Witze verstehen – auch das will gelernt sein

Ich finde ja, aus Witzen kann man einiges lernen. Das dürfte jedem klar sein, der meine bisherigen Beiträge zum Thema Humor und Witze gelesen hat. Das liegt vor allem daran, daß Witze meistens an die Kultur des Publikums angepaßt werden, selbst wenn sie ursprünglich in einer ganz anderen Weltgegend entstanden sind. Gerade sehr kulturspezifische Witze sind oft auch besonders witzig, denn ihre Pointe trifft exakt ins Schwarze. Doch genau dieser Vorzug bringt den Nachteil mit sich, daß ein solcher Witz für Angehörige einer anderen Kultur manchmal überhaupt nicht mehr verständlich ist. Dasselbe gilt natürlich auch für besonders zeitspezifische Witze. Man kann also nicht nur AUS Witzen lernen, sondern manchmal muß man erst einmal lernen, einen Witz überhaupt zu verstehen.

Nun sagt man ja, wenn man einen Witz erst erklären muß, dann ist er nicht mehr witzig. Mag sein. Aber ich will es heute trotzdem einmal mit einem Beispiel versuchen. Vielleicht  folgen ja nach und nach weitere Beispiele. Mein heutiger Beispielwitz geht so:

Ein Mann namens ‚Emrân wurde in Qom verprügelt. Jemand fragte: „Wenn er doch nicht ‚Omar heißt, wieso schlagt ihr ihn dann?“ Antwort: „Er heißt ‚Omar, und das alif und nûn von ‚Osmân hat man noch dazu gegeben!“ (Zâkânî, S. 291)

Und? Haben Sie den Witz verstanden? Wenn ja, dann haben Sie eine Menge einschlägiger Vorkenntnisse. Schauen wir also mal, ob der Witz verständlicher wird, wenn man diese Vorkenntnisse nachliefert.

Zunächst einmal handelt es sich um einen antisunnitischen Witz. Es geht dabei nämlich um den Konflikt zwischen der zahlenmäßig weitaus größten religiösen Richtung des Islam, den Sunniten, und der bereits kurze Zeit nach dem Tod Mohammeds entstandenen Richtung der Schiiten. Die letztgenannte Richtung bildete sich im Zuge der Nachfolgestreitigkeiten heraus. Wer sollte die Gemeinschaft der Muslime nach dem Tod ihres Propheten leiten? Die Mehrheit einigte sich auf Abû Bakr (632-634), dessen Nachfolger wurde ‚Umar ibn al-Chattâb (in persischer Aussprache: ‚Omar) von 634 bis 644, ihm folgte ‚Uthmân ibn ‚Affân (in persischer Aussprache ‚Osmân) von 644 bis 656 und diesem ‚Alî ibn Abî Tâlib, der Vetter und Schwiegersohn Mohammeds, von 656 bis 661. Diese vier nennen die Sunniten die „rechtgeleiteten Kalifen“. Unter ‚Uthmân und ‚Alî war die Gemeinschaft der Muslime aber schon nicht mehr sonderlich einig, und beide wurden von Muslimen ermordet.

Es gab aber auch Muslime, die der Ansicht waren, ‚Alî hätte von Anfang an die Nachfolge Mohammeds antreten sollen, denn er war einer der ersten Muslime gewesen und außerdem eng mit Mohammed verwandt. Es würde zu weit führen, die Aspekte zu diskutieren, die in diesen Nachfolgestreitigkeiten eine Rolle gespielt haben. Wichtig ist vor allem, daß diejenigen, die ‚Alî als den einzigen rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds ansahen, zu einer neuen religiösen Richtung wurden, zur Schia. Schia kommt nämlich von „schî’at ‚Alî“, das heißt: „Partei ‚Alîs“.

Da die Schiiten der Ansicht sind, ‚Alî hätte Mohammed direkt als Leiter der muslimischen Gemeinschaft nachfolgen sollen, erkennen sie Abû Bakr, ‚Umar und ‚Uthmân auch nicht als rechtmäßige Kalifen an. Über die Jahrhunderte hinweg machten es sich die als kleine Minderheit meist ziemlich machtlosen Schiiten zur Gewohnheit, diese ersten drei Kalifen bei Feierlichkeiten lauthals zu schmähen. Diese Provokation war im Mittelalter immer wieder einmal Auslöser von lokal sehr begrenzten, aber durchaus gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten. Die eigentlichen Gründe für solche Auseinandersetzungen liegen allerdings meist tiefer, aber das wäre ein anderes Thema.

Nun ist Ihnen vielleicht schon aufgefallen, daß zwei der drei von den Schiiten gern geschmähten ersten Kalifen in unserem Witz vorkommen: ‚Umar in der persischen Aussprache ‚Omar und ‚Uthmân in der persischen Aussprache ‚Osmân. Aus dem Witztext wird klar, daß es in der beschriebenen Situation nachvollziehbar wäre, einen Mann namens ‚Omar zu verprügeln, aber nicht einen Mann namens ‚Emrân. Dazu muß man beachten, daß dieser Witz in Qom spielt. Das ist wichtig, weil Qom bereits im 14. Jahrhundert, als die Quelle dieses Witzes entstanden ist, ein Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit war. Außerdem gab es dort auch schon ein wichtiges schiitisches Heiligtum. Qom wird heute meist Ghom geschrieben und liegt in Iran auf dem Weg zwischen Teheran und Esfahan. Der zugehörige Wikipedia-Artikel enthält auch eine Karte.

Nun werden Sie vielleicht sagen: Iran ist doch sowieso mehrheitlich schiitisch. Welche Rolle spielt es da, daß sich die Geschichte in Qom abspielt? – Es spielt deshalb eine Rolle, weil Iran im 14. Jahrhundert noch mehrheitlich von Sunniten bevölkert war und sich dies erst mit der Machtergreifung des ersten Safaviden-Schahs 1501 langsam zu ändern begann. Als die Witzesammlung entstand, aus der dieser Witz entnommen ist, war die iranische Bevölkerung also noch nicht mehrheitlich schiitisch, Qom aber bereits eine schiitische Stadt.

Doch zurück zum Witz! – Wir haben gesehen, daß es in der schiitischen Stadt Qom laut der Witzerzählung als nachvollziehbar erschien, daß man für den Namen ‚Omar verprügelt wurde. Das liegt an dem unter Schiiten traditionell verbreiteten Haß auf die ersten drei Kalifen. Dieser wurde auch auf die Namen übertragen. Deshalb können Sie auch ziemlich sicher sein, daß Sie keinen Schiiten vor sich haben, wenn sich Ihnen jemand als ‚Umar/’Omar oder ‚Uthmân/’Osmân vorstellt.

Das erklärt aber noch nicht, warum in dem Witz nun der arme ‚Emrân verdroschen wird. Auch die dafür angeführte Erklärung will schließlich erst einmal verstanden sein. Wie Sie sich mittlerweile vielleicht denken können, handelt es sich bei der Pointe wieder einmal um ein Sprachspiel. Um es zu erklären, muß ich mich an der Abbildung arabischer Buchstaben auf diesem Blog versuchen. Ich hoffe, das gelingt. Für den Fall, daß es nicht funktioniert, gebe ich auch eine vereinfachte Umschrift an. Der Kern des Sprachspiels hat mit den Wurzelkonsonanten der Namen zu tun. Das sind die Konsonanten, die den Stamm eines Wortes bilden. Vokale werden nur geschrieben, wenn sie lang sind (wie das â in ‚Emrân und ‚Osmân). Zusätzlich zu den Wurzelkonsonanten kann ein Wortbild also auch lange Vokale zeigen. Durch weitere Konsonanten kann das Wort gebeugt oder in ein anderes verwandelt werden. Und genau das tut der Sprecher im Witz, und zwar so:

Der Name ‚Emrân sieht in arabischer Schrift (die auch für das Persische verwendet wird) so aus:  عمران (Umschrift: ‚-m-r-â-n).

Der Name ‚Omar so:
عمر (Umschrift: ‚-m-r).

Der Name ‚Osmân so:
عثمان (Umschrift: ‚-th-m-â-n).

Wenn man nun zu ‚Omar die letzten beiden Buchstaben von ‚Osmân hinzufügt, dann ergibt sich das Wortbild von ‚Emrân:
عمر
+
ان
=
عمران

oder in Umschrift:
‚-m-r
+
â-n
=
‚-m-r-â-n.

Derjenige, der im Witz die Antwort gibt, sagt also mit anderen Worten: In dem Namen ‚Emrân steckt sehr wohl der Name ‚Omar drin, und zusätzlich ist auch noch ein Teil von ‚Osmâns Namen hinten angehängt worden, nämlich das lange â (das heißt alif) und das n (das heißt nûn). So wird aus ‚Emrân plötzlich ein ganzer ‚Omar in Kombination mit einem halben ‚Osmân, und das macht seine Situation sogar noch schlimmer, als wenn er nur ‚Omar hieße.

Nachdem wir diesen langen Weg hinter uns gebracht haben, versuchen wir es also noch einmal mit dem Witz, der nun hoffentlich für alle Leser umfassend verständlich geworden ist:

Ein Mann namens ‚Emrân wurde in Qom verprügelt. Jemand fragte: „Wenn er doch nicht ‚Omar heißt, wieso schlagt ihr ihn dann?“ Antwort: „Er heißt ‚Omar, und das alif und nûn von ‚Osmân hat man noch dazu gegeben!“ (Zâkânî, S. 291)

Habe ich erwähnt, daß ich Witze für einen ausgezeichneten Ausgangspunkt halte, wenn es darum geht, kulturelle und historische Informationen zu vermitteln? 😉

Quelle

Zâkânî, Nezâm od-Dîn ‚Obeydollâh: Kolliyât-e ‚Obeyd-e Zâkânî/Collected Works. Ed. by Mohammad-Ja’far Mahjoub. New York: Bibliotheca Persica Press, 1999 (Madschmû’e-ye Motûn-e Fârsî; Selsele-ye Nou, Schomâre-ye 2/Persian Text Series; New Series, no. 2).

Literatur

zu den Nachfolgestreitigkeiten unter ausführlicher Berücksichtigung der Argumente und Aspekte:

Albrecht Noth: “Von der medinensischen “Umma” zu einer muslimischen Ökumene”, in: Albrecht Noth/Jürgen Paul (Hrsg.): Der islamische Orient: Grundzüge seiner Geschichte, Würzburg: Ergon, 1998, S. 81-134.

zur Entwicklung der Schia:

Heinz Halm: Die Schia. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1988.

Warum Geschlechtsverkehr manchmal gesund ist und manchmal ungesund

Jedenfalls nach der verbreiteten Auffassung in meinen Quellen ist er das: gesund oder ungesund, je nachdem. Diese Quellen sind einige persische Medizinwerke aus dem 12. bis 18. Jahrhundert und natürlich der arabische Qânûn fi t-tibb, also der Canon des Avicenna. Wer genau wissen will, was in welchem Buch steht, kann sich ja in ein bis zwei Jahren mal mein „zweites Buch“ zu Gemüte führen – wann immer es erhältlich sein wird. (Das „zweite Buch“ ist die nächste große wissenschaftliche Arbeit nach der Dissertation, also entweder die Habilitationsschrift oder zumindest ein weiteres publiziertes Buch – das zweite eben.)

Wie ich bereits hier erläutert habe, war in dieser Literatur die Auffassung verbreitet, daß die weiblichen Geschlechtsorgane nur eine weniger ausgereifte, nach innen gestülpte Variante der männlichen Geschlechtsorgane seien. Folglich stellte man sich vor, daß sich im Körper von Frauen ebenso wie in dem der Männer Samenflüssigkeit bilde. (Auch die Samenflüssigkeit der Frauen war nach Ansicht der meisten Autoren an der Zeugung von Kindern beteiligt, aber das ist wieder ein anderes Thema.) Daher gelten die Regeln für den Geschlechtsverkehr zumindest in den Grundzügen für beide Geschlechter. Man kann aber trotzdem erkennen, daß die Autoren bei der Niederschrift der Regeln in erster Linie an den Mann und seine Anatomie gedacht haben – schon weil sie meist im Kapitel über die Männerkrankheiten erklärt werden.

In der Tat nahm man an, daß die Samenflüssigkeit schwere Erkrankungen auslösen könne. Sie mußte nach dieser Auffassung nämlich regelmäßig aus dem Körper ausgeschieden werden, üblicherweise durch Geschlechtsverkehr.

Man stellte sich das Ganze folgendermaßen vor: Da der Samen im Körper über mehrere Stufen aus der Nahrung erzeugt wird, entsteht er ständig neu und füllt nach und nach die Samengefäße auf. Wenn diese nun nicht rechtzeitig entleert werden, so „verrottet“ der angestaute Samen im Körper und produziert dabei Hitze. Diese überträgt sich auf die inneren Organe – unter anderem auf das Herz – und erwärmt sie. Die Erwärmung des Herzens führt zu Fieber, durch das Dämpfe entstehen. Diese steigen ins Gehirn auf und rufen dort verschiedene schwere Krankheiten hervor, unter anderem die berüchtigte Melancholie. Zu wenig Geschlechtsverkehr ist also gesundheitsschädlich, denn dann wird die Samenflüssigkeit nicht oft genug aus dem Körper ausgeschieden, staut sich und richtet Schaden an

Aber auch wenn man zuviel Samenflüssigkeit abführt, also zu oft Geschlechtsverkehr hat, so schwächt dies den Körper. Dadurch werden ihm nämlich zuviel Wärme und Feuchtigkeit entzogen, und das kann ebenfalls zu schweren Erkrankungen führen. Hat man zum falschen Zeitpunkt Geschlechtsverkehr, so ist der Körper nicht in der richtigen Verfassung für den Verlust von Wärme und Feuchtigkeit. Das ist also ebenfalls riskant für die Gesundheit. Es kommt deshalb aus medizinischer Sicht darauf an, den rechten Zeitpunkt für den Geschlechtsverkehr herauszufinden.

Da aber jeder Körper ein eigenes Temperament und jeder Mensch eigene Lebensgewohnheiten hat, kann man dafür nur sehr allgemein gefaßte Regeln angeben und keine genauen Zeitpunkte. Zum Beispiel soll man weder mit vollem noch mit ganz leerem Magen Geschlechtsverkehr haben. Jeder Mensch muß deshalb selbst darauf achten, wann sein Körper ihm das Signal gibt, daß die Samengefäße voll sind und entleert werden sollten. Dies geschieht durch die in den meisten Werken so bezeichnete „wahre Begierde“ (šahvat-e ṣādeq). Man erkennt sie daran, daß sie sich ganz von selbst als natürliches Bedürfnis des Körpers einstellt – ohne Erregung von außen durch Phantasien, Flirt oder Zärtlichkeiten.

Nur wenn der Geschlechtsverkehr also zur rechten Zeit und im rechten Maß ausgeübt wird, so erfüllt er auch seinen Zweck, den Körper gesund zu erhalten. Nur dann führt der Geschlechtsverkehr nicht zu Krankheiten. Die rechte Zeit ist, wenn die „wahre Begierde“ vorhanden ist. Das rechte Maß hält man ein, solange die „wahre Begierde“ anhält und der Körper keine Anzeichen von Schwäche zeigt.

Selbstverständlich weist die Medizinliteratur dem Geschlechtsverkehr auch noch einen weiteren wichtigen Zweck zu: die Fortpflanzung. Doch das ist, wie schon gesagt, ein eigenes Thema.

Neuigkeiten

In den letzten Tagen wurde diese Seite mehrfach geteilt und per Mail herumgeschickt:

http://www.spiegel.de/reise/fernweh/frau-reist-allein-in-iran-helena-henneken-ueber-buch-they-would-rock-a-975682.html

Offenbar sind eine Reihe von Leuten auf die Erlebnisse der Autorin aufmerksam geworden und finden sie interessant und mitteilenswert. Das ist gut, denn Iran hat in Deutschland ein ernstes Image-Problem. Viele Menschen nehmen das Land nur als Gegenstand der politischen Nachrichten wahr, und diese Nachrichten zeichnen selten ein vorteilhaftes Bild Irans.

Dabei geht eines völlig unter: Kein Land besteht nur oder auch nur hauptsächlich aus seiner Regierung und deren Politik. Will man sich ein Bild machen, muß man die Bevölkerung kennenlernen, ihre Kultur, am besten auch die Geschichte und die Landschaften.

Gerade im Falle Irans unterscheidet sich das in Deutschland verbreitete Bild des Landes stark von den Eindrücken, die man im Land gewinnt, wenn man sich die Mühe macht, dorthin zu reisen. Das läßt sich nur schwer überzeugend beschreiben. Wirklich nachvollziehen kann es wahrscheinlich nur, wer selbst einmal hingefahren ist.

Deshalb begrüße ich es sehr, wenn Berichte wie der oben verlinkte Menschen ermutigen, sich Iran einmal selbst von innen anzuschauen. Man muß keine Angst haben, denn es ist für Touristen auch nicht gefährlicher als andere Reiseländer. Für alleinreisende Frauen ist es sogar angenehmer als viele andere Ziele, wie meine eigenen Erfahrungen belegen. Allerdings empfehle ich für Individualtrips nachdrücklich Grundkenntnisse in der Landessprache.

In jedem Fall gebe auch ich gern eine Leseempfehlung für den verlinkten Artikel.

Iran, der Fußball und ich

Es ist mal wieder WM-Zeit. Und dieses Mal hat sich Iran wieder qualifiziert. Wie ich höre, schlagen sich die Iraner bisher ganz gut. Und das nicht zum ersten Mal.

Ich erinnere mich, wie ich im Juni 1998 ein WM-Spiel zwischen Deutschland und Iran angeschaut habe. Nun ja, nebenbei im Fernsehen habe mitlaufen lassen, während ich irgend etwas anderes gemacht habe. Denn ich muß gestehen, daß mich Fußball entsetzlich anödet.

Ganz anders die Iraner noch im Frühjahr 1999: Sie waren ganz wild auf Fußball, als ich zum ersten Mal nach Iran reiste. Manche Leute schauten sogar im März 1999 noch WM-Spiele von 1998 an. Faszinierend. Vielleicht lag das daran, daß Iran sich mit der WM 1998 erst zum zweiten Mal für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert hatte. Und bevor Sie sich fragen, woher ich das weiß: Ich habe in der Wikipedia nachgelesen. 😉

So blieb es auch nicht aus, daß ich 1999 in Iran immer mal wieder auf Fußball angesprochen wurde. Offenbar gingen meine Gesprächspartner in ihrem Fußballfieber davon aus, daß sich Deutsche auch automatisch für Fußball interessieren müßten. Immerhin waren sogar in Iran deutsche Mannschaften und Spieler bekannt (so weit ist es mit uns gekommen: unser Weltruhm beruht auf Fußball und Autos). Noch viel interessanter fanden es die Iraner aber, daß es auch iranische Spieler in deutschen Fußballmannschaften gab. Mindestens einen jedenfalls: Ali Daei.

Diesem Spieler verdanke ich ein Erlebnis, mit dem man mich  bis heute aufzieht. Allerdings nicht mit dem wirklichen Erlebnis, sondern mit einer etwas überarbeiteten, pointierten Version davon. Und da mal wieder Fußball-WM ist und Iran mit von der Partie, dachte ich mir, ich gebe diese Anekdote aus aktuellem Anlaß hier zum besten. Also mal Humor aus meinem Leben statt aus alten Büchern. 😉

Die überarbeitete, pointierte Version der Anekdote geht so:

Im Frühjahr 1999, also kaum ein Jahr nach der Fußball-WM von 1998, hielt ich mich für einige Wochen in Iran auf und versuchte in einem Sprachkurs meine seit zweieinhalb Jahren an der Universität erworbenen Sprachkenntnisse zu „aktivieren“. Für alle, die es nicht wissen: Daaamals, in der guuuten alten Zeit lernte man an den meisten deutschen Universitäten im Studium der Islamwissenschaft und angrenzender Fächer die orientalischen Sprachen wie Latein, nämlich passiv. Nach zwei Jahren konnten wir die gesamte Grammatik, Texte lesen und geschriebene Texte ins Deutsche übersetzen, und das auf hohem Niveau. Jedenfalls konnten wir alles Mögliche, nur nicht fließend sprechen und gesprochene Sprache ohne Probleme verstehen. Um das zu lernen, reiste man „ins Land“. In diesem Fall also nach Iran, um persisch sprechen zu lernen.

Zu dieser Zeit befand sich das Land, wie gesagt, noch im Fußballfieber, und der erwähnte Ali Daei spielte damals wohl noch für den FC Bayern München. Sie ahnen es: Auch das mußte ich eben recherchieren, und weil man meiner Quelle (wieder mal Wikipedia) nicht exakt entnehmen kann, wann sein Wechsel zu Herta BSC stattfand (jedenfalls nicht, wenn man keine Ahnung von Fußball hat), kann ich nur vermuten, daß seine Saison bei Bayern München noch lief, als ich im Frühjahr 1999 in Iran war. Wie man dem Wikipedia-Artikel ebenfalls entnehmen kann, heißt Ali Daei eigentlich ‚Alî-ye Dâyî, und „dâyî“ bedeutet auf persisch „Onkel mütterlicherseits“. Es ist vielleicht nachvollziehbar, daß man den Nachnamen „Onkel“ irritierend finden kann. Vor allem, wenn man keine Ahnung von Fußball hat und nicht weiß, daß es wirklich einen Menschen mit diesem Nachnamen gibt.

Dagegen hatte ich zu dieser Zeit schon recht viel Ahnung von einem hochinteressanten und unter Fachleuten sehr bekannten persischen Geschichtswerk aus dem 11. Jahrhundert. Und in diesem Geschichtswerk – über das Sie hier, nebenbei bemerkt, in Zukunft noch lesen werden – gibt es einen Feldherrn des Ghaznavidenherrschers Mahmud (reg. 998-1030) namens ‚Alî-ye Dâye – auch das ein eigenartiger Name, denn „dâye“ bedeutet „Amme“ und „Hebamme“.

Vermutlich können Sie sich jetzt schon vorstellen, was passiert ist. Einer der Lehrer in meinem Sprachkurs fragte mich, ob ich ‚Alî-ye Dâyî kenne. Ich darauf: „Ja, das war ein Heerführer des Mahmud von Ghazna.“ (Gemeint war aber natürlich der Fußballspieler Ali Daei.)

Soweit die überarbeitete Version. Bei den wenigen Menschen, die sich sowohl mit dem deutschen Fußball als auch mit der Geschichte des persischen Sprachraumes auskennen, löst sie spontane Heiterkeit aus. Allen anderen muß man die Anekdote erklären, aber dann amüsieren sie sich auch. Ich hoffe, Sie hatten auch ein bißchen Vergnügen daran.

In Wirklichkeit habe ich das natürlich nie gesagt. Ich gehöre ja zu den vorsichtigen Menschen, die sich zumindest vor Fremden nicht gern durch unüberlegtes Geplapper blamieren. Schon gar nicht in einer Fremdsprache. Aber gedacht habe ich so etwas. Ich wußte nämlich nicht, daß es einen Fußballspieler namens Ali Daei gab. Außerdem hielt ich „Dâyî“ für einen unwahrscheinlichen Nachnamen. Deshalb überlegte ich tatsächlich, ob ich mich wohl verhört hätte und der mir durchaus bekannte Heerführer ‚Alî-ye Dâye gemeint sein könnte. Wer denkt schon an eine solche Namensähnlichkeit?

Allen, die sich für Fußball interessieren, wünsche ich weiterhin viel Vergnügen bei der diesjährigen WM. Und der iranischen Mannschaft wünsche ich natürlich viel Erfolg!

Vom Umgang mit Texten aus entfernten Zeiten und Kulturen

Neulich habe ich ein kleines E-Book über Recherche gelesen. Es ging darum, wie Autoren recherchieren sollten, um gute Bücher zu schreiben – egal, ob Sachbücher oder Romane. Einer der Tips war: Wenn man über eine historische Persönlichkeit schreibt, dann soll man dorthin reisen, wo die Persönlichkeit gelebt hat. Man soll sich ihre Umgebung genau anschauen. Man soll die Bibliotheken bereisen, die ihre handschriftlichen Notizen aufbewahren. Man soll alles lesen, was die Person gelesen hat. Und man soll tun, was sie getan hat. Wenn es um einen Maler geht, dann soll man selbst malen. Geht es um einen Erfinder, dann soll man selbst Entwürfe machen. Kurz und gut: Man soll zu der Person werden, über die man schreiben will. Das ist natürlich nicht ganz so einfach, wenn man kein ausgewachsener Historiker ist, denn mit Quellen muß man ja auch umgehen können – mal ganz abgesehen von dem Problem, daß man nicht so ohne weiteres aus dem eigenen Ich heraustreten kann.

Doch warum erzähle ich das? – Weil ich finde, daß man so forschen müßte: Sich so tief wie möglich in die Verfasser der Texte hineindenken, die man als Quellen für Erkenntnisse verwendet. Herausfinden, was diese Verfasser gelesen haben und ob es heute noch greifbar ist. Das lesen und lernen, was sie gelesen und gewußt haben. Herausfinden, wie sie gelebt, gedacht und gefühlt haben. Erst dann kann man nämlich verstehen, was sie mit ihren Texten eigentlich sagen wollten und wie sie wahrscheinlich von ihren Lesern verstanden wurden. Und nur wenn man das versteht, weiß man wirklich, wie man den Texten brauchbare Antworten auf die eigenen Fragen entlocken kann. Nur wenn man weiß, was der Verfasser eines Textes gelesen und gewußt hat, kann man seine inhaltlichen Anspielungen und seine technischen Kniffe, seine Stilmittel, wirklich erkennen. Wenn man weiß, wie er gelebt und gedacht und gefühlt hat – oder wenn man wenigstens eine Ahnung davon hat -, dann kann man leichter die Unterschiede zwischen seinen und den eigenen Werten und Maßstäben und Überzeugungen erkennen. Mit anderen Worten: ohne tiefes Hineindenken in den Verfasser eines Quellentextes kann man den Text nicht richtig verstehen. Und wenn man den Text nicht richtig versteht, dann zieht man wahrscheinlich auch eine Menge falscher Schlüsse. Diese Gefahr besteht ganz besonders bei Texten aus entfernten Zeiten und Kulturen. Denn sie funktionieren meist ganz anders, als wir es heute erwarten würden.

Was nutzt es uns zum Beispiel, wenn wir Wirtschaftsdaten aus einem Geschichtswerk auswerten, solange noch gar nicht gründlich untersucht wurde, ob und inwieweit diese Daten belastbar sind? Was, wenn sie geschönt wurden, um das Reich zur Zeit eines bestimmten Herrschers besonders blühend erscheinen zu lassen? Nicht aus betrügerischer Absicht heraus übrigens, sondern um dem Leser eine tiefere Wahrheit nahezubringen, die der Verfasser vielleicht wichtiger fand als korrekte Zahlen.  Vielleicht müßte man das Geschichtswerk einmal kritisch edieren und dann als Ganzes untersuchen, ehe man an die Auswertung von Daten geht? Das ist ein plumpes Beispiel, aber es verdeutlicht vielleicht, worauf ich hinaus will.

Nun ist ein Text zwar zweifellos mehr als eine Verlängerung des Verfassers oder der Leser. Deshalb ist es zum Beispiel auch wichtig, sich mit der Gattung auseinanderzusetzen, zu der ein Quellentext gehört. Wieder heißt es: lesen, viel lesen. Man muß die Eigenarten und Stilmittel anderer Texte derselben Gattung kennenlernen. Doch ohne den Verfasser zu verstehen und die Leser, ohne also das historische und kulturelle Umfeld des Textes genau zu kennen, wird es bei der Textauswertung zwangsläufig zu Mißverständnissen und Fehlern kommen.

Bei den Lesern gibt es außerdem zwei Gruppen: diejenigen, an die der Verfasser sich mit seinem Text bewußt wendet, und diejenigen, die den Text tatsächlich gelesen haben. Sie können, müssen aber nicht identisch sein. Und manchmal wurden Texte auch vorgelesen oder aus dem Gedächtnis vorgetragen oder weitererzählt. Gerade bei hauptsächlich fiktiver Erzählliteratur und Dichtung ist damit zu rechnen. Aber diese Literatur hat ohnehin ihre besonderen Eigenarten und Schwierigkeiten für die historische Auswertung, die ich hier nicht diskutieren will.

Ein Problem der Islamwissenschaft und verwandter Disziplinen ist, daß man noch sehr viel Quellenforschung betreiben muß. Zu viele Texte werden von zu wenigen Forschern bearbeitet. Deshalb wissen wir über viele Zeiten und Regionen und Texte noch sehr wenig. Man kann also meistens nicht auf vorhandene Forschungsliteratur zurückgreifen, sondern muß erst einmal die ganze Grundlagenforschung selbst betreiben. Und dazu braucht man jede Menge Zeit, weil man sehr breit und sehr viel lesen und lernen muß. Manches muß man vielleicht mehrfach lesen, denn dafür waren Texte viele Jahrhunderte lang gedacht: zum wiederholten, zum vertiefenden Lesen. Man hatte ja kein Überangebot an Büchern wie heute.

Für solche Grundlagenforschung zu den Texten, auf die wir wichtige Erkenntnisse stützen, braucht man also Zeit und Muße. Wenn wir uns die nicht nehmen, steht der Rest unserer Arbeit auf tönernen Füßen.

Neuigkeiten

Dieses Wochenende mache ich bei dem traumhaften Wetter ein bißchen Urlaub. Deshalb kommt der nächste Beitrag vielleicht erst am kommenden Wochenende. Vielleicht auch schon Mitte der Woche.

Damit es wenigstens eine Kleinigkeit zu lesen gibt, starte ich heute meine neue Rubrik „Neuigkeiten“. Ich werde in Zukunft immer mal wieder zwischendurch kleine Neuigkeiten posten: neue Publikationen von mir und anderen, die frei verfügbar im Netz stehen, oder Tagungen und Vorträge, die mir interessant erscheinen und die offen für Publikum sind, oder ähnliche Dinge.

Ich weiß noch nicht, wie regelmäßig es solche Neuigkeiten geben wird. Aber ich habe natürlich einen Grund, gerade jetzt damit anzufangen: meine neueste Publikation ist jetzt online verfügbar, und zwar hier. Bisher hatte ich noch keine Zeit, mir die Lizenzbedingungen für verschiedene mögliche Nutzungslizenzen genau anzuschauen. Das werde ich aber in den nächsten Tagen nachholen, und dann wird mehr erlaubt sein als nur das Lesen.

Soviel für heute von mir. Weiterhin schöne Pfingsten!

Nachtrag vom 10.06.14: Zusammenfassung des verlinkten Aufsatzes auf deutsch
Ich vertrete in diesem Aufsatz die Auffassung, daß die heutige „Unani Medicine“, wie sie in Indien und anderen Ländern praktiziert wird, entgegen dem Selbstverständnis ihrer Vertreter nicht im wesentlichen mit der älteren graeco-islamischen Medizin in Indien identisch ist. Um dies zu belegen, habe ich zentrale Passagen aus drei umfassenden indo-persischen Medizinwerken des 16. und 17. Jahrhunderts analysiert und das dort vertretene Medizinverständnis herausgearbeitet. Dieses Medizinverständnis hat einige interessante Ähnlichkeiten mit dem Selbstverständnis der modernen westlichen Medizin, während das für die „Unani Medicine“ nicht in derselben Weise zutrifft. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen der „Unani Medicine“ und ihrem historischen Vorläufer. Dieser Unterschied wird bisher wenig beachtet und sollte in Zukunft gründlicher untersucht werden. Da die Geschichte der graeco-islamischen Medizin in Indien aber noch am Anfang steht und nicht einmal die wichtigsten medizinischen Texte kritisch ediert oder gar gründlich analysiert worden sind, versteht sich mein Aufsatz nicht als Präsentation von Endergebnissen, sondern als Diskussionsanregung.

Mir ist aufgefallen, daß diese Zusammenfassung ganz nützlich sein könnte. Deshalb habe ich sie nachgeschoben. 🙂

Warum Frauen kalt und feucht sind und was das bedeutet

Vor einiger Zeit habe ich hier erläutert, wie man sich gemäß der Humoralmedizin den menschlichen Körper und sein Temperament vorgestellt hat. Dabei bin ich im letzten Blogbeitrag zum Thema Medizin, Körper und Geschlecht von der graeco-islamischen Medizinliteratur ausgegangen, und dasselbe tue ich in diesem Beitrag auch. Hauptsächlich beschäftige ich mich dabei mit der Medizinliteratur in persischer Sprache und in diesem Beitrag besonders mit Passagen aus einer Enzyklopädie des frühen 12. Jahrhunderts, die in Umfang und Gestaltung große Ähnlichkeit mit dem Canon von Avicenna hat: der Ẕaḫīre-ye Ḫvārazmšāhī (sprich: Zachîre-ye Chârazmschâhî) von Sayyed Esmāʿīl-e Ǧorǧānī (sprich: Dschordschânî). Aus ihr stammen auch die kurzen Zitate weiter unten.

Doch zurück zum Temperament! Noch einmal kurz zusammengefaßt, hängt das Temperament eines Menschen vom Mischungsverhältnis seiner Köpersäfte ab: dem Blut, der Schwarzen Galle, der Gelben Galle und dem Schleim (auch: Phlegma). Jeder dieser Körpersäfte hat bestimmte Qualitäten: von trocken und heiß bis feucht und kalt. Und da in jedem Körper mindestens ein Körpersaft überwiegt und sich danach das Temperament eines Menschen bestimmt, prägen auch die Qualitäten des vorherrschenden Körpersaftes das Temperament dieses Menschen. So kann man beispielsweise von einem Menschen sagen, sein Temperament sei heiß und trocken.

Aber es gibt nicht nur individuelle Unterschiede. Auch das Lebensalter spielt eine Rolle. Jüngere Menschen haben ein wärmeres und feuchteres Temperament als ältere Menschen. Und natürlich hat auch das Geschlecht Einfluß auf die Qualitäten des Temperaments eines Menschen.

Grundsätzlich werden die Temperamente von Männern und Frauen als gegensätzlich vorgestellt: Während das Temperament der Männer im Vergleich zu dem der Frauen als heiß und trocken gilt, wird das Temperament der Frauen entsprechend als vergleichsweise kalt und feucht verstanden. Das heißt: Auch wenn ein Mann im Vergleich zu anderen Männern ein kaltes und feuchtes Temperament hat, ist nach dieser Vorstellung sein Temperament immer noch heißer und trockener als das einer Frau, deren Temperament im Vergleich zu dem anderer Frauen heiß und trocken ist.

Daher sind die Geschlechtsorgane der Frauen zwar analog zu denen der Männer gestaltet, aber nach innen gewölbt, quasi „eingestülpt“. Beim Mann nämlich, so die Vorstellung, sorgt die größere Hitze des Temperaments dafür, daß die Geschlechtsorgane voll ausreifen und nach außen treten. Da das Temperament der Frauen kälter ist, reifen ihre Geschlechtsorgane nicht so weit wie die des Mannes und verbleiben deshalb im Körper. Frauen haben also weniger gut ausgereifte Geschlechtsorgane als Männer und sind damit gewissermaßen Mängelwesen.

Doch das vergleichsweise kalte und feuchte Temperament von Frauen wirkt sich nicht nur auf die Geschlechtsorgane aus. Denn die relative Hitze des Temperaments führt bei den Männern dazu, daß bei ihnen alle „Kräfte“ stärker ausgeprägt sind – so auch die für das Fühlen, Denken und zielgerichtete Handeln zuständige Kraft. Und das – Sie werden es schon ahnen – führt natürlich dazu, daß die „Handlungen, Maßnahmen und Gedanken“ der Männer „besser und richtiger (beh-tar va dorost-tar)“ sind als die der Frauen (Ẕaḫīre, Bd. 1, S. 18). Mit anderen Worten: Frauen sind den Männern auch geistig unterlegen, weil ihr Temperament kälter und feuchter ist.

Was es aber bedeutet, daß die Geschlechtsorgane der Frau als weniger ausgereifte Spielart der Geschlechtsorgane des Mannes verstanden wurden, darauf komme ich im nächsten Medizinbeitrag zu sprechen. Darin soll es um den Geschlechtsverkehr gehen.

Quelle

Ǧorǧānī, Sayyed Esmāʿīl: Ketāb-e Ẕaḫīre-ye Ḫvārazmšāhī. Be taṣḥīḥ-o taḥšiye-ye Moḥammad-Reżā Moḥarrerī. 3 Bde. [Tehrān]: Farhangestān-e ʿolūm-e pezeškī-ye Ǧomhūrī-ye Eslāmī-ye Īrān, 1380 š./2001-1386 š./2007. Hier: Buch 1, Diskurs 2, Kapitel 4: Über die Kenntnis des Temperaments von Männern und Frauen, Bd. 1, S. 17f.

Literatur

Patrick Franke, “Before scientia sexualis in Islamic culture: ʿilm al-bāh between erotology, medicine and pornography”, in: Social Identities 18,2 (2012) 161-173.

Islamwissenschaft und „Islamistik“

Kürzlich habe ich auf Facebook irgendwo vollmundig – und etwas vorschnell – behauptet, Islamwissenschaftler hätten nie „Islamisten“ geheißen, weil das Fach nicht die Bezeichnung „Islamistik“ getragen habe. Darauf kam die Antwort, in Wien habe man vor ein paar Jahrzehnten aber von den Studenten der Islamwissenschaft als „Islamisten“ gesprochen. Das machte mich nachdenklich. Ein schneller Blick in die Wikipedia förderte zutage, daß „Islamistik“ dort neben „Islamkunde“ als veraltete Bezeichnung der Islamwissenschaft geführt wird. (Sooo furchtbar veraltet ist „Islamkunde“ übrigens nicht. Jedenfalls hieß das Fach, das ich von 1996 bis 2001 studiert habe, immer noch so.) Nun ist zwar nicht alles gleich wahr, was in der Wikipedia steht, aber ich wurde doch langsam neugierig.

Tatsächlich hatte ich mich vorher nie ernsthaft um die Bezeichnung „Islamistik“ gekümmert und auch nicht nachgeforscht, ob dies irgendwann eine offizielle Bezeichnung meines Studienfaches gewesen ist. Das kam vielleicht daher, daß die Geschichte des eigenen Faches zu meiner Studienzeit noch nicht besonders intensiv vermittelt wurde. Unser Fach ist ja vergleichsweise jung und vor allem sehr spärlich besetzt, wenn man bedenkt, wie breit seine Inhalte sind. Da hat man noch alle Hände voll zu tun mit Grundlagenforschung und muß gleichzeitig zusehen, daß man die Forschungstrends aus anderen Fächern wenigstens mit Verzögerung mitbekommt. Für Wissenschaftsgeschichte ist da nicht viel Kapazität übrig. Trotzdem hat die Selbstreflexion im Fach in den letzten Jahren stark zugenommen und damit auch die Beschäftigung mit der Fachgeschichte.

Vielleicht hatte ich mich aber auch deshalb nicht weiter über die Fachbezeichnung „Islamistik“ informiert, weil ich sie ausschließlich von Fachfremden gehört hatte – und auch das nur ein oder zweimal. Zudem habe ich vor allem zu Beginn meines Studiums auch viel in ziemlich alter Fachliteratur (aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert) geschmökert und kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dort über die Fachbezeichnung „Islamistik“ gestolpert zu sein. Ich glaube, das wäre mir aufgefallen, und ich hätte es mir gemerkt. Andererseits darf man dem menschlichen Gedächtnis ja nicht über den Weg trauen…

Wie auch immer: Irgendwie war ich immer ganz selbstverständlich davon ausgegangen, daß manche Menschen die „Islamistik“ analog zur Germanistik, Romanistik, Iranistik oder meinetwegen auch zur Orientalistik gebildet hatten, ohne daß dies je eine Selbstbezeichnung des Faches gewesen wäre. Nach dem Hinweis auf Wien dachte ich, es könnte sich auch um eine österreichische Besonderheit handeln. Es gibt ja sprachliche Unterschiede zwischen dem Österreichischen und dem in Deutschland verbreiteten Deutsch.

Doch solche Spekulationen helfen nicht weiter, wenn man etwas wissen will. Also habe ich heute eine kurze Internetrecherche durchgeführt, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Dabei hat sich herausgestellt, daß ich mit meiner Behauptung auf Facebook wirklich vorschnell war. Aber irren ist menschlich, und die besten Irrtümer sind die, aus denen man am Ende etwas lernt. Hier also das Ergebnis meiner Recherche, die erstaunlich viele Treffer ergab:

Die ersten drei Seiten der Google-Suche zur „Islamistik“ brachten neben dem Wikipedia-Eintrag mindestens einen Treffer, der auf ein Lexikon verweist. Hier sind Islamistik, Islamkunde und Islamwissenschaft in dieser Reihenfolge als Synonyme gelistet.

Dann habe ich eine Schweizer Seite gefunden, auf der ein Theologe und Islamwissenschaftler für April und Mai 2014 eine Blockvorlesung „Islamistik“ angekündigt hatte. Die Trägerinstitution scheint aber vornehmlich Bibelkurse und damit verknüpfte Ausbildungen anzubieten. Da ein kurzer Blick nicht ausreicht, um das einzuschätzen, gebe ich erstmal keinen Link an.

Weiter gibt es einen WordPress-Blog, dessen Betreiber behauptet, die Islamwissenschaft habe bis zum 11. September „Islamistik“ geheißen – was als derart pauschale Aussage natürlich falsch ist, auch wenn ich mittlerweile vorsichtshalber nicht mehr ausschließen möchte, daß diese Fachbezeichnung vielleicht noch vereinzelt irgendwo benutzt worden ist. Nach meinem Kenntnisstand war das aber zumindest in Deutschland an den meisten Universitäten bereits 1995 nicht mehr der Fall. Damals habe ich nämlich von einer ganzen Reihe von Universitäten Informationsmaterial zur Islamwissenschaft und verwandten Fächern angefordert, um den geeignetsten Ort für mein zukünftiges Studium auszuwählen.

Ein anderer Blog benutzt „Islamistik“ als Kategorie. Aufgrund der eingeblendeten Werbebanner vermute ich, daß hier Inhalte aus dem rechtsextremen politischen Spektrum mitgeteilt werden, deshalb spare ich mir den Link.

Auch Amazon hat eine Kategorie „Islamistik“, unter der aber nur ein einziges Buch eingeordnet zu sein scheint: ein Tagungsband zu einer Ökumenischen Sommerakademie, zu deren Teilnehmern möglicherweise auch Muslime gehörten. Das wird aus der Beschreibung aber nicht recht klar. Dagegen waren eindeutig christliche Theologen federführend beteiligt. Unter den übrigen genannten Disziplinen vermisse ich aber die Islamwissenschaft. Ob wirklich keine Islamwissenschaftler anwesend waren – beispielsweise solche, die soziologisch arbeiten -, läßt sich aber nicht genau erkennen.

Schließlich führt eine Website, die alte Zeitschriften vertreibt, eine stattliche Zahl an Zeitschriften aus der Orientalistik unter der Kategorie „Islamistik“ auf. Interessanterweise trägt aber keine dieser Zeitschriften „Islamistik“ im Titel oder Untertitel.

Ich bin nicht sicher, ob diese Seitenauswahl repräsentativ ist, aber es ist doch auffällig, daß in keinem der oben genannten Fälle erkennbar ein Islamwissenschaftler oder gar ein ganzes Institut „Islamistik“ als Bezeichnung für die Disziplin Islamwissenschaft verwenden würde. Die aktuelle Verwendung von „Islamistik“ scheint meinen ursprünglichen Eindruck zu bestätigen, daß es sich um eine Bezeichnung handelt, die von Fachfremden benutzt wird, und zwar zum Teil gar nicht für das Fach Islamwissenschaft, sondern für ganz andere Inhalte. Allerdings hätte ich nicht erwartet, daß „Islamistik“ im Internet tatsächlich so verbreitet ist. Es scheint mir lohnend, diesem Phänomen einmal gründlicher nachzugehen und auch die Websites genauer zu analysieren, die „Islamistik“ für unterschiedliche Inhalte zu benutzen scheinen. Wenn ich Zeit finde, mich weiter mit diesem Thema zu befassen, wird sicher noch ein Blogbeitrag dazu erscheinen. Vielleicht auch mehrere.

Doch warum habe ich oben geschrieben, ich sei vorschnell gewesen, wenn doch die aufgeführten Funde meine ursprüngliche Ansicht bestätigen und nicht widerlegen? – Der Grund ist dieser Fund hier, der tatsächlich belegt, daß die Bezeichnung „Islamistik“ auch INNERHALB des Fachs verwendet wurde. In dieser Nummer der „Orientalistischen Literaturzeitung“ wird „Semitistik, Islamistik“ als Rubrik verwendet – wenn ich das richtig entziffere, im Jahr 1932.

Auch diese historische Dimension verdient eine gründlichere Recherche. Doch davon hoffentlich ein anderes Mal.

Forschungsliteratur auf persisch

Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einem iranischen Doktoranden unterhalten, der zur Zeit in Deutschland arbeitet. Wir diskutierten kurz das Problem persischsprachiger Forschungsliteratur in den Arbeiten westlicher Forscher. Mein iranischer Gesprächspartner meinte, westliche Forscher berücksichtigten selten mehr als eine Handvoll persischer Forschungsarbeiten, auch wenn es viel mehr zum Thema gebe. Das entspricht auch meiner Wahrnehmung, und ich meine, daß es dafür eine Reihe von Gründen gibt, die sich aber nicht im Rahmen eines einzelnen Blogbeutrags besprechen lassen. Hier möchte ich mich nur mit einem Grund befassen: dem Problem, von persischen Forschungsarbeiten überhaupt zu erfahren und sie zu beschaffen.

Tatsächlich ist es nicht immer einfach herauszufinden, was in Iran gerade zu einem bestimmten Thema geforscht wird. Nach wie vor ist es dafür hilfreich, wenn man sich an Kollegen vor Ort wenden kann. Die hierzulande leicht auffindbaren Fachbibliographien reichen jedenfalls nicht aus, um sich ein Bild über die iranische Forschung zu machen. In den Abstracta Iranica werden zwar immer wieder persische Arbeiten aufgeführt, aber eben nur einige wenige. Der Index Islamicus ist gänzlich frei von Literatur in orientalischen Sprachen. Will man einen besseren Überblick bekommen, ist es daher empfehlenswert, die mittlerweile online verfügbaren iranischen Bibliothekskataloge und Repositorien zu durchsuchen. Auch wenn es den einen oder anderen vielleicht wundern wird, aber im Internet sind gerade iranische Bildungsinstitutionen sehr aktiv und oft großzügiger beim Teilen von Inhalten, als es in vielen anderen Ländern üblich ist.

So kann man z.B. ganze Handschriften kostenlos als digitale Kopie herunterladen – nicht immer, aber erstaunlich häufig. Und es gibt mittlerweile auch die Möglichkeit, große Mengen an Aufsätzen als PDF-Dateien zu speichern. Für Forscher außerhalb Irans ist das auch gut, denn seit vielen Jahren ist es nicht mehr möglich, direkte Überweisungen nach Iran zu tätigen. Auch alternative Bezahlmöglichkeiten, die sich sonst im Internet gerade für den internationalen Zahlungsverkehr anbieten, sind für Iran nicht verfügbar. Deshalb kann man auf Repositorien, in denen man für den Download bezahlen muß, ohne iranisches Bankkonto nicht zugreifen.

Aber wir wollen nicht meckern, sondern uns lieber über die vorhandenen Möglichkeiten freuen, denn früher gab es auch diese nicht. Außerdem sind viele Bücher immer noch schwer zu bekommen, weil sie in niedrigen Auflagen gedruckt werden und dann schnell vergriffen sind. Wer so ein Buch antiquarisch kaufen will, muß entweder selbst nach Teheran reisen oder jemanden kennen, der bereit ist, sich stellvertretend auf die Suche zu machen. Ganz billig sind solche vergriffenen Bücher auch nicht – selbst bei den für uns sehr günstigen Bücherpreisen in Iran.

Immerhin: Wichtige Bibliotheken wie die Nationalbibliothek und die Maǧles-Bibliothek bieten Online-Kataloge mit Suchfunktionen an und laden auch Handschriften hoch. Wenn man eine entdeckt, die man haben möchte, sollte man sie aber am besten gleich herunterladen. Sonst kann es sein, daß sie beim nächsten Versuch nicht mehr verfügbar ist. Es gibt nämlich auch in iranischen Bibliotheken durchaus unterschiedliche Ansichten über diese Open-Access-Politik.

Eine wahre Fundgrube für Zeitschriftenaufsätze ist die Noormags-Seite. Hier kann man nach Registrierung mit Name, E-Mail-Adresse und Paßwort bis zu 30 Aufsätze im Monat im PDF-Format herunterladen und sich über viele weitere Aufsätze informieren. Meine Uni-Mailadresse hat dort allerdings nicht funktioniert. Mit einer Adresse von einem auch in Iran bekannten Freemail-Anbieter gab es dann aber keine Probleme. Natürlich sind auch auf dieser Seite nicht alle Volltexte als PDF frei verfügbar und wohl auch nicht alle aktuellen Zeitschriften erfaßt. Dennoch ist dies eine große Hilfe und Arbeitserleichterung für Forscher außerhalb Irans.

Und wer weiß? Vielleicht erleben wir ja auch noch eine Zeit, in der sich Forscher weltweit über eigene Kanäle austauschen und Forschungsarbeiten jederzeit mit einigen Klicks herunterladen können – egal, in welchem Land sie leben und aus welchem Land die Forschung stammt. Nun, man wird ja träumen dürfen…

Sprachspiele und Darmwinde – Zwei Typen von Witzen

Während meiner Beschäftigung mit persischen (und arabischen) Witzen und humoristischen Anekdoten sind mir in den Sammlungen, die ich untersucht habe, zwei Typen von Witzen aufgefallen, die häufig angeführt werden und gar nicht zusammenzupassen scheinen: mehr oder weniger geistreiche Sprachspiele und Anspielungen auf den Bereich unterhalb der Gürtellinie.

Insbesondere Darmwinde hatten – neben allem, was mit möglichst unerlaubten Formen von Sex zu tun hat – offenbar für die Humoristen großen Reiz. Wahrscheinlich liegt das daran, daß es bis heute so ausgesprochen unanständig wirkt, wenn jemand „einen ziehen läßt“. Jedenfalls kann man auch heute noch gebildete Iraner mit Witzen zum Lachen bringen, deren Pointe im wesentlichen darin besteht, daß jemand in einer unpassenden Situation einen Darmwind abgehen läßt. Und eine Theorie besagt, daß z.B. die Deutschen wegen eines kulturell bedingten „Reinlichkeitskomplexes“ besonders empfänglich für Fäkalkomik seien (Röhrich, S. 153). Was immer man von dieser Theorie halten mag: „Furzwitze“ sind in meinen drei Sammlungen aus dem 14., 16. und 19. Jahrhundert keine Seltenheit – wie dieser Witz hier:

Eine Frau furzte in der Hochzeitsnacht, schämte sich dafür und weinte. Der Ehemann sagte: „Weine nicht, denn der Furz der Braut ist ein Hinweis auf Überfluß!“ [Die Frau] fragte: „Soll ich dann noch einmal furzen?“ Antwort: „Mehr als das faßt der Speicher nicht.“ (Zâkânî, S. 244, Nr. 46)

Ebenso beliebt sind Sprachspiele, die manchmal sehr kunstfertig und geistreich sein konnten. Leider sind sie meistens schwer zu übersetzen. Denn Sprachspiele beruhen oft auf der Mehrdeutigkeit von Wörtern in einer bestimmten Sprache. Und wenn in der Zielsprache der Übersetzung nicht die gleichen Mehrdeutigkeiten vorhanden sind, dann kann man einen solchen Sprachwitz nicht übersetzen, sondern nur erklären. Aber Pointen, die man erst erklären muß, wirken nicht. Deshalb sollte man Witze eigentlich nicht erklären müssen. Andererseits lernt man durch erklärte Witze viel dazu (dazu mehr im demnächst geplanten Beitrag: „Humor kann man lernen“). Die folgende Anekdote ist ein schönes Beispiel dafür:

Einmal zerbrach ein äußerst schöner Prinz aus dem Hause Tîmûrs (d.i. Tamerlan) in einer Versammlung (des Dichters) Dschâmî ein Stück ägyptischen Zuckers zwischen den Zähnen, und etwas davon wurde durch seinen Speichel feucht (tar). Er legte die Stücke auf seine Handfläche und fragte Dschâmî: „Welches Stück möchtet Ihr?“ Er antwortete: „Das [Stück], das mehr/feuchter (bîš[-]tar) ist.“ (Safî, S. 235)

An dieser Anekdote muß man einiges erklären. Zunächst das Sprachspiel: Auf persisch bedeutet „tar“ feucht. „Mehr“ heißt „bîš-tar“. In diesem Fall ist „tar“ kein eigenständiges Wort, sondern eine Endung zur Steigerung eines Adjektivs. So heißt, zum Beispiel, „groß“ auf persisch „bozorg“ und „größer“ heißt „bozorg-tar“. Nur „bîš“ allein kann aber auch „mehr“ bedeuten. Nun schrieb man das Wort „bîš“ und die Endung „tar“ zu der Zeit, als diese Sammlung entstand, in zwei Worten – also genauso, wie man auch die Wortkombination „mehr“ und „feucht“ (also: feuchter) schrieb: „bîš“ (= mehr) und „tar“ (= feucht). Dschâmî sagt also gleichzeitig, er wolle das Stück haben, das „mehr“ (also größer) sei (= „bîš-tar“), und er wolle das Stück haben, das „feuchter“ sei (= „bîš tar“). Daß ein und dieselbe Formulierung beide Bedeutungen hat, ist die sprachliche Pointe.

Damit versteht man den Witz an der Sache aber noch nicht vollständig. Warum Dschâmî das größere Zuckerstück haben möchte, kann man ja leicht nachvollziehen. Aber wieso sollte er das feuchtere Stück wollen? Der Grund besteht darin, daß es sich um einen schönen Prinzen handelt, der auch auf Dschâmî eine erotische Wirkung ausübt. Deshalb gefällt ihm die Vorstellung, durch das Zuckerstück, das zuvor der Prinz im Mund hatte, nun etwas von seinem Speichel aufzunehmen. Und das feuchtere Zuckerstück enthält mehr von dem Speichel des schönen Prinzen. Solche erotischen Anspielungen sind durchaus nicht ungewöhnlich. Man hielt es für völlig normal, daß schöne Jünglinge auf erwachsene Männer erotisch wirkten. Das heißt aber noch nicht, daß der Geschlechtsverkehr mit schönen Jünglingen für Männer erlaubt gewesen wäre. Doch dazu gäbe es so viel zu sagen, daß es ein eigenes Thema ist. Lassen wir es also für heute dabei bewenden, daß der Verfasser der Sammlung eine sehr hohe Meinung von Dschâmî hatte und Dschâmî in dieser Anekdote keinesfalls unvorteilhaft dargestellt ist. Wer mehr wissen möchte, kann hier und in der dort genannten Literatur nachlesen oder in dem Buch von Khaled El-Rouayheb.

Nun scheinen Darmwinde und Sprachspiele nicht unbedingt zusammenzupassen und vor allem nicht dieselbe Art von Humor anzusprechen. Man darf deshalb aber nicht annehmen, daß sie getrennt überliefert worden wären. Im Gegenteil: Beides kommt in der Regel in ein und derselben Sammlung vor, wenn auch in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Es kommt sogar vor, daß ein „Furzwitz“ eine sprachliche Pointe hat wie etwa dieser hier, in dem zweimal dasselbe Verb verwendet wird (s. die Ausdrücke in Klammern), aber in unterschiedlicher Bedeutung:

Ein Mann aus Šûštar heiratete eine Frau. Als er in der ersten Nacht zu ihr kam, hatte sie ihr Schamhaar nicht entfernt (kandan). Als er in sie eindrang, ließ das Weib einen Furz ziehen (kandan). Der Ehemann sagte: „Meine Dame! Was man entfernen muß (bâyad kand), das entfernst du nicht, und was man nicht ziehen lassen soll (na-bâyad kand), das läßt du ziehen!“ (Zâkânî, S. 265)

Quellen

Safî, Fachr od-Dîn ‚Alî b. Hoseyn Vâ’ez-e Kâschefî: Latâ’ef ot-tavâ’ef. Hrsg. v. Ahmad-e Goltschîn-e Ma’ânî. 4. Aufl. Tehrân: Eqbâl, 1362 sch./1983.

Zâkânî, Nezâm od-Dîn ‚Obeydollâh: Kolliyyât-e ‚Obeyd-e Zâkânî šâmel-e qasâyed, ghazaliyât, qata’ât, robâ’iyyât, masnaviyyât. Moqâbele bâ noskhe-ye mosahhah-e Ostâd-e faqîd ‚Abbâs-e Eqbâl va tschand noskhe-ye dîgar. Šarh va ta’bîr va tardschome-ye loghât-o âyât-o ‚ebârât-e ‚arabî az Parvîz-e Atâbakî. Tschâp-e dovvom. Tehrân: Zavvâr, 1343 š./1964-5.

Literatur

Kurz, Susanne: „Verachtet das Scherzen nicht!“: Die kulturhistorische Aussagekraft von persischen Sammlungen humoristischer Kurzprosa. 2 Halbbde. Dortmund: Verlag für Orientkunde, 2009. (Beiträge zur Kulturgeschichte des islamischen Orients, 40). (kann man z.B. hier bestellen)

Kurz, Susanne: „Witze sind auch ein ernstes Geschäft“. In: XXX. Deutscher Orientalistentag, Freiburg, 24.-28. September 2007. Ausgewählte Vorträge, herausgegeben im Auftrag der DMG von Rainer Brunner, Jens Peter Laut und Maurus Reinkowski. März 2009, http://orient.ruf.uni-freiburg.de/dotpub/kurz.pdf

Röhrich, Lutz: Der Witz: Seine Formen und Funktionen. Mit tausend Beispielen in Wort und Bild. München: dtv, 1980.