Omar Khayyam: War er ein Dichter?

Das ist eine Frage, die sich die Khayyam-Forscher immer wieder gestellt haben. Und ich kann Ihnen jetzt schon sagen: Die Antworten sind nicht sonderlich befriedigend.

Seinen Landsleuten war Omar Khayyam (st. zw. 1124 u. 1129) nämlich über viele Jahrhunderte hinweg vor allem als Mathematiker, Astronom und Philosoph bekannt. Daß er auch Vierzeiler gedichtet haben soll, fand man im Vergleich zu seinen Leistungen in diesen Wissensfeldern weniger wichtig.

Immerhin war er ein Zeitgenosse des Seldschukensultans Malek-Schâh und seines Wesirs Nezâm ol-Molk (=> s. meine Nezâm-ol-Molk-Serie) und Mitglied des Gremiums, das den berühmten iranischen Dschalâlî-Kalender erstellt hat.

Dieser Kalender gilt als genauer als der Gregorianische Kalender, nach dem wir bis heute in Europa rechnen. Auch die heutige iranische Zeitrechnung nach Sonnenjahren beruht auf dem Dschalâlî-Kalender.

„Khayyam-Fieber“ im Westen

Erst als der englische Dichter Edward FitzGerald (31. März 1809-14. Juni 1883) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine „Übersetzungen“ von Khayyam zugeschriebenen Vierzeilern veröffentlichte, wurde ein breitere Öffentlichkeit auf diese Gedichte aufmerksam.

Anscheinend paßte FitzGeralds Interpretation der Verse gut in die Zeitstimmung. Seine relativ freie Nachdichtung trat nämlich einen Siegeszug durch Europa und Amerika an, der sich bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ausdehnte.

Allerorts bildeten sich „Omar-Khayyam-Gesellschaften“, die Sammlungen der Khayyam zugeschriebenen Vierzeiler in verschiedenen Sprachen herausgaben. FitzGeralds Nachdichtung erfuhr fünf Auflagen, die letzte posthum.

Unter den namhaften deutschen Übersetzern sind Adolf Friedrich Graf von Schack (2. August 1815-14. April 1894) und insbesondere Friedrich von Bodenstedt (22. April 1819-18. April 1892). Eine Liste zahlreicher weiterer Sprachen, in die man die Vierzeiler übersetzt hat, findet sich im zugehörigen Wikipedia-Artikel, der sich bezeichnenderweise in der englischen, nicht aber in der deutschen Wikipedia findet.

Nachdem Khayyam in der westlichen Welt und vor allem im angelsächsischen Sprachraum solcherart zur Berühmtheit aufgestiegen war, nahmen ihn schließlich auch seine iranischen Landsleute vermehrt als Dichter wahr und begannen ihrerseits mit der Herausgabe von – teils mehrsprachigen – Schmuckausgaben, wie sie heute noch in allen Formen und Farben in iranischen Buchhandlungen zum Kauf angeboten werden.

Forschungen zu Khayyam

Wer allerdings glaubt, daß die explosionsartige Verbreitung Khayyam zugeschriebener Verse in Europa und Amerika zu nachhaltigen und ergebnisreichen wissenschaftlichen Forschungen geführt hätte, wird enttäuscht.

Selbstverständlich wurden besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einige ernsthafte Studien betrieben und die Ergebnisse publiziert. Doch die Begeisterung flaute zumindest in der Wissenschaft recht schnell wieder ab. Sucht man heute nach Publikationen zu den Khayyam zugeschriebenen Vierzeilern, so stößt man in erster Linie auf Ausgaben und Übersetzungen.

Das mag unter anderem an den Interessen der damaligen Forscher gelegen haben und daran, daß ihre drängendsten Fragen ohne überzeugende Antwort blieben. So versuchten sich mehrere Forscher daran, die „echten“ Khayyam-Vierzeiler von denen zu trennen, die später unter dem bekannten Namen in Umlauf kamen.

Auch über die Interpretation der Inhalte herrscht bis heute keine Einigkeit. Doch dazu mehr im nächsten Khayyam-Beitrag. 😉

Wie steht es nun mit den „echten“ und den „falschen“ Khayyam-Vierzeilern? – Europäische und iranische Khayyam-Forscher, unter anderen Arthur Christensen, Christian Rempis, Sâdeq Hedâyat und ‚Alî-ye Daschtî haben sich viel Mühe gegeben, sie voneinander zu scheiden und Kriterien herauszuarbeiten, die man dazu verwenden kann.

Während die Europäer sich – wie üblich – philologisch-historisch abmühten, versuchten die Iraner inhaltliche und stilistische Merkmale ins Feld zu führen. Man verfolgte also die Verbreitung bestimmter Reimschemata in Vierzeilern aus unterschiedlichen Zeiten und sortierte Gedichte von geringerer Kunstfertigkeit aus.

Natürlich bemühten sich die Forscher auch, die Gedanken Khayyams zu ergründen. So richtig systematisch unter Einbeziehung von Khayyams philosophischen Schriften scheint das aber erst Mehdi Aminrazavi in seinem 2005 erschienen großen Khayyambuch getan zu haben (s. unten).

All diese Versuche sind nicht ohne Ergebnis geblieben. Im Kern liefen sie darauf hinaus, daß es viel weniger „Originalvierzeiler“ gibt, als man angesichts der teils sehr umfangreichen Sammlungen meinen sollte. In der Regel werden weniger als hundert oder wenig mehr als „echt“ gehandelt.

Ein unlösbares Problem

Das Grundproblem aber ist, daß die Vierzeiler erst lange nach Khayyams Tod in Erscheinung traten. So stammen die frühesten Zitate aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, also etwa 100 Jahre nach Khayyams Tod. Es gibt keine „Originalhandschrift“ und auch nichts, was so einer Handschrift nahekäme.

Für arabische Gedichte Khayyams gibt es allerdings einen früheren Beleg. Das spricht zumindest dafür, daß er sich überhaupt dichterisch betätigt hat. Dummerweise erwähnen aber die Zeitgenossen, die sich über Khayyam geäußert haben, nichts dergleichen.

Das kann alle möglichen Gründe haben, doch es wirft ein großes Forschungsproblem auf: Es gibt keinen zeitgenössischen Beleg dafür, daß Khayyam persische Vierzeiler gedichtet hat.

Manche Wissenschaftler haben deshalb grundsätzlich angezweifelt, daß es so etwas wie „echte“ Khayyam-Vierzeiler überhaupt gibt. Vermutlich ist die Aussichtslosigkeit, das Gegenteil zu beweisen, einer der Gründe dafür, daß die historisch-philologische Khayyam-Vierzeiler-Forschung in Europa praktisch eingestellt worden ist.

Ich persönlich halte es für sehr wahrscheinlich, daß es tatsächlich „Originalvierzeiler“ von Khayyam gibt oder gab. Nicht nur, weil er augenscheinlich arabisch gedichtet hat oder weil Dichtung in den islamischen Kulturen bis heute einen ganz anderen Stellenwert hat als in unserer und gebildete Menschen fast immer auch ein bißchen dichten.

Noch wichtiger finde ich die Frage: Wenn Khayyam nie persische Vierzeiler gedichtet hätte, wieso hätte man dann damit anfangen sollen, ihm solche Vierzeiler zuzuschreiben? Noch dazu Vierzeiler eines ganz bestimmten Stils. Wie hätten spätere Generationen auf diese Idee kommen sollen?

Das könnte man dann wirklich nur noch mit der „Mehrpersonentheorie“ erklären – also damit, daß es mehrere Khayyams gab, die später verwechselt oder zu einer Person zusammengefaßt wurden.

So oder so: Ich glaube nicht, daß man die „echten“, die ursprünglichen Vierzeiler Khayyams heute noch aus den tausenden von „unechten“ Vierzeilern wird herauslesen können. Wie auch? Wir wissen nicht, ob seine Vierzeiler überhaupt noch erhalten sind.

Selbst wenn wir es wüßten, könnten wir allenfalls das tun, was frühere Forscher schon getan haben: Die ungefähre Entstehungsepoche der erhaltenen Vierzeiler einkreisen und sie nach dichterischer Qualität und anderen Kriterien sortieren. Damit wäre aber noch längst nicht erwiesen, daß Khayyam die vermutlich aus seiner Zeit stammenden hochwertigen Vierzeiler tatsächlich verfaßt hat.

Oder doch kein so großes Problem?

Das macht diese Vierzeiler aber nicht weniger ansprechend. Mögen sie nun von Khayyam stammen oder nicht: Die ihm zugeschriebenen Vierzeiler behandeln zu einem Großteil ähnliche Themen mit typischen Metaphern und treffen Aussagen wie diese:

Von jenem Kreis, den unser Kommen und Gehen bildet,
ist weder Anfang noch Ende sichtbar.
Niemand in dieser Welt tut richtig kund,
woher dies Kommen und wohin das Gehen ist.
(Rempis, S. 88)

Ich denke, das versteht man ohne weitere Erklärungen. Allerdings vermittelt diese Prosaübersetzung den Charakter des Vierzeilers nur schlecht. Rempis hat zwar auch schöne Versübertragungen veröffentlicht, aber die habe ich gerade nicht zur Hand. Falls ich diesen Vierzeiler dort noch finde, trage ich ihn hier nach. 🙂

Vorläufig zitiere ich noch die Originalfassung in Umschrift, damit Sie eine Vorstellung vom Klang des Gedichtes bekommen:

Dour-î ke dar ân âmadan-o raftan-e mâ-st
Ân-râ na bedâyat na nehâyat peydâ-st
Kas mî-na-zanad dam-î dar în ma’nî râst
K-în âmadan az kodschâ vo raftan be kodschâ-st
(Daschtî, S. 321)

Typisch für die Überlieferung persischer Dichtung im allgemeinen und für die der Khayyam-Vierzeiler im besonderen ist übrigens, daß die von Rempis übersetzte Version im dritten Halbvers „in dieser Welt“ liest, während bei Daschtî „in dieser Hinsicht“ steht. Beides paßt aber gleichermaßen ins Versmaß.

Wenn sich an Khayyams Namen eine große Anzahl ähnlicher Vierzeiler geheftet hat, die einem ähnlichen Lebensgefühl Ausdruck verleihen, so ist dies ein Zeichen dafür, wie sehr dieser Typ Vierzeiler den Menschen persischer Zunge über viele Jahrhunderte hinweg aus dem Herzen gesprochen hat.

Die Khayyam zugeschriebenen Vierzeiler haben also einen eigenen Wert. Nicht nur als Kunstwerke, sondern auch als Dokumente der Weltanschauung vieler unbekannter Dichter, die Khayyams bekannten Namen gewählt haben, um sich hinter ihm zu verbergen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis ist auch Aminrazavi, der Verfasser des jüngsten Khayyam-Buches in einer europäischen Sprache gekommen. Er kommt zu dem Schluß, daß es zwar kaum möglich ist, mit Gewißheit zu dem „wirklichen historischen“ Khayyam vorzudringen. Dies sei aber auch nicht zwingend erforderlich, um die „Khayyamische Botschaft“ zu verstehen und die „Khayyamische Denkschule“ zu erfassen.

Mehr als eine Person ist Khayyam der Repräsentant einer Weltanschauung, die traditionell keinen prominenten Platz im religiösen Universum des Islam eingenommen hat. (…)

Daher schlage ich vor, daß wir mehr auf die „Khayyamische Denkschule“ fokussieren als auf Khayyam, den Menschen, und damit die Frage nach dem wirklichen Khayyam ebenso wie die nach der Authentizität seiner Gedichte etwas weniger relevant für die Botschaft der Denkschule machen, die Khayyam zugeschrieben wird. (…)

(S. 14)

Was die Botschaft dieser „Denkschule“ gewesen ist, erfordert allerdings einen eigenen Beitrag. Belassen wir es also für heute bei der Feststellung: Ja, Omar Khayyam war neben vielem anderen wohl auch ein Dichter. Aber wir werden wahrscheinlich nie wissen, welche Vierzeiler er tatsächlich gedichtet hat.

Literatur

Mehdi Aminrazavi: The Wine of Wisdom: The Life, Poetry and Philosophy of Omar Khayyam. Oxford: Oneworld Publications, 2005.

‚Alî-ye Daschtî: Dam-î bâ Khayyâm. 2. Aufl. o.O. [Tehrân]: Amîr-Kabîr, 1348 sch./1969.

Christian Rempis: Beiträge zur Khayyâm-Forschung. Nachdr. Nendeln: Kraus Reprint Ltd, 1966. [1937]. S. 87f.

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5 Kommentare

  1. Pingback: [Persophonie] Omar Khayyam: War er ein Dichter? – #Iran

  2. Was mir bei der Beschäftigung mit dem islamischen Kulturkreis auffällt, ist, dass die kulturellen Leistungen wohl allesamt in einer lange zurückliegenden Vergangenheit liegen.
    Warum dieser Kulturkreis derzeit zu nichts Großem fähig ist, mögen diese Sätze verdeutlichen:

    Islam ist die Ausformulierung der Grundlagen für ein totalitäres System bis in kleinste Details.
    Das Ergebnis zeigt sich überall dort, wo islamische Gesetze gelten.
    Diese islamischen Gesetze zielen nicht auf das Gewähren sowie die Gewährleistung individueller Rechte und Freiheiten, nicht auf das Einräumen von – auch geistigen – Freiräumen, sondern auf das Vorgeben und Vorschreiben von zur Norm erhobenen Denk- und Verhaltensweisen und Pflichten, auf die möglichst weitgehende Begrenzung von persönlichen Freiräumen.

    In einem Gastbeitrag von Jasmin El Sonbati in der NZZ vom 19.11.2015 ist zu lesen:

    Der muslimische Mensch muss sich den Spiegel vorhalten. Er muss lernen, für sich selber zu denken und sich von religiöser Bevormundung zu befreien.

    Mit der Anerkennung, dass menschengemachte Gesetze (von Menschen für Menschen gemacht) über jedem „göttlichen“ Gesetz stehen, kann es leichter werden, «für sich selber zu denken und sich von religiöser Bevormundung zu befreien».

    Eckhardt Kiwitt, Freising

    • Das ist ein großes Thema, zu dem man natürlich viele Thesen haben kann. Die von Ihnen genannte ist wahrscheinlich die bekannteste und momentan populärste. Das ist nur kein notwendiges Wesensmerkmal islamischer Kulturen. Ich könnte mir vorstellen, daß Thomas Bauers Auffassung darüber, wie es zu dieser Haltung gekommen ist, Sie interessieren könnte. Schauen Sie mal in „Die Kultur der Ambiguität“. Es gibt zwar auch andere Auffassungen über die Genese der aktuell zu beobachtenden Ambiguitätsintoleranz, aber wie üblich ist wahrscheinlich nicht eine Erklärung allein vollständig. Jedenfalls bietet das Buch einige sehr interessante Einsichten, die manches verständlich machen.

  3. Pingback: Omar Khayyams umstrittene Botschaft | Persophonie: Kultur-Geschichte

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