„Taxi Teheran“ – Ein Film für Ausländer?

Letzte Woche hat mich eine Freundin eingeladen, mit ihr ins Kino zu gehen. Es lief nämlich einer der anspruchsvollen iranischen Filme, die auch im Ausland synchronisiert gezeigt werden.

„Taxi Teheran“ von Jafar Panahi gibt vor, der Regisseur habe sich als Taxifahrer verkleidet und eine Kamera auf der Ablage vor dem Beifahrersitz installiert. Diese Kamera ist die Hauptperspektive des Films. Sie zeigt mal auf die Straße, mal auf Panahi, mal auf die Fahrgäste auf dem Beifahrer- oder Rücksitz.

Hin und wieder wird diese Perspektive durch die einer tragbaren Kamera oder einer Handykamera ergänzt. Am Ende bleibt das Auto kurz unbeaufsichtigt stehen, und prompt wird es aufgebrochen und die Kamera geklaut. Die Diebe stecken sie ein, so daß der Bildschirm schwarz wird und man nur noch ein paar Momente den Ton hört.

Auf diese Weise entsteht der Eindruck, man erlebe einen Tag in einem Teheraner Taxi live mit. Man sieht Junge und Alte, Reiche und Arme, Männer und Frauen. Man erfährt einiges über Verbrechen und Gesetze, Politik und Unfälle, über die Auswirkungen von Verhör und Gefangenschaft, über religiöse Vorstellungen und das Filmemachen. Nebenbei werden weitere Informationen als Eindrücke transportiert.

Natürlich stimmt der Live-Eindruck nicht. Die Menschen sind Schauspieler, die Rollen sorgsam ausgewählt, die Dialoge gezielt mit Informationen und Botschaften aufgeladen. Außerdem werden nicht alle widerstreitenden Ansichten gezeigt. Befürworter der herrschenden Regierung sind nämlich nicht zu sehen. Aber auch die gibt es.

Meine Freundin war besonders beeindruckt davon, wie die nach unserer Auffassung ungeheuerlichsten Dinge beiläufig ins Gespräch geworfen werden. Wie ruhig und freundlich Panahi als Taxifahrer bleibt.

Ich fand vor allem die Szenen interessant, in denen ein Schulmädchen zum Filmprojekt ihrer Klasse erklärt, welche Kriterien ihre Lehrerin für einen „zeigbaren“ Film diktiert hat: Die Frauen müssen anständig verhüllt sein, die positiven männlichen Figuren sollten weder Krawatten tragen noch persische Namen. Besser seien islamische Namen, vor allem die der zwölf Imame. Körperkontakte zwischen Männern und Frauen seien zu vermeiden. Außerdem solle man die Wirklichkeit zeigen, aber nicht, wenn sie zu traurig oder sonstwie negativ wirke.

Der Film ist also nicht sehr unterhaltsam, aber aufschlußreich. Zumindest für Ausländer. Von einem iranischen Bekannten habe ich im Vorfeld gehört, daß er den Film so langweilig fand, daß er umgeschaltet hätte, wenn er ihn statt im Kino im Fernsehen gesehen hätte.

Das kann ich mir gut vorstellen, denn das Tempo des Films ist gemächlich. Dadurch entstehen gelegentlich Längen. Fand ich jedenfalls. Außerdem ist nichts Spektakuläres zu sehen. Wer schon unzählige Male in Teheran mit dem Taxi unterwegs war, wird vieles ziemlich langweilig finden, was dem Ausländer, der Iran selten oder nie besucht hat, interessant erscheinen mag. Der Film zeigt eben ganz normale Iraner beim Taxifahren. Wer mit den Ansichten der Regierung vertraut ist, lernt auch hier nichts Neues.

Deshalb habe ich mich gefragt, ob Jafar Panahi seine Filme wohl gezielt für ein ausländisches Publikum entwirft. Ich weiß es nicht, doch der Eindruck drängt sich auf. Es ist eine Art Gegenpropaganda. Einerseits bekommt man ein Gefühl dafür, wie die Menschen in Iran wirklich sind. Zumindest viele von ihnen gerade in den Großstädten. Andererseits zeigt der Film vieles, was als „unzeigbar“ gilt. Oder spricht es zumindest an.

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3 Kommentare

  1. Pingback: [Persophonie] “Taxi Teheran” – Ein Film für Ausländer? – #Iran

  2. Eine interessante Frage, die Du da stellst.. es ist wahrscheinlich so, dass „im Westen“ immer solche Filme im Mittelpunkt stehen, die sich kritisch mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen – dazu sind sicherlich ja auch Filmfestivals da..
    Den besprochenen Film habe ich bisher noch nicht ganz gesehen, aber viele Ausschnitte, die diesen authentischen, vielfältigen Eindruck der iranischen Gesellschaft bestätigen. Das soll ja auch die „Message“ sein, oder? In der Tat wäre es ein Gewinn und ein Verdienst Panahis, wenn einge / viele Menschen „im Westen“ feststellen, dass das vom Iran gezeichnete Bild aus „Nicht ohne meine Tochter“ nicht die Realität widerspiegelt.

    • Wobei der Film ja auch überaus kritisch ist. Und eben v.a. für Leute interessant, die Iran nicht oder nicht gut aus eigener Anschauung kennen. Dedhalb kam mir ja die Frage.

      Aber „Nicht ohne meine Tochter“ ist wüste und zudem noch in sich widersprüchliche Propaganda, wie ich bei der (erneuten) Lektüre des Buches vor einigen Jahren selbst festgestellt habe. (Bei der ersten Lektüre war ich sechzehn und hatte keine unabhängigen Informationen und v.a. noch keine eigenen Eindrücke.) Aber das ist ja mittlerweile auch analysiert worden und zum Glück schon so lange her, daß es kaum noch Thema ist.

      Es gibt übrigens auch eine Dokumentation mit Mahmoody, also dem „bösen“ Ehemann, die vor zehn bis fünfzehn Jahren mal im Fernsehen lief. Mal abgesehen von allem anderen, was man auch nicht wissen kann, wenn man nicht dabei war, bin ich aus allen Wolken gefallen, weil der Mann eher klein und unscheinbar ist. Wenn man da den bedrohlich wirkenden Alfred Molina aus dem Film im Kopf hat, könnte der Kontrast kaum größer sein. – Ah, ich sehe schon: Dazu muß ich auch mal einen Beitrag schreiben.

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