„Schwein gehabt“? Vom Schweinefleischverzehr in Schulen und Kantinen (Gastbeitrag von Claudia Preckel)

Kürzlich sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Videopodcast über die Integration von Flüchtlingen. Dabei griff sie auch die Diskussion über den Verzehr von Schweinefleisch in deutschen Schulen und Kantinen auf und wies darauf hin, dass Migranten akzeptieren müssten, dass es in Deutschland viele verschiedene Essenstraditionen gibt.

Seit mehr als zehn Jahren bin ich bereits freiberuflich als Interkulturelle Trainerin tätig, und in dieser Zeit bin ich der Frage nach dem Schulkantinenessen und dem Schweinefleischverzehr oftmals begegnet.

2010 sah ich für Ahlen und die neugebaute Schulkantine „Kein(en) Bedarf an Halal“ (siehe den Bericht der Ahlener Zeitung). Zu dieser Ansicht stehe ich auch heute noch.

Kein Schweinefleisch – die Folgen:

Seit 2010 haben sich viele Dinge geändert. Mittlerweile ist es so, dass Schweinefleisch häufig komplett von der Karte gestrichen wurde. Aus meiner Erfahrung sind die Folgen daraus:

1) In vielen Schulen isst nur noch ein geringer Prozentsatz an Schülern in der Schule, da das Essen als wenig abwechslungsreich und fade empfunden wird. Vielen Schülern fehlen Schweinefleischgerichte, auch Eltern beklagen, dass ihre Kinder kein Schweinefleisch mehr bekommen.

2) Muslimische Kinder essen ebenfalls oftmals nicht in der Schulkantine, obwohl es vegetarische Angebote gibt. Als Grund wird häufig eine Unsicherheit genannt, ob nicht doch schweinefleischhaltige Produkte verarbeitet werden.

3) Auf Seiten muslimischer Eltern besteht weiterhin die Unsicherheit, ob das Essen – vegetarisch oder nicht – als „islamisch erlaubt“ (halâl) oder eben doch als verboten (harâm) zu betrachten sei.

Die schlimmste Folge ist jedoch: Viele nicht-muslimische Eltern machen bewusst oder unbewusst bzw. mehr oder weniger offen „die Muslime“ für das Verschwinden des Schweinefleisches aus deutschen Kantinen verantwortlich, obwohl dieses in der Praxis gar nicht bzw. selten eingefordert wurde. Frust macht sich breit.

Am Ende des Prozesses nehmen nur noch wenige Schüler das Kantinenangebot wahr, und das Thema Schweinefleisch wird zum Symbol einer Debatte um eine „Deutsche Leitkultur“.

Vorschläge für ein Miteinander

Ich möchte meine eigenen Vorschläge aus dem Jahr 2010 aufnehmen bzw. erweitern und folgende Regeln formulieren, die eine Grundlage für eine schulweite Regelung (z.B. als Ergänzung der Hausordnung) bilden könnten.

Als Islamwissenschaftlerin habe ich hier (hoffentlich verständlicherweise) einen Schwerpunkt auf Muslime und ihre Speisevorschriften gelegt. Mir ist es jedoch wichtig, dass diese Regelungen für alle Beteiligten gelten und von allen akzeptiert werden müssen.

1. Alle Beteiligten (Schulträger, Schulleitung, Lehrer, Eltern, Schüler, Betreiber und Mitarbeiter in den Kantinen) erkennen an, dass es in Deutschland viele verschiedene Esstraditionen und Esskulturen und Speisevorschriften gibt, die nebeneinander gleichwertig existieren.

2. Alle Beteiligten akzeptieren, dass in der Schulkantine alle Schüler (und ggf. auch die Lehrer) täglich ein gesundes und abwechslungsreiches Essensangebot vorfinden sollten. Dieses beinhaltet auch Fleischgerichte aus verschiedenen Fleischsorten.

3. Unterschiedliche Angebote sind an verschiedenen Ausgabetheken erhältlich, so dass beispielsweise Ausgabebestecke grundsätzlich voneinander getrennt sind und nicht verwechselt werden können.

4. Der Caterer verpflichtet sich, über die Inhaltsstoffe der angebotenen Gerichte offen und transparent zu informieren. Die Mitarbeiter des Caterers vor Ort sind in der Lage, auf Nachfragen bezüglich der Inhaltsstoffe kompetent zu antworten.

5. Der Caterer sichert zu, dass bei der Verarbeitung der Lebensmittel die Trennung einzelner Bereiche eingehalten wird. Ist beispielsweise ein Gericht mit dem Etikett „Ohne Schweinefleisch“ gekennzeichnet, wird garantiert, dass auch keine „versteckten“ Bestandteile bzw. keine tierische Gelatine verwendet wurden.

6. Alle Schüler erkennen an, dass es in Deutschland verschiedene Speisevorschriften gibt, die gleichwertig zu erachten sind. Diese Gleichwertigkeit wird vollständig akzeptiert. Nicht akzeptabel ist es, wenn Schüler andere Schüler am Verzehr bestimmter Lebensmittel zu hindern versuchen oder sie verspotten.

7. Das Lehrerkollegium und die Schulleitung achten auf die Einhaltung dieser Regeln und sind Ansprechpartner in eventuell auftretenden Konflikten. In diesen Prozess müssen selbstverständlich auch die Eltern eingebunden werden.

8. Schüler informieren sich im Rahmen des Unterrichts oder in Projektwochen über verschiedene Speisevorschriften und Tabus.

Noch wichtiger ist es meiner Meinung nach, dass Schüler zusammen essen – und das umfasst auch, dass in einer Kantine Schweinefleisch, vegetarische, vegane und und… Gerichte zusammen verzehrt werden.

Ich plädiere auch dafür, dass – wenn sich die entsprechenden Mehrheiten finden – das Schweinefleisch wieder auf die Speisekarten und Teller der Schulen zurückkehrt – unter den oben genannten Voraussetzungen.

Dabei geht es mir vor allem darum, dass alle Beteiligten eine Perspektive finden, mit der ein Miteinander ausgehandelt wird und keine Gruppe eine andere für ein Gefühl von: „Wir bekommen nicht das, was wir eigentlich wollen“ verantwortlich macht. In diesem Sinne rate ich ebenfalls von einem verpflichtendem Angebot wie im dänischen „Frikadellenkrieg“ ab.

Fleischverzehr aus islamwissenschaftlicher Perspektive

Ich habe das Thema Fleischverzehr in der Vergangenheit sehr häufig mit Muslimen diskutiert – mit solchen, die Wert auf halâl-Fleisch legen, und solchen, die in Mensa oder Kantine das angebotene Fleisch ohne Bedenken essen – natürlich mit Ausnahme des angebotenen Schweinefleischs.

Mit einem Imam aus dem Ruhrgebiet habe ich die Frage ausführlich diskutiert. Seine Kinder essen in Kindergarten und Schulen Rind- und Hähnchenfleisch. Wir waren uns einig:

1. Der Koran erlaubt Muslimen den Verzehr von Fleisch, das von den „Ahl al-kitâb“(„Leuten des Buches“) stammt – gemeint sind hier Juden und Christen und gemeint sind natürlich Fleischsorten von „erlaubten“ Tieren (Ziege, Lamm, Rind).

2. Besteht Zweifel bezüglich der Herkunft, kann auf folgende Prophetenüberlieferung (nach al-Bukhârî) verwiesen werden:

Einige Leute sagten zum Propheten (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm), dass sie Fleisch von jemandem bekommen hatten, von dem sie nicht wussten, ob der Name Allahs darüber genannt worden war oder nicht. Der Prophet (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm) sagte: „Sprich den Namen Allahs darüber und dann iss es.“

Auf meine Nachfrage an den Imam, ob er diese Überlieferung in deutschen Kantinen für anwendbar halte, stimmte er zu. Der häufig in islamischen Fatwas angeführten Diskussion, ob denn die Menschen in Deutschland überhaupt „Ahl al-kitâb“ seien, muss ich wohl einen eigenen Beitrag widmen, da ich die Auseinandersetzung damit für sehr wichtig halte.

Der Imam und ich stimmten darin überein, dass man davon ausgehen darf, dass das Fleisch von den „Buchbesitzern“ stamme und das Fleisch somit als erlaubt gelte. Wir waren uns zudem einig, dass das Prinzip der „Rechtssicherheit“ (etwas ist so lange erlaubt, bis das Gegenteil bewiesen ist) auch hier seine Anwendung finden müsse.

Letzten Endes bleibt dann aber die Entscheidung für oder gegen den Verzehr bestimmter Lebensmittel eine persönliche Entscheidung!

In diesem Sinne wünsche ich einen Guten Appetit und ein gutes GEMEINSAMES Essen!

Dass auch in den islamischen Ländern das Thema „Schwein“ und „Bestandteile des Schweins“ in der Nahrung  und in Medizinprodukten unterschiedliche Interpretationen auslösten, zeige ich in einem weiteren Beitrag!

Bildnachweis

Beitragsbild:

Cafeteria at Ecole Polytechnique de Montreal in 2007

CC BY-SA 3.0 File:Cafeteria at Ecole Polytechnique de Montreal.JPG Erstellt: 17. April 2007

Dr. Claudia Preckel ist Islamwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum und zu erreichen unter: claudia.preckel@rub.de.

4 Kommentare

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