„Taxi Teheran“ – Ein Film für Ausländer?

Letzte Woche hat mich eine Freundin eingeladen, mit ihr ins Kino zu gehen. Es lief nämlich einer der anspruchsvollen iranischen Filme, die auch im Ausland synchronisiert gezeigt werden.

„Taxi Teheran“ von Jafar Panahi gibt vor, der Regisseur habe sich als Taxifahrer verkleidet und eine Kamera auf der Ablage vor dem Beifahrersitz installiert. Diese Kamera ist die Hauptperspektive des Films. Sie zeigt mal auf die Straße, mal auf Panahi, mal auf die Fahrgäste auf dem Beifahrer- oder Rücksitz.

Hin und wieder wird diese Perspektive durch die einer tragbaren Kamera oder einer Handykamera ergänzt. Am Ende bleibt das Auto kurz unbeaufsichtigt stehen, und prompt wird es aufgebrochen und die Kamera geklaut. Die Diebe stecken sie ein, so daß der Bildschirm schwarz wird und man nur noch ein paar Momente den Ton hört.

Auf diese Weise entsteht der Eindruck, man erlebe einen Tag in einem Teheraner Taxi live mit. Man sieht Junge und Alte, Reiche und Arme, Männer und Frauen. Man erfährt einiges über Verbrechen und Gesetze, Politik und Unfälle, über die Auswirkungen von Verhör und Gefangenschaft, über religiöse Vorstellungen und das Filmemachen. Nebenbei werden weitere Informationen als Eindrücke transportiert.

Natürlich stimmt der Live-Eindruck nicht. Die Menschen sind Schauspieler, die Rollen sorgsam ausgewählt, die Dialoge gezielt mit Informationen und Botschaften aufgeladen. Außerdem werden nicht alle widerstreitenden Ansichten gezeigt. Befürworter der herrschenden Regierung sind nämlich nicht zu sehen. Aber auch die gibt es.

Meine Freundin war besonders beeindruckt davon, wie die nach unserer Auffassung ungeheuerlichsten Dinge beiläufig ins Gespräch geworfen werden. Wie ruhig und freundlich Panahi als Taxifahrer bleibt.

Ich fand vor allem die Szenen interessant, in denen ein Schulmädchen zum Filmprojekt ihrer Klasse erklärt, welche Kriterien ihre Lehrerin für einen „zeigbaren“ Film diktiert hat: Die Frauen müssen anständig verhüllt sein, die positiven männlichen Figuren sollten weder Krawatten tragen noch persische Namen. Besser seien islamische Namen, vor allem die der zwölf Imame. Körperkontakte zwischen Männern und Frauen seien zu vermeiden. Außerdem solle man die Wirklichkeit zeigen, aber nicht, wenn sie zu traurig oder sonstwie negativ wirke.

Der Film ist also nicht sehr unterhaltsam, aber aufschlußreich. Zumindest für Ausländer. Von einem iranischen Bekannten habe ich im Vorfeld gehört, daß er den Film so langweilig fand, daß er umgeschaltet hätte, wenn er ihn statt im Kino im Fernsehen gesehen hätte.

Das kann ich mir gut vorstellen, denn das Tempo des Films ist gemächlich. Dadurch entstehen gelegentlich Längen. Fand ich jedenfalls. Außerdem ist nichts Spektakuläres zu sehen. Wer schon unzählige Male in Teheran mit dem Taxi unterwegs war, wird vieles ziemlich langweilig finden, was dem Ausländer, der Iran selten oder nie besucht hat, interessant erscheinen mag. Der Film zeigt eben ganz normale Iraner beim Taxifahren. Wer mit den Ansichten der Regierung vertraut ist, lernt auch hier nichts Neues.

Deshalb habe ich mich gefragt, ob Jafar Panahi seine Filme wohl gezielt für ein ausländisches Publikum entwirft. Ich weiß es nicht, doch der Eindruck drängt sich auf. Es ist eine Art Gegenpropaganda. Einerseits bekommt man ein Gefühl dafür, wie die Menschen in Iran wirklich sind. Zumindest viele von ihnen gerade in den Großstädten. Andererseits zeigt der Film vieles, was als „unzeigbar“ gilt. Oder spricht es zumindest an.

Was meinen Sie?

Der arme gehörnte Mann – ‚Obeyd-e Zâkânîs Ehebruchwitze (Teil 2)

Der heutige Witz unterstreicht einen Aspekt, den Sie schon aus Teil 1 dieser Mini-Serie kennen: Männer werden zur Witzfigur, wenn ihre Frauen fremdgehen. Schon die bloße Unterstellung, dies sei geschehen, kann den Mann empfindlich treffen. Deshalb läßt sich die Behauptung, ein Mann sei gehörnt worden, durchaus als Beschimpfung einsetzen. Diese scharfe Waffe zieht die Frau im folgenden Witz:

Ein Mann sagte zu einer Frau: „Ich möchte dich kosten, damit ich erfahre, ob du besser bist oder meine Frau.“ Sie antwortete: „Frag meinen Mann, denn er hat mich und sie gekostet!“ (S. 244, Nr. 41)

Wie Sie sehen, geht es hier nicht um einen harmlosen und anständigen Zeitgenossen, sondern um einen Halunken, der eine fremde Frau verführen will. Vielleicht will er sie aber auch nur beleidigen. Denn das Ansinnen, sie solle ihn „sich kosten“ lassen, ist für eine anständige Frau – ob verheiratet oder nicht – eine Zumutung. Der Mann hat die Retourkutsche also mehr als verdient.

Dabei geht es wohlgemerkt nicht darum, daß die Ehefrau dieses Mannes etwa ein Anrecht auf seine eheliche Treue hätte. Vielmehr besteht das Verwerfliche an seinem Handeln darin, daß er das Recht eines anderen Mannes verletzt. Wenn die Frau verheiratet ist – was hier zuzutreffen scheint -, dann bricht er ins Revier des Ehemannes ein. Ist sie noch ledig, so richtet sich seine Aggression gegen ihre nächsten männlichen Angehörigen. Deren Ansehen hängt nämlich von der Keuschheit der Frauen in der Familie ab.

Je nachdem, ob der Vater noch lebt, ist er in einem solchen Fall der Betroffene oder der Großvater väterlicherseits, ein Onkel oder der älteste Bruder, die im Todesfalle des Vaters seine Rolle übernehmen.

Selbstverständlich ist es für eine keusche Frau, die ihrer Familie keine Schande macht, ebenfalls beleidigend, wenn man ihr zutraut, sich fremden Männern ohne weitere Umstände hinzugeben.

Daher schlägt die Frau auf derselben Ebene zurück und trifft im wörtlichen Sinne unter die Gürtellinie. Denn die Pointe besteht ja darin, daß sie dem Mann recht deutlich sagt, er selbst sei der Gehörnte. Ihr Mann habe nämlich mit der Frau des Aggressors bereits das getan, was er selbst mit der Sprecherin vorhatte. Als Antwort auf seine Kränkung beleidigt sie damit seine Männlichkeit und dreht erfolgreich den Spieß um. Nun nimmt er unversehens selbst die Rolle ein, die er dem Ehemann der Frau zugedacht hatte.

Allein die Tatsache, daß die Pointe in dieser Retourkutsche der Frau besteht, zeigt klar, daß in den Augen der Leser und Hörer des Witzes in erster Linie der Ehemann der angeblich bereits „gekosteten“ Frau dumm dasteht. Weder scheint die Sprecherin die Behauptung für sich selbst herabwürdigend zu finden, daß ihr eigener Mann mit fremden Frauen schläft, noch macht sie damit ihren Ehemann zur Witzfigur.

Schließlich hat nicht die Frau Anspruch auf eheliche Treue des Mannes, sondern es verhält sich umgekehrt. Ein Mann, der sein Recht nicht erfolgreich einfordern und die eigene Ehefrau nicht vom Fremdgehen abhalten kann, macht sich lächerlich – nicht derjenige, der das Recht des Ehemannes verletzt, und auch nicht die Frau des Ehebrechers.

Zumindest dürfte die Pointe auf die männlichen Leser und Hörer so gewirkt haben. Ob eine Frau das ebenso sehen und tatsächlich eine solche Behauptung als Waffe verwenden würde, ist eine ganz andere Frage. Davon ganz abgesehen ist es selbstverständlich nach dem religiösen Recht der Muslime verboten, mit einer anderen als der eigenen Ehefrau zu schlafen (es sei denn, es handelt sich um die eigene Sklavin). Man wird aufgrund dieses Witzes also keineswegs annehmen dürfen, daß sich der Ehemann der wehrhaften Frau akteptabel verhalten hätte, falls ihre Behauptung der Wahrheit entspräche.

Doch die Logik von Witzen spiegelt weniger das religiöse Recht als vielmehr gesellschaftliche Konventionen und Vorstellungen. Wir dürfen dabei auch nicht vergessen, daß Witze fiktive Situationen darstellen, die sich so wahrscheinlich selten oder nie zugetragen haben und deshalb oft nicht realistisch sind. So stellt im vorliegenden Fall der angebliche erfolgreiche Ehebrecher seine eigene Männlichkeit durch sein Handeln nicht infrage, wohl aber die des Gehörnten. Daher wird der Mann mit dem unanständigen Ansinnen mit seinen eigenen Waffen geschlagen und durch die Behauptung der Frau zur Witzfigur.

Aus der Witz-Darstellung kann man also Vorstellungen über Werte und über die auftretenden Personengruppen ableiten. Hier finde ich es besonders interessant, daß die Frau als durchaus wehrhaft und schlagfertig gezeigt wird. Außerdem verfällt sie dem Fremden keinesfalls, sondern weist sein Ansinnen mit einem Tiefschlag zurück. Sie ist also überhaupt nicht am Ehebruch interessiert und bewahrt ihre Tugend.

Diese Darstellung der Frau steht in klarem Gegensatz zu einer viel häufiger anzutreffenden Tendenz, die Sie noch kennenlernen werden: die Tendenz, die Frau als die wesentliche Schwachstelle zu betrachten, wenn es um die Bewahrung von Ansehen und Ehre des Mannes geht.

Hier sehen wir stattdessen einmal die andere Seite der Medaille, die sonst von den Autoren gern unterschlagen wird: daß es nämlich keinen Ehebruch geben könnte, wenn nicht auch Männer dazu bereit wären, sich an fremde Frauen heranzumachen. Zum Ehebruch braucht man schließlich zwei. Doch der Anteil der Männer, die sich für den Ehebruch mit fremden Frauen hergeben, wird selten so deutlich wie hier.

Dieser Witz schwimmt also ein bißchen gegen den Strom, wie Sie in der nächsten Folge zu den Ehebruchwitzen erkennen werden.

Quelle

Zâkânî, Nezâm od-Dîn ‘Obeydollâh: Kolliyyât-e ‘Obeyd-e Zâkânî šâmel-e qasâyed, ghazaliyât, qata’ât, robâ’iyyât, masnaviyyât. Moqâbele bâ noskhe-ye mosahhah-e Ostâd-e faqîd ‘Abbâs-e Eqbâl va tschand noskhe-ye dîgar. Šarh va ta’bîr va tardschome-ye loghât-o âyât-o ‘ebârât-e ‘arabî az Parvîz-e Atâbakî. Tschâp-e dovvom. Tehrân: Zavvâr, 1343 š./1964-5.

Weltsprache Persisch – Wo man es sprach und wo man es spricht

Bevor ich mit den Ehebruch-Witzen weitermache, dachte ich mir, ich schiebe mal einen Beitrag zur Verbreitung der persischen Sprache ein. Mir ist nämlich aufgefallen, daß viele Menschen denken, in Iran würde Arabisch gesprochen – wahrscheinlich, weil der Irak genau daneben liegt. Außerdem wußte ich selbst vor meinem Studium auch nicht, wie verbreitet das Persische lange Zeit war.

„Weltsprache“ klingt vielleicht etwas übertrieben, wenn man sich darunter eine ähnliche Verbreitung vorstellt, wie sie heute das Englische hat. Aber es ist noch nicht allzu lange her, daß sich Sprachen nicht so einfach über den ganzen Globus verbreiten konnten. Zur Zeit seiner weitesten Verbreitung konnte sich das Persische aber durchaus mit anderen Sprachen wie dem Lateinischen und dem Arabischen messen. Als überregionale Verkehrssprache erfüllte es über Jahrhunderte hinweg die Kriterien für eine Weltsprache nach Wikipedia.

Diese Zeit der weitesten Verbreitung des Persischen reicht ungefähr vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. Zunächst dehnte sich der Wirkungsbereich des Persischen unter den Mongolen, also ab dem 13. Jahrhundert, weiter nach Osten aus. Das hatte sicher auch damit zu tun, daß das mongolische Herrscherhaus China, Zentralasien, Iran und den Kaukasus durch ihre genealogischen Verbindungen miteinander verknüpfte.

Der berühmte Kublai Khan, der mongolische Herrscher über China, war zum Beispiel ein Bruder von Hülegü, der Bagdad eroberte und danach die mongolische Ilchandynastie im Irak und in Iran begründete. Möngke, ein weiterer Bruder der beiden, beherrschte als Großchan das ganze mongolische Reich. Eine animierte Karte zur Ausdehnung und Entwicklung des mongolischen Großreiches finden Sie hier. Doch die Mongolen sind ein eigenes Thema, das ich in einem anderen Artikel behandeln werde.

Vom Westen des heutigen Iran bis nach Zentralasien und darüber hinaus wurde das Persische jedenfalls zur überregionalen Verständigung verwendet. Im Umgang mit den muslimischen Nachbarn im Westen nutzten es auch die Chinesen. Unter den dortigen Mongolenherrschern war es sogar eine der drei offiziellen Kanzleisprachen.

Begonnen hatte die Entwicklung des Persischen als lingua franca, also als überregionale Verkehrssprache, wohl schon im 9. Jahrhundert oder sogar früher. Über die Anfänge des Neupersischen wissen wir nämlich nicht besonders viel.

Nach der Eroberung Irans durch die Muslime im 7. Jahrhundert ist vermutlich eine damals schon überregional gesprochene mündliche Version des Persischen langsam zur Literatursprache herangereift. Ab dem 9. Jahrhundert haben wir dann Textbelege. Was davor geschehen ist, können wir natürlich nicht genau wissen. Mehr oder weniger überzeugende Spekulationen darüber gibt es aber. Darüber berichte ich vielleicht ein anderes Mal.

Zaban

Natürlich gab es auch schon vor dieser Zeit eine persische Schriftsprache. Nur hat sich das Persische nach der Eroberung Irans durch die Muslime weiterentwickelt. Deshalb nennt man diese Entwicklungsstufe, die im Prinzip bis heute verwendet wird, das Neupersische – im Gegensatz zum Mittel- und Altpersischen.

Auch das arabische Alphabet wurde erst zu dieser Zeit übernommen. Das hatte vielleicht nicht nur, aber auch damit zu tun, daß die Schrift, die man vorher verwendet hatte, sehr kompliziert und die arabische Schrift viel einfacher zu handhaben war.

Das Persische ist übrigens nicht mit dem Arabischen verwandt, sondern mit dem Deutschen (und den übrigen indo-europäischen Sprachen). Es hat nur die arabische Schrift und im Laufe der Zeit auch viele arabische Wörter übernommen. Grammatik und Syntax sind aber nach wie vor der unseren sehr ähnlich. Ebenso bestimmte Wörter. Beliebte Beispiele sind: mâdar („Mutter“), pedar („Vater“), barâdar („Bruder“). Aber es gibt noch mehr. Eine kleine Tabelle finden Sie hier.

Ab dem 16. Jahrhundert breitete sich das Persische schließlich auch in Indien weiter aus. Nach und nach wurde es fast auf dem gesamten Subkontinent als Verwaltungs- und Literatursprache verwendet. Die meisten persischen Handschriften liegen deshalb in Indien. In Nordindien war das Persische durch muslimische Herrscher aus dem persischen Sprachraum bereits seit dem 11. Jahrhundert vertreten. Erst im 19. Jahrhundert wurde es durch die Kolonialsprache Englisch verdrängt.

Persisch wurde also über viele Jahrhunderte hinweg in großen Teilen Asiens als erste oder zweite Sprache gesprochen. Man verwendete es für Poesie und Prosaliteratur, Verwaltung und Diplomatie, Wissenschaft und Handel – wenn auch nicht immer und überall für alle Bereiche gleichzeitig.

Von diesem Erbe zeugt unter anderem die Feier des Nourûz-Festes in vielen Ländern des ehemaligen Verbreitungsgebietes des Persischen, der Persophonie. Sprachen wie das Osmanisch-Türkische und Urdu, die sich unter dem Einfluß der persischen Literatur- und Hofsprache entwickelt haben, enthielten und enthalten noch persische Elemente wie die ezâfe-Verbindung.

Auch an der aktuellen Verbreitung des Persischen sieht man aber zumindest in unvollständigen Umrissen, wie weit der persische Sprachraum reichte. Heute noch ist Persisch Erst- oder Zweitsprache (z.T. auch von Minderheiten) in:

  • Iran (als Fârsî)
  • Afghanistan (als Darî, neben Paschtu)
  • Tadschikistan (als Tâdschîkî)
  • Usbekistan
  • Pakistan
  • Aserbaidschan
  • Bahrain
  • dem Irak
  • Rußland

Allerdings wird nicht mehr überall das arabische Alphabet verwendet. In Tadschikistan schreibt man zum Beispiel kyrillisch.

Und damit es nicht gleich wieder zu Verwirrung kommt: Im Irak sind die Amtssprachen Arabisch und Kurdisch, in Pakistan Urdu und Englisch, in Bahrain ist es Arabisch. In Afghanistan wird das Darî neben dem Paschtu gesprochen, in Usbekistan ist die hauptsächliche Sprache Usbekisch (eine Turksprache), aber in bestimmten Städten auch das tadschikische Persisch verbreitet, in Aserbaidschan spricht man hauptsächlich Aserbaidschanisch (auch eine Turksprache).

Vielleicht mache ich demnächst mal eine Tabelle dazu, wo welche Sprachen gesprochen werden. Was meinen Sie, wäre das nützlich?

Literatur

Bert G. Fragner: Die “Persophonie”: Regionalität, Identität und Sprachkontakt in der Geschichte Asiens, Berlin: Das Arabische Buch, 1999.

Der arme gehörnte Mann – ‚Obeyd-e Zâkânîs Ehebruch-Witze (Teil 1)

Die vergangene Woche war auf eine Weise sehr produktiv, denn ich bin zum zweiten Mal Tante geworden. 🙂 Doch zum Schreiben bin ich wegen einer Menge unerfreulichen Verwaltungskrams kaum gekommen. Und weil ich am Wochenende auch die ganze Zeit unterwegs war, erzähle ich Ihnen dieses Mal nur einen Witz – wieder einmal leicht verspätet.

Immerhin hatte ich Ihnen für dieses Jahr mehr Humor versprochen und bin bisher noch kaum dazu gekommen, dieses Versprechen zu halten. Das liegt aber nicht nur daran, daß ich es nicht beim Witze-Erzählen belassen will und ein guter Humorbeitrag deshalb immer gleich ziemlich aufwendig wird.

Ich denke auch darüber nach, die wichtigsten Erkenntnisse aus meiner Doktorarbeit in ein unterhaltsames Buch zu verwandeln. Da möchte ich meine Spielwiese hier natürlich gern optimal nutzen und herausfinden, wie das funktionieren könnte. Auch das ist aufwendig, und deshalb muß ich mich immer zwingen, wie heute einfach mal ganz klein anzufangen.

Es gibt also einen Grund, warum ich gerade diesen Witz ausgewählt habe. Er ist nämlich Teil einer ganzen Serie von Witzen verschiedenen Typs, die ‚Obeyd-e Zâkânî zum Thema Ehebruch zum besten gibt. Ich bin der Meinung, daß uns ‚Obeyd durch die große Menge an Witzen zu diesem Thema in seiner Sammlung etwas mitteilen will. Außerdem denke ich, daß diese Mitteilung sich in sehr verbreitete Vorstellungen über Frauen, Familie und Ehe einfügen.

Das ist auch die Stelle, an der sich ‚Obeyds Witzesammlung und seine satirischen Texte mit der Zielrichtung persischer Erotikhandbücher aus Indien treffen, die ich im letzten Forschungsprojekt untersucht habe. Und nicht nur mit diesen.

Da ich diese Gedanken für einen Vortrag zusammenführen möchte, den ich bald halten soll, halte ich es für eine gute Gelegenheit, im ersten Schritt Sie, meine geschätzten Blogleser, an das Thema heranzuführen. Vielleicht entwickeln sich die Ideen dabei ja noch. Oder Sie sehen etwas, was mir noch gar nicht aufgefallen ist. Beim Bloggen kann man nie vorher wissen, was sich ergibt. 🙂

Sie bekommen also in den nächsten Wochen noch mehr zu diesem Thema zu lesen. Deshalb habe ich diesen Beitrag schon mal als „Teil 1“ markiert. Aber heute fangen wir ganz langsam mit einem kleinen, harmlosen Witz an. Hier ist er:

Mazîds Frau war schwanger. Sie schaute ihm ins Gesicht und sagte: „Wehe mir, wenn dir ähnelt, was in meinem Bauch ist!“ Da sagte er: „Wehe mir, wenn es mir nicht ähnelt!“ (S. 241, Nr. 18)

Ein iranischer ‚Obeyd-Forscher ist der Auffassung, daß der hier auftretende „Mazîd“ eigentlich eine bekanntere Witzfigur namens „Muzabbid“ ist. Das kann sein, weil eine solche Verschreibung nur durch die falsche Anzahl an Punkten unter einem der Buchstabenkörper entstanden sein kann.

Das Auftreten von Muzabbid erklärt möglicherweise auch den auf den ersten Blick auffälligsten Aspekt dieses Witzes: Der Mann beantwortet die Beleidigung seiner Frau (die ihn offensichtlich häßlich findet) nicht etwa mit einer Drohung, wie man sie hier erwarten könnte.

Er sagt also nicht: „Wehe DIR, wenn es mir nicht ähnelt!“ Dabei käme doch, wenn das Kind dem Vater nicht ähnelt, der Verdacht auf, daß es womöglich einen anderen Erzeuger hat, die Mutter also fremdgegangen ist. Trotzdem gibt Muzabbid/Mazîd nur kleinmütig zu, daß in diesem Fall er selbst der Gelackmeierte wäre.

Das läßt sich natürlich so verstehen, daß die Witzfigur Muzabbid/Mazîd nicht Manns genug ist, seine Frau in ihre Schranken zu weisen. Nicht nur, daß er sich von ihr als so häßlich beschimpfen läßt, daß sie sich wünscht, ihr Kind möge ihm nicht ähnlich sehen. Er setzt selbst noch eins drauf, indem er andeutet, daß er dann als gehörnter Ehemann mit einem Kuckuckskind zum Gespött würde. Und um alldem die Krone aufzusetzen, droht er seiner Frau für diesen Fall nicht einmal mit Konsequenzen.

Typisch an diesem Witz ist aber, daß überdeutlich wird, wie fatal ein offenkundig gewordener Ehebruch für den Ruf des Ehemannes war. Sogar der bloße Verdacht, ausgelöst etwa durch die mangelnde Ähnlichkeit eines Kindes mit dem juristischen Vater (dem Ehemann der Mutter), konnte ihm Spott und Häme einbringen.

In den Witzen ist der Hahnrei, der gehörnte Ehemann, in der Regel eine lächerliche Figur ohne ausreichende männliche Durchsetzungskraft. Hilflose Äußerungen wie die von Muzabbid/Mazîd in diesem Witz bilden daher oft die Pointe. Man lacht also über einen solchen Ehemann und empfindet bestenfalls Mitleid, wahrscheinlich aber eher Verachtung für ihn.

Daraus kann man auch schließen, was von einem „echten Mann“erwartet wurde, nämlich einem Ehemann, der keine lächerliche Figur abgeben wollte: Er hatte seine Frau so im Griff zu haben, daß Ehebruch gar nicht möglich wäre – und schon gar nicht ein Kuckuckskind.

Womöglich kann man all das an diesem einen Witz noch nicht leicht erkennen. Aber Sie werden in nächster Zeit noch andere Beispiele lesen und mehr darüber erfahren, was das meiner Ansicht nach über Männer- und Frauenbilder und die Vorstellungen über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern aussagt.

P.S.: Das ist übrigens einer der arabischen Witze aus ‚Obeyds Sammlung.

Quelle

Zâkânî, Nezâm od-Dîn ‘Obeydollâh: Kolliyyât-e ‘Obeyd-e Zâkânî šâmel-e qasâyed, ghazaliyât, qata’ât, robâ’iyyât, masnaviyyât. Moqâbele bâ noskhe-ye mosahhah-e Ostâd-e faqîd ‘Abbâs-e Eqbâl va tschand noskhe-ye dîgar. Šarh va ta’bîr va tardschome-ye loghât-o âyât-o ‘ebârât-e ‘arabî az Parvîz-e Atâbakî. Tschâp-e dovvom. Tehrân: Zavvâr, 1343 š./1964-5.

Hadschi Halef Omar auf Persisch

Wie im letzten Beitrag versprochen, erkläre ich Ihnen heute kurz, wie sich traditionelle arabische Namen im persischen Sprachraum verändert haben. Dort waren sie seit den Anfängen der Islamisierung nämlich genauso gebräuchlich wie im arabischen Sprachraum.

Nur ist das Persische eine indo-europäische Sprache und das Arabische eine semitische. Obwohl beide mit dem arabischen Alphabet geschrieben werden, sind sie daher nicht verwandt. Sie gehören zu unterschiedlichen Sprachfamilien. Das bemerkt man vor allem an der Grammatik.

Andererseits hat sich das Neupersische erst zur Literatursprache entwickelt, als das Arabische bereits im persischen Sprachraum Fuß gefaßt hatte und für die religiöse Literatur des Islam ebenso verwendet wurde wie als Wissenschaftssprache.

Schon deshalb ist es im Wortschatz vom Arabischen beeinflußt worden. Doch dieser Einfluß wurde erst zu einem späteren Zeitpunkt so stark, daß man heute wegen der vielen ähnlichen Wörter manchmal den Eindruck gewinnt, die Sprachen wären verwandt.

Da für das Persische zuvor keine befriedigende Schrift existierte, übernahm man nun das arabische Alphabet und paßte es mit der Zeit an einige Besonderheiten des Persischen an. So gibt es zum Beispiel im Hocharabischen zwar kein g, im Persischen aber schon.

Als eigene Sprache umfaßt das Persische natürlich auch eigene Formen von Wortverbindungen. Und da traditionelle arabische Namensketten aus Wortverbindungen bestehen, gibt es im Persischen natürlich Abweichungen. Auch in persischen Texten kommen die arabischen Namensketten zwar des öfteren genauso vor wie im Arabischen, aber nicht immer.

Die ezâfe-Verbindung

Im Persischen gibt es nämlich ein Verbindungselement zwischen Wörtern, das mehrere ganz unterschiedliche Funktionen übernehmen kann. Dieses Verbindungselement nennt man die ezâfe (wörtlich: „Hinzufügung“ oder „Verbindung“). Dieses Element besteht im frühen klassischen Persisch aus einem kurzen oder langen „i“ oder „yi“ (nach Vokalen) und wird heute als „e“ oder „ye“ gesprochen.

Auch im osmanischen Türkisch und im Urdu findet man solche ezâfe-Verbindungen, die aus dem Persischen übernommen wurden. Das ist eines der Erkennungsmerkmale der Persophonie. Man kann daran noch die starke Wirkung der persischen Sprache und der durch sie transportierten Kultur auf andere Sprachen in ihrem früheren Einflußbereich erkennen.

Die ezâfe kann also mehrere Funktionen übernehmen: Sie kann eine Genitivverbindung herstellen. Das ist eine Konstruktion wie „das Haus des Mannes“. Auf persisch: „châne (Haus)-ye (ezâfe) mard (Mann)“. Sie kann auch Attribute an ein Substantiv anreihen wie „gutes Essen“. Im Persischen wird „gut“ nachgestellt und eine Verbindung zwischen „Essen“ und „gut“ gesetzt: „ghazâ (Essen)-ye (ezâfe) chûb (gut)“. Sie kann aber auch in einer Namenskette das „ibn“ („Sohn des“) ersetzen.

Das sieht dann so aus: ‚Alî b. Hasan, also „‚Alî, Sohn des Hasan“, wird zu ‚Alî-ye Hasan. Die Bedeutung bleibt dieselbe. Nur daß man in vielen Fällen die ezâfe nicht sehen kann, weil ein kurzer Vokal in der arabischen Schrift in der Regel nicht dargestellt wird. Während man bei der arabischen Namensform also das „ibn“ gut erkennen kann, muß man sich bei der persischen Lesart die ezâfe dazu denken.

Arabisches Schriftbild: ‚Alî b. Hasan
علی بن حسن

Persisches Schriftbild: ‚Alî Hasan
علی حسن

Daraus kann sich dann ein Problem ergeben, wenn nicht klar ist, ob eine Person vielleicht doch zwei Vornamen hat oder ob es sich bei dem zweiten Vornamen um den Namen des Vaters handelt. Heißt der Mann in der persischen Variante nun ‚Alî-ye Hasan, also „‚Alî, Sohn des Hasan“, oder ‚Alî Hasan?

Das ist einer der Gründe, warum Islamwissenschaftler dazu tendieren, die Namen auch dann nach der arabischen Konvention wiederzugeben, wenn sie eine persische Quelle übersetzen, die mit der ezâfe arbeitet.

Ebenfalls mit der ezâfe angehängt wird übrigens die Herkunfts- oder Berufsbezeichnung am Ende des Namens. Das ist ja eine Art Attribut, das im Arabischen mit dem Artikel „al-“ eingeleitet wird (nicht immer, aber bei Namen schon). Im Persischen läßt man dann den arabischen Artikel weg und hängt stattdessen die ezâfe an den vorangehenden Namen. Ich bringe am Ende des Beitrags gleich noch ein Beispiel.

Manche frühe persische Autoren übersetzen übrigens auch das „ibn“ aus arabischen Namen ins Persische. Allerdings weniger innerhalb von Namensketten als vielmehr dann, wenn jemand unter dem Namensbestandteil „Ibn XY“ bekannt ist. Abo l-Fazl-e Beyhaqî zum Beispiel nennt den arabischen Dichter Ibn ar-Rûmî („Sohn des Rûmî“) regelmäßig „Pesar-e Rûmî“. Das persische Wort „pesar“ bedeutet „Sohn“.

In Namensketten verwendet er dagegen die ezâfe. So heißt der Wesir Ahmad b. Hasan al-Maimandî bei ihm grundsätzlich Ahmad-e Hasan. Der Nachfolger dieses Wesirs hieß übrigens auch Ahmad, allerdings hatte dessen Vater glücklicherweise einen anderen Vornamen. Statt Ahmad b. ‚Abd os-Samad nennt Beyhaqî ihn aber immer Ahmad-e ‚Abd os-Samad. Für Verwechslungen hat der identische Vorname bei manchen Forschern übrigens trotzdem gesorgt (woran man dann sehen kann, daß wir alle genötigt sind, viel zu schnell und zu oberflächlich zu lesen).

Veränderung der Aussprache

Eine zweite Besonderheit des Persischen ist, daß bestimmte arabische Laute hier nicht vorkommen. So gibt es verschiedene Dentallaute (d-Laute und dem englischen th ähnliche Laute), die im Persischen einfach als stimmhaftes „s“ gesprochen werden. Deshalb gibt es im Persischen ganz verschiedene Schreibweisen für gleich ausgesprochene Laute.

Bei den Vokalen hat sich die Aussprache erst mit der Zeit verändert. Ursprünglich gab es im frühen klassischen Persisch jeweils ein kurzes und ein langes „i“ und „u“ sowie ein langes „e“ und „o“. Die letzten beiden Laute kann man in arabischer Schrift nicht eindeutig wiedergeben. Das lange „e“ sieht genauso aus wie ein langes „i“ und das lange „o“ wie ein langes „u“. Dementsprechend war die ezâfe ursprünglich ein kurzes oder langes „i“, kein „e“.

Es gibt Grund zu der Annahme, daß sich das um die Zeit geändert hat, als die Mongolen die Herrschaft über den persischsprachigen Raum übernahmen, also ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Danach entwickelte sich die Aussprache zumindest in ungefähr dem geographischen Bereich, den der heutige Staat Iran umfaßt, zur heutigen Aussprache hin. Die kurzen „i“s und „u“s wurden nun durch „e“s und „o“s ersetzt. Das lange „e“ und „o“ verschwanden.

Dementsprechend wurden auch in der persischen Aussprache arabischer Wörter und Namen diese Laute verändert. Daher klingen arabische Namen heute auf persisch oft ganz anders als auf arabisch. Der arabische Name Ridâ zum Beispiel heißt heute auf persisch Rezâ. Kaum wiederzuerkenen, oder? 😉

Wenn wir uns also erneut meinen speziellen Freund, den Nezâm vornehmen, dann ergeben sich in der neueren persischen Aussprache und mit persischen Wortverbindungen folgende Veränderungen:

Arabisch: Nizâm al-Mulk Abû ‚Alî al-Hasan b. ‚Alî b. Ishâq at-Tûsî
نظام الملک ابو علی الحسن بن علی بن اسحاق الطوسی

Persisch: Nezâm ol-Molk Abû ‚Alî Hasan-e ‚Alî-ye Eshâq-e Tûsî
نظام الملک ابو علی حسن علی اسحاق طوسی

Zugegebenermaßen werden Sie so eine lange Namenskette in dieser Form selten sehen. Wenn doch, wird der Klarheit wegen gern trotzdem mit „ibn“ gearbeitet. Iraner lesen das aber ein wenig anders. Sie setzen dann nämlich oft hinter dem „ibn“ noch eine ezâfe ein. Also: Nezâm ol-Molk Abû ‚Alî (al-)Hasan ebn-e ‚Alî ebn-e Eshâq-e Tûsî oder ot-Tûsî.

Unser Hadschi Halef Omar würde also in persischer Lesart wahrscheinlich so klingen:

Hâdschdschî Chalaf ‚Omar ebn-e Hâdschdschî Abo l-‚Abbâs ebn-e Hâdschdschî Dâvûd-e Gossarah oder ol-Gossarah.

P.S.

Falls dieser Beitrag noch Fehler enthält, bitte ich das zu entschuldigen. Ich war ein bißchen spät dran und kam nicht mehr zum Korrekturlesen. Aber das werde ich sicher noch nachholen.

P.P.S.

Falls Sie auf der Suche nach Hinweisen zu modernen Namen hier gelandet sind, empfehle ich Ihnen diesen Beitrag. Vielleicht finden Sie dort, was Sie eigentlich gesucht haben.

Hadschi Halef Omar oder Wie traditionelle arabische Namen funktionieren

Vielleicht gehören Sie ja wie ich noch zur wahrscheinlich letzten Generation, die in ihrer Kindheit und Jugend Abenteuerromane von Karl May gelesen hat? Oder Sie kennen zumindest ein paar der (eher mäßigen) Verfilmungen?

Dann erinnern Sie sich bestimmt an den Helden der Orientromane: Kara ben Nemsi. Das soll so etwas wie „Karl, Sohn des Deutschen“ heißen (Karl May hat sich ja sehr mit seinen Helden identifiziert). Stimmt zwar nicht ganz, weil „Nimsâ“ nicht Deutschland ist, sondern Österreich, aber womöglich war ja der Sprachgebrauch Ende des 19. Jahrhunderts noch ein bißchen anders als heute. Ich habe es nicht nachgeprüft.

Dieser Held Kara ben Nemsi wurde jedenfalls von einem lustigen arabischen Gefährten namens Hadschi Halef Omar begleitet. Der wiederum hatte einen laaangen vollen Namen, den ich als Kind mit viel Vergnügen auswendig gelernt habe. Und zwar so gut, daß ich ihn jetzt noch aufsagen kann, ohne nachzuschlagen: Hadschi Halef Omar ben Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud al-Gossarah. (Vorhin habe ich auf diversen Websites gelesen, daß man sich durch Kenntnis dieses Namens als „echter“ Karl-May-Fan ausweisen kann – na, denn.)

Nun, egal, ob ich bei Ihnen jetzt Kindheitserinnerungen wachgerufen habe oder nicht: Diese Namensschlange beeindruckt sie doch bestimmt, oder? Die Frage ist nur: Haben Sie eine Ahnung, wie so ein langer Name zustande kommt? Wenn ja, wird es jetzt langweilig für Sie. 😉

Die verschiedenen Namensbestandteile

Da es in den arabischen Ländern bis vor nicht allzu langer Zeit keine Nachnamen gab, mußte man in dem recht häufigen Fall, daß zwei Menschen denselben Vornamen trugen, doch irgendwie zwischen ihnen unterscheiden können. Das tat man, indem man an ihren Eigennamen auch noch den des Vaters, manchmal auch den des Großvaters und weiterer Vorfahren anhängte. Ergänzt wurde das durch eine Herkunfts- oder Berufsbezeichnung am Ende des Namens.

Diese Herkunfts- oder Berufsbezeichnung enthält dann entweder den Namen eines Ortes, einer Region oder eines Stammes oder eben die Berufsbezeichnung (der Person oder eines Vorfahren) gefolgt von einem angehängten langen -î. In der Regel wird sie mit dem arabischen Artikel al- („der, die, das“) an den letzten Namen der Namenskette angefügt.

Beispiele dafür sind: „der aus Bagdad“ (al-Baghdâdî), „der vom Stamm der Kinda“ (al-Kindî) oder „der Grammatiker“ (an-Nahwî).

Es gibt aber noch mehr mögliche Namensbestandteile: Vor dem Vornamen steht häufig ein „Abû/Abu l-“ gefolgt von einem weiteren Vornamen. Das bedeutet „Vater von“. Zum Beispiel Abu l-Hasan („Vater von al-Hasan“) oder Abû Bakr („Vater von Bakr). Bis heute wird unter Arabern dieser Namensbestandteil gern als höfliche Anrede benutzt.

Allerdings wartete man bald nicht mehr ab, bis ein Mann seinen ersten Sohn bekam, um dessen Namen einzusetzen, sondern man gab bereits den Jungen passend erscheinende Namen dieses Typs. Das heißt aber nicht, daß ein Mann nicht den Namen seines ältesten Sohnes hier einsetzen könnte. Frauen werden ebenfalls gern als „Umm X“, also „Mutter des X“, angesprochen.

Schließlich kommt es gerade bei historischen Persönlichkeiten oft vor, daß sie auch noch einen Ehrentitel tragen. Solche Titel enden oft auf „ad-Daula“ („der Dynastie“), „ad-Dîn“ („der Religion“), „al-Mulk“ („des Reiches“) oder ähnlich. Beispiele sind: „Rukn ad-Dîn“ („Säule der Religion“), „Fachr ad-Daula“ („Stolz der Dynastie“) oder „Nizâm al-Mulk“ („Ordnung des Reiches“). Solche Ehrentitel wurden ursprünglich vom Kalifen verliehen und werden heute manchmal auch als Eigennamen verwendet. So zum Beispiel „Saif ad-Dîn“ („Schwert der Religion“), auf persisch Seyfeddîn, auf türkisch Seyfettin.

Zwischen dem Vornamen einer Person und den Namensbestandteilen seines Vaters steht ein „ibn“. Das bedeutet: „Sohn von“. Dieses „ibn“ verbindet auch den Namen des Vaters und den des Großvaters miteinander und so weiter. Als kurze Schreibweise hat sich in der deutschen Wissenschaft die Abkürzung „b.“ durchgesetzt. Bei Frauen wird natürlich nicht „ibn“ („Sohn“) verwendet, sondern „bint“ („Tochter“). Das wird mit „bt.“ abgekürzt.

Ein traditioneller arabischer Name – und solche Namen waren auch im persischen Sprachraum üblich – bestand daher aus folgenden Teilen:
(Ehrentitel) + »Vater des X« + Eigenname + »Sohn des Y« (evtl. weitergeführt mit »des Sohnes von Z, des Sohnes von…«) + Herkunfts-/Stammes-/Berufsbezeichnung mit der Endung -î

Wie paßt Hadschi Halef Omar in dieses Schema?

Doch was ist nun mit Karl Mays Hadschi Halef Omar? Wenn Sie sich seinen Namen gemerkt haben, wird Ihnen aufgefallen sein, daß hier das Schema nicht so richtig paßt. Schauen wir uns den Namen also nochmal genauer an:

Hadschi Halef Omar ist Karl Mays Schreibweise für Hâdschdschî Chalaf ‚Umar. Die Orientalisten haben sich erst nach seiner Zeit auf einheitliche wissenschaftliche Umschriftstandards geeinigt, also hat Karl May seine Schreibweise wahrscheinlich sogar einem Fachbuch entnommen. Aber weiter mit der Namensanalyse!

Hâdschdschî ist eine Ehrenbezeichnung für Leute, die nach Mekka gepilgert sind. Sie ist auch heute noch üblich. In Iran sagt man zu männlichen Mekkapilgern „Hâdschdsch Âqâ“ (ungefähr: „Herr Mekkapilger“) oder „Hâdschdschî“ und zu Frauen „Hâdschdsch Chânom“ (ungefähr: „Frau Mekkapilgerin“). Oft wird diese Bezeichnung aber auch unabhängig von einer tatsächlich stattgefundenen Pilgerfahrt einfach als höfliche Anrede für ältere Menschen verwendet.

Chalaf ist der Vorname unseres Hadschi Halef Omar. ‚Umar scheint hier so etwas wie ein zweiter Vorname zu sein. Das ist nicht so üblich wie in Deutschland, aber anders läßt es sich hier nicht interpretieren.

Damit wäre Hadschi Halef Omar geklärt. Gehen wir also weiter durch die Namenskette: „ben“ ist natürlich eine andere Schreibweise von „ibn“. Hadschi Abul Abbas ist Hâdschdschî, also wieder ein Mekkapilger, der „Vater von al-‚Abbâs“ (Abu l-‚Abbâs). Von Halefs Vater kennen wir also nicht den eigenen Vornamen, sondern nur den Namensbestandteil mit „Abû“. Da Halef in seiner Familiengeschichte nach meiner Erinnerung keinen Bruder namens al-‚Abbâs erwähnt, hat Halefs Vater diesen Namen wohl schon als Kind bekommen.

Als nächstes kommt wieder ein „ibn“, das den Namen des Großvaters einleitet. In so einer Namenskette wird beim Sprechen und auch beim Schreiben das „i“ von „ibn“ weggelassen. Deshalb benutzt Karl May einmal die Schreibweise „ben“ – das soll „bn“ oder „bin“ sein – und dann wieder die Schreibweise „ibn“. Ob er das nur des Klangs wegen getan hat oder weil ihm nicht bewußt war, daß es inkonsequent ist, weiß ich nicht. Rhythmischer ist Halefs Name so auf jeden Fall. Und damit leicht auswendig zu lernen. 😉

Dawud, manchmal auch Dawuhd geschrieben, ist Dâwûd, also die arabische Form des Namens David. So hieß Halefs Großvater, der natürlich auch wieder ein Hâdschdschî war.

Untypisch ist die Bezeichnung „al-Gossarah“, die diesem Großvater zugeordnet ist. Sie endet nicht auf „-î“ und ist offenbar keine Stammesbezeichnung, da Dâwûd al-Gossarah einem anderen Stamm angehörte. Außerdem bezieht sich die Herkunfts- oder Berufsbezeichnung am Ende der Namenskette in der Regel (auch) auf den Namensträger und nicht (nur) auf den letzten Vorfahren in der Kette wie hier. Ich habe auch echte Probleme herauszufinden, was dieses Wort überhaupt heißen soll.

Im Hocharabischen gibt es nämlich kein „g“. Doch im Ägyptischen spricht man das weiche „dsch“ als „g“ aus. Das wäre also der nächstliegende Verdächtige. Das einzige Wort, das ich gefunden habe und das irgendeinen Sinn ergeben könnte, wäre „dschasâra“. Das bedeutet „Mut, Kühnheit“ und dergleichen. Dann wäre „Dâwûd al-Gossarah“ so etwas wie „der David der Kühnheit“. Unter „gh“ und „k“ habe ich jedenfalls keine bessere Option gefunden. In jedem Fall ist diese Endbezeichnung sehr eigenartig.

Falls also jemand von Ihnen eine Idee hat, welches Wort gemeint sein könnte, immer her damit! Vielleicht muß ich mich doch mal damit beschäftigen, wie Karl May eigentlich an die Namen seiner Figuren gekommen ist …

Doch zurück zu Halef! Zusammengefaßt wäre sein Name folgendermaßen zu analysieren:
Hâdschdschî („Mekkapilger“, informeller Ehrentitel) Chalaf ‚Umar (Vornamen) ben („Sohn des“) Hâdschdschî (s.o.) Abu l-‚Abbâs („Vater des ‚Abbâs“) ibn („des Sohnes des“) Hâdschdschî (s.o.) Dâwûd (Vorname) al-Gossarah (?)

Auf arabisch (unter der Voraussetzung, daß „Gossarah“ eigentlich „Dschasâra“ ist):

حاجی خلف عمر بن حاجی ابو العباس بن حاجی داوود الجسارة

Jetzt nochmal nach den Regeln

Und damit Sie nicht frustriert sind, gebe ich Ihnen jetzt noch ein Beispiel, in dem alle Bestandteile regelentsprechend enthalten sind. Sie kennen die Person schon aus meiner Nezâm-ol-Molk-Serie. 🙂

Nizâm al-Mulk („die Ordnung des Reiches“, Ehrentitel) Abû ‚Alî („Vater des ‚Alî“) al-Hasan (Vorname) b. („Sohn des“) ‚Alî (Vorname) b. („Sohn des“) Ishâq (Vorname) at-Tûsî („aus Tûs“)

Auf arabisch:

نظام الملک ابو علی الحسن بن علی بن اسحاق الطوسی

Was das alles mit der „Persophonie“ zu tun hat? Wie ich schon sagte: Solche Namen waren seit der muslimischen Eroberung auch im persischen Sprachraum verbreitet. Nur daß man sie im Persischen anders ausspricht und sich in persischen Werken auch sonst noch ein paar Kleinigkeiten ändern. Aber das erkläre ich Ihnen besser im nächsten Beitrag.

Literatur

Den Aufbau traditioneller arabischer Namen und die Fachbegriffe für die einzelnen Teile finden Sie bei Interesse hier:

Gerhard Endreß: Der Islam: Eine Einführung in seine Geschichte. 2., überarb. Auflage. München: Beck, 1991. S. 175-179.

Neuigkeiten: „Das weinende Schreibrohr“ ist jetzt auch bei Amazon erhältlich!

— STICKY POST! —

*** DEN AKTUELLEN ARTIKEL FINDEN SIE UNTER DIESEM ***

Wie versprochen, habe ich in der letzten Woche immer mal bei Amazon reingeschaut und überprüft, ob mein Beyhaqî-E-Book dort schon im Kindle Shop zu finden ist. Gestern endlich habe ich es entdeckt. Klicken Sie einfach auf den Link in der Bildbeschriftung (KEIN Partnerlink ;-)) oder suchen Sie nach „Schreibrohr“ – so findet man das Buch bei Amazon am schnellsten.

Mein E-Book jetzt auch bei Amazon!

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Allerdings ist die kostenlose Leseprobe bei Epubli länger als die bei Amazon. Sie sieht auch besser aus – wahrscheinlich weil ich die Datei für die Darstellung als epub auf dem Sony Reader optimiert habe. Das ist nämlich mein Lesegerät. 🙂 Aber da können Sie das meiste ja sowieso auf Ihrem eigenen Gerät einstellen, wie Sie es haben wollen.

Um zu meinem E-Book auf Epubli zu kommen, klicken Sie einfach hier. Dort finden Sie übrigens auch Links zu anderen Shops wie die von Google, Apple und Weltbild – falls Sie dort angemeldet sind, aber nicht bei Epubli.

Falls Sie sowieso auf einem Android-Gerät lesen, können Sie das E-Book auch direkt über Googles Playstore unter „Bücher“ kaufen. Auch hier finden Sie es sofort, wenn Sie „Schreibrohr“ eingeben.

Für alle, die lieber auf Papier lesen: Das E-Book hat keinen Kopierschutz und läßt sich deshalb vom Computer aus ausdrucken! Ist zwar nicht so schön wie ein für den Druck gesetztes PDF. Aber besser so als gar nicht, oder? 😉

Soviel für heute von mir. Und für diejenigen, die sich nicht für Beyhaqî und sein Geschichtswerk interessieren: Keine Sorge, Sie bekommen ab jetzt auch wieder andere Themen zu lesen! 🙂

Ich experimentiere bei diesem Beitrag allerdings mit der Funktion „sticky post“, um ihn zusammen mit dem jeweils neuesten Beitrag auf der ersten Seite zu halten. Wie gut das bei diesem Theme und meinen aktuellen Einstellungen funktioniert, muß sich noch zeigen.

Endlich fertig! – „Das weinende Schreibrohr“ ist als E-Book erhältlich

EIGENTLICH wollte ich mein Beyhaqî-E-Book ja schon heute vor einer Woche ins weltweite Netz freilassen. Doch die Technik war dagegen. Jetzt ist es endlich geschafft, und nach einer Woche Verzögerung darf ich Ihnen den Link zum primären Shop präsentieren: Epubli. Ich habe Ihnen ja schon erzählt, daß das Buch als Verlags-PDF um die 20 € gekostet hätte (als Print ca. 25 €). Jetzt kostet es nur 4,99 €. 🙂

Natürlich können Sie das Buch auch bei anderen E-Book-Shops oder bei Amazon kaufen. Aber dann verdiene ich weniger daran. 😉 Außerdem ist es im Moment dort noch nicht online. Da ich keinen Kopierschutz (DRM) vorgesehen habe und Epubli nach eigener Aussage nur die Anzahl der Downloads beschränkt (ärgerlich genug), sollte es aber kein Problem sein, die Originaldatei (epub) ins Amazon-Format (mobi) umzuwandeln. Ein gut geeignetes kostenloses Programm dafür ist Calibre.

Oder Sie warten einfach, bis es bei Amazon verfügbar ist. Ich werde das natürlich hier melden, sobald ich es sehe. 🙂

Vom Abenteuer, eine epub-Datei zu erstellen

Warum sich die Publikation eine ganze Woche verzögert hat? – Ich erzähle es ihnen in Auszügen. Als ich letztes Wochenende alles schön für den Dateiexport formatiert hatte – vieles recht aufwendig von Hand – und der Text mit meinem teuer erworbenen professionellen Schreibprogramm ins epub-Format exportiert war, mußte ich feststellen, daß die Datei ein paar Schönheitsfehler hatte.

So war an einer Stelle fett formatierter Text nicht als Fettdruck exportiert worden, obwohl auf derselben Seite an anderer Stelle exakt dieselbe Formatierung korrekt übertragen war. Zumindest ist mir nicht aufgefallen, worin der Formatierungsunterschied bestanden hätte.

Doch der schwerste Fehler war, daß mein Coverbild weder auf meinem E-Reader noch in der E-Reader-App auf meinem Smartphone zu sehen war. Das Cover und die erste Seite des Buches waren einfach weiß.

Das konnte so natürlich nicht bleiben – schon gar nicht, nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, ein professionelles Cover mit der Abbildung echter Handschriftenseiten des Werkes erstellen zu lassen. Also kontaktierte ich den Support des Programms.

Nun ist dieser Support sehr freundlich und relativ schnell. Auf diesem Wege erfuhr ich, daß das Problem nicht allein in der Datei liegen konnte, sondern im Zusammenspiel von Datei und Readern. Auf einem anderen Reader wurde das Coverbild nämlich korrekt dargestellt (und in den Reader-Programmen auf meinem Computer auch). Offenbar basieren die Funktionalität meines E-Book-Readers und meiner Smartphone-Reader-App auf derselben Software. Beide sind aber recht verbreitet. Daher half mir diese neue Erkenntnis nicht viel weiter.

Ich bin mir zwar sicher, daß die Programmentwickler sich der Sache annehmen werden, aber darauf konnte ich nicht warten. Also habe ich nachgedacht und ein bißchen auf meinem Computer gestöbert. Dabei fand ich in meinem Linux Ubuntu ein Programm zum Editieren von E-Books. Damit kann man auf den HTML-Code zugreifen. Nur leider bin ich ein HTML-Idiot.

Deshalb konnte ich den wesentlichen Unterschied zwischen der Codierung meiner anderen E-Books, deren Cover in meinen Readern allesamt korrekt dargestellt werden, und meiner eigenen E-Book-Datei nicht herausfinden. Das HTML-Skript sah so komplett unterschiedlich aus, daß ich nicht wußte, welches Element ich wie hätte ändern müssen. Anders verhielt es sich mit dem Fettdruck-Problem: Das konnte ich einfach durch Kopieren der passenden Befehle aus der korrekt dargestellten Zeile im selben Format lösen.

Letzten Endes und nach mehreren mißglückten Versuchen kam ich auf den Gedanken, das Programm zu benutzen, um das Cover aus der Datei zu entfernen. Wie das im Schreibprogramm geht, nachdem man das Cover einmal festgelegt hat, habe ich nämlich noch nicht herausgefunden. Danach habe ich das Cover einfach in Calibre wieder hinzugefügt (mit der Einstellung „Seitenverhältnis beibehalten“, damit es später nicht verzerrt wird) und die Datei mit diesem Programm neu codiert.

Das wird zwar nicht empfohlen, weil Calibre anscheinend bei unsachgemäßer Handhabung (also bei Anfängern wie mir) Fehler in der Datei verursacht. Aber mir blieb nicht viel anderes übrig, und der von Epubli empfohlene Online-Check der Datei ergab keine Fehler. Leider mußte ich sie trotzdem noch einmal neu erstellen, weil Epubli nach dem Upload nicht den ganz am Ende durch „Umbenennen“ gewählten Dateinamen anzeigt, sondern den Namen, unter dem die Datei erstellt wurde.

Nachdem ich also gestern und heute mehrere Stunden investiert habe, ist nun endlich eine Datei fertig geworden, in der alle vorher festgestellten Fehler entfernt sind. Zumindest sieht es auf meinen beiden Reader-Programmen auf dem Computer und auf den beiden externen Geräten so aus. Ich bin also fertig damit. Fix und. Aber ich habe jede Menge gelernt und werde die Sache beim nächsten Buch gleich geschickter angehen.

Nun kann ich nur hoffen, daß die Datei bei Ihnen korrekt angezeigt wird. Beim Lesen von E-Books muß man allerdings wissen, daß der Leser auf seinem E-Reader von der Schriftart über den Block- oder Flattersatz bis hin zum Zeilenabstand und den Rändern fast alles selbst einstellen kann. Es ist daher praktisch unmöglich, eine Datei so zu erstellen, daß sie auf allen Readern immer gut aussieht.

Und warum eine epub-Datei bei Epubli?

Epubli und das epub-Format habe ich aus zwei Gründen ausgewählt:

1) Ich habe selbst KEINEN Kindle (und zwar mit Absicht) und lese deshalb gern epub-Dateien. Deshalb mag ich es bei selbstpublizierten Amazon-E-Books auch nicht, wenn sie einen Kopierschutz haben, denn dann darf man sie nicht umwandeln. Auf anderen Plattformen gibt es sie aber oft gar nicht. Das heißt dann, daß ich sie nur in der Amazon-App auf dem Smartphone oder Computer lesen kann. Und da die auf dem Smartphone eine Zeitlang immer abgestürzt ist …

2) Epubli tritt als Verlag auf. Das heißt zwar, daß sie das E-Book nur an die anderen Shops verteilen, wenn man für knapp 15 € eine ISBN kauft. Aber dafür muß man seine private Wohnadresse nicht ins Impressum schreiben, sondern kann Epubli als Verlag angeben. Das finde ich ganz angenehm.

Wie gut die Entscheidung für Epubli ist, wird die Zukunft zeigen. Ich bin jedenfalls gespannt. Jetzt wünsche ich Ihnen aber erstmal viel Spaß mit meinem E-Book, das Sie ja hoffentlich kaufen werden! 😉

Angaben zum Cover (Beitragsbild)

Coverdesign: Linda Woods

Fotograf des Hintergrundbildes: aopsan/Shutterstock.com

Abbildung der Handschrift (Handschrift Nr. 3865, Tārīḫ-e Beyhaqī, Malek-Bibliothek Teheran, S. 117-118) mit freundlicher Genehmigung der Malek-Bibliothek Teheran und der Malek-Stiftung Maschhad

Finale: Bo l-Fazl verstehen lernen

Wie ich sehe, steht es bei der Abstimmung 50:50 für Kapitel 5 und 6. Ich habe also eine Passage ausgesucht, die ich als Auszug für besonders geeignet halte. Da das Kapitel über Mas’ûds Entwicklung ohne die vorhergehenden Kapitel doch ein bißchen schwer verständlich sein könnte, habe ich mich für einen Auszug aus Kapitel 6 entschieden.

Vor dem Auszug habe ich ausführlich erläutert, worauf es vormodernen Geschichtsschreibern in der Regel besonders ankam und warum – und wie sich ihre Ziele von denen moderner Historiker unterscheiden. Nach dem Auszug gehe ich noch genauer auf die besondere Strömung der Geschichtsschreibung ein, zu der Bo l-Fazl gehörte, und wo er in dieser Strömung steht. Denn Sie erinnern sich: Sein Werk ist etwas Besonderes und unterscheidet sich daher auch in mehreren Punkten von den zu seiner Zeit vorherrschenden Trends.

Außerdem erfahren Sie am Ende des Kapitels noch etwas über den tieferen Sinn von Geschichtsschreibung und darüber, wer das Zielpublikum von Geschichtswerken wie der „Geschichte Mas’ûds“ gewesen sein dürfte.

Der Auszug ist heute ein bißchen länger als sonst, damit Sie einen besseren Einblick bekommen – vor allem, weil ich heute hoffentlich die E-Book-Datei fertigstellen werde und das Buch dann nächste Woche herauskommt. Allerdings macht mir die Formatierung (oder besser: Nicht-Formatierung) für E-Book-Dateien noch etwas zu schaffen. Wie Sie vielleicht sehen, habe ich die Umschrift schon vereinfacht. Momentan arbeite ich an den letzten Feinheiten der Datei. Sie bekommen auf jeden Fall Bescheid, sobald das E-Book erhältlich ist! 🙂 Aber jetzt erstmal viel Spaß bei der Lektüre!

Kapitel 6: Bo l-Fazl verstehen lernen: Was will vormoderne Geschichtsschreibung leisten?

[…] Geschichtsschreibung hatte also eine »Moral von der Geschicht’«, und auf diese kam es eigentlich an. Aus ihr konnte man Schlüsse ziehen und für die Gegenwart und Zukunft lernen. Und in einer solchen ethisch ausgerichteten Geschichtsschreibung waren Fakten eben nicht das, was als Hauptzweck vermittelt oder gar erst ermittelt werden sollte. Fakten an sich waren nicht interessant. Sie waren nur Rohmaterial, mit dem der Geschichtsschreiber etwas tun mußte. So konnte er sie zum Beispiel als Illustration einsetzen. Aus den geschilderten Ereignissen, den Fakten, ergab sich dann am Ende die Moral. Und aus dieser Moral ergab sich die Bedeutung der Fakten. Kurz gefaßt: Für den Geschichtsschreiber und für die Leser seines Werkes waren nicht die Fakten selbst interessant, sondern ihre Bedeutung für die Botschaft. Deshalb muß man damit rechnen, daß ein vormoderner Geschichtsschreiber die Fakten, die er mitteilte, nach ganz anderen Gesichtspunkten auswählte als ein moderner Historiker. Und es kann auch sein, daß er Fakten anders schilderte, als es ein moderner Historiker tun würde.

Zum Beispiel unterhaltsamer, mit viel mehr Anekdoten über bekannte Persönlichkeiten. Allerdings verwenden vormoderne Geschichtsschreiber oft Typisierungen. Dann erfahren wir durch eine Anekdote gerade nichts über eine bestimmte Person – zum Beispiel einen Herrscher –, über seine Vorlieben oder Schwächen oder seine Art zu denken und zu fühlen. Vielmehr verkörpert in solchen Anekdoten der handelnde Herrscher einen Typus, eine Art Schablone. Die Botschaft ist dann: Herrscher, die sich so verhalten oder diese Eigenschaften haben, denen wird dies oder jenes geschehen. Zum Beispiel: Ein Herrscher wie der gerechte Anûschîrvân wird lange herrschen, und sein Reich wird blühen.

Wenn man Geschichte so erzählt, dann liegt die Wahrheit eben nicht in korrekten Daten. Die Wahrheit liegt dahinter, in der Botschaft. Mit anderen Worten: Es ist nicht so wichtig, ob Anûschîrvân wirklich so ein Ausbund an Gerechtigkeit war und ob er sich in einer bestimmten Situation tatsächlich so oder anders verhalten hat. Wichtig ist, daß ein gerechter Herrscher ein erfolgreicher Herrscher ist. Diese Botschaft ist für den Geschichtsschreiber wahr, und sie will er vermitteln. Anûschîrvân als historische Person dagegen ist ihm möglicherweise weniger wichtig.

Doch für Bo l-Fazls Geschichtswerk trifft das nicht zu. Er teilt zwar immer wieder ganz ausdrücklich eine »Moral von der Geschicht’« mit, aber der Leser hat den Eindruck, daß es ihm sehr wohl auf korrekte Einzelheiten ankommt. Er nennt Namen, die in keinem anderen Geschichtswerk vorkommen. Er berichtet über die Familie und genaue Situation von Personen, die nicht zu den wichtigsten Persönlichkeiten seiner Zeit gehörten. Er bietet jede Menge Informationen über Einzelheiten am Hof, über Zeremonien und Feste und darüber, wie welche Entscheidungen getroffen wurden. Und er entschuldigt sich immer wieder dafür, daß er so ausschweifend erzählt. Aber er rechtfertigt sich damit, daß es nötig und ein Erfordernis der Geschichtsschreibung sei. So sagt er zu Beginn des Kapitels über Mas’ûds Handeln während der Herrschaft seines Bruders:

In anderen Geschichtswerken ist man nicht so in die Länge und Breite gegangen, denn man hat die Dinge zu leicht genommen und nicht mehr als einen Hauch erwähnt. Ich aber möchte, nachdem ich mir diese Arbeit vorgenommen habe, diesem Geschichtswerk vollauf gerecht werden und die Ecken und geheimen Winkel durchforschen, damit nichts von den Gegebenheiten verborgen bleibe.« (S. 11; Khalifeh-Soltani/Kurz 2006, S. 27; Bosworth, Übers., Bd. 1, S. 93)

Also mag Bo l-Fazl zwar eine Botschaft haben – oder womöglich mehrere –, aber er will auch möglichst viele korrekte Einzelheiten schildern. Deswegen sind die Gewährsleute auch so wichtig, denn sie liefern viele dieser Einzelheiten und bürgen dafür, daß sie richtig sind. Diese Eigenart von Bo l-Fazls Geschichtswerk hat mit seiner Vorstellung von der Wahrheit zu tun. Wie wir schon gesehen haben, ist er überzeugt, daß man die Wirklichkeit möglichst genau nachzeichnen muß, um die Wahrheit über die Ereignisse zu vermitteln. Und die Wirklichkeit ist komplex, nicht so einfach mit einem knappen Schema zu fassen. Deshalb führt Bo l-Fazl viele Informationen an: um die Wirklichkeit möglichst umfassend einzufangen – eine bewegliche, vielfältige, manchmal auch widersprüchliche Wirklichkeit.

Natürlich kann ihm das nicht gelingen. Niemandem gelingt das. Denn die Wirklichkeit ist schon zu komplex, um sie überhaupt umfassend wahrzunehmen. Bereits beim Hören, Sehen, Schmecken und Riechen sortieren wir, nehmen wir ausgewählte Dinge auf und blenden andere aus. Doch dazu kommen wir später noch. Wenn wir aber schon beim Wahrnehmen auswählen, dann tun wir es erst recht, wenn wir Geschehnisse für andere aufzeichnen. Alles kann man nicht aufschreiben, denn dann würde man nie fertig. Also schreibt man nur auf, was man wichtig findet. Und das ist bei jedem Menschen und in jeder Situation etwas anderes.

Doch bei einem Geschichtswerk wird das noch verstärkt. Denn ein Geschichtswerk, und ganz besonders ein vormodernes Geschichtswerk, will einen sinnvollen Zusammenhang herstellen. Selbstverständlich versuchen das auch moderne Historiker. Nur gab es in Bo l-Fazls Zeit eine besondere Form der Geschichtsschreibung, zu der auch sein Werk zählt. Man hat sie »rhetorisch-ethische« Geschichtsschreibung genannt. Sie zielt auf die kunstfertige Gestaltung einer sinnvoll zusammenhängenden Geschichte und will auf diesem Wege Botschaften über das rechte Verhalten vermitteln.

Wenn man aber in die vielen unübersehbaren und erst einmal nicht einzuschätzenden Ereignisse eines bestimmten Zeitraumes Ordnung bringen will, wenn man eine sinnvolle Geschichte mit einem Anfang und einem Ende daraus machen will, dann muß man die Fakten passend zu dem Sinn auswählen, den man mit der Geschichte stiften will. Denn aus den Fakten, die man auswählt, setzt sich die Geschichte zusammen. Und am Ende muß die Botschaft erkennbar werden.

Also wählt der Geschichtsschreiber noch stärker aus, als es durch seine Wahrnehmung und die seiner Gewährsleute ohnehin schon geschehen ist. Und er ordnet die Ereignisse so an, daß sie einen sinnvollen Zusammenhang ergeben. Dazu muß er hier etwas weglassen und dort etwas hinzusetzen – vielleicht eine Erläuterung, vielleicht eine Anekdote aus der früheren Vergangenheit. […]

Quelle

Beyhaqī, Ḫvāǧe Abū l-Fażl Moḥammad b. Ḥoseyn: Tārīḫ-e Beyhaqī. Hrsg. v. ʿAlī Akbar Fayyāż. Mašhad 1350 š/1971. S. 11.

Abu‘ l-Fażl Beyhaqi: The History of Beyhaqi: The History of Sultan Mas’ud of Ghazna, 1030-1041. 3 vols. Transl. with a historical, geographical, linguistic and cultural commentary and notes by C.E. Bosworth. Fully revised and with further commentary by Mohsen Ashtiany (= ILEX Foundation Series; 6). Cambridge, MA/London: Harvard University Press, 2011. Bd. 1. S. 93.

Khalifeh-Soltani, Iradj/Susanne Kurz: „Band 5 des Tārīḫ-e Beyhaqī in deutscher Übersetzung“. In: Spektrum Iran 3 (2006) 23-72. S. 23.

Angaben zum Cover (Beitragsbild)

Coverdesign: Linda Woods

Fotograf des Hintergrundbildes: aopsan/Shutterstock.com

Abbildung der Handschrift (Handschrift Nr. 3865, Tārīḫ-e Beyhaqī, Malek-Bibliothek Teheran, S. 117-118) mit freundlicher Genehmigung der Malek-Bibliothek Teheran und der Malek-Stiftung Maschhad

Leichensektionen im muslimischen Mittelalter – Erste Rechercheergebnisse

Neulich hat auf meinem Blog eine plötzliche Steigerung der Seitenaufrufe und Kommentare stattgefunden. Auslöser war ein neuer Leser, der sich durch eine Reihe von Beiträgen gearbeitet und diese auch gleich kommentiert hat. An einigen Stellen ergaben sich daraus fruchtbare kleine Diskussionen. Eine davon möchte ich hier aufgreifen: Die Frage nach dem Verbot von Leichensektionen im muslimischen Mittelalter.

Zunächst drehte sich die Diskussion um die Frage, ob die in der medizinischen Literatur beschriebenen Operationen, die wohl selten bis nie praktisch durchgeführt wurden, womöglich durch religiöse Verbote verhindert wurden. (Mehr zum ursprünglichen Thema finden Sie in diesem Beitrag.) Meines Wissens gab es dieses Problem jedoch nicht.

Dagegen hält sich hartnäckig die Auffassung, daß es im Mittelalter sowohl in der christlichen als auch in der islamischen Welt aus religiösen Gründen verboten gewesen sei, Leichen zu sezieren. Dadurch seien die anatomischen Kenntnisse jahrhundertelang nicht vorangekommen. Zur Verbreitung dieser Ansicht hat in letzter Zeit vor allem der „Medicus“-Film beigetragen, den ich bei Gelegenheit noch besprechen möchte.

Nun habe ich mich mit diesem Thema nie intensiv auseinandergesetzt, weil mich der Geschlechtsverkehr zwischen Lebenden mehr interessiert hat als die Frage nach dem angeblichen Verbot von Leichensektionen. 😉 Ich konnte mich aber daran erinnern, hierzu schon mal irgendwo etwas gelesen zu haben.

Erster Verdächtiger war das sehr empfehlenswerte Überblickswerk von Peter Pormann und Emilie Savage-Smith (s.u.). Also habe ich heute dort noch einmal nachgelesen. Wie von einem Überblickswerk von nur etwas über 200 Seiten nicht anders zu erwarten, fällt der diesbezügliche Absatz recht knapp aus. Dafür ist die Aussage umso eindeutiger:

Systematische anatomische Sektionen am Menschen waren ebenso wenig ein Bestreben der mittelalterlichen islamischen Gesellschaft wie im Christentum, obwohl aus den verfügbaren Belegen klar hervorgeht, daß es in keiner der beiden Gesellschaften rechtliche oder religiöse Einschränkungen gab, die sie verboten hätten. (Pormann/Savage-Smith, S. 60; deutsch von mir)

Das Studium der Anatomie sei von vielen Religionsgelehrten sogar gelobt worden, da man auf diesem Wege Gottes Weisheit in der Schöpfung aufzeigen konnte. Allerdings sei mit „Anatomie“ in den entsprechenden Zitaten nicht die Sektion von Lebewesen als Weg zur Erkenntnis der Körperstruktur gemeint, sondern die Ausarbeitung der Lehren Galens über Struktur und Funktion der Körperteile.

Wie es scheint, hat Emilie Savage-Smith auch einen eigenen Beitrag von über 40 Seiten Umfang zum Thema anatomische Sektionen verfaßt. Doch da mein Arbeitsschwerpunkt auf anderen Themen liegt, habe ich ihn im Moment nicht vorliegen. Vermutlich kann man dort aber eine ausführlichere Diskussion des Problems „Verbot von Leichensektionen“ nachlesen, die anscheinend zu dem oben zitierten Ergebnis geführt hat.

Gelegentlich werde ich mir diesen Aufsatz deshalb besorgen und dann berichten, welche neuen Einzelheiten ich herausgefunden habe. Bis dahin verbleibe ich ausnahmsweise autoritätshörig mit dem Verweis auf die oben zitierte Passage. 😉

P.S.: Für alle, die auf den nächsten E-Book-Auszug warten: Ich wollte meinen Lesern noch etwas Zeit lassen, an der Umfrage teilzunehmen. Von Mittwoch nacht bis Sonntag ist die Frist ein bißchen kurz bemessen, um ein ausreichend breites Meinungsbild einzuholen. Vergessen Sie also nicht, noch kurz abzustimmen! Hier geht’s lang: Umfrage.

Literatur

Peter E. Pormann/Emilie Savage-Smith: Medieval Islamic Medicine. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2007. S. 60.