Mein Beyhaqî-E-Book: Weihnachts-/Yaldâ-Rabattaktion

Ehe ich Sie (voraussichtlich kommende Woche) mit der Diskussion über die Botschaft der Vierzeiler Omar Khayyams beglücke, möchte ich Sie heute auf meine Weihnachts-/Yaldâ-Rabattaktion hinweisen. Ab dem ersten Advent, also morgen (Sonntag, 29.11.15), können Sie mein Beyhaqî-E-Book statt für 4,99 € zum heruntergesetzten Rabattpreis von 2,99 € kaufen.

E-Book-Cover: Linda Woods; Shutterstock.com: aopsan; Malek-Bibliothek Teheran: Hs. Nr. 3865, Tārīḫ-e Beyhaqī, S. 117-118

Falls Sie also Interesse an dem Buch haben, Ihnen 4,99 € aber zuviel sind, haben Sie jetzt die einmalige Gelegenheit, fast den halben Preis zu sparen. Greifen Sie also zu! 😉 Unter diesem Link finden Sie auch eine ausführliche Leseprobe. Links zu anderen Shops finden Sie dort ebenfalls – oder in meinem „Sticky Post“ auf der Blog-Homepage. Es kann allerdings sein, daß der Rabattpreis in den anderen Shops erst bis zu drei Tage später verfügbar ist.

Obwohl Sie erkennen können, daß der leitende Gedanke für diese Rabattaktion die Vorweihnachtszeit war, nenne ich sie trotzdem die „Weihnachts-/Yaldâ-Rabattaktion“. Denn schab-e yaldâ, die „Nacht der Geburt“, oder schab-e tschelle, die „Nacht (zu Beginn) der (ersten) vierzig Tage (des Winters)“ ist die längste Nacht des Jahres, die Nacht der Wintersonnenwende.

Sie folgt dem 21. oder 22. Dezember und wirkte nicht nur in unseren Breiten furchterregend auf die Menschen, weil die Dunkelheit besonders lang dauerte. Da die Tage nach dieser Nacht wieder länger werden, galt sie wohl schon früh in der Menschheitsgeschichte und vor allem im Rahmen antiker Sonnenkulte als Wendepunkt hin zum Sieg der Sonne über die Dunkelheit. Aufgrund von Kalenderverschiebungen wurde sie jedoch oft erst um den 25. Dezember herum gefeiert.

Ob dieser Tag in der römischen Kaiserzeit (3. Jahrhundert) tatsächlich zum Festtag zur Geburt des Sonnengottes erklärt wurde, ist anscheinend ebenso unsicher wie die Frage, ob die Germanen zur Wintersonnenwende das Julfest feierten (s. hier).

Daher ist auch nicht geklärt, ob das Datum des Weihnachtsfestes als Geburtsfest Christi am 25. Dezember tatsächlich auf vorchristliche Wintersonnwendfeiern zurückgeht. Man hat die Wahl dieses Datums z.B. mit dem Geburtsfest des v.a. unter römischen Soldaten beliebten Sonnengottes Mithras in Verbindung gebracht (für diese und andere Thesen s. hier).

In jedem Fall liegen Weihnachten und schab-e yaldâ aber nahe beieinander. Man kann zwar Yaldâ in seiner Bedeutung nicht annähernd mit Weihnachten vergleichen – hier paßt der Vergleich mit dem Frühlingsfest Nourûz erheblich besser. Doch da Yaldâ nahe an Weihnachten liegt, nehme ich dies zum Anlaß, um eine Weihnachts-/Yaldâ-Rabattaktion durchzuführen.

Wenn Sie also Interesse an den Ghaznaviden haben oder an Geschichtsschreibung oder an den Menschen aus dem Afghanistan des 11. Jahrhunderts, dann nutzen Sie die Zeit bis zur Wintersonnenwende! 😉

Spaß beiseite: Sie haben Zeit bis zum 24.12., falls Sie mein E-Book zum Rabattpreis kaufen wollen. Wenn man es früher mit der Wintersonnenwende nicht so genau genommen hat, dann kommt es für uns auf ein paar Tage hin oder her auch nicht an. 🙂

Bildnachweis

E-Book-Cover: Linda Woods
Shutterstock.com: aopsan
Malek-Bibliothek Teheran: Hs. Nr. 3865, Tārīḫ-e Beyhaqī, S. 117-118.

Omar Khayyam: War er ein Dichter?

Das ist eine Frage, die sich die Khayyam-Forscher immer wieder gestellt haben. Und ich kann Ihnen jetzt schon sagen: Die Antworten sind nicht sonderlich befriedigend.

Seinen Landsleuten war Omar Khayyam (st. zw. 1124 u. 1129) nämlich über viele Jahrhunderte hinweg vor allem als Mathematiker, Astronom und Philosoph bekannt. Daß er auch Vierzeiler gedichtet haben soll, fand man im Vergleich zu seinen Leistungen in diesen Wissensfeldern weniger wichtig.

Immerhin war er ein Zeitgenosse des Seldschukensultans Malek-Schâh und seines Wesirs Nezâm ol-Molk (=> s. meine Nezâm-ol-Molk-Serie) und Mitglied des Gremiums, das den berühmten iranischen Dschalâlî-Kalender erstellt hat.

Dieser Kalender gilt als genauer als der Gregorianische Kalender, nach dem wir bis heute in Europa rechnen. Auch die heutige iranische Zeitrechnung nach Sonnenjahren beruht auf dem Dschalâlî-Kalender.

„Khayyam-Fieber“ im Westen

Erst als der englische Dichter Edward FitzGerald (31. März 1809-14. Juni 1883) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine „Übersetzungen“ von Khayyam zugeschriebenen Vierzeilern veröffentlichte, wurde ein breitere Öffentlichkeit auf diese Gedichte aufmerksam.

Anscheinend paßte FitzGeralds Interpretation der Verse gut in die Zeitstimmung. Seine relativ freie Nachdichtung trat nämlich einen Siegeszug durch Europa und Amerika an, der sich bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ausdehnte.

Allerorts bildeten sich „Omar-Khayyam-Gesellschaften“, die Sammlungen der Khayyam zugeschriebenen Vierzeiler in verschiedenen Sprachen herausgaben. FitzGeralds Nachdichtung erfuhr fünf Auflagen, die letzte posthum.

Unter den namhaften deutschen Übersetzern sind Adolf Friedrich Graf von Schack (2. August 1815-14. April 1894) und insbesondere Friedrich von Bodenstedt (22. April 1819-18. April 1892). Eine Liste zahlreicher weiterer Sprachen, in die man die Vierzeiler übersetzt hat, findet sich im zugehörigen Wikipedia-Artikel, der sich bezeichnenderweise in der englischen, nicht aber in der deutschen Wikipedia findet.

Nachdem Khayyam in der westlichen Welt und vor allem im angelsächsischen Sprachraum solcherart zur Berühmtheit aufgestiegen war, nahmen ihn schließlich auch seine iranischen Landsleute vermehrt als Dichter wahr und begannen ihrerseits mit der Herausgabe von – teils mehrsprachigen – Schmuckausgaben, wie sie heute noch in allen Formen und Farben in iranischen Buchhandlungen zum Kauf angeboten werden.

Forschungen zu Khayyam

Wer allerdings glaubt, daß die explosionsartige Verbreitung Khayyam zugeschriebener Verse in Europa und Amerika zu nachhaltigen und ergebnisreichen wissenschaftlichen Forschungen geführt hätte, wird enttäuscht.

Selbstverständlich wurden besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einige ernsthafte Studien betrieben und die Ergebnisse publiziert. Doch die Begeisterung flaute zumindest in der Wissenschaft recht schnell wieder ab. Sucht man heute nach Publikationen zu den Khayyam zugeschriebenen Vierzeilern, so stößt man in erster Linie auf Ausgaben und Übersetzungen.

Das mag unter anderem an den Interessen der damaligen Forscher gelegen haben und daran, daß ihre drängendsten Fragen ohne überzeugende Antwort blieben. So versuchten sich mehrere Forscher daran, die „echten“ Khayyam-Vierzeiler von denen zu trennen, die später unter dem bekannten Namen in Umlauf kamen.

Auch über die Interpretation der Inhalte herrscht bis heute keine Einigkeit. Doch dazu mehr im nächsten Khayyam-Beitrag. 😉

Wie steht es nun mit den „echten“ und den „falschen“ Khayyam-Vierzeilern? – Europäische und iranische Khayyam-Forscher, unter anderen Arthur Christensen, Christian Rempis, Sâdeq Hedâyat und ‚Alî-ye Daschtî haben sich viel Mühe gegeben, sie voneinander zu scheiden und Kriterien herauszuarbeiten, die man dazu verwenden kann.

Während die Europäer sich – wie üblich – philologisch-historisch abmühten, versuchten die Iraner inhaltliche und stilistische Merkmale ins Feld zu führen. Man verfolgte also die Verbreitung bestimmter Reimschemata in Vierzeilern aus unterschiedlichen Zeiten und sortierte Gedichte von geringerer Kunstfertigkeit aus.

Natürlich bemühten sich die Forscher auch, die Gedanken Khayyams zu ergründen. So richtig systematisch unter Einbeziehung von Khayyams philosophischen Schriften scheint das aber erst Mehdi Aminrazavi in seinem 2005 erschienen großen Khayyambuch getan zu haben (s. unten).

All diese Versuche sind nicht ohne Ergebnis geblieben. Im Kern liefen sie darauf hinaus, daß es viel weniger „Originalvierzeiler“ gibt, als man angesichts der teils sehr umfangreichen Sammlungen meinen sollte. In der Regel werden weniger als hundert oder wenig mehr als „echt“ gehandelt.

Ein unlösbares Problem

Das Grundproblem aber ist, daß die Vierzeiler erst lange nach Khayyams Tod in Erscheinung traten. So stammen die frühesten Zitate aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, also etwa 100 Jahre nach Khayyams Tod. Es gibt keine „Originalhandschrift“ und auch nichts, was so einer Handschrift nahekäme.

Für arabische Gedichte Khayyams gibt es allerdings einen früheren Beleg. Das spricht zumindest dafür, daß er sich überhaupt dichterisch betätigt hat. Dummerweise erwähnen aber die Zeitgenossen, die sich über Khayyam geäußert haben, nichts dergleichen.

Das kann alle möglichen Gründe haben, doch es wirft ein großes Forschungsproblem auf: Es gibt keinen zeitgenössischen Beleg dafür, daß Khayyam persische Vierzeiler gedichtet hat.

Manche Wissenschaftler haben deshalb grundsätzlich angezweifelt, daß es so etwas wie „echte“ Khayyam-Vierzeiler überhaupt gibt. Vermutlich ist die Aussichtslosigkeit, das Gegenteil zu beweisen, einer der Gründe dafür, daß die historisch-philologische Khayyam-Vierzeiler-Forschung in Europa praktisch eingestellt worden ist.

Ich persönlich halte es für sehr wahrscheinlich, daß es tatsächlich „Originalvierzeiler“ von Khayyam gibt oder gab. Nicht nur, weil er augenscheinlich arabisch gedichtet hat oder weil Dichtung in den islamischen Kulturen bis heute einen ganz anderen Stellenwert hat als in unserer und gebildete Menschen fast immer auch ein bißchen dichten.

Noch wichtiger finde ich die Frage: Wenn Khayyam nie persische Vierzeiler gedichtet hätte, wieso hätte man dann damit anfangen sollen, ihm solche Vierzeiler zuzuschreiben? Noch dazu Vierzeiler eines ganz bestimmten Stils. Wie hätten spätere Generationen auf diese Idee kommen sollen?

Das könnte man dann wirklich nur noch mit der „Mehrpersonentheorie“ erklären – also damit, daß es mehrere Khayyams gab, die später verwechselt oder zu einer Person zusammengefaßt wurden.

So oder so: Ich glaube nicht, daß man die „echten“, die ursprünglichen Vierzeiler Khayyams heute noch aus den tausenden von „unechten“ Vierzeilern wird herauslesen können. Wie auch? Wir wissen nicht, ob seine Vierzeiler überhaupt noch erhalten sind.

Selbst wenn wir es wüßten, könnten wir allenfalls das tun, was frühere Forscher schon getan haben: Die ungefähre Entstehungsepoche der erhaltenen Vierzeiler einkreisen und sie nach dichterischer Qualität und anderen Kriterien sortieren. Damit wäre aber noch längst nicht erwiesen, daß Khayyam die vermutlich aus seiner Zeit stammenden hochwertigen Vierzeiler tatsächlich verfaßt hat.

Oder doch kein so großes Problem?

Das macht diese Vierzeiler aber nicht weniger ansprechend. Mögen sie nun von Khayyam stammen oder nicht: Die ihm zugeschriebenen Vierzeiler behandeln zu einem Großteil ähnliche Themen mit typischen Metaphern und treffen Aussagen wie diese:

Von jenem Kreis, den unser Kommen und Gehen bildet,
ist weder Anfang noch Ende sichtbar.
Niemand in dieser Welt tut richtig kund,
woher dies Kommen und wohin das Gehen ist.
(Rempis, S. 88)

Ich denke, das versteht man ohne weitere Erklärungen. Allerdings vermittelt diese Prosaübersetzung den Charakter des Vierzeilers nur schlecht. Rempis hat zwar auch schöne Versübertragungen veröffentlicht, aber die habe ich gerade nicht zur Hand. Falls ich diesen Vierzeiler dort noch finde, trage ich ihn hier nach. 🙂

Vorläufig zitiere ich noch die Originalfassung in Umschrift, damit Sie eine Vorstellung vom Klang des Gedichtes bekommen:

Dour-î ke dar ân âmadan-o raftan-e mâ-st
Ân-râ na bedâyat na nehâyat peydâ-st
Kas mî-na-zanad dam-î dar în ma’nî râst
K-în âmadan az kodschâ vo raftan be kodschâ-st
(Daschtî, S. 321)

Typisch für die Überlieferung persischer Dichtung im allgemeinen und für die der Khayyam-Vierzeiler im besonderen ist übrigens, daß die von Rempis übersetzte Version im dritten Halbvers „in dieser Welt“ liest, während bei Daschtî „in dieser Hinsicht“ steht. Beides paßt aber gleichermaßen ins Versmaß.

Wenn sich an Khayyams Namen eine große Anzahl ähnlicher Vierzeiler geheftet hat, die einem ähnlichen Lebensgefühl Ausdruck verleihen, so ist dies ein Zeichen dafür, wie sehr dieser Typ Vierzeiler den Menschen persischer Zunge über viele Jahrhunderte hinweg aus dem Herzen gesprochen hat.

Die Khayyam zugeschriebenen Vierzeiler haben also einen eigenen Wert. Nicht nur als Kunstwerke, sondern auch als Dokumente der Weltanschauung vieler unbekannter Dichter, die Khayyams bekannten Namen gewählt haben, um sich hinter ihm zu verbergen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis ist auch Aminrazavi, der Verfasser des jüngsten Khayyam-Buches in einer europäischen Sprache gekommen. Er kommt zu dem Schluß, daß es zwar kaum möglich ist, mit Gewißheit zu dem „wirklichen historischen“ Khayyam vorzudringen. Dies sei aber auch nicht zwingend erforderlich, um die „Khayyamische Botschaft“ zu verstehen und die „Khayyamische Denkschule“ zu erfassen.

Mehr als eine Person ist Khayyam der Repräsentant einer Weltanschauung, die traditionell keinen prominenten Platz im religiösen Universum des Islam eingenommen hat. (…)

Daher schlage ich vor, daß wir mehr auf die „Khayyamische Denkschule“ fokussieren als auf Khayyam, den Menschen, und damit die Frage nach dem wirklichen Khayyam ebenso wie die nach der Authentizität seiner Gedichte etwas weniger relevant für die Botschaft der Denkschule machen, die Khayyam zugeschrieben wird. (…)

(S. 14)

Was die Botschaft dieser „Denkschule“ gewesen ist, erfordert allerdings einen eigenen Beitrag. Belassen wir es also für heute bei der Feststellung: Ja, Omar Khayyam war neben vielem anderen wohl auch ein Dichter. Aber wir werden wahrscheinlich nie wissen, welche Vierzeiler er tatsächlich gedichtet hat.

Literatur

Mehdi Aminrazavi: The Wine of Wisdom: The Life, Poetry and Philosophy of Omar Khayyam. Oxford: Oneworld Publications, 2005.

‚Alî-ye Daschtî: Dam-î bâ Khayyâm. 2. Aufl. o.O. [Tehrân]: Amîr-Kabîr, 1348 sch./1969.

Christian Rempis: Beiträge zur Khayyâm-Forschung. Nachdr. Nendeln: Kraus Reprint Ltd, 1966. [1937]. S. 87f.

Der arme gehörnte Mann – ‚Obeyd-e Zâkânîs Ehebruchwitze (Teil 6)

Heute lesen Sie die letzte Folge meiner Miniserie. Da die vorherige Folge schon ein Weilchen zurückliegt, fasse ich nochmal zusammen:

Beim Blick auf Beispieltexte aus den Bereichen Humor, Ethik und Medizin ist uns eine gewisse Angst der Männer vor dem Gehörntwerden aufgefallen. Frauen galten als weniger rational und deshalb für Männer schwer berechenbar. Natürlich ließ dieser wahrgenommene Mangel an Vernunft sie auch als unzuverlässig erscheinen.

Daher vermuteten Ehemänner in jedem fremden Mann eine Bedrohung, eine unwiderstehliche Versuchung für die Frau. Also galt es, seine Ehefrau von fremden Männern fernzuhalten – sogar von deren Anblick.

Dabei lag der Gedanke, die Frau könne ihren Ehemann von sich aus gernhaben und ihm freiwillig treu bleiben, offenbar nicht nahe. Bei Ehen, die selten aus einer Liebesbeziehung entstanden und meist von den Familien arrangiert wurden, ist das auch nicht erstaunlich. Der Mann hatte sich daher darum zu bemühen, sich die Ehefrau geneigt zu machen.

Zugleich durfte er nicht die Zügel schleifen lassen und sie nicht dazu ermutigen, Macht auszuüben. Denn man ging, wie es scheint, davon aus, daß Frauen dazu bei der kleinsten Nachlässigkeit sofort Neigung verspüren würden.

Frauen wurden also in gewisser Weise als regelrecht gefährlich empfunden und mußten deshalb sorgfältig und möglichst lückenlos kontrolliert werden.

‚Obeyd und die Ehe: Eine radikale Lösung

Vor dem Hintergrund dieses Frauenbildes verwundert es nicht mehr sonderlich, daß Männern die Aussicht auf eine Ehe nicht zwangsläufig rosig erschien.

‚Obeyd-e Zâkânî führt denn auch eine Reihe von „Ratschlägen“ und humoristischen „Definitionen“ an, in denen er dem Leser die Vorzüge des Junggesellentums und die Nachteile des Daseins als Ehemann und Familienvater vor Augen hält.

Dabei spielt allerdings auch die Erwägung eine wesentliche Rolle, daß eine Familie für den Mann eine schwere Belastung war. Schließlich hatte er sie zu ernähren, und das war schwierig und anstrengend.

Ich will mich hier aber auf wenige Beispiele mit einem Schwerpunkt auf dem Verhältnis zur Ehefrau beschränken:

Lehrt eure Ehefrauen den Umgang mit einem (künstlichen) Kâschî-
Penis oder einem aus Leder und dergleichen, damit sie nicht hinter eurem Rücken das Bedürfnis nach einem anderen verspüren, denn das Bedürfnis ist eine harte Sache! (S. 321, Nr. 58)

Der Ledige: Der der Welt ins Gesicht (w.: in den Bart) lacht. (S. 329, Fasl 9)

Der Zweigehörnte: Der zwei Frauen hat. (S. 329, Fasl 9)

Der Hahnrei: Ein alter Mann, der eine junge Frau hat. (S. 329, Fasl 9)

Die Erleichterung nach dem Drangsal: Das dreimalige Aussprechen der Scheidungsformel. (S. 329, Fasl 9)

Schon diese Handvoll Sätze enthält mehrere Anspielungen, die alle zu erklären hier zu weit führen würde. ‚Obeyd ist nämlich ein Künstler des knappen und beziehungsreichen Ausdrucks. Wirklich erklärungsbedürftig scheint mir nur das dreimalige Aussprechen der Scheidungsformel.

Nach islamischem Recht ist die Ehescheidung erst unumkehrbar, wenn der Ehemann die vorgeschriebene Scheidungsformel dreimal ausgesprochen hat. In diesem Fall ist eine erneute Heirat nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Allerdings ist diese Regelung nicht so gedacht, daß die Scheidungsformel dreimal unmittelbar nacheinander ausgesprochen wird. Trotzdem führt aber auch das zu einer gültigen Scheidung.

Ansonsten sprechen ‚Obeyds „Ratschlag“ und seine „Definitionen“ zwar für sich. Doch dabei ergibt sich wie üblich das Problem, daß man nicht ohne weiteres sagen kann, ob sie ironisch oder wörtlich zu verstehen sind.

Soll heißen: ‚Obeyd könnte den einen oder anderen Satz durchaus ernst gemeint haben, so daß allein die darin enthaltene Abweichung von der idealen Norm einen komischen Bruch erzeugt. Es ist aber genauso gut möglich und auch nicht unwahrscheinlich, daß er mit diesen pointierten Aussagen verbreitete Haltungen verspottet. Dann wären sie ironisch gemeint. In beiden Fällen wird aber deutlich, daß er hier ein Problem zur Sprache bringt.

Nach der üblichen Auffassung sind Ehe und Familie eine vorbildliche Lebensweise des Propheten Muhammad und damit jedem Muslim zu empfehlen. Hier wird jedoch die Auffassung ausgesprochen, daß das Eheleben eine Last für den Mann ist und ihn in die akute Gefahr bringt, von seiner Frau (oder gar seinen Frauen) gehörnt zu werden. Der einzig Glückliche ist vor einem solchen Hintergrund der ledige Mann.

Das entspricht nun überhaupt nicht dem islamischen Ideal. Ob ‚Obeyd damit aber sagen will, daß dieses Ideal an der Wirklichkeit vorbeigeht, oder ob er genau diese Auffassung verspotten will, läßt sich nicht so einfach entscheiden. In jedem Fall steht auf die eine oder andere Weise jedoch eine negative Sicht auf Ehe und Familie im Hintergrund, die mit dem Ideal in Konflikt steht.

Zwischen Ethik und Medizin: Die erotische Lösung

Man muß sich dieser negativen Sicht aber nicht anschließen, selbst wenn man die Furcht vor dem Gehörntwerden ernst nimmt. Eine unerwartete Lösung hierfür bieten die indo-persischen Erotikratgeber an, mit denen ich mich in den letzten Jahren hauptsächlich beschäftigt habe.

Ich möchte mich dabei auf einen Ratgeber beschränken. Allerdings liegt er in sehr vielen Handschriften vor, deren Inhalte zum Teil stark voneinander abweichen. Sehr wahrscheinlich gehen die meisten dieser Handschriften aber auf eine persische Übertragung eines ebenso vielfältig überlieferten Sanskritwerkes zurück. Diese persische Übertragung könnte aus dem 14. Jahrhundert stammen. Sicher wissen wir das aber nicht.

Die meisten erhaltenen Handschriften sind jedenfalls im 18. und 19. Jahrhundert entstanden, größtenteils in Indien, aber auch in Iran. Sie tragen fast immer den Titel der Übersetzung aus dem 14. Jahrhundert: „Die Lust der Frauen“.

Das klingt, als ob hier die Frau und ihr Lustgewinn beim Geschlechtsverkehr im Mittelpunkt stünden. In gewisser Weise stimmt das sogar. Allerdings gibt es handfeste Gründe, weshalb Männer Interesse daran haben sollten, Frauen mit sexueller Lust zu beglücken. Und an Männer richtet sich dieser Erotikratgeber hauptsächlich.

Schauen wir zunächst, was er den Lesern beibringen möchten:

  • Wie man Frauen Lust am Geschlechtsverkehr verschaffen kann,
  • wie Männer selbst mehr Genuß aus dem Geschlechtsverkehr ziehen können,
  • wie Männer Potenzprobleme überwinden und lang anhaltende, starke Erektionen hervorrufen können.

Das ist nicht alles, aber es sind einige der wichtigsten Punkte. Zwischen der Lust der Frauen und der Potenz der Männer besteht natürlich ein Zusammenhang, denn die männliche Potenz wird als Voraussetzung dafür angesehen, daß die Frau beim Sex Lust empfinden kann. Zugleich erweist sich durch diese Potenz – durch die „Macht“, Frauen zu befriedigen – die Männlichkeit des Mannes. Platt gesagt: Ein impotenter Mann ist kein richtiger Mann.

Aber der Ratgeber nennt noch einen anderen Grund dafür, daß der Mann der Frau Lust verschaffen soll. Dabei geht es nämlich nicht in erster Linie darum, der Frau etwas Gutes zu tun. Vielmehr kommt es unmittelbar wieder dem Mann zugute, wenn er die Frau virtuos befriedigen kann: Dann entbrennt sie nämlich in Liebe zu ihm, ja, kann ihm regelrecht hörig werden. Zumindest begehrt sie aber keinen anderen Mann mehr.

Das ist genau das, was Ehemänner ebenso wie Herrscher mit Harem am dringendsten brauchen: freiwillig treue Frauen, die sich dem Willen des Mannes widerspruchslos unterwerfen.

Die Passagen, die das am deutlichsten ausdrücken, findet man meist in der Einleitung des Ratgebers. Die eindeutigste Variante geht so:

Jeder, der die Voraussetzungen und Mittel aus diesem Buch erfährt, der wird auf jeden Fall aus diesem Wissen volle Kraft schöpfen und die Frau, die sich ihm nicht unterwirft, wird ihm gegenüber gehorsam und gefügig werden. (Fol. 3r)

Interessanterweise verbinden viele der Handschriften Erotiktechniken und Potenzrezepte mit Überlegungen, die erkennbar aus Ethikwerken wie dem von Nasîr ed-Dîn-e Tûsî entnommen wurden.

Fazit

Selbst Erotikratgeber nehmen sich also der Angst vor dem Gehörntwerden an und stimmen in den Chor des Mißtrauens gegen Frauen ein. Doch anders als in anderen Literaturgattungen wird hier ein „sanfter“ Weg beschritten, um Frauen unter Kontrolle zu bringen: Männer werden darin unterwiesen, wie sie Frauen befriedigen können. Liebe, Treue und Gehorsam folgen dann ganz von selbst.

Der „arme gehörnte Mann“ ist also keineswegs nur ein Thema von Witzen. Man machte sich zwar über Männer lustig, die ihre Frauen nicht unter Kontrolle hatten. Doch das scheint vor allem deshalb ein Witzthema gewesen zu sein, weil die Furcht davor, es könne einem selbst ähnlich ergehen, verbreitet war und tief saß.

Quellen

Zâkânî, Nezâm ed-Dîn ‚Obeydollâh: Kolliyyât-e ‚Obeyd-e Zâkânî/Collected Works. Ed. by Mohammad-Ja’far Mahjoub. New York: Bibliotheca Persica Press, 1999. (Madschmû’e-ye Motûn-e Fârsî; Selsele-ye Nou, Schomâre-ye 2/Persian Text Series; New Series, no. 2).

Persische Handschrift Nr. 5 in Det Kongelige Bibliotek (Danmarks Nationalbibliotek og Københavns Universitetsbibliotek), Kopenhagen.

Der arme gehörnte Mann – ‚Obeyd-e Zâkânîs Ehebruchwitze (Teil 5)

Eigentlich wollte ich meine Miniserie zum „armen gehörnten Mann“ ja mit dieser Folge abschließen. Dann habe ich festgestellt, daß einfach noch zuviel zu sagen ist. Dafür brauche ich zwei umfangreiche Folgen. Also habe ich sie aufgeteilt. Das hat den Nachteil, daß Sie in dieser Folge im Gegensatz zu dem, was der Titel verspricht, keine Witze von ‚Obeyd-e Zâkânî zu lesen bekommen. Dafür aber einen aus ‚Alî-ye Safîs Sammlung. In der nächsten Folge kehren wir aber zu ‚Obeyd zurück, versprochen! 🙂

Im letzten Teil dieser Miniserie haben Sie einiges über den Zusammenhang zwischen der Stoßrichtung von ‚Obeyd-e Zâkânîs Ehebruchwitzen und Gedanken aus anderen Literaturgattungen erfahren. Als Einstieg habe ich Nasîr ed-Dîn-e Tûsîs Darlegungen in seinem Ethikwerk gewählt, aus denen nach meiner Lesart eine tiefsitzende Furcht vor den Handlungsmöglichkeiten der (Ehe-)Frauen spricht. Ich finde, diese Furcht erklärt manches.

Dafür, daß ich Tûsî gewählt habe, gibt es einen bestimmten Grund: Bei meiner Arbeit an der Frage, welche Informationen man aus hauptsächlich persischen Witzsammlungen ableiten kann, ist mir nämlich etwas aufgefallen. Normative Ethikwerke und Witze scheinen sich in ihren Aussagen zu ergänzen. Wenn man sie nebeneinander legt, ist es, als würde man zwei Bruchstücke zu einer vollständigen Form verbinden. Ich möchte Ihnen das nur kurz an einem besonders auffälligen Beispiel vorführen.

Die Verschleierung der Frau als Zeichen der Wertschätzung

Um Tûsî nicht unrecht zu tun, muß ich an dieser Stelle nachschieben, daß er für den Umgang mit der Ehefrau selbstverständlich nicht nur disziplinierende Maßnahmen empfiehlt. Der Ehemann soll seine Frau auch gut behandeln, damit sie liebevolle Gefühle für ihn entwickelt.

Dazu gehört es, sich mit ihr über grundlegende Angelegenheiten des Haushalts zu beraten (solange das nicht dazu führt, daß sie ihm Befehle erteilen will) und ihr in der Haushaltsführung freie Hand zu lassen. Außerdem soll er eine gute Beziehung zu ihrer Familie aufrecht erhalten und ihr keine andere Frau vorziehen.

Ein Aspekt dieses aufmerksamen und wertschätzenden Verhaltens des Gatten ist der, daß er seine Frau von fremden Männern fernhält:

(…) Zweitens, daß er in ihrer Verhüllung und Abschirmung gegen Fremde gewaltigen Eifer an den Tag legt und es so einrichtet, daß ihr Aussehen, ihre Eigenschaften und ihre Stimme keinem Fremden zur Kenntnis gelangt. (S. 217)

Es mag Sie verwundern, daß Tûsî es als Zeichen der Güte des Ehemannes gegenüber seiner Frau betrachtet, wenn er darauf achtet, daß kein Fremder sie zu Gesicht (oder zu Gehör) bekommt. In unseren Augen sieht das ja eher nach einer Einschränkung aus.

Das ist übrigens auch dem englischen Übersetzer eines Folgewerkes in der Tûsî-Tradition aufgefallen. Ein gewisser W. F. Thompson vom bengalischen Civil Service hat sich im 19. Jahrhundert nämlich die Mühe gemacht, dieses spätere Ethikwerk aus dem Persischen ins Englische zu übertragen.

Eine ganze Menge englische Übersetzungen und Editionen von persischen Texten, die in Indien verbreitet waren, stammen wie diese noch aus der Kolonialzeit. Kolonialbeamte lernten mittels solcher Texte nämlich Persisch.

Der gute Thompson stellt also in Fußnote 10 auf Seite 265 fest:

Seltsamerweise wird die Abschirmung eher als Wertschätzung denn als Einschränkung verstanden; und zweifellos wäre, nachdem sie (die Abschirmung, SK) sich einmal eingebürgert hatte, ihre Vernachlässigung beleidigend. (…)

Interessanterweise ist es ein Witz, der uns die Richtigkeit genau dieser Überlegung bestätigt. Ausnahmsweise stammt er dieses Mal nicht von ‚Obeyd-e Zâkânî, sondern von ‚Alî-ye Safî:

Ein Zarîf heiratete eine äußerst häßliche Frau. Die Frau sagte: „Mann, du hast viele Brüder und Verwandte; bestimme, zu wem ich gehen und wem ich das Gesicht zeigen darf!“ Antwort: „Zeig dein Gesicht nicht mir und komm nicht zu mir, ansonsten geh, zu wem es dir beliebt, und zeig dein Gesicht, wem du willst!“ (S. 333)

Der Begriff „Zarîf“ läßt sich kaum mit einem Wort übersetzen. Oft wird er mit „Elegant“ übertragen und soll einen Mann bezeichnen, der sich im höfischen Milieu und der gehobenen Gesellschaft der Städte mit geschliffenen Umgangsformen zu bewegen wußte. In den Witzen, die ich untersucht habe, scheint „Zarîf“ aber eher einen Mann zu bezeichnen, der zu Scherzen aufgelegt, schlagfertig und nie um eine Pointe verlegen ist.

Auch in diesem Witz setzt der Zarîf eine Pointe, indem er die Frage seiner Frau so herumdreht, daß seine Antwort sie wegen ihrer Häßlichkeit beleidigt. Ob man das witzig finden muß, ist eine andere Frage. Was aber sehr deutlich wird, ist die Absicht der Beleidigung.

Die Frau geht selbstverständlich davon aus, daß ihr Mann nicht wünscht, daß sie jedem männlichen Verwandten ihr Gesicht zeigt. (Zu den zugrunde liegenden Regeln kommen wir ein anderes Mal.) Das gehört sich einfach so. Daher soll er ihr nun sagen, bei wem sie dies unterlassen soll.

Beleidigend ist die Antwort des Mannes aber nicht nur deshalb, weil er seine Ehefrau so häßlich findet, daß er selbst ihr Gesicht gar nicht ansehen will. Mit seiner Gleichgültigkeit zu der Frage, wem sie sonst ihr Gesicht zeigt, überbietet er das noch. Denn damit gibt er ihr zu verstehen, daß er nicht den leisesten Funken von Eifersucht bei der Vorstellung empfindet, andere Männer könnten sie ansehen. Das wiederum bedeutet, daß er sie so extrem reizlos findet, daß er sich nicht vorstellen kann, irgendein Mann wäre daran interessiert, mit ihr zu schlafen.

In einer Kultur, in der ein Mann und eine Frau nur allein in einem Raum sein müssen, um den Verdacht der Unzucht auf sich zu ziehen, ist das ein starkes Stück.

Frauen als Mängelwesen

Selbst wenn Tûsî Freundlichkeit und Güte gegenüber der Ehefrau empfiehlt, heißt das jedoch nicht, daß er sie für eine ebenbürtige Partnerin des Mannes hält. Vielmehr geht er von einer damals verbreiteten Grundannahme aus: Frauen mangle es an Verstand.

So soll man der Ehefrau vor allem deshalb keine andere Frau vorziehen, weil Frauen eine Veranlagung zur Eifersucht und einen Mangel an Verstand hätten. Beides zusammengenommen veranlasse sie zu häßlichen Handlungen mit üblen Folgen für den Haushalt (S. 218).

Diese Auffassung über Frauen als Mängelwesen ist übrigens nicht nur religiös begründet, sondern in noch viel umfassenderer Weise medizinisch. Im Rahmen der Säftelehre, die nicht nur im mittelalterlichen Europa, sondern auch in der islamischen Welt verbreitet war, stufte man das Temperament der Frauen nämlich im Vergleich zu dem der Männer als kalt und feucht ein.

Das hatte nicht nur zur Folge, daß man die weiblichen Geschlechtsorgane als weniger ausgereift betrachtete als die der Männer. Auch „Kräfte“ wie die für das Fühlen, Denken und zielgerichtete Handeln zuständige sind weniger stark ausgeprägt. Folglich sind diese Tätigkeiten bei Frauen grundsätzlich mangelhaft. Genauer habe ich das schon einmal in diesem Beitrag zur Medizingeschichte erklärt.

Letztlich ist also die körperliche Konstitution der Frauen so eingerichtet, daß man ihnen einfach nicht zutrauen kann, sich so verantwortungsvoll zu verhalten wie ein Mann. Deshalb muß der Mann peinlichst darauf achten, seine Vormachtstellung gegenüber der Frau nicht preiszugeben. Denn wenn die Frau das Zepter in die Hand bekommt, dann herrscht das Chaos ihrer irrationalen und ungezähmten Begierden.

Quellen

Davânî, Dschalâl ed-Dîn Mohammad b. As’ad: Achlâq-e Dschalâlî [Lavâme‘
ol-aschrâq fî makârem ol-achlâq]. Englische Übersetzung von W. F. Thompson: Practical philosophy of the Muhammadan people: exhibited in its professed connexion with the European … being a translation from the Akhlâk-i Jalâly …. London: Oriental Translation Fund of Great Britain and Ireland, 1839.

Safî, Fachr ed-Dîn ‘Alî b. Hoseyn Vâ’ez-e Kâschefî: Latâ’ef ot-tavâ’ef. Hrsg. v. Ahmad-e Goltschîn-e Ma’ânî. 4. Aufl. Tehrân: Eqbâl, 1362 sch./1983.

Tûsî, Châdsche Nasîr ed-Dîn: Achlâq-e Nâserî. Be tanqîh-o tashîh-e Modschtabâ Mînovî u. ‚Alî-Rezâ Heydarî. Tschâp-e avval. Tehrân: Scherkat-e Sahâmî-ye Enteschârât, 2536 šš./1356 š./1978.

Zum Todestag des Nezâm

Liebe Blogleser,

vielleicht finden Sie es ein bißchen langweilig, aber ich möchte Sie heute ausnahmsweise einmal auf einen älteren Blogbeitrag verweisen. Heute ist nämlich der 923. Todestag des Seldschukenwesirs Nezâm ol-Molk (arabisch: Nizâm al-Mulk).

Er war einer der berühmtesten Wesire der islamischen Geschichte und fast dreißig Jahre lang im Amt. Das ist ein selten erreichter Rekord. Sein Ehrentitel Nezâm ol-Molk, „Die Ordnung des Reiches“, wurde in Indien zu einem Herrschertitel (etwa: „der Nizam von Hyderabad“). Am 14. Oktober 1092 wurde der Nezâm ermordet.

Im vergangenen Jahr habe ich dem Nezâm, mit dem ich mich schon vor meiner Studienzeit beschäftigt habe, eine längere Serie auf diesem Blog gewidmet. Aus gegebenem Anlaß verweise ich Sie daher heute auf die 9. Folge über den Tod des Nezâm ol-Molk. Hier erfahren Sie mehr über den Mord, die Hintergründe und die kriminalistischen Anstrengungen der Forscher.

Ursprünglich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, zu diesem Anlaß ein kleines E-Book mit der Serie aus dem Blog und ein oder zwei Extras zu publizieren. Doch die Idee kam mir ein bißchen zu spät, so daß sie sich nicht rechtzeitig realisieren ließ. Schreiben Sie mir doch mal, ob Sie so ein E-Book gerne hätten!

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Cover: Linda Woods, Hintergrundbild: aopsan/Shutterstock.com, Handschrift: Nr. 3865, Tārīḫ-e Beyhaqī, Malek-Bibliothek Teheran, S. 117-118

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Der arme gehörnte Mann – ‚Obeyd-e Zâkânîs Ehebruchwitze (Teil 4)

Wie in der letzten Folge angedeutet, machen sich arabische und persische Ehebruchwitze nicht nur über die gehörnten Ehemänner lustig. Sie spiegeln außerdem Ängste wider, die sich auch in anderen Texten finden lassen. Selbstverständlich wollte niemand eine so lächerliche Figur abgeben wie die gehörnten Ehemänner in den Witzen.

Die Angst vor dem Gehörntwerden

In einem weiteren humoristischen Werk des ‚Obeyd-e Zâkânî, den „Hundert Ratschlägen“ (sad pand), zeigt ein tief ironischer Ratschlag das Ausmaß, das die Furcht vor dem Gehörntwerden annehmen konnte:

Schämt euch nicht, weil ihr gehörnt werdet, dann könnt ihr am Tag ohne Kummer und in der Nacht ohne Sorge leben! (Zâkânî, S. 320, Nr. 49)

Wenn ein Mann allen Kummer und alle Sorge loswerden kann, indem er die Scham über den Ehebruch seiner Frau(en) ablegt, dann müssen dieser Kummer und diese Sorge wirklich beherrschend sein!

Natürlich ist das, wie in humoristischen Texten üblich, eine Übertreibung. Doch einen wahren Kern hat dieser Ratschlag. Auch das kommt häufig vor. Man findet diesen wahren Kern schnell, wenn man ein wenig in anderen Literaturgattungen herumliest.

Eine andere Quelle: Ethikliteratur auf persisch

Besonders eindrücklich finde ich Aussagen aus der persischen Ethikliteratur. Es handelt sich dabei um Werke, die aus der philosophischen Tradition stammen. Hier wurden zunächst griechische Werke des Platon und Aristoteles verarbeitet, mit islamischen Vorstellungen harmonisiert und auf arabisch in eine neue Form gegossen.

Die persischen Texte nahmen dann nach und nach immer mehr Elemente aus der Fürstenspiegelliteratur und der Schönen Literatur auf. Außerdem wurden religiöse Quellen wie der Koran und die Prophetentradition stärker bemüht. Noch ziemlich am Anfang der persischen Entwicklung steht ein philosophisches Ethikwerk des bekannten Universalgelehrten Nasîr ed-Dîn-e Tûsî (st. 1274): „Die Nâser-Ethik“ (achlâq-e nâserî), die übrigens nicht nach dem Verfasser benannt ist, sondern nach dem Patron.

Nasîr ed-Dîn-e Tûsî und die Angst vor den Frauen

Um zum Punkt zu kommen: In Tûsîs Ethik findet man im Kapitel über die Führung eines Haushalts auch Passagen über den Umgang mit Frauen und die Erziehung von Töchtern. Als ich sie zum ersten Mal gelesen habe, hatte ich spontan den Eindruck, daß nackte Angst um die Vormachtstellung der Männer aus den Zeilen spricht. Bis heute hat sich dieser Eindruck bei mir gehalten. Aber machen Sie sich selbst ein Bild!

Nachdem Tûsî ausführlich erklärt hat, welche Merkmale eine geeignete Ehefrau aufweisen sollte, fügt er hinzu, was den Mann auf keinen Fall zur Ehe mit einer Frau veranlassen soll. Dazu gehört unter anderem ein nennenswertes Vermögen der Frau:

Ebenso soll der Besitz der Frau nicht dazu führen, daß man sie begehrt, denn der Besitz der Frauen bedingt bei ihnen, daß sie die Oberhand gewinnen und beherrschend werden und andere in Dienst nehmen wollen und überlegen sind, und wenn der Mann den Besitz der Frau verwendet, wird er für sie auf der Stufe eines Dieners und Gehilfen stehen. Sie wird ihm dann kein Gewicht mehr beimessen und ihn nicht mehr hochschätzen. (S. 216)

Hier wird schon deutlich, daß Tûsî die selbstverständlich als natürliche Ordnung der Dinge vorausgesetzte Herrschaft des Mannes über seine Ehefrau keineswegs als fest und sicher betrachtet. Schon die Wahl einer wohlhabenden Frau bringt den Mann in akute Gefahr, die Macht in der Ehe zu verlieren.

Dazu muß man wissen, daß nach islamischem Recht der Mann dazu verpflichtet ist, für das Auskommen der gesamten Familie aufzukommen. Dagegen darf die Frau ihr Geld für sich selbst behalten – auch wenn man von ihr erwartete, daß sie in Notzeiten nicht darauf bestand. Daraus, daß der Mann die Familie allein zu versorgen hat, ist auch unmißverständlich seine Vorrang- und Herrschaftsstellung in der Familie abgeleitet.

Deshalb ist der Verlust des Alleinversorgerstatus tatsächlich eine ernste Bedrohung der Vormachtstellung des Mannes innerhalb der Familie. Heutzutage hat man zwar den Eindruck, daß nicht wenige muslimische Männer diesen Zusammenhang nicht kennen oder bewußt vergessen. Tûsîs Warnung davor, eine Ehefrau zu nehmen, die wohlhabender ist als der Mann, ist vor diesem Hintergrund aber durchaus begründet.

Hat man einmal passend geheiratet, so ist die Sache jedoch noch lange nicht ausgestanden. Auch der Umgang mit der Ehefrau will gelernt und wohlbedacht sein. So muß der Ehemann unter anderem darauf achten, daß er seiner Ehefrau Respekt einflößt:

Das ist der wichtigste Grundsatz im Umgang mit der Ehefrau, denn wenn es bei diesem Grundsatz zu Mängeln kommt, so eröffnet sich der Frau ein Weg zum Verfolgen ihrer eigenen Launen und Wünsche. Damit wird sie sich nicht begnügen, sondern sie wird sich den Ehemann unterwerfen und ihn zum Mittel der Erfüllung ihrer Wünsche machen. Durch seine Unterwerfung und dadurch, daß sie ihn sich zum Diener macht, wird sie ihre Ziele erreichen. Also wird der Befehlshaber zum Befehlsempfänger und diejenige, die gehorchen soll, zu derjenigen, der man gehorcht (…). Das Ende dieses Zustands ist Tadel, Schmach und Schande für beide. (S. 217)

Hier geht es also schon wieder darum, den Mann vor Machtverlust innerhalb der Ehe zu bewahren. Durch diese Ratschläge zieht sich ein Faden der Furcht davor, daß die Frau ihrem Ehemann die Zügel aus der Hand nehmen und ihn unterwerfen könnte. Da dies nicht geschehen darf, muß er sich sogar vor allzu großer Zuneigung zu seiner Frau hüten:

(Der Ehemann soll sich hüten) Vor allzu großer Liebe zur Frau, denn dadurch gewinnt die Frau notwendigerweise die Oberhand, und er muß ihre Launen über das Wohl seiner Angelegenheiten stellen. Wenn er aber von der Prüfung der Liebe zu ihr befallen wird, so soll er es vor ihr verbergen und es so einrichten, daß sie es auf keinen Fall merkt. (S. 219)

Sogar die Liebe zur Ehefrau ist also eine Schwäche, die der Ehemann besser vermeiden sollte, will er nicht untergebuttert werden. Falls Sie bisher den Eindruck gewonnen haben, daß Tûsî Ehefrauen für brandgefährlich hält, so wird es Sie sicher nicht erstaunen, daß er es außerdem für notwendig hält, die Frau ständig beschäftigt zu halten. Anderenfalls kommt sie nämlich auf falsche Gedanken:

Wenn also die Frau von der Haushaltsführung und der Kindererziehung und der Überprüfung der Angelegenheiten der Diener frei ist, so wendet sich ihr Eifer Dingen zu, die zu Mängeln im Haushalt führen. Sie fängt an, sich damit zu beschäftigen auszugehen, sich zum Ausgehen zu schmücken, zu Spektakeln zu gehen und fremde Männer anzuschauen, so daß nicht nur die Angelegenheiten des Haushalts vernachlässigt werden, sondern auch dem Ehemann in ihren Augen keine Hochachtung und kein Respekt mehr zukommen. Vielmehr wird sie ihn, wenn sie andere Männer sieht, als armselig und minderwertig betrachten und sowohl mutig werden, was die Durchführung übler Handlungen angeht, als auch begehrliche Männer dazu ermutigen, ihr hinterherzusteigen (…). (S. 218)

Mich hat an dieser Passage immer fasziniert, wie selbstverständlich Tûsî davon ausgeht, daß der Anblick fremder Männer die Ehefrau automatisch dazu bringt, ihren Ehemann gering zu schätzen. Auf die Idee, sie könnte beim Anblick fremder Männer vielleicht heilfroh über den Ehemann sein, den sie abbekommen hat, scheint er überhaupt nicht zu kommen.

Da fragt man sich schon, ob das lediglich heißen soll, daß verbotene Früchte immer süßer schmecken. Oder ob hier nicht auch eine Art kollektiver Minderwertigkeitskomplex der Ehemänner zum Vorschein kommt, die sich im Vergleich mit jedem anderen Mann von vornherein unzulänglich fühlen.

In jedem Fall dürfte anhand dieser Zitate klar geworden sein, daß Männer ihre Herrschaft über die eigene Ehefrau nicht für unerschütterlich gehalten haben dürften und auch nicht glaubten, sich auf deren Treue und Gehorsam verlassen zu können.

Vielmehr lebten diese Männer in einer Welt, in der sie zwar einerseits für jedes Fehlverhalten ihrer Frauen und weiblichen Angehörigen mit schlimmster Verachtung gestraft wurden und sich sofort lächerlich machten, wenn sie den geringsten Zweifel an ihrer Durchsetzungsfähigkeit aufkommen ließen. Andererseits war ihnen aber klar, daß Frauen mit einem eigenen Willen ausgestattet sind und man sie nicht problemlos zu Wohlverhalten zwingen kann. Stattdessen mußten die Männer geschickt und vorsichtig vorgehen und durften auch zuhause keine Blöße zeigen.

Man könnte fast Mitleid mit diesen armen Männern bekommen, wenn sie nicht in ihrer Angst vor Schimpf und Schande allerlei unwürdige Maßnahmen erfunden hätten, um Frauen unter Kontrolle zu halten. Was Tûsî zur Erziehung von Mädchen zu sagen hat, ist nur ein Beispiel dafür:

Man muß sie dazu erziehen, im Haus zu bleiben, und zur Absonderung von den Männern, zur Bescheidenheit, Keuschheit und Schamhaftigkeit sowie zu den anderen Charaktereigenschaften, die wir bezüglich der Frauen aufgezählt haben, und man soll sie vom Lesen und Schreiben abhalten, (…). (S. 229)

Bildung nämlich ist Macht, und die darf man als Mann auf keinen Fall in die Hand von Frauen geben. So jedenfalls würde ich Tûsîs Ausführungen zum Umgang mit Frauen zusammenfassen. Daß sich auch bei diesem Frauenbild noch andere Lösungen anboten, will ich Ihnen in der nächsten und wahrscheinlich letzten Folge dieser Mini-Serie vorführen.

P.S.

Die deutschen Übersetzungen aus Tûsîs Ethikwerk sind von mir. Nageln Sie mich aber bitte nicht auf einzelne Wörter fest. Tûsîs Vokabular hat es in sich, und ich habe schnell übersetzt. Über einige Feinheiten wird man sich daher streiten können, nicht aber über die Kernaussagen.

Quellen

Zâkânî, Nezâm ed-Dîn ‚Obeydollâh: Kolliyyât-e ‚Obeyd-e Zâkânî/Collected Works. Ed. by Mohammad-Ja’far Mahjoub. New York: Bibliotheca Persica Press, 1999. (Madschmû’e-ye Motûn-e Fârsî; Selsele-ye Nou, Schomâre-ye 2/Persian Text Series; New Series, no. 2).

Tûsî, Châdsche Nasîr ed-Dîn: Achlâq-e Nâserî. Be tanqîh-o tashîh-e Modschtabâ Mînovî u. ‚Alî-Rezâ Heydarî. Tschâp-e avval. Tehrân: Scherkat-e Sahâmî-ye Enteschârât, 2536 šš./1356 š./1978.

Gärten aus Wolle und Seide: Kleine Perserteppichkunde

Ich habe in letzter Zeit des öfteren gehört, Teppiche seien aus der Mode gekommen. Wenn ich mir typische moderne Wohnungen anschaue, scheint mir das auch so: Wo nicht gerade Fliesen liegen, tritt man meist auf nacktes Parkett oder einen Bodenbelag in Holzoptik. Nicht extrem kühl, wenn die Farben stimmen, aber definitiv auch nicht flauschig.

Schade eigentlich, denn die Welt der Teppiche hat viel zu bieten. Zum Beispiel Perserteppiche: Kunstwerke in Wolle oder Seide mit farbenfrohen Mustern, manchmal auch Szenen, wie man sie sonst nur auf Bildern oder an Palastwänden findet. Besonders gern werden Pflanzen dargestellt, Blumen ebenso wie Ranken und Blätter. Auch Zypressen und Vögel kommen häufig vor. Gärten sind auch so eine Kunstform der Iraner, und das sieht man auch den Teppichen an.

Doch Perserteppiche in Deutschland zu kaufen ist teuer, sie in Iran zu kaufen riskant. Dort nämlich wird der ahnungslose Tourist gern mal um deutlich mehr Geld erleichtert, als die Ware wert ist. Wer Geld übrig hat, kann sich den Spaß natürlich gönnen. Wer dagegen in Iran kaufen will, weil er dort Qualität zu unschlagbar günstigen Preisen bekommen kann, sollte jemanden dabei haben, der sich auskennt.

Da Teppiche aber nicht mehr „in“ sind, wollen Sie wahrscheinlich keinen Perserteppich kaufen. Trotzdem will ich Ihnen diese Schmuckstücke heute näher bringen. Wer weiß: Vielleicht ändern Sie Ihre Meinung und schaffen sich doch mal einen an? Mich faszinieren Perserteppiche jedenfalls, seit ich angefangen habe, mich mit ihnen zu beschäftigen. Dabei habe ich eine klare Neigung zu Gebrauchsteppichen in kräftigen Farben.

Deshalb möchte ich Ihnen vor allem die Teppiche aus dem Bakhtiyârî-Gebiet ans Herz legen. Die Teppiche heißen nach der Region Bakhtiyârî, die Region ist nach dem gleichnamigen Stamm benannt. Bakhtiyârî-Teppiche sind robuste Gebrauchsteppiche aus Schafswolle (paschm). Besonders hohe Qualität haben alte Teppiche mit dichten Knoten und reinen Naturfarben wie dieser Tschâlschotor:

Tschâlschotor-Teppich (Marke Bakhtiyârî) von vorn

Tschâlschotor-Teppich (Marke Bakhtiyârî, Vorderseite)

Der Teppich gehört zur Marke Bakhtiyârî, ist aber zusätzlich nach seinem Entstehungsort benannt, einem Dorf im Bakhtiyârî-Gebiet. Auf dem folgenden Bild kann man sehen, wie eng die Knoten geknüpft sind. Dadurch ist der Teppich sehr fest und strapazierfähig.

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Tschâlschotor-Teppich (Rückseite): Hier kann man die Knotendichte sehen.

Je dichter die Knoten sind, desto höher ist die Verarbeitungsqualität des Teppichs, die man auch nach der Anzahl der Knoten pro Quadratmeter oder Quadratzentimeter mißt.

Nicht ganz so dicht geknüpft und daher von geringerer Qualität, wahrscheinlich auch nicht ausschließlich mit Naturfarben gefärbt ist dieser Bakhtiyârî-Teppich mit einem typischen Zypressenmuster (sarvî):

Bakthiyârî-Teppich mit Zypressenmuster (Vorderseite)

Bakthiyârî-Teppich mit Zypressenmuster (Vorderseite)

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, daß natürlich nicht nur Zypressen abgebildet sind, sondern auch Rosen. Auch das ist ziemlich typisch. Je nach Motiv werden zu Rosen auch noch Nachtigallen gruppiert, denn Rose und Nachtigall gelten auch in der Dichtung als Paar. Wie üblich sollten Sie aber auch einen Blick auf die Rückseite des Teppichs werfen:

Bakhtiyârî-Teppich mit Zypressenmuster (Rückseite)

Bakhtiyârî-Teppich mit Zypressenmuster (Rückseite)

Merke: Der Fachmann erkundigt sich im Teppichgeschäft nach der Knotendichte, hebt den Teppich an, befühlt das Material und betrachtet die Rückseite.

Das Kachelmuster, das wörtlich „Ziegelsteinmuster“ (cheschtî) heißt, ist ebenfalls beliebt. Dieser Bakhtiyârî-Teppich ist ein schönes Beispiel mit kräftigen Farben und dem erwähnten Rosen-und-Nachtigallen-Motiv:

Bakhtiyârî-Teppich mit Kachelmuster (Vorderseite)

Bakhtiyârî-Teppich mit Kachelmuster (Vorderseite)

Sie sehen: Man kann wirklich den Eindruck bekommen, in einem sorgfältig angelegten Garten zu stehen. Auch die echten iranischen Gärten sind ja geometrisch angelegt und in unterschiedliche Bereiche eingeteilt und ähneln damit diesem Kachelmuster.

Hier sind die Knoten wieder etwas enger geknüpft. Trotzdem ist dieser Teppich ebenso weich wie der Bakhtiyârî mit Zypressenmuster. Der Tschâlschotor dagegen ist noch robuster, schwerer und auch fester, dafür nicht so weich. Dieser Aspekt hängt auch von der verarbeiteten Wolle ab.

Bakhtiyârî-Teppich mit Kachelmuster (Rückseite)

Bakhtiyârî-Teppich mit Kachelmuster (Rückseite)

Ebenfalls sehr robust und daher als Gebrauchsteppich bestens geeignet, aber kein Bakhtiyârî-Teppich, sondern ein Bîdschâr ist dieser hier:

Bîdschâr-Teppich (Vorderseite)

Bîdschâr-Teppich (Vorderseite)

Er stammt aus dem Nordwesten Irans aus der Provinz Kordestân. Wie der Name schon sagt, leben dort die iranischen Kurden. Die Marke Bîdschâr geht auf einen Ort zurück, der in dieser Provinz liegt.

Bîdschâr-Teppich (Rückseite)

Bîdschâr-Teppich (Rückseite)

Da es sich sowohl bei Bîdschâr- als auch bei Bakhtiyârî-Teppichen um typische Gebrauchsteppiche handelt, sind in der Regel verschiedene wohnzimmerfüllende Größen verfügbar. Auf solche robusten Teppiche kann man auch schwere Möbel stellen. Allerdings sollte man sie von Zeit zu Zeit entfernen und den Teppich drehen, damit keine allzu tiefen Eindrücke entstehen.

Schöner ist es natürlich, wenn man genug Platz hat, um den Teppich frei hinzulegen. Denn nur so kommt sein Muster zur Geltung. Das gilt besonders für Teppiche, die in der Mitte ein Medaillon haben wie dieser hier:

Zentrales Medaillon

Zentrales Medaillon

Was Sie hier sehen, sollte übrigens nicht passieren: direkte Sonneneinstrahlung auf dem Teppich. Wenn der Teppich zuviel Sonne abbekommt, kann er ausbleichen. Man fragt sich ja, wie das sein kann, wo Perserteppiche doch aus einem sonnenreichen Land stammen. Doch weder in den historischen Atriumhäusern noch in den Zelten der Nomaden gab es viel Sonneneinstrahlung. Heute hat man zwar Außenfenster wie bei uns, aber sie werden meist dicht mit Gardinen verhängt, damit niemand hineinschauen kann. Das schützt auch die Teppiche.

Natürlich gibt es neben den Gebrauchsteppichen auch reine Zierteppiche wie die Seidenteppiche aus Qom. Sie eignen sich nur als Wandschmuck. In Iran habe ich solche Teppiche sogar schon in überdimensionalen Bilderrahmen an der Wand hängen sehen. Das hat den Vorteil, daß der Teppich geschützt ist. Aber irgendwie gefällt mir das nicht. Es ist, als wäre er hinter das Glas gezwängt worden und könne nicht mehr atmen.

Seidenteppich aus Qom

Seidenteppich aus Qom

Wie Sie sehen, ist dieser Seidenteppich nicht so farbenfroh wie die Bakhtiyârî- und Bîdschâr-Teppiche. Dafür ist er natürlich edel, denn er besteht aus reiner Seide. Das Medaillon soll wohl die Kuppel einer Moschee darstellen. Qom beherbergt ja auch ein schiitisches Heiligtum.

Ebenfalls eher als Wandbehang geeignet, aber auch des öfteren frei liegend auf Fußböden anzutreffen sind die Esfahâner Teppiche. Sie bestehen aus einer Mischung aus Seide (abrîscham) und der Unterwolle von Ziegen (kork). Man nennt dieses Material daher „Kork-Abrîscham“.

Esfahâner Teppich aus Kork-Abrîscham (Vorderseite)

Esfahâner Teppich aus Kork-Abrîscham (Vorderseite)

Die schmalen weißen Konturlinien und Muster an den blauen Elementen sind aus Seide. Diese Teppiche sind ebenfalls sehr eng geknüpft, jedoch sehr viel feiner als die strapazierfähigen Gebrauchsteppiche. Man darf sie auf keinen Fall mit Möbeln belasten, will man sie nicht beschädigen.

Esfahâner Teppich aus Kork-Abrîscham (Rückseite)

Esfahâner Teppich aus Kork-Abrîscham (Rückseite)

Selbstverständlich sind Seidenteppiche die teuersten, gefolgt von der Kork-Abrîscham-Mischung. Allein das Material ist wertvoller als die Schafswolle der Gebrauchsteppiche. Von solchen Teppichen sind meist eine ganze Reihe von kleineren Größen im Angebot. So findet sich auch leichter ein unmöbliertes Plätzchen oder eine passende Wand für den Teppich. Immerhin sind das eher geknüpfte Gemälde als Einrichtungsgegenstände.

Esfahâner Kokr-Abrîscham-Teppich mit Blumenvasenmotiv

Esfahâner Kokr-Abrîscham-Teppich mit Blumenvasenmotiv

Im Gegensatz zu den anderen hier vorgestellten Mustern ist dieses Motiv einer Blumenvase eher selten. Mit diesem besonderen Stück möchte ich meine kleine Teppichkunde für heute beenden. Selbstverständlich ist dies eine sehr subjektive Auswahl. Es gibt noch weitere berühmte Marken wie die Teppiche aus Tabrîz, Nâ’în, Kâschân und Kermân.

In erster Linie ist es eine Geschmacksfrage, welche Marken man bevorzugt. Mir gefallen Nâ’în-Teppiche zum Beispiel nicht, weil sie mir zu blaß sind. Auch die Frage, wo der Teppich seinen Platz finden soll, entscheidet über die Wahl von Größe und Material. Wer einen Gebrauchsteppich sucht, wird sich kaum einen Seidenteppich aus Qom kaufen.

Ich habe auch gehört, daß manche Teppiche in der Qualität nachgelassen haben. Das gilt übrigens auch für die Bakhtiyârî-Teppiche. Einzigartige Kunstwerke sind die Perserteppiche aber nach wie vor. Ein maschinell hergestellter Gebrauchsteppich, wie sie bei uns üblich sind, kann sich damit nicht im entferntesten messen.

Zum Glück kaufen die Iraner selbst noch handgeknüpfte Teppiche. Denn wenn sie auch dort aus der Mode kommen, versiegt womöglich die Produktion dieser wunderschönen Werke. Das fände ich sehr schade. Und Sie jetzt hoffentlich auch. 😉

Der arme gehörnte Mann – ‚Obeyd-e Zâkânîs Ehebruchwitze (Teil 3)

Im letzten Teil dieser Mini-Serie haben wir festgestellt, daß zwar das Thema Ehebruch und untreue Ehefrauen in vielen Witzen vorkommt, daß aber längst nicht alle Witze das Bild treuloser Frauen zeichnen. Der Witz im letzten Teil war ein Beispiel dafür.

Trotzdem kommen die Frauen bei ‚Obeyd-e Zâkânî meist nicht so gut davon. Das zeigen nicht nur die Witze über Kuckuckskinder, die dem – mehr oder weniger – ahnungslosen Ehemann untergeschoben werden. Auch Witze mit nur allzu willigen Frauen sind nicht untypisch. Zum Beispiel dieser hier:

Ein Mann sah ein kleines Kind weinen und wie seine Mutter es liebkoste, es [aber] nicht still wurde. Da sagte er zu ihm: „Sei still, sonst ficke ich deine Mutter!“ Die Mutter sagte: „Er wird es nicht glauben, ehe er mit eigenen Augen sieht, was du sagst.“ (S. 240, Nr. 5)

Beachten Sie dabei auch, wie der Verlust der Ehre durch Verkehr eines Fremden mit der Mutter ganz beiläufig schon gegen einen kleinen Jungen als Drohung eingesetzt wird. Doch die Pointe und damit auch die Witzerzählung zielt hier auf die Reaktion der Mutter ab. Mit ihrer unerwarteten Bereitwilligkeit besiegt sie zwar den Fremden im Wortgefecht. Versteht man ihre Antwort jedoch nicht nur als Schlagfertigkeit, sondern nimmt sie ernst, so stellt die Frau sich selbst damit in ein schlechtes Licht.

Einen einzelnen Witz wie diesen kann man zwar so oder so verstehen. Doch bei ‚Obeyd gibt es noch zahlreiche weitere Witze und andere humoristische Kurzformen, die zumindest AUCH das wörtliche Verständnis nahelegen. Mehr dazu erfahren Sie in den nächsten Folgen.

Womöglich ist Ihnen aber schon aufgefallen, daß in diesem Witz kein betrogener Ehemann auftritt, auch wenn der Vater des Kindes sehr wahrscheinlich der Ehemann der Mutter ist. In diesem Witz ist auch nicht klar, ob er noch am Leben ist. Sex mit einem Fremden wäre aber selbstverständlich auch für eine Witwe Unzucht und somit verbotenes Verhalten. Schließlich ist für Muslime ebenso wie für Christen Geschlechtsverkehr mit Fremden Unzucht, auch wenn man selbst ungebunden ist.

Aber ich bin Ihnen für heute noch einen betrogenen Ehemann schuldig. 😉 Sie werden mir sicher zustimmen, daß man im nächsten Witz wirklich von einem „armen gehörnten Mann“ sprechen kann:

Dschuhâs Vater gab ihm zwei große Fische [und sagte]: „Verkaufe sie!“ Er zog durch die Gassen. Da kam er an die Tür eines Hauses. Eine hübsche Frau sah ihn. Sie sagte: „Gib mir einen Fisch, damit ich [dafür] einmal mit dir schlafe!“ Dschuhâ gab ihr den Fisch und schlief mit ihr, und es gefiel ihm. Er gab ihr den anderen Fisch und schlief noch einmal mit ihr. Danach setzte er sich auf die Schwelle des Hauses und sagte: „Ich möchte etwas Wasser.“ Die Frau gab ihm den Krug, und er trank und warf den Krug zu Boden, und er zerbrach. Plötzlich sah Dschuhâ ihren Ehemann von weitem [kommen] und begann zu weinen. Der Mann fragte: „Warum weinst du?“ Er antwortete: „Ich war durstig und bat in diesem Haus um Wasser, [aber] der Krug ist mir aus der Hand gefallen und zerbrochen. Ich hatte zwei Fische, die hat Madame als Pfand für den Krug genommen, und ich wage es aus Furcht vor meinem Vater nicht, nach Hause zu gehen.“ Der Mann schalt die Frau: „Was hat [denn] der Krug für einen Wert?“ Er nahm die Fische und gab sie Dschuhâ, so daß er unversehrt von dannen zog. (S. 267)

Nicht nur, daß der arme Kerl von Ehemann eine untreue Frau hat, die sich fremden Männern im Tausch für Fische anbietet. Am Ende gibt er dem Übeltäter auch noch den Preis für seinen Genuß zurück, weil er so ein anständiger Mensch ist. Die Frau hat sich also ganz umsonst prostituiert, und Dschuhâ ist der strahlende Sieger des Handels.

Er ist übrigens eine bekannte Figur aus arabischen Witzen, tritt aber auch in ‚Obeyds persischen Texten auf. Mit dem Verhältnis zwischen verschiedenen Schlitzohren in arabischen und persischen Witzen wie Dschuhâ und dem bekannteren Mollâ Nasreddîn (oder Nasreddin Hodscha) hat sich mein zweiter Doktorvater Ulrich Marzolph mehrfach beschäftigt. Seine Publikationen sind immer eine lohnende Lektüre, nicht nur wenn man sich für Humor interessiert.

Doch zurück zum Witz: Die Witzerzählung legt zwar nahe, daß Dschuhâ derjenige ist, der am meisten vom Verkehr mit der Frau profitiert. Immerhin ist sie hübsch und kann eine Bezahlung verlangen. Trotzdem wird sie auch ohne die Fische auf ihre Kosten gekommen sein, denn sie schlägt den Tauschhandel ja unaufgefordert vor.

So gesehen, ist der einzige echte Verlierer der gehörnte Ehemann: Seine Frau macht ihn zum Gespött, indem sie mit einem Fremden schläft, und der haut ihn übers Ohr, indem er ihn dazu bringt, ihm auch noch den dafür bezahlten Preis zurückzugeben.

Einerseits wirkt der betrogene Ehemann grundanständig, weil er Dschuhâ nicht wegen eines zerdepperten Kruges übervorteilen will. Andererseits fragt man sich, ob der Mann vielleicht einfach ein vertrauensseliger Trottel ist, wenn er seine eigene Frau so schlecht einschätzen kann und bei dieser Szene nicht mißtrauisch wird. Was der Leser wohl daraus schließen soll? „Traue deiner Frau nicht über den Weg?“ Dafür gibt es tatsächlich Anhaltspunkte.

Gehörnte Ehemänner machen in arabischen und persischen Witzen jedenfalls keine gute Figur und wurden wohl eher mit Schadenfreude betrachtet als mit Mitgefühl. Entweder erscheinen sie als Schwächlinge oder als Dummköpfe. Trotzdem waren sich Männer, wie es scheint, nur zu bewußt, daß es ihnen leicht ähnlich ergehen könnte. Doch dazu mehr in der nächsten Folge. 🙂

Quelle

Zâkânî, Nezâm od-Dîn ‘Obeydollâh: Kolliyyât-e ‘Obeyd-e Zâkânî šâmel-e qasâyed, ghazaliyât, qata’ât, robâ’iyyât, masnaviyyât. Moqâbele bâ noskhe-ye mosahhah-e Ostâd-e faqîd ‘Abbâs-e Eqbâl va tschand noskhe-ye dîgar. Šarh va ta’bîr va tardschome-ye loghât-o âyât-o ‘ebârât-e ‘arabî az Parvîz-e Atâbakî. Tschâp-e dovvom. Tehrân: Zavvâr, 1343 š./1964-5.

Persisch oder nicht Persisch? Die Länder-Sprachen-Übersicht

Da eine Übersichtstabelle über die Iran umgebenden Länder und die dortigen Amts- und anderen Sprachen gewünscht wurde, habe ich jetzt eine einfache Tabelle erstellt. Darin finden Sie neben dem Landesnamen die Amtssprache(n) und in der folgenden Spalte weitere offiziell anerkannte und inoffiziell gesprochene Sprachen.

Die Informationen habe ich aus verschiedenen Wikipedia-Artikeln zusammengetragen und sie dann anhand des „World Factbook“ der CIA ergänzt. Sie sollten also einigermaßen verläßlich sein.

Kommende Woche bin ich in Urlaub. Ich verreise zwar nicht, aber ich tue so, als ob. Das heißt: Ich werde die meiste Zeit über offline bleiben und mich auch sonst totstellen. Das wiederum bedeutet: Nächstes Wochenende gibt es ausnahmsweise keinen Blogbeitrag. Außer ich sehne mich bis dahin nach dem Internet und finde etwas zum Rebloggen. 😉

Länder-Sprachen-Übersicht

Land

Amtssprache(n)

Weitere Sprachen

Irak

Arabisch, Kurdisch

Turkmenisch, Syrisch-Aramäisch, Armenisch; inoffiziell: Persisch

Iran

Persisch (Fârsî)

Inoffiziell: verschiedene weitere iranische Sprachen (z.B. Kurdisch) und Turksprachen, Arabisch

Pakistan

Urdu (ind. Sprache in arabischer Schrift), Englisch

Balutschi, Paschtunisch, Pandschabi, Saraiki, Sindhi sowie einige weitere kleine Sprachen

Indien

Hindi (ind. Sprache in Devanagari-Schrift), Englisch

21 weitere anerkannte Sprachen, davon mindestens 14 (regionale) Amtssprachen (darunter z.B. Bengali, Telugu, Marathi, Tamil, Urdu, Gudscharati)

Afghanistan

Persisch (Darî), Paschtunisch

Usbekisch, Turkmenisch, Balutschi, Paschayi, Nuristani, Pamiri; inoffiziell: um die 24 weitere kleine Sprachen

Tadschikistan

Persisch (Tâdschîkî), Russisch (faktisch)

Inoffiziell: Usbekisch, Kirgisisch, Paschtunisch

Usbekistan

Usbekisch (Turksprache)

Regionale Amtssprache: Karakalpakisch (Turksprache); inoffiziell: Russisch, Persisch (Tâdschîkî), sonstige

Turkmenistan

Turkmenisch (Turksprache)

Inoffiziell: Russisch, Usbekisch, Persisch (Tâdschîkî), sonstige

Bahrain

Arabisch

Inoffiziell: Englisch, Persisch (Fârsî), Urdu