Warum gibt es so viele Schreibweisen für orientalische Namen? – Teil 2


Zweiter Teil der Antwort: Die Aussprache in verschiedenen Sprachen

Im Persischen und Türkischen werden viele Laute anders ausgesprochen als im Arabischen – auch in arabischen Namen und Wörtern. Wenn wir bei „Muhammad“ (محمّد) bleiben, dann entspricht das eben monierte deutsche „h“ ziemlich genau der persischen Aussprache. Die verzichtet nämlich auf das stärker behauchte arabische „h“. „Mohammad“ gibt also recht exakt die persische Aussprache des Namens wieder.

Auch der normalerweise als „gh“ dargestellte Laut (غ) klingt im Persischen völlig anders als im Arabischen – und zwar genauso wie der Laut, den wir in der Umschrift normalerweise mit „q“ – nicht „qu“! – wiedergeben (ق) . Dagegen ist dieses „q“ im Arabischen ein weit hinten am Gaumensegel gesprochenes „k“. Außerdem gibt es noch eine Reihe von „th“- und „d“-Lauten, die im Persischen (und manchmal auch im gesprochenen Arabisch) als stimmhaftes oder stimmloses „s“ geprochen werden. So bekommt man für einen arabischen Namen wie Abu l-Fadl (ابو الفضل) im Persischen die Aussprache Abo l-Fazl – wobei das „z“ für ein stimmhaftes „s“ steht.

Doch kehren wir zurück zu unserem Beispielnamen „Muhammad“! Im Türkischen wird stattdessen  meistens die Form „Mehmet“ verwendet. Das ist eine Art Abkürzung. Gleichzeitig zeigen sich in dieser Namensform aber auch Besonderheiten der türkischen Aussprache.

Wenn man „Muhammad“ auf zwei Silben verkürzen würde, dann bekäme man „Muhmad“. Aber kurze helle „a“s aus dem Arabischen und Persischen werden auf türkisch meist als „ä“ gesprochen, und das schreibt man in der türkischen Lateinschrift als „e“. Damit hätten wir „Muhmed“. Nun werden im Türkischen die Vokale aber in aufeinanderfolgenden Silben nicht beliebig kombiniert. Das „u“ wird deshalb dem „e“ angeglichen: „Mehmed“. Und weil Konsonanten am Wortende hart ausgesprochen werden, schreibt man das „d“ in der türkischen Lateinschrift nach der Aussprache als „t“ (das „b“ übrigens auch als „p“): „Mehmet“.

Würde man den Namen so schreiben, wie er in Iran heutzutage beim schnellen Sprechen klingt, dann käme dabei übrigens so etwas wie „Mammad“ heraus. 😉

„Schön und gut“, werden Sie jetzt denken, „aber wenn die Unterschiede in der Schreibweise vor allem mit der Aussprache in den verschiedenen Sprachen zu tun haben, wieso wird dann ein arabischer Name wie Gaddafi so unterschiedlich geschrieben?“ Das läßt sich beantworten, wenn man weiß, wie solche Schreibweisen entstehen: durch unterschiedliche Arten von Umschrift.

Dritter Teil der Antwort: Die verschiedenen Arten der Umschrift

Mit der Zeit haben die Europäer nämlich auf Grundlage der Ausspracheregeln ihrer jeweiligen Muttersprache ganz unterschiedliche Arten von Umschrift entwickelt. Das gilt für die Wissenschaft, aber noch mehr für die Verwaltung und Presse. So verwenden die Franzosen eine andere Umschrift als die Engländer, und die deutsche Umschrift unterscheidet sich von beiden.

Da in den arabischen Ländern und Iran aus historischen Gründen der Einfluß des Französischen und Englischen besonders stark war und ist, wird in diesen Ländern für internationale Ausweispapiere wie Pässe und für andere Schriftstücke in Lateinschrift eine im Französischen oder Englischen übliche Umschrift verwendet oder eine Mischung aus beiden. So kommen dann in der Lateinschrift sehr unterschiedliche Schreibweisen für ein und denselben Namen zustande – je nachdem, welche Landessprache und Aussprache zugrunde liegt und nach welcher europäischen Sprache man sich bei der Umschrift gerichtet hat.

Mit diesen im Heimatland einmal eingetragenen „Paßnamen“ laufen die Namensträger meist den Rest ihres Lebens herum, auch wenn sie mittlerweile in einem europäischen Land leben, in dem die im Paß verwendete Umschrift grundsätzlich falsch ausgesprochen wird. Das betrifft Deutschland in besonderem Maße, weil hier kaum jemand etwas mit der englischen und französischen Umschrift anfangen kann. Manchmal würde eine Anpassung an deutsche Schreibgewohnheiten also helfen.

Ein gutes Beispiel ist der Name des aktuellen Präsidenten der Islamischen Republik Iran, Hassan Ruhani (حسن روحانی). So müßte man den Namen schreiben, wenn man wollte, daß ihn jeder deutsche Leser sofort richtig aussprechen kann. Aber da „u“ in den übrigen europäischen Sprachen eben oft nicht als „u“ ausgesprochen wird, verdeutlicht man die Aussprache, indem man stattdessen „ou“ schreibt.

Namen an die deutsche Schreibweise anzupassen, ist aber schwierig, weil man in Deutschland eine eindeutige Schrift mit klaren Regeln gewohnt ist. Schon wenn jemand einen Bindestrich im Namen hinzufügt oder wegfallen läßt, handelt es sich für eine deutsche Behörde nicht mehr um denselben Namen. An das Austauschen von Buchstaben zwecks Erleichterung der korrekten Aussprache ist da gar nicht zu denken, will man nicht eine Namensänderung beantragen (was manche tun).

Dann gibt es noch das Problem der nicht existierenden Laute, die deshalb mal so, mal anders umschrieben werden. Dieses Phänomen ist für die verschiedenen Schreibweisen des Namens (al-)Gaddafi (القذافی) verantwortlich. Der Name enthält nämlich gleich zwei bei uns nicht existierende Laute: „q“ und „dh“. Eigentlich müßte man den Namen „Qadhdhafi“ schreiben. Aber weil wir das „q“ gar nicht kennen und das „dh“ (wie in englisch „this“) nur aus dem Englischen, hat man es eben vereinfacht. Kann sein, daß das sogar der üblichen libyschen Aussprache nahekommt. Genau weiß ich das nicht, denn so gut kenne ich mich mit Libyen nicht aus. 🙂

Daß der Name aber in den Medien in unterschiedlicher Schreibweise auftaucht – ebenso wie manche anderen Namen – zeigt nur die allgemeine Verunsicherung der Journalisten. Diese haben ja meistens keinen Schimmer von den Herkunftssprachen und interessieren sich selten dafür, Namen korrekt auszusprechen. (Ich habe mal irgendwo gelesen, letzteres sei eine Eigenart der deutschen Medienkultur.) Manchmal kann man an der Schreibweise sogar erkennen, aus welcher Sprache (Englisch oder Französisch) die Meldung übernommen wurde. 😉 In den letzten Jahren ist die Vereinheitlichung allerdings vorangeschritten, und auch mit der Aussprache scheint man sich jetzt mehr Mühe zu geben als noch vor fünfzehn Jahren.

Ein häufiges Problem: Das „kh“ am Namensanfang

Ein recht verbreitetes Problem kann man gut an dem Namen „Khatami“ (خاتمی) erklären: Ein Laut existiert in der Zielsprache zwar, aber nicht an derselben Stelle im Wort. Erinnern Sie sich, daß ich unseren Laut „ch“ im Wort „Dach“ erwähnt habe? An dieser Stelle, nämlich am Wortende, aber auch im Wortinneren wie bei „lachen“ kennen wir diesen Laut durchaus. Nur am Wortanfang verwenden wir ihn nicht. Genau dort kommt er aber in vielen arabischen Namen vor.

Engländer und Franzosen schreiben diesen Laut „kh“. Da wir im Deutschen aber mit „kh“ nichts anfangen können, sprechen die meisten Leute „kh“ automatisch als „k“ aus. Das klingt für den Namensträger manchmal geradezu beleidigend. Da es den Laut „k“ nämlich im Arabischen und Persischen auch gibt, kann es passieren, daß die falsche Aussprache den Namen in ein ganz anderes, wenn man Pech hat unflätiges Wort verwandelt. Stellen Sie sich einfach mal vor, Sie heißen „Heise“ oder „Ersch“, leben aber in einem Land, in dem Sie täglich mit „Herr Scheiße“ oder „Frau Arsch“ angeredet werden. So kann das wirken.

Herr „Khatami“ müßte auf deutsch also eigentlich Herr „Chatami“ sein. Dumm nur, daß wir das intuitiv als „Schatami“ oder einfach mit dem falschen „ch“ aussprechen würden. Wir müßten uns also merken, in arabischen und persischen Namen das „ch“ am Anfang genau so auszusprechen wie in „Dach“. Oder wir merken uns gleich, daß orientalische Namen mit „Kh“ am Anfang so auszusprechen sind. Mir scheint aber, daß sich in letzter Zeit schon viele Menschen, zum Beispiel in Arztpraxen, mehr Mühe geben und besser hinhören, wie man solche Namen ausspricht. Das ist sicher die einfachste Möglichkeit, einem Menschen mit der richtigen Aussprache seines Namens eine Freude zu machen: einfach zuhören, wenn er sich vorstellt.

Praktische Liste zur richtigen Aussprache

Für alle, die gern einen Überblick bekommen wollen, habe ich eine Liste zusammengestellt. Vielleicht wollen Sie ja mal die Nachrichtensprecher kontrollieren. 😉 Natürlich wäre zu dem Thema noch viel mehr zu sagen, zum Beispiel zu den Vokalen und zur Betonung. Aber für heute soll es genug sein. 🙂

Arabisch, Persisch, Türkisch: z (ز) => stimmhaftes „s“ (Persisch: auch ظ – ض – ذ)

Arabisch, Persisch, Türkisch: r (ر) => gerolltes Zungen-r, im Persischen und Türkischen weniger stark gerollt als im Arabischen

Arabisch, Persisch, Türkisch: s (س ـ ص) => scharfes „s“ (Persisch: auch ث), in türkischen Namen manchmal auch anstelle von ş, dann Aussprache als „sch“

Arabisch, Persisch: kh (خ) => „ch“ wie in „Dach“ oder „lachen“, auch am Wortanfang

Arabisch, Persisch: sh (ش) => „sch“

Arabisch, Persisch: j (ج) => stimmhaftes „dsch“ wie in „John“ ( bei französischer Umschrift auch weiches „sch“ wie in französisch „Jean“, bei eingedeutschter Schreibweise auch wie deutsches „j“)

Arabisch, Persisch: dj (ج) => stimmhaftes „dsch“ wie in „John“

Arabisch, Persisch: y oder j (ی) => deutsches „j“

Arabisch: th (ث) => wie „th“ in englisch „thing“

Arabisch: dh (ذ – ظ) => wie „th“ in englisch „this“

Arabisch: gh (غ) => Reibelaut wie das deutsche, nicht gerollte „r“

Arabisch: (ق) => hinten am Gaumensegel gesprochenes „k“

Persisch: gh/q (غ – ق) => Laut zwischen dem Arabischen gh und dem Arabischen q

Persisch: zh (ژ) => weiches „sch“ wie in französisch „Jean“ (manchmal auch mit „j“ geschrieben)

Persisch: ch (چ) => stimmloses „tsch“ (in französischer Umschrift auch für „sch“ verwendet)

Türkisch: j => weiches „sch“ wie in französisch „Jean“

Türkisch: c => stimmhaftes „dsch“ wie in „John“, manchmal auch anstelle von ҫ, dann Aussprache als „tsch“

Türkisch: g => zwischen hellen Vokalen fließender Übergang ähnlich wie deutsches „j“ (Bsp.: degil => „dejil“), zwischen dunklen Vokalen Verlängerung des vorhergehenden Vokals (Bsp.: oglu => „oolu“)

Viel Spaß beim Ausprobieren! 🙂

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3 Kommentare zu „Warum gibt es so viele Schreibweisen für orientalische Namen? – Teil 2“

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag 🙂 Besonders den Vergleich von persischer und arabischer Aussprache finde ich spannend, aber auch die ganzen Aussprachebeispiele. Ich hoffe, ich kann mir das merken. Und ich hoffe, dass ich bisher nie jemanden aus Versehen mit „Herr Arsch“ oder etwas Vergleichbarem angesprochen habe…

    Danke auch fürs Ergänzen der arabischen Schrift!

    1. Gern geschehen! 🙂

      Ich kenne tatsächlich jemanden, der eine Namensänderung beantragt hat (also: eine andere Schreibweise seines Namens), weil er die übliche deutsche Aussprache nicht mehr hören konnte. Die klang auf persisch auch wirklich obszön. 😉

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