Neuigkeiten: In eigener Sache

In den nächsten vier Wochen werde ich nicht dazu kommen, mich wie üblich um den Blog zu kümmern. Damit Sie trotzdem etwas zu lesen bekommen, habe ich ein bißchen vorgearbeitet und werde meine neuen Artikel in dieser Zeit automatisch immer am Sonntag abend publizieren lassen. Zumindest habe ich das so eingestellt. Ich hoffe, daß es auch funktioniert, denn ich kann es zwischendurch wahrscheinlich nicht überprüfen. Natürlich teste ich das erstmal mit diesen „Neuigkeiten“. Wenn Sie das hier lesen, und es ist noch nicht Montag, der 15.09, dann funktioniert es also :-).

Dieses Verfahren hat allerdings drei Nachteile, für die ich Sie um Verständnis bitten möchte:

1) Dieses Wochenende habe ich mehrere Artikel in der Zeit geschrieben, in der ich sonst einen schreibe (ok, vielleicht hat es auch ein bißchen länger gedauert als sonst ;-)). Das heißt, ich konnte sie nicht so gründlich lektorieren wie üblich und hoffe, daß die Qualität dadurch nicht zu sehr leidet.

2) Ich konnte noch nicht alle Verlinkungen aktualisieren, wie ich das normalerweise tue (das betrifft vor allem die Serien). Der Grund ist, daß ich zu noch nicht publizierten Artikeln nicht verlinken kann, auch wenn sie in der „Warteschlange“ zur Publiktaion hängen und daher nicht mehr Entwurfstatus haben. Die Verlinkungen werde ich aber im Oktober so schnell wie möglich nachtragen.

3) Kommentare können in den nächsten vier Wochen nicht begutachtet und freigeschaltet werden, und ich kann auch nicht darauf antworten. Bitte gedulden Sie sich daher ein  bißchen. Ich werde das auf jeden Fall so schnell wie möglich nachholen.

Es folgt eine kurze Vorschau, die Sie nicht lesen sollten, wenn Sie sich gern überraschen lassen.

 

———- * VORSICHT SPOILER! * ———-

In den nächsten Wochen erwartet Sie auf diesem Blog:

  • ein neuer Gastbeitrag einer meiner Kolleginnen,
  • Neues zu „Medizin zwischen Mythos und Wirklichkeit“,
  • eine neue Folge der Nezâm-ol-Molk-Serie,
  • eine kurze Geschichte des Kalifats

vielleicht in dieser, vielleicht in einer anderen Reihenfolge. Seien Sie gespannt und schauen Sie ab und zu herein! 🙂

Wesir der Seldschuken: Der Nezâm unter Alp Arslân Teil 1

Zur dritten Folge geht es hier.
Zur fünften Folge geht es hier.

Mit Alp Arslâns Thronbesteigung und der Hinrichtung von Toghrils Wesir Kondorî in den Jahren 1063 und 1064 war der Nezâm zum zweitmächtigsten Mann eines großen Reiches aufgestiegen, das vom heutigen Amû Daryâ bis in den Irak und nach Syrien hinein reichte. Ein solches Reich hielt nicht von selbst zusammen. Und als Wesir des Sultans stand der Nezâm an der Spitze der gesamten Reichsverwaltung und hatte auch das Sagen bei Personalentscheidungen und über die Finanzen. Schon in den ersten Jahren zeigte er dabei viel Geschick.

So löste er das doppelte Problem des durch die Eroberungen teilweise verwüsteten Ackerlandes und der Besoldung von Militärführern und hohen Verwaltungsangestellten durch die Vergabe von Land, aus dem sie ihre Einnahmen schöpfen sollten. Man nannte das iqtâ‘, und es wird oft mit „Lehen“ übersetzt, weil das Land nicht Eigentum der „Belehnten“ wurde. Es war also gewissermaßen eine „Leihgabe“. Doch solche „Lehen“ waren nicht erblich und konnten jederzeit wieder eingezogen werden. Ursprünglich bestanden sie auch nur im Anspruch auf einen Teil der Steuereinnahmen, doch zur Zeit des Nezâm waren die Befugnisse der „Belehnten“ bereits ausgeweitet worden. Das iqtâ‘-System war also keine Erfindung des Nezâm, aber er weitete es im Seldschukenreich aus, und es entstanden verschiedene Typen von iqtâ‘. Für die Landwirtschaft war diese Lösung jedenfalls günstig, da die „Belehnten“ ein lebhaftes Interesse daran entwickelten, daß „ihr“ Land fleißig bebaut wurde. Wo nämlich der Ackerbau nicht blühte, da flossen auch keine Steuereinnahmen. Später sollte sich aus dem iqtâ‘-System eine Schwächung der Zentralgewalt ergeben, die zur Zeit des Nezâm aber noch nicht um sich griff.

Schon in Alp Arslâns Herrschaftszeit fällt auch des Nezâm Gründung einer Hochschule für Religionsgelehrte (madrasa) in Bagdad mit angesehenen Gelehrten als Lehrer und Stipendien für die Studenten. Benannt nach ihrem Gründer, wurde sie als „Nizâmiyya„-Madrasa bekannt. Wer hier ausgebildet wurde, konnte eine Laufbahn in der Reichsverwaltung einschlagen. So wurden einerseits verläßliche, gut sunnitische Verwaltungsangestellte herangezogen, andererseits bildeten sich engere Verbindungen zwischen Religionsgelehrten und „Sekretären“, und auch der Einfluß auf die Bevölkerung stieg, denn Religionsgelehrte hatten hohes Ansehen und oft viel Einfluß auf breitere Schichten der Bevölkerung. In den folgenden Jahren gründete der Nezâm auch  in anderen Städten weitere Nizâmiyya-Madrasen, und sie bestanden noch lange nach seinem Tode fort und blieben renommierte Ausbildungsstätten. Auf den religionspolitischen Hintergrund der Nizamiyya-Gründungen kommen wir in einer der nächsten Folgen zu sprechen.

Der Nezâm war als Wesir Alp Arslâns also auf einem ersten Höhepunkt seiner Macht angekommen, hatte umfassende Befugnisse und entfaltete zahlreiche Aktivitäten. Trotzdem habe ich am Ende der letzten Folge die Auffassung vertreten, er wäre nicht in der Lage gewesen, Alp Arslân von der Hinrichtung Kondorîs zu überzeugen, wenn der Sultan selbst dafür keinen Grund gesehen hätte. Alp Arslân ließ sich von seinem Wesir nämlich nichts aufzwingen und behielt die Zügel der Herrschaft durchaus selbst in der Hand. Da konnte der Nezâm so fähig sein, wie er wollte, und auch sein höheres Alter – er war 1064 schon Mitte vierzig, Alp Arslân gut zehn Jahre jünger – nützte ihm nichts. Zwei der Belege dafür, daß der Sultan durchaus in der Lage war, seinen Wesir im Zaum zu halten, finden sich im „Buch der Staatskunst“ in den eigenen Worten des Nezâm.

So gelang es ihm beispielsweise nie, Alp Arslân von den Vorzügen eines Nachrichtendienstes – also eines Spionagesystems – zu überzeugen. Nachdem er in seinem Buch ausführlich dargelegt hat, weshalb und wozu ein Nachrichtendienst unbedingt notwendig sei und wie man diesen einrichten müsse, schließt er das Kapitel mit folgendem Abschnitt (Übersetzung nach Schabinger, S. 259f):

Eines Tages fragte Abû’l-Fasl Sakzî den für den Glauben gestorbenen Sultan Alp Arslân: „Warum hast du keinen Leiter des Nachrichtendienstes?“ – „Willst du mein Reich dem Winde preisgeben und meine Freunde von mir scheuchen?“ war seine Antwort. – „Wieso?“ – „Nun, wenn ich einen solchen einsetze, wird jeder, der mir lieb und freund ist, im Hinblick auf mein Vertrauen zu ihm und auf die Liebe und Freundschaft, die er bei mir genießt, dem Nachrichtenmeister kein Gewicht beilegen und ihn nicht bestechen. Dagegen wird jeder, der mir Widersacher und feind ist, mit ihm Freundschaft schließen und ihn beschenken. Unter diesen Umständen ist gar nichts anderes zu erwarten, als daß der Leiter des Nachrichtendienstes allezeit Schlechtes über die Freunde und Gutes über die Feinde berichten wird. (…) Nach kurzer Zeit wird uns der Freund ferner, der Feind jedoch näher stehen, so daß der Feind den Platz des Freundes einnehmen wird. Daraus entstehen dann Mißstände, die nicht zu fassen sind.“

Aber es ist doch besser, wenn ein Leiter des Nachrichtendienstes vorhanden ist. (…)

Dieser Abschnitt zeigt im übrigen nicht nur, daß Alp Arslân den Nezâm daran hinderte, einen Nachrichtendienst einzurichten, sondern daß der Nezâm auch Alp Arslâns Sohn Malek-Schâh bis in die zweite Hälfte von dessen Herrschaftszeit hinein nicht davon überzeugen konnte – das ist nämlich die Entstehungszeit des Buches. Die immer wieder ausgesprochene Behauptung, der Nezâm sei der „eigentliche Herrscher“ des Seldschukenreiches gewesen (so auch in der Wikipedia zu lesen) scheint daher doch ein bißchen hoch gegriffen – zumindest für die Herrschaftszeit Alp Arslâns.

Diesen Sultan respektierte der Nezâm aber nicht nur, sondern er fürchtete ihn regelrecht. In seinen eigenen Worten (erneut nach Schabinger, S. 301):

In der ganzen Welt gibt es nur zwei Glaubenslehrrichtungen, die gut sind: die des Abû Hanîfa und die des Schâfi’î. Der hochselige Sultan – Gottes Erbarmen über ihn! – war in seiner Lehrrichtung dermaßen fest und geradeheraus, daß mehrmals der Ausspruch über seine Zunge kam: „Wie schade! Wenn mein Kanzler (d.h.: mein Wesir, SK) nicht der schâfi’itischen Glaubenslehrrichtung angehörte, dann wäre Zucht und Ansehen mit ihm.“ Weil nun der Sultan so überaus glaubenseifrig war und die schâfi’itische Glaubenslehrrichtung verabscheute, war ich vor ihm immer in Sorge und beugte den Nacken nur mit Zittern.

Zur Erläuterung: Im sunnitischen Islam gibt es vier Rechtsschulen (madhâhib, Sg.: madhhab, manche sagen auch: Rechtsriten), die Schabinger hier als „Glaubenslehrrichtungen“ bezeichnet: die Hanafiten (benannt nach Abû Hanîfa), die Schâfi’iten (benannt nach Schâfi’î), die Hanbaliten und die Mâlikiten. Die Unterschiede zwischen den Ansichten ihrer Anhänger beziehen sich in erster Linie auf die Frage, auf Grundlage welcher Rechtsquellen und mit welchen Methoden man in religionsrechtlichen Fragen zu Lösungen kommen darf. Daraus ergeben sich dann im Detail auch unterschiedliche Regelungen. In vielen Fällen geht es dabei nicht um allzu große Abweichungen, aber da die Anhänger jeder Rechtsschule traditionell auch häufig einer bestimmten theologischen Schule anhingen, konnte es durchaus zu größeren Meinungsverschiedenheiten kommen. Die Seldschuken und ein Großteil der Türken waren (und sind bis heute) Hanafiten, während der Nezâm eben Schâfi’it war. Da Alp Arslân nun schon mit Blick auf die Unterschiede innerhalb des sunnitischen Spektrums nicht sehr tolerant war und die Seldschuken die Rechtmäßigkeit ihrer Herrschaft maßgeblich auf ihre Verteidigung des sunnitischen Islams gründeten, bekam der Nezâm es richtig mit der Angst zu tun, als er von einem fatalen Gerücht hörte, das über ihn im Umlauf war:

Der Gesandte des Khans (also des Herrschers) von Samarqand war zu Alp Arslân gekommen und suchte auch den Nezâm auf, um die Dinge mit ihm zu besprechen, die er nicht direkt mit dem Sultan diskutieren konnte. Der Nezâm hatte eben einen Ring im Schachspiel gewonnen und ihn auf die rechte Hand gesteckt, weil er auf die Linke nicht paßte. Während er mit dem Gesandten sprach, spielte er an dem Ring herum und drehte ihn um den Finger. Als der Gesandte zum Khan zurückkehrte, schickte der Sultan einen eigenen Gesandten mit, um weitere Angelegenheiten zu besprechen. Auch der Nezâm sandte einen eigenen Mann mit dem Gefolge, der ihn über alles auf dem laufenden halten sollte. Nach einiger Zeit bekam er von diesem Informanten ein Schreiben, das den Bericht des fremden Gesandten vor dessen Herrscher schilderte.

Der Gesandte hatte berichtet, daß Sultan Alp Arslân, sein Heer, sein Hof, seine Verwaltung und sein ganzes Reich tadellos seien bis auf eines: Sein Wesir sei ein „Zurückweiser“ (râfezî). Nach dem Grund für diese Annahme gefragt, hatte der Gesandte erklärt, der Nezâm habe einen Ring an der rechten Hand getragen und ihn gedreht. „Zurückweiser“ ist die Fremdbezeichnung für jemanden, der die religiöse Richtung des Sprechers ablehnt. Sie wurde (und wird) von den Sunniten oft für Schiiten verwendet. Der Gesandte hatte den Nezâm also einen Schiiten genannt.

Über diese Nachricht war der Nezâm sehr erschrocken. Den Rest der Geschichte möchte ich in seinen eigenen Worten wiedergeben (Übersetzung von mir nach S. 131 des Siyâsat-nâme):

Der Diener (= ich) wurde sehr besorgt aus Furcht vor dem Sultan. Ich sagte (mir): „Er verachtet (schon) die Rechtsschule des Schâfi’î und wirft sie mir ständig vor. Wenn er auf irgendeine Weise davon hört, daß die Dschekeliyân (= die Leute aus Turkestan) den Diener (= mich) als „Zurückweiser“ (= Schiiten) abgestempelt haben und sich solches vor dem Khan von Samarqand zugetragen hat, wird er mein Leben nicht schonen.“  Trotz aller Schuldlosigkeit gab der Diener (= ich) dreitausend Dînâr ohne Bitte und Aufforderung aus und verteilte einige Pachten und Pensionen, damit diese Worte nicht ans Ohr des Sultans gelangten.

Solche Schilderungen lassen nicht eben den Eindruck entstehen, daß der Nezâm den Sultan in der Hand hatte, im Gegenteil. Wie der Nezâm die Tatsache, daß er dem Sultan untergeordnet war, auch schon mal am eigenen Leib zu spüren bekam und wie sich Alp Arslâns Abneigung gegen Manipulationen auch einmal zum Vorteil des Nezâm auswirkte, lesen Sie in der nächsten Folge.

Quellen

Susanne Kurz: „Der Hof des Nizâm al-Mulk“. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Tübingen, 2001.

Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen: Das Buch der Staatskunst: Siyâsatnâma. Aus dem Persischen übersetzt und eingeleitet von Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen. Zürich 1987.

Nezâm ol-Molk, Abû ‚Alî al-Hasan b. ‚Alî b. Eshâq-e Tûsî: Siyar ol-Molûk (Siyâsat-nâme). Hg. Hubert Darke. 2. Aufl. Tehrân 1364 š./1985.

Neuigkeiten: Polyglotter Persischliebhaber

Zur Zeit freuen sich die Iraner in meinem Umfeld über ein Video, das per Mail die Runde macht. Es zeigt ein Interview mit einem siebzehnjährigen amerikanischen Jungen aus New York, der 23 Sprachen gelernt hat, darunter Persisch. In dem Video erklärt er, er lese mittlerweile persische Poesie und Persisch sei eine seiner Lieblingssprachen. Bei einer Auswahl von 23 Sprachen will das natürlich etwas heißen! Aufgefordert, etwas persische Poesie zu zitieren, trägt Tim Doner – so heißt der junge Mann – einen Vers von Hâfez vor.

Kein Wunder also, daß ihm die Herzen der Iraner entgegenschlagen, ist Hâfez doch der unter Iranern wahrscheinlich beliebteste persische Dichter. Auch das will etwas heißen, denn allein die Größen unter den klassischen persischen Dichtern kann man schon nicht mehr an einer Hand abzählen!

Da ich mal wieder nicht weiß, ob ich mich damit strafbar machen würde, kann ich das Video leider nicht hochladen. Man findet es aber ohne weiteres bei Youtube, nämlich hier. Weitere Videos verschiedener Sender mit Tim Doner sind unter diesem Link aufgelistet.

Natürlich hat mich Tims Bandbreite an Sprachen neugierig gemacht, denn Sprachenlernen ist ja auch eine meiner Leidenschaften. Nach meiner Erfahrung ist es aber gar nicht so einfach, eine Sprache einigermaßen fließend sprechen zu lernen – vor allem, wenn sie deutlich anders funktioniert als die eigene Muttersprache und man sich zunächst auf das Lesen- und Schreibenlernen konzentriert (wie ich das tue). Man kommt auch schnell aus der Übung und muß viel Zeit haben, um eine Sprache einzuüben und dann auch „am Ball“ zu bleiben. Wenn also jemand behauptet, er beherrsche 23 Sprachen, dann will ich schon mehr darüber wissen.

Also habe ich ein bißchen recherchiert und mir ein paar Videos auf Tim Doners Youtube-Kanal „Polyglott Pal“ angeschaut. Sein Arabisch und sein Persisch sind tatsächlich beeindruckend flüssig, auch wenn sein Hocharabisch für mich nicht so hundertprozentig nach „fushâ“ (also Hochsprache) klingt. Andererseits: Welcher Arabisch-Muttersprachler spricht schon wirklich „fushâ“? Tims Akzent im Persischen ist zwar ziemlich typisch für Englischmuttersprachler, aber nicht extrem. Wahrscheinlich sind es in seinem Fall also nicht nur Engagement und Freude an der Sache, die ihm das Lernen erleichtert haben, sondern auch ein Talent fürs Sprachenlernen und ein gutes Gehör für die Sprachmelodie.

Wen seine Techniken interessieren, der findet vielleicht diesen englischen Artikel auf einem Blog übers Sprachenlernen interessant. Einige davon habe ich auch schon ausprobiert. Vor allem den inneren Monolog in einer Fremdsprache finde ich sehr hilfreich, um die Sprache schnell zu aktivieren. Wenn man die Sprache schon ganz gut beherrscht und sich gern Geschichten ausdenkt, kann man auch Dialoge in einer oder mehreren Fremdsprachen erfinden. Macht viel Spaß, aber man muß natürlich daran denken, das auch öfter mal zu machen. Jedenfalls, wenn man die Technik nicht nur kurzfristig verwenden will, um rasch wieder in eine länger nicht gebrauchte Sprache hineinzufinden. Mit Filmen habe ich auch ganz gute Erfahrungen gemacht, gerade für Persisch, aber da es meist keine Untertitel gibt, ist es vor allem am Anfang ganz gut, wenn jemand hie und da mal etwas übersetzen kann. Sonst ist man vielleicht frustriert, daß man die Geschichte zur Hälfte erraten muß. Aber ich mag auch keine Stummfilme, ist also vielleicht Geschmackssache. 🙂

In diesem Video führt Tim Doner übrigens nicht nur seine persische Sprechfertigkeit vor, sondern stellt auch eine interessante Frage: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen „Fârsî“ und „Tâdschîkî“? Offenbar kann er kyrillisch lesen und konnte beim Tadschikischen keinen großen Unterschied zum Persischen erkennen. Das liegt daran, daß die Antwort auf seine Frage nach meiner Auffassung lauten müßte: Der Unterschied besteht vor allem in der Benennung und der damit verbundenen Identitätspolitik. Und natürlich in der verwendeten Schrift. 😉

Vielleicht komme ich darauf noch ausführlicher zu sprechen, wenn ich demnächst einmal Bert Fragners Buch über die „Persophonie“ vorstelle. Schließlich ist die „Persophonie“ ein Konzept, das auch Pate für den Titel dieses Blogs gestanden hat.

Und für diejenigen, die in letzter Zeit meiner Nezâm-ol-Molk-Serie gefolgt sind: Keine Sorge, es geht bald weiter! Ich wollte nur zwischendurch diese aktuelle Entdeckung einschieben, die Sie vielleicht auch fasziniert.

Wesir der Seldschuken: Die Sache mit Toghrils Wesir Kondorî

Zur zweiten Folge geht es hier.
Zur vierten Folge geht es hier.

Die letzte Folge endete mit einer Frage, wie sie für die Lebensgeschichte des Nezâm typisch ist: Hatte er bei der Absetzung, Verhaftung und Hinrichtung von Toghrils Wesir ‚Amîd ol-Molk-e Kondorî die Hände im Spiel? Oder gab es andere Gründe, weshalb Alp Arslân den Wesir seines Onkels nach einigem Zögern schließlich doch aus dem Weg räumen ließ?

Sicher ist, daß ein Gerücht im Umlauf war, der Nezâm sei für Kondorîs Hinrichtung verantwortlich. Hie und da wird diese Beschuldigung sogar direkt ausgesprochen, allerdings nur in Geschichtswerken, die mehr als hundert Jahre nach den Ereignissen verfaßt wurden. Ebenfalls in der späteren Überlieferung gibt es verschiedene Varianten von Kondorîs ebenso denkwürdigen wie wohlgesetzten letzten Worten. Sinngemäß lauteten diese etwa wie folgt:

Man solle dem Sultan Alp Arslân ausrichten, sein Onkel Sultan Toghril habe Kondorî die diesseitige Welt gegeben, und Alp Arslân gebe ihm nun die jenseitige Welt. Dem Wesir Nezâm ol-Molk aber solle man sagen, daß er eine schlechte Neuerung eingeführt habe, indem er die Sultane lehrte, Wesire zu töten. Doch das werde (oder solle) er noch am eigenen Leibe (oder an seinen Nachkommen) erfahren.

Vieles spricht dafür, daß diese von Kondorî überlieferten letzten Worte letztlich zu dem Gerücht von der (Mit-)Schuld des Nezâm an Kondorîs Tod beigetragen haben, denn sie verweisen auf ihn als die treibende Kraft hinter der Hinrichtung. Doch sie sagen uns wahrscheinlich mehr über die Rhetorik der mittelalterlichen muslimischen Geschichtsschreiber als über Kondorîs Gedanken kurz vor seinem Ende. Finde ich jedenfalls.

Denn ein Teil dieser pointierten Rede war schon bei Kondorîs Hinrichtung im Jahr 1064 nicht mehr sonderlich originell. Wenige Jahre zuvor hatte ein persischer Geschichtsschreiber ganz ähnliche Worte aufgezeichnet, die von der Mutter eines anderen ehemaligen Wesirs stammen sollen. Bereits dreiundreißig Jahre vor Kondorîs Hinrichtung hatte Mas’ûd von Ghazna diesen Wesir seines verstorbenen Vaters Mahmûd ebenfalls töten lassen. Und die Mutter dieses Wesirs wird zitiert wie folgt: „Welch ein großer Mann war doch dieser mein Sohn, daß ein König wie Mahmûd ihm die diesseitige Welt gab und ein König wie Mas’ûd die jenseitige Welt!“ So berichtet es jedenfalls Abo l-Fazl-e Beyhaqî in seinem „Târîch-e Mas’ûdî“ („Geschichte des Mas’ûd von Ghazna“). Dieser Wesir endete übrigens am Galgen – wo er ziemlich lange hängen blieb – und nicht durch Enthaupten wie Kondorî. Doch davon ein anderes Mal mehr.

Mir scheint also, daß dieser Teil von Kondorîs letzten Worten ihm von den späteren Geschichtsschreibern in den Mund gelegt wurde. Doch entscheiden Sie selbst, was Ihnen plausibler erscheint: daß Kondorî dieses Zitat kannte (was nicht auszuschließen ist) und für seine letzten Worte verwendete oder daß die späteren Geschichtsschreiber nicht widerstehen konnten und diese gekonnte Formulierung in die dramatische Schilderung von Kondorîs Tod aufnahmen. Wie auch immer: Man kann diesen Satz durchaus so verstehen, daß der Hingerichtete durch seinen Tod zum Märtyrer wird und daher sofort ins Paradies eingehen kann. Das wirft nicht unbedingt ein vorteilhaftes Licht auf denjenigen, der für die Hinrichtung verantwortlich ist.

Und damit sind wir wieder bei unserem eigentlichen Thema: Der Rolle des Nezâm bei Kondorîs Hinrichtung. Wenn schon der begründete Verdacht besteht, daß Kondorîs angebliche Botschaft an den Sultan eine Erfindung der rhetorisch gebildeten Geschichtsschreiber späterer Jahrhunderte ist, so fragt man sich doch unwillkürlich, ob das nicht ebenso für Kondorîs Botschaft an den Nezâm gelten könnte. Besonders verdächtig ist dabei, daß Kondorî den gewaltsamen Tod des Nezâm (oder wahlweise seiner Nachkommen) vorausgesehen oder durch einen Fluch sogar erst heraufbeschworen haben müßte. Und tatsächlich: Sowohl der Nezâm als auch eine Reihe seiner politisch einflußreichen Söhne kamen gewaltsam ums Leben. Das konnte Kondorî ohne hellseherische Fähigkeiten nicht wissen, sehr wohl aber die Verfasser der Geschichtswerke, in denen seine Worte überliefert werden.

Nun ja, vielleicht können manche Menschen ja tatsächlich die Zukunft vorhersehen. Oder Flüche werden gelegentlich Wirklichkeit. Oder es handelt sich in diesem Fall um ein Zusammentreffen von Zufällen. Aber mal ehrlich: Wäre die Echtheit von Kondorîs letzten Worten nicht viel wahrscheinlicher, wenn sowohl der Nezâm als auch seine Söhne friedlich im Bett an Altersschwäche gestorben wären?

In jedem Fall ist die Echtheit von Kondorîs angeblichen letzten Worten so zweifelhaft, daß sie nicht als Beleg für eine Beteiligung des Nezâm an Kondorîs Absetzung und Hinrichtung durchgehen können. Sie kommen übrigens in unserer ältesten Quelle auch gar nicht vor. Und der Nezâm wird dort auch nicht für den Tod des Kondorî verantwortlich gemacht. Allerdings enthält sie eine Passage, die womöglich zur Entstehung dieses Gerüchtes beigetragen hat:

Nisâmu’l-mulk [= der Nezâm] war eifersüchtig auf die Selbständigkeit des Wasîr ‚Amîdu’l-mulk [= Kondorî] und trachtete eine Zeitlang danach, ihn zu fassen und einzukerkern.

Die weitere Schilderung enthält dann, wie gesagt, keine Beteiligung des Nezâm an Kondorîs tatsächlicher Einkerkerung und Hinrichtung. Doch aus einem Satz wie diesem und dem folgenden Bericht von Einkerkerung und Hinrichtung des Kondorî kann in der weiteren Überlieferung leicht eine Intrige des eifersüchtigen Nezâm werden.

Die eben zitierte deutsche Übersetzung dieser Passage stammt übrigens aus einem schon etwas älteren, aber sehr materialreichen Aufsatz von mehr als dreißig Seiten (hier S. 252). Geschrieben hat ihn Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen, um eben die Frage zu klären, die uns auch interessiert: War der Nezâm (mit-)schuldig am Tod seines Amtsvorgängers Kondorî? Wir haben ja eben gesehen, daß die Überlieferungen, die dies behaupten, recht zweifelhaft sind. Doch ein Unschuldsengel war der Nezâm ganz offensichtlich nicht, denn die Einkerkerung des Kondorî scheint durchaus seinen Wünschen entsprochen zu haben.

Wenn Sie daher wieder Zweifel bekommen haben, ob der Nezâm nicht doch hinter der Sache steckte, sollten wir jetzt vielleicht überprüfen, ob es keine anderen Gründe für das Verhalten des Sultans Alp Arslân gegeben hat. Zunächst ließ er Kondorî ja im Amt, doch später entschied er sich, ihn abzusetzen und einzusperren. Und schließlich ließ er ihn sogar hinrichten. Unsere älteste Quelle – ich zitiere wieder nach Schabinger von Schowingen – beschreibt den Hergang so:

Im Muharram des Jahres 456 (Dez. 1063) machte ‚Amîdu’l-mulk [= Kondorî] dem Nisâmu’l-mulk [= dem Nezâm] einen Höflichkeits- und Entschuldigungsbesuch und ließ in seinen Händen ein Tuch mit 500 Dînâr. Nach seinem Weggang gingen die meisten Soldaten in seinen Dienst über, so daß der Sultan vor dem, was daraus schließlich folge, erschrak und den Befehl gab, ihn zu verhaften… (S. 252)

Es folgt die Hinrichtung nach Ablauf eines Jahres. Mit anderen Worten: Kondorî sicherte sich die Unterstützung großer Teile der Truppen und wurde eine Bedrohung für den Sultan, der nicht sicher sein konnte, wohin das führen würde. Womöglich versuchte er sogar, den Nezâm zu bestechen. Ganz klar wird das aus der Passage nicht. Und wenn wir uns genauer anschauen, was für eine Persönlichkeit Kondorî war, wird vielleicht noch klarer, warum der Sultan sich nun von ihm bedroht fühlte.

Bereits zu Toghril Begs Lebzeiten hatte Kondorî es mehr als einmal riskiert, bei seinem Herrn in Ungnade zu fallen. Als Toghril ihn ausschickte, um seine Heirat mit einer Prinzessin auszuhandeln, heiratete Kondorî die Dame kurzerhand selbst. Zur Strafe ließ der Sultan ihn entmannen, behielt ihn jedoch weiterhin in seinen Diensten. Und als wenige Jahre nach der Eroberung Bagdads Toghrils Macht einmal ernstlich bedroht war, machte Kondorî Anstalten, einen anderen Sultan einzusetzen. Dennoch gelang es ihm immer wieder, Toghrils Gewogenheit zurückzugewinnen. Vielleicht wollte dieser nicht auf Kondorîs Fähigkeiten verzichten. Nach Toghrils Tod behielt ihn auch Alp Arslân als Wesir, obwohl Kondorî zunächst Alp Arslâns Bruder zum Sultan hatte ausrufen lassen. Doch nach all diesen Geschichten hatte Alp Arslân allen Grund, die Handlungen Kondorîs mit Mißtrauen zu verfolgen. Und ganz sicher wollte er keinen Machtzuwachs des ehrgeizigen Wesirs riskieren. Hatte dieser doch selbst einmal gedichtet:

Tod ist gar bitter, doch da meine Seele
Dürstet nach Ruhm, so schmeckt er ihr süß;
Führertum füllt mir den Kopf, sein Lockruf
Geht mit ihm um, und ich fürcht‘ – mit ihm durch!
(wieder Schabinger von Schowingens Aufsatz, S. 271)

Im übrigen dürfte auch Alp Arslân klar gewesen sein, daß es auf Dauer schwierig werden würde, den Nezâm und Kondorî gemeinsam in seinem Dienst zu behalten. Womöglich zögerte Alp Arslân zwar erst, weil auch er nicht auf Kondorîs schlaue Amtsführung verzichten wollte. Immerhin hatte der Mann sich auch große Verdienste erworben. Doch im Nezâm hatte Alp Arslân bereits einen fähigen Wesir an seiner Seite. Und diesem konnte er vollauf vertrauen. Kondorî dagegen gab immer wieder Anlaß zum Argwohn. Daß Kondorî plötzlich mehr Einfluß bei den Truppen gewann, war vielleicht nur der Tropfen, der das ohnehin schon volle Faß zum Überlaufen brachte. Jedenfalls hatte Alp Arslân selbst genug Grund, den wenig zuverlässigen Wesir zu beseitigen. Auch wenn der Sultan lange zögerte, ist es nicht notwendig, den Nezâm als treibende Kraft zu vermuten. Kondorî war ganz allein in der Lage, sich um Kopf und Kragen zu bringen.

Damit ist die Unschuld des Nezâm am Geschehen natürlich nicht erwiesen. Doch seine (Mit-)Verantwortung ist nicht doch sehr zweifelhaft. Auch der oben schon verlinkte Artikel zu Kondorî in der Encyclopaedia Iranica greift die Anschuldigung gegen den Nezâm übrigens nicht mehr auf, obwohl darauf hingewiesen wird, daß dieser an Kondorîs Stelle treten sollte. Doch genau werden wir die Wahrheit wohl nie erfahren – wie bei so vielem, was in dieser fernen Vergangenheit geschehen ist.

Ich persönlich halte es jedenfalls für unwahrscheinlich, daß der Nezâm hinter Kondorîs Sturz und Tod steckte – auch wenn ihm beides vonnutzen war. Der Grund dafür ist einfach: Ich glaube nicht, daß der Nezâm Alp Arslân dazu hätte überreden können, den verdienten Wesir ohne triftigen Grund zu töten. Doch das Verhältnis zwischen dem Nezâm und Alp Arslân ist wieder eine neue Geschichte.

Quellen

Susanne Kurz: „Der Hof des Nizâm al-Mulk“. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Tübingen, 2001.

Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen: „Zur Geschichte des Saldschuqen-Reichskanzlers Nisâmu’l-Mulk“. Historisches Jahrbuch 62-69 (1949) 250-283.

Abu l-Fazl Mohammad b. Hoseyn-e Beyhaqî: Târîch-e Beyhaqî (= Târîch-e Mas’ûdî). Hg. v. ‚Alî Akbar-e Fayyâz. 4. Aufl. Mašhad 1374 š./1995-6. 236.

Wesir der Seldschuken: Der Aufstieg des Nezâm ol-Molk Teil 2

Zur ersten Folge geht es hier.
Zur dritten Folge geht es hier.

In der ersten Folge der Nezâm-ol-Molk-Serie waren wir bis zu dem Punkt gekommen, als der Nezâm – damals noch al-Hasan – seinen ersten seldschukischen Dienstherrn fluchtartig verlassen hatte und auf Weisung von Tschaghrî Beg in den Dienst des Alp Arslân getreten war. Dieser war ein Neffe des Sultans Toghril und verwaltete für seinen Vater Tschaghrî Beg zusammen mit seinem Wesir das östliche Chorâsân. Doch wieso war al-Hasan seinem seldschukischen Dienstherrn in Balch überhaupt weggelaufen?

Wie das in der Geschichte des 11. Jahrhunderts nicht selten ist, wissen wir es nicht genau. Doch es gibt aus dieser Lebensphase des Nezâm eine Anekdote, die seine Motive deutlich macht, auch wenn nicht jedes Detail an ihr glaubwürdig erscheint. Anscheinend hatte es al-Hasan in Balch deshalb nicht gefallen, weil sein dortiger Dienstherr ihm jedes Jahr seinen angesammelten Besitz wieder weggenommen hatte mit der Bemerkung: „Hasan, du bist fett geworden.“ Alles, was sein Dienstherr ihm ließ, waren ein Pferd und eine Reitpeitsche – ein schlechtes Pferd obendrein, wie wir gleich sehen werden. Auf diese Weise wäre al-Hasan also nie zu einem Vermögen gekommen, und diese Aussicht gefiel ihm augenscheinlich nicht. Vielleicht hatte er auch seine Machtlosigkeit satt. Jedenfalls versteckte er seine beiden ältesten Söhne und floh auf seinem erbärmlichen Klepper. Doch der war wohl nicht sonderlich schnell, denn die Männer, die al-Hasans Dienstherr ihm hinterherschickte, um ihn wieder einzufangen, holten ihn tatsächlich unterwegs ein.

Und jetzt kommt der verdächtige Teil der Anekdote: Als seine Häscher al-Hasan wieder nach Balch zurückbringen wollten, tauchte aus der Steppe ein Reiter mit einem guten Pferd auf und bot es al-Hasan im Tausch für seinen Klepper an. Natürlich nahm al-Hasan das Angebot gern an, und anscheinend hatten auch seine Bewacher nichts dagegen einzuwenden, mit denen der Reiter zuvor gesprochen hatte. Ein folgenschwerer Fehler, wie sie bald feststellen sollten, denn nun faßte al-Hasan neuen Mut und machte sich erneut davon. Nur konnten die Männer seines Dienstherrn ihn jetzt nicht mehr erwischen, und er entkam an den Hof des Tschaghrî Beg.

So lautet jedenfalls die Version der Geschichte, die ich rekonstruiert und in die Biographie des Nezâm eingeordnet habe. Diese Anekdote wird nämlich in verschiedenen Quellen in unterschiedlichen Fassungen überliefert und im allgemeinen nicht genau im Lebenslauf des Nezâm lokalisiert.

Auch im Dienste von Alp Arslâns Wesir scheint al-Hasan jedoch zunächst einmal nicht reich geworden zu sein. Zumindest deutet darauf eine ähnlich wundersame Anekdote hin: Einmal sollte al-Hasan Alp Arslân auf einer Reise begleiten, weil dessen Wesir verhindert war. Doch al-Hasan hatte keine ausreichenden Mittel, um sich für diese Reise angemessen auszustatten. Da begab er sich in seiner Ratlosigkeit in eine Moschee und betete. Während er sich in der Moschee aufhielt, kam ein Blinder herein, der ihn nicht bemerkte. Der Blinde grub einen Krug voller Goldstücke aus, den er in der Moschee versteckt hatte, spielte eine Weile damit und verbarg den Schatz dann wieder in seinem Versteck. Als er gegangen war, grub al-Hasan das Geld aus und finanzierte damit die Reise. Natürlich hat er den Blinden später ausfindig gemacht und ihm das Geld zurückerstattet. So wird es jedenfalls erzählt. 😉 (Über den Nezâm und das Geld berichte ich ein anderes Mal.)

Vermutlich wurde al-Hasan seine Geldsorgen also erst los, als er zu Nezâm ol-Molk wurde. Man vermutet, daß er diesen Titel erhielt, als Alp Arslâns Wesir starb und al-Hasan zu seinem Nachfolger ernannt wurde. Doch der Nezâm sollte noch höher aufsteigen. Als nämlich der oberste Seldschukenfürst, der Sultan Toghril Beg, im Jahr 1063 starb, hinterließ er keine eigenen Kinder. Sein bereits zwei Jahre früher verstorbener Bruder Tschaghrî Beg war dagegen recht fruchtbar gewesen. Deshalb hatte Toghril einen Sohn seines Bruders Tschaghrî zum Erben seines Throns ernannt. Dieser Erbe war ein Bruder Alp Arslâns.

Im Grunde war also alles geregelt: Alp Arslâns Bruder sollte Toghrils Nachfolger als Sultan werden. Doch das war nur der Wunsch des Verstorbenen und noch längst nicht Wirklichkeit. Da es nämlich bei den turkmenischen Seldschuken (wie übrigens auch in anderen muslimischen Herrscherhäusern) keine eindeutigen Nachfolgeregelungen gab und schon gar kein Primogeniturprinzip (dazu mehr in einer späteren Folge), mußte sich nach dem Tod des Sultans erst erweisen, welcher männliche Sproß der Seldschuken sich tatsächlich als Nachfolger durchsetzen würde.

Toghrils Wesir ‚Amîd ol-Molk-e Kondorî (1024-1064, arabisch: ‚Amîd al-Mulk al-Kundurî) versuchte diese Frage durch Schnelligkeit zu entscheiden und ließ den von Toghril bestimmten Thronfolger zum Sultan ausrufen. Doch Alp Arslân nahm das nicht hin, entmachtete seinen Bruder postwendend und erhob sich selbst zum Sultan. Damit war Nezâm ol-Molk, Alp Arslâns Wesir, mit einem Mal der Wesir des obersten Seldschukenfürsten. Oder er war es beinahe. Denn noch hatte Alp Arslân den Wesir des verstorbenen Sultans, besagten Kondorî, nicht seines Wesirsamtes enthoben. Nach etwa einem Monat entschied er sich aber doch dazu, Kondorî ab- und auch gleich gefangen zu setzen. Nach zehn Monaten Haft wurde Kondorî dann im Jahr 1064 hingerichtet.

Diese eigentümliche Verzögerung mag den Beobachter nachdenklich stimmen. Warum setzte Alp Arslân Kondorî nicht sofort ab, weil er auf den falschen Mann als Nachfolger Toghrils gesetzt hatte? Und warum tat er es am Ende doch? Schließlich: Als Kondorî abgesetzt und weggesperrt war, weshalb ließ Alp Arslân ihn noch hinrichten? Wem nützte das?

Womöglich vermuten Sie, daß die Antwort lauten könnte: dem Nezâm? – Möglich. Schauen Sie doch einfach wieder herein, wenn die nächste Folge der Nezâm-ol-Molk-Serie online geht. 🙂

Quellen

Susanne Kurz: „Der Hof des Nizâm al-Mulk“. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Tübingen, 2001.

Dort habe ich vor allem die folgenden Informationsquellen (inklusive Forschungsliteratur) verwendet:

Harold Bowen: „The sar-gudhasht-i sayyidnâ, the Tale of the Three Schoolfellows and the wasaya of the Nizâm al-Mulk“. JRAS 1931. 771-782.

Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen: Einleitung zu Nizâmalmulk, Das Buch der Staatskunst: Siyâsatnâma: Aus dem Persischen übersetzt und eingeleitet von Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen. Zürich 1987. 25-153.

al-Bundârî, al-Fath b. ‚Alî b. Muhammad: Târîch dawlat Âl Saldschûq oder: Zubdat an-nusra wa nuchbat al-‚usra. Hg. Dâr al-âfâq al-dschadîda. [Auszug aus dem Werk: Nusrat al-fatra wa ‚usrat al-fitra fî achbâr al-wuzarâ‘ as-saldschûqiyya des ‚Imâd ad-Dîn Muhammad b. Muhammad b. Hâmid al-Isfahânî]. Bayrût 1400 H/1980.

Chvândamîr, Ghiyâs od-Dîn b. Homâm od-Dîn: Dastûr ol-vozarâ‘. Hg. Sa’îd-e Nafîsî. Tehrân 1317 š./1938.

ders.: Târîch-e Habîb os-siyar fî achbâr afrâd-e bašar. Hg. Entešârât-e ketâbchâne-ye Chayyâm. Eingel. v. Dschalâloddîn Homâ’î. 4 Bde. Tehrân 1333 š./1954-5.

Ebn-e Fondoq, Zahîr od-Dîn Abo l-Hasan ‚Alî b. Zeyd-e Beyhaqî: Târîch-e Beyhaq. Hg u. mit Anhang versehen v. Ahmad-e Bahmanyâr. Eingel. v. Mîrzâ Mohammad b. ‚Abdolvahhâb-e Qazvînî. 2. Aufl. Ketâbforûšî-ye Forûghî 1317 š./1938.

Ibn al-‚Adîm, Kamâl ad-Dîn Abû l-Qâsim ‚Umar. Bughyat at-talab fî ta’rîch Halab: At-tarâdschim al-châssa bi-târîch as-Salâdschiqa. Hg. Ali Sevim. Ankara 1976.

Ibn al-Athîr: Al-Kâmil fi t-ta’rîch. Hg. C. J. Tornberg. 13 Bde. Leiden 1851-1876. 10. Bd. Nachdr. Bayrût 1386 H/1966.

Ibn Challikân, Abu l-‚Abbâs Šams ad-Dîn Ahmad b. Muhammad b. Abî Bakr: Wafayât al a’yân wa anbâ‘ abnâ‘ az-zamân. Hg. Ihsân ‚Abbâs. 8. Bd. Hg. Wadâd al-Qâdî u. ‚Izz ad-Dîn Ahmad Mûsâ unter Leitung von Ihsân ‚Abbâs. 8 Bde. Bayrût 1968-1977.

Mîrchvând, Mohammad b. Châvand-Šâh-e Balchî: Rouzat os-safâ. Hg. Ketâbforûšî-hâ-ye Markazî, Chayyâm u. Pîrûz. 4. Bd. Tehrân 1339 š./1960-1.

Nachdschovânî, Hendû-Šâh b. Sandschar b. ‚Abdollâh-e Sâhebî: Tadschâreb os-salaf. Hg. ‚Abbâs-e Eqbâl. 2. Aufl. Tehrân 1966.

as-Subkî, Tâdsch ad-Dîn Abû Nasr ‚Abd al-Wahhâb b. ‚Alî b. ‚Abd al-Kâfî:. Tabaqât aš-Šâfi’iyya al-kubrâ. Hg. ‚Abd al-Fattâh Muhammad al-Hulw u. Mahmûd Muhammad at-Tanâhî. 2. Aufl. 1412 H/1992.

Wesir der Seldschuken: Der Aufstieg des Nezâm ol-Molk Teil 1

Zur zweiten Folge geht es hier.

Heute starte ich eine Serie zu einer meiner historischen Lieblingspersönlichkeiten: dem Seldschukenwesir Nezâm ol-Molk-e Tûsî (arab.: Nizâm al-Mulk at-Tûsî), den ich kürzlich auch schon hier erwähnt habe. Seine Person ist nicht nur deshalb so interessant, weil er einer der mächtigsten und nicht zuletzt langlebigsten Wesire der Geschichte der Muslime war, sondern auch wegen der vielen reizvollen Anekdoten, die über ihn erzählt werden. Dabei geht es zwar nicht gerade um „sex and crime“, aber doch um Menschen, Macht und Intrigen, kurz: um das Leben. Und für kriminalistisch Interessierte bieten die Umstände seines Todes auch einiges Material zum Nachdenken. Doch dazu kommen wir später. Beginnen wir zunächst an der nächstliegenden Stelle: am Anfang.

Geboren wurde Nezâm ol-Molk entweder im Jahr 1018 oder im Jahr 1019-20. Jedenfalls kann man beide Angaben in den Quellen finden, aber natürlich in Mondjahren nach der islamischen Zeitrechnung. Nur sind Mondjahre kürzer als die Sonnenjahre, mit denen wir rechnen. Daher kommt die Unklarheit bei dem zweiten möglichen Geburtsjahr, denn das Jahr 410 nach islamischer Zeitrechnung begann im Jahr 1019 und endete im Jahr 1020. Nun ist Nezâm ol-Molk kein Name, sondern ein Titel, der soviel bedeutet wie „die Ordnung des Reiches“. Der Name des Nezâm ol-Molk lautete Abû ‚Alî al-Hasan ibn ‚Alî ibn Ishâq at-Tûsî, also Abû ‚Alî al-Hasan, Sohn des ‚Alî, des Sohnes des Ishâq, aus Tûs. Dabei ist al-Hasan der eigentliche Eigenname, während Abû ‚Alî der Teil des Namens ist, der ursprünglich zur Anzeige des ersten Sohnes verwendet wurde.

Diesen Namensbestandteil nennt man die kunya, und „Abû ‚Alî“ bedeutet „Vater des ‚Alî“. Zur Zeit des Nezâm war es allerdings schon üblich, jungen Männern unabhängig vom Vorhandensein eines Sohnes eine kunya zu verleihen, mit der sie fortan angeredet wurden. Dabei gab es gewisse Konventionen. So wurde der Eigenname al-Hasan gern mit der kunya Abû ‚Alî verbunden. (Im übrigen ist es in manchen Gegenden unter Arabern heute noch üblich einen Mann höflich als „Vater des Soundso“ („Abû …“) und eine Frau als „Mutter des Soundso“ („Umm…“) anzureden.)

Doch zurück zum Nezâm! Sein Geburtsort war ein Dorf in der Nähe von Tûs. Daher kommt sein Beiname „at-Tûsî“ oder „Tûsî“, also „aus Tûs“. Tûs lag in der Nähe des heutigen Maschhad und hat eine Reihe bekannter Männer hervorgebracht, darunter auch den Gelehrten Nasîr ed-Dîn-e Tûsî. Von den beiden Brüdern des Nezâm hat mindestens einer das Erwachsenenalter erreicht. Er wird in den Quellen auch als Rechtsgelehrter erwähnt. Doch die Mutter des Nezâm starb früh. Sein Vater war der Sohn eines dehqân, also eines Landadeligen, in Beyhaq im Nordosten des heutigen Iran, und er arbeitete als Steuereinnehmer für den Statthalter Chorâsâns, einem großen nordöstlichen Gebiet Irans, das damals auch große Teile des heutigen Afghanistan und anderer Staaten umfaßte (s. Karte im Wikipedia-Artikel). Damals herrschten in Chorâsân die Ghaznaviden (977-1186). Das war eine turkstämmige Dynastie, die im 11. Jahrhundert über das heutige Afghanistan, Teile Irans, Teile Turkmenistans und Tadschikistans, Pakistans sowie Nordindiens herrschte und ihr Zentrum im heutigen Afghanistan hatte, nämlich in Ghazna oder Ghaznîn, das heute als Ghaznî bekannt ist.

Doch im Jahr 1040 verlor der damalige Ghaznavidenherrscher Mas’ûd mit seiner großen Armee die schicksalhafte Schlacht von Dandânqân gegen die zahlenmäßig unterlegenen turkmenischen Seldschuken, die aus den nordöstlichen Steppen in das Ghaznavidenreich gezogen waren. Mit der Schlacht verlor Mas’ûd auch die Herrschaft über Chorâsân. Von Mas’ûds Herrschaft handelt übrigens ein hochinteressantes Geschichtswerk, auf das ich sicher ein anderes Mal noch ausführlicher zu sprechen komme. Der Vater des Nezâm war – Sie erinnern sich – Steuereinnehmer für den ghaznavidischen Statthalter in Chorâsân gewesen. Da nun die Ghaznaviden Chorâsân verloren hatten, floh der Vater des Nezâm mitsamt seinem Sohn al-Hasan, dem späteren Nezâm, in die Hauptstadt Ghazna, wo offenbar beide einige Zeit in der Verwaltung beschäftigt waren.

In den folgenden Jahren eroberten die Seldschuken unter Führung der Brüder Toghril und Tschaghrî Beg weitere Gebiete in Iran und stießen nach Westen vor, bis sie 1055 unter Toghril Beg Bagdad erreichten und den sunnitischen Abbasidenkalifen dort von den schiitischen Bûyiden (herrschten im 10. und 11. Jahrhundert) „befreiten“. Der Kalif war zu dieser Zeit schon nicht mehr das politische, aber doch noch das religiöse Oberhaupt der sunnitischen Muslime. Obwohl die Bûyiden Schiiten waren, die den Abbasidenkalifen anders als die Sunniten nicht als religiöses Oberhaupt anerkannten, hatten sie ihn bei ihrer Machtübernahme in Bagdad aber nicht vernichtet. Daher konnte der Kalif zwar weiterhin die Funktion des religiösen Oberhauptes der Sunniten erfüllen, aber regieren ließen die Bûyiden ihn nicht einmal mehr seine eigene Stadt. Die Seldschuken dagegen waren Sunniten, der Abbasidenkalif in Bagdad also ihr religiöses Oberhaupt, und so erleichterte ihn die „Befreiung“ durch die Seldschuken zunächst. Ihrem Anführer Toghril Beg verlieh der Kalif den Titel „Sultan“. Aber natürlich gaben auch die Seldschuken dem Kalifen seine politische Macht nicht zurück. Nur ist das wieder eine andere Geschichte.

Kehren wir nun zurück zu al-Hasan, dem späteren Nezâm: Schon wenige Jahre nach der Schlacht von Dandânqân, nämlich um 1043 oder 1044, verließ al-Hasan die Dienste der Ghaznaviden, die zwar nur noch einen Teil ihres früheren Reiches beherrschten, sich aber noch bis ins späte 12. Jahrhundert als Lokaldynastie im heutigen Afghanistan und Nordindien hielten. Offenbar zog es al-Hasan aber in das Lager der aufstrebenden Seldschuken, denn er trat in Balch (heute im Norden Afghanistans) in seldschukische Dienste ein, vermutlich beim dortigen Militärstatthalter. Das war deshalb möglich, weil die turkstämmigen Dynastien in Iran ihre Reiche immer von der vor Ort ansässigen, ausgezeichnet ausgebildeten iranischen Verwaltungselite organisieren ließen. Und diese Verwaltungselite blickte auf eine lange Berufstradition bis tief in die vorislamische Zeit zurück . Es gab viele Familien dieser sogenannten „Sekretäre“, aus denen über Jahrhunderte hinweg die Verwaltungsangestellten der unterschiedlichsten Reiche hervorgingen. Man könnte also sagen: die Herrscher kamen und gingen, aber die Verwaltungselite blieb. Somit „beerbten“ auch die Seldschuken gewissermaßen die Ghaznaviden im iranischen Osten und stellten die Sekretäre der besiegten Dynastie zur Verwaltung ihres Reiches ein.

In dieser „Erbmasse“ befand sich nach seinem Eintritt in seldschukische Dienste also auch al-Hasan, der später zu Nezâm ol-Molk werden sollte. Allerdings hielt es ihn nicht lange bei seinem Dienstherrn in Balch. Bereits im Jahr 1053 oder 1054 (hier erstreckt sich das islamische Jahr 445 wieder über zwei Jahre der christlichen Zeitrechnung) floh al-Hasan auch aus dieser Stellung und suchte nun Zuflucht bei Tschaghrî Beg. Sie erinnern sich: Das war der Bruder des seldschukischen Sultans Toghril Beg und damit der zweite Mann im neu entstandenen Seldschukenreich. Tschaghrî Beg schickte al-Hasan wiederum zu seinem Sohn Alp Arslân, wo al-Hasans Reise vorläufig endete. Alp Arslân war zu dieser Zeit der Stellvertreter seines Vaters im östlichen Chorâsân, und al-Hasan wurde Alp Arslâns Wesir unterstellt.

Wieso al-Hasan aber überhaupt aus Balch geflohen war und wie er zu Nezâm ol-Molk wurde, das erzähle ich Ihnen in der nächsten Folge der Nezâm-ol-Molk-Serie. Schauen Sie doch wieder herein!

Quellen

Susanne Kurz: „Der Hof des Nizâm al-Mulk“. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Tübingen, 2001.

Dort habe ich vor allem die folgenden Informationsquellen (inklusive Forschungsliteratur) verwendet:

Art. „Nizâm al-Mulk“. In: EI1. Hgg. M. Th. Houtsma u. A. Wensinck. 1. Aufl. Leiden u. Leipzig 1913-1934.

Gholâmhoseyn-e Yûsofî: „Pîr-e siyâsat“. In: Gholâmhoseyn-e Yûsofî (Hg.): Dîdârî bâ ahl-e qalam: Dar bâre-ye bîst ketâb-e nasr-e fârsî. 1. Bd. Mašhad 1355 š./1978. 107-141.

Ebn-e Fondoq, Zahîr od-Dîn Abo l-Hasan ‚Alî b. Zeyd-e Beyhaqî: Târîch-e Beyhaq. Hg u. mit Anhang versehen v. Ahmad-e Bahmanyâr. Eingel. v. Mîrzâ Mohammad b. ‚Abdolvahhâb-e Qazvînî. 2. Aufl. Ketâbforûšî-ye Forûghî 1317 š./1938.

Ibn al-Athîr: Al-Kâmil fi t-ta’rîch. Hg. C. J. Tornberg. 13 Bde. Leiden 1851-1876. 10. Bd. Nachdr. Bayrût 1386 H/1966.

Neuigkeiten: freilebende Krokodile in Iran

Mir war es jedenfalls neu, daß es in Iran freilebende Krokodile gibt. Deshalb ist es mir einen „Neuigkeiten“-Eintrag wert: In Sistan und Belutschistan, also im Südosten Irans, gibt es offenbar eine Population von Sumpfkrokodilen, die bis zu 4-5 m lang werden. Sie sind die einzige Krokodilart in Iran und vom Aussterben bedroht. Daher stehen sie in Iran unter Artenschutz, werden aber anscheinend von der Bevölkerung auch nicht gejagt.

Allerdings sind die Krokodile auch von Dürren bedroht, die ihren Lebensraum bedrohen. Dabei leben die Sumpfkrokodile nicht nur in natürlichen Gewässern wie Seen und Sümpfen (wie der Name ja sagt), sondern auch in künstlichen Wasserreservoirs und Bewässerungskanälen. In jedem Fall sind sie Süßwasserbewohner und ernähren sich von allerlei Wassertieren, vornehmlich von Fischen.

2008 wurden anscheinend 150 Sumpfkrokodile in Iran gezählt, und es gibt Programme zur Erhaltung des Lebensraums der Tiere und weitere Strategien, um sie zu schützen. In Iran haben sie also gar keine so schlechten Überlebenschancen. Man kann ihnen nur die Daumen drücken.

Quellen

Neben dem oben verlinkten Wikipedia-Artikel dieser englische Artikel hier: wildlifeextra.

Kürzlich gab es auch eine Online-Meldung zu den Krokodilen bei IRNA, die mich auf die Tiere aufmerksam gemacht hat. Diese Meldung müßte ich aber erstmal wieder suchen. 🙂

Sehenswürdigkeiten Esfahans: Das Grab des Nezâm ol-Molk

Zur Abwechslung gibt es heute nur einen kurzen Beitrag über eine weniger bekannte Sehenswürdigkeit in der iranischen Stadt Esfahan: das Grab des Seldschukenwesirs Nezâm ol-Molk-e Tûsî (oder arabisch: Nizâm al-Mulk at-Tûsî). Sein recht bescheidener Grabstein kann freilich mit den ästhetischen Reizen der safavidischen Bauwerke in der Stadt ebenso wenig mithalten wie das Gebäude, in dem er steht. Daher ist das Grab des berühmten Wesirs eher so etwas wie ein Geheimtipp für Leute, die sich für die Seldschukengeschichte und den Nezam interessieren.

Nezâm ol-Molk ist als einer der bekanntesten Wesire in die Geschichte eingegangen. Das hat vermutlich zwei Gründe:

Zum einen war der Nezâm außergewöhnlich langlebig. Zwischen 1018 und 1020 geboren, starb er erst 1092 mit über 70 Jahren – und auch dann nicht an Altersschwäche, sondern an den Folgen eines spektakulären Mordanschlags, möglicherweise als erstes Opfer der Assassinen (zuletzt erwähnt in diesem Beitrag). Wenig später starb übrigens auch der noch relativ junge Sultan Malek-Schâh. Doch das ist ebenso wie der Mord am Nezâm, die Assassinen und Leben und Wirken des Nezâm ein eigenes Thema. Seien Sie also gespannt auf zukünftige Beiträge! 😉

In jedem Fall diente der Nezâm in seinem langen Leben gleich zwei seldschukischen Sultanen: zunächst Alp Arslân (reg. 1063-1072), dann seinem Sohn Malek-Schâh (reg. 1072-1092). Damit kam er auf annähernd dreißig Amtsjahre – die Jahre nicht mitgerechnet, die er bereits im Dienste Alp Arslâns verbracht hatte, ehe dieser zum Sultan aufstieg. Allein diese stolze Dauer von Nezâm ol-Molks Wesirat ist beachtlich und war keineswegs die Regel. Wesire lebten nämlich ähnlich gefährlich wie die Herrscher selbst. Doch auch dazu ein andermal mehr.

Zum anderen war der Nezâm aber auch außergewöhnlich mächtig, insbesondere in der ersten Hälfte der Herrschaftszeit des noch jungen Sultans Malek-Schâh, dem er auf den Thron geholfen hatte. Doch der Nezâm verdient, wie schon gesagt, einen oder sogar mehrere eigene Beiträge. Bis ich dazu komme, sie zu schreiben, können Sie ja schon mal einen Blick in den Wikipedia-Artikel werfen. Wenn Sie das tun, lassen Sie sich auf keinen Fall die in solchen Artikeln häufig vorkommende Diskussion über die ethnische Zugehörigkeit des Nezâm entgehen! Das ist zwar keine Größe, über die es sich in diesem Zusammenhang zu diskutieren lohnt, weil sie von ausgesprochen untergeordneter Bedeutung ist, aber solche Diskussionen sind trotzdem sehr verbreitet.

Doch zurück zum Grab des Nezâm! Es liegt in Esfahan im Viertel Ahmad-Âbâd in einer verlassenen Madrase, die man „Maqbare-ye Pây-Tschenâr“ oder „Tekye-ye Pây-Tschenâr“ oder auch „Maqbare-ye Nezâm ol-Molk“ (also: „Grabstätte des Nezâm ol-Molk“) nennt. Vor einigen Jahren habe ich diesen Ort selbst einmal aufgesucht. Anders als die übrigen historischen Denkmäler der Stadt ist das Gebäude gänzlich unscheinbar und enthält im Eingangsbereich auch jede Menge Gerümpel. Zumindest war das damals so, und das deutete nicht eben auf häufige Besuche von in- oder ausländischen Touristen hin. Danach befragt, wieso man dieses Grab nicht besser pflege, entgegnete der Mann, der aufgeschlossen hatte, er wisse es nicht genau. Vielleicht, weil Nezâm ol-Molk Sunnit gewesen sei.

Das ist natürlich keine sehr befriedigende Erklärung, wenn man bedenkt, daß in Iran seit der Islamisierung bis um 1500 (und darüber hinaus) die Bevölkerungsmehrheit sunnitisch war, also deutlich mehr als die Hälfte der islamischen Geschichte des Landes von Sunniten gestaltet worden ist. Im übrigen waren wohl selbst die teils fanatisch schiitischen Safaviden nicht der Auffassung, daß Nezâm ol-Molk als Sunnit besser ignoriert werden sollte, stammt doch der Marmorgrabstein, den man heutzutage besichtigen kann, aus der Safavidenzeit.

Wie es scheint, gibt es von diesem (und den weiteren vor Ort befindlichen) Grabsteinen nicht allzu viele Bilder. Zumindest enthält der immerhin existierende Wikipedia-Artikel keines. Das ist umso bedauerlicher, als ich meine eigenen Bilder im Augenblick nicht wiederfinde. Ich hoffe zwar, daß ich mich täusche und sie bald nachträglich hochladen kann. Doch es steht zu befürchten, daß sie unter den Fotos waren, die vor ein paar Jahren einer verunglückten Systemsicherung auf meiner damals einzigen externen Festplatte zum Opfer gefallen sind. Solange das Schicksal dieser Bilder nicht endgültig geklärt ist, möchte ich Sie aber zumindest mit einer Abbildung in Graustufen trösten, die ich einer älteren wissenschaftlichen Darstellung der historischen Bauwerke Esfahans in persischer Sprache entnommen habe. Auch die oben angeführten Daten zum Grabmal stammen aus diesem persischsprachigen Werk, wo man zusätzlich die auf dem Grabstein angebrachten Inschriften – überwiegend Koranverse – ausführlich nachlesen kann.

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Der Blitzreflex auf dem Foto ist übrigens im Original nicht vorhanden, sondern stammt von meinem Smartphone. Ich hoffe, daß Sie mir trotz dieser Demonstration meiner fotografischen Professionalität die Daumen drücken, daß ich meine eigenen Bilder vielleicht doch noch auf einem älteren Computer wiederfinde. Immerhin waren sie in Farbe.

Quelle

Lotfollâh Honarfarr: Gandschîne-ye âsâr-e târîchî-ye Esfahân: âsâr-e bâstânî va alvâh va katîbe-hâ-ye târîchî dar âstân-e Esfahân. Esfahan: Tschâp-châne-ye Emâmî, 1344 sch./1965.

Medizin zwischen Mythos und Wirklichkeit: Die Chirurgie unter Muslimen des Mittelalters

Teil 1: Medizin zwischen Mythos und Wirklichkeit: Die Chirurgie unter Muslimen des Mittelalters
Teil 2: Medizin zwischen Mythos und Wirklichkeit: Die Hohlnadel und die Staroperation

Im Mittelalter war die Medizin in der islamisch geprägten Kultur viel weiter entwickelt als in Europa, so scheint es. Insbesondere Berichte über sehr fortschrittliche Operationstechniken machen die Runde, nicht zuletzt in historischen Romanen. Und tatsächlich gibt es mehr als genug medizinische Texte auf arabisch und persisch, die solche Operationen beschreiben. Wenn also in der medizinischen Literatur über Jahrhunderte hinweg Operationen immer wieder detailliert beschrieben werden, kann man daraus dann schließen, daß sie wirklich stattgefunden haben?

Diese Frage hat sich auch eine Medizinhistorikerin gestellt, die islamisch geprägte Kulturen und die arabische Medizinliteratur erforscht. Sie wollte wissen: Was sagen die Texte über die Praxis aus? Bei diesen Forschungen bewegen wir uns freilich nicht in der persischsprachigen Medizinliteratur, die immer noch kaum untersucht ist. Doch die arabischen Medizinwerke, zum Teil auch in Europa bekannte Klassiker, sind nicht selten von Autoren verfaßt worden, die aus dem persischsprachigen Kulturraum stammten. Zu ihnen gehören Muhammad ibn Zakariyâ ar-Râzî (Rhazes, ca. 864-925) und Abû ‚Alî Ibn Sînâ (Avicenna, ca. 980-1037), der gelegentlich auch auf persisch schrieb. So gesehen können dann auch arabische Werke Teile der „Persophonie“ sein. 🙂

Jedenfalls hat Emilie Savage-Smith, die erwähnte Medizinhistorikerin, herausgefunden, daß medizinische Texte recht tückisch sein können, wenn man aus ihnen etwas über die tatsächliche medizinische Praxis erfahren will. In einem Aufsatz aus dem Jahr 2000 erläutert sie, was dagegen spricht, daß eine Reihe von ausführlich beschriebenen chirurgischen Eingriffen auch tatsächlich durchgeführt wurden: Im Zusammenhang mit der Beschreibung von Operationen weisen die Autoren des öfteren darauf hin, daß sie diese oder jene Operation selbst nie durchgeführt oder noch nicht einmal gesehen haben, daß sie von irgend jemandem durchgeführt wurde. Manchmal teilt ein Autor mit, daß eine bestimmte Operation zu seiner Zeit in der Praxis gänzlich unbekannt war, und manchmal warnt er vor einer Operation. Auch das deutet nicht darauf hin, daß eine solche Operation häufig durchgeführt wurde.

Vor diesem Hintergrund ist es natürlich verdächtig, wenn eine Operation genauso beschrieben wird, wie es schon in älteren Medizinwerken nachzulesen ist – und das kommt oft vor. Denn wenn der Verfasser nichts an der Beschreibung ändert und keinerlei Bemerkungen dazu macht, spricht das nicht eben dafür, daß er die Operation selbst ausprobiert hat. Noch unwahrscheinlicher ist das, wenn die Beschreibung weniger Einzelheiten enthält als die Vorlagen in älteren Werken. Diese Beobachtungen macht Savage-Smith vor allem bei einer Reihe von chirurgischen Eingriffen, die Einschnitte mit einem Messer in Kopf oder Körper des Patienten erfordern wie etwa der Luftröhrenschnitt.

Doch wieso machten sich die Autoren medizinischer Werke überhaupt die Mühe, Operationen zum Teil ausführlich zu beschreiben, die zu ihrer Zeit nie durchgeführt wurden und deren Durchführung sie auch nicht empfahlen? – Wie es aussieht, handelt es sich dabei um eine literarische Tradition. Solche Beschreibungen konnten dem Zweck dienen, die theoretischen Kenntnisse des Verfassers vorzuführen. Es konnte sich aber auch um bloße Gedankenspiele handeln: „Was könnte man tun, wenn dieser oder jener Fall einträte?“ Schließlich kann ein Grund für solche Beschreibungen auch einfach der sein, daß sie der Vollständigkeit halber in eine Abhandlung hineingehörten.

Und die persischsprachigen Medizinwerke? Darauf, wie aussagekräftig sie für die Praxis sind, hat man sie noch nicht so untersucht, wie Emilie Savage-Smith es für die arabische Medizinliteratur getan hat. Aber schon die Suche nach Fallberichten, wie es sie in der arabischen Medizinliteratur hie und da auch in größerer Anzahl gibt, war bisher nicht von allzu großem Erfolg gekrönt. Das ist deshalb wichtig, weil Fallberichte tatsächliche Behandlungen beschreiben – oder dies zumindest vorgeben. Auch im persischen Sprachraum scheint also die literarische Tradition theoretischer Werke von größerer Bedeutung gewesen zu sein als die Aufzeichnung tatsächlicher Praxis. Das hat wahrscheinlich auch gute Gründe, auf die ich ein anderes Mal eingehen werde. In jedem Fall heißt das aber für Rückschlüsse aus medizinischen Werken auf die Praxis: Vorsicht, Papier ist geduldig!

Damit will ich natürlich nicht sagen, daß die mittelalterlichen Ärzte in den Ländern mit islamisch geprägter Kultur überhaupt keine Operationen ausgeführt hätten. Es waren nur eben nicht so viele wie in medizinischen Werken beschrieben. Entzündete Mandeln und Blasensteine wurden wohl tatsächlich operativ entfernt, und es gab auch recht viele Augenoperationen, nicht zuletzt die Behandlung des Grauen Stars durch Beiseiteschieben der getrübten Linse (das „Starstechen“).

Gerade die große Bedeutung der Staroperation hat im übrigen noch eine andere, weit interessantere Blüte getrieben. Doch das ist wieder ein Thema für sich.

Quellen

Emilie Savage-Smith: „The Practice of Surgery in Islamic Lands: Myth and Reality“. In: P. Horden/E. Savage-Smith (eds.) The Year 1000: Medical Practice at the End of the First Millenium. Oxford: Oxford University Press, 2000 (Social History of Medicine, 13.2). S. 307-321.

Susanne Kurz/Stefan Reichmuth: „Zwischen Standardisierung und Literarisierung: Der Fallbericht in der graeco-islamischen Medizin“. In: Der ärztliche Fallbericht. Epistemische Grundlagen und textuelle Strukturen dargestellter Beobachtung. Hg. v. Rudolf Behrens u. Carsten Zelle unter Mitarbeit von Nicole Bischoff u. Maria Winter. Wiesbaden: Harassowitz, 2012 (culturae. Intermedialität und historische Anthropologie, 6. Hg. Kirsten Dickhaut, Jörn Steigerwald). 227-258.

Für und Wider des Exzerpierens

In den Ratgebern zum wissenschaftlichen Arbeiten, die ich als Studentin gelesen habe, wurde das Exzerpieren, also das Herausschreiben von Inhalten aus der gelesenen Literatur wärmstens empfohlen. Es soll dazu führen, daß man das Gelesene besser durchdenkt, weil man es in eigenen Worten wiedergeben muß. Außerdem muß man es zusammenfassen, und das zwingt dazu, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden. Nicht zuletzt heißt es, daß von Hand Aufgeschriebenes besser im Gedächtnis haften bleibt. Ich meine erst kürzlich wieder einen Bericht mit genau dieser Zielrichtung gesehen zu haben. Das scheint also nach wie vor eine anerkannte Auffassung zu sein.

Natürlich setzt der letzte Punkt voraus, daß man von Hand exzerpiert. Neulich habe ich irgendwo gelesen, daß das neuerdings auch als Mittel gegen unbewußtes Plagiieren empfohlen wird. Die Idee dahinter ist wohl, daß von Hand exzerpierte Textbausteine als fremdes Gedankengut erkennbar sind – im Gegensatz zu  Textbrocken aus einem fremden Text, die man per Copy-and-Paste in den eigenen eingefügt und nicht sofort als Zitat markiert hat.

Diese Überlegung zeigt jedenfalls, wie weit das Exzerpieren von Hand vom normalen Arbeitsalltag heutiger Studenten und Wissenschaftler entfernt sein dürfte. Das soll nicht heißen, daß niemand mehr von Hand exzerpiert. Aber die meisten Menschen neigen nach meinem Eindruck doch dazu, gleich in ein Dokument auf dem Computer zu tippen, weil sich Eingetipptes leichter wiederverwerten läßt. Und es mittlerweile auch ganz andere Möglichkeiten gibt, Gelesenes zu organisieren, muß man sich für das Exzerpieren von Hand schon bewußt entscheiden. Zumindest wenn man nicht alt genug ist, um es ohne große Überlegung als jahrelange Gewohnheit weiterzuführen.

Ich bin dazu nicht alt genug, denn zu meiner Studienzeit gab es schon die Möglichkeit, kostengünstig größere Mengen von Kopien anzufertigen. Außerdem habe ich mir Bücher, mit denen ich intensiv arbeiten mußte oder wollte, immer schon gern angeschafft. Als Student kann man das sicher nicht mit allen wichtigen Werken machen, aber ein monatliches Budget für den Bücherkauf sollte man schon einkalkulieren.

Jedenfalls konnte ich schon als Studentin überwiegend mit Markierungen direkt im gelesenen Text arbeiten, und bis heute ziehe ich diese Methode dem Exzerpieren vor. Das Exzerpieren hat nämlich trotz aller genannten Vorzüge auch erhebliche Nachteile. Das gilt vor allem dann, wenn man längere Zeit an einer Untersuchung oder einem wissenschaftlichen Text arbeitet. Nach meiner Erfahrung vollzieht sich die wissenschaftliche Arbeit nämlich in Schleifen:

Man liest zunächst die Forschungsliteratur, um einen Überblick über das Arbeitsgebiet zu bekommen und die eigenen Forschungsfragen zu erarbeiten. Dann besorgt man sich das benötigte Quellenmaterial und analysiert es. Dabei ergeben sich meistens neuen Fragen, während die eine oder andere Ausgangsfrage vielleicht wegfällt, weil sie weniger wichtig ist oder sich nicht im gesteckten Zeitrahmen beantworten läßt oder weil sie womöglich völlig am vorliegenden Material vorbeigeht. Solche Korrekturen sind keine Pannen, sondern zeugen von angemessenem Umgang mit dem zu untersuchenden Material. Sie ergeben sich daher fast zwangsläufig – es sei denn, der Forscher kannte das Material bereits zu Beginn in- und auswendig. Doch das dürfte gerade bei jüngeren Wissenschaftlern und erst recht bei Studenten nur äußerst selten vorkommen. Hat man die notwendigen Korrekturen an den eigenen Forschungsfragen und – wenn nötig – der Methodik vollzogen, so muß in der Regel ein neuer, gezielterer Lesedurchgang durch die wesentliche Forschungsliteratur erfolgen. Denn bei solchen Korrekturen verschieben sich meist auch die Prioritäten, so daß unwichtig werden kann, was zunächst wichtig erschien, und umgekehrt.

Und was geschieht nun mit den Exzerpten aus der ersten Lektürephase? – Es kann durchaus vorkommen, daß sie unter der veränderten Perspektive gänzlich nutzlos werden. Noch gefährlicher ist es aber, wenn sie auch jetzt noch hilfreich erscheinen. Dann können sie nämlich dazu verleiten, das fragliche Buch oder den Aufsatz nicht noch einmal zur Hand zu nehmen. Da aber ein Exzerpt immer eine Zusammenfassung ist, kann notwendigerweise nur ein Teil des Gelesenen im Exzerpt enthalten sein. Im Idealfall sind das die Argumentation und die Hauptaussagen des Textes und natürlich alles, was einem zum Zeitpunkt der Lektüre wichtig erschien. Aber nachdem man nun tiefer in die Materie eingedrungen ist, braucht man vielleicht zu bestimmten Aspekten der Argumentation die Detailinformationen. Oder man hat bestimmte Aussagen zunächst nicht für wichtig gehalten und nicht notiert, obwohl sie unter dem neuen Blickwinkel durchaus von Bedeutung sind. Das Exzerpt verrät aber nicht unbedingt, daß man im fraglichen Werk noch einmal nachlesen sollte, und so entgehen einem womöglich wichtige Informationen.

Je nach Arbeitstechnik und Dauer der Untersuchung kann sich dieses Problem auch mehrmals ergeben, weil der Arbeitsprozeß in weiteren Schleifen verläuft und immer wieder Korrekturen notwendig werden. Es empfiehlt sich also, wichtige Literatur mehrmals durchzugehen. Dafür sind Markierungen direkt im Text durchaus hilfreich, um sich beim zweiten und dritten Durchgang schneller zu orientieren. Trotzdem behält man die Freiheit, ohne Umstände an solchen Markierungen vorbei und über sie hinaus zu lesen. Und schließlich wird man in vielen Fällen erst am Ende, wenn man den eigenen Text ausformuliert, genau wissen, welche Passagen man wörtlich zitieren möchte. Da findet man sie leichter, wenn sie beim letzten Lektüredurchlauf als potentielle Zitate markiert worden sind und man sie nicht erneut im unmarkierten Text suchen muß.

Doch nicht nur ein schleifenförmiger Arbeitsprozeß kann dazu führen, daß ältere Exzerpte nach einigen Monaten oder gar Jahren nicht mehr so hilfreich sind, daß sie den Aufwand rechtfertigen. Denn im Laufe der Arbeit und der verstreichenden Zeit wird man ja nicht nur älter, sondern auch erfahrener und belesener – um nicht zu sagen: klüger. Jedenfalls steht das zu hoffen. So erfreulich eine solche Entwicklung der eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten ist, macht sie doch nicht selten die erneute Lektüre von Literatur nötig. Denn auch wenn ich zum Zeitpunkt x meine, einen Text vollkommen verstanden zu haben, so kann sich doch zum Zeitpunkt y herausstellen, daß ich mich getäuscht habe. Mit anderen Worten: Es ist durchaus möglich, ein Argument oder einen Beleg mißzuverstehen und das erst mit gewachsener Erfahrung zu erkennen. In einem solchen Fall kann man sich aber nicht mehr auf die Zusammenfassung in eigenen Worten verlassen, sondern man muß erneut zum gelesenen Text zurückkehren, um den dort dargelegten Gedankengang zu überprüfen.

Man mag einwenden, daß so etwas nicht allzu häufig vorkommt, aber gerade in den Fremdkulturwissenschaften (ganz besonders, wenn sie historisch ausgerichtet sind) kann diese Gefahr gar nicht unterschätzt werden. Hier sind Erfahrung und Belesenheit besonders wichtig, um die richtigen Schlüsse ziehen und folglich auch die Argumentation anderer Forscher kritisch nachvollziehen zu können.

Grundsätzlich sind zwar Vorteile des Exzerpierens nicht von der Hand zu weisen. Insbesondere mag es dabei helfen, den roten Faden und den Aufbau einer Forschungsarbeit zu erkennen und sich die Argumentation mit ihren Stärken und Schwächen bewußter zu machen. Als einziges Mittel, Gelesenes zu organisieren, birgt es aber auch Gefahren. Und in einer Zeit, in der man sogar PDF-Dateien am Computer mit Markierungen und Anmerkungen aller Art versehen kann, ist das Exzerpt nur noch eine Möglichkeit unter vielen, um Gelesenes zu organisieren und griffbereit abzulegen.

Als Mittel der Texterschließung bei der Erstlektüre mag das Exzerpieren nach wie vor sinnvoll sein. Es setzt aber auch ein gewisses Maß an Geduld voraus, denn natürlich bremst es den Lesefluß. Mir persönlich geht das auf die Nerven, auch wenn ich mich eben selbst davon überzeugt habe, daß das Exzerpieren eigentlich eine sinnvolle Ergänzung zum Markieren ist. 😉