Nicht jugendfrei: Latein als Geheimsprache der Wissenschaft

Heute bekommen Sie einen Einblick in die Herausforderungen meiner täglichen Arbeit. Nein, nicht das Entziffern persischer oder arabischer Handschriftenseiten macht mir gerade zu schaffen, sondern die Angewohnheit von Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts, in ihren Augen anstößige Textstellen zu „verschlüsseln“.

Zur Zeit arbeite ich mich nämlich systematisch durch ein Buch über die „indische Erotik“. Es stammt vom Beginn des 20. Jahrhunderts, ist also gut hundert Jahre alt. Aber Arbeiten zu diesem Thema sind seitdem nicht allzu viele publiziert worden.

Das ist in den orientkundlichen Fächern nicht einmal so selten. Immer wieder gibt es Themen, zu denen man auf ältere Literatur aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zurückgreifen muß. Gelegentlich muß man sich auch mit den Pionierarbeiten aus dem 19. Jahrhundert auseinander setzen – und manchmal sind sie sogar unverzichtbar wie in diesem Fall.

An sich ist das auch nicht problematisch, auch wenn sich die Forschungsansätze und Methoden mittlerweile stark gewandelt haben. Man weiß ja, womit man es zu tun hat. Und in diesem Buch ist vor allem das präsentierte Material wichtig. Der Verfasser hat nämlich umfangreiche Auszüge aus Sanskrittexten zur Erotik nach Themen sortiert und längere Passagen aus den verfügbaren Werken einander gegenübergestellt.

Nur gibt er nicht alle Textstellen in Umschrift und in deutscher Übersetzung an, sondern er verwendet wegen der teils delikaten Inhalte beim Thema Geschlechtsverkehr die erwähnte „Verschlüsselungsmethode“. Wahrscheinlich hat jeder historisch arbeitende Orientalist schon Bekanntschaft damit gemacht.

Die Methode besteht darin, eine Art „Geheimsprache“ zu verwenden: Latein. So stellen die Autoren sicher, daß heikle Passagen – vor allem solche mit sexuellen Anspielungen oder anderen als „unanständig“ empfundenen Inhalten – nicht etwa in falsche Hände geraten und statt zur Förderung der wissenschaftlichen Erkenntnis zum verwerflichen persönlichen Genuß gelesen werden.

Wissenschaftler verstanden nämlich noch im frühen 20. Jahrhundert mühelos lateinische Passagen. Anscheinend traf das für Nicht-Wissenschaftler, die als mögliche Leser immerhin Zugang zu wissenschaftlicher Literatur haben mußten, nicht zu. Und natürlich fiel der Verdacht eines niederen Motivs beim Lesen weniger auf Wissenschaftler als auf alle anderen Menschen, die man deshalb vor dem moralisch verderblichen Einfluß solcher Lektüre schützen mußte. 😉

So wurde Latein im 19. und frühen 20. Jahrhundert zur „Geheimsprache“ der Wissenschaft, mit der man Textpassagen „verschlüsselte“, die man ähnlich empfand wie heute nicht jugendfreie Inhalte. Nur daß man wohl auch erwachsenen Menschen mangelnde sittliche Reife unterstellte, sofern sie nicht über eine höhere Bildung verfügten.

Den Forschern damals kam natürlich nicht in den Sinn, daß Latein aus der Wissenschaft so gründlich verschwinden würde, wie es heute der Fall ist. Wenn man sich die lateinischen Passagen anschaut, gewinnt man den Eindruck, daß man damals auf Latein ähnlich flüssig und problemlos schreiben konnte wie heute auf englisch. Für heutige Wissenschaftler führt das jedoch zu Unannehmlichkeiten bei der Lektüre.

Ich habe zwar noch ganz ordentlich Latein gelernt. Nur ist das seit meiner Schulzeit ziemlich eingestaubt. Deshalb kann ich es nicht mehr einfach so herunterlesen. Das bremst natürlich die Lesegeschwindigkeit, was heutzutage fatal genug ist (s. dazu auch diesen Beitrag). Doch aufgrund meiner bisherigen Beobachtungen bei Studenten wage ich die Prognose, daß schon in der nächsten Generation kaum noch jemand in der Lage sein wird, lateinische Passagen zu verstehen.

Zum Glück halten sich die lateinischen Textstellen in meiner aktuellen Lektüre sehr in Grenzen. Das wundert mich, denn nur die Stellungen beim Geschlechtsverkehr sind ins Lateinische übersetzt. Eigentlich wäre es ja folgerichtiger gewesen, die gesamte Abhandlung über die „indische Erotik“ auf Latein abzufassen. Aber ich will mich ganz sicher nicht beklagen.

Die Anleitungen für Stellungen beim Geschlechtsverkehr sehen dann aus wie diese hier (manche sind auch doppelt so lang):

Si femina muro innisa alterum pedem in pectore ponit, altero virum amatum circumplicat, iste coitus vestitaka (circumplicans) aestimatur.
(Schmidt, S. 433, Kursivsetzung von mir)

Das ist eine Stellung, bei der sich die Frau an eine Mauer lehnt, einen Fuß auf die Brust setzt und mit dem anderen Bein den Mann umschlingt. Ich frage mich ja, wieso der Verfasser ausgerechnet diese sehr akrobatischen Stellungen für moralgefährdend hält, während er Umarmungen, Küsse und andere erotische Techniken auf deutsch wiedergibt. Vielleicht, weil bei den Stellungen gelegentlich auch Worte wie „Penis“ fallen? Womöglich gibt es ja schon Forschungsliteratur zur Logik dieser „Verschlüsselungen“.

Wer nicht einsieht, warum er für ein Studium der Islamwissenschaft das Latinum nachweisen muß, kann sich jedenfalls selbst die motivierende Antwort geben: Die interessantesten Passagen in den Klassikern sind auf Latein! 😉

Im übrigen gibt die Anfang des 20. Jahrhunderts anscheinend noch unvorstellbare Entwicklung weg vom Latein in der Wissenschaft auch zu denken. Wie weitsichtig ist es vor diesem Hintergrund, wenn deutsche Forscher heute überwiegend auf englisch zu publizieren?

P.S.:

In dieser Leseprobe zu einem Buch von Jürgen Leonhardt findet man interessante Informationen zur historischen Bedeutung des Lateinischen (auch als Wissenschaftssprache) und Beispiele seines Wiederauflebens im 21. Jahrhundert. Vielleicht habe ich mit meiner Prognose ja unrecht, wer weiß?

Literatur

Schmidt, Richard: Beiträge zur indischen Erotik: das Liebesleben des Sanskritvolkes. 3. Aufl. Halle 1911.

Avicenna – Ibn Sînâ als Arzt

War Ibn Sînâ – in Europa als Avicenna bekannt – überhaupt das, was wir uns heute unter einem Arzt vorstellen?

Damit meine ich: Hat Ibn Sînâ eigentlich in nennenswertem Umfang als Arzt praktiziert? Denn unter „Arzt“ stellen wir uns heute doch jemanden vor, der tatsächlich Patienten behandelt.

Ibn Sînâ als praktischer Arzt?

Nachdem ich Ihnen im letzten Teil der Ibn-Sînâ-Miniserie eine Anekdote über Ibn Sînâs wunderbare Fertigkeiten als Heiler erzählt habe, mag Ihnen die Frage nach seiner tatsächlichen ärztlichen Praxis vielleicht seltsam vorkommen.

Außerdem haben wir uns daran gewöhnt, daß zum Studium der Medizin fraglos auch die Heranführung an die medizinische Praxis gehört und daß wohl kaum ein Mediziner völlig ohne praktische Erfahrungen einen Abschluß machen könnte. Immerhin dürften heute die wenigsten Menschen Medizin studieren ohne die Absicht, hinterher tatsächlich als praktische Ärzte zu arbeiten. Oder wenigstens stelle ich als Nicht-Medizinerin mir das so vor.

Abgesehen davon ist Ibn Sînâs umfangreichstes medizinisches Werk, der „Kanon der Medizin“, berühmt in Ost und West. Lange Zeit gehörte es auch in Europa zum Unterrichtsstoff für angehende Mediziner. Ist es da nicht unwahrscheinlich, daß der Verfasser nur wenig Erfahrung als praktischer Arzt gehabt haben könnte? Und natürlich gibt Ibn Sînâ auch in seiner Autobiographie Beispiele für seine spektakulären Behandlungserfolge.

Warum sollte man sich also fragen, ob Ibn Sînâ wirklich ein erfahrener Praktiker war und nicht in erster Linie ein Verfasser theoretischer Werke?

Anlaß zu Mißtrauen

Dafür gibt es sogar mehrere Gründe. Zunächst einmal ist die oben erwähnte Anekdote nicht sonderlich vertrauenswürdig, wie ich hier schon einmal erklärt habe. Und eine Autobiographie muß erst recht mit Vorsicht gelesen werden, denn die Informationen in einem solchen Werk sind meist aus den verschiedensten Gründen wenig zuverlässig, sofern sie nicht anderweitig bestätigt werden.

Dann haben wir bereits im vorletzten Teil der Ibn-Sînâ-Miniserie gesehen, daß Ibn Sînâ in Streitfällen doch eher auf der Seite der aristotelischen Philosophie stand als auf der Seite der galenischen Medizin. Im Zweifel verstand er sich demnach mehr als Philosoph denn als Arzt.

Und schließlich muß man sich nur einmal anschauen, was es für Ibn Sînâ eigentlich bedeutete, die Medizin zu beherrschen – dann fragt man sich unwillkürlich, wie er überhaupt zum Wert der medizinischen Praxis stand. Denn in seinem berühmten und weit verbreiteten „Kanon der Medizin“ liest man im Abschnitt über die Definition der Medizin folgendes:

(…) Wenn gesagt wird, zur Medizin gehöre Theoretisches und Praktisches, so muß man nicht annehmen, daß damit gemeint wäre, daß einer der beiden Teile der Medizin im Erlernen des Wissens (‚ilm) bestehe und der andere Teil in der Durchführung der Praxis (‚amal). (…) Vielmehr mußt du wissen, daß damit etwas anderes gemeint ist. Nämlich daß keiner der beiden Teile der Medizin etwas anderes als Wissen (‚ilm) ist: Einer der beiden ist das Wissen von den Grundlagen der Medizin und der andere das Wissen von der Art und Weise der Anwendung der Medizin. Daher wird der erste der beiden als Wissen (‚ilm) oder Theorie (nazar) bezeichnet und der andere als Praxis (‚amal). (…) Wenn du also Kenntnis dieser beiden Teile hast, so hast du wahrlich das theoretische und das praktische Wissen (‚ilm ‚ilmî wa ‚ilm ‚amalî) erworben, auch wenn du nie praktizierst. (Qânûn, Bd. 1, S. 3)

Mit anderen Worten: Für Ibn Sînâ beherrscht derjenige die Medizin, der sowohl das theoretische als auch das praktische medizinische Wissen beherrscht. Ob er es auch praktisch anwendet, ist demnach völlig irrelevant. Das spricht nicht eben für eine besondere Hochachtung Ibn Sînâs für die medizinische Praxis.

Spätere Autoren in der Nachfolge Ibn Sînâs haben dann ganz unmißverständlich formuliert, man sei auch dann ein vollkommener Arzt (tabîb), wenn man nur das theoretische und das praktische Wissen beherrsche, selbst wenn man nie praktiziere. Ein hervorstechendes Beispiel für diese Auffassung ist Nûr od-Dîn-e Schîrâzî, der im 17. Jahrhundert in Indien eine ähnlich umfangreiche medizinische Enzyklopädie verfaßt hat wie Ibn Sînâs Qânûn – nur auf persisch. Es handelt sich also keineswegs um eine kurzlebige Sichtweise.

Mittlerweile dürfte sich Ihre Verwunderung über meine Eingangsfrage gelegt haben. Daher ist es an der Zeit, daß wir uns einmal die bisherigen Forschungsergebnisse zu dieser Frage anschauen. Allerdings muß ich Sie warnen: Die Antwort ist eine typisch wissenschaftliche.

Und die Antwort lautet…

… wie üblich: Wir wissen es nicht genau. Das ist unbefriedigend, aber so ist das in der Forschung nun mal: Vieles ist noch ungeklärt, und wer mehr wissen will, macht sich am besten selbst an die Arbeit. Anders wäre es ja auch langweilig. 😉

Die jüngste Äußerung zu diesem Thema, die mir bekannt ist, stammt aus dem Standardwerk von Peter Pormann und Emilie Savage-Smith zur Geschichte der „islamischen“ Medizin.

Die Autoren stellen fest, daß es weder im Qânûn noch in Ibn Sînâs anderen medizinischen Werken nennenswerte Fallgeschichten oder Notizen über eigene Erfahrungen des Autors gibt. Außerhalb seiner Autobiographie und historisch mäßig glaubwürdiger Anekdoten gebe es daher kaum Belege dafür, daß Ibn Sînâ umfangreiche Erfahrungen als praktischer Arzt gehabt hätte. Andererseits teile sein Schüler Dschûzdschânî mit, daß Ibn Sînâ einige medizinische Erfahrungen notiert habe, die er in den Qânûn habe einfügen wollen. Nur seien diese Notizen verloren gegangen, ehe er das habe umsetzen können.

Sie sehen also: Die Informationen sind widersprüchlich. Das Buch von Pormann und Savage-Smith stammt von 2007. Falls jemand neuere Informationen hat, freue ich mich natürlich über eine Mitteilung. 🙂

Quellen

Ibn Sînâ: Al-Qânûn fî t-tibb. 3 Bde. Beirut. Bd. 1, S. 3.

‚Eyn ol-Molk Nûr od-Dîn Mohammad ‚Abdollâh: ‚Elâdschât-e Dârâ-Schokûhî. Ms. Supplément Persan 342, fol. 115v.

Literatur

Peter E. Pormann/Emilie Savage-Smith: Medieval Islamic Medicine. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2007. S. 117f.

Osterspecial: Wie steht der Islam zu Jesus? (Gastbeitrag von Claudia Preckel)

Jesus, auf Arabisch ‚Îsâ Ibn Maryam, wird im Koran häufig erwähnt und nimmt unter den Propheten des Islam wie auch Abraham oder Moses eine bedeutende Rolle ein. Jesus ist der vorletzte in der Reihe der Propheten vor Muhammad, der im islamischen Glauben der letzte der Propheten, das Siegel der Propheten, ist.

Über seine Rolle sagt Jesus selbst gemäß koranischer Überlieferung: „Ich bin der Diener Gottes. Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Propheten gemacht.“ (Sure 19:30). Auch über seine Wunder und vor allem über seine Heilungen wird im Koran berichtet.

Was ist der Unterschied zwischen islamischer und christlicher Sichtweise auf Jesus?

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Islam und Christentum ist jedoch, dass der Islam zum einen Jesus zwar als Propheten, nicht aber als Sohn Gottes anerkennt. Die Vorstellung von der Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist ist dem Islam fremd und wird als Polytheismus, als Vielgötterei, interpretiert.

Auch die Vorstellung, dass Jesus durch sein Leid am Kreuz die Sünden der Menschen hinwegnimmt, ist dem Islam – der keine Erbsünde kennt – völlig fremd: nach islamischer Vorstellung wird jeder Einzelne sich vor Gott seinen Sünden stellen müssen.

Wird die Kreuzigung Jesu im Koran erwähnt?

Ja, und dabei ist die 4. Sure des Koran von besonderer Bedeutung. Sie bestreitet nicht, dass es generell zu Lebzeiten Jesu Kreuzigungen gegeben habe, aber negiert, dass es Jesus war, der gekreuzigt wurde.

In Sure 4, Vers 157 geht es um die „ahl al-kitâb“, die Leute des Buches, in diesem Falle die Juden, die vielfach alle Verträge mit den Muslimen gebrochen und sie getäuscht hatten:

(…) und weil sie sagten: „Wir haben Christus Jesus, den Sohn der Maria und Gesandten Gottes, getötet.“ – Aber sie haben ihn in Wirklichkeit nicht getötet und sie haben ihn auch nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen ein anderer ähnlich (so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und ihn töteten). (…) Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet (d.h. sie können nicht mit Gewissheit sagen, dass sie ihn getötet haben).

Schwierig ist in diesem Koranvers die Interpretation des Arabischen „schubbiha lahum“, was eigentlich heißt: „er oder es wurde für sie ähnlich gemacht“. Der Ausdruck ist im Deutschen auch als „er (Gott) hat ihnen ähnlich gemacht“ oder als „sie verfielen einer Täuschung“ übersetzt worden, wobei ebenso wie in der islamischen Theologie keine Antwort auf die Frage gegeben werden kann, wer in dieser Sache wen getäuscht hat. Die oben genannte Übersetzung von Rudi Paret als „ihnen erschien ein anderer ähnlich“ nimmt die heute unter den Muslimen am weitesten verbreitete Theorie auf: nicht Jesus wurde gekreuzigt, sondern ein anderer Mann.

Darüber, wer für Jesus den Kreuzigungstod gestorben sein soll, gibt es zahlreiche Interpretationen: ein römischer Soldat, ein Mensch, der von Gott im Augenblick der Kreuzigung geschaffen wurde, oder Judas, der für seinen Verrat bestraft wurde. Nach anderen Interpretationen war es ein Freiwilliger unter seinen Jüngern, dessen Äußeres von Gott zu dem von Jesus verwandelt wurde. Man hielt diesen Jünger für Jesus und kreuzigte ihn. Diese als Substitutionstheorie bekannte Interpretation ist wie erwähnt die bekannteste.

Die Ahmadiyya-Bewegung aus Südasien wurde durch die Interpretation bekannt, dass Jesus die Kreuzigung überlebte und von seinen Jüngern vom Kreuz genommen und gepflegt wurde. Nach seiner Genesung sei er nach Indien gewandert und habe dort unter den Verlorenen Stämmen Israels gepredigt. Mit 120 Jahren sei er dort gestorben. Da die Ahmadiyya von vielen Muslimen als nicht-islamische Sekte betrachtet wird, hat sich diese Deutung nicht durchgesetzt.

Eine dritte Deutung – die sich ebenfalls nicht durchgesetzt hat – beinhaltet, dass Jesus lebendig aus der Mitte seiner Jünger in den Himmel gehoben wurde, während die Feinde Jesu glaubten, diesen getötet zu haben.

Die Himmelfahrt Jesu

In Sure 4, Vers 158 wird ausdrücklich überliefert, dass Jesus zu Gott in den Himmel erhoben wurde: „Nein, Gott hat ihn zu sich (in den Himmel) erhoben. Gott ist mächtig und weise. “

Nach der gängigsten theologischen Ansicht ist Jesus dabei lebendig (hayy) gewesen: so – nämlich lebendig – habe Muhammad ihn während seiner eigenen Himmelsreise (mi’râdsch) im zweiten Himmel gesehen.

Der erwartete Messias

Die Mehrheit der sunnitischen Theologen stimmt darin überein, dass Jesus als der erwartete Messias (al-massîh al-maw’ûd) während der erwarteten Endzeit vor dem Jüngsten Gericht auf die Erde zurückkehren wird und den Mahdi (den „Rechtgeleiteten“) bei seinem Kampf gegen den „Antichristen“ (dadschdschâl) unterstützen wird. Während dieser Zeit wird Jesus sich nach koranischer Vorstellung zum Islam bekennen und seiner Rolle als Prophet gerecht werden: Er wird kommen, das Kreuz zerbrechen, das Schwein töten und die Kopfsteuer abschaffen.

Auch wegen dieser erwarteten Rolle Jesu in der Endzeit ist es undenkbar für Muslime, dass Jesus einen Tod am Kreuz gestorben ist: ein Tod, den Gott nur für Verbrecher, nicht aber für seine Propheten vorgesehen hat.

Literatur

M. Ullmann: Das Motiv der Kreuzigung in der arabischen Poesie des Mittelalters.
Wiesbaden: Harrassowitz, 1995.

Zur Ahmadiyya:
M.A. Faruqi: The Crumbling of the Cross. Lahore, 1973.

Zur Auseinandersetzung zwischen Ahmadiyya und sunnitischen Gruppierungen im Indien des 19. Jh. :
C. Preckel: Islamische Bildungsnetzwerke und Gelehrtenkultur im Indien des 19. Jahrhunderts: Muhammad Siddīq Hasan Hān (st. 1890) und die Entstehung der Ahl-e hadīt-Bewegung in Bhopal. Bochum 2005.
Link: http://www-brs.ub.ruhr-uni-bochum.de/netahtml/HSS/Diss/PreckelClaudia/

 Claudia@preckel.org

Ibn Sînâs (Avicennas) „Wunderheilung“ – Exklusiv zur Ausstellungseröffnung

Gestern haben wir unsere Ausstellung in der Universitätsbibliothek der Ruhr-Universität Bochum eröffnet. Sie wird dort bis zum 30. April 2015 zu sehen sein und ist gleichzeitig die Abschiedspräsentation unseres Forschungsprojekts.

Hier der Flyer zur Ausstellung:

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Leider sind wir diese Woche zum letzten Mal als Team aktiv gewesen. Wir nehmen im April unseren Resturlaub und müssen danach zu neuen Ufern aufbrechen, weil mit dem Projekt auch unsere Arbeitsverträge auslaufen.

Für die Ausstellung haben wir aber noch einmal richtig Gas gegeben: Wir haben elf Schaukästen bestückt und über dreißig Poster mit Bildern (viele von der Feldforschung meiner Kolleginnen in Indien und Pakistan), mit Karten und Erläuterungen angebracht. Zum Mitnehmen gibt es einen „Temperamentstypentest“, wie er aktuell verwendet wird, und eine Kurzfassung der folgenden Anekdote, die ich aus dem Persischen ins Deutsche übersetzt habe.

Ibn Sînâ heilt einen liebeskranken Prinzen

Meine Blogleser bekommen natürlich die lange Version der Anekdote zu lesen. Die wissenschaftlichen Umschriftzeichen entferne ich jetzt nicht. Ich hoffe, Sie kommen damit zurecht. Mehr über die Anekdote und ihr Thema – Ibn Sînâs wunderbare Fähigkeiten als praktischer Arzt – erzähle ich Ihnen demnächst auf diesem Blog.

Vorspann

Abū ʿAlī Ibn Sīnā ist in dieser Geschichte zuvor aus Ḫvārazm geflohen, weil Maḥmūd von Ġazna den dortigen Herrscher aufgefordert hatte, ihn an Maḥmūds Hof zu schicken, und Ibn Sīnā dem nicht Folge leisten wollte. Als Maḥmūd von Ibn Sīnās Flucht erfuhr, schickte er einen Steckbrief mit seinem Bild an alle Fürsten, damit sie den Flüchtigen zu ihm schicken sollten. Mehr zu dieser Vorgeschichte und zu Ibn Sīnā finden Sie hier.

Damit die Anekdote nicht zu unübersichtlich wird, habe ich sie durch Zwischenüberschriften ein wenig strukturiert. Die Zwischenüberschriften gehören also nicht zum Originaltext. 🙂

Ibn Sînâ in Gorgân

Von dort (Nischapur) wandte er sich nach Gorgān, denn Qābūs war der König von Gorgān, und er war ein großer Mann, ein Freund der Gebildeten und ein Mann von philosophischem Naturell. Abū ʿAlī wußte, daß ihm dort kein Leid geschehen würde. Als er nach Gorgān kam, stieg er in einer Karawanserei ab. Da wurde in seiner Nachbarschaft jemand krank, und er behandelte den Kranken, und der genas. Dann behandelte er einen anderen Kranken, und der genas ebenfalls. Man fing an, ihm morgens Uringläser zu bringen, und Abū ʿAlī schaute sie sich an, und seine Kenntnisse wurden offenbar. Tag für Tag wurde es mehr, und er ließ es einige Zeit lang so geschehen.

Ein Verwandter des Königs wird krank

Da erkrankte ein Verwandter des Qābūs-e Vošmgīr, des Königs von Gorgān, und die Ärzte begannen ihn zu behandeln und strengten sich an und nahmen es sehr ernst, doch die Krankheit wurde nicht geheilt, dabei lag Qābūs sehr viel an der Sache. Schließlich sagte einer der Diener zu Qābūs: „In der Herberge Soundso ist ein junger Mann abgestiegen, der ein gewaltiger Arzt ist und eine äußerst gesegnete Hand hat. Eine Reihe von Leuten ist schon durch ihn geheilt worden.“ Qābūs befahl: „Ruft ihn her und bringt ihn zu dem Kranken, damit er ihn behandelt und wir sehen, ob seine Hand gesegneter ist als die der anderen!“

Ibn Sînâs Behandlung

Da ließen sie Abū ʿAlī rufen und brachten ihn zu dem Kranken. Er sah einen ausgesprochen gutaussehenden Jüngling mit gleichmäßigen Gliedern und der Spur eines Schnurrbarts, der elend dalag.

Er setzte sich hin, fühlte seinen Puls und verlangte nach dem Urin und schaute ihn sich an. Daraufhin sagte er: „Ich brauche einen Mann, der alle Viertel von Gorgān kennt.“ Sie holten so einen Mann und sagten: „Hier ist er.“ Abū ʿAlī legte seine Hand auf den Puls des Kranken und sagte: „Sag vor und nenne alle Viertel von Gorgān!“

Der Mann fing an und begann die Namen der Viertel von Gorgān aufzusagen, bis er zu einem Viertel kam, bei dessen Nennung der Puls des Kranken eine seltsame Bewegung machte. Darauf sagte Abū ʿAlī: „Sag die Straßen dieses Viertels auf!“ Der Mann sagte sie auf, bis er zum Namen einer Straße kam, bei deren Nennung sich die seltsame Bewegung wiederholte. Da sagte Abū ʿAlī: „Ich brauche jemanden, der in dieser Straße alle Häuser kennt.“

Man brachte so jemanden, und er begann die Häuser aufzusagen, bis er zu einem Haus gelangte, bei dessen Nennung diese Bewegung erneut eintrat. Abū ʿAlī sagte: „Jetzt brauche ich jemanden, der alle Leute in diesem Haus kennt und aufsagt.“

Sie brachten so jemanden, und er begann die Namen aufzusagen, bis er zu einem Namen kam, bei dessen Nennung eben diese Bewegung entstand. Da sagte Abū ʿAlī: „Wir sind fertig.“ Dann wandte er sich den Vertrauten des Qābūs zu und sagte: „Dieser junge Mann ist in diesem Viertel in dieser Straße in diesem Haus in ein Mädchen mit diesem Namen verliebt. Seine Medizin ist die Vereinigung mit diesem Mädchen, und seine Behandlung ist es, sie zu sehen.“

Der Kranke hatte zugehört und alles vernommen, was der Ḫvāǧe Abū ʿAlī gesagt hatte. Aus Scham zog er sich die Decke über den Kopf. Als man nachforschte, fand man heraus, daß es genauso war, wie der Ḫvāǧe Abū ʿAlī gesagt hatte.

Ende gut, alles gut

Daraufhin trugen sie die ganze Sache Qābūs vor, und er wunderte sich gewaltig darüber und sagte: „Bringt ihn zu mir!“ Man brachte Ḫvāǧe Abū ʿAlī vor Qābūs. Dieser hatte den Steckbrief von Abū ʿAlī, den Sultan Yamīn od-Doule (d.i. Maḥmūd) geschickt hatte. Als Abū ʿAlī vor ihn trat, sagte Qābūs: „Du bist Abū ʿAlī.“ Abū ʿAlī sagte: „Ja, mächtiger König.“

Da stieg Qābūs vom Thron und trat auf Abū ʿAlī zu und umarmte ihn und setzte sich mit ihm auf ein Kissen vor dem Thron, behandelte ihn großzügig und befragte ihn freundlich und sagte schließlich: „Der erhabenste der Vorzüglichen und vollkommenste Philosoph soll die Art und Weise dieser Behandlung unbedingt erzählen!“

Abū ʿAlī sagte: „Als ich den Puls fühlte und den Urin sah, war ich sicher, daß es sich bei der Krankheit um die Liebe handelte und die Sache durch Verheimlichung so weit gekommen war. Wenn ich ihn gefragt hätte, so hätte er mir nicht die Wahrheit gesagt. Also legte ich die Hand auf seinen Puls, und man sagte die Namen der Viertel auf. Als das Viertel der Geliebten genannt wurde, erschütterte ihn die Liebe, und die Bewegung veränderte sich. Da wußte ich, daß sie in diesem Viertel lebt. Ich ließ die Namen der Straßen aufsagen, und als er den Namen der Straße seiner Geliebten hörte, passierte dasselbe wieder. Da wußte ich auch den Straßennamen und ließ die Häuser in der Straße aufzählen. Als das Haus seiner Geliebten genannt wurde, geschah wieder dasselbe, da wußte ich auch das Haus. Ich ließ die Namen aller Hausbewohner aufsagen, und als der Name seiner Geliebten fiel, veränderte sich sein Puls zum äußersten. Da wußte ich auch, wer die Geliebte war, und sagte es ihm. Er konnte es nicht abstreiten und gestand es ein.“

Qābūs wunderte sich sehr über diese Behandlung und war erstaunt, und es war auch wahrhaftig erstaunlich. Dann sagte er: „Du Erhabenster und Vollkommenster der Vorzüglichen, der Liebende und die Geliebte sind beide Kinder meiner Schwestern und Cousin und Cousine. Wähle einen günstigen Tag aus, damit wir sie miteinander verheiraten!“

Daraufhin wählte der Ḫvāǧe Abū ʿAlī einen günstigen Tag aus, und man veranstaltete die Heirat und vereinigte den Liebenden und die Geliebte, und dieser schöne junge Prinz wurde von einem solchen Leiden, daß er dem Tod nahe war, gerettet. Danach erwies Qābūs dem Ḫvāǧe Abū ʿAlī soviel Gunst wie nur möglich.

Quelle

Neẓāmī-ye ʿArūżī-ye Samarqandī, Aḥmad b. ʿOmar b. ʿAlī. Čahār maqāle. Hg. Mīrzā Moḥammad b. ʿAbdolvahhāb-e Qazvīnī. Leiden 1327 š./1909. S. 78-80.

Sâl-e nou mobârak! Ein gutes neues Jahr an alle, die Nourûz feiern!

Eben erst habe ich festgestellt, daß die automatische Publikation meines Blogbeitrags zum Zwischenstand der Titelumfrage am letzten Sonntag nicht funktioniert hat. Ich habe ihn daher eben schnell publiziert. Die Panne tut mir natürlich leid. Dafür bekommen Sie aber dieses Wochenende gleich zwei Beiträge auf einmal zu lesen – und das auch schon am Freitag. 🙂

Daran, daß ich diesen Fehler jetzt erst bemerkt habe, können Sie übrigens erkennen, daß ich zur Zeit eine Menge um die Ohren habe. Deshalb bin ich dieses Jahr noch nicht einmal dazu gekommen, Nourûz – das iranische Neujahrsfest – ordentlich vorzubereiten. Trotzdem sollen Sie natürlich heute zum Jahreswechsel (tahvîl-e sâl) zumindest wieder einen kleinen Einblick in die Nourûz-Bräuche bekommen.

Da ich selbst dieses Jahr nicht zum Vorbereiten gekommen bin, zeige ich Ihnen hier unser diesjähriges „virtuelles“ Haft-Sîn. 😉

Haft-Sîn-Foto aus Iran

Haft-Sîn-Foto aus Iran

Dieses Foto habe ich ebenso wie das Beitragsbild kürzlich aus Iran bekommen. Weil ich dieses Jahr vor Nourûz nicht regelmäßig zuhause war und deshalb kein sabze heranziehen konnte, muß uns das Foto ausnahmsweise das echte Haft-Sîn ersetzen. Aber das abgebildete Haft-Sîn ist so schön, daß es mich auch als bloßes Bild in Stimmung bringt. 🙂 Vielleicht wirkt es bei Ihnen ja auch so.

Natürlich habe ich heute nicht nur Bilder für Sie, sondern wie üblich auch einen Text. Der folgende Auszug stammt aus dem „Nourûz-Nâme“. Man hat das Werk lange Zeit Omar Khayyam (ca. 1048-1131) zugeschrieben, aber spätere Forschung hat ergeben, daß es wahrscheinlich nicht von ihm stammt.

Omar Khayyam ist heute vor allem für die ihm zugeschriebenen Vierzeiler bekannt, war aber vor allem Mathematiker und Philosoph. Unter dem Seldschukensultan Malek-Schâh (mehr über ihn hier) wirkte er an der Reform des iranischen Sonnenkalenders mit. Dieser Kalender ist genauer als unserer und liegt dem modernen iranischen Kalender zugrunde.

Wie der Hohepriester zu Nourûz vor den König trat und ihm Geschenke überreichte

Doch über Khayyam erfahren Sie ein anderes Mal mehr. Heute schauen wir uns an, wie die alten Perserkönige das Nourûzfest begannen:

Der Brauch der Perserkönige seit den Zeiten des Key-Chosrou bis zur Zeit des Yazdedscherd-e Schahriyâr, welcher der letzte König der Perser war, war folgendermaßen: Am Nourûz-Tag trat als erster der Môbed-e Môbedân (d.i. der zoroastrische Hohepriester, SK) vor den König mit einem goldenen Becher voll Wein und einem Ring, mit Münzen alter königlicher Prägung (chosrovânî) und einem Strauß grüner Getreidesprossen, mit einem Schwert und Pfeil und Bogen, mit Tintenfaß und Schreibrohr, mit einem Esel und einem Falken und einem schönen Jüngling und lobpries und segnete den König in persischer Sprache und mit den damals üblichen Wendungen. Wenn der Môbed-e Môbedân die Lobpreisungen beendet hatte, dann traten die Mächtigen des Reiches ein und erwiesen ihre Reverenz.

Um diesen Absatz lesbarer zu gestalten, habe ich ein paar Kleinigkeiten frei übersetzt. Môbed-e Môbedân müßte man eigentlich als „Môbed der Môbeds“ oder „Ober-Môbed“ übersetzen, aber da es ein feststehender Titel ist, habe ich es so gelassen. Ein paar zusätzliche Informationen zum „Môbed“ finden Sie im verlinkten Wikipedia-Artikel. Dort sehen Sie auch, daß es im Mittelpersischen noch Môbedân-Môbed hieß. Das „Nourûz-Nâme“ ist dagegen schon in (klassischem) Neupersisch verfaßt.

Wenn Sie ausführlichere Informationen über Nourûz suchen, dann schauen Sie doch mal in meine Nourûz-Miniserie vom letzten Jahr: Hier geht es zur ersten Folge.

Und hier ist der Countdown-Zähler für heute nacht: http://www.taghvim.com/norooz.html.

Also dann, für alle, die feiern: Ein gutes neues Jahr! Sâl-e nou mobârak!
سال نو مبارک

Quelle

Nourûz-Nâme. ‚Omar b. Ebrâhîm-e Khayyâm-e Nîschâbûrî zugeschrieben. Hrsg. v. ‚Alî Hasûrî. (Zabân va farhang-e Îrân, 86). 2. verbesserte Auflage. Tehrân: Tahûrî, 2537 sch.sch./1357 sch./1978. S. 27.

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Zwischenstand der Titelumfrage

Zunächst einmal ganz herzlichen Dank an alle, die bereits an der Titelumfrage für mein E-Book teilgenommen haben! Wer das noch nicht getan hat, darf es gern jetzt gleich nachholen. 😉 Hintergrundinfos zur Umfrage finden Sie im Beitrag von letzter Woche. Und zur Umfrage geht es hier:
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Bisher geht der Trend eindeutig zum zweiten Titelvorschlag mit dem Zitat über das „weinende Schreibrohr“. Dasselbe Ergebnis hatte auch meine Facebookumfrage. Dort waren alle für diesen Titel. Das freut mich, weil er auch mein Favorit ist.

Allerdings hat mich ein Freund, der im Journalismus arbeitet, darauf hingewiesen, daß das Zitat doch ein bißchen lang für einen Titel ist. Und da erst der Untertitel erklärt, worum es eigentlich geht, ist das nicht so günstig. Bei Amazon zum Beispiel werden in manchen Listen nur die ersten 38 Zeichen des Titels angezeigt – inklusive Leerzeichen. Das heißt, daß nicht einmal das ganze Zitat angezeigt wird.

Jetzt überlege ich, ob ich es einfach darauf ankommen lasse: Entweder das Zitat macht potentielle Leser neugierig genug, daß sie den Titel anklicken und auch den Rest lesen, oder ich habe eben Pech gehabt. Die Alternative ist, daß ich das Zitat entweder zusammenstreiche – dann bleibt vielleicht nur noch das „weinende Schreibrohr“ übrig – oder nochmal eine neue Titelkombination erstelle.

Zunächst werde ich aber mit der Grafikerin sprechen, die ich mit dem Cover beauftragen will. Mal sehen, vielleicht kann sie mir je einen Entwurf mit der langen und der kurzen Variante machen. Wenn ich weiß, wie der Titel auf dem Cover aussieht, fällt mir die Entscheidung vielleicht leichter. Denn mir gefällt das Zitat so ausnehmend gut, daß es mit schwerfällt, daran herumzuschnitzen.

Vielleicht lassen Sie mich wissen, was Sie dazu meinen? Und falls Sie noch nicht an der Titelumfrage teilgenommen haben, schauen Sie doch mal, ob Ihnen der zweite Titelvorschlag überhaupt am besten gefällt und geben Sie Ihre Stimme ab. (Leider habe ich festgestellt, daß die Umfrage kein zweites Mal in den Beitrag eingebunden wird, deshalb müssen Sie dazu nach oben scrollen.)

Zu Nourûz habe ich dieses Jahr nur einen kurzen Beitrag vorgesehen, der pünktlich zum tahvîl-e sâl am Freitag herauskommen soll. Trotzdem wünsche ich allen, die Nourûz feiern, schon jetzt:

!سال نو مبارک

Abo l-Fazl-e Beyhaqîs „Geschichte des Mas’ûd von Ghazna“: Titelumfrage für mein E-Book

Nachdem ich Ihnen letzte Woche die Ghaznaviden vorgestellt habe, kommen wir heute zu meiner Überraschung – und damit zu den Hintergedanken, die ich damit hatte. 😉

Demnächst bringe ich nämlich mein erstes selbst publiziertes E-Book heraus – im April, wenn alles klappt. Es ist ein Sachbuch über Abo l-Fazl-e Beyhaqîs „Geschichte Mas’ûds“, den erhaltenen Teil seiner Dynastiegeschichte der Ghaznaviden. Weil mich dieses Geschichtswerk schon seit achtzehn Jahren fasziniert und ich finde, daß es für moderne Leser besonders attraktiv ist, möchte ich das Werk ebenso wie den Verfasser nämlich gern einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen.

Das wird allerdings ein bißchen schwierig werden, weil niemand die Ghaznaviden kennt und erst recht nicht Abo l-Fazl-e Beyhaqî, ihren Historiographen. Deshalb fange ich jetzt schon mal mit dem Marketing an. 😉 Aber Spaß beiseite: In den nächsten Wochen werde ich Ihnen immer wieder eine exklusive Vorschau auf verschiedene Kapitel des Buches geben. Heute beginne ich mit dem „Klappentext“.

Umfrage zum Titel

Zunächst möchte ich Sie aber um Ihre Hilfe bitten. Ich muß nämlich endlich einen Titel für mein Buch festlegen, sonst kann ich kein Cover in Auftrag geben. Einen interessanten und aussagekräftigen Titel zu finden, ist aber gar nicht so einfach, wenn man über ein Thema schreibt, das kaum jemand kennt. Deshalb habe ich eine Umfrage erstellt, in der Sie zwischen drei Titelvorschlägen wählen oder einen eigenen Vorschlag machen können.

Die Titelvorschläge sind so aufgebaut: Titel: Untertitel (ggf. kleingedruckte Erklärung). Sie sind deshalb ein bißchen lang geraten, aber ich habe gesehen, daß das bei selbstpublizierten E-Books nicht so ungewöhnlich ist. Teilen Sie mir trotzdem ruhig mit, wenn Sie die Erklärung unnötig finden oder einen Kürzungsvorschlag haben. Das geht entweder hier oder auf der Facebook-Seite zum Blog als Kommentar. Die Zitate in den Titelvorschlägen werden übrigens beide im Buch besprochen. Zur Titelumfrage geht es hier:
[polldaddy poll=8708195]

Natürlich werde ich zusätzlich auf meinem Facebookprofil eine Abstimmung über den Titel starten, aber ich werde das Ergebnis beider Umfragen selbstverständlich hier posten. 🙂

Der „Klappentext“

Damit Sie sich besser vorstellen können, worum es in dem E-Book gehen soll, dürfen Sie hier schon einmal einen Blick auf den „Klappentext“ werfen. Beim E-Book gibt es zwar keinen einklappbaren Umschlag, und mein „Klappentext“ entspricht auch nicht zu hundert Prozent dem, was man normalerweise auf solchen Umschlagklappen liest. Trotzdem braucht man so etwas ähnliches wie einen „Klappentext“.

Wenn das E-Book veröffentlicht ist und ein Kaufinteressent auf den Titel oder das Cover klickt, gelangt er nämlich auf eine eigene Seite mit einer Vorstellung des Buches. Dazu gehört auch ein kurzer Text, der Lust auf das Buch machen und darüber informieren soll, was der Leser erwarten kann. Das ist mein „Klappentext“. Und hier haben Sie ihn:

„Klappentext“

Sind Sie neugierig auf ferne Zeiten und fremde Kulturen? Wollen Sie wissen, ob es noch andere Arten zu denken gibt als unsere? Ich auch. Deshalb erforsche ich seit vierzehn Jahren die Geschichte der persischsprachigen Kultur. Eine meiner Leidenschaften ist ein persisches Geschichtswerk, das so spannend ist wie ein Roman. Es handelt von Mas’ûd von Ghazna (1030-41). Wenn Sie Noah Gordons »Medicus« gelesen haben, dann kennen Sie ihn schon: Sieben Jahre vor Ibn Sînâs Tod unterwarf er nämlich Isfahan. Besuchen Sie jetzt mit mir den Chronisten seiner Herrschaft, einen außergewöhnlichen Denker: Abo l-Fazl-e Beyhaqî. Er lebte und arbeitete am Hof der Ghaznaviden. Diese Dynastie war eine echte Regionalmacht und beherrschte im 11. Jahrhundert das heutige Afghanistan, Teile Irans, des heutigen Turkmenistan, Tadschikistan, Pakistan und Nordindien. Begleiten Sie mich auf eine Reise ins alte Persien und lernen Sie mehr über das muslimische Mittelalter. Sie erfahren:

  • Was am Hof der Ghaznaviden an einem Wendepunkt der Geschichte passiert ist,
  • welche Menschen im Hofleben eine Rolle spielten und wie sie waren,
  • wie Geschichtsschreibung damals funktionierte, wozu sie gut war und was man aus ihr lernen kann – und was nicht,
  • welche Forschungsprobleme noch ungelöst sind und warum.

Ausblick

Haben Sie schon Lust auf das Buch bekommen? 😉 Wenn ja, dann seien Sie gespannt auf die Vorschau zur Einleitung! Nächstes Mal erzähle ich Ihnen auch, wie ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, dieses Sachbuch zu schreiben.

Für heute möchte ich Sie nur noch einmal an meine Umfrage erinnern. Sie helfen mir wirklich sehr, wenn Sie an der Abstimmung über den Titel teilnehmen. Es ist fast unmöglich, die Wirkung eines Titels selbst richtig einzuschätzen. Hier nochmal der Link:
[Das hat leider nicht geklappt. 🙁 Sie müssen also nach oben scrollen. 14.03.15]

Vielen Dank schon vorab für Ihre Teilnahme! 🙂

Wer waren die Ghaznaviden? – Mahmûd von Ghazna und die anderen

Vielleicht erinnern Sie sich, daß ich im ersten Teil meiner Ibn-Sînâ-Miniserie eine kleine Anekdote über Mahmûd von Ghazna eingeflochten habe. Immerhin war er der Herrscher, dessen Hof Ibn Sînâ aus ungeklärten Gründen zeitlebens gemieden hat. Und das ist durchaus nicht leicht nachzuvollziehen, denn Mahmûd war wirklich mächtig. Während seiner Herrschaftszeit dehnte er das ererbte Reich von der Stadt Ghazna im heutigen Afghanistan und den umliegenden Gebieten nach Chorâsân und Chvârazm, nach Nordindien und Westiran aus. Bei seinem Ableben umfaßte das Ghaznavidenreich damit auf der heutigen Landkarte Afghanistan, große Teile Irans, Teile Tadschikistans und Turkmenistans, Pakistans und Nordindiens.

Die Ghaznaviden

Dennoch kennt kaum jemand in Europa den Namen dieses mächtigen Herrscherhauses: der Ghaznaviden. Und die Macher des „Medicus“-Films haben sich entschieden, den Ghaznaviden Mas’ûd – Mahmûds Sohn und Nachfolger – gegen irgendeinen namenlosen, weil historisch nicht-existenten Führer der viel bekannteren Dynastie der Seldschuken auszutauschen. Damit haben sie die Jahrhundertchance verpaßt, den Ghaznaviden mehr Publicity zu verschaffen. – Aber Gott bewahre, daß man aus einem Historienfilm womöglich etwas Neues über die Geschichte lernen könnte!

Zugegeben, ich bin davon nur deshalb so angefressen, weil die Ghaznaviden eines meiner persönlichen Steckenpferde sind. Oder eigentlich nicht so sehr die Ghaznaviden an und für sich, sondern der persische Geschichtsschreiber, der sich ihrer besonders angenommen hat: Abo l-Fazl-e Beyhaqî.

Von seiner monumentalen Dynastiegeschichte sind leider nur die Bände über Mahmûds Sohn Mas’ûd erhalten geblieben, und auch die nicht ganz vollständig. Das ist zwar schade, macht das Werk aber nicht weniger faszinierend. Es ist nämlich nicht nur immer noch um die tausend Druckseiten stark, sondern auch ganz anders als zu dieser Zeit üblich. Und mit „anders“ meine ich „für heutige Leser attraktiver“. Zu diesem Werk gibt es bald eine Überraschung von mir, aber dazu kommen wir frühestens nächste Woche. 😉

Kehren wir also zu den Ghaznaviden zurück. Um 961 hatte sich ein türkischer Sklaven-General der im damaligen Ostiran herrschenden Sâmânidendynastie bei einem Putschversuch verspekuliert und mußte sich deshalb eilig dem Zugriff seiner Herren entziehen. Er setzte sich deshalb in die kleine Stadt Ghazna (auch: Ghaznîn, heute auch: Ghaznî) im heutigen Afghanistan ab und blieb dort. Der Ort war bis dahin unbedeutend, eignete sich aber bestens als Basis für Raubzüge nach Indien.

Nach dem Tod des Generals folgten ihm zunächst mehrere weniger bedeutende Persönlichkeiten, darunter sein Sohn. Doch schließlich konnte sich recht schnell ein ehemaliger Militärsklave und Schwiegersohn des Generals durchsetzen: Sebüktegin. Mit ihm beginnt die Herrschaftszeit der Ghaznaviden, wenn auch zu seiner Zeit (977-997) noch unter der Oberherrschaft der Sâmâniden.

Mahmûd von Ghazna

Doch das änderte sich unter seinem Sohn Mahmûd (regierte 998-1030) recht schnell. Unter ihm war auch schon der Höhepunkt der Ghaznavidendynastie erreicht. Zunächst mußte er sich aber gegen seinen jüngeren Bruder Esmâ’îl durchsetzen, den Sebüktegin zum Erben bestimmt hatte. Möglicherweise war Sebüktegins Wahl auf diesen Sohn gefallen, weil er anders als Mahmûd von der Tochter seines früheren Herrn stammte. Offenbar war es für Mahmûd aber nicht allzu schwierig, seinem Bruder die Herrschaft zu entreißen. Jedenfalls ging es schnell.

Als im Jahr 999 die Macht der Sâmâniden ein Ende fand, war es natürlich auch mit ihrer Oberherrschaft über die aufstrebenden Ghaznaviden vorbei. Stattdessen diente sich Mahmûd dem Abbasidenkalifen in Bagdad an, der zu dieser Zeit in der eigenen Stadt nicht allzu viel zu melden hatte. Bagdad war nämlich 945 von den schiitischen Bûyiden erobert worden – keine schöne Situation für das Oberhaupt aller sunnitischen Muslime. (Mehr zum Kalifat und ein paar Informationen über den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten finden Sie hier.)

Kein Wunder also, daß der Abbasidenkalif al-Qâdir (991-1031) nichts dagegen hatte, als Mahmûd von Ghazna seine Herrschaft um die Jahrtausendwende auf vormals sâmânidischem Gebiet ausweitete und es der Oberhoheit des Kalifen in Bagdad unterstellte. Sichtbares oder vielmehr hörbares Zeichen dafür war die Nennung des Kalifen in der Freitagspredigt in Chorâsân. In der Predigt, die freitags von der Kanzel der Moschee herab gehalten wurde, nannte man nämlich immer den Oberherrn des Gebietes, in dem man sich befand. Zusätzlich ließ Mahmûd den Kalifen auf seinen Münzprägungen nennen. Auch dies war ein formelles Zeichen dafür, daß er den Abbasiden als Oberherrn anerkannte.

Doch Mahmûd eignete sich nicht nur das sâmânidische Chorâsân sowie Chvârazm am Aralsee an, sondern auch Gebiete im indischen Pandschâb („Fünfstromland“), wo er sich mit reicher Beute versorgte. Durch seine ständigen Raubzüge gegen nicht-muslimische Fürsten in Indien und nicht-sunnitische Muslime wie die Ismailiten von Multan erwarb er sich den Ruf eines Vorkämpfers für den sunnitischen Islam. Dabei scheinen ihn aber vor allem die Reichtümer in den attackierten Fürstenstaaten zu diesen Kampfeinsätzen motiviert zu haben. Mahmûd „sammelte“ nämlich nicht nur berühmte Gelehrte, sondern brauchte auch ständig Geld – nicht zuletzt für sein umfangreiches Heer.

Innerhalb weniger Jahrzehnte erschuf Mahmûd jedenfalls ein riesiges Reich. Das Gebiet des schwachen letzten Sâmâniden wurde nach längeren Streitigkeiten zwischen den Ghaznaviden in Chorâsân und der Dynastie der Qarâchâniden in Transoxanien aufgeteilt. Die Dynastie der Sâmâniden war damit nach über hundert Jahren Herrschaft zwischen zwei übermächtigen Gegnern zerrieben worden.

Mahmûds Nachleben in der persischen Literatur

Mahmûd gilt daher zurecht als mächtigster Herrscher der Ghaznaviden und seine Herrschaftszeit als Höhepunkt dieser Dynastie. Doch in Literatur und Legende ist er nicht nur als der „Ghâzî Sultan“, der große „Glaubenskämpfer“, eingegangen, sondern noch aus einem anderen Grund: wegen seiner engen Beziehung zu seinem Lieblingssklaven und Mundschenk Ayâz.

Aus Mahmûds Vorliebe für Ayâz machten die Dichter schon bald eine außergwöhnliche Liebesbeziehung. So wurde der mächtige Herrscher und Heerführer Mahmûd von Ghazna zusammen mit Ayâz zu einem der typischen Liebespaare der persischen Dichtung (Abbildungen dazu finden Sie z.B. hier). Wie salonfähig romantische Gefühle für hübsche Jünglinge für muslimische Männer im Mittelalter waren, habe ich mit weiterführenden Hinweisen hier schon einmal erwähnt.

Vermutlich sind die literarischen Überlieferungen über Mahmûd und Ayâz auch für eine andere Sicht auf die Sache verantwortlich, wie wir sie bei ‚Obeyd-e Zâkânî (dem persischen Satiriker, den ich hier vorgestellt habe) in unnachahmlich bissiger Darstellung finden. Er stellt Mahmûd nämlich wenig respektvoll und ganz unverblümt als einen Mann hin, der Jünglinge nicht nur erotisch anziehend fand, sondern auch mit ihnen schlief – und das war schon deutlich problematischer.

In der folgenden Anekdote bleibt er dabei aber nicht stehen, sondern setzt dem ganzen die Krone auf, indem er andeutet, daß Mahmûd selbst in seiner Jugend anderen Männern als Objekt der Begierde gedient hat:

Sultan Mahmûd war bei einer Mahnpredigt anwesend. Talhak (sein Hofnarr, SK) kam ihm nach. Als er eintraf, sagte der Mahnprediger: „Wenn jemand ein Bürschchen gefickt hat, dann setzt man dem Päderasten am Tag der Auferstehung das Bürschchen auf die Schultern, damit er es über die Sirât-Brücke trägt.“ Sultan Mahmûd weinte. Da sagte Talhak: „O Sultan, weine nicht und sei froh, denn auch du wirst an jenem Tag nicht zu Fuß gehen müssen!“ (S. 264)

Es ist allerdings gut möglich, daß diese Anekdote schon früher im Umlauf war und ‚Obeyd sie nur aufgegriffen hat. Ich habe es nicht nachgeprüft. „Päderast“ ist hier ein Versuch, das persische Wort „gholâm-bâre“ zu übersetzen. Es bezeichnet einen ausgereiften Mann, der halbwüchsige Jünglinge anal penetriert. Die Sirât-Brücke stellte man sich als haarfeinen und messerscharfen Übergang zum Paradies vor, über den die Menschen am Jüngsten Tag balancieren müssen. Schlechte Menschen kommen dabei nur langsam vorwärts, verlieren das Gleichgewicht und stürzen in die Flammen der Hölle unter der Brücke. Da muß man sich nicht wundern, daß Mahmûd die Tränen kommen – zumal das als angemessene Reaktion auf eine gute Mahnpredigt galt.

Soviel zu Mahmûds diversen Nachleben in der persischen Literatur. 😉

Die Ghaznaviden nach Mahmûd

Nach Mahmûds Herrschaftszeit bestand das Haus der Ghaznaviden zwar noch bis ins späte 12. Jahrhundert fort, doch unter seinem Sohn Mas’ûd gingen wesentliche Teile des Reiches verloren. Von da an herrschten die Ghaznaviden nur noch als Lokalmacht in Afghanistan und den eroberten Gebieten in Nordindien weiter – in der späten Phase sogar nur noch in Nordindien.

Doch über Mas’ûd erfahren Sie demnächst noch mehr. Und für alle, die sich für einen Überblick über die Abfolge der Herrscher interessieren, habe ich sie mitsamt der verwandtschaftlichen Beziehung zum jeweiligen Vorgänger aufgelistet – auch wieder ein schönes Beispiel für die Nichtexistenz des Primogeniturprinzips:

1. Sebüktegin, reg. 977-97 (Schwiegersohn)
2. Esmāʿīl, reg. 997-98 (Sohn)
3. Maḥmūd, reg. 998-1030 (Bruder)
4. Moḥammad, reg. 1030 (Sohn)
5. Masʿūd, reg. 1030-41 (Bruder)
6. Moḥammad, reg. 1041 (Bruder)
7. Moudūd, Sohn des Mas’ûd, reg. 1041-1048 (?) (Neffe)
8. ʿAlī, Sohn des Mas’ûd, reg. 1048-9 (?) (Bruder)
9. ʿAbd or-Rašīd, Sohn des Mahmûd, reg. 1049 (?)-52 (Onkel)
10. Farroḫzād, Sohn des Mas’ûd, reg. 1052-59 (Neffe)
11. Ebrāhīm, reg. 1059-99 (Bruder)
12. Mas’ûd, Sohn des Ebrâhîm, reg. 1099–1115 (Sohn)
13. Schîrzâd, Sohn des Mas’ûd, reg. 1115-6 (Sohn)
14. Malek Arslân, Sohn des Mas’ûd, reg. 1116-7 (Bruder)
15. Bahrâm Schâh, Sohn des Mas’ûd, reg. 1117–1150 und 1152–1157 (Bruder, dazwischen Interregnum der Ghûriden)
16. Chosrou Schâh, Sohn des Bahrâm Schâh, reg. 1157–1160 (Sohn)
17. Chosrou Malek, Sohn des Chosrou Schâh, reg. 1160–1186 (Sohn)

Quelle

Zâkânî, Nezâm od-Dîn ‘Obeydollâh: Kolliyyât-e ‘Obeyd-e Zâkânî šâmel-e qasâyed, ghazaliyât, qata’ât, robâ’iyyât, masnaviyyât. Moqâbele bâ noskhe-ye mosahhah-e Ostâd-e faqîd ‘Abbâs-e Eqbâl va tschand noskhe-ye dîgar. Šarh va ta’bîr va tardschome-ye loghât-o âyât-o ‘ebârât-e ‘arabî az Parvîz-e Atâbakî. Tschâp-e dovvom. Tehrân: Zavvâr, 1343 š./1964-5.

Literatur

Bosworth, Clifford Edmund: The Ghaznavids. Their Empire in Afghanistan and Eastern Iran 994-1040. Edinburgh: University Press, 1963.

ders.: Bosworth, Clifford Edmund: The later Ghaznavids. Splendour and Decay: The Dynasty in Afghanistan and Northern India, 1040 – 1186. Edinburgh: University Press, 1977.

ders.: „Mahmud b. Sebüktegin“, Encyclopædia Iranica, online edition, 2012, abrufbar unter http://http://www.iranicaonline.org/articles/mahmud-b-sebuktegin (zuletzt aufgerufen am 01. März 2015).

Bosworth/Ashtiyani: Abu‘ l-Fażl Beyhaqi: The History of Beyhaqi: The History of Sultan Mas’ud of Ghazna, 1030-1041. 3 vols. Transl. with a historical, geographical, linguistic and cultural commentary and notes by C.E. Bosworth. Fully revised and with further commentary by Mohsen Ashtiany (= ILEX Foundation Series; 6). Cambridge, MA/London: Harvard University Press, 2011. Einleitung: Vol. 1, S. 1-79.

Matînî, J.: „Ayaz, Abu’l-Najm“, Encyclopædia Iranica, III/2, pp. 133-134; online abrufbar unter http://www.iranicaonline.org/articles/ayaz-abul-najm-b (zuletzt abgerufen am 01. März 2015).

Ibn Sînâ (Avicenna) und der Streit zwischen Ärzten und Philosophen

Oder: Was steuern Frauen zur Zeugung von Kindern bei?

Spätestens aus meinem letzten Beitrag zu Ibn Sînâ wissen Sie, daß er keineswegs nur medizinische Werke verfaßt hat, sondern Meister einer ganzen Palette von Wissenschaften war – bei mittelalterlichen Gelehrten durchaus nicht ungewöhnlich. Insbesondere die Philosophie war ein wichtiges Betätigungsfeld für ihn, und er war ein feuriger Verfechter der Philosophie des Aristoteles (384-322 v.u.Z.).

Galen gegen Aristoteles: Menstruationsblut oder weiblicher Samen?

Zur Philosophie gehörte natürlich auch die Naturphilosophie. Ein Gegenstand des naturphilosophischen Denkens war unter anderem die Biologie, zu der auch die Anatomie und Physiologie des Menschen zählte. Hier überschnitten sich Naturphilosophie und Medizin. Dummerweise wußte man in der Medizin aber bereits seit den Schriften des bekannten hellenistischen Arztes Galen (2. Jh. u.Z.) sehr viel mehr über die Anatomie des Menschen, als sich Aristoteles in seiner Naturphilosophie Jahrhunderte zuvor hatte träumen lassen. Und das führte zu Widersprüchen zwischen aristotelischer Biologie und galenischer Medizin.

Zum Beispiel vertraten Aristoteles und Galen unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die Kräfte im Körper von Tieren und Menschen nur vom Herzen als Sitz der Seele (Aristoteles) oder von Gehirn, Herz und Leber (Galen) ausgingen. Galen argumentierte für drei Organe, weil man zu seiner Zeit den Ursprungsort der Nerven im Gehirn sah, den der Venen in der Leber und nur den der Arterien im Herzen.

Zudem war Aristoteles der Meinung, daß nur der Mann mit seinem Samen den Fötus formen konnte – die Frau steuerte nach seiner Ansicht lediglich „passives“ Menstruationsblut als formbare Materie bei. Damit widersprach er einer früheren Theorie des Hippokrates (ca. 460-370 v.u.Z.), derzufolge sowohl der Mann als auch die Frau Samen zur Zeugung eines Kindes beitragen müßten, da Kinder beiden Eltern ähneln können.

Diese Auffassung des Hippokrates griff Galen wieder auf, weil mittlerweile die Eierstöcke entdeckt worden waren, die Aristoteles noch nicht gekannt hatte. Galen nannte sie „weibliche Hoden“ und argumentierte, daß Mann und Frau mit ihren jeweiligen „Hoden“ gleichermaßen Samen produzierten und daß sowohl der männliche als auch der weibliche Samen Materie und Form zur Zeugung beisteuerten.

Ibn Sînâ muß sich entscheiden – oder doch nicht?

Aufgrund der Widersprüche zwischen den Lehren des Aristoteles und des Galen über Zeugung und Anatomie herrschte jahrhundertelang ein Streit zwischen Ärzten und Philosophen. Die Ärzte hielten sich an Galen, und deshalb waren seine Lehren in der Medizin allgegenwärtig und beherrschend. Die Philosophen dagegen folgten Aristoteles. Beide konnten eigentlich nicht gleichzeitig recht haben. Sollte man zumindest meinen.

Deshalb steckte Ibn Sînâ in einer Zwickmühle, als er seine beiden großen Werke über die Medizin (al-Qânûn fi t-tibb – „Kanon der Medizin“) und über die Philosophie (Kitâb asch-Schifâ‘ – „Buch der Heilung“) verfaßte: Als Verfasser des „Kanon“ war er Mediziner, als Verfasser der „Heilung“ Philosoph. Jedenfalls wäre das die logische Aufteilung gewesen.

Tatsächlich scheint Ibn Sînâ sich aber vor allem als Philosoph verstanden zu haben, denn im Zweifel stand er auf der Seite des Aristoteles. Trotzdem war ihm natürlich klar, daß die galenische Medizin ihre Berechtigung hatte und die Anatomie des Aristoteles alles andere als vollkommen war. Wenn er dennoch die Vorrangstellung des Aristoteles verteidigen wollte, dann mußte er sich etwas einfallen lassen, um dessen Lehren vor den Argumenten Galens zu schützen.

So nahm Ibn Sînâ den Ausweg eines wirklich originellen Denkers und wurde kreativ. Im Kern sah das so aus: Er akzeptierte Galens anatomische Erkenntnisse grundsätzlich und schrieb auch den „Kanon“ im wesentlichen entsprechend der vorherrschenden galenischen Tradition. Doch in der „Heilung“ interpretierte er die Lehren des Aristoteles so, daß sich die Widersprüche zu Galen auflösten oder doch stark verringerten. Danach konnte man Aristoteles mit Galen nur noch schwer widerlegen. Man konnte sich höchstens fragen, ob das eigentlich noch die Lehrmeinung des Aristoteles war, denn eigentlich war es ja die von Ibn Sînâ.

Beispielsweise legte Ibn Sînâ dar, Galen habe seine Kenntnisse über die Ursprünge von Nerven, Venen und Arterien durch das Sezieren voll entwickelter Lebewesen gewonnen, während Aristoteles die zentrale Rolle des Herzens auf die Entwicklung des Embryos bezogen habe. Und obwohl er die Eierstöcke (oder „weiblichen Hoden“) schlecht wegdiskutieren konnte und sogar die Existenz des weiblichen Samens akzeptierte, wies Ibn Sînâ diesem weiblichen Samen exakt dieselbe Rolle zu, die Aristoteles für das Menstruationsblut vorgesehen hatte: passive, formbare Materie. Mit Blick auf den Beitrag der Frauen bei der Zeugung von Kindern machte Ibn Sînâ also eher Rück- als Fortschritte. 😉

Fazit

Im Streit zwischen Ärzten und Philosophen verstand sich Ibn Sînâ ganz offensichtlich als Philosoph. Ob er trotzdem auch Arzt war und was „Arztsein“ für ihn bedeutet hat, damit befassen wir uns in der nächsten (und wahrscheinlich letzten) Folge dieser Ibn-Sînâ-Miniserie.

Literatur

B. Musallam, “Avicenna x. Medicine and Biology,” Encyclopædia Iranica, III/1, pp. 94-99 (Publikationsdatum: 15. Dezember 1987); upgedatete Version online unter http://www.iranicaonline.org/articles/avicenna-x (letztes Update: 18. August 2011; zuletzt aufgerufen am 21.02.2015).

Letzte Eindrücke von meiner Iranreise

Heute gibt es nicht allzu viel für Sie zu lesen, denn ich bin das halbe Wochenende unterwegs. Deshalb finde ich, dies ist ein guter Zeitpunkt, um Ihnen eine letzte Auswahl an Bildern von meiner Iranreise zu präsentieren und meinen Reisebericht damit abzurunden. Ich hoffe, auch Sie haben Freude an den Bildern, die mir besonders gut gefallen – auch wenn es diesmal kaum Kommentare dazu gibt. Manchmal sollte man einfach die optischen Eindrücke wirken lassen.

Zum Abschied nehme ich Sie also mit auf einen letzten Rundgang um den Meydân in Esfahan.

Wolken über Esfahan (nein, sie brachten keinen Regen)

Wolken über Esfahan (nein, sie brachten keinen Regen)

Scheich-Lotfollâh-Moschee im letzten Sonnenlicht

Scheich-Lotfollâh-Moschee im letzten Sonnenlicht

Scheich-Lotfollâh-Moschee (frühes 17. Jh.)

Scheich-Lotfollâh-Moschee (frühes 17. Jh.)

Große Moschee (1. Hälfte 17. Jh.) kurz vor Sonnenuntergang

Große Moschee (1. Hälfte 17. Jh.) kurz vor Sonnenuntergang

'Âlî Qâpû in der Abenddämmerung

‚Âlî Qâpû in der Abenddämmerung

Blick über den Meydân mal andersherum Richtung Norden

Blick über den Meydân mal andersherum Richtung Norden

Eingangstor zum Qeysariyye-Bâzâr an der Nordseite des Meydân

Eingangstor zum Qeysariyye-Bâzâr an der Nordseite des Meydân

Noch ein Blick in den Basar

Noch ein Blick in den Bazar

Und ein letztes Mal...

Und ein letztes Mal…

... auf Wiedersehen vielleicht im nächsten Jahr!

… auf Wiedersehen vielleicht im nächsten Jahr!

Von Ihnen verabschiede ich mich natürlich nur bis nächste Woche! 🙂