Wie Forschungsfragen entstehen – jedenfalls bei mir


Seit April arbeite ich ja wieder an der Universität – zumindest vorläufig. Ich vertrete nämlich in diesem Semester die vakante W3-Professur für Orientalistik an der Ruhr-Universität Bochum. In dieser Funktion halte ich auch eine Vorlesung über die Geschichte des Mogulreiches.

Ja, genau: Deshalb habe ich in den letzten Monaten immer wieder Beiträge zur Mogulgeschichte verfaßt. Und es werden auch noch einige folgen. Aber heute möchte ich auf meinen Beitrag aus dem Februar zurückkommen, in dem ich u.a. über der Bruderkrieg zwischen Homâyûn und Kâmrân berichtet habe.

Mir war bei meiner Quellenlektüre zur Vorbereitung der Vorlesung aufgefallen, daß die frühen Vertreter der später als Moguln bekannt gewordenen indischen Timuridendynastie eine merkwürdige Sensibilität im Umgang mit Familienmitgliedern an den Tag legten. Zumindest im Vergleich mit den vorhergehenden Herrschern des Delhi-Sultanats und dem Verhalten späterer Mogulherrscher.

So bekämpfte Kâmrân zwar seinen älteren Bruder Homâyûn mit großer Ausdauer. Als er jedoch dessen zu diesem Zeitpunkt einzigen Sohn Akbar in die Hand bekam, krümmte er ihm kein Haar.

Später soll er sich vom Tod seines jüngsten Bruders Hendâl betroffen gezeigt haben. Dabei befand sich dieser in Homâyûns Feldlager, als Kâmrân es angreifen ließ. Man hätte also annehmen können, daß er Hendâls Tod von vornherein billigend in Kauf genommen hatte.

Schließlich wollte auch Homâyûn seinen Bruder Kâmrân nicht töten, als er ihn endlich zu fassen bekam. Dabei hatte Kâmrân ihn über Jahre hinweg immer wieder angegriffen und ihm die Herrschaft streitig gemacht.

Das fand ich alles in allem doch bemerkenswert in einer Zeit und Umgebung, in der solche Empfindlichkeiten nicht eben die Norm gewesen zu sein scheinen. (Die Schilderung der Ereignisse finden Sie hier.)

Vorletzte Woche war ich dann in der Vorlesung bei der Schilderung dieser Ereignisse angelangt. Eigentlich wollte ich an diesem Punkt nicht ins Detail gehen, doch dann entschied ich mich spontan doch, den Studenten diese Auffälligkeit vorzutragen.

Einer stellte sofort eine entscheidende Frage: Aus welcher Quelle denn diese Schilderung der Ereignisse stamme? Die Antwort lautet: aus Abo l-Fazl-e ʿAllâmîs Akbar-nâme.

Das ist nun tatsächlich nicht als besonders neutral gestaltetes Geschichtswerk bekannt (falls es so etwas überhaupt gibt). Abo l-Fazl-e ʿAllâmî – nicht zu verwechseln mit dem rund 500 Jahre früher schreibenden Abo l-Fazl-e Beyhaqî! – verfolgte nämlich das Ziel, den Mogulherrscher Akbar als besonders begnadeten Menschen darzustellen.

Wie ein Bericht über Homâyûns und vor allem Kâmrâns brüderliche Gefühle dieser Agenda dienen sollte, ist allerdings nicht ohne weiteres einsichtig. Natürlich heißt das nicht, daß der Bericht nicht stilisiert und durch bestimmte Absichten des Verfassers gefärbt sein könnte.

Aber erstens ist das noch kein Grund anzunehmen, daß er komplett erfunden ist. Und zweitens steht zu vermuten, daß er nicht dazu gedacht war, bei den Lesern eine ähnliche Irritation hervorzurufen wie bei mir. Ich habe mir bei der Lektüre nämlich zwei Fragen gestellt:

  1. Hatten die Timuriden zu dieser Zeit mehr Hemmungen, enge Familienmitglieder zu töten, als andere Dynastien vor ihnen und ihre eigenen Nachkommen? Wenn ja, stand dahinter ungeachtet der unausweichlichen Nachfolgestreitigkeiten ein anderes Verständnis von familiärem Zusammenhalt? Wenn ja, woher kommt das?
  2. Wieso bekommt man den Eindruck, als hätten sich die zerstrittenen Brüder nie in letzter Konsequenz klargemacht, daß ihre Kämpfe schließlich mit dem Tod eines oder mehrerer Brüder enden konnten? Wie verträgt sich ihr Handeln – Krieg gegeneinander zu führen – mit ihrer offensichtlichen Abneigung dagegen, einander zu töten?

Diese Fragen zielen letztlich auf die damaligen Vorstellungen und vielleicht auch Empfindungen ab. Auf die Vorstellungen darüber, was so ein Bruderkrieg eigentlich bedeutete und wie persönlich man ihn nahm. Auf die Wahrnehmung der Überlebenschancen in solchen Kämpfen (inwieweit also ein Befehlshaber damit rechnete, in einer Schlacht zu sterben). Und auf anderes mehr.

Das ist es, was mich an Geschichte immer am meisten interessiert hat: die Menschen. Ihr Denken und Handeln und wie es zusammenpaßt. Ihre Vorstellungen, ihre Mentalität. Worin waren sie uns ähnlich? Und – noch faszinierender – worin unterschieden sie sich von uns?

Immer wenn ich beim Lesen auf eine Irritation stoße – auf etwas, das ich nicht selbstverständlich finde oder das sich von meinen eigenen spontanen Reaktionen unterscheidet -, dann werde ich neugierig.

Das ist die Art, wie bei mir Forschungsfragen entstehen, denen ich nachgehen möchte. Fragen wie: „Warum ist das eigentlich so?“ oder: „Ist das wirklich so?“ oder: „Warum wird das hier selbstverständlich so und nicht anders betrachtet?“

Deshalb erzähle ich Studenten von solchen Irritationen und schaue, welche Reaktionen zurückkommen. Vielleicht wirkt das naiv, denn natürlich können wir unseren Quellen nicht einfach alles glauben, wie es dasteht.

Im gegebenen Fall müßte man zunächst überprüfen, woher die Schilderung ursprünglich stammt und ob sie in Abo l-Fazl-e ʿAllâmîs Quelle(n) genauso aussieht. Ob es noch mehr ähnlich gelagerte Schilderungen in anderen Quellen gibt und ob dieselben Ereignisse anders erzählt werden. Inwiefern die Art der Darstellung den Zielen der Berichterstatter dient und dadurch geprägt ist. Was damit erreicht werden sollte: Zustimmung oder Mißbilligung, Sympathie oder Antipathie?

Aber ich möchte, daß die Studenten in Erwägung ziehen, zunächst einmal genauso naiv zu lesen und zu fragen. Manche Fragen lösen sich bei vertiefter Lektüre schnell in Luft auf, und man stellt fest, daß das eigene Erstaunen auf einem Mangel an Kenntnissen beruht hat. Aber nur so kann man mehr über die Themen lernen, die einen selbst wirklich interessieren: mit eigenem Erstaunen und eigenen Fragen.

Und wenn nach der Überprüfung Fragen offen bleiben, dann hat man Forschungsfragen gefunden, mit denen man sich gern beschäftigt.

Deshalb trete ich ein für den Mut zur Naivität, den Mut zum Staunen und zum Fragen. Denn wie heißt es so schön: Wer nicht fragt, bleibt dumm! 😉

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3 Kommentare zu „Wie Forschungsfragen entstehen – jedenfalls bei mir“

    1. Sehe ich auch so. Aufgrund von Selbstbeobachtung fürchte ich aber, daß wir gerade den intelligenten Schülern und Studenten nicht eben Mut machen, einfach mal naiv zu staunen und zu fragen.

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