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Nourûz am Mogulhof: „Das wichtigste aller Feste“

Susanne Kurz hat sich in diesem Blog ja schon in vielen Beiträgen dem Thema Nourûz-Feierlichkeiten gewidmet. In einem dieser Beiträge hat sie auch schon über Nourûz am Hofe Dschahângîrs berichtet. Ich möchte das Thema nochmals aufgreifen.

Und falls Sie denken: Nourûz ist doch schon vorbei – richtig! ABER: vor allem am Hof Akbars und seiner Nachfolger wurde das Nourûz-Fest 19 Tage lang gefeiert!

Diese ausführlichen Fest- und Feiertage gab es unter den ersten Moguln noch nicht, obwohl belegt ist, dass das Neujahrsfest des persischen Kalenders gefeiert wurde. Bâbur, der erste Mogulherrscher, schrieb im Jahr 1505 (also noch zu seiner Zeit in Kabul) ein Gedicht anlässlich der Tatsache, dass das Nourûz-Fest und das Fest des Fastenbrechens nach dem Ramadan (‚îd al-fitr, türkisch: bairam) fast zusammenfielen. Das Gedicht ist in Bâburs Autobiographie Bâbur-nâma enthalten. Ich gebe hier die englische Übersetzung aus dem Tschagatai-Türkischen wieder, wie sie von A.S. Beveridge angefertigt wurde. (Beveridge (transl.): Bâbur-nâma, 236)

Glad is the Bairam-moon for him who sees both the face of the Moon and the
Moon-face of his friend ;
Sad is the Bairam-moon for me, far away from thy face and from thee.
Babur ! dream of your luck when your Feast is the meeting, your New-year
the face ;
For better than that could not be with a hundred New-years and Bairams.

Der zweite Mogulherrscher Humâyûn (st. 1556) lebte, nachdem er von der Sûrî-Dynastie zeitweise entmachtet worden war, einige Zeit im persischen Exil beim Safavidenherrscher Schâh Tahmâsp. Eine Miniatur zeigt die beiden Herrscher bei den Nourûz-Festivitäten:

Wirklich ausschweifend gefeiert wurde Nourûz jedoch erst unter Akbar. Dieser hatte mit der Einführung seiner „Göttlichen Religion“ (dîn-e elâhî) auch eine Kalenderreform durchgeführt, die das Nourûz-Fest als „das wichtigste aller Feste“ kennzeichnete. Die aufwändigen Feierlichkeiten schilderte Akbars Hofschreiber Badâ’ûnî folgendermaßen (A. Eraly, The Mughal World, 70, Übersetzung CP):

Der Herrscher ordnete an, die privaten und öffentlichen Gemächer mit kostbaren Materialien zu dekorieren – und man stellte viele kostbare Artikel in vielen bunten Farben aus, europäische Vorhange, und viele unvergleichliche Gemälde wurden angefertigt und weiträumige Pavillions aufgestellt.

Die Basare der beiden Hauptstädte Âgra und Fatehpûr Sikrî wurden ähnlich dekoriert. Tausende von Tänzern und Musikanten traten auf, sowohl männliche als auch weibliche, sowohl Hindus als auch Muslime, wie Badâ’ûnî betonte. Auch Wein und verschiedene andere Arten von Drogen waren erhältlich.

Einer der Höhepunkte der Feierlichkeiten war  jedoch die „Aufwiegezeremonie“: Akbar ließ sich auf einer großen Waage gegen Kostbarkeiten wie Gold, Silber, Gewürze, Stoffe und Früchte aufwiegen – und die Güter wurden an Bedürftige verteilt. Auch an die Notabeln des Hofes verteilte Akbar Präsente und Titel.

Akbars Nachfolger Dschahângîr und Schâh Dschahân feierten das Nourûz-Fest anscheinend ebenso ausgelassen und mit einem Überangebot an Wein und feinen Speisen.

Dem britischen Diplomaten Sir  Thomas Roe (st. 1644), Abgesandter des britischen Königs am Hofe Dschahângîrs, war das dann wohl doch ein wenig zu viel – und er schrieb: (Eraly: Mughal World, 71)

Ich sah, was zu sehen war: Geschenke, Elefanten, Pferde – und jede Menge Huren!

Interessant ist zum einen, dass Roe als eifriger Zechkumpan Dschahângîrs galt, hier aber plötzlich moralische Bedenken äußerte – und zum anderen Schâh Dschahâns Nachfolger Aurangzêb mit ähnlichen Argumenten die Nourûz-Feiern wieder abschaffte.

Es zeigt sich also wieder einmal, dass Feste und Feierlichkeiten sowohl Gemeinsamkeiten als auch Trennendes hervorbringen und interessante Schlaglichter auf die (Kultur-)Geschichte des Mogulreiches werfen .

Ich hoffe auch, dass alle Leser unseres Blogs  ein schönes Nourûz gefeiert haben – ob mit oder ohne Pomp!

Das Beitragsbild wurde mir heute von Susanne Kurz zur Verfügung gestellt.

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