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Wesir der Seldschuken: Der Nezâm unter Alp Arslân Teil 2

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Alp Arslân war also durchaus selbst Herr über sein Reich und der Nezâm zwar ein mächtiger Mann, aber doch nur der Wesir. Wie schwierig aber die Abgrenzung zwischen den Aufgaben des Sultans und denen des Wesirs war, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt noch sehen. In jedem Fall hatte der Wesir die durchaus nicht immer einfache Aufgabe, den Herrscher vor unbedachten Entscheidungen zu bewahren. Und das konnte schon mal ausgesprochen unangenehm werden, wie der Nezâm bei der folgenden Gelegenheit erleben mußte:

Der Hof war wie so oft unterwegs auf einem Feldzug, und man nächtigte deshalb in Zelten. Eines abends betrank sich Alp Arslân so sehr, daß er nicht mehr klar denken konnte. In diesem Zustand befahl er, einen seiner Militärführer vorführen zu lassen, weil er ihm den Kopf abschlagen wolle. Das hielt der Nezâm für eine ausgesprochen unkluge Entscheidung, denn Alp Arslân hatte diesem Militärführer Sicherheit zugesagt – und das hieß, er durfte ihn nicht einfach töten, wollte er nicht sein Wort brechen. Zudem befürchtete der Nezâm einen Aufruhr unter den Soldaten, was auf einem Feldzug sehr gefährlich werden konnte. Daher versuchte er, Alp Arslân zur Vernunft zu bringen. Doch der sagte nur: „Ich will es so!“ und schlug dem Nezâm eine Waschschüssel ins Gesicht, die sich im Zelt befand. Sofort bildete sich ein Striemen auf seinem Gesicht.

Nach dieser handgreiflichen Demonstration der Fruchtlosigkeit vernünftiger Worte blieb dem Nezâm nichts anderes übrig, als ins Zelt der Châtûn, also der Gemahlin des Sultans, zu gehen und sie um Hilfe zu bitten: „Komm schnell, Châtûn, sonst wird das Heer vernichtet und einer wird über den anderen herfallen!“

Alp Arslâns Gemahlin ging also ins Zelt des Sultans, der sich über ihr Erscheinen wunderte. Sie aber sagte nur zu ihm: „Geh schlafen, du bist betrunken!“ Offenbar tat der Sultan das auch, und als die Châtûn ihm am nächsten Tag erklärte, was er gesagt und getan hatte und welche Folgen das hätte haben können, entgegnete er: „Bei Gott, ich weiß nichts mehr von alledem!“

Als er dann den Nezâm sah, fragte er: „Hasan, was ist das für ein Striemen in deinem Gesicht?“ Darauf der Nezâm: „O Sultan der Welt, das ist die Spur eines Ereignisses von gestern. Als ich das Zelt verließ, schlug mir eine Zeltstange ins Gesicht.“

(Diese Geschichte stammt aus Ibn al-‚Adîms Werk, S. 27-29.)

Bei Alp Arslân konnte also durchaus ein rauher Wind wehen – zumindest, wenn er betrunken war. Das machte er aber durch angenehmere Eigenschaften wieder wett. Beispielsweise haben uns schon seine Argumente gegen die Einrichtung eines Spionagesystems gezeigt, daß er sich nicht gern manipulieren ließ. Das kam dem Nezâm zugute, als man versuchte, ihn bei Alp Arslân anzuschwärzen. Jemand hatte dem Sultan ein anonymes Briefchen geschrieben, in dem er den Nezâm der Unterschlagung von Geldern beschuldigte. (Der Frage, inwieweit diese Beschuldigung berechtigt gewesen sein könnte, müssen wir ein anderes Mal nachgehen.) Nachdem wir erfahren haben, wie nervös üble Nachrede den Nezâm selbst dann machte, wenn sie völlig aus der Luft gegriffen war, stünde nun zu erwarten, daß dieses Briefchen üble Konsequenzen für den Nezâm hätte haben müssen.

Doch mitnichten! Alp Arslân gab das Briefchen an den Nezâm weiter und sagte: „Wenn wahr ist, was hier steht, dann bessere dich! Wenn es falsch ist, dann vergib demjenigen, der es geschrieben hat!“ Nach meiner Auffassung zeigt diese Reaktion zweierlei: Zum einen, daß Alp Arslân Verleumdung nicht schätzte und sich nicht gern auf diese Weise in eine bestimmte Richtung lenken lassen wollte, sondern vielmehr auf seiner eigenen Einschätzung bestand. Zum anderen, daß der Sultan seinem Wesir durchaus großes Vertrauen entgegenbrachte und ihn sehr zu schätzen wußte, so daß er ihm sogar eine mögliche Verfehlung durchgehen ließ – solange sie sich nicht wiederholte.

(Die Geschichte stammt aus dem Werk von Ibn al-Athîr, S. 75.)

Vielleicht war es auch ein Zeichen von des Sultans Vertrauen in den Wesir, daß er diesen mit anderen Aufgaben betraute, während er selbst im Jahr 1071 dem byzantinischen Kaiser Romanos Diogenes entgegenzog, der in Armenien eingefallen war. So kam es jedenfalls, daß der Nezâm bei der welthistorischen Schlacht von Malâzgird (oder: Mantzikert) zwischen Seldschuken und Byzantinern nicht anwesend war. Alp Arslân siegte und nahm sogar den byzantinischen Kaiser selbst gefangen. Mit dieser Schwächung von Byzanz brach auch die Zeit an, in der sich verstärkt Turkmenen in Kleinasien ansiedelten. Die Türkisierung der späteren Türkei hatte begonnen.

Bereits im Folgejahr 1072 treffen wir den Nezâm aber wieder an Alp Arslâns Seite an, und zwar an der entgegengesetzten Reichsgrenze, kurz bevor das seldschukische Heer den Amû Daryâ überqueren sollte. Dieses Mal ging es gegen die jenseits des Flusses herrschende türkische Dynastie der Qarâchâniden. Allein das Tempo, mit dem diese Feldzüge an den entgegengesetzten Außengrenzen des Reiches aufeinander folgten, zeigt die ungeheure Beweglichkeit der Seldschukensultane. Um ihr großes Reich fest in der Hand zu behalten und es möglichst noch zu vergrößern, zogen sie ständig darin umher.

Doch dieser Feldzug sollte Alp Arslân zum Verhängnis werden, und auch der Nezâm war nicht in der Lage, ihn vor den Folgen seiner letzten falschen Entscheidung zu bewahren. Der Tod des Sultans wirft noch einmal ein Schlaglicht auf seine Persönlichkeit. Um den Amû Daryâ nämlich sicher überqueren zu können, hatte Alp Arslân zunächst einige Festungen in der Umgebung erobert. Einer der Festungskommandanten wurde als Gefangener vor ihn gebracht, und Alp Arslân verurteilte ihn zum Tode. Darauf stürzte sich der Mann mit dem Dolch auf den Sultan. Alp Arslân war ein guter Bogenschütze und befahl seinen Wachen, sich nicht einzumischen. Er zielte mit einem Pfeil auf den Angreifer und schoß. Doch dieses Mal ging sein Schuß fehl, und der Gefangene verwundete Alp Arslân schwer. Es dauerte mehrere Tage, bis der Sultan mit etwa zweiundvierzig Jahren an seiner Wunde starb. Zu seinem Sohn und Nachfolger Malek-Schâh soll er gesagt haben, er habe alle Warnungen in den Wind geschlagen und sich von seiner Eitelkeit beherrschen lassen. Alp Arslân folgte eben seinem eigenen Kopf, im Guten wie im Schlechten. Am Ende kostete es ihn das Leben.

Nach dem Tod seines willensstarken Herrn änderte sich manches für den Nezâm. Immerhin gab es dieses Mal eine klare Nachfolgeregelung, die sich auch durchsetzen ließ – dank dem Nezâm. Denn Alp Arslâns Sohn und designierter Nachfolger Malek-Schâh war erst rund achtzehn Jahre alt, als sein Vater plötzlich starb. Und noch immer war es nicht selbstverständlich, daß ein junger Sohn Thronfolger sein sollte, wenn es ältere Familienmitglieder gab, die einen Anspruch anmelden konnten – wie zum Beispiel Malek-Schâhs Onkel Qâvord, der in Kermân herrschte und nun der älteste Mann des Seldschukenhauses war. Malek-Schâh war also noch jung und seine Stellung bedroht. Um sich auf dem Thron zu halten, hatte er daher Hilfe dringend nötig. Und für den Nezâm schlug die große Stunde: Nun wurde er von einem mächtigen zum mächtigsten Mann des Seldschukenreiches. Doch das ist eine eigene Geschichte für eine neue Folge.

Quellen

Susanne Kurz: „Der Hof des Nizâm al-Mulk“. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Tübingen, 2001.

Ibn al-‚Adîm, Kamâl ad-Dîn Abû l-Qâsim ‚Umar. Bughyat at-talab fî ta’rîch Halab: At-tarâdschim al-châssa bi-târîch as-Salâdschiqa. Hg. Ali Sevim. Ankara 1976.

Ibn al-Athîr: Al-Kâmil fi t-ta’rîch. Hg. C. J. Tornberg. 13 Bde. Leiden 1851-1876. 10. Bd. Nachdr. Bayrût 1386 H/1966.

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