Geschichte, Legende, Fantasy: Die Namen in „Prince of Persia – Der Sand der Zeit“

Kennen Sie die „Prince of Persia“-Computerspiele? Um ehrlich zu sein: Ich kenne sie nur dem Namen nach. Aber selbst wenn Sie auch nichts mit den Spielen am Hut haben sollten, kennen Sie vielleicht den Film „Prince of Persia – Der Sand der Zeit“ mit Ben Kingsley. Ich jedenfalls schon.

Das liegt daran, daß wir es in diesem Fall nicht mit der mäßigen Verfilmung eines für Nicht-Spieler uninteressanten Computerspiels zu tun haben, sondern mit einem meiner Ansicht nach ziemlich gelungenen Fantasy-Spektakel: Großartige Bilder und Animationen, eine amüsante und spannende Story, Ben Kingsley beeindruckend als Bösewicht…

Mir jedenfalls hat der Film gefallen. Was mir aber noch wichtiger war: Er enthält jede Menge Anspielungen auf iranische Sagen und Geschichte. Da hat jemand mehr recherchiert als üblich – vielleicht schon für die Spiele. Auf jeden Fall stecken jede Menge Geschichten in diesem Film.

Deshalb konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und habe ein paar Hintergrundinformationen zu den verwendeten Namen zusammengetragen. Wollen Sie durch „Prince of Persia“ etwas lernen? Dann schnallen Sie sich an, es geht los – mit meinem allerersten Blogbeitrag:

Yazd – im Würgegriff der Wüste

Die letzten zwei Wochen waren für mich sehr anstrengend. Vor allem die letzte. Ich mußte nämlich zwei Artikel und noch etwas anderes bis zu diesem Wochenende fertigstellen und Recherchen in einer weiteren Angelegenheit anstellen. Nur eins davon war für Januar geplant. Sie können sich vorstellen, wozu das führt: zu hohe Arbeitsbelastung.

Da ich vor einer knappen halben Stunde gerade so mit Mühe und Not ins Ziel gegangen und jetzt ziemlich fertig bin, kann ich den eigentlich geplanten Artikel jetzt nicht mehr schreiben. Und ab morgen brauche ich erstmal ein paar Tage Pause vom Computer. Aber so richtig.

Deshalb habe ich mir einen schönen Artikel zum Rebloggen gesucht. Ich dachte mir, auch wenn der Januar (zumindest wo ich wohne) gerade nicht besonders kalt ist, sondern nur ungemütlich, so ist doch ein kleiner Besuch in der iranischen Sommerhitze ein angenehmes Kontrastprogramm. Und da ich die Bilder auf diesem Reiseblog sehr schön finde und selbst noch nicht in Yazd war, fand ich diesen Beitrag passen. Ich hoffe, sie haben soviel Freude daran wie ich! 🙂

„Kulturelle Leistungen“ – Ein Ding der Vergangenheit

Vor einiger Zeit meinte einer meiner Blogleser in einem Kommentar, die kulturellen Leistungen im „islamischen Kulturkreis“ lägen wohl allesamt in einer weit zurückliegenden Vergangenheit. Ein Grund dafür sei vermutlich der Islam.

In den letzten Wochen habe ich immer mal wieder darüber nachgedacht. Das bedeutet wohl, daß ich mich mit dieser Auffassung etwas mehr auseinandersetzen möchte. Deshalb habe ich beschlossen, mich diesem Thema in einem Blogbeitrag zu widmen.

Spontan fiel mir dazu als erstes ein, daß wohl alle größeren kulturellen Leistungen auf der Welt in der Vergangenheit liegen. Manch einer mag das bestreiten, aber tatsächlich läßt sich die Bedeutung kultureller Leistungen erst im Rückblick einschätzen. Wir können schlicht nicht wissen, ob das, was wir aktuell für die größten und wichtigsten kulturellen Beiträge zur Menschheitsgeschichte halten, in 200 oder 500 oder 1000 Jahren immer noch so beurteilt wird.

Selbstverständlich schmälert das nicht die Bedeutung, die eine aktuelle kulturelle Leistung heute für unsere Gesellschaft hat. Nur sagt unsere Einschätzung nichts darüber aus, was kommende Generationen denken werden. Oder was Menschen aus anderen Kulturen denken.

Denn „kulturelle Leistungen“ sind gewissermaßen per se kultur- und damit auch zeitgebunden. Was wir heute als „kulturelle Leistung“ betrachten, mag in der Entstehungszeit als Unsinn, Spielerei oder gar unzulässiger Verstoß gegen kulturelle Regeln gegolten haben. Was uns in Europa als bewundernswert gilt, kann in anderen Ländern als gewöhnlich oder sogar anstößig empfunden werden.

Natürlich besteht durch die weitgehende Globalisierung westlicher Vorstellungen heute wahrscheinlich ein höheres Maß an Konsens als in früheren Zeiten. Manchmal täuscht das allerdings auch und sieht nur flüchtig von außen betrachtet so aus. Doch selbst wenn wir alle von derselben Definition von „kulturellen Leistungen“ ausgehen, wissen wir immer noch nicht, ob unsere Nachfahren unsere Einschätzung teilen werden.

Womöglich hat sich unsere Kultur in 200, 500 oder 1000 Jahren so verändert, daß unsere Nachfahren ganz andere Vorstellungen von „Kultur“ und von „Leistung“ haben als wir heute.

Dann könnte es sein, daß besondere „kulturelle Leistungen“ unserer Generation bis dahin völlig in Vergessenheit geraten. Oder Werke und Gedanken, die wir heute gar nicht als besondere „kulturelle Leistungen“ erkennen, haben die Menschen über Jahrhunderte so nachhaltig beeinflußt, daß sie als besonders wertvoll betrachtet werden.

Immerhin sind solche Dinge in der Vergangenheit schon vorgekommen. Nicht jeder Dichter oder Maler, der zu seiner Zeit beachtet wurde, hat die Nachwelt so beeindruckt, daß wir seinen Namen heute noch kennen. Umgekehrt sind kaum beachtete Werke früherer Zeiten erst Jahrhunderte später zu Anerkennung gekommen. Für wissenschaftliche Erkenntnisse gilt das vielleicht sogar noch mehr als für künstlerische Leistungen.

Mir scheint also, die Nachwirkung über längere Zeiträume hinweg ist eine bewährte und mehrheitsfähige Methode, besondere „kulturelle Leistungen“ aus der Vielfalt an Ausflüssen menschlicher Kreativität herauszusieben.

Nur das, was Menschen unabhängig von der aktuellen Situation nachhaltig beeinflußt oder berührt, wird auch bewahrt. Ist dies geschehen, so bildet sich leicht ein breiter Konsens bei der Einschätzung als „kulturelle Leistung“. Ein solcher Konsens ist also in aller Regel rückwärtsgewandt. Alle breit anerkannten „kulturellen Leistungen“ liegen daher in der Vergangenheit.

In gewisser Weise ist das natürlich auch eine recht willkürliche Methode der Feststellung besonderer „kultureller Leistungen“. Schließlich geht sie im Endeffekt über das hinweg, was eine konkrete Leistung für ihre Entstehungszeit bedeutet haben mag. Trotzdem hat sie ihre Berechtigung, finde ich.

Lesen Sie demnächst einen Beitrag über aktuelle kulturelle Leistungen im „islamischen Kulturkreis“ am Beispiel Iran.

Kurzbeitrag: Flüchtlinge und der Kulturschock

Wie Ihnen sicher schon aufgefallen ist, blogge ich grundsätzlich nicht über Tagespolitik, und das mit voller Absicht. Vielleicht erläutere ich bei Gelegenheit einmal die Gründe dafür.

Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, macht dieser Beitrag nicht wirklich eine Ausnahme. Es geht mir nämlich nicht so sehr um Politik als vielmehr um Menschen und Kulturen – wie immer eben. Allerdings läßt sich das beim Thema Flüchtlinge kaum von Politik trennen. Daher fällt dieser Beitrag ein bißchen aus dem Rahmen.

Der heutige Beitrag ist auch sehr kurz. Ich muß nämlich bis zum Monatsende zwei Artikel für den ersten gedruckten Band des Perso-Indica Survey fertigstellen (mehr zu den Perso-Indica finden Sie hier) – und das neben sehr umfangreichen Vorbereitungen für Lehrveranstaltungen im Sommersemester und anderen Dingen.

Außerdem will ich dieses Wochenende meinen ersten Versuch für ein YouTube-Video zur Persophonie machen. Und wie Sie unschwer erkennen, ist das Wochenende schon fast wieder vorbei.

Das Video bekommen sie natürlich zu sehen. Spätestens dann, wenn die Serie fertig ist und von den Testzuschauern für gut befunden wurde. Anfangen werde ich mit einem Sprachthema. Aber wenn ich Spaß daran habe und genügend Zeit finde, soll ein richtiger YouTube-Kanal daraus werden.

Ursprünglich wollte ich also heute wieder einmal einen fremden Beitrag rebloggen. Nach einigem Suchen bin aber zu dem Schluß gekommen, daß es vielleicht interessanter ist, wenn ich einen kurzen Beitrag zum Thema Flüchtlingsintegration schreibe.

Neulich habe ich nämlich aus dem Fernsehen von einem sehr interessanten Projekt erfahren, das ein deutscher Journalist auf ntv gestartet hat.

Aufgrund langer Aufenthalte in arabischen Ländern bereits seit seiner Jugend spricht Constantin Schreiber fließend (und für meine Ohren ziemlich akzentfrei) Arabisch. Er weiß daher auch, wie groß der Kulturschock für Flüchtlinge aus Syrien und anderen arabischen Ländern ist, wenn sie nach Deutschland kommen. Ganz besonders wenn sie noch nie zuvor länger in Europa waren.

Deshalb erklärt er in einer Videoserie arabischsprachigen Flüchtlingen die deutsche Kultur auf arabisch. Dabei bringt er ihnen auch die hier geltenden Verhaltensregeln auf leicht verständliche Weise näher. Die Serie heißt „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ und enthält deutsche Untertitel. Sie können also auch verstehen, was er da erklärt.

Das halte ich sogar für sehr wichtig, denn nicht nur die Flüchtlinge brauchen dringend Informationen über die deutsche Kultur. Es wäre auch hilfreich, wenn hilfsbereite Deutsche systematisch über die Kultur der Flüchtlinge informiert würden. Nicht wenige Familien nehmen nämlich arabisch- und persischsprachige Flüchtlinge für längere Zeit in ihr Haus auf.

Diese Familien sind mit vielen Problemen konfrontiert. Hier sind zwei davon: Sie verstehen die Sprache ihrer Gäste nicht – und diese lernen ja erst langsam Deutsch – und kennen sich mit deren Kultur nicht aus. So geht es zum Beispiel dieser Bloggerin, die gleich drei afghanische Kinder auf einmal aufgenommen hat.

Ich bin nach Lektüre einiger Beiträge zwar nicht sicher, ob sie in Deutschland oder in der Schweiz lebt. Aber ich weiß, daß es genau diese Situation in Deutschland gibt.

Familien, die so etwas tun, sind bewundernswert. Finde ich jedenfalls. Aber werden sie von den Behörden, die ihnen die Kinder oder Jugendlichen zuweisen, auch mit genügend Informationen unterstützt? Ich habe Zweifel. Sicher geht es irgendwie auch so, wie der Fortsetzungsbeitrag zeigt.

Aber traumatisierte Kinder und Jugendliche aufzunehmen, mit denen man sich kaum verständigen kann, ist doch eigentlich Herausforderung genug. Da sollte man sich nicht auch noch die Basisinformationen über die Kultur der Gäste mühsam durch Mißverständnisse und Krisen erarbeiten müssen.

Vielleicht wäre es hilfreich zu wissen, daß nicht alle europäische Toiletten kennen und stattdessen Stehklos gewöhnt sind (siehe auch die diesbezügliche Erfahrung aus diesem Bericht).

Oder daß männliche Jugendliche, die aus einer Gesellschaft mit weitgehender Geschlechtertrennung kommen, nicht wissen, wie sie mit freizügig gekleideten halbwüchsigen „Gastschwestern“ umgehen sollen.

Oder daß die Gäste eventuell hungrig zu Bett gehen, wenn man sie nicht mehrfach zum Essen auffordert.

Oder daß rote Ampeln nicht überall ernstgenommen werden.

Oder daß nicht in jedem Land nächtliche Ruhezeiten gelten (oder deren Nichtbeachtung keine Konsequenzen hat). Oder …

Mit solchen Basisinformationen hätten es alle leichter. Natürlich ist das Leben in einer Gastfamilie an sich der perfekte Ausgangspunkt für eine schnelle Integration. Trotzdem würden die Kinder und Jugendlichen schneller verstehen, was von ihnen erwartet wird, wenn ihre Gastfamilien es ihnen erklären könnten. Selbst ohne Sprachbarriere müßten sie dazu aber wissen, was überhaupt erklärungsbedürftig ist.

Ich weiß nicht, ob es eine ähnliche Video-Serie wie die von Constantin Schreiber auch auf persisch gibt. Aber auch Menschen, die mit persischsprachigen Flüchtlingen zu tun haben, können viel Nutzen aus dieser arabischen Serie mit deutschen Untertiteln ziehen. Denn hier wird ein Bewußtsein dafür geschaffen, in welchen Lebensbereichen die meisten Unterschiede bestehen. Und wie sie ungefähr aussehen.

Immerhin gibt es für alle persischsprachigen Flüchtlinge und ihre deutschen Helfer jetzt auch ein Online-Wörterbuch von Langenscheidt. Ich konnte noch nicht testen, wie gut es ist. Aber bei Langenscheidt erwarte ich zumindest, daß es besser ist als die bisher verfügbaren Online-Lösungen.

Aus der Geschichte Irans und Afghanistans: Mas’ûd verhandelt mit dem Herrscher von Esfahân

Heute geht es mit der Nacherzählung von Beyhaqîs „Geschichte des Mas’ûd von Ghazna“ weiter. Den ersten Teil finden Sie hier. Ein Verzeichnis mache ich bei Gelegenheit mal, wenn ich ein paar weitere Folgen dieser „Mas’ûd-Serie“ publiziert habe.

Mas’ûd verhandelt mit ‚Alâ‘ od-Doule von Esfahân (damals: Sepâhân), dem „Sohn des Kâkû“

Nach dem Ende der Trauerfeierlichkeiten bestimmte Amîr Mas’ûd einen Gesandten und schickte ihn zu Bû Dscha’far-e Kâkû ‚Alâ‘ od-Doule (dem Herrscher von Esfahân, bei dem auch Avicenna/Ibn Sînâ unterkam). Die Distanz war nicht groß.

Bereits bevor diese Nachricht ihr Ziel erreichte, hatte der Befehlshaber der Gläubigen einen Brief geschickt und Fürsprache eingelegt: ‚Alâ‘ od-Doule solle Sepâhân zurückbekommen und der  Stellvertreter des Amîr Mas’ûd sein. Außerdem solle er alle vereinbarten Abgaben herausgeben.

Die Botschaft Mas’ûds

Bisher hatte man den Überbringer dieser Botschaft hingehalten, der in Erwartung einer Antwort vor Ort geblieben war. Doch jetzt erschien Amîr Mas’ûd dieser Umstand als günstige Gelegenheit, um die Verhandlungen mit ‚Alâ‘ od-Doule aufzunehmen. Das Schreiben an ihn lautete so:

Wir kommen der Fürbitte des Befehlshabers der Gläubigen gehorsamst nach, denn von Herren wie ihm bekommen Diener wie Wir keine Fürbitten, sondern Befehle.

Wir hatten Wichtigeres vor als die Eroberung von Sepâhân, und es läßt sich kein würdigerer Statthalter finden als der Amîr ‚Alâ‘ od-Doule. Wenn Wir nicht anfangs, als Wir es auf dieses Gebiet abgesehen hatten und Gesandte mit einem Ultimatum schickten, Feindseligkeit und Eigensinn erfahren hätten, so wäre dieses Unheil gar nicht erst geschehen.

Doch was kann man tun? Was geschehen soll, das wird auch geschehen.

Nun hat sich die Sachlage geändert. Wir haben die weiteren Eroberungspläne aufgegeben, denn Wir haben eine unaufschiebbare Sache vor Uns. Wir ziehen nach Chorâsân, da der große Sultan hingeschieden ist und die Angelegenheiten des Reiches dort gewaltig vernachlässigt worden sind. Wir halten es für wichtiger, uns dem Stammland zu widmen als den Randgebieten, vor allem da es weit fort ist und sonst Zeit verlorengeht.

Über Rey, Târom und die anderen eroberten Gebiete wird ein Militärstatthalter eingesetzt, so daß in Unserer Abwesenheit auf keinen Fall Schaden entsteht.

Doch wenn jemand Wunschträume hegt und nach einer Gelegenheit sucht, um sie zu verwirklichen, so wird das gerade so lange gutgehen, bis Wir den Thron des Vaters bestiegen haben. Auf keinen Fall werden Wir dieses Gebiet in Zukunft vernachlässigen, denn Wir haben seine guten und schlechten Seiten gesehen und kennen es jetzt. Vom Thron des Vaters aus werden Wir die Maßnahmen für dieses Gebiet in anderer Weise vornehmen. In Chorâsân sind, Gott sei Dank, tapfere Männer, Gerät und Ausrüstung zur Genüge vorhanden.

Jetzt ist es notwendig, daß der Amîr diese Sache umgehend erledigt und nicht durch Fragen und Antworten verzögert, damit Wir mit reifen Früchten von hier zurückkehren.

Der Amîr soll aber nicht auf irgendwelche Betrüger hören, die ihm vielleicht sagen: „Angesichts unserer eigenen Schwäche müssen wir uns arrangieren. Immerhin ist Mas’ûd im Aufbruch begriffen. Wie lange wird er sich wohl noch hier aufhalten können?“

Man soll das nicht für bare Münze nehmen und nicht auf solche Worte hören, denn Unser Argwohn ist groß. Und wenn Wir aus Argwohn zurückkehren müssen, wird diese Angelegenheit auf andere Weise angepackt werden.

Mit Grüßen.

Der Gesandte ritt los und überbrachte diese Botschaft. Der Sohn des Kâkû hörte sich alles gut an, betrachtete es als ausgesprochenen Glücksfall und gab eine freundliche Antwort.

Die Einigung

Nach drei Tagen Verhandlungen vereinbarten sie, daß ‚Alâ‘ od-Doule der Stellvertreter des Amîr in Sepâhân sein solle, wenn sich dessen Abwesenheit ergebe. Zusätzlich zu den Geschenken zu Nourûz und zum Herbstfest Mehrgân solle er jährlich 200.000 Dînâr reines Gold, 10.000 Ballen Stoffe von jeder Qualität aus der dortigen Produktion, arabische Pferde, gesattelte Maulesel und Reiseausrüstung jeder Art als Abgabe zahlen.

Amîr Mas’ûd – Gott möge Wohlgefallen an ihm finden! – nahm seine Entschuldigung an, belohnte den Gesandten reichlich und befahl, auf den Namen Bû Dscha’far-e Kâkû (‚Alâ‘ od-Doule) eine Urkunde über Sepâhân und Umgebung auszustellen. Außerdem stellte man ein kostbares Ehrengewand her und sandte es ab.

Ende der Erzählung des Sekretärs Tâher, die Beyhaqî wiedergegeben hat. Fortsetzung folgt …

Nachsatz

Die heutige Nacherzählung ist zwar nur kurz, und es passiert nicht allzu viel. Trotzdem finde ich sie köstlich. Natürlich ist die Ausdrucksweise von Mas’ûds Botschaft auch mit meinen Vereinfachungen noch gewöhnungsbedürftig. Aber es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, daß Mas’ûd seinem Gegner nicht nur vorwirft, daß er nicht von Anfang an kapituliert hat, sondern ihm auch unverhohlen droht, sollte er in Zukunft auf dumme Gedanken kommen.

Ich frage mich ja, ob das den guten ‚Alâ‘ od-Doule sonderlich beeindruckt hat, denn zu diesem Zeitpunkt stand Mas’ûds Thronanspruch auf sehr wackligen Füßen. Er konnte also noch gar nicht über die beachtliche ghaznavidische Streitmacht verfügen und auch nicht sicher sein, daß sich das in naher Zukunft ändern würde. Für mich klingen seine Drohungen deshalb nach ziemlich viel heißer Luft. 😉

Nun, wir werden noch sehen, wie sich die Geschicke der westlichen Provinzen unter Mas’ûds Herrschaft weiter entwickelten.

Noch schöner finde ich den Umgang mit der Fürbitte des Kalifen, der ja formal der Oberherr aller muslimischen Herrscher war. Aber auch über das Verhältnis der Ghaznaviden zum Kalifen werden Sie noch das eine oder andere hören. 🙂

Quelle

Beyhaqī, Ḫvāǧe Abū l-Fażl Moḥammad b. Ḥoseyn: Tārīḫ-e Beyhaqī. Hrsg. v. ʿAlī Akbar Fayyāż. Mašhad 1350 š/1971. S. 15-17.

Abu’ l-Fażl Beyhaqi: The History of Beyhaqi: The History of Sultan Mas’ud of Ghazna, 1030-1041. 3 vols. Transl. with a historical, geographical, linguistic and cultural commentary and notes by C.E. Bosworth. Fully revised and with further commentary by Mohsen Ashtiany (= ILEX Foundation Series; 6). Cambridge, MA/London: Harvard University Press, 2011. Bd. 1. S. 97f.

Khalifeh-Soltani, Iradj/Susanne Kurz: „Band 5 des Tārīḫ-e Beyhaqī in deutscher Übersetzung“. In: Spektrum Iran 3 (2006) 23-72. S. 30f.

Bildnachweis

E-Book-Cover: Linda Woods
Shutterstock.com: aopsan
Malek-Bibliothek Teheran: Hs. Nr. 3865, Tārīḫ-e Beyhaqī, S. 117-118.

Rückschau auf 2015 und Ausblicke auf 2016

Ich bin dieses Wochenende immer noch in meinem Weihnachts- und Endjahresurlaub und fange erst kommende Woche wieder richtig mit dem Bloggen an.

Deshalb melde ich mich heute nur ganz kurz mit meinem Jahresrückblick und einigen Überlegungen dazu, wie es 2016 weitergehen soll – oder zumindest könnte.

Jahresstatistik 2015

Jahresstatistik 2015

Wie Sie sehen, hat sich der Blog im Laufe des Jahres 2015 stetig weiterentwickelt und mehr Besucher angezogen als im Vorjahr. Und das obwohl ich immer noch nicht wirklich zum Stöbern und Kommentieren auf anderen Blogs gekommen bin.

Immerhin habe ich den Blog auf ein paar Verzeichnisseiten eingetragen. Das hat eine ganze Menge Arbeit gekostet, aber es hat sich wohl gelohnt. Jedenfalls wurde mein Blog schon deutlich öfter über Suchmaschinen gefunden als zuvor.

Seit ein paar Wochen nutze ich auch meinen Twitteraccount häufiger. Dort retweete ich interessante Beiträge und schöne Bilder, mache auf meine Blogbeiträge aufmerksam und teile gelegentlich auch Gedanken mit.

Noch ist das ausbaufähig. Ich bin gespannt, wie sich meine Aktivitäten im Jahr 2016 entwickeln. Denn immer noch scheint mir: Da geht mehr. 🙂

Für 2016 habe ich deshalb geplant, einen Instagram-Account zu eröffnen und dort meine Reise- und Teppichbilder zu verwerten. Wahrscheinlich werde ich mit Zitaten aus der persischen Literatur arbeiten. Vielleicht ergibt sich daraus mit der Zeit auch eine „Zitate-Ecke“ für den Blog.

Wann ich dazu komme, mit Instagram zu starten, ist aber noch nicht klar. Im kommenden Sommersemester habe ich nämlich einen recht anspruchsvollen und zeitaufwendigen „Job“. Die Vorbereitungen beginnen gleich am Montag.

Das wird sich wohl auch auf die Inhalte der Blogartikel auswirken. Vermutlich wird das ein guter Anlaß sein, mich wieder einmal in kürzeren Artikeln zu üben. Für Sie hat das den Vorteil, daß Sie nicht so lange zum Lesen brauchen werden.

Inhaltlich wird es auf jeden Fall noch mehr Beyhaqî-Nacherzählungen geben, vielleicht auch Nacherzählungen anderer Texte aus der klassischen persischen Literatur. Außerdem kommen möglicherweise die Moguln und das persischsprachige Indien mehr zu ihrem Recht. Womöglich kommen Sie bei der Gelegenheit auch in den Genuß, mehr aus der Werkstatt der Universitätslehrerin zu erfahren.

Ein paar weitere biographische Artikel zu Dichtern, Denkern und anderen Persönlichkeiten wären ebenfalls denkbar. Und natürlich schulde ich Ihnen immer noch eine Filmbesprechung zum „Medicus“, die Fortsetzung einiger „angebrochener“ Themen, ganz eindeutig mehr Dichtung und schließlich ein paar Gastbeiträge zur vorislamischen Geschichte Irans – wenn ich die passenden Gastautoren dazu bewegen kann.

Was ich davon im Jahr 2016 abarbeiten werde, wird sich zeigen. In jedem Fall freue ich mich darauf, ab nächster Woche mit frischer Kraft an die Arbeit zu gehen.

Haben Sie Themenvorschläge? Dann schreiben Sie einen Kommentar!

Für heute wünsche ich allen meinen Lesern einen guten Start im Jahr 2016. Möge alles, was Sie sich für dieses Jahr wünschen, in Erfüllung gehen! 🙂

Das Osterspecial paßt auch zu Weihnachten

Wie schon gesagt: Sie bekommen über die Weihnachtsferien etwas zu lesen, wenn Sie möchten – nur eben nichts Neues. Deshalb habe ich heute einen etwas älteren Gastbeitrag für Sie aus der Mottenkiste gezogen. Er kam ursprünglich letzte Ostern heraus, paßt aber auch zu Weihnachten.

Zum Beitrag über Jesus im Islam geht es hier entlang…

Ich hoffe, Sie hatten schöne Feiertage, und wünsche Ihnen einen guten „Rutsch“ ins Jahr 2016! Dann lesen Sie auch wieder von mir. 🙂

Bräuche und Hintergründe zu „Schab-e Yaldâ“

Vom 21. auf den 22. Dezember ist wieder Schab-e Yaldâ. Kürzlich habe ich anläßlich meiner Rabattaktion bereits einiges zu Schab-e Yaldâ und Weihnachten erzählt. Deshalb wird dieser Artikel heute ein bißchen kürzer werden als sonst.

Wie Sie schon wissen, ist Schab-e Yaldâ die längste Nacht des Jahres, die den Menschen deshalb von alters her Furcht eingejagt hat. Im Alten Iran nahm man beispielsweise an, daß in den Nächten die bösen Mächte aktiv seien. Daher dachte man, daß sie in der längsten und dunkelsten Nacht des Jahres besonders stark seien.

Aus diesem Grund mußte man sich in acht nehmen: Am besten sollte man die Nacht über wach bleiben und sich in der Gesellschaft von vertrauten Menschen wie Freunden und Verwandten aufhalten. Daraus entwickelte sich mit der Zeit ein Familienfest.

Zu dieser Gelegenheit versammelt sich die Großfamilie beim Ältesten der Familie und ißt zusammen. Dabei spielen verschiedene Früchte und Süßigkeiten eine Rolle. In manchen Regionen glaubt man, daß man vierzig verschiedene Sorten von Lebensmitteln anbieten solle.

Wichtig sind vor allem vom Sommer aufgehobene Wassermelonen und Granatäpfel. Vor ein paar Tagen habe ich gehört, daß es in einer iranischen Zeitung die Meldung gab, es seien genügend Wassermelonen und Granatäpfel vorhanden. 😉 Im Wikipedia-Artikel zu Schab-e Yaldâ finden Sie ein hübsches Bild zur traditionellen Tischdekoration beim Schab-e-Yaldâ-Essen.

An das Essen knüpfen sich auch mannigfache magische Vorstellungen. So soll das Verspeisen von Wassermelonen an Schab-e Yaldâ im Sommer vor Krankheiten durch Hitze schützen. In Chorâsân glaubt man, daß der Verzehr von Karrotten, Birnen, Granatäpfeln und grünen Oliven vor gefährlichen Stichen und Bissen (z.B. von Skorpionen).

Nach dem Essen unterhalten die älteren Familienmitglieder die Jüngeren mit Geschichten und Anekdoten, und man führt am Dîvân (also der Gedichtsammlung des Hâfez) Orakel durch.

Sie funktionieren ungefähr wie unser „Bibelstechen“: Man stellt lautlos eine Frage und schickt dem Dichter gute Wünsche, während man eine beliebige Seite aufschlägt. Die ersten beiden Verse des Gedichtes auf der davor liegenden Seite enthalten dann die Antwort. Als sogenannten „Zeugen“ (schâhed) nimmt man auch noch die ersten drei Verse des folgenden Gedichtes hinzu.

Auch aus dem Schâhnâme des Ferdousî wird gelesen, und es gibt weitere Bräuche, die sich zum Teil in den verschiedenen Regionen Irans unterscheiden. Zum Beispiel dürfen junge Männer, die eine Verlobte haben, diese anläßlich Schab-e Yaldâ/Tschelle besuchen, um ihr Geschenke zu bringen. Das besondere dabei ist, daß sie auch bei ihrer Verlobten übernachten dürfen.

Zumindest gibt die persische Wikipedia das für das heutige Chorâsân an. Dort findet man auch die Information, daß Schab-e Yaldâ/Tschelle in Aserbaidschan, Afghanistan, Tadschikistan und Pakistan ebenfalls gefeiert wird.

Das sind große Teile der „Persophonie“, der durch die persische Sprache und die durch sie transportierte Kultur seit langem geprägten Großregion.

Ich habe auch gelesen, daß in Iran auf dem Land an Schab-e Yaldâ Feuer angezündet werden. Das wäre eine Gemeinsamkeit mit anderen Festen wie z.B. dem Winterfest namens Sade, das Ende Januar gefeiert wird.

Es gibt Vermutungen, daß es ursprünglich rund um die Wintersonnwende stattfand, also zum selben Zeitpunkt wie Schab-e Yaldâ. Durch die Kalenderreformen unter Bûyiden und Seldschuken habe sich das Fest dann auf Ende Januar verschoben.

In jedem Fall ist die Bezeichnung Schab-e Yaldâ erst aus islamischer Zeit bekannt. „Yaldâ“ ist aramäisch und bedeutet Geburt, was sich sowohl auf die Geburt des Sonnengottes als auch auf Weihnachten beziehen kann. So ganz klar sind die Zusammenhänge und Abfolgen hier nicht.

Eine weitere Bezeichnung ist Schab-e Tschelle oder „Nacht der Vierzig“. Damit ist die Nacht vor dem Beginn der ersten vierzig Tage des Winters gemeint.

Am Tag nach Schab-e Yaldâ/Tschelle, dem 1. Dey, gab es jedenfalls ebenfalls ein traditionelles Freudenfest, denn nun wurden ja die Tage wieder länger. Die davor liegende, lange und dunkle Yaldâ-Nacht war, wie schon erwähnt, ursprünglich mit Gefühlen der Furcht verbunden.

Dichter vergleichen jedoch gelegentlich die Locken der/des Geliebten mit Schab-e Yaldâ. Das tertium comparationis, also die Ähnlichkeit, auf die sich der Vergleich bezieht, ist hier die Länge oder Dunkelheit (oder beides zusammen).

Und damit möchte ich Ihnen eine schöne „Yaldâ-Nacht“ und auch gleich angenehme Weihnachtsfeiertage wünschen!

In meiner Familie gibt es nämlich am 21. Dezember tatsächlich eine Geburtstagsfeier, und danach beginne ich in diesem Jahr meine Weihnachts- und Neujahrspause. Das heißt nicht unbedingt, daß Sie hier bis zum 9./10. Januar gar nichts zu lesen bekommen – nur möglicherweise nichts Neues. 🙂

Literatur

zusätzlich zu den im Text verlinkten Artikeln:

Anna Krasnowolska, “Sada Festival,” Encyclopædia Iranica, online edition, 2009, available at http://www.iranicaonline.org/articles/sada-festival (aufgerufen am 20 Dezember 2015).

Mahmoud Omidsalar, “Čella. 1. In Persian folklore,” Encyclopædia Iranica, online edition, 1990, available at http://www.iranicaonline.org/articles/cella-term-referring-to-any-forty-day-period (aufgerufen am 20 Dezember 2015).

Omar Khayyams umstrittene Botschaft

Im ersten Teil meiner Omar-Khayyam-Miniserie haben Sie erfahren, warum manche Forscher bezweifelt haben, daß Omar Khayyam überhaupt jemals Vierzeiler gedichtet hat. Doch selbst wenn wir annehmen, daß einige der Vierzeiler wirklich von Khayyam stammen, wissen wir deshalb noch längst nicht, was er uns damit eigentlich sagen wollte.

Ich habe Ihnen ja erläutert, daß und warum ich es durchaus für wahrscheinlich halte, daß Khayyam Vierzeiler gedichtet hat. Mehdi Aminrazavi, der Verfasser der aktuellsten Khayyam-Monographie in einer europäischen Sprache, ist darüber hinaus der Meinung, daß Khayyams Gedankenwelt auch in den unechten, Khayyam nur zugeschriebenen Vierzeilern erkennbar sein müßte.

Darauf kommt er deshalb, weil ihm in allen Vierzeilern eine „Familienähnlichkeit“ aufgefallen ist. Im wesentlichen besteht diese aus ähnlichen Motiven, Metaphern und Gedanken.

Ein Vierzeiler mit Metaphern und einer Gedankenführung, wie sie als typisch für Khayyam gelten, ist dieser hier:

Wie ich verliebt, der Krug einst klagend sang
Und sehnte sich nach der Geliebten bang;
Einst war der Henkel, den am Hals du siehst,
Sein Arm, der sich um ihren Nacken schlang.
(Naghed/von der Porten, Nr. 9, S. 24f)

Wenn es in den erhaltenen Vierzeilern eine so deutliche Ähnlichkeit gibt, so ist anzunehmen, daß die Gemeinsamkeiten der erhaltenen Vierzeiler auch Eigenarten der echten, ursprünglichen Khayyam-Vierzeiler waren. Deshalb wurden die unechten Vierzeiler ihm überhaupt zugeschrieben.

Nur wenn man diese Überlegungen voraussetzt, kann man die Khayyam zugeschriebenen Vierzeiler verwenden, um sich ein Bild von seiner Botschaft zu machen. Denn wir haben ja keine Möglichkeit herauszufinden, ob die echten, wirklich von Khayyam verfaßten Vierzeiler unter den erhaltenen Vierzeilern sind.

Mir scheinen Aminrazavis Überlegungen durchaus berechtigt. Schauen wir also einmal, was dabei herauskommt, wenn man in den Vierzeilern nach Omar Khayyams Botschaft sucht!

Gegensätzliche Interpretationen

Die Übersetzer des 19. Jahrhunderts scheinen besonderen Gefallen an skeptisch und epikureisch anmutenden Tönen gefunden zu haben. So wurde Khayyam für sie zur Verkörperung des orientalischen Weisen, der zum Genuß des flüchtigen Lebens aufruft. Alles, was über ein Jenseits gepredigt wurde, schien er anzuzweifeln.

Vierzeiler wie dieser hier klingen da recht eindeutig:

Chajjâm, solang du trunken bist vom Wein, sei glücklich –
Solang im Schoße dir ein Mägdelein, sei glücklich –
Und da der Dinge Ende ist das Nichts,
So bilde, daß du nichts bist, stets dir ein! sei glücklich!
(Naghed/von der Porten, Nr. 16 d. „echten Verse“, S. 140f)

In diesem Fall bildet die Übersetzung übrigens tatsächlich das Reimschema des Originals nach, bei dem der Reim auf dem Ende des vorletzten Wortes liegt und danach die Wiederholung derselben Wortfolge steht.

Auf der anderen Seite wurden (und werden bis heute) aber auch Stimmen laut, die eine mystische Interpretation der Vierzeiler propagierten und Khayyam zum Sufi machen wollten. Demnach wären Begriffe wie „Wein“ und „Rausch“ nicht einfach wörtlich zu verstehen, sondern als Metaphern für Aspekte der mystischen Erkenntnis zu interpretieren. Auch dafür läßt sich bei manchen Vierzeilern recht gut argumentieren, wenn auch sicher nicht bei allen.

Oder doch nicht so gegensätzlich?

Beides geht nicht gut zusammen: Zweifel am Sinn des Weltenlaufs, das Eingeständnis der eigenen Ratlosigkeit und die Aufforderung, angesichts der allgegenwärtigen Vergänglichkeit den flüchtigen Moment mit sinnlichen Vergnügungen zu feiern, passen nicht so recht zur intuitiven oder gar ekstatischen Erkenntnis des Gottsuchers.

Gräbt man allerdings etwas tiefer, so geht die Konzentration des Epikureers auf den gegenwärtigen Moment womöglich doch nicht so schlecht mit dem durch Meditation erreichbaren Gefühl des Vereintseins mit dem Göttlichen zusammen.

Denn Meditation zielt letztlich auf das Ausschalten des Gedankenstroms, der uns immerzu in Zukunft und Vergangenheit trägt und beständig vom gegenwärtigen Augenblick trennt – dem Augenblick, dessen volle Wahrnehmung im reinen Sein mit dem Verschmelzungserlebnis der Mystiker verwandt, wenn nicht identisch sein dürfte.

Nichts anderes als eine Form der Meditation betreiben ja auch die Sufis mit ihrem vierzigtägigen Rückzug von der Welt oder wenn sie sich mit eintönigen Wortwiederholungen und rhythmischen Bewegungen in eine Trance wiegen.

Der Fokus auf den Augenblick wird zum Beispiel hier deutlich:

Wie Wasser in dem Strom, wie Wüstenwind
Die Tage spurlos mir vergangen sind.
Zwei Tage haben niemals mich gegrämt:
Der Tag, der war, und der der Zukunft Kind.
(Naghed/von der Porten, Nr. 20, S. 32f)

Doch diese Lesart stammt nur aus meinen freien Assoziationen. Und sie läßt sich wohl kam durch alle Vierzeiler verfolgen. Trotzdem zeigen sie vielleicht einen Blickwinkel auf, aus dem klar wird, wie so gegensätzliche Interpretationen möglich sind.

Die Fragen des Zweiflers

Doch die quälend zweifelnde, vielleicht nahezu verzweifelnde Haltung des Fragers und Suchers, der sich schließlich aus Mangel an Antworten für den Genuß des Augenblicks entscheidet, scheint wieder etwas ganz anderes zu sein als die Erleuchtung eines weit vorangeschrittenen Mystikers.

Hier noch einmal das Beispiel aus dem ersten Teil, dieses Mal in der poetischen Übertragung des Walter von der Porten (Rempis habe ich immer noch nicht vorliegen):

Von diesem Kreis, in dem wir uns hier drehn,
Kann ich nicht Anfangspunkt noch Endpunkt sehn.
Und keiner sagt mir, wo wir kamen her,
Und keiner weiß, wohin von hier wir gehn.
(Naghed/von der Porten, Nr. 11 d. „echten Verse“, S. 136f)

Ähnlich klingt dieser Vierzeiler:

Du stammst von Elementen vier und sieben Sphären,
Was kann dich Grübeln über vier und sieben lehren?
Trink Wein! Ich habe dir’s schon hundertmal gekündet:
Wenn du einst gehst, wirst du zur Welt nicht wiederkehren.
(Naghed/von der Porten, Nr. 13 d. „echten Verse“, S. 138f)

Mich haben die Khayyam-Vierzeiler vom ersten Moment an unmittelbar angesprochen, weil ich sie nie allegorisch gelesen habe. Zu mir haben aber auch nicht die Bilder von Wein, Liebe und Lebensgenuß gesprochen, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert epikureisch gedeutet wurden.

Nein, mich hat dieser Mensch angesprochen, der nach dem Sinn von allem fragt und seinem brillanten Verstand zum Trotz keine Antwort findet. Auch die Widerborstigkeit, die Behauptung eines eigenen Denkens und Wesens in einer Welt des Konformismus empfinde ich als vertraut. Doch dazu kommen wir zum Schluß noch einmal.

Aminrazavis Khayyam

Meinen persönlichen Bezug zu Khayyam habe ich jedenfalls mit Mehdi Aminrazavi gemeinsam. Nur hat er sich die Mühe gemacht, eine Monographie über Khayyam und seine „Denkschule“ zu verfassen. Daher wenden wir uns nun seiner Deutung zu.

Nach Durchsicht von Khayyams philosophischen Werken und der Überlieferungen zu seinem Leben und Wirken kommt er zu dem Schluß, daß unser Dichterphilosoph keineswegs die Existenz Gottes in Frage gestellt hat. Vielmehr identifizierte er die Wahrheit mit Gott. Wie es aussieht, hielt er sich auch an die Regeln seiner Religion und verstand sich zweifellos als Muslim.

Trotzdem war Khayyam zu intelligent, gebildet und reflektiert, um nicht die üblichen Fragen des Zweiflers zu stellen: nach dem Sinn des Lebens, nach dem Platz des Bösen in der Welt und welchen Reim wir uns auf die Welt machen können, wenn wir zugleich einen gerechten Gott annehmen wollen. Hier befriedigten ihn die Antworten der Religion nicht – zumindest nicht in der konventionellen Lesart.

Er setzt die Wahrheit mit Gott gleich, dessen Existenz er logisch bewiesen hat, zumindest so, daß es ihn selbst zufriedenstellte. Sein rationaler, wissenschaftlicher Verstand jedoch akzeptierte keine der religiösen Standardantworten auf die großen Rätsel der menschlichen Existenz und konnte sie auch nicht akzeptieren. Tatsächlich ging er sogar so weit zu sagen, daß niemand die Wahrheit über solche Dinge wisse und daß es daher keinen Sinn habe, darüber zu spekulieren.
(Aminrazavi, S. 282)

In den wesentlichen Detailfragen war Khayyam nach dieser Interpretation dann doch ein Agnostiker – auch wenn er die Existenz Gottes nicht in Zweifel zog und in einem seiner wissenschaftlichen Traktate sogar die Wahrheitssuche der Sufis als den besten Weg bezeichnete (Aminrazavi, S. 136).

Khayyam gehört sich selbst

Doch wahrscheinlich sollte man darauf verzichten, Khayyam eindeutig einordnen oder auf eine bestimmte Botschaft festlegen zu wollen. Schließlich sind die „Khayyam-Vierzeiler“ für alle da.

Solange man seine Interpretation nachvollziehbar an den Texten begründen kann und damit andere überzeugt, hat man eine gültige Lesart. Allerdings nur EINE, nicht DIE Lesart. 😉

Mein persönliches Motto ist ja der Schluß dieses Vierzeilers, den ich natürlich für ausgesprochen „khayyamisch“ halte:

Wenn ich vom Wein der Magier trunken bin, so bin ich’s,
Wenn ich ein Ungläubiger, Feueranbeter oder Götzendiener bin, so bin ich’s,
Jede Gruppe hat einen Verdacht gegen mich,
Ich gehöre mir selbst, so wie ich bin, so bin ich.

Und weil diese Prosafassung mal wieder nicht annähernd den Reiz des Originals wiedergibt, in Ermangelung einer hübschen Nachdichtung hier noch einmal die Umschrift des persischen Originals:

Gar man ze mey-e moghâne mast-am, hastam,
Gar kâfar-o gabr-o bot-parast-am, hastam,
Har tâyefe-î be man gomân-î dârad,
Man z-ân-e chod-am, tschenân-ke hastam, hastam.

(Hedâyat, Nr. 74, S. 92)

Damit möchte ich diesen Ausflug zu Khayyam und seinen Vierzeilern zumindest vorläufig beschließen, mit meinem Motto und Khayyams eigenen Worten (oder dem, was ich gern dafür halten möchte):

Ich gehöre mir selbst, so wie ich bin, so bin ich.

Quellen und Literatur

Mehdi Aminrazavi: The Wine of Wisdom: The Life, Poetry and Philosophy of Omar Khayyam. Oxford: Oneworld Publications, 2005. S. 136, 278-282.

Sâdegh Hedâyat: Tarâne-hâ-ye Khayyâm. 4. Aufl. Tehrân: Amîr-Kabîr, 1342 sch./1963.

Omar Chajjam: Wie Wasser im Strom, wie Wüstenwind: Gedichte eines Mystikers. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. v. Khosro Naghed. Übers. nach der Bodley’schen Handschrift von Walter von der Porten. Meerbusch: Edition Orient, 1992.

Aus der Geschichte Irans und Afghanistans: Was nach dem Tode des Mahmûd von Ghazna geschah

Für alle Khayyam-Fans: Der zweite Teil der Khayyam-Miniserie kommt demnächst. Diese Woche hatte ich sehr viel mit einem neuen Projekt zu tun, und mein Beitrag über die umstrittene Botschaft der Khayyam zugeschriebenen Vierzeiler erfordert eine gewisse Sorgfalt. Dafür blieb nicht genug Zeit. Deshalb muß ich Sie noch einmal vertrösten. Manchmal will gut Ding eben tatsächlich Weile haben. 😉

Aber ich dachte mir, es könnte Ihnen Freude machen, einen ersten Vorgeschmack darauf zu bekommen, wie eine Nacherzählung der Geschichte Mas’ûds von Ghazna aussehen könnte. Daher fange ich heute einfach einmal damit an. Es handelt sich dabei nicht um eine direkte Übersetzung von Abo l-Fazl-e Beyhaqîs „Geschichte des Mas’ûd“, sondern um eine Nacherzählung aus meiner Feder.

Trotzdem verbinde ich damit natürlich den Hintergedanken, daß Sie womöglich Lust darauf bekommen, meine Weihnachts-/Yaldâ-Rabattaktion zu nutzen und mein E-Book zu erstehen, sofern Sie es noch nicht haben. 😉

Meine Nacherzählung beginnt mit Ereignissen, die in den erhaltenen Teilen von Beyhaqîs Geschichtswerk gar nicht ausführlich beschrieben werden. Die entsprechenden Passagen sind verloren gegangen. Um Ihnen das Verständnis zu erleichtern, habe ich sie an den Anfang gesetzt, wie es auch irgendein Kopist des Geschichtswerkes getan hat. Deshalb findet man in den Handschriften eine ziemlich sicher erst später hinzugefügte Zusammenfassung dieser Ereignisse.

Was geschah nach Mahmûds Tod?

Im Jahre 1029 hatte Mahmûd von Ghazna einen erfolgreichen Feldzug nach Rey unternommen. (Heute ist Rey ein Vorort Teherans.) Er übergab das Gebiet seinem Sohn und ursprünglichen Erben Mas’ûd und kehrte nach Hause zurück.

Während Mas’ûd das eroberte Gebiet sicherte und dann weiter nach Esfahân zog, ernannte Mahmûd einen anderen Sohn, Mohammad, offiziell zu seinem Thronfolger. Bereits im April 1030 starb Mahmûd und ließ die Würdenträger mit einem Problem zurück.

Mas’ûd galt als begabter militärischer Führer und war bei den Truppen der Ghaznaviden entsprechend beliebt. Doch er befand sich weit im Westen des Reiches und schickte sich an, noch weiter fortzuziehen, denn er wollte Hamadân und dann Bagdâd erobern.

Mohammad dagegen hielt sich in Gouzgânân auf, einem Ort, der nicht allzu weit von der Hauptstadt Ghazna entfernt war. Außerdem hatte Mahmûd ihn ausdrücklich zu seinem Nachfolger ernannt.

Was also tun? – Die Würdenträger unter der Führung des Großkammerherrn ‚Alî-ye Qarîb kamen zu dem Schluß, man könne die Ordnung am ehesten aufrecht erhalten, wenn man Mohammad nach Ghazna holte und auf den Thron seines Vaters setzte. Also taten sie das.

Allerdings sollte sich bald zeigen, daß Mas’ûd ganz und gar nicht damit einverstanden war, seinem Bruder die Herrschaft über Ghazna zu überlassen.

Mas’ûd erfährt vom Tod seines Vaters (nach Beyhaqî)

Amîr Mas’ûd befand sich in Esfahân und wollte in Richtung Hamadân und Dschebâl aufbrechen. Seinen Kammerherrn und Heerführer Tâsch Farrâsch wollte er als Statthalter dort zurücklassen.

Man hatte das königliche Zelt bereits aus der Stadt gebracht und war zum Aufbruch bereit, als plötzlich am Dienstag, dem 26. Mai 1030, die Nachricht vom Tode seines Vaters eintraf. Später, als die Geschäfte geordnet waren, erzählte mir der Sekretär Tâher:

Am späten Vormittag jenes Tages rief mich Amîr Mas’ûd zu einem vertraulichen Gespräch. Er eröffnete mir: „Mein Vater ist hingeschieden, und man hat meinen Bruder auf den Thron berufen.“

Dann warf er mir einen Brief hin und befahl mir, ihn zu lesen. Er stammte von seiner Tante Horre-ye Chottalî (einer Schwester Mahmûds) und lautete wie folgt:

Unser Herrscher, Sultan Mahmûd – Gottes Barmherzigkeit über ihn! – ist am Donnerstag, sieben Tage vor Ende des Rabî‘ II (30. April 1030), zur Zeit des Nachmittagsgebetes hingeschieden, und damit sind unsere glücklichen Tage zu Ende gegangen. Ich und sämtliche Frauen sind in der Festung von Ghazna. Übermorgen geben wir seinen Tod bekannt. Zum Nachtgebet hat man den Herrscher begraben.

Die Geschäfte laufen jetzt alle über den Kammerherrn ‚Alî ab. Gleich nach dem Begräbnis sind Eilboten nach Gouzgânân aufgebrochen, um Mohammad hierher zu holen, damit er sich auf den Thron setzt. Wegen der großen Liebe, die ich für Dich, mein lieber Junge, empfinde, habe ich in derselben Nacht diesen kurzen Brief aufgesetzt und befohlen, zwei Eilboten so schnell wie möglich damit zu Dir zu schicken.

Du weißt, daß Dein Bruder dieser großen Sache nicht gewachsen ist. Wir Frauen und die Schätze sind schutzlos. Du mußt das Zepter möglichst bald in die Hand nehmen, denn Du bist der wahre Thronfolger Deines Vaters. Laß dieses Gebiet, das Du erobert hast. Du kannst immer noch Gebiete erobern. Doch wenn erst die Nachricht vom Tode Deines Vaters bekannt wird, dann wird es brenzlig. Am wichtigsten sind Ghazna und Chorâsân. Alles andere ist zweitrangig.

Bedenke gut, was ich Dir geschrieben habe, und komm rasch her, damit wir und der Thron des Reiches nicht verloren gehen. Schicke die Boten rasch zurück, ich erwarte sie sehnsüchtig. Über alles weitere werde ich Dir schriftlich berichten.

Als ich das gelesen hatte, sagte ich: „Das Leben des Gebieters möge lang währen! Darüber muß man nicht weiter beraten: Sie hat sehr gute Ratschläge erteilt, die man in die Tat umsetzen muß. Wir dürfen das niemandem verraten.“

Amîr Mas’ûd antwortete: „So ist es, und genauso werde ich es machen, so Gott – er ist erhaben und mächtig – will. Trotzdem müssen wir eine Ratsversammlung abhalten. Geh und schicke Boten an den Heerführer Tâsch Farrâsch, den Großkammerherrn Âltûntâsch und die übrigen Würdenträger und Militärführer, damit Wir ihnen die Neuigkeiten mitteilen und Uns ihre Ansicht anhören!“

Ich tat wie befohlen, und die Würdenträger kamen zur Versammlung. Als alle Platz genommen hatten, erklärte ihnen Amîr Mas’ûd die Lage und ließ mich das Schreiben seiner Tante vorlesen.

Als ich damit fertig war, sagten sie: „Das Leben des Herrschers möge lang währen! Es ist ein großer Segen, daß die Fürstin uns so zeitig in Kenntnis gesetzt und diese Nachricht uns erreicht hat, ehe Seine Majestät zu weiteren Eroberungszügen aufgebrochen ist. Anderenfalls hätten wir umkehren müssen, und das hätte schlecht ausgesehen. Wie ist die Ansicht des Herrschers in dieser Angelegenheit?“

Er fragte: „Was haltet ihr für ratsam?“

Sie antworteten: „Eiligen Aufbruch.“

Er sagte: „Wir sind auch dieser Ansicht. Doch morgen werden wir zunächst befehlen, den Tod Unseres Vaters bekanntzugeben und die Trauerfeierlichkeiten abzuhalten.

Danach schicken Wir einen Gesandten an den Sohn des Kâkû (‚Alâ‘ od-Doule, den Herrscher von Esfahân) und einigen Uns mit ihm. Er wird die Neuigkeiten bis dahin schon erfahren haben und allen Vorschlägen über Tribute zustimmen, denn er weiß, daß er sie nicht zahlen muß, weil Wir sie in nächster Zeit nicht eintreiben können. Immerhin gibt Uns das später einen Grund, hierher zurückzukehren.“

Alle meinten: „Das ist sehr richtig und gut erkannt. Nichts anderes ist zu empfehlen. Je schneller Seine Majestät Chorâsân erreicht, desto besser, denn die Strecke ist weit, und die Leute von Ghazna werden auf dumme Gedanken kommen. Das würde uns Schwierigkeiten bereiten.“

Der Amîr sagte: „Zieht euch zurück. Ich werde alles noch besser durchdenken und dann befehlen, was erforderlich ist.“

Damit war die Versammlung beendet, und die Würdenträger zogen sich zurück.

Am nächsten Tag hielt der Amîr in weißem Gewand, Mantel und Turban Audienz. Alle Würdenträger, Militärführer und Einheiten des Heeres erschienen ebenfalls weiß gekleidet (d.h.: das war die Trauerfarbe). Sie erwiesen ihre Reverenz, und es herrschte große Trauer. Dem Brauch entsprechend wurden drei Tage lang Trauerfeierlichkeiten abgehalten, wie sie einem König gebührten.

Fortsetzung folgt…

Lassen Sie mich wissen, ob Ihnen die Nacherzählung gefallen hat. Wollen Sie mehr davon lesen? Ist alles gut verständlich? Sollte man den Text noch mehr straffen? Haben Sie sonst irgendwelche Vorschläge?

Quelle

Beyhaqī, Ḫvāǧe Abū l-Fażl Moḥammad b. Ḥoseyn: Tārīḫ-e Beyhaqī. Hrsg. v. ʿAlī Akbar Fayyāż. Mašhad 1350 š/1971. S. 11-15, 948f.

Abu’ l-Fażl Beyhaqi: The History of Beyhaqi: The History of Sultan Mas’ud of Ghazna, 1030-1041. 3 vols. Transl. with a historical, geographical, linguistic and cultural commentary and notes by C.E. Bosworth. Fully revised and with further commentary by Mohsen Ashtiany (= ILEX Foundation Series; 6). Cambridge, MA/London: Harvard University Press, 2011. Bd. 1. S. 83f, 94-97.

Khalifeh-Soltani, Iradj/Susanne Kurz: „Band 5 des Tārīḫ-e Beyhaqī in deutscher Übersetzung“. In: Spektrum Iran 3 (2006) 23-72. S. 27-29.

Bildnachweis

E-Book-Cover: Linda Woods
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Malek-Bibliothek Teheran: Hs. Nr. 3865, Tārīḫ-e Beyhaqī, S. 117-118.