3 Beispiele für die Haare auf den Zähnen des Dichters Dschâmî

Heute bekommen Sie nach Tod und Trauer zur Abwechslung wieder einmal etwas „Humoriges“ zu lesen. Dazu eignen sich die Anekdoten über den Gelehrten, Sûfî-Scheich und Dichter ʿAbd or-Rahmân-e Dschâmî ausgezeichnet – besonders in diesem Monat. Er ist nämlich im November gestorben (und laut Encyclopaedia Iranica auch geboren).

Eine Dschâmî-Anekdote, die ich immer wieder gern erzähle, ist dieses erste Beispiel für seine scharfzüngigen Repliken:

Ein Dichter trug vor Dschâmî ein Ghasel vor und sagte: „Ich möchte dieses Ghasel ans Stadttor hängen, damit es bekannt wird.“ Dschâmî sagte: „Woher sollen die Leute denn wissen, daß es dein Gedicht ist? Vielleicht sollte man dich daneben aufhängen?“ (S. 237)

Weil sie mir so gut gefällt und sie ohne weitere Erklärungen verständlich ist, habe ich sie auch schon einmal hier verwendet. Diese und die weiteren Anekdoten über Dschâmî sind übrigens sehr wahrscheinlich aus dem Leben gegriffen.

Ich habe sie nämlich aus der Anekdotensammlung des ʿAlî-ye Safî, und der war nicht nur ein jüngerer Zeitgenosse Dschâmîs, der im selben Ort und Umfeld lebte, sondern auch ein angeheirateter Verwandter des bekannten Dichters.

Wer war dieser Dschâmî überhaupt?

Rechts oben: Dschâmî-Statue an der Fassade der Tadschikischen Schriftstellerunion

Rechts oben: Dschâmî-Statue an der Fassade der Tadschikischen Schriftstellerunion

Nûr ed-Dîn ʿAbd or-Rahmân-e Dschâmî (1414-1492) ist im allgemeinen als der letzte große „Klassiker“ unter den zahlreichen weltberühmten persischen Dichtern bekannt.

Wie es zu dieser Beurteilung kam und ob sie nachvollziehbar ist, soll uns hier nicht weiter interessieren. Dazu gibt es nämlich eine eigene Forschungsdiskussion. Vielleicht nehme ich sie bei Gelegenheit an anderer Stelle einmal auf. Aber heute wollen wir vor allem ein bißchen Spaß haben.

Jedenfalls verbrachte Dschâmî einen großen Teil seines Lebens in der Stadt Herât im heutigen Afghanistan. Damals war sie Teil des Timuridenreiches, also des Reiches, das der Eroberer Tîmûr (auch bekannt als Tamerlan) errichtet hatte. Es war zwar bald in mehrere Teilreiche zerfallen, die aber von seinen Nachfahren beherrscht wurden. Das letzte dieser Teilreiche war das von Herât, das Anfang des 16. Jahrhunderts unterging.

Doch da war Dschâmî schon gestorben. Er ist zwar vor allem als Dichter bekannt, hatte aber in seiner Jugend sowohl in Herât als auch in Samarqand eine umfassende Bildung erhalten und in den meisten Wissensfeldern brilliert. Dabei soll er recht arrogant gewesen sein.

Erst als Dschâmî bereits in den Dreißigern war, wurde er auch noch zum Mystiker. Er trat in den Naqschbandiyya-Orden ein, der traditionell den Kontakt mit den Herrschern nicht scheute.

Das ist ein bißchen ungewöhnlich. Muslime, die es mit den religiösen Regeln sehr ernst nahmen, waren nämlich oft der Ansicht, daß die Herrschaft in der Regel nicht islamkonform ausgeübt wurde. So wurden, zum Beispiel, die Einnahmen eines Herrschers aus allen möglichen Steuern und Abgaben nicht als religionsgesetzlich erlaubter Lebensunterhalt betrachtet. Vor allem dann nicht, wenn diese Abgaben im religiösen Recht nicht vorgesehen waren.

Doch die Naqschbandîs unterhielten enge Beziehungen zu den Machthabern, und so wurde Dschâmî am Timuridenhof eingeführt. Als der berühmte letzte Timuridenherrscher von Herât, Soltân Hoseyn Mîrzâ (bekannt als Soltân Hoseyn-e Bâyqarâ, reg. 1470-1506), 1470 seine Herrschaft in Herât durchsetzte, war Dschâmî bereits ein bekannter Mann mit guten Beziehungen.

Statue des Mîr 'Alî-Schîr Navâ'î in Asghabat (Turkmenistan)

Statue des Mîr ʿAlî-Schîr Navâ’î in Ashghabat (Turkmenistan)

Eine dieser Beziehungen bestand zu Soltân Hoseyn Mîrzâs Vertrautem Mîr ʿAlî-Schîr Navâ’î, der das Osttürkische (auch: Turkî) als Literatursprache gewissermaßen „aus der Taufe“ hob.

Schließlich wurde Dschâmî zum maßgeblichen Vertreter des Naqschbandiyya-Ordens am Hof von Herât. Daneben schuf er Werke zu nahezu jeder bis dahin entwickelten poetischen Tradition in der persischen Dichtung.

Was aus heutiger Perspektive wie die Nachahmung berühmter Vorgänger aussieht, war wohl eine Art konservatives Unternehmen im wörtlichen Sinne: Dschâmî bemühte sich, dem Geist seiner Zeit entsprechend, all die großen Werke seiner Vorgänger durch sein Schaffen zu konservieren.

Auf seiner Pilgerreise nach Mekka in den Jahren 1472-1473 machte Dschâmî auch an verschiedenen Höfen Station und wurde sogar an den Hof des Osmanensultans eingeladen. Dieser Einladung kam er allerdings nicht nach.

So kam es, daß Dschâmî nicht nur zur Lokalprominenz von Herât zählte, sondern auch zahlreiche überregionale Verbindungen zu anderen Höfen pflegte. Sein breit gespanntes Netzwerk läßt sich unter anderem aus erhaltenen Briefen von und an Dschâmî entnehmen.

Die Haare auf Dschâmîs Zähnen

Wie wir schon in anderen Zusammenhängen gesehen haben, ist es nicht ungewöhnlich, wenn Dichter eine scharfe Zunge haben, die sie führen, wie ein Krieger sein Schwert. Das trifft auch auf Dschâmî zu, der seinen Ruf als hervorragender Dichter und Gelehrter wohl auch seiner gesellschaftlichen Stellung in Herât verdankte.

Diesen Ruf wußte er mit gnadenlosen Spitzen zu verteidigen, und seine herausragende Stellung scheint es für ihn unnötig gemacht zu haben, sich Sorgen über die Empfindlichkeiten seiner Mitmenschen zu machen. Hier das zweite Beispiel dafür, daß Dschâmî „Haare auf den Zähnen“ hatte:

Der Scheych ol-Eslâm von Herât, Moulânâ Seyf ed-Dîn Ahmad, hörte, daß Dschâmî nach dem Brauch des Krankenbesuches in das Haus eines Vertrauten des Soltan Hoseyn Mîrzâ gegangen sei und von seinen Speisen gegessen habe. Er sagte: „Seit Moulânâ ʿAbdorrahmân-e Dschâmî von den Speisen des Soundso zu sich genommen hat, haben wir (d.h.: ich, SK) den Islam aufgegeben.“ Das kam Dschâmî zu Ohren. Er sagte: „Seit er Scheych ol-Eslâm geworden ist, haben wir (d.h.: ich) den Islam aufgegeben.“ (S. 233)

Der Tadel des Scheych ol-Eslâm, daß Dschâmî von den Speisen der Mächtigen gegessen und sich damit religiös verunreinigt habe, läßt Dschâmî also völlig kalt. Der besondere Charme seiner Replik liegt aber in dem, was er damit indirekt zu verstehen gibt. Dschâmî hat seine Antwort nämlich genau so aufgebaut wie der Scheych ol-Eslâm. Damit drückt er folgendes aus: Die Person des Moulânâ Seyf ed-Dîn Ahmad wirkt sich auf das hohe religiöse Amt des Scheych ol-Eslâm ebenso aus wie nach dessen Meinung der Krankenbesuch bei einem Mächtigen sich auf Dschâmî auswirkt: religiös verunreinigend.

Dschâmî sagt also: „Wenn du glaubst, durch Kontakt mit XY werde meine religiöse Reputation gefährdet, so bin ich der
Ansicht, die Reputation des Amtes des Scheych ol-Eslâm wird durch den Kontakt mit dir gefährdet.“

Die Kritik an Dschâmî beruht übrigens genau auf der oben erwähnten Auffassung strenger Religionsgelehrter, der enge Umgang mit Herrschern sei aus religiöser Sicht bedenklich.

Nicht um religiös korrektes Verhalten, sondern erneut um Dichtung geht es im dritten Beispiel für Dschâmîs scharfe Zunge und seine „haarigen Zähne“:

Einer der Scheichssöhne der Stadt, der nicht frei von einer gewissen Dummheit war und den Anspruch erhob zu dichten und ein Dichter zu sein, hatte folgendes Ghasel Dschâmîs nachgeahmt:

„Da du so sehr in meiner verwundeten Seele und meinem wachen Auge bist,
Wer immer von Ferne ins Blickfeld kommt, bei dem meine ich, du bist es“

Nachdem er sein eigenes Ghasel fertig vorgetragen hatte, brachte er einen Einwand gegen den Eingangsvers Dschâmîs vor und sagte: „Ihr habt in diesem Eingangsvers geäußert: ‚Wer immer von Ferne ins Blickfeld kommt, ich meine, du bist es.‘ Es kann doch aber sein, daß ein Esel oder Rind ins Blickfeld kommt.“ Dschâmî sagte: „Ich meine, du bist es.“

[Kommentar von Safî:] Jener einfältige Scheichssohn hatte nicht einmal soviel verstanden, daß, genau wie im Arabischen das Wort für „wer“ in den meisten Fällen für verstandesbegabte Lebewesen gebraucht wird und das Wort für „was“ für nicht verstandesbegabte Lebewesen, auch im Persischen das Wort für „wer“ für verstandesbegabte Lebewesen gebraucht wird und das Wort für „was“ für nicht verstandesbegabte Lebewesen. Folglich hat „Wer immer ins Blickfeld kommt“ die Bedeutung: „Wer immer ins Blickfeld kommt von den Menschen“! (S. 237)

Wie Sie sehen hat es mir in diesem Fall der Verfasser der Anekdotensammlung abgenommen, die Pointe zu erläutern. Mehr ist dazu wohl nicht zu sagen. Ich hoffe, Sie haben sich ein bißchen amüsiert!

Quelle

Fachr od-Dîn ‘Alî-ye Safî b. Hoseyn Vâ’ez-e Kâschefî: Latâ’ef ot-tavâ’ef. Hrsg. v. Ahmad-e Goltschîn-e Ma’ânî. 4. Aufl. Tehrân: Eqbâl, 1362 sch./1983.

Literatur

Susanne Kurz: „Eine biographische Hintertreppe? Das Nachleben bekannter Gelehrter in persischen humoristischen Anekdoten“. In: Differenz und Dynamik im Islam. Festschrift für Heinz Halm zum 70. Geburtstag/Difference and Dynamism in Islam. Festschrift for Heinz Halm on his 70th birthday. Hg. v. Hinrich Biesterfeldt und Verena Klemm unter Mitarbeit von Beate Backe und Martin Jagonak. Würzburg: Ergon-Verlag, 2012. 433-451.

Losensky, Paul: „Jāmī i. Life and Works‘“. Encyclopaedia Iranica. Online abrufbar unter: http://www.iranica.com/articles/jami-i (zuletzt aufgerufen am 05.11.2016).

Bildnachweis

Beitragsbild (Miniatur aus der Handschrift eines Werkes von Dschâmî):
Quelle: Wikimedia Commons
gemeinfrei

Bild der Dschâmî-Statue an der Fassade:
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: Soman
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

Bild der Statue des Mîr ʿAlî-Schîr Navâ’î:
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: ILMur
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

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7 Kommentare

  1. Pingback: [Persophonie] 3 Beispiele für die Haare auf der Zunge des Dichters Dschâmî – #Iran

    • Uuups, da ist mir tatsächlich die Redensart verrutscht! Richtig, die Haare hat man auf den Zähnen. ☺ Muß ich dann gleich mal korrigieren… ????

      • Sehr schön.. ich hätte / hatte mich eigentlich gar nicht gewundert, da es ja nun in den verschiedenen Sprachen unterschiedliche Bilder gibt… habe es also nicht für eine Verwechselung gehalten 🙂

        • Na ja, zu viele Sprachen führen eben manchmal auch zu Verwirrung. Hab’s korrigiert und gleich noch einen Tippfehler unter dem einen Bild gefunden. Jetzt sollte aber endlich alles stimmen.

          • Schade, das wäre ja eine schöne interkulturelle Episode geworden 🙂 Nein, aber der Beitrag und die Beispiele sprechen für sich.

  2. Pingback: „Skinheads“ und biedere Bürger – gegensätzliche Modelle des Sufilebens | Persophonie: Kultur-Geschichte

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