Wenn ein Scherz nach hinten losgeht

Wir waren in den letzten Wochen zu ernst für meinen Geschmack. Zeit für einen neuen Witz! Dieses Mal habe ich einen ausgesucht, der auch in Europa belegt ist.

Er ist daher ein schönes Beispiel für eine Akkulturation, also eine Anpassung der Details an ein anderes Umfeld. In der arabischen Fassung ist er, wenn ich mich recht erinnere, sogar so stark angepaßt worden, daß man ihn kaum noch erkennt.

Aber hier bekommen Sie natürlich die persische Fassung in deutscher Übersetzung:

Man erzählte einem König: „In dieser Stadt gibt es einen gewitzten Mann, der Euch ähnlich sieht.“
Der König ließ ihn holen und begann mit ihm zu scherzen: „Mann, ich kenne deine Mutter: Sie war schön und Heiratsvermittlerin und ging in die Häuser der Könige.“
Der gewitzte Mensch entgegnete: „Meine Mutter hat nie das Haus verlassen, aber mein Vater hat in den Gärten der Könige in der Nähe des Frauenhauses als Gärtner gearbeitet.“
Dem König gefiel diese Antwort, und er machte ihn zu seinem Gesellschafter. (Safî, S. 134)

Ich nehme an, Sie verstehen, welche alternativen Auffassungen über die Herkunft der Ähnlichkeit der König und der Untertan hier jeweils ansprechen. 😉

Die Aussage, daß die Mutter nie das Haus verlassen hat, mag Ihnen übertrieben erscheinen. Sie ist aber an einem Ideal züchtigen Verhaltens orientiert. Im Idealfall mußte die Frau das Haus nicht verlassen und geriet so natürlich auch nicht in Gefahr, mit fremden Männern in Kontakt zu kommen. Das ist auch das am deutlichsten an das Umfeld angepaßte Element in der Erzählung.

Der Mann will also sagen: „Meine Mutter war ein Musterbeispiel an Keuschheit.“ – Ganz im Gegensatz zu dem, was der König andeutet. Die Replik hat es übrigens in sich, denn sie zieht ja auch die Abkunft des Königs von dessen Vater in Zweifel. Und das Setting legt in diesem Fall nahe, daß dieser auch schon König gewesen ist.

So kann es gehen, wenn man andere ohne Not provoziert.

Quelle

Safî, Fachr od-Dîn ʿAlî b. Hoseyn Vâ’ez-e Kâschefî: Latâ’ef ot-tavâ’ef. Hrsg. v. Ahmad-e Goltschîn-e Ma’ânî. 4. Aufl. Tehrân: Eqbâl, 1362 sch./1983. S. 135.

4 Kommentare

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    • So würde ich das nicht formulieren, wie Sie sich denken können. ???? Die Frauen wurden schon auch für andere Dinge als für Sex gebraucht und waren natürlich auch nicht das Eigentum des Mannes. Aber natürlich auch nicht gleichberechtigt — wie bei uns ja auch nicht.

      Und es gab tatsächlich die Idealvorstellung, daß der Mann sich um alles zu kümmern hatte, was außerhalb des Hauses lag, und die Frau für den inneren Bereich zuständig war und nach Möglichkeit nicht mit fremden Männern in Berührung kommen sollte. Was sich natürlich einfacher realisieren läßt, wenn sie im Haus bleibt (zu dem übrigens üblicherweise ein Innenhof gehörte). Wie Sie sich ebenfalls denken können, war das in dieser Form aber ohnehin nur für bessergestellte Familien realisierbar, und wieweit es in diesen tatsächlich so gehalten wurde, wäre auch zu prüfen.

      Hier soll das ja darauf hinweisen, daß die Mutter des Angesprochenen über jeden Zweifel erhaben ist. Das würde ich nicht als Tatsachenbericht auffassen. Vielleicht hätte ich bei der Formulierung mehr darauf achten sollen, daß es sich um eine Idealvorstellung handelt?

      Die Männer haben dafür übrigens tagsüber eigentlich nichts im Haus zu suchen und werden von den Frauen ggf. als Störfaktor wahrgenommen. Heutzutage gehen deshalb auch Männer im Ruhestand tagsüber gern nach draußen – in den Park oder in Geschäfte (fürs Einkaufen sind in diesem Konzept übrigens die Männer zuständig). Es ist also eher ein Konzept unterschiedlicher Lebenssphären und Zuständigkeitsbereiche, die etwas vereinfacht in Draußen und Drinnen unterschieden werden können.

  2. Hier sollte man außerdem mal bedenken, dass der Scherz im höfischen Umfeld spielt. Dort – sprich im Harem – gab es bekanntermaßen auch Frauen, mit denen man eine gültige Ehe (nikah) einging, und solche, die als Tänzerinnen /Sängersklavinnen etc zumeist per Zeitehe „geheiratet“ wurden. Auch Sängersklavinnen und Tänzerinnen hatten – ähnlich wie Geishas – einen Status, der über „Sexsklavinnen“ weit hinaus ging. Neue Untersuchungen zur Geschichte des Harems zeigen gerade den Handlungsspielraum (Agency), den viele Bewohnerinnen des Harems genossen (allerdings, und das sei zugegeben, nicht die Mehrheit) . Hier müssen weitere Forschungen noch neue Erkenntnisse liefern.

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