Gärten aus Wolle und Seide: Kleine Perserteppichkunde


Ich habe in letzter Zeit des öfteren gehört, Teppiche seien aus der Mode gekommen. Wenn ich mir typische moderne Wohnungen anschaue, scheint mir das auch so: Wo nicht gerade Fliesen liegen, tritt man meist auf nacktes Parkett oder einen Bodenbelag in Holzoptik. Nicht extrem kühl, wenn die Farben stimmen, aber definitiv auch nicht flauschig.

Schade eigentlich, denn die Welt der Teppiche hat viel zu bieten. Zum Beispiel Perserteppiche: Kunstwerke in Wolle oder Seide mit farbenfrohen Mustern, manchmal auch Szenen, wie man sie sonst nur auf Bildern oder an Palastwänden findet. Besonders gern werden Pflanzen dargestellt, Blumen ebenso wie Ranken und Blätter. Auch Zypressen und Vögel kommen häufig vor. Gärten sind auch so eine Kunstform der Iraner, und das sieht man auch den Teppichen an.

Doch Perserteppiche in Deutschland zu kaufen ist teuer, sie in Iran zu kaufen riskant. Dort nämlich wird der ahnungslose Tourist gern mal um deutlich mehr Geld erleichtert, als die Ware wert ist. Wer Geld übrig hat, kann sich den Spaß natürlich gönnen. Wer dagegen in Iran kaufen will, weil er dort Qualität zu unschlagbar günstigen Preisen bekommen kann, sollte jemanden dabei haben, der sich auskennt.

Da Teppiche aber nicht mehr „in“ sind, wollen Sie wahrscheinlich keinen Perserteppich kaufen. Trotzdem will ich Ihnen diese Schmuckstücke heute näher bringen. Wer weiß: Vielleicht ändern Sie Ihre Meinung und schaffen sich doch mal einen an? Mich faszinieren Perserteppiche jedenfalls, seit ich angefangen habe, mich mit ihnen zu beschäftigen. Dabei habe ich eine klare Neigung zu Gebrauchsteppichen in kräftigen Farben.

Deshalb möchte ich Ihnen vor allem die Teppiche aus dem Bakhtiyârî-Gebiet ans Herz legen. Die Teppiche heißen nach der Region Bakhtiyârî, die Region ist nach dem gleichnamigen Stamm benannt. Bakhtiyârî-Teppiche sind robuste Gebrauchsteppiche aus Schafswolle (paschm). Besonders hohe Qualität haben alte Teppiche mit dichten Knoten und reinen Naturfarben wie dieser Tschâlschotor:

Tschâlschotor-Teppich (Marke Bakhtiyârî) von vorn
Tschâlschotor-Teppich (Marke Bakhtiyârî, Vorderseite)

Der Teppich gehört zur Marke Bakhtiyârî, ist aber zusätzlich nach seinem Entstehungsort benannt, einem Dorf im Bakhtiyârî-Gebiet. Auf dem folgenden Bild kann man sehen, wie eng die Knoten geknüpft sind. Dadurch ist der Teppich sehr fest und strapazierfähig.

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Tschâlschotor-Teppich (Rückseite): Hier kann man die Knotendichte sehen.

Je dichter die Knoten sind, desto höher ist die Verarbeitungsqualität des Teppichs, die man auch nach der Anzahl der Knoten pro Quadratmeter oder Quadratzentimeter mißt.

Nicht ganz so dicht geknüpft und daher von geringerer Qualität, wahrscheinlich auch nicht ausschließlich mit Naturfarben gefärbt ist dieser Bakhtiyârî-Teppich mit einem typischen Zypressenmuster (sarvî):

Bakthiyârî-Teppich mit Zypressenmuster (Vorderseite)
Bakthiyârî-Teppich mit Zypressenmuster (Vorderseite)

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, daß natürlich nicht nur Zypressen abgebildet sind, sondern auch Rosen. Auch das ist ziemlich typisch. Je nach Motiv werden zu Rosen auch noch Nachtigallen gruppiert, denn Rose und Nachtigall gelten auch in der Dichtung als Paar. Wie üblich sollten Sie aber auch einen Blick auf die Rückseite des Teppichs werfen:

Bakhtiyârî-Teppich mit Zypressenmuster (Rückseite)
Bakhtiyârî-Teppich mit Zypressenmuster (Rückseite)

Merke: Der Fachmann erkundigt sich im Teppichgeschäft nach der Knotendichte, hebt den Teppich an, befühlt das Material und betrachtet die Rückseite.

Das Kachelmuster, das wörtlich „Ziegelsteinmuster“ (cheschtî) heißt, ist ebenfalls beliebt. Dieser Bakhtiyârî-Teppich ist ein schönes Beispiel mit kräftigen Farben und dem erwähnten Rosen-und-Nachtigallen-Motiv:

Bakhtiyârî-Teppich mit Kachelmuster (Vorderseite)
Bakhtiyârî-Teppich mit Kachelmuster (Vorderseite)

Sie sehen: Man kann wirklich den Eindruck bekommen, in einem sorgfältig angelegten Garten zu stehen. Auch die echten iranischen Gärten sind ja geometrisch angelegt und in unterschiedliche Bereiche eingeteilt und ähneln damit diesem Kachelmuster.

Hier sind die Knoten wieder etwas enger geknüpft. Trotzdem ist dieser Teppich ebenso weich wie der Bakhtiyârî mit Zypressenmuster. Der Tschâlschotor dagegen ist noch robuster, schwerer und auch fester, dafür nicht so weich. Dieser Aspekt hängt auch von der verarbeiteten Wolle ab.

Bakhtiyârî-Teppich mit Kachelmuster (Rückseite)
Bakhtiyârî-Teppich mit Kachelmuster (Rückseite)

Ebenfalls sehr robust und daher als Gebrauchsteppich bestens geeignet, aber kein Bakhtiyârî-Teppich, sondern ein Bîdschâr ist dieser hier:

Bîdschâr-Teppich (Vorderseite)
Bîdschâr-Teppich (Vorderseite)

Er stammt aus dem Nordwesten Irans aus der Provinz Kordestân. Wie der Name schon sagt, leben dort die iranischen Kurden. Die Marke Bîdschâr geht auf einen Ort zurück, der in dieser Provinz liegt.

Bîdschâr-Teppich (Rückseite)
Bîdschâr-Teppich (Rückseite)

Da es sich sowohl bei Bîdschâr- als auch bei Bakhtiyârî-Teppichen um typische Gebrauchsteppiche handelt, sind in der Regel verschiedene wohnzimmerfüllende Größen verfügbar. Auf solche robusten Teppiche kann man auch schwere Möbel stellen. Allerdings sollte man sie von Zeit zu Zeit entfernen und den Teppich drehen, damit keine allzu tiefen Eindrücke entstehen.

Schöner ist es natürlich, wenn man genug Platz hat, um den Teppich frei hinzulegen. Denn nur so kommt sein Muster zur Geltung. Das gilt besonders für Teppiche, die in der Mitte ein Medaillon haben wie dieser hier:

Zentrales Medaillon
Zentrales Medaillon

Was Sie hier sehen, sollte übrigens nicht passieren: direkte Sonneneinstrahlung auf dem Teppich. Wenn der Teppich zuviel Sonne abbekommt, kann er ausbleichen. Man fragt sich ja, wie das sein kann, wo Perserteppiche doch aus einem sonnenreichen Land stammen. Doch weder in den historischen Atriumhäusern noch in den Zelten der Nomaden gab es viel Sonneneinstrahlung. Heute hat man zwar Außenfenster wie bei uns, aber sie werden meist dicht mit Gardinen verhängt, damit niemand hineinschauen kann. Das schützt auch die Teppiche.

Natürlich gibt es neben den Gebrauchsteppichen auch reine Zierteppiche wie die Seidenteppiche aus Qom. Sie eignen sich nur als Wandschmuck. In Iran habe ich solche Teppiche sogar schon in überdimensionalen Bilderrahmen an der Wand hängen sehen. Das hat den Vorteil, daß der Teppich geschützt ist. Aber irgendwie gefällt mir das nicht. Es ist, als wäre er hinter das Glas gezwängt worden und könne nicht mehr atmen.

Seidenteppich aus Qom
Seidenteppich aus Qom

Wie Sie sehen, ist dieser Seidenteppich nicht so farbenfroh wie die Bakhtiyârî- und Bîdschâr-Teppiche. Dafür ist er natürlich edel, denn er besteht aus reiner Seide. Das Medaillon soll wohl die Kuppel einer Moschee darstellen. Qom beherbergt ja auch ein schiitisches Heiligtum.

Ebenfalls eher als Wandbehang geeignet, aber auch des öfteren frei liegend auf Fußböden anzutreffen sind die Esfahâner Teppiche. Sie bestehen aus einer Mischung aus Seide (abrîscham) und der Unterwolle von Ziegen (kork). Man nennt dieses Material daher „Kork-Abrîscham“.

Esfahâner Teppich aus Kork-Abrîscham (Vorderseite)
Esfahâner Teppich aus Kork-Abrîscham (Vorderseite)

Die schmalen weißen Konturlinien und Muster an den blauen Elementen sind aus Seide. Diese Teppiche sind ebenfalls sehr eng geknüpft, jedoch sehr viel feiner als die strapazierfähigen Gebrauchsteppiche. Man darf sie auf keinen Fall mit Möbeln belasten, will man sie nicht beschädigen.

Esfahâner Teppich aus Kork-Abrîscham (Rückseite)
Esfahâner Teppich aus Kork-Abrîscham (Rückseite)

Selbstverständlich sind Seidenteppiche die teuersten, gefolgt von der Kork-Abrîscham-Mischung. Allein das Material ist wertvoller als die Schafswolle der Gebrauchsteppiche. Von solchen Teppichen sind meist eine ganze Reihe von kleineren Größen im Angebot. So findet sich auch leichter ein unmöbliertes Plätzchen oder eine passende Wand für den Teppich. Immerhin sind das eher geknüpfte Gemälde als Einrichtungsgegenstände.

Esfahâner Kokr-Abrîscham-Teppich mit Blumenvasenmotiv
Esfahâner Kokr-Abrîscham-Teppich mit Blumenvasenmotiv

Im Gegensatz zu den anderen hier vorgestellten Mustern ist dieses Motiv einer Blumenvase eher selten. Mit diesem besonderen Stück möchte ich meine kleine Teppichkunde für heute beenden. Selbstverständlich ist dies eine sehr subjektive Auswahl. Es gibt noch weitere berühmte Marken wie die Teppiche aus Tabrîz, Nâ’în, Kâschân und Kermân.

In erster Linie ist es eine Geschmacksfrage, welche Marken man bevorzugt. Mir gefallen Nâ’în-Teppiche zum Beispiel nicht, weil sie mir zu blaß sind. Auch die Frage, wo der Teppich seinen Platz finden soll, entscheidet über die Wahl von Größe und Material. Wer einen Gebrauchsteppich sucht, wird sich kaum einen Seidenteppich aus Qom kaufen.

Ich habe auch gehört, daß manche Teppiche in der Qualität nachgelassen haben. Das gilt übrigens auch für die Bakhtiyârî-Teppiche. Einzigartige Kunstwerke sind die Perserteppiche aber nach wie vor. Ein maschinell hergestellter Gebrauchsteppich, wie sie bei uns üblich sind, kann sich damit nicht im entferntesten messen.

Zum Glück kaufen die Iraner selbst noch handgeknüpfte Teppiche. Denn wenn sie auch dort aus der Mode kommen, versiegt womöglich die Produktion dieser wunderschönen Werke. Das fände ich sehr schade. Und Sie jetzt hoffentlich auch. 😉

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5 Kommentare zu „Gärten aus Wolle und Seide: Kleine Perserteppichkunde“

  1. Allerdings wäre es schade, würde diese schöne Kunstform eingehen! Danke für diese Einführung. Jetzt habe ich richtig Lust, einen Teppichladen zu suchen… Na, das wird dieses Wochenende nichts mehr werden 😉 Aber ich bin schon am Überlegen, wo (und ob überhaupt) einer in meine Wohnung passen würde…

    1. Wow, daß der Beitrag so eine durchschlagende Wirkung entfaltet, hätte ich gat nicht gedacht!☺

      Aber so ein Teppich ist ja auch ein bleibender Wert.

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