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Aktenzeichen XY…ungelöst – Der Mord an Nezâm ol-Molk revisited (Teil 2)

Im ersten Teil dieses Beitrags haben wir uns mit den Tatverdächtigen für den Mord an Nezâm ol-Molk und ihren Motiven vertraut gemacht. In Frage kommen:

  • die Assassinen, deren Burgen zum Mordzeitpunkt von den Truppen des Sultans belagert wurden,
  • der Nachfolger des Nezâm Tâdsch ol-Molk, den der alte Wesir beim weiteren Aufstieg behinderte,
  • die Sultansgattin Terken Châtûn, die ihren Sohn als Thronfolger gegen den vom Nezâm unterstützten Favoriten des Sultans durchsetzen wollte
  • und schließlich der Sultan selbst, dessen Plänen gegen das Kalifat sich der Wesir widersetzte.

Wir haben auch zwei der Mord-Theorien unter die Lupe genommen und festgestellt, daß die Hinweise in unseren Quellen die Assassinen und Tâdsch ol-Molk am verdächtigsten erscheinen lassen.

Die Assassinen sind besonders verdächtig, weil einige unserer Quellen angeben, daß sie diesen Mord in ihren eigenen Aufzeichnungen für sich reklamiert hätten. Tâdsch ol-Molk wiederum war derjenige, der am meisten zu gewinnen hatte und von der Nizâmiyya-Truppe, also der persönlichen Wache des Nezâm für den Schuldigen gehalten wurde.

Da Tâdsch ol-Molk außerdem ein Günstling der Sultansgattin Terken Châtûn war, liegt es nahe, eine Verschwörung dieser beiden anzunehmen.

Ein Komplott von Tâdsch ol-Molk und Terken Châtûn – Theorie 3

Tâdsch ol-Molk ist einer der Hauptverdächtigen, und manche Quellen unterstellen ihm Kontakte zu den Assassinen oder sogar einen Treueschwur gegenüber Hasan-e Sabbâh. Das mag falsch sein, doch wenn es solche Kontakte gab, so hätten sie die beiden verdächtigsten Parteien miteinander verbunden.

Auch die Sultansgattin hatte ein Motiv, dem Nezâm den Tod zu wünschen. Außerdem hatte sie Tâdsch ol-Molk in ihre Dienste genommen, und es hätte ihren Einfluß noch erhöht, wenn ihr Günstling zum Wesir des Sultans aufgestiegen wäre. Daher könnte es durchaus sein, daß sie sich seine Ambitionen und seine potentiellen Kontakte zu den Assassinen zunutze machte und sich in einem Mordkomplott mit ihm verbündete.

Für Tâdsch ol-Molk wiederum wäre die mächtige Sultansgatting als Verbündete eine Absicherung gewesen, sollten seine Machenschaften aufgedeckt werden. Ihre eigene Beteiligung wäre Anlaß genug gewesen, ihn gegen etwaige rachsüchtige Verwandte und Anhänger des Nezâm in Schutz zu nehmen – und womöglich gegen das Mißfallen des Sultans.

Ob überhaupt mit echtem Mißfallen des Sultans zu rechnen war, ist jedoch fraglich, hatte er doch selbst ein Motiv, den Nezâm beseitigen zu lassen.

Grabmal des Nezâm ol-Molk in Esfahân

Theorie 4: Terken Châtûn und Tâdsch ol-Molk beauftragten den Mord mit Billigung des Sultans

Die Vermutung, der Sultan könne an der Ermordung des Nezâm beteiligt gewesen sein, beruht im wesentlichen auf Quellenberichten über wiederholte Auseinandersetzungen zwischen Sultan und Wesir. Diese und der Umstand, daß der Sultan Anschuldigungen gegen den Nezâm nur zu gern sein Ohr lieh, deuten darauf hin, daß Malek-Schâh der Macht des Wesirs langsam überdrüssig wurde.

Dennoch ist er derjenige, dem ein Mord am wenigsten notwendig erschienen sein dürfte. Und wenn er den Wesir zu diesem Zeitpunkt wirklich dringend beseitigen wollte, es aber zu riskant fand, ihn abzusetzen, so ist es zumindest wahrscheinlich, daß er nicht als treibende Kraft hinter einem Mord erkannt werden wollte.

Zudem hätten die Assassinen, sofern sie denn beteiligt waren, vermutlich ungern die Wünsche des Sultans erfüllt, der ihre Burgen belagerte. Malek-Schâh wäre daher erheblich verdächtiger, hätte er seine Truppen kurz vor der Tat von den Burgen der Assassinen abgezogen.

Natürlich ist nicht sicher, daß die Assassinen überhaupt etwas mit dem Mord zu tun hatten, wie wir bereits im ersten Teil dieser „Morduntersuchung“ besprochen haben.

Dennoch scheint es plausibler, davon auszugehen, daß Malek-Schâh allenfalls Kenntnis von den Mordplänen hatte und sie nur stillschweigend billigte.

Auf diese Weise hätte er nicht kompromittiert werden und die Unterstützung der Anhänger des Nezâm verlieren können. Und diese Anhänger befanden sich nicht nur an den Schaltstellen der Macht in der Verwaltung, sondern auch unter den Truppen des Sultans. Sie hatten also durchaus Gewicht.

Aber wer weiß: Vielleicht ist der Ursprung der Idee, daß der Sultan in irgendeiner Weise beteiligt war, auch nur auf Äußerungen seines Mißfallen über den Wesir zurückzuführen, die wie bei Heinrich II. von England und dem Erzbischof von Canterbury Thomas Becket vom nächsten Umfeld mißverstanden wurden?

Die nächste interessante Frage, die sich hier anschließt, ist übrigens: Wurde Malek-Schâh ermordet und wenn ja, von wem?

Fazit

Wie es in der Wissenschaft häufig und in Mordermittlungen hoffentlich nur gelegentlich vorkommt, ist das Ergebnis unserer Überlegungen jedenfalls einmal mehr: Nichts Genaues weiß man nicht.

Sie können sich also aussuchen, welche Theorie Ihnen am plausibelsten erscheint. Ich persönlich bin unentschieden zwischen Tâdsch ol-Molk als treibende Kraft mit oder ohne Hilfe der Assassinen und im Alleingang oder einem Bündnis mit Terken Châtûn mit oder ohne Billigung des Sultans.

Welche Theorie ist Ihr Favorit?

Literatur

Carole Hillenbrand: „1092: A murderous year“. In: Proceedings of the 14th Congress of the Union Européenne des Arabisants et Islamisants – Budapest, 29th August-3rd September 1988. Part 2. Ed. by Alexander Fodor. Budapest 1995. (The Arabist, Budapest Studies in Arabic, 15-16). 281-296.

Bildnachweis

Beitragsbild: Der Mord an Nezâm ol-Molk
Quelle: Wikimedia Commons
gemeinfrei

Grabmal des Nezâm:
eigenes Bild

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