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Männlich, weiblich, drittes Geschlecht? Hijras am Mogulhof

In der Bollywood-Serie Jodha Akbar sind sie sehr präsent: Hoshiyar Khan (Ashok Devaliya) und Resham Khan (Manoj Singh), die beiden „Eunuchen“ in Akbars Harem. In der Serie werden sie als extrem loyal gegenüber ihren Herrinnen (Ruqaiya Begum und Mâham Anga) dargestellt: sie teilen deren Geheimnisse und greifen auch bei Palastintrigen in das Geschehen am Hofe ein.

Hijra oder Khwaja saras?

Diese Darstellung kommt wohl auch der Realität des Mogulhofes sehr nahe. Das Wort Eunuchen habe ich oben erst einmal in Anführungszeichen gesetzt, weil es eben nicht immer zutreffend ist. Der Urdu-Ausdruck lautet hijra – das Wort stammt aus dem Arabischen und hat die Bedeutungen „auswandern“, „mit jemandem/etwas brechen“   „verstoßen“. Hijra wurde bei der Übersetzung historischer Texte fast immer mit Eunuch übersetzt, gelegentlich auch mit Hermaphrodit. Der Begriff hijra kennzeichnet heutzutage in indischen Medien oder wissenschaftlichen Texten sowohl Eunuchen als auch Transsexuelle und Intersexuelle. Ein anderer Begriff ist koti, wörtlich „unmännlich“ oder – eher negativ – „weibisch“.

Die Gemeinschaft der hijras zieht es vor, als khwaja sara bezeichnet zu werden. Der Begriff  kenntzeichnete den obersten Eunuch am Mogulhof und war mehr als ein Titel als eine Bezeichnung. Ich verwende hier in diesem Blogbeitrag beide Bezeichnungen – ohne jedoch eine Wertung vorzunehmen.

Hijras sind zumeist mit vorwiegend männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, kleiden sich aber weiblich (mit Sari oder salwar qameez). Einige von ihnen unterziehen sich bereits in ihrer Kindheit oder Jugend einer Vollkastration – das heißt: einer kompletten Entfernung der männlichen Genitalien. Diese Operation ist als nirwan bekannt.

Auf die Organisation der hijras in ihren Gemeinschaften soll hier nicht eingegangen werden. Interessant aus islamwissenschaftlicher Perspektive ist, dass die meisten khwaja saras sich als Muslime betrachten. Sie halten sich an die fünf Säulen des Islam, beispielsweise führen sie auch die Pilgerfahrt nach Mekka (hajj) durch. In Delhi (Mehrauli) gibt es einen Sufi-Schrein (Hijron ka Khanqah), an dem Miyan Saheb von den hijras verehrt wird. Unbestreitbar ist, dass die khwaja saras auch hinduistische Rituale praktizieren.

Im Mogulharem

Am Mogulhof hatten die khwaja saras unter anderem die Aufgabe, im Harem die weiblichen Verwandten, Sklavinnen und Dienerinnen des Mogulherrschers zu beaufsichtigen. Sie eigneten sich besonders gut, weil es keinem Mann außer dem Kaiser gestattet war, den Harem zu betreten.

Doch wie wurde man khwaja sara am Mogulhof? Das Schicksal eines khwaja saras am Hof Schâh Dschahâns gibt uns Auskunft darüber: I’tibâr Khân wurde als Junge geboren, von seinen Eltern an eine hijra Gemeinschaft verkauft und dort der Operation nirwan unterzogen. Er erlangte großen Einfluss als Vertrauter von Shâh Dschahâns Sohn Aurangzeb (st. 1707 ). Als Schâh Dschahân seinen Vater entmachten und einkerkern ließ, bewachte I’tibâr Khân den ehemaligen Herrscher und gab regelmäßige Berichte an Aurangzeb. Im übrigen litt I’tibâr Khân jedoch darunter, zum hijra gemacht worden zu sein – er ließ seine Eltern, die ihn einst in die Sklaverei verkauften, auspeitschen, als sie ihren Sohn in Agra besuchten.

Schâh Dschahân hatte den berühmten Khwaja sara Firoz Khân als obersten Haremswächter beschäftigt, doch es gab auch khwaja saras, die einen Rang in der Verwaltung oder im Militär bekleideten.

Europäer, die den Mogulhof besuchten, waren gegenüber khwaja saras eher negativ eingestellt. Der berühmte Reisende Niccolo Manucci (st. 1717),  der sich am Hof Schâh Dschahâns und Aurangzebs aufhielt, beichnete khwaja saras als „eine Art von Tier“ . Sie seien gierig nach Gold und feiner Kleidung und zudem äußerst arrogant.

Die negative Haltung der Europäer gegenüber khwaja saras setzte sich in der Kolonialzeit fort, als sie von den Briten als Kriminelle eingestuft.

Den Status, den die khwaja saras unter den Moguln genossen, erlangten sie zu ihrem eigenen Bedauern bislang nicht wieder. Ihre Gemeinschaft zeigt die kulturelle, religiöse Vielfalt Indiens, die sich auch auf Konzepte von Körper und Sexualität bezog.

Beitragsbild: „Hijra and Companions in Eastern Bengal (ca. 1865)“ – Das Bild unterliegt der Wikimedia Commons License.

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