Gelehrter Vagabund: Ibn Sînâs (Avicennas) Lebensreise

Aus aktuellem Anlaß möchte ich Ihnen heute die Stationen eines abenteuerlichen Lebens erzählen – des Lebens von Ibn Sînâ. Er war ein berühmter Universalgelehrter des 11. Jahrhunderts, der in Europa auch unter dem Namen Avicenna und spätestens seit dem „Medicus“ vor allem als Arzt bekannt ist. Letzteres wirft eine Frage auf, aber die möchte ich in einem anderen Beitrag diskutieren.

Der aktuelle Anlaß für diesen Beitrag ist eine Ausstellung, die meine Kolleginnen an der Ruhr-Universität Bochum und ich zum Abschied in der Universitätsbibliothek veranstalten. Dort zeigen wir Gegenstände, Texte und Bilder, die wir in den letzten sieben Jahren zur graeco-islamischen Medizin vor allem in Südasien gesammelt haben oder die in dieser Tradition besondere Bedeutung haben. Natürlich gehört zu den wichtigen Texten auch der berühmte „Kanon der Medizin“ des Ibn Sînâ.

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Deshalb haben wir entschieden, daß ich eine Anekdote über Ibn Sînâs erstaunliches Wirken als Arzt aus einem persischen Werk ins Deutsche übersetzen werde und wir diese Übersetzng auf Handzetteln zum Mitnehmen auslegen. Am liebsten würde ich Ihnen diese Anekdote jetzt gleich erzählen, doch das spare ich mir bis nach der Ausstellung auf. Falls Sie zwischen dem 27. März und dem 30. April nach Bochum kommen, sollten Sie sich unsere Ausstellung nämlich unbedingt ansehen.

Also beschränke ich mich heute auf Hintergrundwissen zu Ibn Sînâ. Das läßt sich in einer Ausstellung nur in Ansätzen vermitteln, in einem Blogbeitrag aber ganz gut. 😉

Die Anfänge

Zunächst einmal war Ibn Sînâ nicht nur der Verfasser einer wirkmächtigen medizinischen Enzyklopädie, sondern er publizierte zu einer langen Liste von Wissenschaften. In der Übersicht über den Avicenna-Artikel der Encyclopaedia Iranica sind Logik, Metaphysik, Mystik, Psychologie, „praktische Wissenschaften“ (zu denen Ethik, Ökonomik und Politik zählen), Mathematik und Naturwissenschaften (darunter Astronomie, Astrologie, Alchemie und Optik), Musik, Medizin und Biologie angegeben. Daneben war er auch regelmäßig in hohen Positionen in der Verwaltung verschiedener Herrscher tätig – ein Betätigungsfeld, das er gewissermaßen von seinem Vater „geerbt“ hatte.

Dieser war nämlich ein Verwaltungsangestellter der Sâmânidendynastie und zog nach Ibn Sînâs Geburt mit seiner Familie in die Hauptstadt Bochârâ, die wie üblich nicht nur Künstler, sondern auch Gelehrte anzog. Sein Sohn Abû ‚Alî Hoseyn (arabisch: Husain), der später als Ibn Sînâ bekannt werden sollte, erhielt daher eine ausgezeichnete Ausbildung. Üblicherweise wird Ibn Sînâs Geburtsjahr mit ca. 980 angegeben, doch Dimitri Gutas weist im Biographie-Teil des Iranica-Artikels darauf hin, daß es Gründe gibt, an diesem Geburtsjahr zu zweifeln. Er ist der Auffassung, daß Ibn Sînâ sehr wahrscheinlich einige Jahre älter war. Sein Geburtsort Afschana, ein Dorf in der Nähe von Bochârâ, scheint aber nicht zweifelhaft zu sein.

Um 996 oder 997 trat Ibn Sînâ bereits als Arzt in den Dienst des damaligen Sâmânidenherschers, also mit kaum siebzehn Jahren, wenn das Geburtsjahr 980 korrekt sein sollte. Doch selbst wenn er schon ein paar Jahre älter war, ist das immer noch ein früher Karrierebeginn, zumal ihm bald darauf auch ein Verwaltungsposten übertragen wurde. Einige Jahre nach seiner Aufnahme in den Dienst der Sâmâniden starb nämlich sein Vater, und es gibt Grund zu der Vermutung, daß er ihm in seinem Amt nachfolgte.

Das Wanderleben beginnt

Irgendwann vor dem Jahr 1009 verließ Ibn Sînâ jedoch Bochârâ und wanderte nach Gorgândsch ab. Das war die Hauptstadt von Chvârazm. Daß dies vor 1009 geschah, wissen wir, weil der Chvârazm-Schâh, also der Herrscher von Chvârazm, in dessen Dienst er nun trat, bis zu diesem Jahr an der Macht war. In seiner Autobiographie sagt Ibn Sînâ allerdings, daß ihn „die Notwendigkeit“ dorthin führte. Und das legt die Vermutung nahe, daß er in Bochârâ Schwierigkeiten bekommen hatte. Diese standen sehr wahrscheinlich mit dem Sturz der Sâmâniden und der Einnahme Bochârâs durch die Qarâchâniden im Jahr 999 in Verbindung – immerhin stand Ibn Sînâ im Dienst der Sâmâniden. Deshalb nimmt man an, daß er Bochârâ in diesem Jahr verlassen hat.

Und ja, Sie haben richtig gelesen: Wir haben tatsächlich eine Autobiographie von Ibn Sînâ, die sich hauptsächlich über seine Jugendjahre erstreckt. Sie wird ergänzt von einer Biographie des Dschûzdschânî, eines vertrauten Schülers von Ibn Sînâ. Zwar liegt das Original nicht vor, wohl aber eine edierte spätere Rezension. Zwar ist das für diese Zeit eine außergwöhnlich reichhaltige Quellenlage für die Biographie eines Gelehrten ist – insbesondere wenn man das weitere erhaltene Material berücksichtigt. Doch gerade diese Materialfülle hat kurioserweise dazu geführt, daß sich mindestens bis zur Abfassung des Iranica-Artikels 1987 niemand ernsthaft und vor allem kritisch mit Ibn Sînâs Biographie auseinander gesetzt hat. Dabei wäre das angesichts der vielen Anekdoten und des stilisierenden Charakters der Autobiographie längst erforderlich gewesen. Stattdessen haben sich Romanschriftsteller des Themas angenommen (namentlich Gilbert Sinoué in „Die Straße nach Isfahan“).

Doch zurück zu Ibn Sînâs Wanderleben! Am Hof des Chvârazm-Schâh hielt es ihn nämlich nicht lange. Im Jahr 1012 brach er aus Gorgândsch wiederum „aus Notwendigkeit“ auf und wandte sich dieses Mal nach Gorgân am Kaspischen Meer. Als er 1013 dort ankam, war der lokale Herrscher Qâbûs ibn Voschmgîr gerade gestorben. Doch Ibn Sînâ konnte zumindest bis 1014 wohl im Dienst des neuen Herrschers in Gorgân bleiben, wo er auch seinen schon erwähnten Schüler Dschûzdschânî traf. Dieser begleitete ihn dann auf seinen weiteren Reisen.

Die Geschichte mit Mahmûd von Ghazna

Über die „Notwendigkeit“, die Ibn Sînâ aus Chvârazm wegtrieb, läßt sich anscheinend aus verläßlichen Quellen keine Information gewinnen. Eine ausführliche Anekdote in einem persischen Werk des 12. Jahrhunderts gibt dagegen einen Grund dafür an.

Demnach war der Ghaznavidenherrscher Mahmûd auf den Gedanken gekommen, seinem Hof durch berühmte Gelehrte weiteren Glanz zu verleihen. Deshalb schickte er dem Chvârazm-Schâh einen Boten mit der Aufforderung, die illustren Gelehrten seines Hofes an Mahmûd abzutreten. Daraufhin gab der Chvârazm-Schâh, der sich Mahmûds Forderung nicht entziehen konnte, „seinen“ Gelehrten unauffällig die Gelegenheit zur Flucht. Ibn Sînâ gefiel offenbar die Vorstellung nicht, als „Sammlerstück“ an Mahmûds Hof zu enden, und so nahm er die Gelegenheit wahr und Reißaus. Nur leider hatte es Mahmûd ganz besonders auf Ibn Sînâ abgesehen. Da der ihm nun durch die Lappen gegangen war und ein Mahmûd von Ghazna sich nicht einfach mit einer solchen Niederlage abfinden konnte, ließ er von seinen Malern regelrechte Steckbriefe anfertigen und sie an die anderen Herrscher schicken, um den Gelehrten doch noch zu fassen zu bekommen. Gelingen sollte ihm das aber nie.

Diese Anekdote hat nur den kleinen Schönheitsfehler, daß sie berichtet, Ibn Sînâ sei in Gorgân zu Qâbûs ibn Voschmgîr gerufen worden – und dieser war, wie wir eben erfahren haben, bei Ibn Sînâs Eintreffen in Gorgân in Wirklichkeit schon tot. Trotzdem ist es auffällig, daß Ibn Sînâ bei seiner Tour von einem Hof zum nächsten ausgerechnet den der Ghaznaviden vermieden hat. Angesichts seines weiteren Lebensweges kann man sich allerdings fragen, ob es eine so kluge Entscheidung war, auf ein sicheres Auskommen am Hof der Ghaznaviden zu verzichten. Sein Kollege Bîrûnî (973-1048) jedenfalls scheint damit nicht schlecht gefahren zu sein.

Weiter geht die Wanderung…

Was immer seine Gründe dafür gewesen sein mögen, die Ghaznaviden zu meiden, die restlichen Herrscher seiner Zeit konnten sich jedenfalls nicht darüber beklagen, daß Ibn Sînâ sich an ihren Höfen nicht gezeigt hätte. Nach Gorgân war seine nächste Station Rey, wo er den dortigen Bûyidenherrscher behandelte. Dort blieb er, bis 1015 der Bruder des Herrschers die Stadt angriff, dann zog er weiter nach Qazvîn und schließlich nach Hamadân. Dort trat er nicht nur als Arzt, sondern dieses Mal auch als Wesir in den Dienst des lokalen Herrschers und wurde fast seßhaft.

Erst im Jahr 1021 kam wieder Unruhe in sein Leben: Der Herrscher von Hamadân starb, und dessen Nachfolger bot Ibn Sînâ erneut das Wesirsamt an. Doch dieses Mal wollte Ibn Sînâ die Ehre nicht annehmen, sondern tauchte lieber unter und begann heimlich mit dem Kâkûyidenherrscher ‚Alâ‘ od-Doule in Esfahân über die Möglichkeit einer Flucht aus Hamadân zu korrespondieren. Sie kennen diesen Herrscher schon aus der Anekdote in diesem Beitrag.

Wegen dieser Korrespondenz kamen der Herrscher von Hamadân und dessen Wesir zu dem Schluß, daß Ibn Sînâ als Verräter zu betrachten sei. Daher ließen sie ihn festnehmen und steckten ihn in Festungshaft. Erst als ‚Alâ‘ od-Doule 1023 Hamadân einnahm, wurde Ibn Sînâ befreit. Noch immer wollte er aber keinen weiteren Verwaltungsposten in Hamadân annehmen.

…und findet doch ein Ende

Schließlich zog Ibn Sînâ im Jahr 1024 nach Esfahân, wo er in Ehren aufgenommen wurde und endlich zur Ruhe kam. Im Dienst des ‚Alâ‘ od-Doule nahm er auch an dessen Kriegszügen und Reisen teil und starb bei einer solchen Gelegenheit im Jahr 1037 auf dem Weg nach Hamadân an Koliken. Auch über diesen Tod ist übrigens manches spekuliert worden.

Ibn Sînâs Grab kann man bis heute in Hamadân besuchen, wohin mich meine letzte Iranreise trotz bester Absichten leider nicht geführt hat. Mehr als das Grabmal haben jedoch Ibn Sînâs Schriften dafür gesorgt, daß sein Andenken in Ost und West bis heute bewahrt geblieben ist. Seine philosophischen Werke wurden unter Muslimen über Jahrhunderte hinweg breit rezipiert, und vor allem im Osten (Irak, Iran, Indien) war auch sein „Kanon der Medizin“ beliebt und verbreitet. Dasselbe gilt für die lateinischen Versionen des Werkes („Canon medicinae“) im Europa des Mittelalters und bis weit hinein in die Neuzeit.

Mehr zu Ibn Sînâ finden Sie in Teil 2 der Miniserie.

Quellen und Literatur

Dimitri Gutas, “Avicenna ii. Biography,” Encyclopaedia Iranica, III/1, pp. 67-70 (Publikationsdatum: 15. Dezember 1987); upgedatete Version online unter http://www.iranicaonline.org/articles/avicenna-ii (letztes Update: 17. August 2011; zuletzt aufgerufen am 08.02.2015).

Zu weiteren Teilen des Avicenna-Artikels in der Encyclopaedia Iranica siehe die Verlinkungen im Beitrag.

an-Nezâmî al-‚Arûzî as-Samarqandî, Ahmad b. ‚Omar b. ‚Alî: Tschahâr Maqâle. Mit Einleitung, Anmerkungen und Indices hrsg. v. Mîrzâ Mohammad b. ‚Abdolvahhâb-e Qazvînî. Leiden: Brill/London: Luzac, 1910. S. 77-79.

Edward G. Browne: Revised Translation of The Chahár Maqála („Four Discourses“) of Nizámí-i-‚Arúdí of Samarqand. Followed by an abridged translation of Mírzá Muhammad’s notes to the Persian text. London: Cambridge University Press/Luzac, 1921. S. 86-89.

Iran September-Oktober 2014: Tourismus in Esfahan

Wie Sie schon der Überschrift entnehmen können, kehren wir heute noch einmal nach Esfahan zurück. Ich habe mein „Pulver“ von der letzten Reise nämlich immer noch nicht ganz „verschossen“. Außerdem möchte ich Sie unbedingt an ein paar Perspektiven teilhaben lassen, die man wahrscheinlich nicht in jedem Reiseführer zu sehen bekommt. Zum Beispiel ‚Âlî Qâpû bei Nacht von einem kleinen Park neben dem großen Platz aus:

Im Hintergrund  'Âlî Qâpû (die "Hohe Pforte") aus dem 16. Jh.

Im Hintergrund ‚Âlî Qâpû (die „Hohe Pforte“) aus dem 16. Jh.

Das niedrigere Gebäude vorn mit dem grellen Scheinwerfer sind übrigens die kostenlosen Toiletten, die zwischen 2012 und 2014 erneuert worden sind. Optisch sind sie jetzt schöner, aber der Geruch ließ zumindest bei meinem letzten Besuch sehr zu wünschen übrig.

Auch auf die große Moschee, deren Kuppel fast nie frei von Gerüsten ist, kann man nicht nur von vorne schauen, sondern auch aus den alten Gassen hinter dem Meydân:

Gasse hinter der großen Moschee

Gasse hinter der großen Moschee

Hinter dem Meydân hat man vor einigen Jahren auch eine ganze Reihe eng stehender Häuser abgerissen, um Raum für einen großen, gepflasterten Platz zu schaffen, wie er dort vielleicht ursprünglich einmal angelegt war:

Freier Platz hinter dem Meydân aus verschiedenen Perspektiven

Freier Platz hinter dem Meydân aus verschiedenen Perspektiven

Meydân aus verschiedenen Perspektiven

Freier Platz hinter dem Meydân aus verschiedenen Perspektiven

Meydân aus verschiedenen Perspektiven

Freier Platz hinter dem Meydân aus verschiedenen Perspektiven

Mir persönlich gefallen ja die alten Gassen besser, durch die man wieder zurück zu den Hauptverkehrsstraßen Esfahans wandern kann.

Eine der Gassen

Eine der alten Gassen

Eingang zu einem ehemaligen Hammâm

Eingang zu einem ehemaligen Hammâm

Man muß lediglich ein bißchen aufpassen, wenn man Motorgeräusche hört und die allgegenwärtigen Motorroller – manchmal sind es auch richtige Motorräder – oder sogar Autos durch die Gassen fahren. Denn viel Platz zum Ausweichen hat man besonders bei Autos nicht, vor allem, wenn sie um die Ecke kommen.

Dafür ist zumindest der Meydân mittlerweile komplett für den Verkehr gesperrt. In den siebziger Jahren verliefen noch rund um den Platz zwischen den Bazar-Arkaden und den Wasserbecken Straßen. Und noch bei meiner vorletzten Reise im Jahr 2012 fuhren Autos und Busse quer über den unteren (nördlichen) Teil des Platzes – vor dem Eingang zum Bazar. Mittlerweile ist aber auch dieser Bereich gesperrt, und man hat sogar rund um den Platz alle Zugänge so abgesperrt, daß selbst die Motorroller nicht mehr so ohne weiteres durchkommen.

Seit kurzem für den Verkehr gesperrter Teil des Meydân - man sieht noch die Fahrbahnmarkierungen

Seit kurzem für den Verkehr gesperrter Teil des Meydân

Eingangstor zum Bazar

Eingangstor zum Bazar – auch hier sieht man noch die Fahrbahnmarkierungen

Blick von der Bazarseite über den Meydân

Blick von Norden über den Meydân

Mittlerweile ist der Meydân also eine der Inseln wohltuender Ruhe vom sonst allgegenwärtigen Straßenverkehr und hat damit eindeutig an Erholungswert gewonnen. Allerdings sind die neuen Absperrungen an allen Zugängen nicht nur ein Hindernis für Motorroller, sondern auch für Rollstuhlfahrer. Auf dieser Reise habe ich zum ersten Mal eine ganze Reihe von ihnen auf der Straße gesehen, und eine Rollstuhlfahrerin ist sogar zufällig auf einem meiner Bilder gelandet.

Am Bazar-Eingang sieht man eine zufällig mit aufgenommene Rollstuhlfahrerin

Am Bazar-Eingang sieht man eine zufällig mit aufgenommene Rollstuhlfahrerin

Aber auch bei den Touristen in Esfahan gab es seit meinem letzten Besuch Veränderungen. In den Notizen von 2012, die ich zufällig wieder gefunden habe, hatte ich vermerkt, daß im September noch kaum Touristen zu sehen waren und im Oktober auch nur wenige – die meisten davon Koreaner. Ansonsten waren vor allem ab und zu einmal Individualreisende oder vereinzelte Reisegruppen zu sehen.

Dieses Mal dagegen fand ich die große Anzahl an Touristen, denen wir begegnet sind, sehr auffällig. Wie ich hörte, gab es bereits im Herbst 2013 deutlich mehr Touristen als zuvor, doch mittlerweile trifft man auf Schritt und Tritt ganze Gruppen von ihnen, darunter jetzt auch viele Europäer. Den Gesprächsfetzen nach, die ich aufschnappen konnte, handelte es sich um Engländer, Franzosen oder Belgier und Deutsche.

Im Garten des großen ‚Abbâsî-Hotels in Esfahan sind vorne im Bild ein paar deutschsprachige Touristen zu sehen. Auf die Entfernung konnte ich aber nicht hören, ob es Deutsche oder Österreicher waren.

Deutschsprachige Touristen im Garten des 'Abbâsî-Hotels

Deutschsprachige Touristen im Garten des ‚Abbâsî-Hotels

Auch wenn man nicht in dem Hotel wohnt, lohnt es sich, einmal auf einen Tee oder ein Abendessen dorthin zu gehen. Im Garten im Innenhof werden Getränke, Kuchen und Suppe serviert, und ich fand den Kuchen sehr lecker, obwohl ich eigentlich kein Kuchenesser bin.

Kuchen im Hotel

Kuchen im Hotel

Für Touristen ist der Eintritt ins Hotel kostenlos, während Iraner einen Eintrittspreis bezahlen müssen. So ist das in Iran: Die Sehenswürdigkeiten dürfen sie sich für einen deutlich niedrigeren Preis ansehen als ausländische Touristen, weil es sich ja um ihr eigenes kulturelles Erbe handelt, aber das größte Hotel am Ort dürfen sie nur mit einer Eintrittskarte betreten.

Kellner in qâdschârischer Tracht

Kellner in qâdschârischer Tracht

Leider habe ich den hier vorbeihuschenden Kellner in qâdschârenzeitlicher Tracht nur auf diesem Schnappschuß festgehalten. Er hatte auch einen sehr passenden Schnurrbart und sah aus, als wäre er einem Bild aus dem 19. Jahrhundert entsprungen. Das Hotel ist wirklich einen Besuch wert, schon wegen der Atmosphäre im Garten. Und hier nochmal ein Ausschnitt des Gartens ohne Kellner im Bild:

Garten des 'Abbâsî-Hotels

Garten des ‚Abbâsî-Hotels

Im Hintergrund sieht man weitere europäische Touristen, wie in diesem Hotel nicht anders zu erwarten.

Wer tagsüber am Meydân einen Tee oder Kaffee in einer lauschigen Ecke trinken möchte, findet aber auch das eine oder andere schöne Plätzchen. Wir haben uns diesen Innenhof mit Restaurants und Läden auf der östlichen Seite des Platzes (links bei Blickrichtung auf die große Moschee) angeschaut. Anscheinend kann man dort guten Kaffee bekommen.

Begrünter Innenhof

Begrünter Innenhof

Restaurant links oben

Restaurant links oben

Ein weiteres Restaurant, wenn man nach rechts in eine kleine Sackgasse einbiegt

Ein traditionelles Restaurant (sofre-châne-ye sonnatî) in einer Sackgasse rechts vom Innenhof

Solche traditionellennRestaurants gibt es rund um den Meydân an mehreren Stellen. Da wir aber weder Kaffeetrinker sind noch Hunger hatten, wenn wir am Meydân waren, haben wir es vorgezogen, uns ein schönes Plätzchen mit Panoramablick über den Platz zu suchen und fâlûde zu essen. Das sind dünne Nudeln, die gefroren und mit Zitronensaft serviert werden.

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Fâlûde

Es mag unspektakulär aussehen, aber ich kann von fâlûde gar nicht genug bekommen, seit ich es vor ein paar Jahren für mich entdeckt habe. Wer es etwas raffinierter haben will, der kann sich aber auch ein machlût bestellen, eine Mischung aus fâlûde und dem speziellen iranischen Safran-Eis.

Machlût - Fâlûde mit iranischem Eis

Machlût – Fâlûde mit Eis

Die Qualität ist je nach Laden aber durchaus unterschiedlich. Am Meydân gibt es vielleicht nicht das beste fâlûde von Esfahan, aber das hier war der Laden mit der besten Qualität, die wir dort gefunden haben:

Fâlûde- und Eisverkäufer an der Westseite des Meydân

Fâlûde- und Eisverkäufer an der Westseite des Meydân

Der Verkäufer hat sogar darauf geachtet, daß die Kunden die Reihenfolge in der Reihe einhielten, und trotz lauter Proteste niemanden bedient, der sich erkennbar vorgedrängelt hatte. Das hat der ordnungsliebenden Deutschen natürlich gefallen. 🙂

Zum guten Schluß noch eine „Tourismus“-Anekdote: An einem Tag schauten wir uns die Teppiche im Schaufenster eines Teppichhändlers in den Arkaden des Meydân an. Ein Verkäufer entdeckte uns fast sofort und kam heraus, um uns in den Laden zu locken. Wir taten so, als verstünden wir kein Persisch, und ließen uns auf englisch die Preise für ein, zwei Teppiche nennen. Natürlich bekamen wir die Auskunft in Dollar und Euro und erst auf hartnäckige Nachfrage in Tûman (das ist die inoffizielle Währung, mit der im täglichen Leben gerechnet wird: 1 Tûmân = 10 Riyâl). Wie direkt am Meydân nicht anders zu erwarten waren die Preise saftig.

Doch der Verkäufer verlor sofort das Interesse an uns, als eine Gruppe Touristen mit ihrer einheimischen Reiseleiterin den Laden betrat. Mit einer lahmen Ausrede komplimentierte er uns aus dem Laden, nicht ohne uns seine Karte aufzunötigen und uns einen späteren Besuch zu empfehlen. Dann wurden die Türen des Ladens hinter der Touristengruppe geschlossen. Sie waren einfach eine fettere Beute als wir, und es war offensichtlich, daß die Reiseleiterin einen Deal mit dem Teppichhändler hatte.

Karte eines Teppichhändlers am Meydân

Karte eines Teppichhändlers am Meydân

Daher ist mein Ratschlag, wenn Sie in Iran einen Teppich kaufen wollen und sich nicht selbst sehr gut damit auskennen: Kaufen Sie bloß nicht in einem Laden dicht bei den Sehenswürdigkeiten, nur weil der Reiseleiter ihn vielleicht empfohlen hat! Wenn Sie ohnehin vorhatten, einen Perserteppich zu kaufen, und die Alternative ein Kauf in Deutschland wäre, dann kommen Sie vielleicht mit einem in Iran gekauften Teppich (je nach Größe zuzüglich Zoll und Lagergebühr am Flughafen) billiger weg oder zahlen zumindest nicht mehr. Wenn ein Andenken es Ihnen wert ist, können Sie das natürlich tun, denn schlecht waren die Teppiche nicht.

Aber wenn Sie einen schönen und robusten Teppich haben wollen, der auch nicht gleich kaputt geht, wenn man Möbel darauf stellt, dann bekommen Sie ihn tiefer im Bazar bei den dortigen Teppichhändlern sehr viel günstiger. Allerdings sollten Sie persisch sprechen oder jemanden zum Dolmetschen dabei haben. Meine Empfehlung ist dieser Teppichhändler, bei dem wir auch selbst schon eingekauft haben und der Sie nicht übers Ohr hauen wird – und nein: ich bekomme keine Gewinnbeteiligung. 😉

Teppichhändler Mahmûdiyân im Bazar - Bachtiyârî-Teppiche

Teppichhändler Mahmûdiyân im Bazar – Bachtiyârî-Teppiche

Alternativ können Sie sich auch von einheimischen Freunden beraten lassen, wenn Sie sicher sind, daß sich diese gut mit Teppichen auskennen. Das tun aber ganz und gar nicht alle Iraner, so wenig wie alle Schwarzwälder eine Ahnung von Kuckucksuhren haben.

Damit nähert sich auch meine Reiseserie ihrem Ende. Eine Folge mit verschiedenen Eindrücken erwartet Sie aber noch, denn ich habe ein paar schöne Fotos für den Abschluß aufgehoben. 🙂

Wesir der Seldschuken: Der Mord an Nezâm ol-Molk

Zur achten Folge geht es hier.

In der letzten Folge haben wir gesehen, wie sich die Konflikte zwischen Malek-Schâh und dem Nezâm immer dramatischer zuspitzten und der Wesir auch sonst in Bedrängnis geriet. Rings um ihn rotteten sich Feinde zusammen oder warteten auf eine Gelegenheit, sich seiner zu entledigen. Die Sultansgattin Torkân Châtûn nahm ihm seine Position in der Thronfolgeregelung übel, ihr Günstling Tâdsch ol-Molk wollte ihm im Amt nachfolgen und versuchte ihn durch Intrigen kaltzustellen, und die Ismailiten hatten ohnehin allen Grund, ihn als Todfeind zu betrachten.

Der Nezâm will zurücktreten

In dieser Situation und in Anbetracht seines hohen Alters von um die siebzig Jahren scheint der Nezâm denn auch an Rücktritt gedacht zu haben. Das berichtet zumindest eine der deutlich späteren persischen Quellen. Demnach soll der Sultan dem Ansinnen des Nezâm, sich auf die Pilgerfahrt nach Mekka zu begeben und zugleich aus dem Amt auszuscheiden, zwar zugestimmt haben. Der Wesir sei aber durch die schriftliche Botschaft eines Derwischs wieder von seinem Vorhaben abgekommen. Dieser Derwisch hatte einen Traum vom Propheten gehabt, der ihn aufgefordert hatte, den Wesir zu ermahnen, die ihm zugedachte Aufgabe zu erfüllen und sich am Hofe des Sultans für die Anliegen des Volkes und dessen rechte Behandlung einzusetzen. Anscheinend ist aber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Teheran die Abschrift zweier seldschukenzeitlicher Urkunden aufgetaucht: eines Rücktrittsgesuches des Nezâm mit der Bitte um Erlaubnis, die Pilgerfahrt nach Mekka durchführen zu dürfen, und eine eher abschlägige Antwort des Sultans.

Also wollte der Sultan den Wesir wohl nicht offiziell entlassen. Daß der Nezâm aber bis zum Ende noch nennenswerten Einfluß am Hoflager des Sultans hatte, ist mehrfach bezweifelt worden. In jedem Fall scheint er aber noch ein ernstzunehmendes Hindernis für einen hochfliegenden Plan des ehrgeizigen Sultanspaares Malek-Schâh und Torkân Châtûn gewesen zu sein.

Versuch eines seldschukischen Kalifats

Obwohl die Seldschuken offiziell das Kalifat der Abbasiden in Bagdad unterstützten, waren die Beziehungen nicht konfliktfrei. Malek-Schâh hatte sich daher eine originelle Lösung einfallen lassen, die vielleicht auch seine Gemahlin darüber hinwegtrösten sollte, daß er ihren Sohn nicht zum Nachfolger machen wollte. Doch bei dem unerhörten Vorhaben war mit dem Widerstand des Nezâm zu rechnen.

Die Lösung des Sultans bestand nämlich in einer Verschmelzung des seldschukischen mit dem abbasidischen Hause: Ende der 1080er Jahre hatte Malek-Schâh seine Tochter Mah-(e) Malek mit dem Kalifen verheiratet. Diese Tochter stammte von Torkân Châtûn und gebar dem Kalifen recht zügig einen Sohn, der den Namen Dscha’far erhielt. Doch schon 1089 kehrte sie nach nur zwei Ehejahren mit ihrem Sohn an den Hof ihrer Eltern zurück, nachdem sie sich bitter über die Vernachlässigung durch den Kalifen beklagt hatte. Im Jahr 1090 starb die unglückliche Sultanstochter.

Nun entwickelten Malek-Schâh und Torkân Châtûn offenbar den Plan, den unliebsamen Kalifen durch ihren kleinen Enkel Dscha’far zu ersetzen. In jedem Fall ließ Malek-Schâh in Bagdad Gebäude errichten, die anzeigten, daß er hier in Zukunft seine Winterresidenz einzurichten gedachte, und er und die Châtûn sollen ihren Enkel bereits mit dem Titel „Befehlshaber der Gläubigen“ (amîr al-mu’minîn) angeredet haben. Als Malek-Schâh schließlich im Herbst 1092 zum zweiten und letzten Mal nach Bagdad einzog, befahl er dem Kalifen, umgehend die Stadt zu verlassen. Anscheinend konnte der Kalif nur mit Mühe einige Tage Frist erwirken. Doch das war bereits nach dem Tod des Nezâm und eilt den Ereignissen ein wenig voraus, zeigt aber die Absichten des Sultans mit aller wünschenswerten Deutlichkeit.

Zwei folgenreiche Todesfälle

Doch schauen wir uns erst die Ereignisse des Jahres 1092 und ihre unmittelbaren Folgen an. Was geschah in diesem schicksalsträchtigen Jahr? Kurz gesagt: Zwei folgenreiche Todesfälle, darunter mindestens ein Mord.

Malek-Schâh war im Oktober 1092 mit seinem Hof unterwegs von Esfahan nach Bagdad. Es war gerade Ramadan, und der Nezâm war mit von der Partie, obwohl er eben erst von einer schweren Krankheit genesen war. Deshalb mußte er sich in einer Sänfte tragen lassen. Immerhin hatte er – je nach tatsächlichem Geburtsjahr – bereits sein zweiundsiebzigstes oder gar vierundsiebzigstes Lebensjahr erreicht.  Am 14. Oktober 1092 rastete der Hof in der Nähe von Nahâvand, und der Nezâm ließ sich nach dem Fastenbrechen zu seinem Zelt zurücktragen. Da trat ein junger Bittsteller auf ihn zu, der anscheinend der Kleidung nach aus der Region Dailam stammte. Doch statt dem Wesir, wie dieser erwartete, eine Bittschrift in die Hand zu legen, stach er mit einem Dolch auf ihn ein.

Auf der Flucht stürzte der Attentäter über Zeltschnüre, so daß ihn die Garde des Nezâm einholen konnte. Er wurde sofort niedergemacht. Zwar hatte der schwer verwundete Wesir gleich einen Boten losgeschickt, um genau das zu verhindern, doch der Bote kam zu spät. So war kein Verhör mehr möglich. Im Heerlager war derweil ein Aufruhr losgebrochen, und der Sultan mußte persönlich aufs Pferd steigen, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Am folgenden Tag starb der Nezâm an seiner Verletzung, und seine Leiche wurde nach Esfahan gebracht und dort bestattet.

Vierzehn Tage später zog Malek-Schâh in Bagdad ein und teilte dem Kalifen mit, daß er die Stadt schleunigst zu verlassen habe. Am 6. November ritt der Sultan dann auf die Jagd und kehrte kurz darauf mit Fieber zurück, woraufhin er am 19. November im Alter von etwa siebenunddreißig Jahren. Torkân Châtûn verbarg jedoch sein Ableben und zog sich mitsamt dem Leichnam eiligst nach Esfahan zurück.

Chaotische Entwicklungen

Nachdem die Gemahlin des Sultans ihren Enkel Dscha’far an seinen Vater, den Kalifen, zurückgegeben hatte, war dieser bereit, ihren kleinen Sohn Mahmûd als Thronfolger des Sultans anzuerkennen. Damit war jedoch des Sultans älterer Sohn Barkyaruq nicht einverstanden. Torkân Châtûn war zwar so umsichtig gewesen, ihn gleich nach dem Tod ihres Gemahls einkerkern zu lassen, doch die Nizâmiyya-Truppe hatte ihn wieder befreit, und so kam es zum Krieg um die Thronfolge.

Tâdsch ol-Molk, den Malek-Schâh nach dem Tode des Nezâm zum Wesir gemacht hatte, wurde nach wenigen Monaten im Februar 1093 von Angehörigen der Nizâmiyya-Truppe des Nezâm im Lager des Barkyaruq gestellt und gegen dessen Willen von ihnen in Stücke gehauen – im wörtlichen Sinne, wie es scheint. Die Nizâmiyya hielt ihn für mitschuldig am Tode ihres Herrn.

Torkân Châtûn dagegen ist im Jahr 1094 in Esfahan angeblich eines natürlichen Todes gestorben. Ihr Söhnchen, der kleine Sultan Mahmûd, starb noch im selben Jahr an den Pocken, und auch der Kalif sollte das Jahr 1094 nicht überleben. Nun war Barkyaruq zwar Sultan, doch keineswegs unangefochten. Ruhiger wurde es daher erst wieder, als 1105 schließlich Barkyaruqs Halbbruder Mohammad den Thron bestieg. In Chorâsân herrschte allerdings schon seit 1097 Sandschar, ein weiterer Bruder, formal als Statthalter des Sultans.

Wie Sie sehen, waren die Jahre 1092 bis 1094 gespickt mit prominenten Todesfällen. Doch wir wollen uns nicht mit den Wirren nach Malek-Schâhs Tod aufhalten, sondern den Mord an Nezâm ol-Molk genauer unter die Lupe nehmen.

Auf der Suche nach den Anstiftern

Genau das haben nämlich bereits die Verfasser unserer frühesten Quellen getan, und den dort ausgesprochenen Beschuldigungen sind auch moderne Forscher nachgegangen. Dabei ist lediglich kaum umstritten, daß der Mörder mit großer Wahrscheinlichkeit ein Ismailit in den Diensten des Hasan-e Sabbah war, also ein Assassine. Eigentlich sollte man meinen, daß dies den Mord schon zufriedenstellend erklären müßte. Schließlich kann man sich leicht vorstellen, daß Hasan-e Sabbah es nicht eben schätzte, von seldschukischen Heeren belagert zu werden, und den Nezâm für einen wichtigen Stabilitätsfaktor in der seldschukischen Regierung hielt.

Doch die Autoren unseres Quellen – wie gesagt: auch schon der frühen – sahen das augenscheinlich anders. Sie äußern mehr oder weniger vorsichtig die Ansicht, der Sultan sei mit diesem Mord einverstanden gewesen. Doch damit nicht genug: Auch die Sultansgemahlin und ihr Günstling Tâdsch ol-Molk hatten „Motive“ für die Anstiftung des Mordes. Bei Tâdsch ol-Molk ist überdies nicht klar, ob er nicht heimliche Kontakte zu den Ismailiten unterhielt, und immerhin waren die Mitglieder der Nizâmiyya-Truppe so überzeugt von seiner Mitschuld, daß sie ihn kurzerhand lynchten.

Daher hat sich schon in den Quellen eine Art „große Verschwörungstheorie“ entwickelt, die darauf hinausläuft, daß sich die Gegner des Nezâm darauf verständigt hatten, ihn ein für alle Mal aus dem Wege zu räumen. Demnach hätte Torkân Châtûn mit dem Einverständnis des Sultans den Tâdsch ol-Molk angewiesen, sich mit den Ismailiten zwecks Ermordung des Nezâm in Verbindung zu setzen.

Aufklärungsversuche moderner Forscher

Martinus Theodorus (oder Martijn Theodoor) Houtsma hat diese Theorie schon 1924 in einem Aufsatz diskutiert – wenn auch nicht sehr zufriedenstellend. Im Kern läuft seine Argumentation mit vielen Schleifen und wenig überzeugenden Argumenten auf die psychologisierende Feststellung hinaus, daß weder der Sultan noch Tâdsch ol-Molk zu so einem gemeinen und brutalen Akt fähig gewesen wären. Demnach wäre der Nezâm einfach nur das erste prominente Opfer der Assassinen gewesen. Also eine „ganz kleine“ Lösung des Problems. Interessanterweise bringt Houtsma jedoch gleich zwei neue Mordgeschichten in Umlauf: Der Sultan sei von Anhängern des Kalifen vergiftet worden, und zwar mit Zustimmung seiner Gemahlin Torkân Châtûn, die nach wie vor ihren Sohn als Thronfolger sehen wollte, und der Kalif sei aufgrund dessen ebenfalls ermordet worden.

Nun ist die „offizielle“ Version der Todesursache Malek-Schâhs – Fieber nach übermäßigem Genuß von Wildbret – zwar tatsächlich nicht so recht befriedigend, wenn man den äußerst verdächtigen Zeitpunkt seines Ablebens berücksichtigt. Kam sein Tod doch gerade rechtzeitig, um die seldschukische Bedrohung vom Kalifen abzuwenden. Immerhin stützt sich Houtsma hier auf einen Verdacht, der bereits in Quellenwerken geäußert wurde. Auch ermordete Kalifen sind durchaus nicht ungewöhnlich, und es ist selbstverständlich denkbar, daß niemand außer den Ismailiten für den Mord am Nezâm verantwortlich war. Nur Houtsmas Argumentation ist unzulänglich und oft auch sehr spekulativ.

Schabinger hat Houtsmas Beitrag in seiner Einleitung zum „Buch der Staatskunst“ bereits ausführlich diskutiert (S. 136-144) und auch Houtsmas Zirkelschlüsse dargelegt. Daher möchte ich nur ein Beispiel für das Problem in Houtsmas Argumentation herausgreifen: Er meint, man könne den Sultan schon deshalb von dem Verdacht der Mordanstiftung freisprechen, weil die Nizâmiyya-Garde einen anderen Schuldigen verfolgte, nämlich Tâdsch ol-Molk:

Daß aber der Sultan in seiner Rachsucht fähig gewesen sein soll, sich eines unverschämten Ministers durch den Dolch irgendeines obskuren Mörders zu entledigen, ist kaum vorstellbar. Daher können wir nicht mit den Historikern, orientalischen wie europäischen, übereinstimmen, die den Sultan für diesen widerlichen Mord verantwortlich machen. In dieser Hinsicht ist es bezeichnend, daß die Gefolgsleute des Wesirs das ebenfalls nicht taten, denn wir wissen, daß ihr Verdacht in eine andere Richtung ging. Sie gaben Taj al-Mulk, dem Günstling der Sultana Turkan Khatun und auch des Sultans selbst, die Schuld am Tod ihres Herrn, (…). Die Anschuldigung ist ernst zu nehmen, da sie von Männern stammte, von denen man annehmen kann, daß sie die Wahrheit kannten, doch sie muß trotzdem zurückgewiesen werden. (Houtsma, S. 149)

Mit anderen Worten: Die Nizâmiyya-Truppe wußte wahrscheinlich mehr als wir über die Schuldigen an dem Mord, deshalb unterstützt ihre Anschuldigung gegen Tâdsch ol-Molk die rein spekulative Annahme Houtsmas, daß der Sultan zu einem solchen Mord nicht fähig gewesen wäre (wir erinnern uns, daß er zu dem Mord am ältesten Sohn des Nezâm durchaus fähig war). Das heißt: Wenn die Nizâmiyya-Truppe den Sultan nicht beschuldigte, so war der Sultan auch nicht schuldig. Obwohl sie aber den Tâdsch ol-Molk beschuldigte, war dieser auch nicht schuldig. Und zwar deshalb, weil ein zeitgenössischer Dichter in einem Gedicht gesagt hat, daß er dem Tâdsch ol-Molk so ein Verbrechen nicht zutraue. Mit anderen Worten: Die Ansichten der Nizâmiyya-Truppe sind für die gesamte Argumentation irrelevant, stützen dann aber auch nicht die Unschuld des Sultans. Nun ja. Bilden Sie sich selbst eine Meinung.

Aktenzeichen XY ungelöst

Ob aus Schabingers Kritik an Houtsmas Analyse folgt, daß er selbst die „große Verschwörungstheorie“ befürwortet, wird nicht so ganz deutlich. Zumindest ist Schabinger der Auffassung, daß keines der von Houtsma angeführten Entlastungszeugnisse für den Sultan und Tâdsch ol-Molk überzeugend ist. Wenn Sie mich fragen: Damit hat er recht.

David Durand-Guédy verweist in seinem Iranica-Artikel als jüngster Quelle lediglich auf die Möglichkeit einer Beteiligung des Sultans (mit Quellen- und Literaturverweis) und auf die in der Literatur diskutierten möglichen Mörder des Sultans – das sind der Kalif oder die Anhänger des Nezâm. Zum letzten Mal scheinen die Todesfälle des Jahres 1092 im Jahr 1995 von Carole Hillenbrand diskutiert worden zu sein („1092: A Murderous Year“. In: Fodor Alexander, ed., Proceedings of the 14th Congress of the Union Européenne des Arabisants et Islamisants II. Budapest, 1995, pp. 281-96), allerdings anscheinend ohne nennenswerte neue Erkenntisse. Doch ihr Beitrag liegt mir derzeit nicht vor.

Sicher ist jedenfalls, daß die „große Verschwörungstheorie“, aber auch „kleinere“ Lösungen wie insbesondere die Beteiligung des Sultans an dem Mordkomplott oder zumindest seine schweigende Billigung der Pläne bereits in frühen Quellen überliefert werden. Das macht diese Theorien zumindest weniger verdächtig, als wenn sie in sehr späten Quellen geäußert würden. Damit ist die Richtigkeit der Verdächtigungen aber noch längst nicht bestätigt. Schließlich muß man immer damit rechnen, daß es sich um bloße Gerüchte handelt. Und wenn ein solches Gerücht eine gute Geschichte bietet, ist es nicht auszuschließen, daß die Verfasser der Geschichtswerke mit dem ihnen eigenen Sinn für Dramatik es sich nicht verkneifen konnten, diese Geschichte auch zu erzählen. Doch zu den Eigenarten dieser Geschichtsschreibung erzähle ich Ihnen ein anderes Mal mehr.

Bleibt zum Schluß festzustellen: Ob die Verdächtigungen in den Quellen nun die Wahrheit treffen oder nicht, werden wir wohl nie sicher wissen können. Jedenfalls nicht bei der aktuellen Quellenlage. Das zeigt schon die Tatsache, daß ein gestandener Orientalist wie Houtsma zur Entlastung des Sultans hauptsächlich auf Mutmaßungen und Charaktereinschätzungen zurückgreifen mußte. Damit bleibt es jedem selbst überlassen, sich für einen oder mehrere Schuldige zu entscheiden.

Der Nezâm hat uns also nicht nur ein eigenes Werk und die Spuren seines staatsmännischen Wirkens in der Geschichte hinterlassen, sondern auch noch ein ungelöstes Rätsel um seinen Tod, das die Historiker bis ins 20. Jahrhundert hinein beschäftigt hat. Gibt es ein besseres Vermächtnis? 😉

P.S.:

Haben Sie im Beitragsbild gesehen, was ich endlich wiedergefunden habe? Meine Aufnahme vom Grabmal des Nezâm in Esfahan!

Quellen/Literatur

David Durand-Guédy: “Malekšāh”, Encyclopaedia Iranica, online edition, 2012, abrufbar unter http://www.iranicaonline.org/articles/maleksah (zuletzt aufgerufen am 25.01.2015).

Houtsma, M. Th.: „The Death of Nizam al-Mulk and its Consequences“. Journal of Indian History 3 (1924) 147-160 (inklusive Quellenangaben).

Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen: Das Buch der Staatskunst: Siyâsatnâma. Aus dem Persischen übersetzt und eingeleitet von Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen. Zürich 1987. Einleitung, S. 114f, 121-147 (inklusive Quellenangaben und ausführlichen Quellenzitaten).

Ibn al-‘Adîm, Kamâl ad-Dîn Abû l-Qâsim ‘Umar. Bughyat at-talab fî ta’rîch Halab: At-tarâdschim al-châssa bi-târîch as-Salâdschiqa. Hg. Ali Sevim. Ankara 1976, S. 86-93 (verschiedene ältere Überlieferungen).

Iran September-Oktober 2014: Auf in die Kavîr!

Wie versprochen, „entführe“ ich Sie heute in die Kavîr-Wüste (dascht-e kavîr) und in ein iranisches Dorf. Daher fahren wir auch nicht ins Zentrum der Wüste, sondern in die Randgebiete, in denen es noch Siedlungen gibt. Dort trifft man auch nicht auf die berühmten Sanddünen, wie man sie sonst von Wüstenbildern kennt, sondern auf Stein- oder Geröllwüste mit etwas Vegetation.

Geröllwüste in der Kavir

Geröllwüste in der Kavîr

Dieses Bild habe ich zwischen Nasrâbâd und Schâh-Seyyed-‚Alî – benannt nach dem dortigen Emâmzâde und im Volksmund Schâhzde’alî gesprochen – in der Provinz von Esfahân im Distrikt Biâbânak gemacht. („Biâbânak“ heißt übrigens „kleine Wüste“.) Im Hintergrund kann man sehen, daß die nächste Siedlung nicht weit entfernt ist. Wir sind auch in der Nähe der Straße geblieben. Durch den Wind, der den Straßenlärm in die entgegengesetzte Richtung geblasen hat, war es aber trotzdem sehr ruhig.

Vorher war mir gar nicht klar, daß in der Kavîr auch Weihrauch wächst. So sieht er aus:

Weihrauch

Weihrauch

Aber wir waren nicht nur wegen der Fotos in der Wüste, sondern eigentlich zum Picknick – genauer gesagt: zu einem späten Frühstück. Im klassischen Persisch nennt man das „tschâscht“.

Picknick_1

Zweites Frühstück in der Kavîr

Besonders erstaunlich fand ich, daß es in der Kavîr deutlich kühler ist als in Esfahân. Die Sonne scheint zwar kräftig und wärmt von oben, aber die Luft und damit auch der Wind sind angenehm lau – vor allem, wenn man aus einem aufgeheizten unklimatisierten Auto steigt. Das Gefühl der Luft am Rand der Wüste ist schwer zu beschreiben. Ich hatte das Gefühl, als sei die Luft dort irgendwie weicher als in der Stadt.

Der kleine Ausflug in die Wüste war für mich jedenfalls ein Highlight auf der Reise. Leider hatte ich den Fotoapparat bei den Gastgebern in Mohammadâbâd liegenlassen und deshalb nur mein Smartphone dabei. Darauf sieht man bei Sonnenschein nur leider nicht, was man fotografiert. So kam dann auch dieses Bild zustande, das ich aber gar nicht mal so schlecht gelungen finde:

Handybild von mir in der Kavir

Handybild von mir in der Kavîr

Doch selbst die Wüste ist nicht „geschichtsfrei“, denn wir hatten uns zufällig ganz in der Nähe von einem Qanât-Belüftungsschacht niedergelassen. Qanât – oder persisch Kârîz – nennt man die historischen Bewässerungskanäle, die schon in vorislamischer Zeit jahrhundertelang Wasser aus den Bergen oft kilometerweit zu den Siedlungen und Feldern leiteten. Die Reinigung dieser Kanäle war wegen der Einsturzgefahr nicht ungefährlich – ebenso wie der Aufenthalt am Rand eines Belüftungsloches. Deshalb durfte ich nicht näher heran als so:

Ende eines Bewässerungskanals

Belüftungsloch eines Bewässerungskanals

Nach dem Ausflug in die Wüste kehrten wir zurück nach Mohammadâbâd, das gleich neben Nasrâbâd liegt. Beide gelten mittlerweile als „Stadt“, doch für uns ist ein Ort mit ungefähr 8.000-10.000 Einwohnern doch eher ein Dorf, und deshalb nenne ich den Ort auch so. Immerhin hat dieses Dorf aber zwei Gymnasien vorzuweisen – eins für Jungen und eins für Mädchen. Trotz jetzt verfügbarem Fotoapparat habe ich das Gebäude im Gehen nicht so gut getroffen, aber das ist eines dieser Gymnasien:

Gymnasium von Mohammadâbâd

Gymnasium in Mohammadâbâd

Dafür habe ich jede Menge Fotos von der qâdschârenzeitlichen Festung gemacht, die in Mohammadâbâd ebenfalls noch steht und zum Teil sogar restauriert worden ist.

Festung von Mohammadâbâd

Leider konnten wir an diesem Abend keine Führung mehr bekommen, aber ich habe zumindest durch eine Ritze hineinfotografiert:

Blick in die Festung

Blick in die Festung

Hier sieht man das alte Reichsemblem über dem Festungstor: den Löwen mit dem Schwert in der Pranke vor der Sonne.

Löwe und Sonne

Löwe und Sonne

Wie an Privathäusern gab es auch an der Festungspforte zwei verschiedene Türklopfer für Männer und Frauen – so wußte man drinnen gleich, welches Geschlecht vor der Tür stand. Wenn es ein Mann war, sollte natürlich keine Frau die Tür öffnen, um den Kontakt mit fremden Männern zu vermeiden.

Getrennte Türklopfer für Männer und Frauen

Getrennte Türklopfer für Männer und Frauen

Die Festung ist übrigens ganz schön groß für den kleinen Ort. Ich hoffe, die Bilder vermitteln davon wenigstens eine Ahnung.

Eine weitere Seite der Festung

Eine weitere Seite der Festung

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, daß wir die Festung auf einem Abendspaziergang besichtigt haben. Deshalb kam ich in den Genuß eines Anblicks, den ich so vorher zumindest noch nie bewußt wahrgenommen hatte: ein riesiger gelber Vollmond am Himmel, der so nah wirkte, als könne man ihn anfassen. Leider sieht das auf den Fotos nicht halb so beeindruckend aus wie in Wirklichkeit.

Vollmond über Mohammadâbâd

Vollmond über Mohammadâbâd

Die Infrastruktur in Mohammadâbâd ist übrigens ziemlich gut für ein kleines Dorf am Rande der Wüste wie die vielen Stromleitungen im Bild vielleicht schon verraten.

Obwohl die Bilder nicht an das wirkliche Erlebnis herankommen, möchte ich Ihnen zum Abschluß doch noch ein paar Impressionen von Mohammadâbâd zeigen. Die Ruhe auf so einem Dorf am Rande der Kavîr und besonders die Abendstimmung legen sich wie Balsam auf die Seele und erfüllen mit innerem Frieden – jedenfalls ging es mir so.

Abendimpressionen

Abendimpressionen in Mohammadâbâd

Abendimpressionen

Feierabend

Abendimpressionen

Über den Dächern die Minarette der Moschee

Abendimpressionen

Kinder in der Gasse

Abendimpressionen

Ein halb verfallenes Haus

Abendimpressionen

Und noch einmal der Mond

Nachdem Sie nun Stille und Frieden auf dem Dorf genossen haben, macht es Ihnen sicher nichts aus, auf der nächsten Etappe der Reise wieder in die Stadt zurückzukehren. 🙂

Rück- und Ausblicke zum Jahresbeginn – und noch ’n Witz

Endlich bin ich zurück aus den Weihnachts- und Neujahrsferien und habe auch meine erste – sehr konzentrierte – Arbeitswoche „danach“ hinter mich gebracht! Und damit Sie sehen, daß ich die Pause auch zum Nachdenken genutzt habe, möchte ich Ihnen heute ein paar meiner Überlegungen für das Jahr 2015 vorstellen.

Ursprünglich hatte ich ja vor, im ersten „richtigen“ Blogbeitrag des Jahres gleich mit Ihnen in die Wüste zu fahren. Aber es wäre doch schade gewesen, diese Gelegenheit zum Rück- und Ausblick auf das vergangene und das neu begonnene Jahr ungenutzt vorbeiziehen zu lassen.

Rückblick auf das vergangene Jahr und Dank

Zunächst einmal möchte ich mich herzlich bei meinen treuen Lesern und Kommentatoren für ihr regelmäßiges Engagement im vergangenen Jahr bedanken: Es hat mich sehr motiviert, immer wieder Rückmeldungen zu bekommen, wenn ein Beitrag interessant, lehrreich oder amüsant zu lesen war! 🙂 Solche Hinweise helfen mir auch, die Neigungen meiner Leser besser kennenzulernen, und es ist keineswegs selbstverständlich, daß sich Leser die Zeit zum Kommentieren nehmen. Ganz besonders freue ich mich darüber, von anderen WordPress-Bloggern gelesen zu werden und Kommentare zu bekommen, obwohl ich es in den letzten Monaten kaum einmal geschafft habe, ihre eigenen Blogs zu besuchen oder gar Kommentare zu hinterlassen. Daher: Dankeschön! 🙂

Vermutlich liegt es unter anderem an meinen sehr begrenzten Aktivitäten und den auch sonst kaum vorhandenen Werbemaßnahmen für meinen Blog, daß der Kreis meiner Leser noch recht überschaubar ist. An meinen hochspannenden Themen kann es ja kaum liegen. 😉 Aber im Ernst: Ich schätze vor allem die kleine Gruppe der regelmäßigen Leser sehr – die stillen ebenso wie die kommunikativen. Im zweiten Halbjahr 2014 haben sich die Klicks und die Besucherzahlen auch sehr erfreulich entwickelt. Ob das wohl an meiner Nezâm-ol-Molk-Serie oder an der Reisebericht-Serie lag? Vielleicht starte ich ja demnächst noch einmal eine Umfrage dazu.

Wenn wir schon beim Thema sind: Auch den Teilnehmern an meiner Umfrage zum Thema „Zwischenüberschriften“ danke ich vielmals für ihr Feedback! Das Ergebnis bestätigt bisher meine eigene Wahrnehmung. Vielleicht kann ich in den nächsten Wochen noch ein paar zusätzliche Teilnehmer für die Umfrage gewinnen, damit ich ein breiteres Meinungsbild bekomme.

Selbstverständlich darf ich an dieser Stelle auch meine lieben Kolleginnen und Gastbeiträgerinnen Claudia Preckel und Kira Schmidt Stiedenroth nicht vergessen, die ich im Jahr 2014 für je einen Beitrag gewinnen konnte und die den Blog um die originellen Themen „Hunde im Islam“ und „Zugfahren in Mumbai“ bereichert haben. Vielen Dank Euch beiden! Ich hoffe, wir können diese Zusammenarbeit auch im Jahr 2015 fortsetzen!

Ausblick auf das Jahr 2015

In diesem Jahr geht meine Nezâm-ol-Molk-Serie zu Ende – die letzte Folge erscheint voraussichtlich in zwei Wochen. Das stimmt mich zwar ein bißchen wehmütig, schafft aber auch Raum für neue Themen.

So habe ich einen Hinweis bekommen, daß ein Beitrag zu DEM persischen Ghazal-Dichter Hafez (Hafis) erwünscht wäre. Deshalb werde ich mich in diesem Jahr auch dem einen oder anderen Dichter widmen, obwohl ich auf diesem Gebiet keine eigenen Forschungen vorzuweisen habe. Den Hafez-Beitrag würde ich allerdings gern an einen kompetenten Gastautor vergeben, mit dem ich noch verhandle. Außerdem möchte ich mich Omar Khayyam und eventuell dem weniger bekannten Dschâmî zuwenden.

Trotzdem bleibe ich natürlich auch meinen bisherigen Themen treu. Zum Thema Geschichte arbeite ich an einer kleinen Überraschung für Sie, die wahrscheinlich im Februar oder März fertig wird. Möglicherweise ergibt sich daraus sogar eine neue Serie. Für eine Ausweitung der historischen Themen in die vorislamische Zeit hinein versuche ich einen weiteren Gastautor zu gewinnen. Allerdings ist noch nicht klar, ob das gelingen wird.

Aus dem Bereich Humor möchte ich Ihnen in diesem Jahr verstärkt ‚Obeyd-e Zâkânî vorstellen, aber auch Safîs Sammlung und andere Texte werden wieder zu Wort kommen. Am liebsten würde ich zusätzlich eine Rubrik „Witz der Woche“ einrichten, um Ihnen in der Wochenmitte etwas zum Lachen zu bieten. Allerdings ist es gar nicht so einfach, genügend Witze zu finden, die gleichzeitig amüsant sind und keinen ausführlichen Kommentar erfordern. Aber vielleicht reicht es in diesem Jahr wenigstens für einen „Witz des Monats“.

Natürlich will ich auch weiterhin über Medizin – insbesondere über Geschlechter und Geschlechtsverkehr – schreiben, denn das ist ja mein aktuelles Forschungsthema. Leider bringt genau das aber gewisse Einschränkungen mit sich, denn ich sollte keine unpublizierten Forschungsergebnisse verwerten. Auch so sollten sich aber genügend interessante und kuriose Themen für kurze Blogbeiträge finden lassen.

Und ein wenig kürzer möchte ich mich in diesem Jahr tatsächlich fassen. An mir selbst beobachte ich nämlich, daß man bei chronischer Zeitnot ab einer gewissen Beitragslänge erstmal weitersurft und sich den Beitrag für spätere Lektüre vormerkt – nur daß „später“ in der Regel soviel bedeutet wie „nie“. Irgendwo habe ich gelesen, zwischen 500 und 1000 Wörter pro Beitrag seien ideal, und die 1000-Wörter-Marke überschreite ich ja mit schöner Regelmäßigkeit. Außerdem bin ich in der ersten Jahreshälfte anderweitig stark ausgelastet und werde mir nicht immer soviel Zeit pro Beitrag nehmen können wie bisher. Dafür kann ich vielleicht in der zweiten Jahreshälfte produktiver werden. All das läßt sich im Moment aber noch schwer einschätzen.

Schließlich möchte ich ein wenig am Layout arbeiten und die Menüs verbessern. Wenn Sie dazu Vorschläge haben, lassen Sie es mich wissen! Ich denke auch schon seit längerer Zeit darüber nach, das Theme zu ändern. Mir gefällt das aktuelle Theme zwar optisch sehr gut, aber ich finde die Widgets am unteren Ende der Seite unpraktisch. Wenn die Links zu älteren Beiträgen, der Archivzugriff und anderes in einer Seitenleiste angezeigt würden, wäre das sicher viel benutzerfreundlicher. Was meinen Sie?

Wenn Sie weitere Themenwünsche oder andere Vorschläge für Gestaltung und Inhalte des Blogs im  Jahr 2015 haben, dann hinterlassen Sie doch einfach einen Kommentar oder kontaktieren Sie mich über Mail oder Kontaktformular!

Und weil ich zwischen Weihnachten und Neujahr doch nicht dazu gekommen bin, einen neuen Witz zum besten zu geben, folgt jetzt:

Noch ’n Witz

Eigentlich handelt es sich weniger um einen Witz als um eine Anekdote, die übrigens nicht historisch verbürgt ist. Die Hauptfigur ist Ibn Sînâ, besser bekannt unter der lateinischen Namensform Avicenna (st. 1037). Und weil Avicenna vor allem als Verfasser einer umfangreichen medizinischen Enzyklopädie berühmt ist, schlägt die Anekdote auch gleich einen Bogen zum Thema Medizin. Ich habe sie der besseren Lesbarkeit halber stellenweise leicht umformuliert:

Als Abû ‚Alî-ye Sînâ (d.h.: Avicenna, SK) vor ‚Alâ‘ od-Doule aus Hamadân floh und sich nach Bagdad wandte, hatte, als er in Bagdad ankam, ein Bürschchen am Dâr asch-Schâtibiyya eine Menschenmenge um sich versammelt und verkaufte Arzneien und behauptete, Arzt zu sein. Nach einiger Zeit kam eine Frau mit dem Urin eines Kranken in einem Glas. Der vorgebliche Arzt sah sich den Urin an und fragte dann: „Bist du eine Dienerin des Kranken?“ Darauf die Frau: „Ja.“ Er fragte: „Ist der Kranke Jude?“ Sie: „Ja.“ Er: „Liegt sein Haus im Osten?“ Sie: „Ja.“ Er: „Hat er gestern Joghurt gegessen?“ Sie: „Ja.“ Die Leute waren erstaunt über sein Wissen, und Abû ‚Alî war verblüfft. Er wartete, bis der Mann mit seiner Arbeit fertig war, ging dann zu ihm hin und fragte: „Woher wußtest du das alles?“ Der Mann antwortete: „Daher, woher ich auch weiß, daß du Abû ‚Alî bist.“ Als Abû ‚Alî auf einer Erklärung bestand, sagte der andere schließlich: „Als diese Frau mir das Uringlas zeigte, sah ich auf ihrem Ärmel das Erkennungszeichen und wußte daher, daß sie Jüdin ist. Da ihre Kleidung abgetragen war, wußte ich, daß sie jemandes Dienerin ist, und weil Juden nicht Muslimen dienen, wußte ich, daß sie die Dienerin eines Juden sein muß. Auf ihrer Kleidung sah ich einen Joghurtfleck, daher wußte ich, daß sie in diesem Haus Joghurt gegessen und wahrscheinlich dem Kranken auch etwas davon gegeben hatten. Und weil die Häuser der Juden im Osten liegen, wußte ich, daß das Haus des Kranken auch dort liegt.“ Darauf sagte Abû ‚Alî: „Soweit ist die Sache klar geworden, aber wie hast du mich erkannt?“ Antwort: „Es kam die Nachricht, daß Abû ‚Alî vor ‚Alâ‘ od-Doule geflohen sei, da wußte ich, daß er hierher kommen würde. Und ich wußte, daß außer dir niemand das Spiel durchschauen würde, das ich getrieben habe.“ (Zâkânî, S. 286, Nr. 73)

Historisch richtig ist die Anekdote schon deshalb nicht, weil der Kâkûyide ‚Alâ‘ od-Doule einer der Herrscher war, vor denen Avicenna NICHT geflohen ist. Und falls Sie den Wikipedia-Artikel zu den Kâkûyiden gelesen haben, dürfte Ihnen auch aufgefallen sein, daß es zu dieser Zeit keineswegs wie in der „Medicus“-Verfilmung die Seldschuken waren, die Esfahan erobert haben, sondern die Ghaznaviden. Doch das ist ein eigenes Thema. Dabei fällt mir ein, daß auch eine Besprechung des „Medicus“-Films immer noch auf meiner Liste für zukünftige Blogbeiträge steht – selbstverständlich schweben mir dabei allerlei Mäkeleien an dergleichen anachronistischen Fehltritten vor. 😉 (Im zugehörigen Wikipedia-Artikel finden Sie unter „Fakten und Fiktion“ schon einen kleinen Vorgeschmack aus anderer Feder.) Nur muß ich mir dazu den Film erst noch einmal in Ruhe anschauen…

Und da ich auch mit diesem Beitrag gleich wieder mein neues selbst gesetztes 1000-Wörter-Maximum bei weitem gesprengt habe, höre ich hier auf und freue mich darauf, Sie kommende Woche in die Kavîr zu entführen. Bis dahin wünsche ich Ihnen weiterhin einen guten Jahresanfang!

Quellen

Zâkânî, Nezâm od-Dîn ‘Obeydollâh: Kolliyât-e ‘Obeyd-e Zâkânî/Collected Works. Ed. by Mohammad-Ja’far Mahjoub. New York: Bibliotheca Persica Press, 1999 (Madschmû’e-ye Motûn-e Fârsî; Selsele-ye Nou, Schomâre-ye 2/Persian Text Series; New Series, no. 2).

Neuigkeiten: Umfrage und Weihnachtsferien

Da ich in den letzten beiden Folgen meiner Nezâm-ol-Molk-Serie angefangen habe, Zwischenüberschriften einzufügen, möchte ich gern wissen, wie Sie als Leser diese Zwischenüberschriften finden. Dazu habe ich eine kleine Umfrage erstellt. Wenn Sie daran teilnehmen, helfen Sie mir dabei, Ihren Lesekomfort zu erhöhen. 🙂

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Im übrigen möchte ich darauf hinweisen, daß ich zwischen dem 22.12.14 und dem 04.01.15 eine kleine Pause einlegen und wahrscheinlich keine neuen Blogbeiträge publizieren werde – oder nur sehr kurze. Das liegt daran, daß es für mich zwischen dem 21.12. und dem 04.01. kaum einen Tag gibt, an dem KEIN Fest im Familien- und Freundeskreis stattfindet. 🙂 Deshalb werde ich nicht viel Gelegenheit zum Schreiben finden.

Aber falls Sie viel Zeit haben sollten, schauen Sie ruhig ab und zu herein: Vielleicht gebe ich den einen oder anderen Witz zum besten. 😉

Wenn alles klappt, habe ich dafür im Januar oder Februar eine Überraschung für Sie. Für heute soll ein Ausblick auf den nächsten Reisebeitrag genügen, den Sie im Januar hier lesen werden: Wir verlassen Esfahan für einen Ausflug in die Kavîr – also in die Wüste. Hier ein kleiner Vorgeschmack:

In der Kavîr.

In der Kavîr.

Wesir der Seldschuken: Für den Nezâm wird es brenzlig

Zur siebten Folge geht es hier.
Zur neunten Folge gehr es hier.

Zwischen den Jahren 1079 und 1084 waren die Machtposition des Nezâm und sein Verhältnis zum Sultan mehrfach erschüttert worden: Von der Ermordung eines Geschäftspartners durch seine Feinde im Jahr 1079 über einen mißglückten Mordanschlag, eine weitere Intrige im Jahr 1081 und die Ermordung seines ältesten Sohnes auf Befehl des Sultans im Jahr 1082 bis hin zu einer erneuten Intrige im Jahr 1084 hatten die Ereignisse immer wieder gezeigt, daß sich weder die Anhänger des Nezâm noch er selbst in Sicherheit wiegen konnten und der Sultan geneigt war, den Feinden des Wesirs sein Ohr zu leihen.

Im Endeffekt hatte sich zwar trotz alledem das Verhältnis zwischen Sultan und Wesir zumindest oberflächlich wieder beruhigt, doch die Ereignisse zeigen auch, daß Malek-Schâh die Machtfülle seines Wesirs zuweilen mit Unmut betrachtete. Auf die Dauer versprach das weitere Spannungen, schon weil es die Feinde des Nezâm am Hofe und in der Verwaltung zu immer neuen Vorstößen gegen ihn ermutigte.

Gefährliche Feinde

Spätestens seit dem Jahr 1088 zählte zu diesen Feinden auch die Sultansgattin Torkân Châtûn (auch: Terken Châtûn), der man großen Einfluß auf Malek-Schâh nachsagte. Der Grund für ihre erbitterte Feindschaft gegen den Nezâm war seine Position in der Thronfolgeregelung.

Im Jahr 1088 war nämlich der zum Thronfolger bestimmte Prinz Ahmad gestorben, ein Sohn der Torkân Châtûn. Nun stellte sich also die Frage erneut, wer Malek-Schâh nachfolgen sollte. Der Nezâm hielt den nunmehr ältesten und bis dahin fähigsten Sohn des Sultans – Barkyaruq (auch: Berk-Yaruq) – für den geeigneten Kandidaten. Immerhin war er zu diesem Zeitpunkt schon sieben oder acht Jahre alt.

Doch Torkân Châtûn wollte begreiflicherweise ihre zukünftige Stellung als Mutter des Sultans nicht aufgeben – schließlich war das damals der beste und meist einzige Weg für eine Frau, nennenswerte Macht auszuüben. Daher wollte sie ihren kleinen Sohn Mahmûd als Thronfolger sehen, der zu dieser Zeit noch kaum ein Jahr alt war. Nur neigte der Sultan hier der Ansicht des Nezâm zu, und das gefiel der Châtûn gar nicht.

Torkân Châtûns Wesir Tâdsch ol-Molk Abo l-Ghanâ’em (arabisch: Tâdsch al-Mulk Abu l-Ghanâ’im) wiederum machte sich jahrelang sowohl bei Malek-Schâh als auch beim Nezâm liebkind und bekam vom Sultan nach und nach eine ganze Reihe wichtiger Verwaltungsämter übertragen. Er war nicht nur ein wichtiger Verbündeter der Sultansgattin, sondern auch selbst am Sturz des Nezâm interessiert, da er gern Wesir des Sultans werden wollte.

Nur war er schlau und vermied die Gefahren, denen sich frühere Intriganten ausgesetzt hatten. Stattdessen ging er langsam und bedacht vor und gab dem Nezâm keinen Anlaß, ihn frühzeitig aus dem Verkehr zu ziehen. Lieber intrigierte er heimlich, still und leise gegen den Wesir und zog immer mehr Befugnisse an sich.

Mörderische politische Gegner

In manchen Quellen wird eben dieser Tâdsch ol-Molk mit den gefährlichsten politischen Gegnern des Seldschukenreiches in Zusammenhang gebracht, den schiitischen Ismailiten. Sie unterhielten mit dem Fatimidenkalifat zu dieser Zeit in Nordafrika, Ägypten und Teilen Syriens ein Gegenkalifat zu den Abbasiden in Bagdad (s. Kurze Geschichte des Kalifats).

Zugleich sandten sie Missionare auf das Reichsgebiet der Seldschuken, die als Sunniten und Unterstützer der Abbasiden ihre Gegner waren. So versuchten sie, das Seldschukenreich und auch dessen Verwaltung zu unterwandern. Wenn behauptet wird, es hätten Verbindungen in die seldschukische Reichsverwaltung bestanden, ist das also nicht völlig abwegig.

Einer dieser ismailitischen Missionare war der berüchtigte Hasan-e Sabbâh. Er nahm den Seldschuken im Jahr 1090 die Bergfestung Alamût südlich des Kaspischen Meeres ab, sammelte Anhänger und eroberte weitere Festungen – auch in anderen Regionen. Aufgrund ihrer Stellungnahme für einen Sohn des damaligen Fatimidenkalifen namens Nizâr wird diese Gruppierung nach dem Jahr 1094 als Nizârîs bezeichnet.

Die späteren Nizârîs waren es auch, die eine neue Methode des Kampfes gegen politische Gegner einführten: den Mord unter Einsatz des eigenen Lebens. Daher stammt die bekanntere Bezeichung Assassinen (zu denen ich bei Gelegenheit auch noch einen Beitrag verfassen möchte).

Verständlicherweise war der Nezâm ein erklärter Gegner der Ismailiten und sah es auch mit Besorgnis, daß immer mehr Personen in der seldschukischen Verwaltung arbeiteten, die er im Verdacht ismailitischer Gesinnung hatte – insbesondere natürlich seine Gegner.

Im Jahr 1092 schließlich wurden zwei Heereskommandos gegen Hasan-e Sabbâhs Festungen geschickt, eines davon direkt gegen Alamût. Es bestand demnach für die Ismailiten im Seldschukenreich zu dieser Zeit über die grundsätzliche Feindschaft hinaus ein sehr konkreter Anlaß, die Spitzen der seldschukischen Regierung zum Teufel zu wünschen. Das sollte sich für den Nezâm als fatal erweisen.

Eine verhängnisvolle Konfrontation mit dem Sultan

Doch auch zwischen Sultan und Wesir herrschte trotz aller Einigkeit in der Frage der Thronfolge keineswegs eitel Sonnenschein. Vielmehr ist ein atemberaubender Schlagabtausch zwischen den beiden überliefert, der wahrscheinlich nach dem Tod des ersten Thronfolgers stattgefunden hat – sicher ist der genaue Zeitpunkt aber nicht.

Nachdem ein Enkel des Nezâm, der von seinem Großvater einen Statthalterposten bekommen hatte, den Militärstatthalter des Sultans wegen eines Streits festgenommen hatte, verlor der Sultan die Beherrschung und ließ dem Nezâm folgende Botschaft zukommen:

Du hast dich zum Herrn über mein Reich gemacht und hast meine Länder unter deine Söhne und Eidame und Hörigen verteilt, als ob du mein Teilhaber am Reiche wärest! – Willst du, daß ich befehle, das Schreibzeug des Kanzleramts aus deinen Händen wegzunehmen, und daß ich die Leute von deinen Übergriffen befreie? (Schabinger, S. 118f)

Darauf antwortete der Nezâm:

Saget dem Sultan: hast du erst heute erkannt, daß ich im Reiche dein Gesellschafter und in der Regierung dein Teilhaber bin? – Fürwahr, mein Schreibzeug ist mit deiner Krone verbunden: wenn du es wegnimmst, wird sie dir weggenommen, und wenn du es entreißest, wird sie dir entrissen! (Schabinger, S. 119)

Diese Antwort soll dem Sultan wortgetreu überbracht worden sein. Es dürfte kaum verwundern, daß dieser Wortwechsel in den Quellen zwar in unterschiedlicher Ausführlichkeit, aber immer als einer der Gründe für die dramatische Verschlechterung der Beziehung zwischen Sultan und Wesir angeführt wird.

Vorbereitungen für eine Regierung ohne den Nezâm?

Im Jahr 1091 kam Malek-Schâh dann auf die Idee, mehrere Spitzen seiner Verwaltung dazu aufzufordern, eine Art Handbuch der Regierungskunst zu verfassen. Darin sollten sowohl die im Reich bereits gängigen Maßnahmen aufgeführt werden als auch Verbesserungsvorschläge enthalten sein. Unter den Männern, die sich dieser Aufgabe widmen sollten, waren auch der Nezâm und Tâdsch ol-Molk.

Diese Information stammt je nach Handschrift vom Nezâm selbst oder einem weiteren Verfasser des Vorworts zum „Buch der Staatskunst“ (Siyâsat-Nâme). Dieses bis heute erhaltene Buch ist das Ergebnis der Bemühungen des Nezâm um ein Regierungshandbuch.

Der je nach Handschrift einzige oder zweite Verfasser des Vorworts teilt auch mit, daß der Nezâm zunächst nur 39 Abschnitte aus dem Stegreif geschrieben, das Buch danach aber noch um 11 Abschnitte und Zusätze zu den früheren Kapiteln erweitert habe, weil er über die „Feinde der Herrschaft“ (mochâlefân-e în doulat) besorgt gewesen sei. (Übersetzung Schabinger, S. 157-159; Siyâsat-Nâme, S. 3-8)

Die „Feinde der Herrschaft“, um die es in den fraglichen Abschnitten geht, sind die Ismailiten. Der Nezâm vermutete ja auch, daß seine Gegner in der Verwaltung Ismailiten waren oder zumindest mit diesen sympathisierten. Diese „volle“ Version des Siyâsat-Nâme wurde aber erst längere Zeit nach dem Tode des Nezâm bekannt. Nach dem, was dem Nezâm zugestoßen war und was sich danach zutrug, hatte man nicht gleich gewagt, es öffentlich zu machen.

Vor dem Hintergrund der zunehmend ungnädigen Stimmung des Sultans gegenüber dem Nezâm fragt man sich unwillkürlich, wie Malek-Schâh nach fast zwanzig Jahren Herrschaft plötzlich auf die Idee kam, ein solches Handbuch in Auftrag zu geben. Wollte er vielleicht sicherstellen, daß Wissen und Können des Nezâm seiner Herrschaft weiterhin zur Verfügung stünden, auch wenn der Wesir selbst nicht mehr im Amt oder am Leben wäre? Spielte er gar mit dem Gedanken, den Nezâm doch noch abzusetzen? Oder wartete er auf eine „natürliche“ Lösung des Problems?

Wir wissen es nicht. Vielleicht trifft nichts von alledem zu. Doch die weiteren Ereignisse boten reichlich Anlaß zu Spekulationen, wie wir noch sehen werden.

Ausblick

Die letzte Folge der Nezâm-ol-Molk-Serie wird bis ins Neue Jahr auf sich warten lassen. Dafür bekommen Sie dann auch einiges geboten: Mord und Totschlag, Verschwörungstheorien und die kriminalistischen Aufklärungsversuche der Forscher. Seien Sie gespannt!

P.S.

Wie Sie bemerkt haben, enthält dieser Beitrag wieder kein Bild von der seldschukischen Freitagsmoschee in Esfahan wie letzte Woche in Aussicht gestellt. Das liegt daran, daß ich davon nur Dia-Aufnahmen aus dem Jahr 1999 habe – leider keine Papierabzüge, die ich einscannen könnte. Das heißt, ich muß die Dias erstmal digitalisieren lassen. Wenn das erledigt ist, sollte mir das aber einen eigenen Beitrag wert sein. Versprochen.

Literatur und Quellen

Susanne Kurz: „Der Hof des Nizâm al-Mulk“. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Tübingen, 2001 (S. 54-57, 68-70).

In dieser Arbeit verwendete Literatur und Quellen:

Chvândamîr, Ghiyâs od-Dîn b. Homâm od-Dîn: Dastûr ol-vozarâ‘. Hg. Sa’îd-e Nafîsî. Tehrân 1317 š./1938, S. 165f.

Glassen, Erika. Der mittlere Weg: Studien zur Religionspolitik und Religiosität der späteren Abbasidenzeit. Wiesbaden 1981.

Ibn al-‚Adîm, Kamâl ad-Dîn Abû l-Qâsim ‚Umar. Bughyat at-talab fî ta’rîch Halab: At-tarâdschim al-châssa bi-târîch as-Salâdschiqa. Hg. Ali Sevim. Ankara 1976, S. 85f.

Ibn al-Athîr: Al-Kâmil fi t-ta’rîch. Hg. C. J. Tornberg. 13 Bde. Leiden 1851-1876. 10. Bd. Nachdr. Bayrût 1386 H/1966, S. 205.

Khalifeh-Soltani, Iradj. „Das Bild des idealen Herrschers in der iranischen Fürstenspiegelliteratur dargestellt am Beispiel des QÁbÙs-NÁmé“. Diss. Tübingen 1971.

Mîrchvând, Mohammad b. Châvand-Šâh-e Balchî: Rouzat os-safâ. Hg. Ketâbforûšî-hâ-ye Markazî, Chayyâm u. Pîrûz. 4. Bd. Tehrân 1339 š./1960-1, S. 675-677.

Mostoufî-ye Qazvînî, Hamdollâh b. Abû Bakr b. Ahmad b. Nasr. Târîch-e gozîde. Hg. ‚Abdolhoseyn Navâ’î. 2. Aufl. Tehrân 1362 š/1983-4, S. 437f.

Seyf ed-Dîn Hâdschdschî b. Nezâm-e ‚Oqeylî: Âsâr ol-vozarâ‘. Be tashîh-o ta’lîq-e Dschalâl ed-Dîn-e Hoseynî-ye Ormavî. Tehrân 1337 š./1958. S. 209f.

Râvandî, Mohammad b. ‚Alî b. Soleymân. Râhat as-Sudûr wa Âyat as-surûr dar târîch-e Âl-e Saldschûq. Hg. Mohammad Eqbâl. Mit Anhang u. Indices v. Modschtabâ Mînovî. Tehrân 1364 š./1985-6, S. 133f.

Schabinger, Anhang.

Tâdsch ad-Dîn Abû Nasr ‚Abd al-Wahhâb b. ‚Alî b. ‚Abd al-Kâfî as-Subkî: Tabaqât aš-Šâfi’iyya al-kubrâ. Hrsg. v. ‚Abd al-Fattâh Muhammad Hulw u. Mahmûd Muhammad at-Tanâhî. 2. Aufl., 1412 h./1992. Bd. 4. S. 322, 325f.

Zakkar, Suhayl. „Biographie de Nizâm al-Mulk de Kamâl al-Dîn Ibn al-‚Adîm“. BEO 24 (1971): 227-248.

Sonstige direkt verwendete Literatur und Quellen

Nezâm ol-Molk, Abû ‘Alî al-Hasan b. ‘Alî b. Eshâq-e Tûsî: Siyar ol-Molûk (Siyâsat-nâme). Hg. Hubert Darke. 2. Aufl. Tehrân 1364 š./1985. Vorwort, S. 3-8.

Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen: Das Buch der Staatskunst: Siyâsatnâma. Aus dem Persischen übersetzt und eingeleitet von Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen. Zürich 1987. Einleitung, S. 104, 106, 109f, 111, 112f, 118f, 120. Vorwort, S. 157-159.

Iran September-Oktober 2014: Das seldschukische Esfahan

… oder zumindest Teile davon möchte ich Ihnen heute vorstellen. 😉 Denn in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts machte der Seldschukensultan Malek-Schâh Esfahan zu seiner Hauptstadt. Der damalige Stadtkern mit Freitagsmoschee, Bazar und einem Platz, der als „Meydân-e Kohne“ bekannt ist, also als der „Alte Platz“ sind nach wie vor sehenswert. Der Platz ist mittlerweile nach historischen Plänen wieder neu angelegt worden und hat einen neuen Namen bekommen, den ich mir aber nicht gemerkt habe. In Iran werden ja ständig Straßen und Plätze umbenannt, was es nicht eben leichter macht, sich zurecht zu finden.

Doch zurück zum „Meydân-e Kohne“! Vor zwei Jahren war er noch nicht fertig, aber jetzt sieht er so aus:

Der neue "Alte Platz" mit Blick auf die Moschee

Der neue „Alte Platz“ mit Blick auf die Moschee

Blick auf den Berg (und die Kuppel einer weiteren Moschee)

Blick auf den Berg

Falls Ihnen das bekannt vorkommt und es Sie an den „Meydân-e Naqsch-e Dschahân“ aus der Safavidenzeit erinnert, liegen Sie vollkommen richtig. Offenbar ist der nämlich nach dem Vorbild des „Meydân-e Kohne“ angelegt worden. Habe ich zumindest gehört.

Die neu angelegte Bazarpassage auf der einen Seite des Platzes ist allerdings fast menschenleer, denn die Geschäfte sind noch nicht eröffnet:

Geschäftspassage in einem neu erbauten Teil des Gewölbebazars

Geschäftspassage in einem neu erbauten Teil des Gewölbebazars

Wenn Sie sich die Decke genauer anschauen, werden Sie aber gleich sehen, daß dieser neue Teil des Bazars in der Anlage durchaus dem alten seldschukenzeitlichen Bazar entspricht.

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Etwas mehr Decke im Bild

Zum Vergleich sehen Sie hier die Deckengewölbe des alten Bazars:

Deckengewölbe im alten Bazar

Deckengewölbe im alten Bazar

Auf dem nächsten Bild können Sie sehen, daß die Lichtluken in der Decke sogar dekorative Formen haben.

Hübsche Löcher für das Licht

Leuchtende Sterne als Oberlichter

Wenn man vom seldschukischen Zentrum aus einfach geradeaus durch den Bazar geht, kommt man relativ schnell zu seinem anderen Ende.

Am anderen Ende des Bazars kurz vor dem Ausgang

Am anderen Ende des Bazars kurz vor dem Ausgang

Und was liegt am anderen Ende? – Richtig, der „Meydân-e Naqsch-e Dschahân“! Ich hätte Ihnen das gern einfach nur gezeigt, aber irgendwie hatte ich nie den Fotoapparat dabei, wenn ich dieses Bild hätte machen können, und meine Handy-Kamera hat mich da leider schmählich im Stich gelassen.

Ausgang des Bazars hin zum safavidischen Meydân

Ausgang des Bazars hin zum safavidischen Meydân

Das hier ist, was man durch die Tür eigentlich hätte sehen sollen:

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Der safavidische Meydân vom Ausgang des Bazars betrachtet

Und schon sind wir wieder zurück bei meinem Lieblings-Meydân! 🙂 Dabei habe ich, wie Sie mittlerweile ja wissen, auch eine ausgeprägte Schwäche für die Seldschukenzeit. Aber leider hatte ich heute keine Gelegenheit, meine alten Bilder von der Freitagsmoschee zu suchen. Dieses Jahr war ich nämlich nicht dort. Vielleicht reiche ich das bei nächster Gelegenheit nach – möglicherweise in einer weiteren Folge meiner Nezâm-ol-Molk-Serie. Zu Teilen der Moschee gibt es nämlich – wie sollte es anders sein – eine Geschichte zu erzählen.

Und ich nehme an, dieser Beitrag hat Ihnen auch erklärt, wieso ich bei der Serie seit der ersten Folge aus der Regierungszeit des Malek-Schâh immer den neuen „Meydân-e Kohne“ als Beitragsbild gewählt habe. 😉

Wesir der Seldschuken: Ein Sultan wird erwachsen und die Lage angespannt

Zur sechsten Folge geht es hier.
Zur achten Folge geht es hier.

Wie wir in der letzten Folge gesehen haben, war der Nezâm unter Malek-Schâh so mächtig geworden, daß man gelegentlich liest, er sei der „eigentliche Herrscher“ des Seldschukenreiches gewesen (z.B. in der Wikipedia, aber nicht nur dort). Das mag damit zu tun haben, daß der Historiker Ibn al-Athîr, wie im Wikipedia-Artikel zutreffend beschrieben, von „ad-daula an-nizâmiyya“ spricht, also von der „nezâmischen Regierung“. Im Artikel zu Malek-Schâh in der Encyclopaedia Iranica sind eine weitere Quelle und mehrere Werke aus der Forschungsliteratur aufgeführt, in deren Darstellung der Nezâm mächtiger war als Malek-Schâh. Doch der Verfasser des Artikels ist nicht dieser Auffassung. Malek-Schâhs Rolle als Oberbefehlshaber der Armee und seine erfolgreichen Feldzüge seien wesentlich für die innere Stabilität des Reiches und nicht zuletzt für die Einnahmen gewesen, die Autorität des Sultans zu Malek-Schâhs Zeit daher stärker denn je.

Tatsächlich zeigte sich ungefähr ab der Mitte von Malek-Schâhs zwanzigjähriger Herrschaftszeit, daß der Sultan keineswegs Wachs in den Händen seines Wesirs war und sich durchaus nicht alles bieten ließ. Zu dieser Zeit war Malek-Schâh ein erwachsener Mann von fast dreißig Jahren und ein erprobter Heerführer. Daher traf er nun auch eigene Entscheidungen gegen den Rat des Nezâm. So entließ er im Jahr 1081 siebentausend Soldaten aus seinem Dienst, die prompt zu seinem rebellierenden Bruder Tekisch überliefen. Der Nezâm hatte davor gewarnt, da er vorausgesehen hatte, daß die entlassenen Krieger sich wohl oder übel einen neuen Herrn suchen würden, der Verwendung für ihre Kampfkraft hatte. Was hätten sie auch sonst tun sollen? Erst nach mehreren Jahren gelang es Malek-Schâh, Tekisch endgültig zur Strecke zu bringen.

Der Sultan setzt seine Autorität durch

Um das Jahr 1082 war Malek-Schâh also der väterlichen Fürsorge des Nezâm bereits entwachsen, und die Gegner des Nezâm versuchten, sich dies zunutze zu machen. So kam es, daß ein Hofnarr Malek-Schâhs in Esfahân sich vor dem Sultan gegen den Nezâm aussprach und einen anderen Mann als Wesir empfahl. Nun befanden sich Hofnarren in der besonderen Position, straflos alles mögliche zu einem Herrscher sagen zu dürfen, und man mag sich fragen, wie ernst solche Äußerungen zu nehmen waren. Doch da der Nezâm immer wieder unter Beschuß geriet und Intrigen gegen ihn gesponnen wurden, nahm sein ältester (oder zweitältester) Sohn Dschamâl ol-Molk (arabisch: Dschamâl al-Mulk) diese Äußerungen sogar bitterernst, als er von ihnen hörte.

Dieser Sohn des Nezâm war Statthalter in Balch, also im Osten des Reiches (heute Afghanistan), und reiste wutentbrannt nach Esfahân, als ihm die Äußerungen des Hofnarren zu Ohren kamen. Dort angekommen, ließ er dem Hofnarren die Zunge von hinten herausreißen – der Mann starb natürlich an dieser Bestrafung. Damit nicht genug, wirkte Dschamâl ol-Molk darauf hin, daß der Mann, den der Hofnarr als Wesir vorgeschlagen hatte, festgenommen und geblendet wurde.

Nun war der Sultan seinerseits genötigt einzuschreiten, denn es war sein Vorrecht, Körperstrafen anzuordnen (wie wir zum Beispiel im „Buch der Staatskunst“ des Nezâm lesen). Dschamâl ol-Molk hatte folglich seine Kompetenzen überschritten und sich Vorrechte des Sultans angemaßt. Das durfte nicht ungestraft bleiben, und als Dschamâl ol-Molk zusammen mit Sultan und Wesir wieder zurück nach Chorâsân reiste, ließ Malek-Schâh den Sohn des Nezâm still und leise durch Gift aus dem Weg räumen. Als Dschamâl ol-Molk in Nischapur starb, war sein Vater dem Sultan bereits einige Tagesreisen vorausgeritten und der Sultan selbst ebenfalls aufgebrochen. Malek-Schâh beeilte sich nun, zu seinem Wesir aufzuschließen und tröstete den Nezâm dann mit den Worten: „Ich bin doch dein Sohn und Ersatz für den Dahingeschiedenen! Und vor allem gehörst du zu denen, die sich fassen und durchhalten!“ (Schabingers Übersetzung der Quelle, S. 76; Nacherzählung der Geschichte ebenfalls nach Schabinger)

Wie väterlich die Gefühle des Nezâm für Malek-Schâh in diesem Moment gewesen sein dürften, kann man sich unschwer vorstellen. Doch er wußte selbst, daß sein Sohn eine Grenze überschritten hatte. Und obwohl Dschamâl ol-Molk die Autorität des Sultans durch sein Verhalten öffentlich infrage gestellt hatte, war Malek-Schâh bei seiner Bestrafung so diskret vorgegangen, daß weder die Position des Nezâm noch dessen übrige Söhne dadurch Schaden genommen hatten. Doch bei aller Rücksichtnahme Malek-Schâhs war nun ein für allemal klar, daß selbst die Familie des Nezâm vor dem Zorn des Sultans nicht sicher und Malek-Schâh ohne weiteres bereit war, auch gegen den Anhang seines mächtigen Wesirs entschieden durchzugreifen, wenn er seine eigene Autorität in Gefahr sah.

Konflikte zwischen Sultan und Wesir

Daß die Situation insbesondere nach dem Heranreifen des Sultans heikel wurde, kann man an weiteren Spannungen zwischen Malek-Schâh und dem Nezâm in der zweiten Hälfte von Malek-Schâhs Herrschaft erkennen. Allerdings gab es grundsätzlich viel Konfliktpotential bei der Machtverteilung zwischen einem Sultan und seinem Wesir, weil der Wesir in vielerlei Hinsicht als Vertreter des Sultans handeln mußte. Doch die Abgrenzung der Kompetenzen war oft alles andere als eindeutig festgelegt. So hatte der Wesir eine Menge Ermessensspielräume, und wenn es dem Sultan nicht gefiel, wie der Wesir diese nutzte, konnte das gefährlich werden. Auf dieses Grundproblem weist der Ausspruch eines hohen Verwaltungsfunktionärs der Ghaznaviden hin, der selbst nie das Wesirat anstrebte: „Nur die Dummen und Törichten bemühen sich darum, Wesir zu werden.“ (‚Oqeylî, S. 159, zitiert nach Bosworth, S. 70)

Erwartungsgemäß barg insbesondere das liebe Geld viel Potential für Meinungsverschiedenheiten. Eine wesentliche Angriffsfläche des Nezâm scheint daher sein Umgang mit den Finanzen gewesen zu sein, denn verschiedene Intrigen gegen den Nezâm machten sich dessen Umgang mit Steuergeldern zunutze, um den Wesir beim Sultan zu denunzieren. So beschuldigten Feinde des Nezâm diesen beim Sultan immer wieder, er nehme sich zu viel Geld oder Gelder, die ihm nicht zustünden, um damit seine breit gefächerte Patronage und seine private Sklaventruppe zu finanzieren. Einer der Denunzianten war übrigens der Mann, den Malek-Schâhs Hofnarr im Jahr 1082 anstelle des Nezâm für das Amt des Wesirs vorgeschlagen hatte und den kurz darauf der sicher nicht unverdiente Zorn des Dschamâl ol-Molk ereilte.

Aus den Quellen läßt sich nicht so ohne weiteres rekonstruieren, ob das Verhalten des Nezâm nach den herrschenden Regeln wirklich nicht korrekt war oder ob sich seine Gegener nur die Gier des Sultans nach höheren Einnahmen zunutze machten. Diesem Thema müssen wir uns bei anderer Gelegenheit gesondert zuwenden. Klar ist jedoch, daß der Umgang des Nezâm mit den Steuergeldern als problematisch und als Angriffsfläche betrachtet wurde.

Der Nezâm bleibt fest im Sattel

Allerdings hatte keine der Intrigen je Erfolg. Das mag an der gefestigten Machtposition des Nezâm gelegen haben, der ja auch die meisten wichtigen Verwaltungsposten im Reich mit seinen Verwandten und Anhängern besetzt hatte. Es gibt aber auch eine Anekdote, die darauf hindeutet, daß der Sultan bei aller eigenen Macht und gewachsenen Selbständigkeit doch nicht riskieren wollte, den Nezâm abzusetzen und es damit auf eine ernsthafte Konfrontation ankommen zu lassen.

Im Jahr 1083 bot einer der Feinde des Nezâm dem Sultan an: „Übergib mir Nezâm ol-Molk, und ich übergebe dir eine Million Dinar, denn sie (sc. der Nezâm und seine Anhänger) haben das Land aufgezehrt.“ Das kam dem Nezâm zu Ohren, und er ließ seine gesamte Truppe von Militärsklaven in voller Bewaffnung auf einem Teppich Aufstellung nehmen, zeigte sie dem Sultan und sagte: „Ich habe dir gedient und deinem Vater und deinem Großvater und habe ein Anrecht auf Anerkennung meiner Verdienste (haqq chidma). Jetzt hast du erfahren, daß ich deine (Steuer-)Gelder nehme, und derjenige, der das gesagt hat, hat die Wahrheit gesprochen.“ Dann erklärte er, daß er die Gelder verwende, um diese Truppe zu unterhalten, die er für den Sultan zusammengestellt habe. Außerdem gebe er die Gelder für Almosen, religiöse Stiftungen und Schenkungen aus, die allesamt den Ruf des Sultans verherrlichten. „Meine Güter und alles, was ich besitze, liegt vor dir, und ich begnüge mich mit Lumpen und einem Winkel.“ Daraufhin soll der Sultan mit dem Nezâm wieder im reinen gewesen sein. Jedenfalls bestrafte er den Gegner des Nezâm, der ihn gegen den Wesir aufgebracht hatte.

Subkî, aus dessen Werk ich diese Anekdote nacherzählt und in Teilen übersetzt habe, setzt allerdings hinzu, jemand anderes habe gesagt: „Im Inneren war der Sultan ihm gegenüber nicht reinen Herzens, sondern er (sc. der Sultan) erkannte seine Schwäche ihm (sc. dem Nezâm) gegenüber.“ Vielleicht kommt es ja daher, daß ich immer den Eindruck hatte, der Nezâm wollte dem Sultan mit dieser Vorführung nicht nur klarmachen, welchen Nutzen die Nizâmiyya-Truppe für seine Herrschaft hatte. Immerhin handelte es sich um eine beträchtliche Anzahl an Kriegern, die dem Nezâm mit Haut und Haaren ergeben waren – auch das wird in den Quellen mehr als deutlich. Diese Truppe des Nezâm ist in den Quellen unter der Bezeichnung „Nizâmiyya“ bekannt und soll – je nach Quelle – mehr als tausend bis hin zu mehr als zwanzigtausend Mann umfaßt haben. Aber machen Sie aus dieser Geschichte, was Sie möchten.

Arbeitsteilung und Rivalitäten

Natürlich bedeuten solche Zusammenstöße von Sultan und Wesir insbesondere auf dem Finanzsektor nicht, daß sich die beiden ständig in die Quere gekommen wären oder daß die Machtstellung des Nezâm die Position des Sultans ernsthaft in Gefahr gebracht hätte. Tatsächlich waren Sultan und Wesir in ihren Kernkompetenzen für ganz unterschiedliche Sphären zuständig, wie der Verfasser des Iranica-Artikels ausführt: Während der Sultan vor allem mit der Kriegsführung befaßt war und ein Hoflager inmitten seines Heeres unterhielt, lag die Machtbasis des Wesirs in den Städten, und er hatte die städtische Gesellschaft zu kontrollieren.

Zu Konflikten kam es also vor allem in den Bereichen, die für Sultan und Wesir gleichermaßen interessant waren wie eben die Steuergelder. Hier hatte der Wesir als Haupt der Verwaltung den ersten Zugriff, und so konnte sich der Sultan leicht übervorteilt vorkommen, wenn sein Vertrauen zum Wesir erschüttert wurde. Daß dies in der zweiten Hälfte von Malek-Schâhs Herrschaftszeit immer wieder zumindest vorübergehend geschah, weist jedoch auf eine für den Nezâm durchaus nicht unbedenkliche Entwicklung hin. Ungetrübt war das Verhältnis der beiden jedenfalls nicht mehr, und das sollte sich zum Ende hin noch dramatisch zuspitzen. Doch davon berichte ich Ihnen ein anderes Mal.

Literatur und Quellen

Clifford Edmund Bosworth: The Ghaznavids: Their Empire in Afghanistan and Eastern Iran 994:1040. Edinburgh 1963. S. 70.

David Durand-Guédy: “Malekšāh”, Encyclopaedia Iranica, online edition, 2012, abrufbar unter http://www.iranicaonline.org/articles/maleksah (zuletzt aufgerufen am 30.11.2014).

Susanne Kurz: · “Der Wesir als Konkurrent des Sultans? Der Hof des Nizâm al-Mulk-e Tûsî”. In: TOBIAS-lib. Online-Publikationsservice der Universität Tübingen. November 2009, http://tobias-lib.ub.uni-tuebingen.de/volltexte/2009/4311/. S. 10-17.

Nezâm ol-Molk, Abû ‘Alî al-Hasan b. ‘Alî b. Eshâq-e Tûsî: Siyar ol-Molûk (Siyâsat-nâme). Hg. Hubert Darke. 2. Aufl. Tehrân 1364 š./1985. Kapitel 11, S. 98 (Körperstrafen als Vorrecht des Sultans).

Seyf ed-Dîn Hâdschdschî b. Nezâm-e ‚Oqeylî: Âsâr ol-vozarâ‘. Be tashîh-o ta’lîq-e Dschalâl ed-Dîn-e Hoseynî-ye Ormavî. Tehrân 1337 š./1958. S. 159.

Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen: Das Buch der Staatskunst: Siyâsatnâma. Aus dem Persischen übersetzt und eingeleitet von Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen. Zürich 1987. Einleitung, S. 74-77 u. 82. Kapitel 11, S. 262 (Körperstrafen als Vorrecht des Sultans).

Tâdsch ad-Dîn Abû Nasr ‚Abd al-Wahhâb b. ‚Alî b. ‚Abd al-Kâfî as-Subkî: Tabaqât aš-Šâfi’iyya al-kubrâ. Hrsg. v. ‚Abd al-Fattâh Muhammad Hulw u. Mahmûd Muhammad at-Tanâhî. 2. Aufl., 1412 h./1992. Bd. 4. S. 325f.