Wesir der Seldschuken: Der Aufstieg des Nezâm ol-Molk Teil 2

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In der ersten Folge der Nezâm-ol-Molk-Serie waren wir bis zu dem Punkt gekommen, als der Nezâm – damals noch al-Hasan – seinen ersten seldschukischen Dienstherrn fluchtartig verlassen hatte und auf Weisung von Tschaghrî Beg in den Dienst des Alp Arslân getreten war. Dieser war ein Neffe des Sultans Toghril und verwaltete für seinen Vater Tschaghrî Beg zusammen mit seinem Wesir das östliche Chorâsân. Doch wieso war al-Hasan seinem seldschukischen Dienstherrn in Balch überhaupt weggelaufen?

Wie das in der Geschichte des 11. Jahrhunderts nicht selten ist, wissen wir es nicht genau. Doch es gibt aus dieser Lebensphase des Nezâm eine Anekdote, die seine Motive deutlich macht, auch wenn nicht jedes Detail an ihr glaubwürdig erscheint. Anscheinend hatte es al-Hasan in Balch deshalb nicht gefallen, weil sein dortiger Dienstherr ihm jedes Jahr seinen angesammelten Besitz wieder weggenommen hatte mit der Bemerkung: „Hasan, du bist fett geworden.“ Alles, was sein Dienstherr ihm ließ, waren ein Pferd und eine Reitpeitsche – ein schlechtes Pferd obendrein, wie wir gleich sehen werden. Auf diese Weise wäre al-Hasan also nie zu einem Vermögen gekommen, und diese Aussicht gefiel ihm augenscheinlich nicht. Vielleicht hatte er auch seine Machtlosigkeit satt. Jedenfalls versteckte er seine beiden ältesten Söhne und floh auf seinem erbärmlichen Klepper. Doch der war wohl nicht sonderlich schnell, denn die Männer, die al-Hasans Dienstherr ihm hinterherschickte, um ihn wieder einzufangen, holten ihn tatsächlich unterwegs ein.

Und jetzt kommt der verdächtige Teil der Anekdote: Als seine Häscher al-Hasan wieder nach Balch zurückbringen wollten, tauchte aus der Steppe ein Reiter mit einem guten Pferd auf und bot es al-Hasan im Tausch für seinen Klepper an. Natürlich nahm al-Hasan das Angebot gern an, und anscheinend hatten auch seine Bewacher nichts dagegen einzuwenden, mit denen der Reiter zuvor gesprochen hatte. Ein folgenschwerer Fehler, wie sie bald feststellen sollten, denn nun faßte al-Hasan neuen Mut und machte sich erneut davon. Nur konnten die Männer seines Dienstherrn ihn jetzt nicht mehr erwischen, und er entkam an den Hof des Tschaghrî Beg.

So lautet jedenfalls die Version der Geschichte, die ich rekonstruiert und in die Biographie des Nezâm eingeordnet habe. Diese Anekdote wird nämlich in verschiedenen Quellen in unterschiedlichen Fassungen überliefert und im allgemeinen nicht genau im Lebenslauf des Nezâm lokalisiert.

Auch im Dienste von Alp Arslâns Wesir scheint al-Hasan jedoch zunächst einmal nicht reich geworden zu sein. Zumindest deutet darauf eine ähnlich wundersame Anekdote hin: Einmal sollte al-Hasan Alp Arslân auf einer Reise begleiten, weil dessen Wesir verhindert war. Doch al-Hasan hatte keine ausreichenden Mittel, um sich für diese Reise angemessen auszustatten. Da begab er sich in seiner Ratlosigkeit in eine Moschee und betete. Während er sich in der Moschee aufhielt, kam ein Blinder herein, der ihn nicht bemerkte. Der Blinde grub einen Krug voller Goldstücke aus, den er in der Moschee versteckt hatte, spielte eine Weile damit und verbarg den Schatz dann wieder in seinem Versteck. Als er gegangen war, grub al-Hasan das Geld aus und finanzierte damit die Reise. Natürlich hat er den Blinden später ausfindig gemacht und ihm das Geld zurückerstattet. So wird es jedenfalls erzählt. 😉 (Über den Nezâm und das Geld berichte ich ein anderes Mal.)

Vermutlich wurde al-Hasan seine Geldsorgen also erst los, als er zu Nezâm ol-Molk wurde. Man vermutet, daß er diesen Titel erhielt, als Alp Arslâns Wesir starb und al-Hasan zu seinem Nachfolger ernannt wurde. Doch der Nezâm sollte noch höher aufsteigen. Als nämlich der oberste Seldschukenfürst, der Sultan Toghril Beg, im Jahr 1063 starb, hinterließ er keine eigenen Kinder. Sein bereits zwei Jahre früher verstorbener Bruder Tschaghrî Beg war dagegen recht fruchtbar gewesen. Deshalb hatte Toghril einen Sohn seines Bruders Tschaghrî zum Erben seines Throns ernannt. Dieser Erbe war ein Bruder Alp Arslâns.

Im Grunde war also alles geregelt: Alp Arslâns Bruder sollte Toghrils Nachfolger als Sultan werden. Doch das war nur der Wunsch des Verstorbenen und noch längst nicht Wirklichkeit. Da es nämlich bei den turkmenischen Seldschuken (wie übrigens auch in anderen muslimischen Herrscherhäusern) keine eindeutigen Nachfolgeregelungen gab und schon gar kein Primogeniturprinzip (dazu mehr in einer späteren Folge), mußte sich nach dem Tod des Sultans erst erweisen, welcher männliche Sproß der Seldschuken sich tatsächlich als Nachfolger durchsetzen würde.

Toghrils Wesir ‚Amîd ol-Molk-e Kondorî (1024-1064, arabisch: ‚Amîd al-Mulk al-Kundurî) versuchte diese Frage durch Schnelligkeit zu entscheiden und ließ den von Toghril bestimmten Thronfolger zum Sultan ausrufen. Doch Alp Arslân nahm das nicht hin, entmachtete seinen Bruder postwendend und erhob sich selbst zum Sultan. Damit war Nezâm ol-Molk, Alp Arslâns Wesir, mit einem Mal der Wesir des obersten Seldschukenfürsten. Oder er war es beinahe. Denn noch hatte Alp Arslân den Wesir des verstorbenen Sultans, besagten Kondorî, nicht seines Wesirsamtes enthoben. Nach etwa einem Monat entschied er sich aber doch dazu, Kondorî ab- und auch gleich gefangen zu setzen. Nach zehn Monaten Haft wurde Kondorî dann im Jahr 1064 hingerichtet.

Diese eigentümliche Verzögerung mag den Beobachter nachdenklich stimmen. Warum setzte Alp Arslân Kondorî nicht sofort ab, weil er auf den falschen Mann als Nachfolger Toghrils gesetzt hatte? Und warum tat er es am Ende doch? Schließlich: Als Kondorî abgesetzt und weggesperrt war, weshalb ließ Alp Arslân ihn noch hinrichten? Wem nützte das?

Womöglich vermuten Sie, daß die Antwort lauten könnte: dem Nezâm? – Möglich. Schauen Sie doch einfach wieder herein, wenn die nächste Folge der Nezâm-ol-Molk-Serie online geht. 🙂

Quellen

Susanne Kurz: „Der Hof des Nizâm al-Mulk“. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Tübingen, 2001.

Dort habe ich vor allem die folgenden Informationsquellen (inklusive Forschungsliteratur) verwendet:

Harold Bowen: „The sar-gudhasht-i sayyidnâ, the Tale of the Three Schoolfellows and the wasaya of the Nizâm al-Mulk“. JRAS 1931. 771-782.

Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen: Einleitung zu Nizâmalmulk, Das Buch der Staatskunst: Siyâsatnâma: Aus dem Persischen übersetzt und eingeleitet von Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen. Zürich 1987. 25-153.

al-Bundârî, al-Fath b. ‚Alî b. Muhammad: Târîch dawlat Âl Saldschûq oder: Zubdat an-nusra wa nuchbat al-‚usra. Hg. Dâr al-âfâq al-dschadîda. [Auszug aus dem Werk: Nusrat al-fatra wa ‚usrat al-fitra fî achbâr al-wuzarâ‘ as-saldschûqiyya des ‚Imâd ad-Dîn Muhammad b. Muhammad b. Hâmid al-Isfahânî]. Bayrût 1400 H/1980.

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ders.: Târîch-e Habîb os-siyar fî achbâr afrâd-e bašar. Hg. Entešârât-e ketâbchâne-ye Chayyâm. Eingel. v. Dschalâloddîn Homâ’î. 4 Bde. Tehrân 1333 š./1954-5.

Ebn-e Fondoq, Zahîr od-Dîn Abo l-Hasan ‚Alî b. Zeyd-e Beyhaqî: Târîch-e Beyhaq. Hg u. mit Anhang versehen v. Ahmad-e Bahmanyâr. Eingel. v. Mîrzâ Mohammad b. ‚Abdolvahhâb-e Qazvînî. 2. Aufl. Ketâbforûšî-ye Forûghî 1317 š./1938.

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Ibn Challikân, Abu l-‚Abbâs Šams ad-Dîn Ahmad b. Muhammad b. Abî Bakr: Wafayât al a’yân wa anbâ‘ abnâ‘ az-zamân. Hg. Ihsân ‚Abbâs. 8. Bd. Hg. Wadâd al-Qâdî u. ‚Izz ad-Dîn Ahmad Mûsâ unter Leitung von Ihsân ‚Abbâs. 8 Bde. Bayrût 1968-1977.

Mîrchvând, Mohammad b. Châvand-Šâh-e Balchî: Rouzat os-safâ. Hg. Ketâbforûšî-hâ-ye Markazî, Chayyâm u. Pîrûz. 4. Bd. Tehrân 1339 š./1960-1.

Nachdschovânî, Hendû-Šâh b. Sandschar b. ‚Abdollâh-e Sâhebî: Tadschâreb os-salaf. Hg. ‚Abbâs-e Eqbâl. 2. Aufl. Tehrân 1966.

as-Subkî, Tâdsch ad-Dîn Abû Nasr ‚Abd al-Wahhâb b. ‚Alî b. ‚Abd al-Kâfî:. Tabaqât aš-Šâfi’iyya al-kubrâ. Hg. ‚Abd al-Fattâh Muhammad al-Hulw u. Mahmûd Muhammad at-Tanâhî. 2. Aufl. 1412 H/1992.


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