Gewaltherrscher mit Gewissen und Humor? Anekdoten über Hadschdschâdsch ibn Yûsuf

Heute möchte ich die ersten Witze auf dem Blog vorstellen. In meiner Doktorarbeit habe ich drei Sammlungen von überwiegend persischen Witzen und humoristischen Anekdoten untersucht. Das hatte seinen Grund: Sammlungen werden in der Regel bewußt zusammengestellt, es stehen also eine Absicht (oder mehrere Absichten) und eine Vorstellung des Sammlers über den Geschmack seiner Leser oder Zuhörer hinter der Zusammenstellung. („Zuhörer“ deshalb, weil Witze ja oft mündlich weitererzählt oder vorgelesen werden.) Aus einer solchen Zusammenstellung kann man deshalb einige Schlüsse ziehen – sowohl über den Sammler und seine Zeit als auch über die Leser oder Zuhörer, an die er dabei gedacht hat. Und selbst das ist nicht ganz einfach (mehr dazu findet man in meiner Doktorarbeit).

Aus einem einzelnen Witz lassen sich solche Schlüsse nur dann ziehen, wenn man sehr viel über seine Entstehungszeit und die Umgebung weiß, in der er weitererzählt wird. Beides ist bei Witzen aus der ferneren Vergangenheit kaum oder gar nicht gegeben. Und weil ich hier ziemlich alte Witze und Anekdoten zum besten gebe, gilt das auch für sie. Trotzdem werde ich manchmal nur ein oder zwei Witze vorstellen. Das liegt am kurzen Format von Blogbeiträgen und auch daran, daß ich nicht immer die Zeit habe, lange Texte zu schreiben. Meine Interpretationen werden sich dann aber entweder auf das beschränken, was man dem einzelnen Witz wirklich entnehmen kann, oder ich habe eine ganze Anzahl ähnlicher Witze und Anekdoten analysiert und benutze die ein oder zwei Witze im Beitrag nur als Aufhänger und Beispiele.

Legen wir also los!

Dieser erste Eintrag soll Ihnen kein feststehendes Wissen vermitteln oder meine eigenen Schlußfolgerungen darbieten, sondern ein Problem aufzeigen, das mir beim Lesen begegnet ist. Leider hatte ich bis heute noch keine Zeit, eine überzeugende Lösung zu suchen.

Heute möchte ich Ihnen daher eine bestimmte Art von Anekdoten über den umayyadischen Statthalter des Irak al-Hadschdschâdsch ibn Yûsuf vorstellen. Die Umayyaden waren die erste „Dynastie“ von Kalifen in der Geschichte der Muslime und beherrschten das Reich von ihrer Hauptstadt Damaskus aus in den Jahren 661 bis 750. Hadschdschâdsch lebte von 661 bis 714 und wurde 694 zum Statthalter des Irak ernannt. Ein verbreitetes Klischee über ihn ist das des brutalen und ungerechten Herrschers.

Interessanterweise gibt es aber eine Reihe von Anekdoten über ihn, die mit den direkten Aussagen in der Anekdote genau dieses Klischee verbreiten, es aber gleichzeitig durch die Darstellung von Hadschdschâdschs tatsächlichem Verhalten unterlaufen. Vielleicht kann man sich dieses seltsame Muster erklären, wenn man sich näher mit Hadschdschâdsch und den Überlieferungen über ihn beschäftigt. Da ich das bisher nicht getan habe, kann ich es jedenfalls nicht. Deshalb möchte ich Sie an einer dieser Anekdoten teilhaben lassen. Sie können sie als Kuriosität genießen oder mich an Ihrem Wissen teilhaben lassen, falls Sie verstehen, was es mit dieser Art Anekdoten auf sich hat.

Die folgende Anekdote stammt aus der Sammlung Latâ’ef ot-tavâ’ef („Anekdoten der Gruppen“), die Fachr od-Dîn ‚Alî-ye Safî in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zusammengestellt hat. Viele der Texte in der Sammlung findet man aber schon in der älteren Literatur, zum guten Teil auf arabisch. Safî lebte von 1463 bis 1532 und hielt sich einen großen Teil seines Lebens in Herât im heutigen Afghanistan auf. Damals gab es dort einen glanzvollen Hof, an dem die Künste und Wissenschaften blühten. Safîs Vater Hoseyn Vâ’ez-e Kâschefî ist unter Fachleuten aber viel bekannter, weil er ganz unterschiedliche Schriften verfaßt hat – gelehrte ebenso wie literarische. Safîs Sammlung enthält stolze 845 Texte. Die meisten davon sind humoristisch, aber nicht alle. Safî selbst folgte seinem Vater in Herât als Freitagsprediger nach.

Eine Gruppe Leute hatte sich gegen Hadschdschâdsch erhoben. Aus dieser Gruppe ergriff man eine Frau und brachte sie vor Hadschdschâdsch. Er begann, sie anzureden und zu tadeln, und sie hielt den Kopf gesenkt und den Blick auf den Boden geheftet und gab ihm keine Antwort und würdigte ihn keines Blickes. Einer der Anwesenden sagte: „Der Amîr redet mit dir, und du hast dich gegen ihn aufgelehnt!“ Sie entgegnete: „Ich schäme mich vor Gott, jemanden anzuschauen, den Gott nicht (gnädig) anschaut.“ Hadschdschâdsch fragte: „Woher weißt du (denn), daß Gott mich nicht (gnädig) anschaut?“ Antwort: „Wenn er dich (gnädig) anschauen würde, dann würde er dir nicht solche Tyrannei durchgehen lassen.“ Hadschdschâdsch sagte: „Sie spricht die Wahrheit.“ Dann ließ er ihr tausend Dirhem geben und schickte sie zu ihrem Stamm zurück. (S. 135)

Wie man sieht, steht das, was die Frau über Hadschdschâdsch sagt, in krassem Gegensatz zu der Art und Weise, wie er sich tatsächlich verhält. Die Frau beschuldigt ihn der Tyrannei und ist der Meinung, Gott habe sich von ihm abgewendet. Doch Hadschdschâdsch läßt sie dafür nicht etwa töten oder auch nur bestrafen, wie man es von einem Tyrannen erwarten würde. Er müßte dafür noch nicht einmal ein Tyrann sein, denn die Frau hat sich ganz offensichtlich gegen die Herrschaft aufgelehnt, und das würde auch ein gerechter Herrscher bestrafen.

Stattdessen zeigt er sich von ihren Aussagen beeindruckt und ist einsichtig. Er stimmt der Frau sogar zu und belohnt sie für ihre harsche Kritik. Das ist aber genau das, was normalerweise die gottesfürchtigen und gerechten Herrscher in den Anekdoten tun – oder doch solche, die zumindest ein Bewußtsein für ihre eigenen Fehler haben. Von einem Tyrannen erwartet man das nicht.

Was also will uns die Anekdote sagen? Daß der schlechte Ruf des Hadschdschâdsch eigentlich unbegründet ist? Aber in der Anekdote bestätigt er ja obendrein selbst, daß die Frau mit ihrer Einschätzung recht hat. Oder spielt es vielleicht eine Rolle, daß Hadschdschâdsch hier einer Frau gegenübersteht? Würde er einen Mann anders behandeln? Andererseits gibt es auch mehrere Anekdoten, in denen er auf die Kritik von Männern ganz ähnlich reagiert – oder sogar mit Humor. Zum Beispiel in dieser Anekdote aus derselben Sammlung:

Einmal ritt Hadschdschâdsch ibn Yûsuf mit einer Anzahl seiner Vertrauten durch eine Ebene und sah in der Ferne einen Hütesklaven, wie er Schafe weiden ließ. Er sagte zu seinen Begleitern: “Bleibt hier, bis ich mit diesem Hirten gesprochen habe!” Dann spornte er sein Pferd an und ritt zu ihm (nämlich dem Hirten) hin und grüßte ihn. Der Sklave erwiderte den Gruß. Hadschdschâdsch fragte ihn: “Was für eine Art Herrscher ist Hadschdschâdsch ibn Yûsuf über euch?” Antwort: “Der Fluch Gottes komme über ihn! Nie ist ein größerer Tyrann als er auf dem Stuhl der Herrschaft gesessen. Er ist ein erbarmungsloser, blutdürstiger, rücksichtsloser Mensch ohne Gottesfurcht. Ich hoffe, daß die Erdoberfläche bald vom Schmutz seiner Tyrannei gereinigt wird!” Hadschdschâdsch fragte: “Kennst du mich?” Antwort: “Nein.” Hadschdschâdsch: “Ich selbst bin Hadschdschâdsch.” Der Sklave bekam Angst, und seine (Gesichts-)Farbe änderte sich (d.h.: er wurde bleich). Hadschdschâdsch fragte: “Wessen Sklave bist du und wie heißt du?” Der Sklave antwortete: “Mein Name ist Wardân, und ich bin ein Sklave der Âl Abî Thaur, und jeden Monat bekomme ich dreimal die Fallsucht und werde verrückt. Heute ist einer meiner Tage der Fallsucht und Verrücktheit.” Hadschdschâdsch lachte, verlieh ihm ein Ehrengewand und ritt davon. (S. 394)

Allein in Safîs Sammlung gibt es zehn Anekdoten über Hadschdschâdsch – verteilt über verschiedene Kapitel –, in denen der berüchtigte Statthalter so oder ähnlich auf Furchtlosigkeit, Schlagfertigkeit, Bauernschläue oder geistreichen Witz reagiert. In keinem Fall verhält er sich wie der blutrünstige Tyrann, der er laut ausdrücklicher Äußerungen in denselben Anekdoten sein soll. Ich finde diese Anekdoten gerade deshalb so reizvoll und habe viel Vergnügen an ihnen. Aber ich weiß nicht recht, wie sich dieser Kunstgriff deuten läßt. Vielleicht haben Sie ja eine Idee?

Literatur

Kurz, Susanne: „Verachtet das Scherzen nicht!“: Die kulturhistorische Aussagekraft von persischen Sammlungen humoristischer Kurzprosa. 2 Halbbde. Dortmund: Verlag für Orientkunde, 2009. (Beiträge zur Kulturgeschichte des islamischen Orients, 40). Die Arbeit kann man hier bestellen.

Safî, Fachr od-Dîn ‚Alî b. Hoseyn Vâ’ez-e Kâschefî: Latâ’ef ot-tavâ’ef. Hrsg. v. Ahmad-e Goltschîn-e Ma’ânî. 4. Aufl. Tehrân: Eqbâl, 1362 sch./1983.


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Perso-Indica

Diese Woche kann ich nur einen kurzen Beitrag schreiben, weil ich das halbe Wochenende hier verbracht habe: The Second Perso-Indica Conference.

Die persische Sprache und damit auch die Kultur, die sie transportierte, waren viele Jahrhunderte lang auch im heutigen Pakistan und Indien verbreitet. Erst im 19. Jahrhundert wurde Persisch langsam zurückgedrängt.

Doch vorher wurden in Indien viele Werke aus allen möglichen Literaturgattungen – auch wissenschaftliche Literatur – aus dem Sanskrit oder anderen indischen Sprache ins Persische übersetzt. Und nicht nur das: Auch persische Werke wurden ins Sanskrit übertragen. Solche Werke nennen wir „Perso-Indica“, und mit ihnen befaßt sich das gleichnamige Projekt. Leider ist diese Literatur nicht besonders gut erforscht.

Das liegt ganz wesentlich an den Fächergrenzen, auf die man sich in Europa und Amerika festgelegt hat. Es gibt Fächer, die sich mit Muslimen oder Iran befassen. Wissenschaftler aus diesen Fächern könnten sich zwar für die persischen Werke und für die Muslime in Indien zuständig fühlen, können aber in der Regel kein Sanskrit und müssen sich auch viele andere Kenntnisse über die mehrsprachige und multikulturelle Situation in Indien zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert erst mühsam aneignen. Zu diesen Leuten gehöre ich. Dagegen können die meisten Indologen nicht unbedingt Persisch, und viele beschäftigen sich auch lieber mit den vielen anderen Feldern der indischen Kultur oder mit früheren Zeiten. In Indien und Iran steht es mit der Forschung zu den Perso-Indica auch nicht viel besser, wenn auch aus anderen Gründen.

Sobald man sich aber etwas Mühe gibt und weltweit auf die Suche geht, findet man doch erstaunlich viele Forscher, die sich aus dem einen oder anderen Blickwinkel mit den Perso-Indica befassen. Manche haben sogar eine doppelte Ausbildung in Indologie und Iranistik/Islamwissenschaft. Andere arbeiten hauptsächlich mit den Quellen in einer der Sprachen. Deshalb ist es so interessant, diese unterschiedlichen Blickwinkel und Herangehensweisen zusammenzubringen und den Forschern eine Möglichkeit zu geben, sich gegenseitig kennenzulernen, sich miteinander auszutauschen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten.

Diesem Zweck dienen die Perso-Indica-Konferenzen. Hier versammeln sich Forscher aus Indien, Pakistan, Amerika, Deutschland, Frankreich, Italien und anderen europäischen Ländern und stellen zwei Tage lang ihre Arbeiten vor, diskutieren sie und schmieden Pläne. Am Freitag und Samstag haben wir uns auf der 2. Perso-Indica-Konferenz getroffen – dieses Mal in Bonn. Nächstes Jahr treffen wir uns wieder und diskutieren vor allem die Beiträge, die wir alle zum Online-Survey und zum ersten gedruckten Band des Perso-Indica-Projekts verfassen werden.

Wer weiß, vielleicht findet die nächste Konferenz ja in Delhi statt?

 


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Geschichte, Legende, Fantasy: Die Namen in „Prince of Persia – Der Sand der Zeit“

»Prince of Persia – Der Sand der Zeit« aus dem Jahr 2010 ist eine der gelungeneren Adaptionen eines Computerspiels als Kinofilm.

*** Vorsicht: Spoiler! ***

Held der Geschichte ist Dastan, ein Straßenjunge, der dem König von Persien wegen seiner Tapferkeit auffällt und von ihm adoptiert wird. Fünfzehn Jahre später zieht er als erwachsener Mann mit seinen Adoptivbrüdern, den Prinzen Garsiv und Tus gegen die heilige Stadt Alamut, weil der Bruder und Ratgeber des Königs, Nizam, entdeckt hat, daß Alamut Waffen an die Feinde Persiens verkauft. Nach der Eroberung Alamuts schlägt der Kronprinz Tus Prinzessin Tamina von Alamut vor, ihn zu heiraten. Derweil hat die Prinzessin einen ihrer Wachleute losgeschickt, um den Dolch mit dem „Sand der Zeit“ in Sicherheit zu bringen. Dastan fängt ihn jedoch ab und erbeutet den Dolch. Mit diesem Dolch kann man die Zeit für eine kurze Zeitspanne rückwärts laufen lassen und so die Vergangenheit ändern. Dies funktioniert aber nur, solange eine ausreichende Menge vom „Sand der Zeit“ im Griff des Dolches ist. Je weiter oder häufiger man in der Zeit zurückgeht, desto mehr Sand wird verbraucht. Wenn kein Sand mehr vorhanden ist, läßt sich der Dolch nicht mehr als „Zeitmaschine“ verwenden. Doch während der Siegesfeier überreicht Dastan dem mittlerweile angereisten König Sharaman unwissentlich ein vergiftetes Gewand als Geschenk, das er von Tus bekommen hat. Der König stirbt, und Dastan steht als Mörder da. Er muß fliehen, und Tamina schließt sich ihm an, um den Dolch zurück zu bekommen. Bei einem Handgemenge zwischen den beiden betätigt Dastan aus Versehen den Dolch und entdeckt sein Geheimnis.

Nach manchen Abenteuern entdeckt Dastan beim Begräbnis des Königs, daß nicht Tus das Gewand vergiftet hat, sondern Nizam. Nun klärt Dastan Tamina über Nizams Intrige auf, zu der auch die erfundenen Waffenlieferungen von Alamut gehören. Daraufhin beschließt Tamina, Dastan zu unterstützen und enthüllt die volle Wahrheit über den „Sand der Zeit“: Unter der Stadt Alamut liegt eine riesige Sanduhr voll mit dem „Sand der Zeit“ verborgen. Wenn jemand versuchen sollte, das Glas mit dem Dolch zu öffnen, um beliebig weit in der Zeit zurückzugehen, so würde der Sand entfesselt und die gesamte Welt vernichten. Nizam seinerseits hat es deshalb auf den Dolch abgesehen, weil er in seine Kindheit zurückkehren will. Damals hatte er seinen älteren Bruder vor einem Löwen gerettet. Jetzt möchte er diese Tat rückgängig machen, denn er bereut sie inzwischen und glaubt, wenn sein Bruder als Kind von dem Löwen getötet worden wäre, so wäre er selbst jetzt der rechtmäßige König Persiens.

Nizam erkennt, daß Dastan ihn durchschaut hat. Deshalb schickt er die Hassansine-Sandderwische aus, um Dastan aus dem Weg zu räumen. Es handelt sich um professionelle Mörder, die auch im Kampf geschult sind, sich mit Giftschlangen umgeben und durch Drogen in Rauschzustände versetzen. In einen Angriff der Hassansine, den Dastan mit Hilfe des Dolchs vereitelt, werden auch ein paar Banditen hineingezogen. Sie wollten Dastan eigentlich an Tus ausliefern, um eine Belohnung zu kassieren, schließen sich nun aber Dastans und Taminas Sache an. Bei dem Versuch, den Dolch in Sicherheit zu bringen, bekommt Nizam ihn in die Hände, während Garsiv sich von Dastans Unschuld überzeugen läßt, aber von einem Hassansin getötet wird. Dastan, Tamina und ihre Freunde kehren nach Alamut zurück, um den Dolch zurückzugewinnen. Zunächst erfolgreich, wird dieses Unternehmen dann doch von Nizam vereitelt. Er tötet Tus, nimmt den Dolch wieder an sich und macht sich auf den Weg zur Sanduhr.

Tamina kennt zwar einen geheimen Weg, so daß sie Nizam einholen können. Unterwegs muß Dastan aber noch den Anführer der Hassansine töten. So können sie Nizam nicht mehr daran hindern, den Dolch in die Sanduhr zu stoßen. Nizam stößt Tamina in den Abgrund, und Dastan kann sie zwar festhalten, muß sie dann aber loslassen, um Nizam aufzuhalten. Während der Sand der Zeit bereits dabei ist, Alamut auszulöschen, gelingt es Dastan, den Dolch in die Hand zu bekommen und bis zur Eroberung Alamuts in der Zeit zurück zu reisen. Hier enthüllt er seinen Brüdern Nizams Intrige. Tus tötet Nizam und entschuldigt sich bei Tamina für den Angriff auf Alamut. Er schlägt ihr eine Heirat mit Dastan vor. Dieser nimmt sie für sich ein, indem er ihr den Dolch zurückgibt. Soweit die Geschichte.

Bei diesem Film hat man erstaunlich viel Aufwand betrieben, um die Kulissen tatsächlich vor Ort zu bauen, statt sie nur am Computer zu erzeugen. Selbst die akrobatischen Einlagen der Darsteller sind wirkliche Action und keine technischen Spielereien. Da wundert man sich auch nicht, daß Orts- wie Personennamen ein Mindestmaß an Recherche verraten – auch wenn Geschichte, Legenden und pure Phantasie hier auf abenteuerliche Weise vermischt werden. Selbstverständlich lassen sich die Namen im Film zunächst einmal mit Namen in Computerspielen verknüpfen. Aber das ist nicht ihr eigentlicher Ursprung. (S. zu beiden Aspekten z.B. die IMDB-Seite, v.a. unter „Trivia“, und die englische Wikipedia, v.a. auf der Diskussionsseite, beide Seiten zuletzt besucht am 02.06.13). All denen, die wissen wollen, woher die wichtigsten Namen ursprünglich stammen und was sich hinter ihnen verbirgt, soll dieser Beitrag eigene Recherchearbeiten ersparen.

1. Die Königsstadt Nasaf

Nasaf“ ist die arabische Form des persischen Ortsnamens Nachschab. Der Ort lag vier Tagesreisen von Buchârâ entfernt. Heute liegt diese Gegend in Usbekistan, aber früher gehörte sie zum iranisch-türkischen Kulturraum. Natürlich wurde die arabische Form des Ortsnamens erst nach den Eroberungen der muslimischen Araber im 7. Jahrhundert geläufig. Da der Film deutlich vor dieser Zeit spielt – soweit man ihn überhaupt historisch einordnen kann – ist der Name „Nasaf“ also ein Anachronismus. Auch geographisch scheint die Stadt im Film viel weiter westlich zu liegen als das historische Nasaf.

2. Der persische König Sharaman

hat seinen Namen wahrscheinlich der Rahmenerzählung von Tausendundeiner Nacht zu verdanken. Dort gibt es zwei königliche Brüder namens Schahriyâr und Schahzamân. Beide Namen sind persisch und haben die Bedeutung »Herrscher« und »König der Zeit«. Je nach Überlieferung in den Handschriften und Übersetzung in europäische Sprachen wurden diese Namen hie und da auch anders gedeutet. Vermutlich stammt der Name des Königs im Film also von einer anderen Lesart oder Verfremdung des Namens Schahzamân her.

3. Der Bruder des Königs Nizam

trägt dagegen einen arabischen Namen, der erst in der islamischen Zeit aufgekommen ist – also mehrere Jahrhunderte nach der Zeit, in der die Filmhandlung angeblich spielt. Eigentlich ist es auch gar kein Name, sondern der erste Teil eines Ehrentitels. Der erste berühmte Träger dieses Ehrentitels war Nizâm al-Mulk, der Wesir zweier bedeutender Sultane der türkischen Seldschuken im 11. Jahrhundert. Nizâm al-Mulk bedeutet »Ordnung des Reiches«, und dieser Titel wurde später auch in Indien sehr beliebt. Nizâm allein heißt also „Ordnung“. Richtig ist, daß Nizâm al-Mulk ein mächtiger Mann war und in Iran wirkte.

4. Der junge Held Dastan

trägt den ruhmvollen Beinamen des Zâl. Er ist der Vater des wichtigsten Helden im Schâhnâme, dem persischen »Königsbuch« des bekannten Dichters Ferdousî. Sein langes Epos über die legendären vorislamischen Könige Irans gilt auch als »Nationalepos« der Iraner. Diese Bezeichnung ist historisch betrachtet zwar problematisch, aber hier ist nicht der Ort, das zu diskutieren. Ferdousî hat sein großes Werk Anfang des 11. Jahrhunderts abgeschlossen. Und der bekannteste Held, den er auftreten läßt, ist der bärenstarke und fuchsschlaue Rostam, der auch als „Rostam-e Dastân“, Rostam, Sohn des (Zâl) Dastân bekannt ist. Allerdings hat dieser Beiname Dastân im Original ein langes „â“ in der zweiten Silbe.

5. Die heilige Stadt Alamut

war eine Bergfestung im Norden Irans, wo die religiöse Splittergruppe der Nizârîs sich eingenistet hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn Alamût bedeutet »Adlerhorst«. Die Nizârîs gehörten zur Richtung der schiitischen Ismailiten, die vom 10. bis zum 12. Jahrhundert in Ägypten und Syrien herrschten. Auch die Festung Alamût, von der sich die heilige Stadt des Films den Namen geborgt hat, kennen wir also erst aus der islamischen Geschichte Irans. Im Film ist auch dieser Name ein Anachronismus. Im übrigen wird sie dort in den Süden, nämlich nach Indien verlegt. Die Nizârîs von Alamût werden übrigens auch die Assassinen genannt und unternahmen seit dem Ende des 11. Jahrhunderts immer wieder Mordanschläge auf die sunnitischen Machthaber in Iran. Ein paar weitere Informationen folgen unten unter dem Stichwort »Hassansine«. Aber wer die Assassinen wirklich waren und welche Ansichten sie vertraten, muß ich in einem eigenen Artikel erläutern. Schauen Sie doch ab und zu nach, ob er schon hier zu finden ist!

6. Der Kronprinz Tus

hat seinen Namen wiederum von einem Helden des Schâhnâme und gehört damit tatsächlich in die vorislamische Zeit, aber ins Reich der Legenden, nicht in das der Geschichte. Auch nach dieser Überlieferung war er ein Königssohn, aber auch ein Heerführer unter den Kayâniden-Königen, die der Legende nach vor den Sassaniden in Iran herrschten. Doch aus Unüberlegtheit und Starrköpfigkeit tötete er den Sohn eines anderen Helden und wurde dafür vom König beschimpft, erniedrigt und verlor seinen Posten als Heerführer. Mit dem Leben kam er nur deshalb davon, weil er aus einer berühmten Königslinie stammte. Sein Name enthält übrigens ein langes „u“, wird also nicht „Tas“ gesprochen wie im Film, sondern „Tûs“.

7. Der zweite Prinz Garsiv

heißt ebenfalls nach einem Helden des Schâhnâme, allerdings nach einem Helden der Tûrâner, die im Schâhnâme Feinde der Iraner sind. Der Name dieses Helden lautet eigenlich „Garsîvaz“ mit stimmhaftem „s“ am Ende, hier ausgedrückt durch ein „z“. Sein Bruder war der viel bekanntere König Afrâsiyâb, der Herrscher von Tûrân. Tûrân wurde von Iran aus gesehen jenseits des Amu Darya verortet, wo Turkvölker herrschten. Eine der späteren türkischen Dynastien aus dieser Gegend führte ihren Stammbaum auf Afrâsiyâb zurück.

8. Prinzessin Tamina

ist nach der Prinzessin Tahmîne im Schâhnâme benannt. Sie ist die Tochter des Königs von Samangân, einer Gegend, die heute im Norden Afghanistans liegt. Für die Sagen um den wichtigsten Helden des Schâhnâme, Rostam, Sohn des Dastân, spielt sie eine wichtige Rolle. Sie empfängt nämlich in einer einzigen Liebesnacht mit Rostam seinen einzigen Sohn Sohrâb. Zum jungen Mann herangewachsen, zieht dieser tatendurstig auf Abenteuer aus und fordert schließlich seinen Vater zum Kampf. Unglücklicherweise erkennt Rostam erst, wer der junge Mann ist, als er ihn tödlich verwundet hat. Eine echte Tragödie also. Und die Verbindung zwischen Rostam, Sohn des Dastân, auf persisch „Rostam-e Dastân“ genannt, und Tahmîne im Schâhnâme findet sich in der Verbindung zwischen Dastan und Tamina im Film wieder – wenn auch mit weniger tragischen Folgen.

9. Die mörderischen Hassansine-Sandderwische

verbinden mehrere Elemente aus der islamischen Geschichte der persischsprachigen Welt. Zunächst einmal ist der Tanz, den man einen von ihnen ausführen sieht, ein bekannter Derwisch-Tanz. Es ist der Tanz der Maulavi-Derwische aus der Türkei. Diese Maulavi-Derwische führen ihre Bruderschaft und ihren Tanz auf Maulânâ Dschalâl ad-Dîn Rûmî zurück, einen persischen mystischen Dichter, der den größten Teil seines Lebens in Konya in der heutigen Türkei verbracht hat. Anders als die echten Maulavi-Derwische, sind die Hassansine aber alles andere als harmlos. Sie tragen Züge von Dschinnen. Das sind aus Feuer geschaffene Geistwesen, die sich vornehmlich in Tiere wie Schlangen verwandeln, aber auch menschliche Gestalt annehmen können. Dabei sehen sie manchmal entstellt, manchmal aber auch besonders schön aus. Dschinne sind meist recht eigensüchtig und daher kein besonders gesunder Umgang für Menschen. Schließlich spielt der Name der Hassansine ebenso wie ihr Gewerbe – der Meuchelmord – auf die Assassinen an, die schon bei der Erklärung zu Alamût erwähnt wurden. „Assassine“ bedeutet nicht ohne Grund in den europäischen Sprachen „Meuchelmörder“, denn die Assassinen waren gefürchtet für ihre meist erfolgreichen Mordanschläge auf ihnen nicht genehme Machthaber und einflußreiche Persönlichkeiten im 11. und 12. Jahrhundert in Iran, aber auch in Syrien zur Zeit der Kreuzfahrer. Da sie sich auch nicht davor fürchteten, bei einem Anschlag selbst ums Leben zu kommen, waren sie ihren Zeitgenossen unheimlich, und das förderte allerlei Vermutungen über ihre Motivation – zum Beispiel die, daß man ihnen das Paradies vorgaukelte, damit sie eher bereit wären, den Tod in Kauf zu nehmen. Dabei sollen auch Drogen im Spiel gewesen sein. Ihr Name „Assassinen“ geht denn auch auf das arabische Wort „haschîschîyûn“ zurück, das soviel bedeutet wie „Haschischesser“. Mehr Informationen zu den Assassinen, die der religiösen Richtung der schiitischen Nizârîs angehörten und heute oft als die „ersten Selbstmordattentäter“ in der islamischen Geschichte gehandelt werden, biete ich in meinem Artikel über die Assassinen (folgt demnächst).

Quellen

  • Blu-Ray-Disc-Extras zu „Prince of Persia – Der Sand der Zeit“.
  • Dehkhodâ, ‚Alî-Akbar: Loghat-nâme. 14 Bde. Tehrân: Enteschârât-e Dâneschgâh, 1993-4.
  • Ferdousî, Abû l-Qâsem: Schâhnâme. Hrsg. v. Djalal Khaleghi-Motlagh. 8 Bde. Tehrân: Markaz-e Dâ’erat ol-ma’âref-e bozorg-e eslâmî, 1386 sch./2007.
  • IMDb, Plot-Synopsis, http://www.imdb.com/title/tt0473075/synopsis (zuletzt besucht am 06.05.2012).
  • Mo’în, Mohammad: Farhang-e Fârsî. 6 Bde. Tehrân: Amîr-Kabîr, 1963-78.
  • Wolff, Fritz: Glossar zu Firdosis Schahname. Hildesheim: Olms, 1965. (Reprograf. Nachdr. d. Ausg. Berlin, 1935).

Bildnachweis

Beitragsbild:
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Daniel Lafranca
unverändert übernommen
Lizenz: Creative-Commons 3.0


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