Wer war eigentlich Rûmî?


Zur Zeit lese ich ziemlich viele Postings auf Twitter.  Dabei ist mir aufgefallen, daß besonders im Umfeld inspirierender Zitate zu den Themen Achtsamkeit und Lebensweisheiten überdurchschnittlich häufig Dschalâl ed-Dîn Rûmî (st. 1273) zitiert wird – meistens auf englisch. Aber auch in Deutschland ist er im entsprechenden Milieu sehr beliebt.

Dabei frage ich mich regelmäßig, wie vielen Menschen, die Zitate von ihm lesen und weitergeben, überhaupt bewußt ist, wer Rûmî war. Ob sie wissen, daß er Muslim und Mystiker war und daß die Zitate Übersetzungen aus seinen persischen Dichtungen sind? Wußten Sie es?

Besitzansprüche auf den Dichter

Tatsächlich streiten sich Afghanen, Iraner und Türken gelegentlich darum, wem Rûmî eigentlich „gehört“. Er wurde nämlich (vermutlich) in Balch geboren, und das liegt heute in Afghanistan, verbrachte aber einen Großteil seines Lebens in Konya in der heutigen Türkei und verfaßte seine Werke auf persisch.

Dorthin kam Rûmî, weil seine Familie beim Herannahen der Mongolen unter Dschingis Khân bereits um 1220 aus dem östlichen iranischen Kulturraum wegzog und sein Vater schließlich Ende der 1220er Jahre eine Lehrposition an der religiösen Hochschule (madrasa) in Konya angeboten bekam, der Residenz der damals herrschenden Rûm-Seldschuken (1077-1307).

„Rûm“ ist die arabische Bezeichnung für Ostrom oder Byzanz und wurde in dieser Form auch ins Persische übernommen.  Da er den größten Teil seines Lebens auf ehemaligem byzantinischen Gebiet und in unmittelbarer Nachbarschaft von Byzanz verbracht hat, ist „Rûmî“ unter eben diesem Beinamen bekannt geworden: „der aus Ostrom/Byzanz“.

Solche Beinamen, die auf den Herkunfts- oder Wohnort verweisen, waren in der islamischen Welt sehr häufig, und auch viele aktuelle Nachnamen gehen auf solche Zugehörigkeitsbezeichnungen zu Orten zurück. Falls Sie sich näher dafür interessieren, schauen sie doch einmal in meinen Beitrag zu traditionellen arabischen Namen!

Iraner nennen Rûmî übrigens eher Moulânâ (arabisch: maulânâ) – das bedeutet „unser Herr“ und war damals eine übliche Bezeichnung für Religionsgelehrte – oder davon abgeleitet Dschalâl ed-Dîn Moulavî. Auf türkisch spricht man das arabo-persische Moulavî anders aus. Dann klingt es so: Mevlevî.

Rûmî und die tanzenden Mevlevî-Derwische

Dieses Wort haben Sie vielleicht schon einmal gehört oder gelesen, denn es ist im Namen eines Derwischordens enthalten: dem der Mevlevi-Derwische, die besonders für ihren wirbelnden Derwischtanz berühmt sind. Er ist Teil des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes und geht wahrscheinlich direkt auf Rûmî selbst zurück, der seine mystischen Ghaselen in Ekstase beim Tanzen gedichtet haben soll.

Hier ist eines von vielen online verfügbaren Videos, die Ihnen einen Eindruck von diesem Tanz vermitteln können:

Iraner und Afghanen bevorzugen es aus naheliegenden Gründen, Rûmîs Herkunftsort Balch in seinen Namen aufzunehmen. Sie sprechen also eher von Dschalâl ed-Dîn Balchî (Rûmî), wenn sie nicht ohnehin Moulânâ oder Dschalâl ed-Dîn Moulavî sagen.

Das hängt mit den oben erwähnten Rivalitäten über die nationale Zugehörigkeit Rûmîs zusammen oder vielmehr über die Frage, welche Nation ihn für sich beanspruchen darf.

Wem „gehört“ Rûmî denn nun?

Würde man Rûmî selbst fragen, ob er ein afghanischer, iranischer oder türkischer Mystiker und Dichter sei, dann würde er nicht einmal die Frage verstehen. Schließlich gab es zu seiner Zeit weder die heutigen Staatsgrenzen noch das mit ihnen verbundene Verständnis von Nation und nationaler Identität.

Es ist also gänzlich unangemessen, heutige Vorstellungen von nationaler Zugehörigkeit auf einen mystischen Dichter des 13. Jahrhunderts zurückzuprojizieren und ihn auf dieser Grundlage für ein bestimmtes Land zu reklamieren.

Rûmî war gleichermaßen ein Produkt der persophonen Kultur seiner Zeit und ein Produzent von Teilen dieser Kultur, die weit über die Grenzen heutiger Länder wie Iran und Afghanistan hinausreichte – auch am Hof der turkstämmigen Rûm-Seldschuken wurde persisch gesprochen.

Diese Kultur ist das Erbe vieler heutiger Staaten und Nationen. Deshalb wäre es angemessener und sinnvoller, wenn deren Angehörige ihr gemeinsames Erbe als solches betrachten und es gemeinsam erforschen würden, statt sich über Besitzansprüche an Kulturschaffenden früherer Epochen zu streiten.

Grenzüberschreitende Botschaft

Doch es gibt noch einen anderen Grund, weshalb es nicht angemessen ist, Rûmî nur seiner Herkunftsregion und -kultur und der Sprache zuzuordnen, in der er sich ausdrückte. Ich finde zwar, man muß all das kennen, wenn man ihn wirklich verstehen will. Aber der Kern seiner mystischen Botschaft überschreitet diese Grenzen.

Es ist eine Botschaft, die von Liebe und dem Einswerdens mit dem Urgrund unserer Existenz handelt. Sie ist ausgedrückt im Vokabular einer bestimmten Sprache, Kultur und Epoche, aber sie spricht auch moderne Menschen überall auf der Welt an. Das ist der Grund, warum man mittlerweile überall im Internet auf Übersetzungen von Rûmîs Dichtung trifft.

Hier ein Beispiel aus seinem Dîvân – der Sammlung seiner Gedichte:

Durch Liebe ward das Bittre süß und hold,
Durch Liebe war das Kupfer reines Gold,
Durch Liebe ward die Hefe rein und klar,
Die Liebe bot der Krankheit Heilung dar,
Durch Liebe wird belebet, wer entschlafen,
Durch Liebe werden Könige zu Sklaven,
Die Liebe macht das tote Brot zur Seele,
Macht ewig die vergängliche, die Seele!
(Übers. Schimmel, Sieh!, S. 18)

Ob bei der breiten Rezeption heute Rûmîs ursprüngliche Aussageabsichten erhalten bleiben, ist eine andere Frage, die sich vielleicht zu erforschen lohnt. Immerhin war er nicht nur Mystiker, sondern auch ein herausragender Religionsgelehrter, der nach Ableben seines Vaters dessen Position an der Hochschule in Konya übernahm.

Wer seine Werke verstehen will, muß sich daher möglichst gut mit der Religionsgelehrsamkeit der damaligen Zeit auskennen, denn die hatte Rûmî „im Gepäck“. Daneben besteht natürlich das grundsätzliche Problem, daß gerade bei Dichtung in der Übersetzung wesentliche Aspekte verlorengehen.

Doch zumindest gibt es von Rûmîs großem Lehrgedicht, dem „Masnavî-ye ma’navî“, und von seiner Gedichtsammlung ansprechende Übersetzungsauszüge auf deutsch (s.u. Literatur). So kann man zumindest einen ersten Eindruck bekommen.

Dennoch finde ich: Bei dem Maß an Begeisterung, das Rûmî derzeit überall in der westlichen Welt entgegengebracht wird, müßten eigentlich viel mehr Menschen Interesse an der persischen Sprache haben, um die Originale genießen und die Aussagen richtig verstehen zu können. 😉

Mehr über die Inhalte und Besonderheiten der islamischen Mystik erzähle ich Ihnen ein anderes Mal in einem gesonderten Beitrag.

Literatur

Annemarie Schimmel: Rumi: Ich bin Wind und du bist Feuer. Leben und Werk des großen mystischen Dichters. Düsseldorf/Köln: Diederichs, 1978.

Dschelaluddin Rumi: Das Mathnawi: ausgewählte Geschichten. Aus dem Persischen von Annemarie Schimmel. Mit Illustrationen von Ingrid Schaar. Basel: Sphinx-Verlag, 1994.

Dschelaluddin Rumi: Sieh! Das ist Liebe: Gedichte. Aus dem Persischen von Annemarie Schimmel. Mit Illustrationen von Ingrid Schaar. Basel: Sphinx-Verlag, 1993.

Bildnachweis

Beitragsbild: Grab Rûmîs mit Turban
Quelle: Wikimedia Commons

Lizenz: Creative Commons 3.0

Urheber: Ahmed Nisar
unverändert übernommen

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14 Kommentare zu „Wer war eigentlich Rûmî?“

  1. Ich finde die Frage besonders interessant, was denn Rûmî „im Westen“ besonders akzeptabel macht – während viele Menschen „den Islam“ ablehnen. Eine universelle Weisheit?

    1. Yep. Mir ist aufgefallen, daß es zu einer Popularisierung und in den letzten Jahren weiten Verbreitung sehr alter mystisch-philosophischer Lehren gekommen ist, die es in allen Religionen gibt und die sich zwar im Detail stark unterscheiden können, aber einen gemeinsamen Kern zu haben scheinen. Ich habe den Eindruck, daß es einen regelrechten Trend und eine entsprechend hohe Nachfrage nach solchen Weisheiten gibt. Und Rumi ist ja nun schon länger ins Englische übersetzt und in Amerika ziemlich verbreitet. Aber ich glaube eben, daß viele Menschen überhaupt nicht wissen, daß das „islamische Mystik“ ist. Schon Annemarie Schimmel hat ja während ihrer Lehrzeit in den USA festgestellt, daß es Studenten gab, die sich als „Sufis“ bezeichneten, aber weder etwas vom Islam wußten noch sich diesem zurechneten.

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