Iran September-Oktober 2014: Es grünt so grün – Die Parks von Esfahan

Schon im letzten Teil meines Reiseberichts habe ich ja auf die wunderschönen Esfahaner Parks hingewiesen, die dem Wassermangel zum Trotz in sattem Grün leuchten. Das verdanken sie natürlich der sorgfältigen Pflege, die man ihnen angedeihen läßt. Dabei nimmt das Ausmaß der Sorgfalt schon fast deutsche Züge an. In diesem Jahr habe ich nämlich sowohl in der Parkpromenade am Nordufer des Flusses Zâyande-Rûd als auch im Hascht-Behescht-Park eine Entdeckung gemacht, die mir für iranische Verhältnisse doch ungewöhnlich erschien: Mülltrennung in öffentlichen Mülleimern.

Mülltrennung in "trockenen" und "feuchten" Abfall

Mülltrennung in „trockenen“ und „feuchten“ Abfall

Allerdings hatte ich nicht den Eindruck, daß die Mülltrennung besonders konsequent umgesetzt wird – nur habe ich das nicht photographisch festgehalten. Immerhin steht alle paar Meter so ein Mülleimerduo, so daß man seinen Müll längst nicht so lange mit sich herumschleppen muß wie hierzulande. Das Wort „pas-mând“ („Zurückgebliebenes“) für Abfall war mir übrigens neu. In jedem Fall ist es eine komplett persische Zusammensetzung, wie man das bei einem offiziellen Neologismus erwarten darf. 😉

Eine weitere Eigenheit der iranischen Parks nicht nur in Esfahan, sondern auch in Teheran und vermutlich auch in anderen Städten sind die öffentlichen Fitneßgeräte.

Öffentliche Fitneßgeräte im Park am Zâyande-Rûd 1

Öffentliche Fitneßgeräte im Park am Zâyande-Rûd 1

Öffentliche Fitneßgeräte im Park am Zâyande-Rûd 2

Öffentliche Fitneßgeräte im Park am Zâyande-Rûd 2

Diese Geräte werden zwar hauptsächlich von älteren Herren genutzt, aber das ist schon deshalb nicht weiter verwunderlich, weil diese Bevölkerungsgruppe in besonders großer Zahl in den Parks anzutreffen ist. Männer gehören nämlich tagsüber nicht ins Haus, und wenn sie ein Alter erreicht haben, in dem sie nicht mehr zur Arbeit gehen (können), dann setzen sie sich eben in den Park und unterhalten sich mit ihren Altersgenossen. Junge Leute trainieren eher im Fitneßstudio – und Frauen aus Anstandsgründen ohnehin vor allem in geschlossenen Räumen ohne männliche Zuschauer.

In einem warmen trockenen Land gehört zu einem schönen, erholsamen Garten mehr als nur saftiges Grün, nämlich Wasser in Bewegung. Fontänen sind nicht nur hübsch anzusehen, wenn sie wie hier geometrische Formen bilden, sondern kühlen auch die Sitzbereiche rund um das Becken.

Fontänen im Hascht-Behescht-Park

Fontänen im Hascht-Behescht-Park

Doch es gibt nicht nur große Fontänen, sondern man hat auch kleine Bachläufe angelegt, in denen das Wasser plätschert und über die kleine Brücken führen.

Künstlicher Bach im Hascht-Behescht-Park

Künstlicher Bach im Hascht-Behescht-Park

Künstlicher Bach im Hascht-Behescht-Park

Nahaufnahme: Künstlicher Bach im Hascht-Behescht-Park

Und wenn das viele Wasser den Betrachter schließlich durstig macht, so gibt es im Park auch eine öffentliche Trinkquelle. Als Ausländer sollte man sich dort aber sicherheitshalber nicht bedienen, sondern besser an den Kiosken, die abgepackte Getränke anbieten.

Öffentlicher Trinkwasserspender im Hascht-Behescht-Park

Öffentlicher Trinkwasserspender im Hascht-Behescht-Park

Nahaufnahme

Nahaufnahme

Die großen Fontänen gehören übrigens zu dem Becken vor dem Hascht-Behescht-Palast.

Fontänen im Wasserbecken vor dem Hascht-Behescht-Palast

Fontänen im Wasserbecken vor dem Hascht-Behescht-Palast

In den meisten Beschreibungen wird „Hascht Behescht“ als „Acht Paradiese“ (hascht = acht; behescht = Paradies) wiedergegeben (z.B. hier) oder auf die achteckige Form hingewiesen (z.B. hier). Es gibt aber auch eine andere Erklärung, die besagt, daß „hascht“ in diesem Fall nicht „acht“ bedeutet, sondern ein Wort aus dem Dialekt von Esfahan sei und einen Teil des Eingangsbereiches eines Hauses bezeichne. Dann hieße „Hascht Behescht“ nicht „Acht Paradiese“, sondern „Eingang zum Paradies“. Was richtig ist, weiß ich nicht, aber nach dem Prinzip, daß die kompliziertere Lesart wahrscheinlich die richtige ist, wäre die zweite Erklärung zumindest in Erwägung zu ziehen. Vielleicht wissen Sie ja mehr darüber?

Hascht-Behescht-Palast (Kâch-e Hascht-Behescht) aus dem 17. Jh.

Hascht-Behescht-Palast (Kâch-e Hascht-Behescht) aus dem 17. Jh.

Neben den historischen Sehenswürdigkeien gibt es in den Parks aber auch zoologisch Interessantes zu entdecken wie etwa die hübschen Rabenvögel, die dort sehr zahlreich anzutreffen sind und sich von unseren Raben und Krähen deutlich unterscheiden. Auf persisch nennt man sie lautmalerisch „Kalâgh“.

Rabenvogel (kalâgh) im Hascht-Behescht-Park

Rabenvogel (kalâgh) im Hascht-Behescht-Park

"Kalâgh" im Hascht-Behescht-Park von hinten

„Kalâgh“ im Hascht-Behescht-Park von hinten

Vögel sind in den Parks übrigens nicht nur als lebende Wesen anzutreffen. Es gibt auch in Vogelform geschnittene Büsche und Bäumchen. Und die gibt es nicht nur in den Parks, sondern auch auf den grün gesäumten Ruheinseln mitten im Straßenverkehr, wo auch Wasserbecken angelegt wurden.

"Vogelbusch"

„Vogelbäumchen“ an einer Kreuzung

Da ich hoffe, daß Sie den Anblick des grünen Parks ebenso sehr genießen wie ich, schließe ich mit einigen Bilder aus dem Hascht-Behescht-Park. Wie Ihnen sicher aufgefallen ist, habe ich diesen Park besonders häufig aufgesucht – nicht zuletzt, weil er auf meinem Weg zum Meydân lag und ich nach wenigen Minuten im Gewühl und vor der nächsten gefährlichen Straßenüberquerung gern ein Päuschen dort eingelegt habe.

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Ich stehe mit meiner Vorliebe zu den Parks aber nicht allein, denn auch die Einwohner Esfahans und noch mehr die inneriranischen Touristen, die zum Beispiel zu Nourûz in die Stadt kommen, halten sich dort gerne auf und legen sogar Decken und Kissen auf den Grünflächen aus – für das Picknick der Großfamilie oder zum Ausruhen und Schlafen. Davon habe ich zwar kein Foto gemacht, aber hier sehen Sie, wo solche Picknicks häufig stattfinden:

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Selbstverständlich gibt es in Esfahan noch eine ganze Reihe anderer Parks und Gärten, die sicher eine Besichtigung lohnen. Eine Auswahl finden Sie am Ende dieses Wikipedia-Artikels über Esfahan.

Gelehrter Satiriker – ‚Obeyd-e Zâkânî und was wir über ihn wissen

Da ich Ihnen schon hie und da Witze aus einer Sammlung des ‚Obeyd-e Zâkânî erzählt habe, erscheint es mir angebracht, Ihnen endlich einmal den Menschen vorzustellen, der diese Sammlung zusammengestellt hat. ‚Obeyd-e Zâkânî hieß eigentlich Nezâm ed-Dîn ‚Obeydollâh-e Zâkânî (arabisch: Nizâm ad-Dîn ‚Ubaidallâh az-Zâkânî), aber in Iran und unter Iranisten ist er unter der kürzeren Namensform bekannt. Neben der erwähnten kleinen Sammlung von persischen und arabischen Witzen und Anekdoten hat er auch eine Reihe anderer humoristischer Prosawerke und Gedichte verfaßt – in einer sehr deftigen und oft obszönen Sprache.

Deshalb werden seine »gesammelten Werke« in Iran auch nicht ohne Zensur ediert. Das sieht dann so aus, daß man anstelle eines Wortes wie »Arsch« eine der folgenden Varianten zu lesen bekommt: »…h« oder »…«. Selbstverständlich werde ich Ihnen auch in Zukunft noch weitere Auszüge aus den Werken ‚Obeyds vorstellen. Nur muß ich erstmal sehen, was unsere Rechtsprechung zum Thema Zitieren obszöner Inhalte auf öffentlich zugänglichen Internetseiten so zu bieten hat, bevor ich mich ans Eingemachte heranwage. Nicht, daß Sie sich am Ende an den einschlägigen Stellen auch mit »…« begnügen müssen. 😉

Doch zurück zu dem Menschen ‚Obeyd-e Zâkânî! Was genau wissen wir über ihn? Sicher ist, daß er in der Umgebung von Qazvin im Nordwesten Irans geboren wurde und aus einer Familie von Gelehrten und staatlichen Würdenträgern stammte. Auch er selbst war umfassend gebildet, wie aus seinen Werken zu erkennen ist. Das heißt, er war kein oberflächlicher Spaßmacher, sondern ein gelehrter Mann. Als Dichter und Verfasser gelehrter Abhandlungen war er sogar so bekannt, daß er in einem Geschichtswerk erwähnt wird, das um das Jahr 1330 fertig gestellt wurde. Deshalb schätzt man sein Geburtsjahr auf rund 1300 oder möglicherweise noch früher. In demselben Geschichtswerk wird ‚Obeyd ein Titel beigelegt, der auf eine höhere Funktion in der Reichsverwaltung schließen läßt. Es gibt Hinweise darauf, daß er in der Finanzverwaltung Chorâsâns tätig gewesen sein könnte, also im Nordosten. Spätestens im Jahr 1371 dürfte er gestorben sein, denn sein Sohn erbte in diesem Jahr eine Handschrift von ihm. Das heißt auch, daß ‚Obeyd mindestens einmal verheiratet und Familienvater war.

Und er lebte in einer turbulenten Zeit. Im Jahr 1335 – ‚Obeyd dürfte damals Mitte dreißig gewesen sein – war nämlich der letzte Îlchân gestorben, also der letzte Mongolenherrscher über Iran und den Irak. Danach brach das Reich auseinander. Genaugenommen gab es noch einige weitere Îlchâne, nur übten sie keine nennenswerte Macht mehr aus. Daher balgten sich für den größeren Teil der 14. Jahrhunderts in Iran diverse Lokalherrscher um die Reste des ehemaligen Îlchânreiches.

Das prägte auch ‚Obeyds Leben. Irgendwann nach dem Jahr 1342 hatte es ihn nach Schiras verschlagen, wo er sich nach anfänglichen Schwierigkeiten wohl ganz gut einlebte. Am dortigen Hof hielt sich noch ein anderer persischer Dichter auf: ‚Obeyds jüngerer, aber viel bekannterer Zeitgenosse Hâfez. Wohl um 1352 fand schließlich auch ‚Obeyd im Alter von gut fünfzig Jahren Zugang zum Herrscher, während ihn zuvor vor allem der Wesir gefördert hatte. Doch das sollte nicht lange währen, denn nur fünf Jahre später nahm die Geschichte der Stadt eine neue Wendung: Schiras wurde von einem anderen Lokalherrscher erobert, und ‚Obeyd mußte aus der Stadt fliehen. Sehr wahrscheinlich hielt er sich dann eine Zeitlang am Hof eines weiteren Herrschers auf, der den Irak und Nordwestiran regierte. Schon nach kurzer Zeit konnte ‚Obeyd aber nach Schiras zurückkehren. Der Eroberer fiel nämlich im Jahr 1358, also nur ein Jahr nach der erfolgreichen Eroberung der Stadt, seinen eigenen Söhnen zum Opfer: Er wurde abgesetzt und geblendet. ‚Obeyd scheint dann bis zu seinem Tod in Schiras geblieben zu sein.

Viel mehr wissen wir nicht über ‚Obeyd-e Zâkânî. Dafür sind umso mehr unzuverlässige Anekdoten über ihn im Umlauf. Kein Wunder bei einem gelehrten Dichter mit einem weithin berühmten obszönen Humor. So ein Mensch regt die Phantasie seiner Mitmenschen an. Daher kann man allerlei Geschichten über ‚Obeyd nachlesen – allerdings nicht nur in den Ausgaben seiner Werke, sondern auch in der älteren Fachliteratur. Und der Blick in die englische Wikipedia zeigt einmal mehr, daß die alten Anekdoten ihren Weg auch in diese „Enzyklopädie“ gefunden haben. So soll ‚Obeyd in Schiras in Südwestiran studiert und später das Amt eines Qadi, also eines Richters, versehen haben. Dann habe er sich angeblich der Spaßmacherei zugewandt, weil er mit gelehrten Abhandlungen und Lobgedichten keinen Zugang zum Herrscher von Schiras gefunden habe. Die verschiedenen Versionen der Anekdoten sind in unterschiedlichem Maße unglaubwürdig. Vor allem sind sie aber keine gesicherten Tatsachen.

Trotzdem will ich Ihnen nicht alle Anekdoten vorenthalten. Immerhin illustriert die folgende Anekdote eine Eigenschaft, die man ‚Obeyd durchaus zutrauen kann – eine scharfe Zunge:

Salmân-e Sâvadschî, ein bekannter Dichter und Zeitgenosse ‚Obeyds, hatte kränkende Spottverse über ‚Obeyd gedichtet, obwohl er ihn gar nicht persönlich kannte. Danach trug sich folgendes zu:

Man erzählt, daß Salmân einmal auf einer Reise mit viel Pomp am Flußufer rastete. ‚Obeyd-e Zâkânî stieß zu Fuß zu dieser Versammlung. Salmân sagte: „Bruder, woher kommst du?“ Antwort: „Aus Qazvin.“ Salmân fragte: „Kennst du ein Gedicht von Salmân auswendig?“ ‚Obeyd antwortete: „Ein, zwei Verse habe ich in Erinnerung.“ Salmân: „Rezitiere sie doch!“ ‚Obeyd rezitierte die folgenden beiden Verse:

Ich besuche oft die Schenken und verehre den Wein
Verliebt und trunken in den Schenken der Magier

Wie den Krug zieht man mich von Schulter zu Schulter
Wie den Becher reicht man mich von Hand zu Hand

Diese beiden Verse rezitierte er und setzte hinzu: „Salmân ist groß und gebildet. Ich glaube nicht, daß man ihm diese Art von Gedichten zuschreiben kann. Vielmehr glaube ich, daß dieses Gedicht von Salmâns Ehefrau stammt, denn es paßt eher, ihr solche Worte zuzuschreiben.“

Von diesem giftigen Spott war Salmân ganz erschlagen – schließlich sollte eine anständige Frau nicht einmal das Haus verlassen! Schlagartig wurde Salmân klar, wen er vor sich hatte. Daraufhin behandelte er ‚Obeyd sehr ehrerbietig, und sie wurden Freunde. Aber Salmân hütete sich von da an vor ‚Obeyds Zunge und sah sich vor.

(Diese Version der Anekdote stammt aus Doulat-Schâh-e Samarqandîs Tazkerat osch-scho’arâ, S. 690f. Ich habe den Anfang und das Ende zusammenfassend nacherzählt.)

Natürlich ist auch diese Anekdote alles andere als ein Tatsachenbericht. Schon 1981 hat sich Paul Sprachman in seiner Dissertation die Mühe gemacht, die Überlieferungen zu ‚Obeyds Leben kritisch zu untersuchen. Dabei ist klar geworden, daß die meisten Anekdoten unzuverlässig sind. Nur hat sich das offenbar noch nicht überall herumgesprochen. Dabei gibt es mittlerweile sogar ein 2012 publiziertes und durchaus erschwingliches neues Buch von Sprachman über ‚Obeyd, wie ich eben entdeckt habe.

Seriöse Forschung zu ‚Obeyd ist aber trotz der Beliebtheit seiner humoristischen Werke nach wie vor nicht sehr verbreitet. Dabei wäre das durchaus lohnend, denn seine humoristischen Werke – Poesie wie Prosa – enthalten nicht einfach nur obszöne Witze. Vieles davon ist auch beißende Satire. Das kann man schon an manchen seiner Witze erkennen, viel besser aber noch an Werken wie seinen satirischen „Definitionen“ und seinen „Hundert Ratschlägen“. Die klingen zum Beispiel so:

Die Dame: die viele Geliebte hat.
Die verheiratete Frau: die wenige Geliebte hat.
Die anständige Frau: die sich mit einem Geliebten begnügt.
(Zâkânî, S. 330)
Die Habgier des Richters: ein Gefäß, das durch nichts voll wird.
(Zâkânî, S. 327)

Solche und ähnliche Texte sind wahrscheinlich der Grund dafür, daß ‚Obeyd-e Zâkânî in der Fachliteratur gelegentlich als Kronzeuge für die Verlotterung der Gesellschaft in der Zeit der mongolischen Herrschaft und den Wirren danach angeführt wird. Manchmal benutzt man auch seine Anekdoten und anderen humoristischen Prosatexte und Gedichte als Illustration dafür. Schon unter der Îlchânherrschaft hatten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse im Reich nämlich verändert. Bis 1295 waren die mongolischen Herrscher selbst keine Muslime und förderten teilweise aktiv den Aufstieg von Personen aus religiösen Minderheiten. Selbstverständlich hielten die Îlchâne selbst und ihre mongolischen Gefolgsleute auch die islamischen Gesetze nicht für verbindlich. Deshalb lesen wir aus der Zeit der mongolischen Herrschaft immer wieder Klagen über die lockeren Sitten, die eingerissen seien. Natürlich heißt das nicht automatisch, daß die Situation sich wirklich erheblich von der in anderen Zeiten unterschied. (Das zu diskutieren, wäre wieder ein eigenes Thema.) Aber es zeigt, daß viele Menschen es so empfanden.

‚Obeyd mag einer dieser Menschen gewesen sein. Das Problem ist nur, daß man seine Texte nicht einfach eins zu eins als Darstellung von Wirklichkeit verkaufen kann. Zumindest ist das nicht seriös. Welche Erkenntnisse man aus ‚Obeyds Witzen und seinen anderen satirischen Texten ziehen kann, habe ich in meiner Doktorarbeit diskutiert. Doch das ist ein eigenes Thema für einen anderen Beitrag.

Zum Weiterlesen

Neuerdings gibt es eine deutsche Übersetzung von ‚Obeyds Gesamtwerk. Anscheinend ist sie ungefähr gleichzeitig mit meiner Dissertation im Jahr 2009 publiziert worden, und bislang habe ich sie mir nicht angesehen. Ich weiß also nicht, auf welcher Textbasis sie erstellt ist oder wie gut sie ist. Der Übersetzer, Joachim Wohlleben, war Germanist und hat auch zum Thema Hâfez im Arbeitsbereich der Iranisten „gewildert“. Ich konnte noch nicht herausfinden, was ihn zu Übersetzungen aus dem Persischen qualifiziert hat. Eine lohnende, weil unterhaltsame Lektüre dürfte das Buch aber in jedem Fall sein. Falls Sie es lesen: Schreiben Sie mir doch, wie Sie es finden!

Quellen und Literatur

Samarqandî, Doulat-Schâh: Tazkerat osch-scho’arâ‘. Ed. with prefaces and indices by Edward G. Browne. Tehrân: Asâtîr, 1382 š./2003. [1901].

Zâkânî, Nezâm od-Dîn ‘Obeydollâh: Kolliyât-e ‘Obeyd-e Zâkânî/Collected Works. Ed. by Mohammad-Ja’far Mahjoub. New York: Bibliotheca Persica Press, 1999 (Madschmû’e-ye Motûn-e Fârsî; Selsele-ye Nou, Schomâre-ye 2/Persian Text Series; New Series, no. 2).

Kurz, Susanne: „Verachtet das Scherzen nicht!“: Die kulturhistorische Aussagekraft von persischen Sammlungen humoristischer Kurzprosa. 2 Halbbde. Dortmund: Verlag für Orientkunde, 2009. (Beiträge zur Kulturgeschichte des islamischen Orients, 40). (kann man z.B. hier bestellen)

Sprachman, Paul Richard: The Comic Works of ‚Ubayd-i Zâkânî: A Study of Medieval Persian Bawdy, Verbal Aggression, and Satire. Phil. Diss. Chicago 1981. 15-66.

Iran September-Oktober 2014: Esfahân – Nesf-e dschahân

Wie es aussieht, werden wir uns heute und in den nächsten zwei bis drei Teilen meines Reiseberichts in Esfahan aufhalten – oder Isfahan, wie es hierzulande geschrieben wird. Die Iraner sprechen am Anfang aber kein „i“, sondern ein „e“. Doch das ist ohnehin kein so wesentlicher Bestandteil des Namens dieser Stadt, die in einem persischen Geschichtswerk aus dem 11. Jahrhundert noch „Sepahân“ hieß.

Warum wir uns so lange in Esfahan aufhalten werden? – Zunächst einmal deshalb, weil ich mich für einen großen Teil meiner Iranreise dort aufgehalten habe. 🙂 Außerdem ist Esfahan, wie man so schön sagt, die „Hälfte der Welt“, also gibt es dort auch eine Menge zu sehen. 😉 Auf persisch reimt sich das natürlich auch: „Esfahân – Nesf-e dschahân“ heißt auf deutsch „Esfahan – die Hälfte der Welt“.

Eigentlich sollte man einen Bericht über Esfahan ja mit den zahlreichen historischen Sehenswürdigkeiten beginnen. Doch erstens kann man sich die auch in jedem Reiseführer anschauen. Und zweitens möchte ich aus aktuellem Anlaß mit einem Blick auf den Fluß anfangen. Hier wird besonders deutlich, welch großes Wasserproblem sich in den letzten Jahren in weiten Teilen Irans entwickelt hat. Der durch Esfahan fließende Zâyande-Rûd sieht nämlich im Augenblick so aus:

Die Pol-e Châdschû stammt aus dem 17. Jh.

Die Pol-e Châdschû rechts im Bild stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Auf der gegenüberliegenden Seite liegen Tretboote auf dem Trockenen

Auf der gegenüberliegenden Seite liegen Tretboote auf dem Trockenen.

Wer die Châdschû-Brücke (Pol-e Châdschû) im Wasser sehen möchte, kann sich den Wikipedia-Artikel über die Brücke anschauen. Ich finde ja, ohne Wasser wird einem der Anblick seltener geboten – auch wenn das nicht gerade fröhlich stimmt. Das Wasser des Flusses wird in den letzten Jahren die meiste Zeit über gestaut, ehe es Esfahan erreicht. Denn wegen der großen Trockenheit wird das Wasser umverteilt und in andere Regionen geleitet. Seit Jahren hat es kaum geregnet und vor allem auch im Winter im Gebirge nicht genug geschneit. Das gilt zwar nicht für ganz Iran, aber für große Teile des Landes. Und Esfahan ist ja umgeben von Wüste und Steppe. Zum Opferfest im Oktober wurden sogar Zelte im Flußbett aufgeschlagen.

Doch nicht nur der Fluß Zâyande-Rûd, auch kleinere Kanäle in der Stadt sind komplett ausgetrocknet:

Kanal in der Stadt

Kurz und gut: Iran ist ein Land, in dem „gutes Wetter“ bedeutet, daß es regnet. Das ist für uns ähnlich ungewohnt wie für die Iraner der Gedanke, daß man „Schatten“ auch mit etwas Unheilvollem verbinden kann. Sie sehen: Ein Übersetzer muß nicht nur Wörter in eine andere Sprache übertragen. 🙂

In diesem Jahr konnten wir den Anblick des Flusses also wieder nicht genießen – denn er war auch dieses Mal nicht vorhanden. Schon vor zwei Jahren war es ebenso und vor fünf Jahren nicht anders. Trotzdem wird in Iran das Wasser (noch) nicht für mehrere Stunden am Tag abgedreht, wie ich es im Jahr 2000 in Damaskus erlebt habe. Vielleicht sind die Iraner deshalb mit dem Wasser noch immer nicht übertrieben sparsam.

Immerhin scheint auch für die Parks noch genügend Wasser vorhanden zu sein. Sie sind eine Art „grünes Herz“ der Stadt und unverzichtbare Zufluchtsorte, an die man sich aus dem Gewimmel auf den Gehsteigen und dem lebensgefährlichen dichten Verkehr auf den Straßen retten kann. Man biegt einfach um die richtige Ecke – und schon steht man im Grünen.

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Trotzdem leiden die Esfahaner sehr darunter, daß ihr Fluß schon so lange trocken liegt. Der trostlose Anblick bedrückt sie. Zwar hat es in den letzten Wochen ein wenig geregnet, aber längst nicht genug. Nur zu Nouruz und wenigen anderen Gelegenheiten wird Wasser in den Fluß geleitet. Dauerhaft darf man wohl auch die Fundamente der historischen Brücken nicht trockenliegen lassen.

Und damit kommen wir zum aktuellen Anlaß des heutigen Themas: Vor ein paar Tagen hat der Fluß zum ersten Mal seit Monaten wieder Wasser bekommen! Viele Esfahaner versammelten sich im Flußbett, warteten auf das Wasser und feierten dann seine Ankunft ausgelassen. Eine ganze Reihe Bilder von diesem Ereignis kann man sich in diesem Artikel anschauen.

Und da ich diese hübschen Bilder lieber nicht direkt poste, weil das natürlich die Urheberrechte des Fotografen verletzen würde, biete ich Ihnen als Ersatz zum Abschluß noch zwei meiner vielen Bilder vom großen Platz in Esfahan an. Solche Bilder dürfen doch in keinem Beitrag über Esfahan fehlen, nicht wahr? 😉

Scheich-Lotfollah-Moschee aus dem 17. Jh.

Scheich-Lotfollah-Moschee aus dem 17. Jahrhundert

Eingangsportal der Königsmoschee aus dem 17. Jh.

Eingangsportal der Königsmoschee aus dem 17. Jh. mit Mondsichel über den Minaretten

Wesir der Seldschuken: „Vater“ des Sultans

Zur fünften Folge geht es hier.
Zur siebten Folge geht es hier.

Nach dem frühen und recht plötzlichen Tod Alp Arslâns im Jahr 1072 war sein designierter Nachfolger Malek-Schâh nun Anführer der Armee seines Vaters. Doch mit Qâvord Beg, dem Bruder seines Vaters, gab es einen Rivalen um den Thron des Sultans. Unter den Seldschuken war es nämlich keineswegs ausgemachte Sache, daß einem Herrscher zwingend einer seiner Söhne auf den Thron folgen mußte – geschweige denn ein bestimmter Sohn. Auch der Wille des verstorbenen Herrscher hinderte andere Familienmitglieder nicht daran, eine andere Ansicht zu vertreten. So war Malek-Schâhs Onkel Qâvord der Auffassung, der Thron des obersten Seldschukenherrschers stehe ihm als älterem Familienmitglied zu, nicht seinem blutjungen Neffen. Malek-Schâh war ja erst rund achtzehn Jahre alt (es gibt wieder einmal unterschiedliche Angaben über sein Geburtsjahr, so daß er entweder siebzehn oder neunzehn Jahre alt gewesen sein muß).

So blieb die militärische Auseinandersetzung mit Onkel Qâvord nicht aus, und erst nachdem Malek-Schâh ihn 1073 besiegt und getötet hatte, saß der junge Sultan wirklich fest auf seinem Thron. Im Folgejahr schickte der neue Abbasidenkalif in Bagdad, al-Muqtadî, seine offizielle Anerkennung des Sultanats von Malek-Schâh.

In dieser ersten Zeit der Unsicherheit wie auch in den folgenden Jahren war der Nezâm eine wichtige Stütze der Macht Malek-Schâhs. Er hatte weitreichende Netzwerke, mächtige Verbündete, zahlreiche ihm persönlich verpflichtete Protegés und war auch unter den  benachbarten Herrschern angesehen.  Eine unserer Quellen malt die Machtfülle und Erfolge des Nezâm bunt aus (nachzulesen in deutscher Übersetzung bei Schabinger, S. 58-62) und schreibt die Erfolge des Sultans und das Blühen des Reiches unter seiner Herrschaft in erster Linie dem Nezâm zu. Allerdings stammt diese Schilderung von einem Verwaltungsangestellten, und daher ist es, sagen wir, nicht ganz abwegig anzunehmen, daß er die Bedeutung des Wesirs im direkten Vergleich zu der des Sultans ein wenig überbetont.

Immerhin führte Malek-Schâh den Oberbefehl über das Heer und brachte in dieser Funktion die Ausdehnung des Seldschukenreiches auf ihren historischen Gipfel. Von Syrien bis Transoxanien eroberte Malek-Schâh eine Reihe von Landstrichen und Reichen, bis die Seldschuken zum Teil direkt, zum Teil durch unterworfene Vasallen über ein beeindruckendes Reich herrschten (Karte z.B. hier). Dabei wurden allerdings auch größere Regionen zur Regierung an die Mitglieder der Seldschukenfamilie vergeben. Zwar unterstanden sie noch Malek-Schâh, doch nach und nach entwickelten sich hier eigene Seldschukenreiche. Deshalb spricht man von den „Groß-Seldschuken“ mit der Oberherrschaft über das gesamte Reich, von den „Kermân-Seldschuken“ in der Nachfolge von Malek-Schâhs Onkel Qâvord und den bekannteren „Rûm-Seldschuken“ auf dem früher byzantinischen Gebiet in Kleinasien.

Andererseits darf man die Verdienste des Nezâm um die innere Stabilität des Reiches in Malek-Schâhs Herrschaftszeit und seinen Einfluß auf den Sultan auch nicht unterschätzen. Er hatte ein enges Verhältnis zu seinem jungen Herrn und war vermutlich sogar Malek-Schâhs Prinzenerzieher (atâbeg) gewesen. Der Sultan hielt denn auch große Stücke auf seinen Wesir. Neben der Ausdehnung des Reiches und dem propagandistischen Geschick des Nezâm zeigt die folgende Anekdote aus dem Umfeld eines Kriegszuges an den Oxus (heute Amû Daryâ)  auch dieses vertraute Verhältnis auf (zitiert wie üblich nach Schabinger von Schowingen, hier S. 65f):

Als man sich nach erfolgreichem Feldzug zum Abmarsch anschickte und der Sultan durch Besteigen seines Pferdes das Zeichen dazu gab, erhob sich in seiner Nähe ein großes Geschrei. Die Fährleute vom Oxus schrien: „Wir sind arme Leute! Unser Lebensunterhalt kommt vom Wasser! Wenn ein Jüngling von hier bis nach Antiochien läuft, kommt er als ein Greis zurück!“ – Der Kanzler (d.h.: der Wesir Nezâm ol-Molk, SK) hatte ihnen nämlich den Fährlohn nicht bar gezahlt, sondern eine Anweisung darüber auf Antiochien ausgeschrieben. Der Sultan wandte sich an den Kanzler mit den Worten: „Ei, Vater, was ist denn das für eine Herzenskälte? Haben wir etwa in diesem Landstrich nicht genügend Mittel, so daß eine Anweisung auf Antiochien ausgestellt werden müßte?“ – „O Herr“, antwortete der Kanzler, „sie brauchen gar nicht igendwohin zu laufen: unser Gefolge kauft ihnen die Anweisung mit barem Gelde ab! Der Knecht (d.h.: ich, SK) hat dies nur verfügt zur Verherrlichung des Reiches und der Ausdehnung der Herrschaft, damit man wisse, wie weit unser Staatsgebiet sich erstreckt und von wo bis wohin der Befehl seines Herrschers reicht und damit die Geschichtsschreiber noch davon berichten.“ – Zwar gefiel diese Antwort dem Sultan, aber er gab gleichwohl den Befehl, die Leute mit barem Gelde zu befriedigen.

Der Nezâm hatte also den Fährleuten am Oxus ganz im Osten des Reiches eine Geldanweisung auf Antiochien in Syrien ausgeschrieben, das heute als Antakya im südlichsten Zipfel der Türkei liegt, um sie auf die Ausdehnung des Reiches hinzuweisen. Und Malek-Schâhs Anrede für den Nezâm – atâ, das türkische Wort für Vater, das auch in dem Begriff atâbeg steckt – zeigt das vertraute Verhältnis der beiden und die große Wertschätzung des Sultans für seinen Wesir.

Natürlich beruhte die Macht des Nezâm zur Zeit Malek-Schâhs nicht nur auf der Haltung des Sultans zu seinem Wesir. Aus der Analyse verschiedener Quellen wissen wir recht gut, daß er nicht nur viele Protegés unter den Gelehrten und Verwaltungsangestellten hatte und über großen Reichtum verfügte. Vielmehr gebot er auch über eine stattliche Anzahl an Militärsklaven, die als Nizâmiyya-Truppe bekannt sind. Nicht zuletzt betrieb er auch eine geschickte Familienpolitik, indem er seine zahlreichen Söhne auf wichtige Verwaltungsposten setzte und seine Töchter mit einflußreichen Männern verheiratete. Von des Nezâm angeblich zwölf Söhnen habe ich in den Quellen immerhin neun namentlich ausfindig machen können.

So wurde in der Folge einer der fehlgeschlagenen Intrigen gegen den Nezâm dessen Sohn Mo’ayyed ol-Molk (arabisch: Mu’ayyid al-Mulk) zeitweilig zum Leiter einer der wichtigsten Behörden der Reichsverwaltung. Und ein langjähriger Wesir des Kalifen in Bagdad erhielt nacheinander gleich zwei Töchter des Nezâm zur Frau (die erste war im Kindbett gestorben), so daß ein scharfzüngiger Hofdichter des Nezâm über die Wiedereinsetzung dieses Kalifenwesirs nach einem Skandal in Bagdad folgendes Spottgedicht verfaßte:

Dem Kanzler (d.h.: Wesir, SK) sag, schrick nicht zurück vor seiner Würde,
wenngleich er hoch im Amt und daher noch so groß:
Wär‘ nicht des Alten Tochter, nicht wärst du wieder Kanzler,
da unser Herr du wurdest, lobpreise – ihren Schoß!

(deutsche Übersetzung von Schabinger von Schowingen, S. 69; „des Alten“ wäre im Tonfall wohl besser wiedergegeben mit „des ehrwürdigen alten Herrn“, aber das wäre hier natürlich zu sperrig gewesen)

Allerdings soll der Nezâm sich nach einem Zusammentreffen mit seinem bereits zwanzigjährigen Sohn Mo’ayyed ol-Molk auch einmal bedauernd über die Beschwernisse seines Amtes geäußert haben. Ihm bleibe nämlich verwehrt, was jedem Gemüsehändler vergönnt sei: daß sich jeden Abend seine Kinder um ihn versammeln. Er dagegen habe diesen Sohn, der schon ein solches Alter erreicht habe, erst ein paar Mal zu Gesicht bekommen. Man darf jedoch sicher annehmen, daß ihn die Vorzüge der Macht hinreichend für solche Verluste entschädigt haben, denn sonst hätte er vermutlich die eine oder andere Gelegenheit genutzt, sich aus der Verantwortung zurückzuziehen. Immerhin hatte er  ja auch einen Sultan als „Sohn“.

Für Malek-Schâh allerdings waren auf Dauer weder die große Macht des Nezâm noch seine Familienpolitik ein Grund zur Begeisterung. Auch der jüngste Sultan wird schließlich älter und entwächst der Fürsorge seines väterlichen Wesirs. Doch davon erzähle ich Ihnen ein anderes Mal. Schauen Sie doch einfach zur nächsten Folge wieder herein!

Literatur

Claude Cahen: „Atābak“, Encyclopaedia Iranica, online edition, 1987/Update 2011, abrufbar unter http://www.iranicaonline.org/articles/atabak-turkish-atabeg-lit (zuletzt aufgerufen am 02.11.2014)

David Durand-Guédy: „Malekšāh“, Encyclopaedia Iranica, online edition, 2012, abrufbar unter http://www.iranicaonline.org/articles/maleksah (zuletzt aufgerufen am 01.11.2014).

Quellen

zitiert und zusammengefaßt aus:

Susanne Kurz: „Der Hof des Nizâm al-Mulk“. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Tübingen, 2001.

Susanne Kurz: · „Der Wesir als Konkurrent des Sultans? Der Hof des Nizâm al-Mulk-e Tûsî“. In: TOBIAS-lib. Online-Publikationsservice der Universität Tübingen. November 2009, http://tobias-lib.ub.uni-tuebingen.de/volltexte/2009/4311/. S. 10-17.

Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen: Das Buch der Staatskunst: Siyâsatnâma. Aus dem Persischen übersetzt und eingeleitet von Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen. Zürich 1987. Einleitung, S. 70f, 81 sowie die im Text genannten.

Iran September-Oktober 2014: Erste Eindrücke aus Teheran

In Teheran kenne ich mich nach wie vor nicht aus, und ich weiß auch nicht allzu viel über die Stadt, denn ich halte mich dort immer nur wenige Tage lang auf. Teheran ist der Ort, an dem ich meinen „Reisekater“ ausschlafe, Kollegen und Kooperationspartner treffe und vergriffenen Büchern nachjage – letzteres meist in der allen Orientalisten vermutlich wohlbekannten antiquarischen Buchhandlung „Bâbak“.

Dort sitzt ein älterer Herr zwischen Regalen voller alter Bücher an einem Schreibtisch, ausgestattet mit nichts als einem Telefon, Papier und einem Stift, und besorgt Bücher, die er nicht im eigenen Lager hat, durch einen Telefonanruf. Man sollte aber zwei, drei Stunden Zeit mitbringen. Denn während der Assistent losgeht, um die Bücher abzuholen, trinkt man ein Glas Tee oder auch zwei, unterhält sich ein wenig oder stöbert in den vorhandenen Bücherbeständen. Einmal durfte ich sogar einen Blick ins Nebenzimmer werfen und die dort angesammelten Schätze begutachten: alte europäische Bücher und Drucke. – Zugegeben: Manche Bücher kann auch dieser findige Antiquar nicht beschaffen, für andere braucht er ein paar Tage oder Wochen.

Jedenfalls ist Teheran für mich meist nur eine Durchgangsstation, auch wenn es dort durchaus viel zu sehen gäbe. Meine Orientierungslosigkeit in der Stadt rührt sicher nicht zuletzt daher, daß ich mich dort bisher kaum zu Fuß fortbewegt habe. Stattdessen habe ich mich des öfteren im Auto nicht fortbewegt – im allgegenwärtigen Stau nämlich. Dieses Jahr hatten wir am Abend vor einem Feiertag die Idee, zu einem Besuch mit dem Taxi in einen anderen Stadtteil zu fahren. Normalerweise braucht man für die fragliche Strecke eine knappe halbe Stunde. An diesem Abend waren wir fast zwei Stunden lang unterwegs.

Bei einer anderen Gelegenheit erklärte mir ein Taxifahrer, daß ich den gewünschten Zielort bei der aktuellen Verkehrslage mit der Metro schneller und billiger hätte erreichen können. Diese Bemerkung mag nicht sonderlich geschäftsfördernd gewesen sein, doch sie hat mich definitiv davon überzeugt, daß ich mich dringend näher mit dem Teheraner Metro-Netz befassen muß.

Immerhin habe ich es dieses Mal – meinem Teheraner Kooperationspartner sei Dank – zumindest in ein Teheraner Museum geschafft: in das Museum der Kronjuwelen, und das ist wirklich sehenswert. Natürlich darf man dort keine Fotos machen. Deshalb habe ich ein paar Fotos von der Broschüre gemacht, die mir mein Gastgeber besorgt hat.

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Diesen Wasserbehälter einer Wasserpfeife aus einem Straußenei fand ich ja schon beeindruckend. Noch faszinierender war für mich aber, daß man die Edelsteine irgendwo „aufbewahren“ mußte, wo ein Diebstahl eher auffallen würde als bei einem losen Häuflein, und man deshalb auf die Idee kam, Globen mit Juwelen zu besetzen:

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Es gibt auch noch einen größeren Globus, auf dem die Kontinente und Meere durch jeweils unterschiedliche Edelsteine in verschiedenen Farben repräsentiert und sogar die Ländernamen in Diamanten gesetzt sind.

Natürlich möchte ich Ihnen auch das „Meer des Lichts“ (daryâ-ye nûr) nicht vorenthalten, einen Diamanten, der fast so berühmt ist wie der „Berg des Lichts“ (kûh-e nûr), aber sich anders als der letztgenannte noch in Iran befindet (mehr dazu s. den Text auf der rechten Seite):

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Wie Sie sehen, haben die Bilder wieder einmal darunter gelitten, daß mir erst nach Einbruch der Dämmerung der Gedanke kam, diese Fotos zu machen, so daß der Blitz eine Spiegelung auf dem Glanzpapier verursacht hat. Aber damit müssen Sie jetzt leben. 🙂

Diese Broschüre ist übrigens auch ein Kuriosum: Mein Gastgeber fragte nach einer englischen Broschüre und bekam mitgeteilt, daß es die Broschüre nur auf persisch und auf deutsch gebe. In diesem Fall war das ja kein Problem. 😉

Natürlich hat Teheran noch andere Museen zu bieten, doch die habe ich bisher nicht gesehen. Dabei gebe ich mir seit zwei Reisen Mühe, endlich einmal ins Teppichmuseum zu kommen. Doch dieses Mal war es am einzigen verfügbaren Tag vor der Rückreise – einem Feiertag – leider geschlossen.

Immerhin konnten wir eine andere Sehenswürdigkeit aufsuchen, wo der Feiertag keine Rolle spielte: den Bazar von Tadschrîsch. Das ist ein kleiner, aber sehr hübscher Bazar mit einer überdachten Passage, die in einen kleinen überdachten Platz mündet. In dessen Mitte findet man eine Reihe von Obstständen.

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In der Passage sind die Namen der Geschäfte oben in traditionellem Stil in Weiß auf blauem Grund angebracht.

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Die Obststände sind gut beleuchtet und prall gefüllt. Obst wird ja in Iran auch den Gästen regelmäßig und reichlich angeboten. Wer kleine Salatgurken in der Obstschale entdeckt, muß sich aber nicht wundern: in Iran gehören sie dazu.

Wer bewegte Bilder lieber mag, findet hier auch ein Video, das den Bazar etwas ausführlicher zeigt – stammt nicht von mir, geht aber unter anderem auch die überdachte Passage ab, in der wir Safran und Datteln eingekauft haben. Aus welcher Zeit dieser Bazar stammt, müßte ich übrigens erst herausfinden. Ich kam noch nicht dazu, das zu recherchieren. Vielleicht sollte ich mir doch einmal einen Iran-Reiseführer zulegen…

Teheran war übrigens lange Zeit nur eine kleine Siedlung in der Nähe der wichtigen Stadt Rey (das alte Raga, manchmal auch Rayy oder Ray geschrieben) und entwickelte sich erst spät zu einer kleinen Stadt. Ihre Bedeutung bekam sie erst Ende des 18. Jahrhunderts, als sie zur Hauptstadt der Qadscharendynastie wurde. Heute ist das frühere Rey ein Stadtteil Teherans. Auf den Straßenschildern sieht man ab und zu „Schahr-e Rey“ („Stadt Rey“) angeschrieben, und auf dieser Abbildung der Verwaltungsbezirke Teherans ist es im Süden zu erkennen.

Auf dem Weg zum Bazar fiel mir auf, daß hier für Blutspenden nicht wie bei uns auf Plakaten, sondern gleich auf Hauswänden geworben wird:

"Blut schenkt Leben (wörtl.: ist ein Geschenk für das Leben), wir danken Ihnen."

„Blut schenkt Leben (wörtl.: ist ein Geschenk für das Leben), wir danken Ihnen.“

Und hier gibt es ein Büro, in dem man sowohl Eheschließungen als auch Scheidungen durchführen lassen kann. Irgendwie ist das ja naheliegend, aber ich fand es trotzdem eigenartig, das auf dem Schild rechts oben (blaue Schrift) so direkt nebeneinander zu finden:

"Büro für Eheschließungen und Scheidungen (daftar-e ezdevâdsch va talâq)"

„Büro für Eheschließungen und Scheidungen (daftar-e ezdevâdsch va talâq)“

Wie man auf den letzten beiden Bildern vielleicht erkennen kann, war es kurz vor unserer Rückreise nach Deutschland in Teheran recht trüb und regnerisch. Außerdem waren die Temperaturen von einem Tag auf den anderen um mehrere Grade gefallen. Wir hatten nur etwa 16 Grad und alles in allem ungefähr dasselbe Wetter wie am selben Tag in Bochum – jedenfalls, wenn die Wetter-App auf meinem Smartphone recht informiert war. Im Herbst kann es also ganz schön kühl werden, wenn die Sonne mal nicht herauskommt. Allerdings sah es schon am nächsten Tag wieder anders aus. Und die Teheraner haben sich natürlich über den Regen gefreut, denn in den letzten Jahren hat es weder viel geregnet noch geschneit. Daher herrscht zur Zeit große Wasserknappheit. Doch darüber berichte ich mehr in einem der nächsten Beiträge.

Zum Abschluß dieses ersten Reisebeitrags darf natürlich das Essen nicht fehlen. Bei der letzten Einladung zum Abendessen in Teheran gab es diese leckeren Vorspeisen:

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In der zweiten Reihe von links, zwischen den gefüllten Weinblättern, liegen kleine Brotscheiben mit kaschk-e bâdemdschân – das sind Auberginen in Joghurtsauce. Ich konnte gar nicht genug davon bekommen.

Noch etwas mehr Essen und anderes sehen Sie in der nächsten „Reisefolge“.

Neuigkeiten: Zurück von der Reise und anderes

Seit ein paar Tagen bin ich wieder zurück aus Iran. Dorthin war ich nämlich verreist, und da es in Iran mit dem Internet bekanntlich etwas schwieriger ist, konnte ich mich in dieser Zeit nicht aktiv um meinen Blog kümmern. Wie ich gesehen habe, sind Sie mir aber auch während meiner Abwesenheit treu geblieben und haben den Blog immer wieder angeklickt. Darüber freue ich mich sehr!

Natürlich werden Sie in den nächsten Wochen auch noch jede Menge Berichte über meine Reise bekommen. Dieses Mal habe ich eine Reihe Fotos extra für den Blog gemacht und Eindrücke notiert. Das Material sollte ausreichen, um einen Teil der dunklen Jahreszeit ein bißchen sonniger zu gestalten. 😉 Ich hoffe jedenfalls, Sie werden soviel Spaß am Lesen haben wie ich auf der Reise!

Für heute möchte ich nur ein Bild gewissermaßen als Vorschau einfügen, denn es gibt diese Woche noch andere Neuigkeiten.

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Das ist der Blick auf Ali Qapu in Esfahan von der gegenüberliegenden Seite des Meydan-e Naqsch-e Dschahan aus. Spätestens jetzt fällt Ihnen vielleicht auf, daß ich eine besondere Vorliebe für diesen Meydan habe, den ich auf fast jeder Iranreise mehrfach besuche. Es werden also noch andere Meydan-Bilder folgen. Aber keine Sorge: Ich habe darauf geachtet, auch eine Reihe von Bildern zu machen, die man (hoffentlich) nicht im Reiseführer findet! 🙂

Und nun zu den Neuigkeiten dieser Woche: Kaum von der Reise zurück, halte ich auf Einladung einer lieben Kollegin am Dienstag einen Vortrag. Dieses Mal gebe ich eine kurze Einführung in die Geschichte der graeco-islamischen Medizin insbesondere mit Blick auf ihre Entfaltung auf dem Subkontinent. Stattfinden wird der Vortrag um 13 Uhr im Rotary Club Hattingen:

Bildschirmfoto vom 2014-10-19 18:53:40

Vielleicht gewinne ich dort ja auch ein paar neue Leser für den Blog? In jedem Fall bin ich noch damit beschäftigt herauszufinden, ob meine PowerPoint-Präsentation nicht zu umfangreich ist. Aber ich habe viel Erfahrung im Vortragskürzen.

Bei meinen Blogbeiträgen muß ich das noch ein bißchen üben… 😉

Medizin zwischen Mythos und Wirklichkeit: Die Hohlnadel und die Staroperation

Teil 1: Medizin zwischen Mythos und Wirklichkeit: Die Chirurgie unter Muslimen des Mittelalters

Teil 2: Medizin zwischen Mythos und Wirklichkeit: Die Hohlnadel und die Staroperation

Wenn belegt ist, daß es bestimmte chirurgische Instrumente wirklich gab, dann lassen diese Instrumente auf die damals gängige medizinische Praxis und die Möglichkeiten erfolgreicher Operationen schließen, richtig? – Falsch!

Soviel wissen Sie ja schon aus dem letzten Beitrag zur Chirurgie: Operationen müssen nicht zwangsläufig durchgeführt worden sein, nur weil sie in der medizinischen Literatur beschrieben werden. Was aber, wenn es Fallberichte über erfolgreiche Operationen gibt? Wenn also ein Mediziner behauptet, eine bestimmte Operation mehrfach erfolgreich durchgeführt zu haben? Ist das nicht glaubwürdig? Und was, wenn es Belege darüber gibt, daß die benötigten Instrumente tatsächlich existiert haben? Wenn es sogar mehr als nur Belege gibt?

Das sind berechtigte Fragen, und auf den ersten Blick erscheint es nicht sonderlich logisch, daß man Instrumente ohne wirkliche Nutzanwendung hergestellt haben sollte. Gerade deswegen sind einige neuere Erkenntnisse der Medizinhistoriker Peter E. Pormann und Emilie Savage-Smith so interessant.

Im letzten Beitrag über “Medizin zwischen Mythos und Wirklichkeit” habe ich darauf hingewiesen, daß es eine ganze Reihe von Augenoperationen gab, die Muslime schon im Mittelalter erfolgreich durchgeführt haben. Dazu gehörte auch das “Starstechen”, also das Beiseiteschieben der getrübten Linse. Gerade das große Interesse an der Staroperation hat auch eine ganz besondere Blüte getrieben: ein chirurgisches Instrument, mit dessen Hilfe man den Star nicht nur beiseite schieben, sondern auch entfernen konnte.

Zumindest behauptete das ein ägyptischer Augenarzt des 10. Jahrhunderts. Er schreibt, er habe eine Hohlnadel hergestellt, mit der man den Grauen Star aus dem Auge absaugen könne. Dazu muß man wissen, daß man im Mittelalter davon ausging, der Graue Star wäre eine Membran oder Flüssigkeit zwischen Linse und Pupille. Man wußte also noch nicht, daß es sich um eine Eintrübung der Linse selbst handelt. Die Linse “abzusaugen” dürfte ja recht schwierig sein, eine Flüssigkeit oder weiche Membran dagegen ließe sich vielleicht tatsächlich durch eine Hohlnadel saugen. Derselbe Augenarzt lieferte denn auch eine Reihe von “Fallberichten”, in denen er seine Hohlnadel angeblich erfolgreich verwendet habe. Damit hätten wir also einen literarischen Beleg über die erfolgreiche Staroperation durch Absaugen mit einer Hohlnadel.

Mehrere hundert Jahre später, nämlich im 14. Jahrhundert, berichtete ein anderer Augenarzt aus Ägypten, daß es solche Hohlnadeln wirklich zu kaufen gebe und auch viele Augenärzte diese Nadeln mit sich führten. Unser Zeuge hat sogar eine Staroperation mit so einer Hohlnadel selbst beobachtet. Außerdem gibt es Abbildungen dieser Nadeln. Und schließlich hat man in Südfrankreich römische Nadeln für die Staroperation aus dem 1. oder 2. Jahrhundert gefunden, von denen zwei hohl sind und durchaus Vorläufer der Hohlnadeln unserer ägyptischen Ärzte sein könnten.

Das klingt doch alles danach, als ob diese Operation wirklich durchgeführt worden sei, nicht wahr? Wahrscheinlich ist sie das auch hin und wieder, nur nicht besonders oft und vor allem nicht erfolgreich – wie angesichts der heutigen Kenntnisse ja abzusehen. Unser Zeuge aus dem 14. Jahrhundert berichtet denn auch, die eine Operation, die er gesehen habe, sei fehlgeschlagen. Auf Nachfrage gab der Operateur  dann zu, er habe noch nie jemanden gesehen, der mit einer Hohlnadel den Grauen Star entfernt habe. Und auch die übrigen Ärzte, die im Besitz von Hohlnadeln für die Staroperation waren, erklärten, sie hätten die Operation damit nicht oder nicht erfolgreich ausgeführt, denn sie hätten nie eine erfolgreiche Operation gesehen und wüßten daher wohl nicht, wie man sie durchführen müsse.

Doch unser unser ägyptischer Augenarzt aus dem 14. Jahrhundert war neugierig und wollte wissen, ob die Fehlschläge wirklich den mangelnden Fertigkeiten der Ärzte zuzuschreiben waren. Also probierte er die Nadeln mit Wasser und einer dickeren Flüssigkeit aus und stellte fest, daß die Nadeln zwar Wasser aufsaugen können, aber nichts Dickflüssigeres. Und der Star, so meint er, sei nicht so dünn wie Wasser. Das ergänzt er noch um zehn logische Gründe, weshalb die Hohlnadeln seiner Ansicht nach nicht funktionieren könnten. Für uns lautet der logischste Grund sicherlich: Wie soll man Grauen Star mit einer Hohlnadel absaugen können, wenn der Star gar keine Flüssigkeit, sondern eine Eintrübung der Linse ist? Doch das wußte unser Zeitzeuge ja noch nicht.

Es sieht also nicht so aus, als sei diese Operation oft durchgeführt worden, und wenn, dann war sie nicht erfolgreich. Auch sonst finden sich in der medizinischen Literatur viele skeptische Stimmen zu den Hohlnadeln. Doch warum wurden dann Hohlnadeln für die Starentfernung hergestellt und gekauft? Alles nur ein geschickter Marketingtrick der Hersteller? Vielleicht. Die befragten Ärzte, die solche Nadeln besaßen, ohne sie je erfolgreich einzusetzen, gaben anscheinend an, sie hätten sie sich zu experimentellen Zwecken angeschafft. Mit anderen Worten: Die Augenärzte waren neugierig und dachten sich wohl, da diese Nadeln so verbreitet und bekannt waren, müßten sie auch zu etwas nutze sein. Womöglich war es auch einfach in Mode oder entsprach der Erwartung anderer Ärzte und vielleicht auch der Patienten, daß ein Augenarzt solches Werkzeug mit sich führte – vergleichbar dem weißen Kittel und dem Stethoskop heutiger Ärzte.

Eines scheint jedenfalls ziemlich sicher zu sein: Auf eine Standardoperation oder gar eine erfolgreiche Methode der Starentfernung kann man auch aus der Existenz solcher Nadeln nicht schließen.

Quellen

Peter E. Pormann/Emilie Savage-Smith: Medieval Islamic Medicine. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2007. 131-134.

Emilie Savage-Smith: “The Practice of Surgery in Islamic Lands: Myth and Reality”. In: P. Horden/E. Savage-Smith (eds.) The Year 1000: Medical Practice at the End of the First Millenium. Oxford: Oxford University Press, 2000 (Social History of Medicine, 13.2). S. 307-321.

Kurze Geschichte des Kalifats

Aus gegebenem Anlaß möchte ich einen knappen Überblick über den historischen Hintergrund von Begriffen wie „Kalif“ und „Kalifat“ geben – gewissermaßen als Unterfütterung dessen, was derzeit wieder regelmäßig über die Fernsehbildschirme geistert. Mir zumindest erscheint das nützlich.

Wie Sie vielleicht wissen, war Mohammed nach seiner Übersiedlung von Mekka nach Medina nicht mehr nur Prophet, sondern zugleich Leiter einer Gemeinschaft, eines politischen Gebildes also. Diese besondere Verbindung der Funktionen von Gottes Gesandtem und Sprachrohr und denen des Anführers einer Gruppe von Menschen war einzigartig und nach dem Tode des Propheten Mohammed nicht wiederholbar. Dennoch brauchte die Gemeinschaft der Muslime eine Führung. Mittlerweile war diese Gemeinschaft beträchtlich gewachsen und umfaßte nun auch einige arabische Stämme und neben den Einwohnern Medinas noch die Bevölkerung Mekkas. Und da man an einen Propheten als Anführer gewöhnt war, wollte man auch weiterhin eine Führung haben, die neben der Fähigkeit zur weltlichen Regierung auch über eine gewisse religiöse Autorität und Vorbildfunktion verfügte – auch wenn diese dem Propheten Mohammed nicht nahekommen konnte. Schließlich einigte man sich in den Jahren 632 bis 661 auf insgesamt vier „Kalifen“, die nacheinander diese Aufgabe übernahmen und später die „rechtgeleiteten“ (râschidûn) genannt wurden.

„Kalif“ ist die deutsche Form des arabischen Wortes „chalîfa“ (mit hartem „ch“ vorne wie im deutschen „Dach“), und das bedeutet „Nachfolger“ oder „Stellvertreter“. In der zweiten Bedeutung wurde das Wort übrigens weiter verwendet. Es bezeichnet also nicht in jedem Zusammenhang den Kalifen. Der vierte Kalif war ‚Alî, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed und Vater von dessen Enkeln al-Hasan und al-Husain. Nach ihm ging das Kalifat (auf arabisch heißt das zugehörige Substantiv chilâfa) auf den Rivalen ‚Alîs über, der in Damaskus residierte. Er wurde der Begründer der ersten Kalifendynastie, denn die Führung aller Muslime blieb für fast hundert Jahre in seiner Familie. Diese Dynastie – die Banû Umayya – heißt in der westlichen Forschung die Umayyadendynastie.

Allerdings gab es viele Muslime, die mit dieser Entwicklung nicht einverstanden waren. Einige religiös besorgte Gemüter waren der Auffassung, die Umayyaden seien keine Kalifen mehr, sondern nur noch „Könige“. Das sollte heißen, sie verfügten über keine religiöse Autorität und seien vor allem keine vorbildlichen Muslime und deshalb gar nicht geeignet, die religiöse Führung der Gemeinschaft zu übernehmen. Hinzu kam, daß diese Familie von einem der Gegner Mohammeds abstammte, der erst sehr spät zum Islam übergetreten war.

Eine andere wichtige Gruppierung mit abweichender Auffassung waren die Anhänger ‚Alîs, die sich mit der Zeit zur Schia entwickelten. „Schia“ ist eine Verkürzung von „Schî’at ‚Alî“, und das heißt nichts anderes als „Partei ‚Alîs“. Sie waren der Meinung, daß ‚Alî als erster männlicher Muslim und nächster Verwandter Mohammeds sofort zu seinem Nachfolger hätte bestimmt werden müssen. Außerdem entwickelten sie die Ansicht, daß nur ein Nachkomme ‚Alîs der rechtmäßige „Imâm“ der Muslime sein könne. „Imâm“ bedeutet in etwa „Vorsteher“ und bezeichnet nicht nur den, der dem Gebet „vorsteht“ (nämlich ganz konkret), sondern auch den „Vorsteher“ der Gemeinschaft der Muslime. Es ist in diesem Zusammenhang also zunächst nur ein anderes Wort für den Leiter der Gemeinschaft, der sonst als „Kalif“ bezeichnet wird.

Natürlich gab es auch noch andere Gruppen, die eigene Ansichten vertraten, aber darauf einzugehen würde hier zu weit führen. Wichtig ist eine weitere Gruppierung, die sich zunächst mit der entstehenden Schia gegen die Umayyaden zusammentat und diese im Jahr 750 stürzte. Die Anhänger dieser Bewegung vertraten die Auffassung, daß der Kalif ein Mann aus dem Clan des Propheten sein und auch über religiöse Autorität verfügen müsse. Beides traf auf die Umayyaden nicht zu. Deshalb unterstützten die Anhänger dieser Bewegung einen Anwärter aus der Nachkommenschaft des ‚Abbâs, der ein Onkel des Propheten Mohammed gewesen war. Sie setzten sich auch tatsächlich gegen die Umayyaden durch und den ersten Abbasidenkalifen auf den Thron. Wie unschwer zu erkennen ist, wurde die neue Dynastie nach ihrem Ahnen ‚Abbâs benannt. Als Sitz der Abbasiden wurde eine neue Stadt gegründet, die bald als Bagdad bekannt wurde. Natürlich hatten nicht nur religiöse Gründe zu dieser grundlegenden Wende geführt, sondern auch allerlei soziale und kulturelle Probleme, aber auch das würde hier zu weit führen.

Doch die Abbasiden schafften es auch nicht lange, ihr großes Reich als weltliche Herrscher und religiöse Autoritäten zusammenzuhalten. Bereits seit dem 9. Jahrhundert waren die Kalifen nicht mehr sonderlich mächtig, im 10. Jahrhundert wurde Bagdad von den schiitischen Bûyiden erobert, und der Kalif hatte nicht einmal mehr einen eigenen Wesir, geschweige denn Macht über seine Stadt. Auch in späteren Jahrhunderten gelang es den Abbasidenkalifen nicht, mehr als lokal begrenzte politische Bedeutung zu erlangen. Gerade das förderte aber die religiöse Autorität der Kalifen, denn sie wurden von den tatsächlichen Machthabern kaum noch als mögliche politische Gegner wahrgenommen und damit über die Streitigkeiten zwischen Herrschern emporgehoben. Dafür wurde ihr nach wie vor bestehender Anspruch, die religiösen Leiter der gesamten muslimischen Gemeinschaft zu sein, zumindest von den Sunniten umso ernster genommen. Es gab ja spätestens ab dem 10./11. Jahrhundert auch genügend Machthaber, die ihre Herrschaftsgebiete mit dem Schwert erobert hatten und nun darauf angewiesen waren, von ihren Untertanen als rechtmäßige Herrscher anerkannt zu werden. Hier half eine Anerkennung durch den abbasidischen Kalifen.

Zwischendurch eroberten die ismailitischen Schiiten im 10. Jahrhundert Ägypten und Syrien und begründeten dort das Gegenkalifat der Fatimiden. Sie stifteten durch ihre aktive Missionstätigkeit und militärische Unternehmungen eine Menge Unruhe im verbliebenen Geltungsbereich des Abbasidenkalifats, bis die Dynastie im 12. Jahrhundert ihr Ende fand. Das Kalifat, das die überlebenden Nachkommen der Umayyaden in Spanien errichteten, darf man natürlich auch nicht vergessen, doch es war weder allzu langlebig noch von weitreichendem Einfluß.

Das vorhin erwähnte Arrangement zwischen den Abbasidenkalifen und verschiedenen Eroberern, die von den Kalifen als rechtmäßige Herrscher anerkannt wurden, ging so lange einigermaßen gut, bis die Mongolen unter einem Enkel Dschingis Khans auf der Bildfläche erschienen. Sie waren keine Muslime und hatten entsprechend wenig Respekt vor dem religiösen Ansehen des Kalifen. Und da er sich ihnen widersetzte, ohne sich aber angemessen verteidigen zu können, fiel er im Jahr 1258 bei der mongolischen Eroberung Bagdads den Mongolen in die Hände und fand ein unschönes Ende.

Ein Flüchtling aus Bagdad tauchte einige Zeit später bei den Herrschern von Ägypten auf und behauptete, er sei ein überlebender Abbaside. Das kam den Ägyptern gerade recht. Sie setzten ihn als Kalifen ein und ließen ihn forthin ihre wechselnden Herrscher offiziell anerkennen. Da es weiterhin auch in anderen Regionen Herrscher gab, die eine solche Anerkennung nützlich fanden, ließen auch sie sich nun von dem abbasidischen „Schattenkalifen“ in Kairo eine Einsetzungsurkunde schicken.

Letzten Endes geriet Ägypten im Jahr 1517 unter die Herrschaft der Osmanen, und der osmanische Sultan kam bald auf die Idee, sich selbst zum Kalifen zu machen. Schließlich kontrollierte er den Zugang zu den beiden Zentren der Pilgerfahrt – Mekka und Medina – und konnte behaupten, der abbasidische „Schattenkalif“ in Ägypten habe ihm die Kalifenwürde übertragen.

Mit dem Ende der Osmanen endet demnach im Jahre 1924 die klassische Geschichte des Kalifats. Doch man darf sich nicht täuschen: Immer wieder und natürlich auch in der Gegenwart besannen und besinnen sich die verschiedensten regionalen Herrscher und muslimischen Gruppierungen auf die gute alte Zeit und damit auch auf das Kalifatskonzept. Es steht für den Anspruch auf die rechtmäßige politische und religiöse Herrschaft über alle Muslime und beschwört ein Ideal herauf, das es historisch nie gegeben hat (denn selbst in der Zeit der ersten vier Kalifen herrschte alles andere als Eintracht und eitel Sonnenschein). Das schmälert aber nicht die psychologische und ideologische Wirkung des Anspruchs.

Ach ja, für diejenigen von Ihnen, die bei dem Begriff „Kalif“ noch an die Geschichten aus 1001 Nacht denken: Hârûn ar-Raschîd war Abbaside. Und für alle anderen: Die Farbe der Abbasiden und ihrer Standarten war übrigens Schwarz.

Für einen Überblick über die Kalifen kann man sich diese Liste anschauen und von dort weiterklicken.

Quellen

Ausnahmsweise mal hauptsächlich mein Gedächtnis. 😉

Ein paar Daten habe ich zur Sicherheit hier nochmal nachgeschlagen:

Gerhard Endreß: Der Islam: Eine Einführung in seine Geschichte. 2., überarb. Auflage. München: Beck, 1991. (Zeittafel auf 191-246.)

Wesir der Seldschuken: Der Nezâm unter Alp Arslân Teil 2

Zur vierten Folge geht es hier.
Zur sechsten Folge geht es hier.

Alp Arslân war also durchaus selbst Herr über sein Reich und der Nezâm zwar ein mächtiger Mann, aber doch nur der Wesir. Wie schwierig aber die Abgrenzung zwischen den Aufgaben des Sultans und denen des Wesirs war, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt noch sehen. In jedem Fall hatte der Wesir die durchaus nicht immer einfache Aufgabe, den Herrscher vor unbedachten Entscheidungen zu bewahren. Und das konnte schon mal ausgesprochen unangenehm werden, wie der Nezâm bei der folgenden Gelegenheit erleben mußte:

Der Hof war wie so oft unterwegs auf einem Feldzug, und man nächtigte deshalb in Zelten. Eines abends betrank sich Alp Arslân so sehr, daß er nicht mehr klar denken konnte. In diesem Zustand befahl er, einen seiner Militärführer vorführen zu lassen, weil er ihm den Kopf abschlagen wolle. Das hielt der Nezâm für eine ausgesprochen unkluge Entscheidung, denn Alp Arslân hatte diesem Militärführer Sicherheit zugesagt – und das hieß, er durfte ihn nicht einfach töten, wollte er nicht sein Wort brechen. Zudem befürchtete der Nezâm einen Aufruhr unter den Soldaten, was auf einem Feldzug sehr gefährlich werden konnte. Daher versuchte er, Alp Arslân zur Vernunft zu bringen. Doch der sagte nur: „Ich will es so!“ und schlug dem Nezâm eine Waschschüssel ins Gesicht, die sich im Zelt befand. Sofort bildete sich ein Striemen auf seinem Gesicht.

Nach dieser handgreiflichen Demonstration der Fruchtlosigkeit vernünftiger Worte blieb dem Nezâm nichts anderes übrig, als ins Zelt der Châtûn, also der Gemahlin des Sultans, zu gehen und sie um Hilfe zu bitten: „Komm schnell, Châtûn, sonst wird das Heer vernichtet und einer wird über den anderen herfallen!“

Alp Arslâns Gemahlin ging also ins Zelt des Sultans, der sich über ihr Erscheinen wunderte. Sie aber sagte nur zu ihm: „Geh schlafen, du bist betrunken!“ Offenbar tat der Sultan das auch, und als die Châtûn ihm am nächsten Tag erklärte, was er gesagt und getan hatte und welche Folgen das hätte haben können, entgegnete er: „Bei Gott, ich weiß nichts mehr von alledem!“

Als er dann den Nezâm sah, fragte er: „Hasan, was ist das für ein Striemen in deinem Gesicht?“ Darauf der Nezâm: „O Sultan der Welt, das ist die Spur eines Ereignisses von gestern. Als ich das Zelt verließ, schlug mir eine Zeltstange ins Gesicht.“

(Diese Geschichte stammt aus Ibn al-‚Adîms Werk, S. 27-29.)

Bei Alp Arslân konnte also durchaus ein rauher Wind wehen – zumindest, wenn er betrunken war. Das machte er aber durch angenehmere Eigenschaften wieder wett. Beispielsweise haben uns schon seine Argumente gegen die Einrichtung eines Spionagesystems gezeigt, daß er sich nicht gern manipulieren ließ. Das kam dem Nezâm zugute, als man versuchte, ihn bei Alp Arslân anzuschwärzen. Jemand hatte dem Sultan ein anonymes Briefchen geschrieben, in dem er den Nezâm der Unterschlagung von Geldern beschuldigte. (Der Frage, inwieweit diese Beschuldigung berechtigt gewesen sein könnte, müssen wir ein anderes Mal nachgehen.) Nachdem wir erfahren haben, wie nervös üble Nachrede den Nezâm selbst dann machte, wenn sie völlig aus der Luft gegriffen war, stünde nun zu erwarten, daß dieses Briefchen üble Konsequenzen für den Nezâm hätte haben müssen.

Doch mitnichten! Alp Arslân gab das Briefchen an den Nezâm weiter und sagte: „Wenn wahr ist, was hier steht, dann bessere dich! Wenn es falsch ist, dann vergib demjenigen, der es geschrieben hat!“ Nach meiner Auffassung zeigt diese Reaktion zweierlei: Zum einen, daß Alp Arslân Verleumdung nicht schätzte und sich nicht gern auf diese Weise in eine bestimmte Richtung lenken lassen wollte, sondern vielmehr auf seiner eigenen Einschätzung bestand. Zum anderen, daß der Sultan seinem Wesir durchaus großes Vertrauen entgegenbrachte und ihn sehr zu schätzen wußte, so daß er ihm sogar eine mögliche Verfehlung durchgehen ließ – solange sie sich nicht wiederholte.

(Die Geschichte stammt aus dem Werk von Ibn al-Athîr, S. 75.)

Vielleicht war es auch ein Zeichen von des Sultans Vertrauen in den Wesir, daß er diesen mit anderen Aufgaben betraute, während er selbst im Jahr 1071 dem byzantinischen Kaiser Romanos Diogenes entgegenzog, der in Armenien eingefallen war. So kam es jedenfalls, daß der Nezâm bei der welthistorischen Schlacht von Malâzgird (oder: Mantzikert) zwischen Seldschuken und Byzantinern nicht anwesend war. Alp Arslân siegte und nahm sogar den byzantinischen Kaiser selbst gefangen. Mit dieser Schwächung von Byzanz brach auch die Zeit an, in der sich verstärkt Turkmenen in Kleinasien ansiedelten. Die Türkisierung der späteren Türkei hatte begonnen.

Bereits im Folgejahr 1072 treffen wir den Nezâm aber wieder an Alp Arslâns Seite an, und zwar an der entgegengesetzten Reichsgrenze, kurz bevor das seldschukische Heer den Amû Daryâ überqueren sollte. Dieses Mal ging es gegen die jenseits des Flusses herrschende türkische Dynastie der Qarâchâniden. Allein das Tempo, mit dem diese Feldzüge an den entgegengesetzten Außengrenzen des Reiches aufeinander folgten, zeigt die ungeheure Beweglichkeit der Seldschukensultane. Um ihr großes Reich fest in der Hand zu behalten und es möglichst noch zu vergrößern, zogen sie ständig darin umher.

Doch dieser Feldzug sollte Alp Arslân zum Verhängnis werden, und auch der Nezâm war nicht in der Lage, ihn vor den Folgen seiner letzten falschen Entscheidung zu bewahren. Der Tod des Sultans wirft noch einmal ein Schlaglicht auf seine Persönlichkeit. Um den Amû Daryâ nämlich sicher überqueren zu können, hatte Alp Arslân zunächst einige Festungen in der Umgebung erobert. Einer der Festungskommandanten wurde als Gefangener vor ihn gebracht, und Alp Arslân verurteilte ihn zum Tode. Darauf stürzte sich der Mann mit dem Dolch auf den Sultan. Alp Arslân war ein guter Bogenschütze und befahl seinen Wachen, sich nicht einzumischen. Er zielte mit einem Pfeil auf den Angreifer und schoß. Doch dieses Mal ging sein Schuß fehl, und der Gefangene verwundete Alp Arslân schwer. Es dauerte mehrere Tage, bis der Sultan mit etwa zweiundvierzig Jahren an seiner Wunde starb. Zu seinem Sohn und Nachfolger Malek-Schâh soll er gesagt haben, er habe alle Warnungen in den Wind geschlagen und sich von seiner Eitelkeit beherrschen lassen. Alp Arslân folgte eben seinem eigenen Kopf, im Guten wie im Schlechten. Am Ende kostete es ihn das Leben.

Nach dem Tod seines willensstarken Herrn änderte sich manches für den Nezâm. Immerhin gab es dieses Mal eine klare Nachfolgeregelung, die sich auch durchsetzen ließ – dank dem Nezâm. Denn Alp Arslâns Sohn und designierter Nachfolger Malek-Schâh war erst rund achtzehn Jahre alt, als sein Vater plötzlich starb. Und noch immer war es nicht selbstverständlich, daß ein junger Sohn Thronfolger sein sollte, wenn es ältere Familienmitglieder gab, die einen Anspruch anmelden konnten – wie zum Beispiel Malek-Schâhs Onkel Qâvord, der in Kermân herrschte und nun der älteste Mann des Seldschukenhauses war. Malek-Schâh war also noch jung und seine Stellung bedroht. Um sich auf dem Thron zu halten, hatte er daher Hilfe dringend nötig. Und für den Nezâm schlug die große Stunde: Nun wurde er von einem mächtigen zum mächtigsten Mann des Seldschukenreiches. Doch das ist eine eigene Geschichte für eine neue Folge.

Quellen

Susanne Kurz: „Der Hof des Nizâm al-Mulk“. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Tübingen, 2001.

Ibn al-‚Adîm, Kamâl ad-Dîn Abû l-Qâsim ‚Umar. Bughyat at-talab fî ta’rîch Halab: At-tarâdschim al-châssa bi-târîch as-Salâdschiqa. Hg. Ali Sevim. Ankara 1976.

Ibn al-Athîr: Al-Kâmil fi t-ta’rîch. Hg. C. J. Tornberg. 13 Bde. Leiden 1851-1876. 10. Bd. Nachdr. Bayrût 1386 H/1966.

Zugfahren in Mumbai (Gastbeitrag von Kira Schmidt Stiedenroth)

Mit seinen geschätzten über 20 Millionen Einwohnern ist Mumbai nicht nur die größte, sondern meiner Meinung nach auch eine der faszinierendsten Städte in Indien. Sie ist sowohl wirtschaftliches Zentrum wie auch kultureller Knotenpunkt. Die Filmindustrie “Bollywood” ist verantwortlich für die Träume von vielen Menschen in Indien, und darüber hinaus kommen unzählige Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben in die Stadt geströmt.

Jeder Taxifahrer und fast jeder junge Mensch scheint aus einem anderen Teil des Landes gekommen zu sein. Insbesondere auch junge Frauen aus Nord- und Südindien kommen für besser bezahlte Jobs und Freiheiten, die sie in ihrer Heimat nicht genießen können, in die Stadt.

Eine Freundin von mir hatte sich in ihrer Heimatstadt Lucknow immer Klamotten gekauft, die sie dort nicht tragen konnte. Sie ist dann mit drei riesigen Koffern nach Mumbai gezogen und hatte jeden Tag ein – meist westliches – Outfit zur Auswahl.

Es gibt keinen Ort, wo die Vielfalt der Einwohnerschaft Mumbais so deutlich zu beobachten ist wie im Zug. Die Frauenabteilung der lokalen Stadt-Bahnen sind kleine Orte, die sich stets in Bewegung befinden und wo sich Arm und Reich, Hindu und Muslim, Jung und Alt treffen.

Während meiner Feldforschung über Unani Medizin in Indien besuchte ich mehrmals die Woche einen Hakim in seiner Praxis in Kurla West, einem Vorort von Mumbai und weit entfernt von meiner Wohnung. Entsprechend oft war ich mit dem Zug unterwegs und habe einiges in diesen Zügen erlebt.

Einmal fuhr ich spät abends mit dem Zug, und der Waggon war leer bis auf einen Polizisten. Er saß zwei Reihen weiter vorne mit seinem lathi (Schlagstock) in der Hand. Ich habe mich nicht sicher gefühlt in seiner Anwesenheit. Ganz im Gegenteil: Ich hatte Angst. Er schaute immer wieder hin zu mir und wieder weg, dann stand er auf und stellte sich an die immer offene Tür…

… wo sich alle Menschen hinstellen, um etwas von der frischen Meeresbrise zu bekommen. Wo man sich hinstellt, wenn man sicher sein möchte, rechtzeitig aus dem Zug zu kommen, bevor sich andere Menschenmassen hereinzudrängen versuchen.

Das weiß man alles nicht, wenn man das erste Mal in Mumbai mit dem Zug fährt.

Als ich zum ersten Mal in den Zug stieg, saßen ein paar andere Frauen schon drin. Einige trugen Saris, einige Burqas, andere hatten Jeans und Bluse an. Eine hörte mit Kopfhörern Musik auf ihrem Handy. Ich nahm am Fenster Platz und stellte mich auf eine angenehme Fahrt ein. Weitere Frauen stiegen zu: Eine Gruppe von Dorffrauen mit Kindern, eine Verkäuferin mit einem riesigem Korb auf dem Kopf. Noch mehr Frauen in Saris und schwarzen Burqas. Die meisten aber mit bunten Shalwar-Qamiz. Frauen, die in Büros oder Geschäften arbeiten, oder als Putzfrauen. Studentinnen, Hausfrauen. Der Zug war nach fünf Minuten bereits so voll, dass die ersten Streitereien um die Plätze begannen. Die Frauen saßen auf heillos überfüllten Bänken. Man rutschte ein wenig, und es ging. Aber dann kam die nächste, und es wurde wieder gerutscht, gedrückt, gekämpft, bis ich letztendlich fast an der Wand zerquetscht wurde. Die Bereiche an den Türen waren mittlerweile auch voll, aber da die Türen niemals schließen, stiegen immer noch mehr Passagiere ein. Es ist wahrlich erstaunlich, wie viele Menschen in so einen Zugwaggon hineinpassen. Bei den Männern soll es angeblich noch schlimmer sein.

Der Zug fuhr endlich los. Die leichte Brise, die durch die Fenster und Türen hereinwehte, war wunderbar frisch, aber auch stickig. Sie roch nach Schweiß, Rosenwasser, Parfüm und Jasminblumen, die meine Sitznachbarin trug. Wie viele Frauen waren im Waggon? Fünfzig? Hundert? Ich weiß es nicht.

Die Stationen wurden nicht angesagt, und ich fragte die Frau neben mir, ob sie mir rechtzeitig vor Kurla bescheid sagen könne. Zum Glück musste sie eine Station später aussteigen. Sie lächelte und versprach mir, Bescheid zu sagen.

Die Zeit verging, und ob man es glauben wollte oder nicht: An jeder Haltestelle stiegen noch mehr Frauen ein. Nur wenige verließen den Zug. Die Atmosphäre war erdrückend…

Nach einer Weile sagte die Frau zu mir, dass die nächste Haltestelle Kurla sei. Ich sollte schon aufstehen, und sie riet mir, mich schon auf den Weg zur Tür zu machen und dabei lautstark “Kurla! Kurla!” zu schreien, sonst würde man mich nicht durchlassen.

Ich schrie und schrie, aber es machte keinen Unterschied. Niemand ließ mich durch. Ich drückte und versuchte, mir mit meiner Schulter den Weg frei zu machen, und als der Zug zu bremsen begann, hatte ich es tatsächlich fast bis zur Tür geschafft. Aber noch bevor der Zug zum Stehen gekommen war, fingen bereits (noch mehr!) Frauen an einzusteigen! Ich schrie weiter “Kurla, Kurla!!!”, aber konnte den Zug letztendlich nur verlassen, weil eine Frau hinter mir mich unsanft in den Rücken stieß.

Hinter mir stieg dann eine junge, zierliche Frau aus. Wir schauten uns an und lächelten beide. “Sie sind nicht von hier, stimmt’s?” fragte sie. “Nein” meinte ich und weiter: “Machen Sie das jeden Tag?” Sie wackelte mit dem Kopf, ein Lächeln im Gesicht.

Kira Schmidt Stiedenroth, MA, arbeitet als Ethnologin an der Ruhr-Universität Bochum in demselben DFG-Projekt wie die Blogbetreiberin.