Wer waren die Ghaznaviden? – Mahmûd von Ghazna und die anderen


Vielleicht erinnern Sie sich, daß ich im ersten Teil meiner Ibn-Sînâ-Miniserie eine kleine Anekdote über Mahmûd von Ghazna eingeflochten habe. Immerhin war er der Herrscher, dessen Hof Ibn Sînâ aus ungeklärten Gründen zeitlebens gemieden hat. Und das ist durchaus nicht leicht nachzuvollziehen, denn Mahmûd war wirklich mächtig. Während seiner Herrschaftszeit dehnte er das ererbte Reich von der Stadt Ghazna im heutigen Afghanistan und den umliegenden Gebieten nach Chorâsân und Chvârazm, nach Nordindien und Westiran aus. Bei seinem Ableben umfaßte das Ghaznavidenreich damit auf der heutigen Landkarte Afghanistan, große Teile Irans, Teile Tadschikistans und Turkmenistans, Pakistans und Nordindiens.

Die Ghaznaviden

Dennoch kennt kaum jemand in Europa den Namen dieses mächtigen Herrscherhauses: der Ghaznaviden. Und die Macher des „Medicus“-Films haben sich entschieden, den Ghaznaviden Mas’ûd – Mahmûds Sohn und Nachfolger – gegen irgendeinen namenlosen, weil historisch nicht-existenten Führer der viel bekannteren Dynastie der Seldschuken auszutauschen. Damit haben sie die Jahrhundertchance verpaßt, den Ghaznaviden mehr Publicity zu verschaffen. – Aber Gott bewahre, daß man aus einem Historienfilm womöglich etwas Neues über die Geschichte lernen könnte!

Zugegeben, ich bin davon nur deshalb so angefressen, weil die Ghaznaviden eines meiner persönlichen Steckenpferde sind. Oder eigentlich nicht so sehr die Ghaznaviden an und für sich, sondern der persische Geschichtsschreiber, der sich ihrer besonders angenommen hat: Abo l-Fazl-e Beyhaqî.

Von seiner monumentalen Dynastiegeschichte sind leider nur die Bände über Mahmûds Sohn Mas’ûd erhalten geblieben, und auch die nicht ganz vollständig. Das ist zwar schade, macht das Werk aber nicht weniger faszinierend. Es ist nämlich nicht nur immer noch um die tausend Druckseiten stark, sondern auch ganz anders als zu dieser Zeit üblich. Und mit „anders“ meine ich „für heutige Leser attraktiver“. Zu diesem Werk gibt es bald eine Überraschung von mir, aber dazu kommen wir frühestens nächste Woche. 😉

Kehren wir also zu den Ghaznaviden zurück. Um 961 hatte sich ein türkischer Sklaven-General der im damaligen Ostiran herrschenden Sâmânidendynastie bei einem Putschversuch verspekuliert und mußte sich deshalb eilig dem Zugriff seiner Herren entziehen. Er setzte sich deshalb in die kleine Stadt Ghazna (auch: Ghaznîn, heute auch: Ghaznî) im heutigen Afghanistan ab und blieb dort. Der Ort war bis dahin unbedeutend, eignete sich aber bestens als Basis für Raubzüge nach Indien.

Nach dem Tod des Generals folgten ihm zunächst mehrere weniger bedeutende Persönlichkeiten, darunter sein Sohn. Doch schließlich konnte sich recht schnell ein ehemaliger Militärsklave und Schwiegersohn des Generals durchsetzen: Sebüktegin. Mit ihm beginnt die Herrschaftszeit der Ghaznaviden, wenn auch zu seiner Zeit (977-997) noch unter der Oberherrschaft der Sâmâniden.

Mahmûd von Ghazna

Doch das änderte sich unter seinem Sohn Mahmûd (regierte 998-1030) recht schnell. Unter ihm war auch schon der Höhepunkt der Ghaznavidendynastie erreicht. Zunächst mußte er sich aber gegen seinen jüngeren Bruder Esmâ’îl durchsetzen, den Sebüktegin zum Erben bestimmt hatte. Möglicherweise war Sebüktegins Wahl auf diesen Sohn gefallen, weil er anders als Mahmûd von der Tochter seines früheren Herrn stammte. Offenbar war es für Mahmûd aber nicht allzu schwierig, seinem Bruder die Herrschaft zu entreißen. Jedenfalls ging es schnell.

Als im Jahr 999 die Macht der Sâmâniden ein Ende fand, war es natürlich auch mit ihrer Oberherrschaft über die aufstrebenden Ghaznaviden vorbei. Stattdessen diente sich Mahmûd dem Abbasidenkalifen in Bagdad an, der zu dieser Zeit in der eigenen Stadt nicht allzu viel zu melden hatte. Bagdad war nämlich 945 von den schiitischen Bûyiden erobert worden – keine schöne Situation für das Oberhaupt aller sunnitischen Muslime. (Mehr zum Kalifat und ein paar Informationen über den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten finden Sie hier.)

Kein Wunder also, daß der Abbasidenkalif al-Qâdir (991-1031) nichts dagegen hatte, als Mahmûd von Ghazna seine Herrschaft um die Jahrtausendwende auf vormals sâmânidischem Gebiet ausweitete und es der Oberhoheit des Kalifen in Bagdad unterstellte. Sichtbares oder vielmehr hörbares Zeichen dafür war die Nennung des Kalifen in der Freitagspredigt in Chorâsân. In der Predigt, die freitags von der Kanzel der Moschee herab gehalten wurde, nannte man nämlich immer den Oberherrn des Gebietes, in dem man sich befand. Zusätzlich ließ Mahmûd den Kalifen auf seinen Münzprägungen nennen. Auch dies war ein formelles Zeichen dafür, daß er den Abbasiden als Oberherrn anerkannte.

Doch Mahmûd eignete sich nicht nur das sâmânidische Chorâsân sowie Chvârazm am Aralsee an, sondern auch Gebiete im indischen Pandschâb („Fünfstromland“), wo er sich mit reicher Beute versorgte. Durch seine ständigen Raubzüge gegen nicht-muslimische Fürsten in Indien und nicht-sunnitische Muslime wie die Ismailiten von Multan erwarb er sich den Ruf eines Vorkämpfers für den sunnitischen Islam. Dabei scheinen ihn aber vor allem die Reichtümer in den attackierten Fürstenstaaten zu diesen Kampfeinsätzen motiviert zu haben. Mahmûd „sammelte“ nämlich nicht nur berühmte Gelehrte, sondern brauchte auch ständig Geld – nicht zuletzt für sein umfangreiches Heer.

Innerhalb weniger Jahrzehnte erschuf Mahmûd jedenfalls ein riesiges Reich. Das Gebiet des schwachen letzten Sâmâniden wurde nach längeren Streitigkeiten zwischen den Ghaznaviden in Chorâsân und der Dynastie der Qarâchâniden in Transoxanien aufgeteilt. Die Dynastie der Sâmâniden war damit nach über hundert Jahren Herrschaft zwischen zwei übermächtigen Gegnern zerrieben worden.

Mahmûds Nachleben in der persischen Literatur

Mahmûd gilt daher zurecht als mächtigster Herrscher der Ghaznaviden und seine Herrschaftszeit als Höhepunkt dieser Dynastie. Doch in Literatur und Legende ist er nicht nur als der „Ghâzî Sultan“, der große „Glaubenskämpfer“, eingegangen, sondern noch aus einem anderen Grund: wegen seiner engen Beziehung zu seinem Lieblingssklaven und Mundschenk Ayâz.

Aus Mahmûds Vorliebe für Ayâz machten die Dichter schon bald eine außergwöhnliche Liebesbeziehung. So wurde der mächtige Herrscher und Heerführer Mahmûd von Ghazna zusammen mit Ayâz zu einem der typischen Liebespaare der persischen Dichtung (Abbildungen dazu finden Sie z.B. hier). Wie salonfähig romantische Gefühle für hübsche Jünglinge für muslimische Männer im Mittelalter waren, habe ich mit weiterführenden Hinweisen hier schon einmal erwähnt.

Vermutlich sind die literarischen Überlieferungen über Mahmûd und Ayâz auch für eine andere Sicht auf die Sache verantwortlich, wie wir sie bei ‚Obeyd-e Zâkânî (dem persischen Satiriker, den ich hier vorgestellt habe) in unnachahmlich bissiger Darstellung finden. Er stellt Mahmûd nämlich wenig respektvoll und ganz unverblümt als einen Mann hin, der Jünglinge nicht nur erotisch anziehend fand, sondern auch mit ihnen schlief – und das war schon deutlich problematischer.

In der folgenden Anekdote bleibt er dabei aber nicht stehen, sondern setzt dem ganzen die Krone auf, indem er andeutet, daß Mahmûd selbst in seiner Jugend anderen Männern als Objekt der Begierde gedient hat:

Sultan Mahmûd war bei einer Mahnpredigt anwesend. Talhak (sein Hofnarr, SK) kam ihm nach. Als er eintraf, sagte der Mahnprediger: „Wenn jemand ein Bürschchen gefickt hat, dann setzt man dem Päderasten am Tag der Auferstehung das Bürschchen auf die Schultern, damit er es über die Sirât-Brücke trägt.“ Sultan Mahmûd weinte. Da sagte Talhak: „O Sultan, weine nicht und sei froh, denn auch du wirst an jenem Tag nicht zu Fuß gehen müssen!“ (S. 264)

Es ist allerdings gut möglich, daß diese Anekdote schon früher im Umlauf war und ‚Obeyd sie nur aufgegriffen hat. Ich habe es nicht nachgeprüft. „Päderast“ ist hier ein Versuch, das persische Wort „gholâm-bâre“ zu übersetzen. Es bezeichnet einen ausgereiften Mann, der halbwüchsige Jünglinge anal penetriert. Die Sirât-Brücke stellte man sich als haarfeinen und messerscharfen Übergang zum Paradies vor, über den die Menschen am Jüngsten Tag balancieren müssen. Schlechte Menschen kommen dabei nur langsam vorwärts, verlieren das Gleichgewicht und stürzen in die Flammen der Hölle unter der Brücke. Da muß man sich nicht wundern, daß Mahmûd die Tränen kommen – zumal das als angemessene Reaktion auf eine gute Mahnpredigt galt.

Soviel zu Mahmûds diversen Nachleben in der persischen Literatur. 😉

Die Ghaznaviden nach Mahmûd

Nach Mahmûds Herrschaftszeit bestand das Haus der Ghaznaviden zwar noch bis ins späte 12. Jahrhundert fort, doch unter seinem Sohn Mas’ûd gingen wesentliche Teile des Reiches verloren. Von da an herrschten die Ghaznaviden nur noch als Lokalmacht in Afghanistan und den eroberten Gebieten in Nordindien weiter – in der späten Phase sogar nur noch in Nordindien.

Doch über Mas’ûd erfahren Sie demnächst noch mehr. Und für alle, die sich für einen Überblick über die Abfolge der Herrscher interessieren, habe ich sie mitsamt der verwandtschaftlichen Beziehung zum jeweiligen Vorgänger aufgelistet – auch wieder ein schönes Beispiel für die Nichtexistenz des Primogeniturprinzips:

1. Sebüktegin, reg. 977-97 (Schwiegersohn)
2. Esmāʿīl, reg. 997-98 (Sohn)
3. Maḥmūd, reg. 998-1030 (Bruder)
4. Moḥammad, reg. 1030 (Sohn)
5. Masʿūd, reg. 1030-41 (Bruder)
6. Moḥammad, reg. 1041 (Bruder)
7. Moudūd, Sohn des Mas’ûd, reg. 1041-1048 (?) (Neffe)
8. ʿAlī, Sohn des Mas’ûd, reg. 1048-9 (?) (Bruder)
9. ʿAbd or-Rašīd, Sohn des Mahmûd, reg. 1049 (?)-52 (Onkel)
10. Farroḫzād, Sohn des Mas’ûd, reg. 1052-59 (Neffe)
11. Ebrāhīm, reg. 1059-99 (Bruder)
12. Mas’ûd, Sohn des Ebrâhîm, reg. 1099–1115 (Sohn)
13. Schîrzâd, Sohn des Mas’ûd, reg. 1115-6 (Sohn)
14. Malek Arslân, Sohn des Mas’ûd, reg. 1116-7 (Bruder)
15. Bahrâm Schâh, Sohn des Mas’ûd, reg. 1117–1150 und 1152–1157 (Bruder, dazwischen Interregnum der Ghûriden)
16. Chosrou Schâh, Sohn des Bahrâm Schâh, reg. 1157–1160 (Sohn)
17. Chosrou Malek, Sohn des Chosrou Schâh, reg. 1160–1186 (Sohn)

Quelle

Zâkânî, Nezâm od-Dîn ‘Obeydollâh: Kolliyyât-e ‘Obeyd-e Zâkânî šâmel-e qasâyed, ghazaliyât, qata’ât, robâ’iyyât, masnaviyyât. Moqâbele bâ noskhe-ye mosahhah-e Ostâd-e faqîd ‘Abbâs-e Eqbâl va tschand noskhe-ye dîgar. Šarh va ta’bîr va tardschome-ye loghât-o âyât-o ‘ebârât-e ‘arabî az Parvîz-e Atâbakî. Tschâp-e dovvom. Tehrân: Zavvâr, 1343 š./1964-5.

Literatur

Bosworth, Clifford Edmund: The Ghaznavids. Their Empire in Afghanistan and Eastern Iran 994-1040. Edinburgh: University Press, 1963.

ders.: Bosworth, Clifford Edmund: The later Ghaznavids. Splendour and Decay: The Dynasty in Afghanistan and Northern India, 1040 – 1186. Edinburgh: University Press, 1977.

ders.: „Mahmud b. Sebüktegin“, Encyclopædia Iranica, online edition, 2012, abrufbar unter http://http://www.iranicaonline.org/articles/mahmud-b-sebuktegin (zuletzt aufgerufen am 01. März 2015).

Bosworth/Ashtiyani: Abu‘ l-Fażl Beyhaqi: The History of Beyhaqi: The History of Sultan Mas’ud of Ghazna, 1030-1041. 3 vols. Transl. with a historical, geographical, linguistic and cultural commentary and notes by C.E. Bosworth. Fully revised and with further commentary by Mohsen Ashtiany (= ILEX Foundation Series; 6). Cambridge, MA/London: Harvard University Press, 2011. Einleitung: Vol. 1, S. 1-79.

Matînî, J.: „Ayaz, Abu’l-Najm“, Encyclopædia Iranica, III/2, pp. 133-134; online abrufbar unter http://www.iranicaonline.org/articles/ayaz-abul-najm-b (zuletzt abgerufen am 01. März 2015).

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6 Kommentare zu „Wer waren die Ghaznaviden? – Mahmûd von Ghazna und die anderen“

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