigt die unumwundene Art, in der Dschahângîr in seinen Memoiren über sein eigenes Verhalten spricht, vor allem eines sehr deutlich: die ungleich größere Ambiguitätstoleranz in der islamischen Kultur bis in die Frühe Neuzeit hinein.

Das bedeutet: Man hatte viel weniger Probleme mit Widersprüchen und Uneindeutigkeiten als wir (und die Muslime) heute. Insbesondere Verhaltensweisen, die den Normen widersprachen, waren längst nicht so problematisch, wie wir das vermuten würden. Allerdings konnte sich nicht jeder leisten, so freimütig darüber zu plaudern wie der Herrscher des Mogulreiches.

Dschahângîrs Memoiren waren natürlich auch nicht für den einfachen Mann auf der Straße bestimmt, sondern für seine Familie, die hohen Emire und Höflinge, sprich: für die Spitze der Gesellschaft. Doch auch die Memoiren waren letztlich Propaganda. Wir haben es also nicht mit einem privaten Geständnis zu tun, sondern durchaus mit dem Bild, das der Herrscher offiziell in seiner Umgebung von sich verbreiten wollte.

Was lernen wir daraus? – Lange Zeit war die islamische Kultur in ihren verschiedenen Ausprägungen deutlich ambiguitätstoleranter als die neuzeitliche abendländische Kultur und die gegenwärtige Kultur hier wie dort.

Obwohl viele Normen und Verbote theoretisch anerkannt und als gültig betrachtet wurden, wich das praktische Verhalten doch zuweilen (manchmal auch häufig) von ihnen ab, ohne daß dies Konsequenzen gehabt hätte – übrigens nicht nur in der herrschenden Schicht.

Unter diesen Umständen ließ es sich mit vielen Vorschriften sicher leichter leben als heute. Vor allem erzeugte dies aber eine andere Wahrnehmung dessen, was wir als Widersprüche empfinden: Man konnte sie einfach so stehen lassen.

Wer weiß: Vielleicht täte uns heute eine Prise mehr Uneindeutigkeit hie und da ja auch ganz gut?

Quelle

Nûr ed-Dîn Mohammad Dschahângîr-e Gûrkânî: Dschahângîr-nâme: Tûzok-e dschahângîrî. Hrsg. v. Mohammad-e Hâschem. [Tehrân]: Bonyâd-e farhang-e Îrân, 1359 sch./1980. 6, 20f.

Jahangir, Salîm Nûruddîn: The Jahangirnama. Memoirs of Jahangir, Emperor of India. Translated by Wheeler M. Thackston, New York [u.a.]: Oxford Univ. Press, 1999. 36, 37-39.

Bildnachweis

Beitragsbild: Indischer Weinpokal, 18. Jh., Louvre
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Marie-Lan Nguyen
gemeinfrei

Prinz Dânyâl:
Quelle: Wikimedia Commons
Autor unbekannt
gemeinfrei

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„Schwein gehabt“? Vom Schweinefleischverzehr in Schulen und Kantinen (Gastbeitrag von Claudia Preckel)

Kürzlich sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Videopodcast über die Integration von Flüchtlingen. Dabei griff sie auch die Diskussion über den Verzehr von Schweinefleisch in deutschen Schulen und Kantinen auf und wies darauf hin, dass Migranten akzeptieren müssten, dass es in Deutschland viele verschiedene Essenstraditionen gibt.

Seit mehr als zehn Jahren bin ich bereits freiberuflich als Interkulturelle Trainerin tätig, und in dieser Zeit bin ich der Frage nach dem Schulkantinenessen und dem Schweinefleischverzehr oftmals begegnet.

2010 sah ich für Ahlen und die neugebaute Schulkantine „Kein(en) Bedarf an Halal“ (siehe den Bericht der Ahlener Zeitung). Zu dieser Ansicht stehe ich auch heute noch.

Kein Schweinefleisch – die Folgen:

Seit 2010 haben sich viele Dinge geändert. Mittlerweile ist es so, dass Schweinefleisch häufig komplett von der Karte gestrichen wurde. Aus meiner Erfahrung sind die Folgen daraus:

1) In vielen Schulen isst nur noch ein geringer Prozentsatz an Schülern in der Schule, da das Essen als wenig abwechslungsreich und fade empfunden wird. Vielen Schülern fehlen Schweinefleischgerichte, auch Eltern beklagen, dass ihre Kinder kein Schweinefleisch mehr bekommen.

2) Muslimische Kinder essen ebenfalls oftmals nicht in der Schulkantine, obwohl es vegetarische Angebote gibt. Als Grund wird häufig eine Unsicherheit genannt, ob nicht doch schweinefleischhaltige Produkte verarbeitet werden.

3) Auf Seiten muslimischer Eltern besteht weiterhin die Unsicherheit, ob das Essen – vegetarisch oder nicht – als „islamisch erlaubt“ (halâl) oder eben doch als verboten (harâm) zu betrachten sei.

Die schlimmste Folge ist jedoch: Viele nicht-muslimische Eltern machen bewusst oder unbewusst bzw. mehr oder weniger offen „die Muslime“ für das Verschwinden des Schweinefleisches aus deutschen Kantinen verantwortlich, obwohl dieses in der Praxis gar nicht bzw. selten eingefordert wurde. Frust macht sich breit.

Am Ende des Prozesses nehmen nur noch wenige Schüler das Kantinenangebot wahr, und das Thema Schweinefleisch wird zum Symbol einer Debatte um eine „Deutsche Leitkultur“.

Vorschläge für ein Miteinander

Ich möchte meine eigenen Vorschläge aus dem Jahr 2010 aufnehmen bzw. erweitern und folgende Regeln formulieren, die eine Grundlage für eine schulweite Regelung (z.B. als Ergänzung der Hausordnung) bilden könnten.

Als Islamwissenschaftlerin habe ich hier (hoffentlich verständlicherweise) einen Schwerpunkt auf Muslime und ihre Speisevorschriften gelegt. Mir ist es jedoch wichtig, dass diese Regelungen für alle Beteiligten gelten und von allen akzeptiert werden müssen.

1. Alle Beteiligten (Schulträger, Schulleitung, Lehrer, Eltern, Schüler, Betreiber und Mitarbeiter in den Kantinen) erkennen an, dass es in Deutschland viele verschiedene Esstraditionen und Esskulturen und Speisevorschriften gibt, die nebeneinander gleichwertig existieren.

2. Alle Beteiligten akzeptieren, dass in der Schulkantine alle Schüler (und ggf. auch die Lehrer) täglich ein gesundes und abwechslungsreiches Essensangebot vorfinden sollten. Dieses beinhaltet auch Fleischgerichte aus verschiedenen Fleischsorten.

3. Unterschiedliche Angebote sind an verschiedenen Ausgabetheken erhältlich, so dass beispielsweise Ausgabebestecke grundsätzlich voneinander getrennt sind und nicht verwechselt werden können.

4. Der Caterer verpflichtet sich, über die Inhaltsstoffe der angebotenen Gerichte offen und transparent zu informieren. Die Mitarbeiter des Caterers vor Ort sind in der Lage, auf Nachfragen bezüglich der Inhaltsstoffe kompetent zu antworten.

5. Der Caterer sichert zu, dass bei der Verarbeitung der Lebensmittel die Trennung einzelner Bereiche eingehalten wird. Ist beispielsweise ein Gericht mit dem Etikett „Ohne Schweinefleisch“ gekennzeichnet, wird garantiert, dass auch keine „versteckten“ Bestandteile bzw. keine tierische Gelatine verwendet wurden.

6. Alle Schüler erkennen an, dass es in Deutschland verschiedene Speisevorschriften gibt, die gleichwertig zu erachten sind. Diese Gleichwertigkeit wird vollständig akzeptiert. Nicht akzeptabel ist es, wenn Schüler andere Schüler am Verzehr bestimmter Lebensmittel zu hindern versuchen oder sie verspotten.

7. Das Lehrerkollegium und die Schulleitung achten auf die Einhaltung dieser Regeln und sind Ansprechpartner in eventuell auftretenden Konflikten. In diesen Prozess müssen selbstverständlich auch die Eltern eingebunden werden.

8. Schüler informieren sich im Rahmen des Unterrichts oder in Projektwochen über verschiedene Speisevorschriften und Tabus.

Noch wichtiger ist es meiner Meinung nach, dass Schüler zusammen essen – und das umfasst auch, dass in einer Kantine Schweinefleisch, vegetarische, vegane und und… Gerichte zusammen verzehrt werden.

Ich plädiere auch dafür, dass – wenn sich die entsprechenden Mehrheiten finden – das Schweinefleisch wieder auf die Speisekarten und Teller der Schulen zurückkehrt – unter den oben genannten Voraussetzungen.

Dabei geht es mir vor allem darum, dass alle Beteiligten eine Perspektive finden, mit der ein Miteinander ausgehandelt wird und keine Gruppe eine andere für ein Gefühl von: „Wir bekommen nicht das, was wir eigentlich wollen“ verantwortlich macht. In diesem Sinne rate ich ebenfalls von einem verpflichtendem Angebot wie im dänischen „Frikadellenkrieg“ ab.

Fleischverzehr aus islamwissenschaftlicher Perspektive

Ich habe das Thema Fleischverzehr in der Vergangenheit sehr häufig mit Muslimen diskutiert – mit solchen, die Wert auf halâl-Fleisch legen, und solchen, die in Mensa oder Kantine das angebotene Fleisch ohne Bedenken essen – natürlich mit Ausnahme des angebotenen Schweinefleischs.

Mit einem Imam aus dem Ruhrgebiet habe ich die Frage ausführlich diskutiert. Seine Kinder essen in Kindergarten und Schulen Rind- und Hähnchenfleisch. Wir waren uns einig:

1. Der Koran erlaubt Muslimen den Verzehr von Fleisch, das von den „Ahl al-kitâb“(„Leuten des Buches“) stammt – gemeint sind hier Juden und Christen und gemeint sind natürlich Fleischsorten von „erlaubten“ Tieren (Ziege, Lamm, Rind).

2. Besteht Zweifel bezüglich der Herkunft, kann auf folgende Prophetenüberlieferung (nach al-Bukhârî) verwiesen werden:

Einige Leute sagten zum Propheten (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm), dass sie Fleisch von jemandem bekommen hatten, von dem sie nicht wussten, ob der Name Allahs darüber genannt worden war oder nicht. Der Prophet (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm) sagte: „Sprich den Namen Allahs darüber und dann iss es.“

Auf meine Nachfrage an den Imam, ob er diese Überlieferung in deutschen Kantinen für anwendbar halte, stimmte er zu. Der häufig in islamischen Fatwas angeführten Diskussion, ob denn die Menschen in Deutschland überhaupt „Ahl al-kitâb“ seien, muss ich wohl einen eigenen Beitrag widmen, da ich die Auseinandersetzung damit für sehr wichtig halte.

Der Imam und ich stimmten darin überein, dass man davon ausgehen darf, dass das Fleisch von den „Buchbesitzern“ stamme und das Fleisch somit als erlaubt gelte. Wir waren uns zudem einig, dass das Prinzip der „Rechtssicherheit“ (etwas ist so lange erlaubt, bis das Gegenteil bewiesen ist) auch hier seine Anwendung finden müsse.

Letzten Endes bleibt dann aber die Entscheidung für oder gegen den Verzehr bestimmter Lebensmittel eine persönliche Entscheidung!

In diesem Sinne wünsche ich einen Guten Appetit und ein gutes GEMEINSAMES Essen!

Dass auch in den islamischen Ländern das Thema „Schwein“ und „Bestandteile des Schweins“ in der Nahrung  und in Medizinprodukten unterschiedliche Interpretationen auslösten, zeige ich in einem weiteren Beitrag!

Bildnachweis

Beitragsbild:

Cafeteria at Ecole Polytechnique de Montreal in 2007

CC BY-SA 3.0 File:Cafeteria at Ecole Polytechnique de Montreal.JPG Erstellt: 17. April 2007

Dr. Claudia Preckel ist Islamwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum und zu erreichen unter: claudia.preckel@rub.de.

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Wo kann man hier grillen? – Mein Flüchtlingskontakt vom Wochenende

Gestern war ich in meinem eher kleinen Wohnort im Schwäbischen unterwegs zur Apotheke. Ich wohne auf einem Hügel, die Apotheke liegt im Tal im Stadtzentrum. Gerade war ich am Fuß des Hügels angekommen, als eine Familie meinen Weg kreuzte: Zwei dunkelhaarige Männer und eine Frau mit Kopftuch und einem Kleinkind.

Die junge Frau sprach mich auf englisch an, und ich dachte mir sofort, daß es sich wahrscheinlich um Flüchtlinge handelte. Denn so wirklich viele arabische Touristen habe ich an meinem Wohnort bisher nicht gesehen. Daß es Araber waren, hörte ich, als die Männer ein paar Worte wechselten. Einer von ihnen trug einen Beutel Holzkohle in der Hand.

Was mich die junge Frau in recht flüssigem Englisch fragte, war dann auch in etwa: „Wo geht es hier zum Grillen?“ Dabei deutete sie auf die verschiedenen Wege den Hügel hinauf und fragte, ob man dort entlang gehen könne.

Zunächst dachte ich, sie seien mit jemandem zum Picknick verabredet oder auf dem Weg zu einer Veranstaltung. Nach einigen Fragen und Antworten hin und her stellte sich aber heraus, daß sie nur auf der Suche nach einem öffentlichen Grillplatz waren.

Deutsche Grillhütte im Wald

Deutsche Grillhütte im Wald

Die junge Frau erklärte mir, daß sie Sorge hätten, Probleme mit der Polizei zu bekommen, wenn sie einfach irgendwo ein Feuer machten. Ich bestätigte ihr, daß das nicht ratsam sei und sie tatsächlich einen Platz mit einer abgegrenzten Feuerstelle suchen müßten.

Nur leider konnte ich der Familie nicht wirklich weiterhelfen. Denn wir haben einen Balkon und grillen dort. Deshalb habe ich mich in der Zeit, seit ich hier meinen Hauptwohnsitz habe, noch nie bewußt nach öffentlichen Grillplätzen umgesehen. Auf meinen Spazierwegen durch die Felder oben auf dem Hügel hatte ich jedenfalls keinen gesehen.

Offenbar hatte aber jemand die Familie auf den Hügel verwiesen, und ich konnte nicht ausschließen, daß man dort irgendwo einen Grillplatz finden konnte. Vielleicht in der Nähe des Sportplatzes?

Ich erklärte das also und wies einen nicht ganz so steilen Weg nach oben. Dann setzte ich meinen Weg zur Apotheke fort. Im nächstgelegenen größeren Wald gibt es auf den Spazierwegen natürlich Grillplätze. Doch dahin hätte man mit dem Auto fahren müssen. Und das hatte die Familie natürlich keines.

Was lernen wir daraus?

Erstens: Frauen sind manchmal gebildeter oder zumindest besser in Fremdsprachen bewandert als Männer – auch bei arabischen (und afghanischen) Flüchtlingen. Habe ich auch schon öfter gehört.

Zweitens: Muslimische Frauen, die noch nicht länger hier leben, sprechen in der Regel nur Frauen an – in diesem Fall also mich.

Drittens: Auch arabische Flüchtlinge, die noch nicht genug Deutsch können, um sich zu verständigen, haben ein Bewußtsein dafür, daß die Gesetze hier anders sind als in ihrer Heimat. (Dort hätten sie sich einfach irgendwo am Fluß ein schönes Plätzchen suchen und dort ihr Picknick machen können.) Und sie haben ein Interesse daran, nicht mit diesen Gesetzen in Konflikt zu geraten.

Ich hoffe, die Familie hat schließlich ein Plätzchen gefunden. Zwischen meinem Wohnort und dem nächsten Dorf gibt es auch eine Burgruine mit Sommer-Gastronomie und Grillplatz, die man von unserem Hügel aus erreichen kann. Das ist aber ein ganzes Stück zu gehen, und man muß noch einen zweiten Hügel erklimmen.

Erfahren werde ich es wohl nicht.

Apropos Grillen: Meine geschätzte und hier ja allseits bekannte Kollegin Claudia Preckel hat kürzlich einen eigenen Blog zum Thema „Orientalisch Grillen“ eröffnet. Für alle, die gern Fleisch rösten: Hier geht’s lang.

P.S.: Für diejenigen, die auf mehr über die Moguln, Dschahângîr und den Alkoholismus warten: Da kommt noch was. Ich kam nur noch nicht dazu.

Bildnachweis

Beitragsbild/Bild im Text: Grillhütte in Daisendorf
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Stefan-Xp
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert verwendet

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Sex ist nie „just for fun“ und andere Themen – in unserem aktuellen Sammelband

Das wollte ich Ihnen schon immer mal erzählen, aber es ging noch nicht, weil der Beitrag dazu nicht veröffentlicht war: Die Autoren persischsprachiger Literatur, in der Sex thematisiert wird, halten Sex durch die Bank nicht für „die schönste Nebensache der Welt“, sondern im Gegenteil für sehr zentral und ausgesprochen nützlich.

Das gilt – wenig überraschend – für die Medizin (Fortpflanzung und Gesunderhaltung des Körpers), aber auch für religiöse Ethikschriften (gottgewollte Fortpflanzung der Rechtgläubigen) und sogar für Erotikhandbücher (Unterwerfung der Frauen unter die männliche Autorität).

Natürlich heißt das im Umkehrschluß, daß Sex nicht zum Spaß da ist, sondern immer einem Zweck dient. Immerhin darf er aber Spaß machen, anders als lange Zeit im Christentum.

Ja, die sexuelle Befriedigung und damit das Vergnügen beim Verkehr betrachten einige Autoren sogar für unerläßlich, um das eigentliche Ziel zu erreichen – sei es nun die Fortpflanzung oder eine gefügige Ehefrau. 😉 Deshalb sind die Liebeskunst mit ihren vielfältigen Stellungen und die medizinische Potenzstärkung immer wieder gern behandelte Themen.

Damit ist freilich noch längst nicht alles gesagt. Einige meiner Entdeckungen kann man jetzt in einem Beitrag zu unserem kürzlich erschienenen Sammelband nachlesen: Muslim Bodies: Körper, Sexualität und Medizin in muslimischen Gesellschaften. Andere werde ich Ihnen von Zeit zu Zeit auf dem Blog vorstellen.

Titelbild unseres neuen Sammelbandes

Titelbild unseres neuen Sammelbandes

Und das finden Sie außerdem in diesem Sammelband:

  • Scham, Entblößung von Körperteilen bei Frauen und Männern und Sport
  • Aphrodisiaka in einem arabischen Kochbuch des 10. Jahrhunderts
  • Timuridische Heiratspolitik
  • Geschlechtsänderung beim Fötus während der Schwangerschaft nach einem Urdu-Handbuch aus dem 19. Jahrhundert
  • Neues über den frühen Mogulharem
  • Prostitution im Ägypten des 19. und 20. Jahrhunderts
  • Ein Überblick über die indische Unani Medicine mit vielen Bildern (auf deutsch!)
  • Und 6 weitere Beiträge.

Einige der Beiträge sind auf deutsch, die meisten auf englisch. Falls Sie an ein paar zusätzlichen inhaltlichen und optischen Einblicken interessiert sind, besuchen Sie doch einmal die Facebook-Fanpage des Sammelbandes!

In der Zwischenzeit arbeite ich im Hintergrund am „neuen Gesicht“ des Blogs – in doppelter Hinsicht. Bald werden Sie sehen, wie das zu verstehen ist. Bleiben Sie gespannt! 🙂

Nützliche Geschichtskenntnisse – Ein interkulturelles Aha-Erlebnis

Nichts begeistert mich mehr als ein schönes, zündendes Aha-Erlebnis. Ich meine den Moment, wenn mir blitzartig ein Zusammenhang klar wird und ich plötzlich etwas verstehe, was mir vorher nicht klar war. Oder DASS mir etwas nicht klar war. Manchmal habe ich bis zu dem Aha-Moment einfach nicht darüber nachgedacht. Manchmal ergibt er sich beiläufig in einem Gespräch nach Jahren des „Halb-Verständnisses“.

(Das ist besonders gefährlich, denn beim „Halb-Verständnis“ glaubt man nur, man hätte etwas verstanden, obwohl man es noch gar nicht richtig erfaßt hat. Also sucht man nicht weiter und kommt so vielleicht nie zum vollen Verständnis.)

Jedenfalls war dieses Semester für mich ziemlich reich an interkulturellen Aha-Erlebnissen. Die will ich Ihnen nicht vorenthalten. Darum hier eines, das ich schon vor ein paar Wochen hatte, mir aber für das Ende der Vorlesungen aufgespart habe. Denn ich wollte es in der Abschlußsitzung eines Seminars verwenden, um den Teilnehmern deutlich zu machen, was sie von der Beschäftigung mit Historiographie haben können. Im Idealfall jedenfalls.

Das Aha-Erlebnis sah folgendermaßen aus:

Vor wenigen Jahren hatte ich begonnen, eine iranische Fernsehserie über Scheich Bahâ’î (1546-1622) anzuschauen. Das war ein wichtiger schiitischer Gelehrter der Safavidenzeit, der auch den bekannteren Theosophen Mollâ Sadrâ (1572-1641, „Schule von Esfahân“) unterrichtet haben soll.

Uns war diese Serie wärmstens empfohlen worden. Also hatten wir sie uns angeschafft. Da ich grundsätzlich gern Filme sehe, sind iranische Filme und Serien eine schöne Möglichkeit für mich, meine Sprachkenntnisse zu erweitern.

Biographien bekannter Persönlichkeiten mag ich auch. Denn ich finde es inspirierend zu sehen, wie solche Menschen es geschafft haben, zu Persönlichkeiten zu werden, deren Biographien man schreibt oder verfilmt.

Zurück in Deutschland, begannen wir also, uns die Serie anzuschauen. Wie üblich hat sie seeehr viele Teile. Fernsehserien werden nicht nur in Iran gern in die Länge gezogen. Auch türkische Fernsehserien haben oft diese Eigenart und werden auch in persischer Synchronfassung in Iran gezeigt – über Satellit natürlich.

Wir starteten also mit den Jugendjahren von Scheich Bahâ’î bis zu dem Punkt, wo der Junge mit seiner Familie seine Heimat im Libanon verlassen muß und nach Iran kommt.

Jetzt war ich gespannt, wie sich der intelligente Junge zu dem bekannten Gelehrten entwickeln würde. Doch als wir uns den nächsten Teil der Serie vornahmen, war ich bitter enttäuscht: Die erste Szene zeigte einen erwachsenen Scheich Bahâ’î im fortgeschrittenen Alter als fertigen Gelehrten.

An diesem Punkt stieg ich aus. Ich fühlte mich in meinen Erwartungen enttäuscht und war frustriert darüber, daß mir der interessanteste Teil der Biographie vorenthalten wurde. Wir brachen die Serie ab.

Dann kam das Sommersemester 2016, und ich las anläßlich meines Seminars über arabische und persische Historiographie auch ein sehr kompaktes und informatives Überblickswerk erneut.

Darin wird erläutert, was mir eigentlich schon bekannt war: Daß Biographien in der islamischen historiographischen Tradition das Typische, Beispielhafte an den Personen hervorheben und sie durch Nennung der Lehrer und Schüler in eine Tradition einordnen.

Es geht dabei nicht um die Besonderheiten der Individuen oder um deren besondere Entwicklung mit den zugehörigen Einflüssen. Das liegt daran, daß man annahm, jeder Mensch komme mehr oder weniger schon so zur Welt, wie er später sei.

Die persönliche Entwicklung in Kindheit und Jugend ist also wenig interessant, da sie ja nur gewissermaßen automatisch das hervorbringt, was man in dem Erwachsenen erkennen kann, wenn er Bedeutung erlangt hat.

Als ich mit meiner Lektüre wieder an dieser Stelle angekommen war, fiel es mir wie Schuppen von den Augen (ja, ich finde, dieses Sprachbild paßt hier wirklich am besten!): Genau diesem Muster folgte anscheinend auch der Handlungsgang in der Scheich-Bahâ’î-Serie! Ein uraltes, traditionelles Muster, das offenbar auch heute noch Anklang findet. Zumindest bei manchen Zuschauern.

Die Gestaltung der Serie ist also nicht einfach „doof“, wie ich das mit meiner enttäuschten, aber klar modern-westlichen Erwartung zunächst empfunden hatte. Sie ist nur anders, weil sie anderen Konventionen folgt. Auch die haben in ihrem eigenen kulturellen Kontext ihre Berechtigung.

P.S.:

Im Grunde paßt das auch ganz gut zu einer anderen Beobachtung, die jeder macht, der sich mit den iranischen Geisteswissenschaften auseinandersetzt. Doch dazu und zu meinem diesbezüglichen Aha-Erlebnis aus dem Jahr 2014 komme ich ein anderes Mal.

Für heute möchte ich Sie nur noch darauf hinweisen, daß es wahrscheinlich demnächst ein paar Änderungen auf diesem Blog gibt. Es kann noch ein paar Wochen dauern, aber ich hoffe, es wird Ihnen gefallen. Seien Sie gespannt! 🙂

Bildnachweis

Beitragsbild: Grabmal von Scheich Bahâ’î
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Lovej
Lizenz: Creative-Commons 3.0
unverändert übernommen

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Säufer und Ästhet: Der Mogulherrscher Dschahângîr und sein Vermächtnis

Dschahângîr auf dem Thron

Dschahângîr auf dem Thron

Nûr ed-Dîn Dschahângîr hatte im Alter von 30 Jahren im Jahr 1599 gegen seinen Vater Akbar rebelliert und drei Jahre später Akbars engsten Vertrauten, Abo l-Fazl-e ʿAllâmî, auf dessen Rückreise von Südindien an den Mogulhof ermorden lassen.

Damals hieß der spätere Mogulherrscher Dschahângîr noch Salîm. Bei den indischen Timuriden war diese Rebellion gegen den alternden Vater eine Premiere, die aber schnell Schule machte. Doch besonders über den Mord an Abo l-Fazl soll Akbar entsetzt gewesen sein.

Trotzdem versöhnte er sich wieder mit seinem Ältesten, als dieser 1603 an den Hof zurückkehrte. Das hatte Salîm nicht zuletzt seinen weiblichen Verwandten zu verdanken, die sich bei Akbar für ihn eingesetzt hatten.

Akbar ließ den unbotsamen Sohn zwar für ein paar Tage einsperren, aber nicht so sehr als Bestrafung, sondern vielmehr zu Entzugszwecken. Salîm war zu diesem Zeitpunkt nämlich schon schwer trunksüchtig.

Indischer Weinpokal, Moguln, 18. Jh., Louvre

Indischer Weinpokal, Moguln, 18. Jh., Louvre

Dabei hatte Salîm nach seiner eigenen Schilderung erst mit 18 Jahren zu trinken begonnen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich auf einer Jagd stark verausgabt, und man empfahl ihm Wein als Mittel gegen die Erschöpfung. Das vom Wein erzeugte Gefühl fand er angenehm, und so begann er regelmäßig zu trinken.

Schließlich genügte ihm Wein nicht mehr, und er begann härtere Spirituosen zu trinken. Nach neun Jahren erreichte sein Alkoholkonsum mehr als 1,5 l doppelt destillierten Schnaps am Tag.

Zu diesem Zeitpunkt zitterten ihm so stark die Hände, daß er den Trinkpokal nicht einmal mehr selbst halten konnte. Einer der Hofärzte teilte ihm daraufhin mit, daß ihm in wenigen Monaten nicht mehr zu helfen wäre, sollte er so weiter trinken.

Das machte Eindruck auf Salîm, und er begann, seinen Alkoholkonsum zu verringern. Einerseits verminderte er die Menge, die er trank, andererseits mischte er nun den Schnaps zunehmend mit Wein. Zusätzlich ersetzte er einen Teil des Alkohols durch ein Opiat und später durch Opium.

Dschahângîrs Grabmal in Lahore

Dschahângîrs Grabmal in Lahore

Die auf diese Weise erreichte Alkoholmenge hielt er dann dauerhaft ein. Dennoch war er gesundheitlich bereits mit Anfang fünfzig (im Jahr 1622) so angeschlagen, daß er seine Memoiren nicht selbst weiterschreiben konnte. Im Jahr 1627 starb er schließlich mit 58 Jahren an einer Erkrankung.

1605 war er seinem Vater nach dessen Tod auf den Thron gefolgt. Wie das kam, erzähle ich Ihnen ein anderes Mal. Bei seiner Thronbesteigung wählte er den Ehrentitel „Nûr ed-Dîn“ („Licht der Religion“), um seinen Wechsel von der Sonnen- und Feuerverehrung zur Lichtsymbolik zu markieren. Außerdem nahm er den Thronnamen „Dschahângîr“ („Welteroberer“) an.

Als Sohn und Nachfolger einer außergewöhnlichen Persönlichkeit wie Akbar versuchte Dschahângîr offenbar gar nicht erst, einen ausgeprägten eigenen Herrschaftsstil zu entwickeln.

Im wesentlichen blieb er der Herrschaftsideologie seines Vaters treu und initiierte auch neue Mitglieder in Akbars Religion, der er vorstand. Auch der neue Kalender und die von Akbar eingeführten Festlichkeiten sowie das Hofzeremoniell blieben unangetastet.

Dennoch verstand Dschahângîr sich selbst ganz klar als Muslim und pflegte besonders mit den Sufis (islamischen Mystikern) gerne Umgang. Dem Hinduismus stand er zwiespältig gegenüber – und das obwohl seine Mutter eine Rajputenprinzessin war. Die Rajputen waren hinduistische Kriegerfürsten.

Daß Dschahângîr sogar drei Söhne seines Bruders von den Jesuiten taufen ließ, erinnert spontan an das Interesse seines Vaters Akbar an Religionsdiskussionen mit den Jesuiten.

Hauptsächlich war es jedoch eine politische Maßnahme: Einerseits wollte Dschahângîr den Portugiesen damit seinen guten Willen signalisieren, andererseits sicherstellen, daß seine Neffen keine Chance hatten, je den Mogulthron zu besteigen. Neu war die Nutzung religiöser Signale zu politischen Zwecken natürlich nicht.

Dagegen war es durchaus ungewöhnlich, daß Dschahângîr anders als sein Vater und Großvater und die meisten seiner Nachfolger keine offizielle Hofchronik in Auftrag gab. Stattdessen schrieb er selbst ein Tagebuch, das er mehrfach abschreiben und illustrieren ließ und an seine Höflinge verschenkte.

Dieses Dschahângîr-nâme („Buch Dschahângîrs“), das auch „Tuzok-e Dschahângîrî“ („Dschahângîrs Regularien“) genannt wird, ist im Stil an die Memoirens eines Urgroßvaters Bâbor (1483-1530) angelehnt und gibt uns einen tiefen Einblick in Dschahângîrs Persönlichkeit und Weltsicht.

Hier lernen wir Dschahângîr als hochgebildeten Herrscher kennen, der sich für Naturphänomene interessiert, eigene Experimente durchführt und mit guter Beobachtungsgabe alle möglichen Ereignisse notiert, die ihm aus irgendeinem Grunde merkwürdig erscheinen. Eine Kostprobe stelle ich Ihnen demnächst in einem anderen Beitrag vor.

Womöglich steht das Fehlen einer Reichschronik auch mit Dschahângîrs neuer Strategie in Zusammenhang, die Herrschaftsideologie nicht so sehr durch Texte als durch Bilder zu vermitteln.

Unter seiner Herrschaft war das Hofatelier ebenso produktiv wie innovativ und nahm auch europäische Anregungen auf: Seit dieser Zeit wurden die Mogulherrscher auf Gemälden Dschahângîrs Lichtmetaphorik entsprechend häufig mit Glorienscheinen um die Häupter abgebildet. Ein unverkennbarer, vor allem bei Porträts sehr realistischer Stil entstand.

Auch die Metaphorik der einzelnen Gemälde ist häufig sehr reichhaltig und nicht immer leicht zu entschlüsseln. Verhältnismäßig einfach geht das noch bei einer Abbildung, die Dschahângîrs freundschaftliches Verhältnis zu dem zeitgleich in Iran herrschenden Safaviden-Schâh ʿAbbâs I. (1587-1629) darstellt:

Dschahângîr und Schâh ʿAbbâs I.

Dschahângîr und Schâh ʿAbbâs I.

Der Löwe und das Lamm stehen zwar für ein friedliches Zusammenleben, doch es ist leicht erkennbar, daß Dschahângîr größer, reicher und mächtiger wirkt. Schâh ʿAbbâs wird in fast unterwürfiger Haltung gezeigt, während Dschahângîr von oben auf ihn herabschaut. Zusätzlich steht Dschahângîr auch noch auf dem Löwen.

Dschahângîr scheint also auch viel für Malerei übrig gehabt zu haben. Jedenfalls hat er sie ausgiebig gefördert und für seine Zwecke genutzt. Er mag zeitlebens ein Säufer gewesen sein, aber er war auch ein Ästhet.

Quellen und Literatur

Jahangir, Salîm Nûruddîn: The Jahangirnama. Memoirs of Jahangir, Emperor of India. Translated by Wheeler M. Thackston, New York [u.a.]: Oxford Univ. Press, 1999. 185.

Heike Franke: Akbar und Ǧahāngīr. Untersuchungen zur politischen und religiösen Legitimation in Text und Bild. Schneefeld: EB-Verlag, 2005 (Bonner Islamstudien, 12).

Bildnachweis

Beitragsbild = Dschahângîr auf dem Thron:
Quelle: Wikimedia Commons
gemeinfrei

Weinpokal:
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Marie-Lan Nguyen
gemeinfrei

Dschahângîrs Grabmal:
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Airknight at English Wikipedia
Creative-Commons-Lizenz 3.0
unverändert übernommen

Dschahângîr und Schâh ʿAbbâs:
Quelle: Wikimedia Commons
gemeinfrei

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Ramadan (Gastbeitrag von Claudia Preckel)

Momentan fahre ich jeden Tag mit der Bahn nach Münster. Aufgrund der Baumaßnahmen am Hauptbahnhof muss man den Ausgang „Bremer Platz“ benutzen und durch einen längeren Fußgängertunnel laufen, um zur Innenstadt zu gelangen. In diesem Tunnel spielen häufig Straßenmusiker, und meist bitten auch einige Obdachlose um eine Spende.

Vor ein paar Tagen ging eine Schulklasse vor mir zum Bahnhof. Es waren viele muslimische Schülerinnen mit unterschiedlichen Arten der Kopfbedeckung dabei.

Als wir an einem Obdachlosen vorbeigingen, warfen zwei Jugendliche ein paar Münzen in seinen Becher. Eine ihrer Mitschülerinnen fragte erstaunt, warum die beiden das gemacht hätten. Einer der jungen Männer sagte daraufhin völlig überzeugt und mit großer Selbstverständlichkeit: „Es ist doch Ramadan“.

Spenden im Ramadan

Ich fand es beeindruckend, dass den Jugendlichen bewusst war, dass es im Ramadan nicht nur um das Fasten zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang und das anschließende meist sehr ausgiebige Essen geht, sondern auch darum, Almosen (zakât oder die „Pflichtabgabe“) bzw. sadaqa („freiwillige Abgabe“) zu zahlen. Zakât, also die „Almosensteuer“, wie sie in der älteren Fachliteratur genannt wird, ist eine der fünf Säulen des Islam. Ihre Höhe hängt von der Art des Vermögens (Schmuck, Gold, Vieh) ab – in der Vergangenheit ist darüber auch viel gestritten worden.

Zakât al-Fitr

Im Ramadan gibt es zusätzlich das zakât al-fitr, etwa „die Spende zum Fastenbrechen.“ Der Grundgedanke ist, dass auch mittellosen Menschen die Gelegenheit gegeben werden soll, das große Fest am Ende des Ramadan (ʿîd al-fitr) zu feiern. Sie soll für die Gläubigen eine (geistige, moralische) „Reinigung“ sein oder ein Ausgleich für eventuelle Verfehlungen in der Fastenzeit (z.B. durch Nicht-Einhalten der Vorschriften).

Iftâr in Istanbul

Iftâr in Istanbul

Je nach Rechtsschule wird diese Spende für jeden Muslim (ob männlich oder weiblich) als „obligatorisch“ (wâdschib) oder „gesicherter Brauch“ (sunna mu’akkada) eingestuft. Von der Rechtsschule hängt es auch ab, ob es dem einzelnen Gläubigen gestattet sein sollte, die Abgabe auch als Bargeld zu zahlen.

Eigentlich war es nämlich so angelegt, dass man ein sâ‘ (etwa vier Handvoll) Datteln, Weizen, Gerste, Rosinen oder trockenen Hüttenkäse geben soll, also Dinge, die zu den Grundnahrungsmitteln gehören. Die Spende soll ein oder zwei Tage vor dem ‘îd gegeben werden. Wie die Almosensteuer ist auch das zakât al-fitr nach Sure 9 („Die Buße“), Vers 60 für folgende Personen bestimmt:

Die Almosen sind nur für die Armen und Bedürftigen (bestimmt), (ferner für) diejenigen, die damit zu tun haben, (für) diejenigen, die (für die Sache des Islam) gewonnen werden sollen … für (den Loskauf von) Sklaven, (für) die, die verschuldet sind, für den heiligen Krieg (wörtlich: den Weg Gottes) und (für) den, der unterwegs ist (oder: (für) den, der dem Weg (Gottes) gefolgt (und dadurch in Not gekommen) ist; wörtlich: Den Sohn des Wegs).
(Der Koran, Übersetzung von Rudi Paret, 5. Aufl.)

Spenden an Nicht-Muslime

Der berühmte salafistische hadîth-Gelehrte Nâsir ad-Dîn al-Albânî (st. 1999) war der Ansicht, dass die Pflichtabgabe (zakât) immer nur an (bedürftige) Muslime zu gehen habe, während freiwillige Spenden (sadaqa) auch an Nicht-Muslime gegeben werden dürften.

Abû Hanîfa, Begründer der hanafitischen Rechtsschule, auf die sich die Mehrheit der türkischen, zentralasiatischen und südasiatischen Muslime beruft, führte folgenden Koranvers zur Erlaubnis der zakât-Spende an Nicht-Muslime an (Sure 60, „Die Prüfung“, Vers 8):

Gott verbietet euch nicht, gegen diejenigen pietätvoll und gerecht zu sein, die nicht der Religion wegen gegen euch gekämpft, und die euch nicht aus euren Wohnungen vertrieben haben. Gott liebt die, die gerecht handeln.
(Der Koran, Übersetzung von Rudi Paret, 5. Aufl.)

In diesem Sinne hoffe ich, dass alle Muslime letzte Woche ein gesegnetes Opferfest feiern konnten. Wenn man das im Vorfeld wünschen möchte, sagt man: ʿÎd mubârak!

Dr. Claudia Preckel  war bis 2016 als Islamwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum tätig und ist erreichbar unter claudia@preckel.org

Bildnachweis

Beitragsbild:
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Ahmed Rabea
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Iftâr-Bild:
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: balavenise
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